Die pharaonische Schreckensherrschaft

Aus dem Inhalt:

  • Früheste Zeugnisse der Eroberung Ägyptens
  • Die Narmer-Palette – Das Dokument eines brutalen Massakers
  • Grabfunde zeugen von einem grau­sigen Blutbad
  • Die geschönte ›Reichseinigung‹
  • Eine machtvolle Verwal­tung zur Unterdrückung und Ausbeutung des Volkes wurde not­wendig
  • Das Alte Reich endet im Chaos und schlus­sendlich im Zusam­menbruch
  • Ägypten wird zum Aggressor der damaligen Welt
  • Das kriegerische Pharaonentum und die Konstruktion von Feindbildern
  • Leben im totalitären Gottesstaat
  • Grausame Wirklichkeit und beschönigende Chimären

 

Der Ethnologe K. E. Müller behauptet in Anbetracht der Gräuel, die Männer in aller Welt verübt haben und immer noch verüben, geradezu Aberwitziges (›Die bessere und die schlechtere Hälfte‹ 1984, S. 297):

»Die Männer nehmen in der Welt den führenden Rang ein. Ihre Physis, ihre überlegene Geistigkeit, ihre Reinheit und moralische Disziplin prädestinieren sie dazu. Die Götter selbst haben sie zu ihren Repräsentanten und Sachwaltern hienieden bestellt; die bestehende Ordnung entspricht ihren Schöpfungsabsichten.«

 

Früheste Zeugnisse der Eroberung Ägyptens:

Dazu gehören: Das Bild eines brutalen Überfalls in Oberägypten: s. ›Das irritierende Wandbild von Hierakonpolis‹
Der Kampf auf dem Messer von Gebel el-Arak: s.Die indoeuropäischen Eroberer aus dem Norden‹
Die Ermordung der Königinnen beim Tod der Könige der 1. Dynastie s. ›Sati‹
Das Erschlagen der Feinde und die hier beschriebene Narmer-Palette

Alle diese Zeugnisse stammen aus der Zeit des Umsturzes, vor der Errichtung der 1. Dynastie. 

Die Narmer-Palette – Das Dokument eines brutalen Massakers

Narmer-PaletteNarmer-Palette (Ägyptisches Museum Kairo, nach Walter B. Emery ›Ägypten – Geschichte und Kultur der Frühzeit‹ 1964, Abb. 42 a + b)

»Das älteste Zeugnis eines Zusammenstoßes zwischen Ägypten und Asien in dynastischer Zeit ist die Narmer-Palette – mit dem Beginn der dynastischen Geschichte mehren sich die Darstellungen von Asiaten als ›Fremde in Ägypten« (Raphael Giveon, ›Lexikon der Ägyptologie‹, LÄ, I, S. 462 f.).

