Die total ver-rückten ›religiösen‹ Mythen des Patriarchats

Aus dem Inhalt:

  • Alte Mythen prägen unsere Vorstellungen bis heute
  • ›Nicht die Götter haben die Menschen geschaffen, sondern die Menschen die Götter‹ (Homer)
  • Der Mythos vom ›Sündenfall‹
  • Der raffinierte Mythos vom alles wissenden und alles sehenden Gott
  • Die abstoßenden Mythen männlichen Gebärens
  • Der widernatürliche Mythos von der Schöpfung durch das Wort
  • Die Mythen von abstrakten Göttern
  • Der schlaue Mythos vom ›ewigen Leben im Jenseits‹
  • Der verlogene Mythos von der Weisheit der dynastischen Religion:
    ›Eine große Ansammlung mytho­logischen Plun­ders‹
  • Die Mythographen: Indoarische Priesterkasten und christliche WissenschaftlerInnen
  • Die absurden Mythen als Grundlage von
    Judentum, Christentum und Islam
  • Die patriarchalen Mythen im Christentum
  • Die Gottessöhne oder das bestohlene Heidentum

Alte Mythen prägen noch heute unsere Vorstellungen

Nachdem der männliche Anteil bei der Entstehung von Nachwuchs erkannt war, vergöttlichten die ›ersten Väter‹: die Patri-archen, ihr Spermienejakulat und erschufen den ersten Vater- und Schöpfer-Gott und sich selbst als seine göttlichen Vertreter auf Erden. (s. ›Die Entdeckung der Vaterschaft und die katastrophalen Folgen‹).

Um ihre eigene Vergöttlichung glaubwürdiger zu machen, entwickelten die arischen Priesterkasten, welche die indoeuropäischen Eroberer begleiteten, die überspanntesten, verrücktesten ›religiösen‹ Mythen, Phantasien und Verleumdungen, um die Göttin und ihre Verehrung zu verdrängen. Es würde ›dunkle Hinweise‹ dafür geben, dass »viele der Götter des prähistorischen Ägypten lasterhaft und unzivilisiert waren, deren Wildheit durch Menschenopfer und andere blutige Opfer befriedet wurden«, behauptet der Ägyptologe William C. Hayes (›The Scepter of Egypt‹ 1953, S. 78) Seine diffamierenden ›dunklen Hinweise‹ erläutert Hayes nicht, sie sind nicht überprüfbar. Er leugnet damit die Tatsache, dass im ›prähistorischen‹ Ägypten nicht ›viele Götter‹, sondern ausschließlich die Große Göttin in ihrer Trinität als Weise Alte, Neith, als junge Frau im gebärfähigen Alter, I-Set/Isis, und als Todes- und Wiedergeburtsgöttin Nekhbet verehrt wurde. Und alles was er dieser Zeit unterstellt – vom Chaos bis zum Menschenopfer – hielt erst mit der Eroberung in Ägypten Einzug. Dies blendet Hayes aus und verrennt sich in seinem Hass gegen die weibliche Religion und das Matriarchat komplett. Die diffamierenden Mythen Hayes‘ sind nur ein Beispiel von Vielen. Böswillige Unterstellungen der Art von Hayes sind unter religiösen Autoren nicht selten. Wir erhalten einen Hinweis auf seinen gottgläubigen Hintergrund: 1956 war Hayes als Berater an der Produktion des Films ›Die zehn Gebote‹ beteiligt.
Patriarchale Erforschung der Religionsgeschichte beginnt erst mit der Erfindung, bzw. dem Erscheinen der ersten männlichen Götter, die nach dem Vorbild damaliger Despoten erfunden wurden. Sie waren die Ebenbilder machtgieriger, absolutistischer, kriegerischer Alleinherrscher wie die Pharaonen selbst, die absolute Unterwerfung verlangten.

Die urgeschichtliche Religion der Göttin wird – wie wir bei Hayes sehen, diskreditiert oder völlig ignoriert. Leider liegt das Wissen, bzw. die Kenntnisnahme der urgeschichtlichen Epochen – der Zeit  v o r  dem Patriarchat – bei allen betroffenen Wissenschaften im argen. Nicht nur in kirchlichen Kreisen, selbst an den Universitäten, die von Religion unbeeinflusste Wissenschaften vermitteln sollten, hat man noch keine Kenntnis davon genommen; man kann sich das leisten; es fällt nicht auf, oder es wird geduldet, vor allem aber wird diese Art von einseitiger Indoktrinierung von kirchlichen Interessen gefördert und finanziell unterstützt.

»Die traditionelle Geschichtsschreibung lässt die Entstehungsbedingungen [des Patriarchats] aus und beginnt erst, nachdem überall gewalttätige, kriegerische und hierarchische Herrschaftssysteme als ›Norm‹ etabliert waren«,

konstatiert Claudia von Werlhof: »Die Zeit davor gilt als vorgeschichtlich oder ›archaisch‹ in einem Sinne, der die Gewalt der Herrschaft mit einer angeblich noch größeren, umfänglicheren und gefährlicheren Gewalt ›archaischer‹ Zeiten rechtfertigt. So sollen in ›archaischen‹ Zeiten ausgerechnet Frauen und Mütter besonders grausam, blutrünstig und mordgierig gewesen sein. Und es gibt in unseren Gesellschaften eine Tabuisierung weiblichen Widerstands, ja sogar seine Diffamierung als ›eigentliche‹ und schlimmste Gewalt, die auf eine gerade auch bei Männern tiefsitzende Angst davor zurückgeführt werden könnte, Frauen könnten nun doch noch Rache nehmen oder überhaupt zurückfinden zu Empfindungen, die sie in ihrer Kultur pflegten, bzw. zu denen, die sie hatten, als diese Kultur zerstört wurde: Entsetzen, Trauer, Wut, Klarheit und Mut. Wahrscheinlich wird in einer patriarchalen Gesellschaft nichts so sehr gefürchtet wie derartige Empfindungen, wenn sie bei Frauen auftauchen, wie überhaupt die Tiefe der weiblichen Empfindungsfähigkeit, bestehe sie in Wut oder in Liebe. Wäre nicht gerade sie der Wegweiser zur (historischen) Wahrheit unserer Gesellschaftsordnung? In allen Patriarchaten ist daher die ›Kastration‹ der weiblichen Empfindungs-, Denk- und Bewegungsfähigkeit sowie -Freiheit an der Tagesordnung, vom Einkerkern im Haus (im Sinn des Begriffs Harem = Kerker), über das Verhüllen und Verkleiden bis zur Unkenntlichkeit, und umgekehrt über das Enthüllen und Preisgeben des weiblichen Körpers bis zur systematischen Verstümmelung von Leib, Seele und Geist der Frauen.« (Claudia von Werlhof ›Gewalt und Geschlecht‹ in: ›Die Diskriminierung der Matriarchatsforschung. Eine moderne Hexenjagd‹ Autorinnengemeinschaft 2003, S. 25)