Auf der einen Seite der Palette (sagen wir auf der Vorderseite) wird der Tri­umphzug des Häuptlings dargestellt. Vor ihm liegen die Leichen der Unterägypter, die entmannt wurden und denen die ab­gehackten Köpfe säuberlich zwischen die Beine gelegt wurden. Das lässt keinen Zweifel, diesem Sieg Narmers ging ein Massaker an der ägyptischen Bevölkerung vor­aus.
Auffallend sind auf dieser Seite die beiden Löwinnen mit den überlangen Hälsen, die eingefangen werden. Beide Tiere sind Sinnbilder der Macht und mütterlichen Kraft der weiblichen Großkatzen, Symboltieren der Göttin. Und auffallend ist auch, dass wir hier zum ersten Mal einen Stier sehen, das Krafttier männlicher Macht und Potenz, wie er einen Ägypter verfolgt. Bisher wurde die Kuh kultisch verehrt, sie war eines der wichtigsten mütterlichen Symboltiere der Göttin. Gerade die Bukranien, z.B. an der Umrandung des Grabes der Königin Schlange Wadjet/Uaset, das einem König Schlange zugeordnet wurde, werden immer wieder als Stierhörner gedeutet, jedoch sind sie Symbole der Gebärmutter. Der Stier als Symboltier männlicher Macht und Potenz, erhielt erst spät, erst mit der Entdeckung der biologischen Vaterschaft, einen Sinn. Auf der Narmer-Palette wird der brutale Einzug patriarchaler, brutaler Eroberer in Ägypten bezeugt.
Ebenso grausam sind die Darstellungen auf der anderen Seite der Palette. Hier er­schlägt der König mit seiner Keule einen vor ihm zusammengesunke­nen Unterägypter, den er am Schopf gepackt hält. Joyce Tildesley sieht in der grausamen Szene »König Narmer im Moment seines Triumphs.« (2006, S. 26) Diese rohe Gewalt­szene, ›das Nieder- oder Erschlagen der Feinde‹ wird fortan zum fe­sten Bildbestand ägyptischer Königsmacht. Die Szene ist bereits aus Mesopotamien bekannt.
Die ›Feinde‹, die Narmer mit seiner Keule erschlägt, sind Ägypter, aber seltsamerweise nimmt niemand davon Kenntnis. Auffallend ist auch, je grausamer die Bilder desto überschwänglicher die Beschönigungen. Helck nennt die Szene »ein Symbol mit Zauberkraft, das die geordnete Welt schützt« (Helck 1971, S. 5)! »Othmar Keel sieht die Handlung Narmers ebenfalls als heiliges Ritual, das Narmer barfüßig auf geweihtem Boden vollzieht, während der Sandalenträger mit einem wassergefüllten Gefäß wahrscheinlich für die spätere ›Reinigung‹ bereitsteht.« (Wikipedia) Keel schreibt wörtlich: »Der König ist barfuß… wie die Barfüssigkeit zeigt, befindet sich der König auf heiligem Boden. Das Niederschlagen des Feindes ist hier kein profaner Akt.« (Die Welt der altorientalischen Bildsymbolik und das Alte Testament. 1996, S. 271)

Dass Eroberungen, Massaker, Erschlagen der Feinde, Entmannung und die Enthauptung Gefangener kein profaner Akt ist, glauben auch die Kämpfer der Terrororganisation ›Islamischer Staat‹ (IS). Sie können sich auf die Geschichtsschreibung späterer Zeiten freuen, die ihre Verbrechen beschönigen, wie das heutige Historiker mit den Eroberern Ägyptens tun.

›Wer Weltgeschichte nicht als Kriminalgeschichte schreibt, ist ihr Komplize.‹ (Karlheinz Deschner)

Grabfunde zeugen von einem grau­samen Blutbad

Aber nicht nur die Königin und ihr Hofstaat wurden ermordet, aus der ersten Dynastie fand man in Massen­gräbern eine große Anzahl von Skeletten ver­stümmelter Men­schen: Skelet­te ohne Köpfe, abgeschlagene Köpfe zwischen den Beinen, Rumpf ohne Beine, Bündel von Gliedmaßen, Beine ohne Füße, abge­hackte Hände und Finger, Teile von gebroche­nen Wirbel­säulen und solchen ohne Rippen. Rizkallah Macramallah fand in einem Grab in Sakkara ein Kind, dem die Beine gefesselt und das Genick gebrochen worden war (Fouilles à Saqqarah: ›Un Cimtière Archaïque de la Classe Moyenne du Peuple à Saqqarah‹ 1940, S. 35). Bei vielen der in Sakkara begrabenen oder im Sand verscharrten ÄgypterInnen stellte er fest, dass sie sich im Todeskampf noch in den Erdlöchern bewegt haben müssen und erstickten. Die meisten waren nicht älter als 20 Jahre, darunter dreizehn Kinder und zwanzig sehr junge Mädchen. Helck nennt sie »rangniedere Arbeiter und Angestellte der Verwaltungsanlagen« !