Es sind vor allem die alten Mythen, die unsere Vorstellungen geprägt haben, »die uns darauf konditionierten, auf eine ganz bestimmte Weise zu denken und sogar wahr-zu nehmen, vor allem wenn wir noch jung und beeindruckbar sind. Oft schildern sie Handlungen von Menschen, die für ihr Verhalten belohnt oder bestraft werden, und wir sind angehalten, sie als nachahmenswerte oder abschreckende Beispiele zu sehen. Diese Geschichten werden uns erzählt, sobald wir alt genug sind, sie zu verstehen, und sie wirken tief auf unsere Einstellungen, unser Verständnis der Umwelt und uns selbst ein. Oft entwickelt sich unsere Ethik, unsere moralischen Vorstellungen, unser Verhalten, unsere Werte, unser Pflichtgefühl und selbst unser Humor aus einfachen Gleichnissen und Fabeln, die wir als Kinder gehört haben. Aus ihnen lernen wir, was in der Gesellschaft, aus der sie kommen, akzeptiert wird. Sie definieren Gut und Böse, Richtig und Falsch, was für die Menschen, die diese Mythen für bedeutungsvoll halten, natürlich oder unnatürlich ist. Ganz offensichtlich vermittelte eine Religion, deren Gottheit weiblich war und als weise, stark, mutig und gerecht verehrt wurde und die dies in ihren Mythen darstellte und verbreitete, ganz andere Frauenbilder, als die heutigen männlich orientierten Religionen es tun.« (Merlin Stone ›Als Gott eine Frau war‹ 1988, S. 30) »Es ist erschreckend«, schreibt die Autorin, »wie wenig über die weiblichen Gottheiten geschrieben wurde, die in den ältesten Zeiten der menschlichen Existenz verehrt wurden, und noch ärgerlicher, dass selbst das vorhandene Material in der gängigen Literatur und der Allgemeinbildung fast vollständig übergangen wird. Es gibt Informationen, es gibt konkrete Funde, die jene weit verbreitete weibliche Religion betreffen, die Jahrtausende vor Beginn des jüdischen und christlichen Glaubens und der klassischen Zeiten Griechenlands blühte. Aber der größte Teil dieser Fundstücke ist nur ausgegraben worden, um von neuem in obskuren archäologischen Texten vergraben zu werden, die in unzugänglichen Universitätsarchiven und Museumsbibliotheken gespeichert wurden.« (Stone ibd. S. 10) Ein Beispiel wie die ›vorgeschichtliche‹ oder ›archaische‹ Zeit, aus der Geschichte und damit aus der Wahrnehmung ausgeblendet wird, zeigt eine Informationssendung im Dezember 2015 auf arte zum Thema ›Jesus und der Islam‹. Während den sieben beinahe einstündigen Sendungen, schafften es 26 muslimische und nicht-muslimische WissenschaftlerInnen und die beiden Filmemacher, das dem patriarchalen Islam vorhergehende Matriarchat in Arabien nicht einmal zu erwähnen. Zur Kaaba in Mekka wurde zwar das vor-islamische ›Heidentum‹ angedeutet und so nebenbei als ›Götzenanbeterei‹ bemerkt, aber – und das ist eine Meisterleistung von Geschichtsklitterung – die Göttinnentrinität von Al-Lat, Al-Uzza und Manat mit keinem Wort erwähnt! (s. ›Das Matriarchat in Arabien‹) Eine schamlose Unterschlagung der Geschichte der Religion der Göttin und der Macht der Frauen! Die patriarchale Wissenschaft und Kultur ist eine Kultur des Wegsehens, des Verschweigens, der Lügen und der Heuchelei.

›Nicht die Götter haben die Menschen geschaffen, sondern die Menschen die Götter‹ (Homer)

»Nach der fiktiven biblischen Schöpfungsgeschichte hat Gott den Menschen erschaffen. In der Realität und Geschichte der Menschheit lief diese Schöpfung aber umgekehrt. Spätestens seit Xenophanes (um 576 – 480) wissen wir, dass sich immer die Menschen [die Männer] ihren Gott [Frauen ihre Göttin] nach eigenem Bild schufen, denn die Sterblichen wähnen, die Götter würden geboren und hätten Gewand, Stimme und Gestalt ähnlich wie sie selber. Der Monist und Naturphilosoph Ernst Haeckel (1834 – 1919) brachte es auf den Punkt, als er schrieb: ›Die Vermenschlichung Gottes ist dabei in den mannigfachsten Formen ausgebildet. Den meisten monotheistischen Religionen liegt dabei die Vorstellung eines orientalischen Monarchen zugrunde (Jehova im Mosaismus, Gott-Vater im Christentum, Allah im Islam.‹ Das Ergebnis war dabei so unterschiedlich, wie die verschiedenen religiösen Gebrauchsanleitungen es hergaben. Auch in der jüdisch-christlichen Tradition entstanden auf diese Weise sehr abweichende Gottesbilder. Mal war es das eines gnadenlosen Gebieters und zornigen Vergelters, später das eines liebenden und gütigen Vaters, immer aber das einer männlichen Autorität. Der unbestreitbar hohen philosophischen Leistung hinauf zum Monotheismus stand also auch ein tiefer Verlust entgegen: Die Verdrängung des göttlich Weiblichen. Dies war noch bis zur Ausprägung der Alleinherrschaft Jahwes ganz anders. Wie in allen Ländern rund um Palästina war das Göttliche nicht allein auf das Maskuline festgelegt, hatte auch Jahwe einst eine Partnerin gehabt. Ihr Name war Aschera. Hinweise dazu gibt es in der Bibel zuhauf. Um die 40 Mal werden Aschera oder ihr Kultpfahl hier erwähnt. Wir erfahren nicht nur, wie Herrscher der Göttin Standbilder errichten, sondern auch von 400 Propheten Ascheras ist die Rede. (2. Kön 21,7 und Kön 18,19) Über diese Kultpfähle schreibt der Völkerkundler Bernhard Streck:

›Im Zentrum fast aller großen Mythologien finden sich Geschichten, wie Erde und Himmel gewaltsam auseinandergerissen wurden und ihre Trennung den heidnischen ‚Weltschmerz‘ begründete.‹

Noch die alten Hebräer errichteten Steinmale und Kultpfähle, wenn ihnen ihre neue gebotene Hoffnung wieder einmal abhanden gekommen war.« (Harald Specht ›Das Erbe des Heidentums – Antike Quellen des christlichen Abendlandes‹ 2014, S. 83 f.)

Der Mythos vom ›Sündenfall‹

Wahrscheinlich basierte die Legende vom Paradies, die Ovid als das goldene Zeitalter beschrieb –, in dem ohne Richter und Gesetz im heutigen Sinn, aus eigenem Antrieb die Treue und das Recht hochgehalten wurden –, ursprünglich auf einer kollektiven Erinnerung an die lange friedliche Zeit, als mütterliche Werte im Zentrum standen und die Welt von Matriarchinnen geleitet wurde. Die Vertreibung aus dem Paradies »ist der Mythos von der siegreichen patriarchalischen Gesellschaftsverfassung und Religion… Alles ist hier aus der Perspektive des siegreichen Mannes und Familienvaters gesehen. Die Frau ist die Gefahr, sie ist das böse Prinzip, vor ihr hat sich der Mann zu fürchten… Die Frau ist die Unbeherrschte, Sinnliche, Hemmungslose; sie verführt den Mann mit ihrer Begierde, er kann nicht widerstehen und stürzt in sein Unglück. Wohl in keinem Dokument ist die Angst des Mannes vor ihr und der Vorwurf, sie sei die Verderben bringende Verführerin, deutlicher und drastischer zum Ausdruck gebracht als in diesem Mythos, der das männliche, patriarchalische Weltbild ausdrückt. Vom Sündenfall über die Hexenprozesse bis zu Otto Weininger (1903) und seiner These von der seelischen und sittlichen Minderwertigkeit der Frau – überall ist es dieselbe Verachtung, derselbe Hass und dieselbe Angst vor der Frau, die den Männern der patriarchalischen Gesellschaft eignet.« (Erich Fromm ›Liebe, Sexualität und Matriarchat – Beiträge zur Geschlechterfrage‹ 1994, S. 76)

Die Bibelschreiber erschufen die Frau aus dem Körper eines Mannes wohl auch aus Rücksicht auf die Eifersucht des Mannes, denn:

»In Israel soll die Tatsache, dass neues Leben im und aus dem Körper der Frau erwächst, während der effektive männliche Beitrag zu diesem Wunder auf den kurzen Vorgang der Begattung beschränkt ist, zur bleibenden Irritation und sogar Beleidigung der Männerwelt geführt haben.« (O. Keel/S. Schroer ›Eva – Mutter alles Lebendigen‹ 2004, S. 11)

Patriarchale Männer woll(t)en als machtvolle, potenzstrotzende Kerle und stolze Väter vieler Söhne in die Geschichte eingehen, was uns durch die bedeutendste patriarchale Schrift, die Bibel, beispielhaft übermittelt wird. Schon Adam und Eva zeugten ausschließlich Söhne; wie sich diese fortgepflanzt haben sollen, darüber schweigen die Chronisten. Schon in der ersten Generation der drei Söhne Kain, Abel und Seth (!) wurden Frauen nicht mehr erwähnt. Noah hatte ebenfalls ausschließlich Söhne: Sem, Ham und Jafet, die Verwandtschaft folgte nur noch der männlichen Linie und die patriarchale biblische Welt bestand fast ausschließlich aus Männern.