Die geschönte ›Reichseinigung‹

Das aberwitzige an der Propaganda dieser ›hehren‹, aus politischem Kalkül hochgespielten Eroberung des Nordens ist, dass Ägypten gar nicht ›ver- oder ge-einigt‹ werden musste. Es war vor der Eroberung nicht getrennt; es gab damals weltweit keine Grenzen. Das Begrenzen von geographischen Räumen aus politischen, wirtschaftlichen oder administrative Gründen ist eine patriarchale Erfindung. Was als ›Reichseinigung‹ gerühmt wird, ist der Kampf den die Invasoren nach der erfolgreichen Eroberung Ober-Ägyptens (Hierakonpolis) nun zur Beherrschung Unter-Ägyptens führte. Es war die Zeit der 2. Dynastie, die geprägt von Brutalität und Sadismus war. Jedoch behauptet (Christiana E. Köhler: »neuere Untersuchungen würden zeigen, dass die Reichseinigungen nicht durch militärische Eroberungen vollzogen wurden, obwohl im Einzelfall kriegerische Auseinandersetzungen vorgekommen sind. Der beispielsweise früher öfter hergestellte Zusammenhang zwischen der Gesamtanzahl von Gefangenen unter Narmer in Verbindung mit einer militärischen Auseinandersetzung kann nicht mehr aufrechterhalten werden.« (Christiana E. Köhler: The State of Research on Late Predynastic Egypt: New Evidence for the Development of the Pharaonic State? Göttingen 1995, S. 86-87.) (s. dazu: ›WissenschaftlerInnen im Dienst des Patriarchats‹)

»Als am Ende der 2. Dynastie die Menschen ihre in der Ord­nung veran­kerte Un­terwerfung und die Sklaverei als Ausbeutung empfinden, erhe­ben sie sich. Aber Chasechemui konn­te den Abfall Un­terägyptens in bluti­gen Massakern beenden.« (Helck LÄ, II, S. 1087)

Eine machtvolle Verwal­tung zur Unterdrückung und Ausbeutung des Volkes wurde not­wendig

»Um das Land besser beherrschen zu können und seine Reichtümer [für die Oberschicht] zu erschließen, schufen sich die Könige des Alten Reiches eine machtvolle Verwaltung, deren erste Anfänge man bereits in der Zeit der thinitischen Könige (1. und 2. Dynatie) erkennen kann und die bis zur 6. Dynastie immer mehr erstarkte. Von einem König zum an­deren kann man die Wichtigkeit der Beam­tenschaft zunehmen se­hen.« (Pierre Montet ›Das Alte Ägypten‹ 1975, S. 125) Wolfgang Helck weist darauf hin, dass von Anfang an eine scharfe soziale Trennung zwischen Verwaltenden und Verwalteten besteht. »Die Be­amten­schaft bildete eine Hier­archie, an deren Spitze der Wesir stand, der auch als ›Beamter par excellence‹ bezeichnet wurde.« (Helck LÄ, I, S. 672) Die Erziehung zum Beamten war er­barmungslos. So sollte schon der Schüler »das Schreiben lie­ben und das Vergnü­gen has­sen, und so soll auch der Be­amte immer gegen seine Triebe an­kämpfen und seine Pflicht tun, auch wenn das Amt bitterer als Galle ist. Allein die Gnade des Königs ist dafür sein Lohn« (Helck LÄ, I, S. 673).
Zu den wichtigsten Aufgaben der Beamten gehörte das Eintreiben und die Überwachung der dem Volk abgerungenen Tribute. Während wir Abbildungen sehen, auf denen die herbeigebrachten Abgaben der Einheimischen registriert, gezählt und gehortet werden, stehen daneben Bauern bei der Ausgabe von Nahrungsmitteln mit Brotbeuteln an.
Zur Zeit der 3. Dynastie »wird der ab­solute, allein auf die Person des Königs kon­zen­trierte Staat des Alten Reiches verwirklicht… Alles Land ist kö­nigli­cher Staatsbesitz. Die Bevölkerung wird nach Bedarf aus ihren Dör­fern in neu gegründete Siedlungen versetzt«, d.h. vertrieben! (Jürgen Beckerath ›Abriß der Geschichte des Alten Ägypten‹ 1971, S. 17).
Nach Che­ops Tod in der 4. Dynastie – und wahrscheinlich schon viel früher – war die wirt­schaftliche La­ge des Landes katastrophal.

»Die ökonomi­sche Politik des Königs hatte ver­heerende Folgen. Obwohl er theo­retisch Ägypten mit allen seinen Men­schen, Ressourcen und Besitz­tümern besaß, wurde dieser große könig­liche Staat schrittweise ausge­höhlt und zer­stört.« (Rosalie A. David ›The ancient Egyptians‹ 1986, S. 88)

Das Alte Reich endet im Chaos und schlus­sendlich im Zusam­menbruch

In der 6. Dynastie ver­fällt die Kunst endgültig, während die pha­raonische Religion in primitiven Aberglau­ben und Magie auswuchert. Wir wissen aus den ›Kannibalentexten‹ der Unas Pyramide von der »Maßlosigkeit des ungezügelten Emporkömmlingtums, die schließlich den Thron gefährden und die erste große soziale Revolution heraufbeschwören sollte« (Kurt Lange ›Pyramiden, Sphinxe, Pharaonen‹ 1952, S. 31).
Doch dafür finden sich rasch die wahren Schuldigen. Es sind die urgeschichtlichen ›nicht-verfeinerten‹ Menschen des Niltals, die revoltierten und den Thron gefährdeten. Daraus »spricht der prähistorische Mensch, der ja ringsum in ur­sprünglicher Lebensweise fortdauert und sich dem verfeinerten Bewohner der Residenz gegenüber als der Stärkere erwies«, verzerrt Lange die Geschichte (Lange ibd.). Die sogenannt ›Verfeinerten‹ beanspruchten nicht nur alle materiellen Güter, sie forderten auch, dass die Menschen sich ihrem totalitären Regime bedingungslos unterwerfen.
In der Satire ›Der beredte Oasenbewohner‹, schildert der redegewandte Bauer das beklagenswerte Los der Menschen, die – wie Othmar Keel schreibt –  »eher als Tiere, denn als Menschen wahrgenommen und behandelt werden«. (Hellmut Brunner ›Altägyptische Weisheit – Lehre für das Leben‹ 1988, S. 358 – 367). Es wird als das schlimmste von al­len geschildert: »Er wurde von seinen Herren ge­schlagen, von den Steuereinnehmern ausgebeu­tet und von den Heu­schrecken zugrun­de gerichtet. Seine Frau lief Gefahr ein­gesperrt, seine Kinder, ver­pfändet zu werden« – »aber«, fügt der Autor be­schwichtigend hinzu, »es handelt sich dabei wirklich um eine Sati­re« (Schaeffner ›Entstehung und Machtkämpfe der ersten Reiche‹ Weltgeschichte in Bildern, Bd. I, 1968, S. 37).
Auch James H. Breasted beschönigt und »datiert Gerechtigkeit und Moralempfinden von dem Augenblick an, da der ›Bitte des redegewandten Bauern‹, von der willkürlichen Ausplünderung und Misshandlung durch einen habsüchtigen Landbesitzer befreit zu werden, schließlich ›bei Gericht‹ Gehör geschenkt wurde. Breasted vergisst, dass diese Gerechtigkeit erst zustande kam, nachdem der arme Bauer zur Gaudi seiner Herren ausgiebig verhöhnt, gequält und verprügelt worden war« (Lewis Mumford ›Mythos der Maschine – Kultur, Technik und Macht‹ 1974, S. 247) (s. ›Die Versklavung der Einheimischen‹

Durch eine Kombination von göttlichem Befehl und rücksichtslosem militärischen Zwang brachte man große Menschenmassen dazu, schreckliche Armut und Zwangsarbeit zu ertragen, um ›Leben, Wohlstand und Gesundheit‹ für den göttlichen oder halbgöttlichen Herrscher und dessen Hofstaat zu sichern. (Lewis Mumford)

Das kriegerische Pharaonentum und die Konstruktion von Feindbildern

Wir begegnen der ›Konstruktion des Feindes‹ in Ägypten im Bild des ›Erschlagen des Feindes‹ bereits auf der Narmer-Palette. Dieses Emblem der Gewalt propagiert den Triumph des Siegers zuerst über das indigene ägyptische Volk, später der Siege über die von Ägypten aus eroberten Länder.