Neben den bösartigen Mythen gegen die Frau, dachten sich Männer besonders absonderliche Geschichten aus. Joanne K. Rowling, die Autorin von Harry Potter, hatte dieses Talent ebenfalls, nur propagierte sie ihre aberwitzigen Phantasien nicht als Eingebungen eines von ihr erfundenen Gottes, nicht als Religion und nicht als Dogmen. Ihr Erfindung des Zauberlehrlings faszinierte Groß und Klein und sie hätte daraus ohne weiteres einen religiösen Glauben machen können. Doch sie tat es nicht! Sie war nicht interessiert an religiöser Macht, sondern an Spaß und Spiel mit Fantasien und Illusionen. Ihren Erfolg konnte sie keineswegs voraussehen; sie war selbst am meisten davon überrascht.

›Kinder brauchen Märchen‹ stellte der Psychiater Bruno Bettelheim fest.
Es scheint aber, dass Erwachsene sie noch viel mehr brauchen.

Männer, so scheint es – denn alle patriarchalen Religionen wurden von Männern erfunden –, sind besonders anfällig für verrückte Ideen. Eine der raffiniertesten Erfindungen und Neuerungen war, Götter mit der Macht von Zauberei und Magie und der Fähigkeit auszustatten, Wunder zu wirken und sie als allwissend und allsehend, als grandiose Schnüffler zu propagieren, vergleichbar den heutigen Geheimdiensten. Damit sollten die Menschen von den neuen Göttern überzeugt, von ihnen beeindruckt und eingeschüchtert werden. Das Denken und Tun der Menschen wird damit kontrolliert, auch da, wo es der Kontrolle der irdischen Gesetzgeber und Aufpasser entging: im privatesten Bereich, im geheimsten Inneren und vor allem unter der Bettdecke.

Kritias von Athen (450-403) schrieb in seiner ›Entstehung der Religion‹ (Ausschnitt aus seinem Drama Sisyphos):
»Es gab einmal eine Zeit, da war das Leben der Menschen jeder Ordnung bar, ähnlich dem der Raubtiere, und es herrschte die rohe Gewalt. Damals wurden die Guten nicht belohnt und die Bösen nicht bestraft. Und da scheinen mir die Menschen sich Gesetze als Zuchtmeister gegeben haben, auf dass das Recht in gleicher Weise überall herrsche und den Frevel nieder halte. Wenn jemand ein Verbrechen beging, so wurde er nun bestraft. Als so die Gesetze hinderten, dass man offen Gewalttat übte und daher nur insgeheim gefrevelt wurde, da scheint mir zuerst ein schlauer und kluger Kopf die Furcht vor den Göttern für die Menschen erfunden zu haben, damit die Übeltäter sich fürchteten, auch wenn sie insgeheim etwas böses täten oder sagten oder auch nur dächten. Er führte daher den Gottesglauben ein: Es gibt einen Gott, der ewig lebt, voll Kraft, der mit seinem Geiste sieht und hört und übermenschliche Einsicht hat; der hat eine göttliche Natur und achtet auf alles. Der hört alles, was unter Menschen gesprochen wird und alles was sie tun, kann er sehen. Und wenn du schweigend etwas schlimmes sinnst, so bleibt es doch den Göttern nicht verborgen, denn sie besitzen eine übermenschliche Erkenntnis.

Mit solchen Reden führte er die schlaueste aller Lehren ein, indem er die Wahrheit mit trügerischem Worte verhüllte.

Die Götter sagte er, sie wohnen dort, wo es die Menschen am meisten erschrecken musste, von wo, wie er wußte, die Angst zu den Menschen herniederkommt, wie auch der Segen für ihr armseliges Leben: aus der Höhe da droben, wo er die Blitze zucken sah und des Donners grauses Krachen hörte, da wo des Himmels gestirntes Gewölbe ist, das herrliche Kunstwerk der Zeit, der klugen Künstlerin, von wo der strahlende Ball des Tagesgestirns seinen Weg nimmt und feuchtes Nass zur Erde herniederströmt. Mit Ängsten solcher Art schreckte er die Menschen und wies passend und wohlbedacht der Gottheit an geziemender Stätte ihren Wohnsitz an und tilgte den ungesetzlichen Sinn durch die Gesetze. Und kurz darauf setze er noch hinzu, so hat jemand glaube ich zuerst die Menschen glauben gemacht, dass es ein Geschlecht von Göttern gibt«. (Wilhelm Capelle, deutscher Philologe 1871-1961, Hvhb. DW)

›Wir verstehen, dass der Primitive einen Gott braucht als Weltschöpfer, Stammesoberhaupt, persönlichen Fürsorger. Dieser Gott hat seine Stelle hinter den verstorbenen Vätern, von denen die Tradition noch etwas zu sagen weiß. Der Mensch späterer Zeiten, unserer Zeit, benimmt sich in der gleichen Weise. Auch er bleibt infantil und schutzbedürftig – selbst als Erwachsener.‹ (Sigmund Freud)

Es waren patriarchale Männer, die Meister im Erfinden von Hirngespinsten wurden und diese religiös verbrämten. Religion ist als Vehikel für verrückte und absurde Ideen das geeignete Mittel. Infantiles, naives Staunen wird angestrebt, denn dabei geht es ausschließlich um Glauben – nicht um Denken, nicht um Wissen, nicht um Zweifel, nicht um Reflexion. Aber die patriarchalen Einfälle waren nicht nur infantile Hirngespinste, sie waren Kalkül, Ideologien; ihren Erfindern ging es dabei um Macht, um Besitz, um Güter und Reichtum. Das ist der Unterschied zur literarischen Spielerei vom Zauberlehring Harry Potter von Joanne K. Rowling.

»Die Zauberei ist ein wilder Seitentrieb der Religionen… Hat das Denken eines Volkes erst einmal diese Richtung eingeschlagen – und gerade jugendliche naive Völker müssen ihr am ersten verfallen – so ist kein Halten mehr und neben der der edlen Pflanze der Religion wuchert das tolle Unkraut der Zauberei empor.« (Adolf Erman)

Die ›edle Pflanze der Religion‹ war die Religion der Göttin, aber das erkannte Erman damals noch nicht, er ist jedoch ziemlich verunsichtert, wenn er schreibt: »Bei Völkern mit beschränkter Begabung erstickt es [das tolle Unkraut der Zauberei] sie schließlich ganz, und es entsteht ein Barbarentum, das an keine feste Ordnung der Welt glaubt, dessen Höchstes der zauberkräftige Fetisch ist und dem der Hexenmeister mit seinem Hokuspokus den Priester ersetzt. Einen solchen Zustand wird man einem jugendlichen Volke wie den alten Ägyptern nicht zuschreiben wollen… Aber sein reichliches Teil an diesen Verirrungen hat das ägyptische Volk auch gehabt und hat es früh gehabt.« (Adolf Erman ›Die Religion der Ägypter‹ 1934, S. 295 f.) ›Jugendlich, und naiv‹ waren nicht die indigenen Alten ÄgypterInnen, sondern die Rinderzüchter und Schafhirten, die ›fremde Rasse‹, die indoeuropäischen Eroberer Ägyptens. Unter diesem Vorzeichen muss die Aussage Ermans betrachtet werden. Ihre Priesterkasten erfanden den Hokuspokus, der die alte Religion der Großen Göttin im Laufe der Zeit bis zur Unkenntlichkeit überwucherte.