Erschlagen der F

›Erschlagen der Feinde‹ Relief Medinet Habu, Ramses III [auch Ra-meses, vom arischen Gott RA (mesu) geboren], 1221 bis 1156, 20. Dynastie, nach A. Eggebrecht ›Das Alte Ägypten‹ 1984, S. 189)

Wilfried Seipel meint, die »ritualisierte Vorstellung vom ›Schlagen der Feinde‹ sei ein königlicher Unterwerfungsakt, mit dem die Überwindung der chaotischen Mächte symbolisch zum Ausdruck gebracht werden«; was Seipel nicht realisieren will, dass die Pharaonen selbst die Verursacher des Chaos sind. (Seipel in Arno Eggebrecht ›Das Alte Ägypten‹ 1984, S. 149)

Man muss sich fragen, wie es kommt, dass die ›grossartigen‹ Pharaonen, die so ›väterlich‹ für das Land sorgten, die ver-herr-lichten ›göttlichten Licht- und Kulturbringer‹, von allen Seiten von Feinden umzingelt sind, die sie ausschließlich zu ihrer eigenen Verteidigung und zum Wohlergehen der ägyptischen Bevölkerung bekämpfen, töten, ausrotten oder versklaven (müssen!).

Seien es ihre eigenen Nachbarn, die NubierInnen und LibyerInnen oder sämtliche ›Feinde‹ Vorderasiens. Die Pharaonen sind ständig im Krieg – und das ist leider einer der Gründe, warum sie von patriarchalen Wissenschaftlern so sehr bewundert und hochgejubelt werden.

Ägypten wird zum Aggressor der damaligen Welt

Dutzende von Bildern halten den Triumph der pharaonischen Kriegsbarbarei in allen Ländern fest: Gefangene

Gefangene Nubier

Gefangene Nubier in den Tempelanlagen von Abu Simbel am Westufer des Nasser Sees (Foto D. Wolf)

Libyer Drower

Gefangene Libyer an den Wänden des Tempels von Medinet Habu (nach Margaret S. Drower
›Flinders Petrie – A life in Archaeology 1985, Abb. 29)

Philister Drower

Gefangene Philister in Medinet Habou (nach Margaret S. Drower ›Flinders Petrie –
A life in Archaeology 1985, Abb. 28)

Hethiter Drower

›Feindliche‹ Hethiter auf den Wänden des Ramesseum Tempels (nach Margaret S. Drower
›Flinders Petrie – A life in Archaeology 1985, Abb. 27)

Gefangener Arier mit Stirnband und Spitzbart

Gefangener Arier mit Stirnband und Spitzbart im Grab von Haremhab, (18. Dynastie, regierte von etwa 1319 bis 1292, Sakkara (Foto D. Wolf)

Haremhab Gefangene Frau

Gefangene arische Frau mit Kind wird von einem Ägypter weggeführt (Grab des Haremhab, Sakara, Foto D. Wolf)

Leben im totalitären Gottesstaat

Mit der religiösen Doktrin des göttlichen Königtums, der Gefangennahme der indigenen Königinnen, der Verfolgung und Versklavung der Einheimischen, der Aus­übung von Repression und Gewalt unter Einsatz der Poli­zei- und Mili­tärmacht, mit dem Bau von kolossalen Tempelpalä­sten und dem ras­sistischen Klas­sensystem war die viel gepriesene neue Staats­form Ägyptens etab­liert. Ein Einziger herrschte von nun an über alle anderen. »Der Pha­rao erhob als Herr von Ober- und Un­terägyp­ten Anspruch auf alles, was es in den beiden Ländern gab: Menschen und Tiere, Gebäude und Lände­reien, Werk­zeuge und Mobiliar unterstanden sei­ner Ge­walt.« (Pierre Montet ›Das Alte Ägypten‹ 1975, S. 117)

Die ersten beiden Dynastien werden von in­ne­ren Kämpfen und Unruhen erschüttert. Es erstaunt nicht, dass sich das Volk gegen die brutalen Invasoren zur Wehr setzte, doch wurden Revolten brutal nie­der­ge­schla­gen.