›Wo die Hemmung der Vernunft einmal nachlässt,
treten auch in den höchsten Schichten eines gebildeten Volkes
die größten Albernheiten auf.‹
(Adolf Erman)

Diese Albernheiten waren jedoch auf die herrschende Oberschicht der fremden Eroberer beschränkt. Das indigene Volk wollte die neuen Götter nicht, wollte den ›rubbish‹ der Königsreligion, wie ihn Alan Gardiner nannte, nicht annehmen. Das Volk blieb seiner matriarchalen Göttinnenverehrung treu, trotz der Verfolgung, Indoktrination, Diskriminierung, wie sie schon unter Cheops stattfand. Er ließ den alten Kult verbieten und die matriarchalen Heiligtümer schließen, was das Volk in großes Unglück stürzte. Erst nach einem langen Prozess der Patriarchalisierung und Gewalt konnte das Volk ›bekehrt‹ werden. Die Große Göttin Isis, die bis an den Rhein verehrt wurde, musste ausgemerzt werden und verschwinden. Erst hielt das Christentum, das nur noch eine domestizierte und entsexualisierte Göttin als Mutter Gottes duldete Einzug; danach breitete sich der Islam aus, der alles Weibliche aus seiner Religion eliminiert hatte. Seither beherrschen die ›Albernheiten‹ – wie Erman die menschenfeindlichen Dogmen der patriarchalen Religioten verniedlichend nennt – die Welt, die von jeder Vernunft verlassen ist. Die versklavten ÄgypterInnen sollten der Forderung nach Unterwerfung und Gehorsam gegenüber den Invasoren nachkommen und sie akzeptieren. In diesem Sinn predigte noch Jesus: ›Gebt dem Kaiser was des Kaisers und Gott was Gottes ist‹.
Magie und Zauberei sind in der Religion der indoeuropäischen Priesterkaste extrem häufig. Nach dem Hokuspokus der magischen und zauberreichen ›Religion‹ der indoeuropäischen Herrscherklasse in Ägypten finden wir Anteile davon später wieder im patriarchalen Alten Testament; Magie, Zauber und Wunder wurden übernommen. Nach dem ›gebärenden‹ Atum wird jetzt ein Gott erfunden, der den ersten Menschen nicht mehr aus einem Mann, aber auch nicht aus einer Frau geboren sein lässt, sondern ihn selbst aus Ton bastelt und ihm Leben einhaucht. Zu den bis heute geglaubten Wundern gehören u.a. eine zum Verbotenen auffordernde Schlange im Garten Eden oder ein sprechender Dornbusch; im Neuen Testament gebiert eine ›unbefleckte Jungfrau‹ ein Kind, läuft ein Mann über das Wasser und verwandelt Wasser in Wein, erweckt Tote zum Leben und fährt leiblich in den Himmel auf usw. usw. Bigotte Männer erfanden einen Teufel und hatten die sadistische Idee, der ›liebe‹ Gott lasse die Sünder auf ewig in der Hölle schmoren; sie malten sich perverse Szenen von sexuellem Verkehr von ›Hexen‹ mit dem Teufel aus, phantasierten ›Teufelsbuhlschaft‹; zu diesen Phantasten gehörte Luther. Aber es scheint, je verrückter die Idee, desto eher wird sie geglaubt und desto größer der Glaube. Es war reines Kalkül. Ohne diese platten Phantasien von Wundern, Magie und Zauberei würden die monotheistischen Religionen zusammenbrechen wie ein Kartenhaus. Deshalb hält das Patriarchat an den absurden Ideen fest. Was wäre Jesus ohne die Legenden von seinen Wundern? Er wäre ein ganz gewöhnlicher Wanderprediger, von denen es vor und nach ihm Tausende gegeben hat. Er hatte aber zusätzlich noch die sich selbst überschätzende Idee, der ›König der Juden‹ und Sohn eines Gottes zu sein.
Die von patriarchalen Männern erfundenen ›Religionen‹ basieren auf männlicher Hybris und sind in erster Linie berechnende, dreiste, dumme, einschüchternde, drohende, moralische und moralisierende Ideologien, zur besseren Beherrschung und Kontrolle des unterdrückten und ausgebeuteten Volkes. Sie haben nichts ›Heiliges‹ nichts ›Vergeistigtes‹, nichts ›Transzendentes‹, nichts ›Metaphysisches‹, sind keine ›sublimen Abstraktionen‹ und haben nichts mit der lateinischen Definition von ›religio‹: ›gewissenhafter Berücksichtigung‹, ›Sorgfalt‹, ›bedenken‹, ›achtgeben‹, zu tun! Sie sind nichts anderes als politische Konstrukte der Herrschenden und ihrer Priesterkaste.

Die abstoßenden Mythen männlichen Gebärens

Patriarchale Männer dachten sich noch viel Anmaßenderes, größeren Unsinn
und schwachsinnigere Absonderlichkeiten aus, wie die folgenden Beispiele zeigen:

Weil allen Göttern weibliche Organe fehlen, sahen sich die Priester der frühesten patriarchalen Götter gezwungen, ihre eigene Art der Schöpfung und des Gebärens zu erfinden. In Ägypten behauptet Amun: »Mannigfaltig sind die Ge­stal­ten, wie sie aus meinem Munde ›hervor­gegangen‹ sind.« Ra vermählte sich mit seiner Hand und ›gebar‹ durch seinen Penis; Amen nahm den Phallus in seine Faust, aß seine Spermien und ›erzeugte‹ so das Geschwisterpaar Schu und Tefnut. (s. auch ›Von schwangeren Männern und göttlichen Gebärern‹)
So ›gebären‹ Götter die Ge­schöpfe durch Mund und Nase, durch den Penis, die Augen, durch Ausscheidung, Erbrechen, Spucken, Aushusten, durch Onanie, Selbstbegattung, Spermien, Speichel, Tränen und Blut. Die makaberen und unappetitlichen Mythen, die davon berichten, müssen den ÄgypterInnen, sofern sie überhaupt davon hörten, wie gigantische Possen vorgekommen sein, die bei ihnen wohl eher Spott und Ekel als Ehrfurcht auslösten. Und all das wurde erfunden, um davon abzulenken und nicht daran zu erinnern, dass Kinder seit jeher aus den Frauen und nicht aus Göttern geboren werden.
Adolf Erman, der in seinem Buch ›Die Religion der Ägypter‹ den Göttersagen ein Kapitel widmete, berichtet angewidert von Scherzen, Zoten und derart ausführlichen und ekelhaften Beschreibungen, dass er es vorziehe, sie wegzulassen (Erman ibd. 1934, S. 83). Trotzdem macht er uns mit einer dieser Geschichten bekannt. Thot, »der Sohn der beiden Herren (!), der aus dem Scheitel hervorging«, war das Produkt einer Vergewaltigung des Seth durch den ithyphallischen Gott Min. Erman, der den Mythos öffentlich machte, sah, »dass die Voraussetzung zu einer derartigen Sagenform eine Auffassung der Päderastie als Demütigung des unterlegenen Feindes zum Zeichen seiner völligen Unterwerfung bilden muss… Am gröbsten tritt diese übrigens der Sinnesart der Pyramidentexte durchaus entsprechende Auffassung in einem magischen Sargtext der Herakleopolitenzeit hervor, wo der Sprecher behauptet, ›Re hat keine Macht über mich, denn ich bin es, der seine Luft wegnimmt. Atum hat keine Macht über mich, denn ich koitiere seinen Hintern‹« (Hermann Kees ZÄS, 1925, S. 1).
Erman glaubte, die Sagen seien dem »Geschmack des niederen Volkes« angepasst worden, das an anderem Freude habe als die höher stehenden Kreise. Doch hier irrt Erman; diese Obszönitäten wurden nicht vom Volk, sondern von den patriarchalen Priestern als Teil der religiösen Mythen ausgedacht, und diese geschmacklosen Geschichten waren nicht Teil des Volksglaubens, was Erman auch bestätigt: »Von alledem, was die ägyptischen Gottesgelehrten ausgeklügelt haben, ist nur weniges wirklich ins Volk gedrungen.« (Erman ibd. 1934, S. 88) Robert A. Armour berichtet von Untaten und Verbrechen von Mitgliedern des Götterhimmels. Sie reichen von Trunkenheit, Diebstahl, Inzest, Foltern, Muttermord bis zu von ihnen verübten Massakern. (Armour ›Gods and Myths of Ancient Egypt‹ 1986, S. 50)
Plutarch lehnte viele Stellen der dynastischen Lehren als zu widerwärtig ab, danach müsste man ausspeien und den Mund reinigen. Dies eine »Bewusstseinsaufhel­lung« (Walter Wolf  ›Kulturgeschichte des Alten Ägypten‹ 1977, S. 65) zu nennen ist eine Möglichkeit – sie als Ausdruck von Barbarei und Perversion zu bezeichnen, käme den Tatsachen näher.

›Die materielle und geistige Kultur unserer abendländischen Welt ist mit ungezählten Wur­zeln in der Gesit­tung verankert, die im 3. vor­christ­­lichen Jahrtausend von den Sumerern ge­schaffen wurde.‹ (Hartmut Schmökel)

Damit trifft Schmökel ins Schwarze. Denn wie wir wissen, brachten die indoeuropäischen Sumerer den UreinwohnerInnen Mesopotamiens keine Kultur, sondern Gewalt und Krieg und zerstörten deren über lange Zeit gewachsene Kultur weitgehend. Die indoeuropäischen Priesterkasten waren die ersten Missionare, die die Welt für ihre erst erfundenen patriarchalen Götter überfielen, plünderten und eroberten. Missionierung ist nichts anderes als der Zwillingsbruder von Invasion und Kolonialismus; Missionierung heißt, sich andern überlegen fühlen, die einzige ›Wahrheit zu besitzen, heißt Eroberung fremder Kulturen, die Zerstörung fremder Anschauungen, Religionen und Länder; Missionierung ist religiös vertuschte Kolonisierung, angemaßte Herrschaft, Ausbeutung, Arroganz, Heuchelei, Verlogenheit, Intoleranz und Versklavung.

Gebärfähigkeit war einst das alleinige Zeichen von Macht

Der widernatürliche Mythos von der Schöpfung durch das Wort

Der begierige Wunsch der Könige, sich auf Götter zu beziehen, die selbst auf natürliche Art schwanger werden und gebären könnten, stellte eine schwierige Aufgabe für die Mythographen dar, denn ersichtlich für alle, die Schöpfung neuen Lebens blieb den Frauen und der Natur vorbehalten. Anders als in Ägypten, wo die Priester viele unappetitliche ›profan-sinnliche‹ Mythen erfanden, um die Frauen aus dem Schöpfungsprozess zu eliminieren, suchten die Mythographen in Sumer nach einer anderen, einer ›geistigeren‹ Lösung des Problems. Sie erfanden für Marduk den Schöpfungsmythos durch das Wort. Und so begannen die Götter zu sprechen und die Propheten hörten Gottes Worte.

›Wenn ein Mensch eine Stimme in seinem Kopf hört, nennt man ihn verrückt.
Wenn viele Menschen eine Stimme in ihrem Kopf hören, nennt man sie religiös.‹ (Richard Dawkins)

Marduk, der im Mythos Enuma Elish als Mörder der Muttergöttin waltete, steigt durch eine rätselhafte Prüfung zum Hauptgott auf:

Sie legten ein Gewand in ihre Mitte; zu Marduk ihrem Erstgebo­renen sagten sie: ›Wahrlich, oh Herr, dein Schicksal ist über das der anderen Götter erhaben. Be­fiehl zu zerstö­ren und neu zu entstehen – und so wird es geschehen! Durch das Wort deines Mundes lass das Ge­wand zerstört werden; befiehl aufs Neue, und lass das Gewand wieder ganz werden! Er be­fahl mit seinem Munde, und das Gewand wurde zerstört. Und wie­der befahl er, und das Gewand ward wieder heil. Als die Götter, seine Väter, die Kraft seines Wortes erkannten, da frohlockten sie und huldigten ihm und sagten: Marduk ist König.‹ (Heidel, zit. von  Erich Fromm)

»Die Bedeutung dieser Prüfung liegt darin, zu zeigen, dass der Mann seine Unfähig­keit zu natürli­chem Schöp­fer­tum – einer Fähigkeit, die nur die Erde und die Frau­en haben – durch ei­ne neue Art des Schöpfertums, nämlich das des Wortes (oder Den­kens), überwunden hat. Marduk, der auf seine Weise et­was erschaffen kann, hat die natürliche Überlegenheit der Mutter über­wunden und kann daher an ihre Stelle treten.« (Erich Fromm ›Anatomie der menschlichen Destruktivität‹ 1974, S. 146)

›Der Gott, der keine nennens­werte Vergangenheit hat, weil er ein junger Gott von Er­oberern ist, erhält eine Heldenvergan­genheit. Die heilige Geschichte er­setzt den notwendigen Machter­weis‹. (Walter Beltz )

Der Mythos von der männlichen Schöpfung durch das Wort wurde in die Zeit Hammurabis, der mit Abraham gleichgesetzt wurde, datiert. Das macht den Ursprung der biblischen Schöpfungslegende durch das Wort Gottes verständlich. »Der biblische Mythos beginnt dort, wo der babylonische endet. Die Oberherrschaft eines männlichen Gottes ist errichtet, und von der früheren matriarchalischen Stufe ist kaum noch eine Spur geblieben. Marduks ›Prüfung‹ ist zum Hauptthema der biblischen Schöpfungsgeschichte geworden. Gott erschafft die Welt durch sein Wort; die Frau und ihre schöpferischen Kräfte sind nicht mehr notwendig. Selbst der natürliche Verlauf, dass die Frau Männer gebiert, ist umgekehrt. Eva wird aus Adams Rippe geschaffen.« (Fromm ›Märchen, Mythen, Träume – Eine Einführung in das Verständnis einer vergessenen Sprache‹ 1991, S. 156) »Der biblische Mythos ist ein Triumphgesang über die besiegte Frau; er leugnet, dass die Frau den Mann gebiert und verkehrt die natürlichen Beziehungen ins Gegenteil.« (Fromm ›Liebe, Sexualität und Matriarchat‹ 1994, S. 127)

›Wer die Macht über das Wort hat, hat auch die Macht über das Denken der Menschen‹

Verständlich, dass die »Priester der männlichen Götter sich geradezu auf die Vorstellung, durch das Wort erschaffen zu können, stürzten, weil dadurch das schwierige Problem vermieden wurde, wie ein Wesen, das nicht gebärfähig ist, dennoch erschaffen konnte. Deshalb wurde der Logos zu einem wichtigen Versatzstück jeder patriarchalischen Religion. Ein Grund der männlichen Begeisterung für die Lehre vom Logos lag darin, dass diese Lehre den männlichen Gottheiten eine Schöpfungsmethode zur Verfügung stellte, was früher ausschließlich Vorrecht der Leben spendenden Göttinnen war« (Angus, zit. von Walker 1993, S. 620, und 1997, S. 149).Der Mythos von der Schöpfung durch das Wort ist eine der raffiniertesten Erfindungen, um die Schöpfungskraft der Frau zu leugnen, und ist gleichzeitig »die widernatürlichste Fantasie, die nur denkbar ist, sie verneint alle Erfahrung, alle Wirklichkeit, alle natürliche Bedingtheit. Sie setzt sich über alle Schranken der Natur hinweg, um ein Ziel zu erreichen: den Mann darzustellen als den schlechthin Vollkommenen, als den, der auch die Fähigkeit besitzt, die ihm das Leben versagt zu haben scheint, die Fähigkeit zu gebären. Diese Phantasie, die nur auf dem Boden einer extrem patriarchalischen Gesellschaft erwachsen kann, ist das Urbild allen idealistischen, sich über die natürlichen Bedingungen und Gegebenheiten hinwegsetzenden Denkens. Sie ist gleichzeitig der Ausdruck einer tiefen Eifersucht des Mannes auf die Frau, des Gefühls seiner Minderwertigkeit durch den Mangel dieser Fähigkeit, des Neides auf ihr Gebärenkönnen und des Wunsches, die Fähigkeit, wenn auch mit andern Mitteln, zu erlangen.« (Fromm ›Liebe, Sexualität und Matriarchat‹ 1994, S. 91).

Die Priesterkasten und ihre Götter waren ganz offensichtlich Schwindler, die die Menschheit narrten.