Im Katalog NOFRET wird behauptet: die »Grundhaltung der altägyptischen Politik« sei: »wenig aggressiv, kaum je wirklich expansiv oder gar imperialistisch« gewesen. Dies möge »der Grund dafür sein, dass so viele bedeutende Zentren des Nillandes sich von einer weiblichen Gottheit angemessener repräsentiert sahen als von einem Gott.« (›Nofret – die Schöne – Die Frau im Alten Ägypten‹ Sylvia Schoske und Dietrich Wildung 1984, S. 167)

Wie kommt das Autorenteam  angesichts der blutigen Geschichte des Umbruchs in Ägypten auf eine solch beschönigende, bagatellisierende, die Wahrheit bemäntelnde Behauptung? Die Ermordung der Königinnen, ihrer Töchter und ihres Hofstaates beim Tod des Königs, kostete Hunderten von Menschen der 1. Dynastie das Leben (s. ›Sati‹ – Die Ermordung der Königinnen beim Tod der Könige der 1. Dynastie‹) Helck, Schoske, Wildung und viele andere ihrer Fachkollegen, die zu den wichtigsten und einflussreichsten Ägyptologen Deutschlands gezählt werden, bedienen sich solch beschönigender Klischees. Ihre Aussagen sind nach Jahrzehnten der (vermeintlichen?) Beendigung des Faschismus  erschreckend menschenfeindlich, irrational und gefühllos.

Grausame Wirklichkeit und beschönigende Chimären

Ein beispielhaftes Exempel von Beschönigung finden wir noch einmal bei Schoske und Wildung im Katalog ›Nofret‹ zur ›Gleichrangigkeit und und Gleichwertigkeit‹ der beiden Geschlechter: »Die Anerkennung der Verschiedenheit der Geschlechter, die Gleichrangigkeit ihrer spezifischen Qualitäten, das Wissen um ihr Aufeinanderangewiesensein, scheiden das Thema Gleichberechtigung aus der altägyptischen Sozialgeschichte aus und ersetzen es durch die Selbstverwirklichung der Frau und des Mannes, durch die Achtung vor dem Anderssein des anderen Geschlechts.« (Vorwort)  Da hat sich das ausschließlich männliche Ehrenkomitee der Ägypter unter der Schirmherrschaft von Hosni Mubarak sicher sehr gefreut! Etwas viel Ehre für ein autoritäres, korruptes Militärregime! Für den Pharao hätte diese Schmeichelei jedoch nicht gegolten: Nachzulesen: ›Der Harem, Bordell des Königs und Zwangsarbeitslager der Frauen‹ http://www.doriswolf.com/wp/?page_id=10603
Später begründet das Team den Widerspruch zwischen unserer eigenen Wahrnehmung und ihrer utopischen Sicht damit: »Dass die Gleichwertigkeit der beiden Geschlechter in den altägyptischen Texten weniger klar zum Ausdruck kommt als in den bildlichen Darstellungen, erklärt sich daraus, dass das geschriebene Wort der alten Ägypter weitgehend der Männerwelt entstammt; altägyptische Texte spiegeln in diesem berufsbedingten Ausschnitt der Wirklichkeit ein Patriarchat wider, das in der unmittelbaren Sprache der Bilder keine Bestätigung findet. In den Statuen und Reliefs der Gräber, die ja Häuser für die Ewigkeit sind, in denen Ehe und Familie fortbestehen, wird die Lebenswirklichkeit der selbstbewusst handelnden, vom Willen des Mannes unabhängigen Frau unmittelbar lebendig.« (Nofret 1984, S. 13) Man könnte auch sagen, während in der ›berufsbedingten Wirklichkeit‹ das Patriarchat herrschte, überlebte in der Familie noch das alte Matriarchat, als die Frau noch wirklich gleichberechtigt war. Nur müsste man dann zugeben, dass es vor der Wirklichkeit des Patriarchats das Matriarchat gab. Aber dieses Zugeständnis wäre für eine patriarchale Institution, an der noch der Stallgeruch des faschistischen Patriarchats des Nationalsozialismus festzustellen ist, wohl etwas viel verlangt.

Wie es weiterging, nachlesen im 6. Kapitel:

  • Armut und Hunger
  • Sadismus und Folter
Der Kampf gegen Weisheit und Macht der matriarchalen Urkultur Ägyptens
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