»Wie war es nur möglich«, schreibt Lucie Stapenhorst, »dass die Menschen wider alle Vernunft und wider allen Augenschein diesen Schöpfergott akzeptierten, der Leben schafft durch sein Wort. Darauf gibt es nur eine Antwort: Mit Gewalt wurde diese Lehre in ihre Hirne eingehämmert, bis sie nicht mehr wagten, anders zu denken. Seitdem ist es ein besonderes Verdienst im Christentum, die widernatürlichsten Lehren zu glauben. Je sinnwidriger die Botschaft, umso verdienstvoller ist der Glaubensakt; anders ausgedrückt:

Mit schwindendem Denkvermögen wächst der Glaube.«

(Stapenhorst ›Die Drächin und der Held – Vom Kampf gegen die weibliche Ur-Macht in Mythen, Märchen und Tiefenpsychologie‹ 1993, S. 11)

Die Mythen von abstrakten Göttern

Erst die abstrakten Vorstellungen von Göttern machten es den Mythographen möglich, einen Götterhimmel ohne das Konkret-Schöpferisch-Weibliche zu schaffen und ihre Götter von der irdischen Wirklichkeit durch eine fiktive schöpferische Kraft zu befreien. Dieses Abstraktum nennen sie geistig, immateriell, spirituell, substanziell, transzendent, verborgen, mystisch, mysteriös, unfassbar, unbeschreibbar, ein abstraktes moralisches Prinzip, weshalb die monotheistischen Buch-Religionen von ihren Vertretern als ›Hoch‹-Religionen bezeichnet werden. Suggeriert wird damit, sie seien, weil geschrieben, ›höher‹, weiser, göttlicher, geistiger , moralischer, vorbildlichen usw. als die von ihnen abgewertete ›profane‹ Natur- oder Volksreligion. Ein Etikettenschwindel, genau wie die Bezeichnung ›Hochkultur‹. Die ›Hochreligionen‹ sind allesamt abstrakt, losgetrennt von irdischer Wirklichkeit, sie behaupten, sie hätten die Grenzen des Bewusstseins überschritten, doch sie gründen auf Irrealem, Wahnhaftem. Freud spricht von einer ›Zwangsneurose‹ und ›halluzinatorischer Psychose‹. Die Hochgott-Religionen seien nicht erklärbar, unfassbar, »was das Auge nicht gesehen, noch das Ohr gehört hat«. Doch das sind hilflose, infantile Verschleierungstaktiken. So entkommt man dem Erklärungsnotstand für ›transzendente‹ Götter und ihre absurden bis bösartigen Botschaften.
»Der Religionshistoriker Olivier Roy hat in seinem Buch ›Heilige Einfalt‹ (2010) eine schlüssige Erklärung dafür gegeben, warum in einer säkularisierten Welt Fanatismus entsteht: Glaubensgrundsätze würden umso heftiger durchgesetzt, je weniger sie sichtbarer, selbstverständlicher Teil einer Gesellschaft sind« (Süddeutsche.de 21.3. 2013).

Der raffinierte Mythos vom ›ewigen Leben im Jenseits‹

Nach aller Mühe, die sich die indoeuropäischen Priesterkasten in Sumer und Ägypten bei der Bewältigung des Problems des männlichen Schöpfertums – der männlichen Schwangerschaft und des männlichen Gebärens – gemacht hatten, stand ihnen noch eine weitere Knacknuss bevor. Was konnte man dem Glauben an eine Wiedergeburt im Diesseits, der ja nur mit gebärfähigen Frauen möglich ist, entgegenstellen, um einen Glauben an ein Weiterleben im Jenseits zu verankern? Wie sollte eine von Frauen unabhängige Form des Nachtodes aussehen? Da brüteten sie den Gedanken an eine physische Auferstehung und ein Weiterleben nach dem Tod in einem obskuren Jenseits aus. Die Ausbildung konkreter Jenseitsvorstellungen war das Machwerk der Priesterschaft Ägyptens, ein äußerst geschickter Schachzug, um aus der großen Verlegenheit herauszukommen, wie man dem utopischen Wunsch des Anführers nach Unsterblichkeit und ewigem Leben nachkommen konnte. Das Privileg ewigen Lebens im Jenseits beschränkte sich zunächst auf den König und fand später Ausweitung auf die Herrscherschicht, während der Rest der Bevölkerung erbärmlich zugrunde ging. Alle möglichen Mittel und Maßnahmen wurden nun für das ›ewige Leben‹ der von den Göttern Privilegierten im Jenseits getroffen. Eine aufwendige Mumifizierung sollte ihren Körper erhalten. Dazu erhielten die so Präparierten eine üppige Wegzehrung, Waffen, Schmuck und Luxusartikel, zauberkräftige Schutzamulette, Beschwörungssprüche, Totenbücher und zur persönlichen Bedienung und zum Zeitvertreib: die ermordeten Frauen und Kinder des Harems, Dienerschaft und Tiere. (s. ›Sati‹ – Die Ermordung der Königinnen beim Tod der Könige der 1. Dynastie‹)

Die indigenen ÄgypterInnen konnten sich wohl kaum vorstellen, dass statt der Wiedergeburt aus dem Körper einer Frau das Leben nach dem Tod ewig weitergehen sollte. Und bei ihrem beklagenswerten Leben unter den Pharaonen hegten sie selten den Wunsch, dieses im Jenseits zu verlängern. ›Nicht geboren zu sein, ist das Beste‹, klagten sie, weshalb ›ewiges Leben‹ für sie ganz und gar nicht anziehend war; davon zeugen auch die Berichte der Selbstmorde, die für viele Menschen eine Erlösung von den drohenden und erlittenen Qualen im Diesseits darstellten. Im Laufe der Jahrtausende wurde die Jenseits-Spekulation vom ewigen Leben nach dem Tod zum integrativen, ja zum bedeutsamsten Bestandteil der patriarchalen Religionen bis heute.

Der verlogene Mythos von der Weisheit der dynastischen Religion:
›Eine große Ansammlung mytho­logischen Plun­ders‹

Eine unglaubliche Menge von Publikationen befasst sich da­mit, der ägyptischen Religion einen besonders vergeistigten, weisen, frommen und – im Vergleich zur ›primitiven‹ Volksreligion der indigenen Bevölkerung – geordneten, fortge­schritte­nen, höheren Anstrich zu ge­ben.
Dazu schreibt der Religionshistoriker Edwin O. James, dass im Wirrwarr der Religionen, der das westliche Asien im dritten und zweiten Jahrtausend charakterisierte, die sumerische Weltentstehungs­lehre wie auch die ägyptische Religion jeglicher Spiritualität entbehre. Alan Gardi­ner nennt sie ziemlich respektlos: »a vast accumu­lation of mythological rub­bish«, eine große Ansammlung mytho­logischen Plun­ders. Und Emery bemerkt, dass es während der gesamten ägyptischen Geschichte den Theologen nicht geglückt sei, ein Pantheon zu bilden, das nicht voller Ungereimtheiten gewesen wäre. »Dieses Chaos«, schreibt Erman, »hat auch später nie eine Ordnung erfahren, ja es ist in den drei Jahrtau­sen­den, welche die ägyptische Religion nach der Abfassung der Pyra­mi­dentexte noch gelebt hat, nur noch schlimmer geworden.« (Erman ›Ägypten und ägyptisches  Leben im Altertum‹ 1923/1984, S. 297) Schon Herodot berichtete, dass er sich nur ungern mit dem ägyptischen Götterkult befasste (Herodot 2,65). Der Ägyptologe Gaston Maspero (1846-1916), der die religiösen Texte eingehend studiert hatte, schrieb: »… musste ich zugeben, dass sie nichts von der Weisheit enthielten, die andere in ihnen gesehen hatten.« (zit. von Martin Bernal ›Schwarze Athene – Die afroasiatischen Wurzeln der grie­chischen Antike‹ 1992, S. 390) Diese Aussage wird von Adolf Erman bestätigt: »Der trübste Teil der ägypti­schen Religion sind die Deutungen und Fantasien, denen die Priester ihren Glauben un­terworfen ha­ben. Sie haben dies von jeher mit Vorliebe getan, und der Ruf tief­sinniger Weisheit, in dem die Ägypter bis in unsere Zeit ge­standen haben, gründet sich vor allem auf diese Art ihrer Wissen­schaft.« (Erman ›Die Religion der Ägypter‹ 1934, S. 88 f.) Hayes bedauert, dass die »Ägypter – obwohl tief religiös und moralisch – weder die spirituelle noch die mentale Ausstattung hatten, eine große Religion zu schaffen. Keine der Phasen der ägyptischen Religion entwickelte sich über ein primitives Stadium hinaus. Im Wesentlichen blieb es bei der Verehrung vieler verschiedener Gottheiten, die miteinander sehr willkürlich und künstlich verbunden waren. Nicht wie die Griechen und Römer, waren sie unfähig ein wahres Pantheon zu schaffen, das unter einem höchsten Gott organisiert war.« (Hayes ibd. S.78 f.) Damit hat Hayes recht, aber diese Unfähigkeit ist den patriarchalen Eroberern, die die Herrschaft Ägyptens übernommen hatten, anzulasten und hat nichts mehr mit der vordynastischen Religion der Göttin zu tun.
Doch heute feiert das Schönreden der ›großartigen ägyptischen Religion der Pharaonenzeit‹ bei einigen Autoren wieder fröhliche Urstände. Verständlich, denn das Patriarchat legt noch immer großen Wert auf diesen ›mythologischen Plunder‹, der ihre ›schon-immer-Mythen‹ und den Mythos von der göttlichen und männlichen Überlegenheit stützen und verewigen soll.

Die fünf großen Glaubenssysteme: Judentum, Buddhismus, Konfuzianismus, Christentum und Islam, beharrten, jedes auf seine Art, auf der natürlichen Minderwertigkeit der Frauen und verlangten ihre Unterwerfung unter ein Wertsystem, das die natürliche Überlegenheit des Mannes propagierte. (Rosalind Miles ›Weltgeschichte der Frau‹ 1990)

Die Mythographen: Indoeuropäisch/arische Priesterkasten und christliche WissenschaftlerInnen

Sowohl das männliche Priestertum als auch das männliche Königtum sind indoeuropäischen Ursprungs. Seit den ersten Überfällen der Indoeuropäer und wo immer sie auftauchten, »entsteht das Bild einer Gruppe von ag­gressiven Kriegern, die von einer hochgestell­ten Priesterka­ste begleitet wurde, die in die jeweiligen Länder zuerst einbra­chen und sie erober­ten, um dann die dortige Bevölkerung zu be­herr­schen« (Merlin Stone ›Als Gott eine Frau war – Die Geschichte der Ur-Religion unserer Kulturen‹ 1988, S. 104). Der Indoger­manist Polomé stellte fest: »Das Vorhandensein einer Priesterklas­se ist ent­scheidend für die typologische Charak­teri­sierung der indoeuropäischen Gesellschaft.« (›Journal of Indo-European Studies‹ (JIES) 1985, S. 26) Diese Tatsache betont auch Eduard Meyer: »Von ganz wesent­licher Bedeutung ist«, schreibt er, »dass sich bei den Ariern ein voll entwickelter berufs­mäßiger Priesterstand gebildet hat.« (›Geschichte des Altertums‹ 1.Bd. 2.Hälfte 1909, S. 824)
Die Priester, die die Eroberer begleiteten, »unterschieden sich in nichts von den Beamten, sie waren auch keine geistigen Führer des Vol­kes« (Sauneron ›Lexikon der ägyptischen Kultur‹, LdÄK 1960, S. 202). Die priesterlichen Männerbündler waren keine spirituellen Leiter oder Prediger. »Um Priester zu werden, brauchte ein Mann keine spezi­elle Berufung oder religiöse Gnade. Seine Aufgabe war die eines Administrators, eines Verwalters der Güter der Tempel, der Länder und Ein­nahmen.« (Barbara Watterson ›The Gods of Ancient Egypt‹ 1984, S. 38 f.) Jeder konnte Priester werden, der bereit war, gewisse Opfer zu bringen, z. B. sich beschneiden zu lassen, denn wenigstens einmal sollten sie bluten wie eine Frau, und Röcke zu tragen, finden sie, würde ihnen besonders gut stehen. Eine andere Bedingung war, sich während der Zeit des Dienstes von den ›unreinen‹ Frauen fernzuhalten und mit ihnen nicht geschlechtlich zu verkehren: Jede menstruierende Frau wurde aufgrund der unbewältigten Eifersucht der Männer als unrein verachtet. Die wichtigste Qualität war ›Rein­heit‹, nicht ein Talent zum Priestertum. Schon hier beginnt, was von monotheistischen Religionen, auch vom katholischen Klerus, bis heute gefordert wird, die ›unreine‹ Frau zu meiden. Hat Maria menstruiert? Wenn ja, müsste sie, wie es schon Luther getan hat, auch aus der katholischen Kirche eliminiert werden.

Barbara Watterson ›The Gods of Ancient Egypt‹ 1984, S. 38 f. stellte fest:

›Tempel waren ›Big Business‹, ein Bombengeschäft‹

Eine durch und durch korrupte elitäre Gesellschaft von Profiteuren und Ausbeutern

Nicht nur die Könige, auch der Kle­rus gelangte durch die Plünderung des Landes und der eroberten Nachbarländer zu außerge­wöhnlichem Reichtum. Zu den Lände­reien des Gottes Amun von Theben gehörte nahezu ein Zehntel Ägyptens mit 86’000 Men­schen, 400’000 Stück Vieh, einer Flotte von 87 Schiffen, 433 Gärten, 46 Werk­stätten und 56 Ortschaf­ten. Dieser dem ägyptischen Volk gestohlene Besitz »war ein nicht hoch genug einzu­schät­zendes Machtmittel, das der Klerus verbissen gegen Neider verschiedenster Art verteidigen musste, ge­gen die in Zeiten der Wirren von ihrer Habe Vertriebenen, gegen Soldaten und Ausländer und sogar gegen den je­weiligen Nachbar­tempel. [Das Patriarchat ist bekanntlich eine Männergesellschaft von Neidern!] Aber nach jeder vorübergehen­den Verarmung machte ein gottesfürchtiger Mann [sic] Gebrauch von seinen Verbindungen und stellte mit List und Geduld den Besitz seines Gottes wieder her« (Pierre Montet ›Das Alte Ägypten‹ 1975, S. 121)! Alan Gardiner berichtet, obwohl der Elite des pharaonischen Ägyptens von den Griechen der Ruf philosophischer Weisheit zugeschrieben wurde, habe niemand je mit mehr Bestimmtheit materielle Interessen verfolgt als sie (Gardiner ›Egyptian Grammar‹1988, S. 4). »Um was diese Könige beteten, waren nicht Charakter und untadeliges Le­ben; sie begehrten materi­elle Güter.« (James H. Breasted ›Geschichte Ägyptens‹ 1954, S. 254) In Mesopotamien war es nicht anders. Nach der Invasion der Sumerer wurde die Priesterkaste »bald die reichste und mächtigste Klasse in den sumerischen Städten«. (Will Durant ›Kulturgeschichte der Menschheit – Der alte Orient und Indien‹ 1935, S. 125)

Die habgierigen Priester, die den König, »den Sohn Gottes« (Hellmut Brunner), mit ihren mehr oder weniger obszönen, mehr oder weniger raffinierten Mythenerfindungen unterstützten, wurden vom Pharao reichlich belohnt. Priester zu sein, brachte viele Vorteile. Jeder Priester erhielt einen Teil des Tempeleinkommens und der Opfergaben; Tempel waren ›Big Business‹. Priester mussten keine Steuern zahlen und keine schweren körperlichen Arbeiten verrich­ten (Watterson 1984, S. 38 f.). Das System hat sich bis heute erfolgreich durchgesetzt. Der Vatikan, der Sitz der religiösen Monarchie mit seinen Palästen, Schätzen und unermesslichen Reichtümern ist dafür der beste Beweis. (Zahlreiche Berichte und Belege im Internet, z.B. (http://www.freie-christen.com/reichtum_der_kirche_ist_blutgeld.html#GOLD)

Religion ist die genialste und lukrativste Geschäftsidee,
die jemals von Menschen entwickelt worden ist‹. (Roland Berger)

Wolfgang Helck stellte fest: »Habgier war eine der Moti­vationen, Priester zu werden, denn die Einkünfte aus den Opfern waren ein großer Anreiz, Priester-Dienst zu tun. Die bis zum Totschlag führenden Kämpfe lokaler Priester um die Besetzung freier Stellen und ihre Opferanteile zei­gen den Verfall«. (Helck LÄ, IV, S. 1092) Die im Dienste der Tempel und des Hofes stehenden Steuereintreiber, deren »Hauptaufgabe  bestand wohl darin – darauf deuten zahlreiche Abbildungen schon in den Gräbern des Alten Reiches hin –, mit Stockschlägen das Ergebnis der Steuereintreibung zu verbessern« (W. Seipel in Arno Eggebrecht ›Das Alte Ägypten‹ 1984, S. 155). Sie »waren zäh und unnachgiebig: Wenn sie Menschen zur Fronarbeit ausheben sollten oder noch nicht genügend Vieh und Getreide eingetrieben hatten, waren sie entschlossen, sich einfach zu nehmen, was sie brauchten, und zwar wo immer sie es fanden. Der König stand mit seinen Bestrebungen ganz auf Seiten des Klerus, der unter Ramses III., [auch Ra-meses, vom arischen Gott RA (mesu) geboren], aber zweifellos auch schon früher, zu aussergewöhnlicher Macht gelang war.« (Pierre Montet ›Das Alte Ägypten‹ 1975, S. 120)

Die Priesterkaste, die ihrerseits wiederum den tyranni­schen Herrschern mit psychischem und physi­schem Terror gegen das Volk zur Seite stand, war eine dünkelhaft abgeschlossene ­Eli­teklasse, der unter ande­rem »zahlreiche Gewaltta­ten und Urkundenfälschun­gen« nachgewiesen wur­de. Trotz­dem dürfe man sie sich aber »nicht aus­schließlich als brutale Gewalt­herrscher oder als raffinierte In­triganten denken«, belehrt uns Günther Roeder (›Urkunden zur Religion des Alten Ägypten‹ 1915/1978, S. XIV).

Die absurden Mythen werden zur Grundlage von
Judentum, Christentum und Islam

Die sumerischen, iranischen und altägyptischen Mythen der patriarchalen Eroberer haben ihre Fortsetzung in den monotheistischen Religionen. Einiges von Genesis I wurde von jüdischen Priestern übernommen, als sie sich in babylonischer Gefangenschaft (ca. 597 bis 539 v.u.Z.) befanden. Der Sumerologe Samuel Noah Kramer weist in seinen verschiedenen Werken darauf hin, dass die sume­rische Religion nicht nur die ägyptische, sondern alle späteren Re­ligionen des Nahen Ostens inklusive der he­bräischen, der grie­chi­schen, der hethitischen, der christlichen und der muslimischen bis in die heutige Zeit tief beeinflusst hat. »Wer das Alte Testament zwischen den Zeilen liest«, schreibt Kurt Derungs, »wird darin einiges über die alten Göttinnen Anat, Astarte und Aschera in Erfahrung bringen. In der Negativdarstellung, Verfolgung und Dämonisierung lernen wir durch die einschlägigen Bibelstellen, dass es einen Göttinkult gab mit einer alten Naturverehrung mit Priesterinnen und dass eine breite Bevölkerung bis zum Königshaus die ›Himmelskönigin‹ verehrte. Auf der andern Seite steht die Jahwe-Bewegung mit einem ausgrenzenden Monotheismus, der sich im Prozess der Patriarchalisierung herausentwickelte. Träger der Jahwe-Propaganda sind selbstberufene ›Propheten‹ und Priester, die sich immer wieder in die Politik des Könighauses einschalten und im Namen einer ›höheren Macht‹ das Volk beeinflussen. In dieser Herrschaftspolitik werden nicht nur die alten Göttinnen verleumdet und ihre VerehrInnen eliminiert, sondern auch die mythologische Gestalt Jahwes instrumentalisiert, um an die Macht zu kommen und diese zu sichern.« (Derungs in E.O. James, ›Der Kult der Großen Göttin‹ (1959) 2003, S. 37)

Der amerikanische Schriftsteller Gore Vidal, ein Kritiker sozialer Missstände und politischer Willkür, drückte es so aus:

›Das große unsagbare Übel im Mittelpunkt unserer Kultur ist der Monotheismus. Aus einem barbarischen bronzezeitlichen Text, der unter dem Namen Altes Testament bekannt ist, haben sich drei menschenfeindliche Religionen entwickelt: das Judentum, das Christentum und der Islam. Es sind Himmelsgott-Religionen.‹

Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes patriarchalisch – Gott ist der allmächtige Vater –, und deshalb werden Frauen in den Ländern, die von dem Himmelsgott und seinen irdischen männlichen Vertretern heimgesucht waren, mehr als 2000 Jahre lang verachtet, unterdrückt, ausgebeutet und missbraucht. Grund ist eine Mischung aus Schuld, Neid und Angst vor der Frau.

»Der Monotheismus ist nicht nur eine Religion neben anderen – sondern ein Machtverhältnis. Jeder Vorstellung von Einem Gott liegen hierarchisches Denken, Kategorien wie Vorrang und Überlegenheit zugrunde. Der Eine Gott ist ›mehr‹ und ›höher‹ als alle anderen Götter. Und seine Anhänger sind allen Ungläubigen überlegen… Mit dem Alleinvertretungsanspruch auf Wahrheit kamen zum ersten Mal Orthodoxie, Blindgläubigkeit und Verfolgungspraktiken auf. Alle Widersacher der wiedergeborenen Eiferer mussten gnadenlos vernichtet werden. Wie es im Bund der Juden mit Jahwe heißt: ›Wer nicht den Herrn und Gott Israels sucht, der soll durch das Schwert umkommen, ob klein, ob groß, ob Mann oder Frau‹.« (Rosalind Miles ›Weltgeschichte der Frau‹ (1990) 1995, S. 96) Im Koran heißt es, dass nur Allah der einzige und wahre Gott sei, und all jene, die an falsche Götter glauben, vernichtet werden müssen. Für die Mörderbanden des IS gilt dies auch für ihre muslimischen Brüder, die nicht ihrer Version des Glaubens anhängen. Bei den Christen ist es der ›Liebe Gott‹, der mit den Kreuzzügen gegen alle ›Ungläubigen‹ blutig verteidigt werden musste. Also bekämpfen sie sich gegenseitig bis auf Blut; auch wenn ein paar besonders kluge Monotheisten behaupten, es handle sich bei allen Dreien um den gleichen Gott. Völlig unverständlich, dass die Religioten sich als ›Ungläubige‹ beschimpfen und sich gegenseitig umbringen.

Die patriarchalen Mythen im Christentum

›Das Charakteristische des ägyptischen Systems findet sich in der christlichen Lehre wieder.‹ (Wolfhart Westendorf)

Der indoeuropäischen Tradition, sich Überlegenheit, Macht, Land, Reichtum und ›Göttlichkeit‹ durch einen männlichen Ur- oder Vatergott attestieren zu lassen, folgten alle späteren patriarchalen Religionen, auch das Christentum. Es erstaunt nicht, dass sich jene Ägyptologen, die sich vor allem mit der Religion des Alten Ägypten beschäftigen, diese Urgott-Idee »nicht ohne innere Befriedigung« (Bonnet), als Bestätigung ihres eigenen Glaubens sahen. Auffallend viele von ihnen entstammen ›tief religiösen‹ Elternhäusern, waren Söhne von Priestern, sind selbst ausgebildete, wenn auch öfter nicht praktizierende Theologen und – überzeugt patriarchal. Sie haben deshalb kein Interesse daran, die Tatsache der frühesten matriarchalen Religion der Göttin der urgeschichtlichen Zeit anzuerkennen, obwohl sie aufgrund ihrer Studien darüber informiert sein dürften. Verfestigte Dogmen, religiöse Voreingenommenheit und Empfindsamkeiten verhindern die Erforschung und Veröffentlichung der Wahrheit. Das Problem, dass mit wissenschaftlichen Begriffen persönliche Glaubensinhalte als Fakten dargestellt werden, ist eine Verfälschung der Religionsgeschichte und kommt einer Indoktrination gleich. Mangels besseren Wissens können die wenigsten Menschen diesen Betrug durchschauen. Sie glauben den Autoritäten, auch wenn diese die Tatsachen lügenhaft und verzerrt darstellen oder ganz unterschlagen.

›Ich bin ebenso fest davon überzeugt, dass die Religionen Schaden anrichten, wie davon, dass sie unwahr sind‹. (Bertrand Russel)

Die ›Gottessöhne‹ und das bestohlene Heidentum

Der geistige Boden für das Christentum »war durch Ägypten bestens vorbereitet, sogar mitbereitet, sodass es als erstes Land der Erde christianisiert war«, stellen Brunner et. all stolz fest (›Osiris Kreuz und Halbmond – Die drei Religionen Ägyptens‹ 1984, S. 6). Christen, die das Heidentum als etwas Niedriges, Minderes, Verdammenenswertes, zu Bekämpfendes verurteilen, haben aber im Heidentum wie in einem Selbstbedienungsladen zugegriffen und davon schamlos abgekupfert.
Der Ägyptologe Arthur Weigall, ein Echnaton-Fan, zählt 27 aus dem Heidentum Ägyptens übernommene Doktrinen auf und spottet: »Der Ursprung der Trinität (Dreifaltigkeit) ist vollkommen heidnisch.« http://www.bible.ca/trinity/trinity-Weigall.htm)

99 Prozent der jüdischen und christlichen Lehre sind heidnisch

Jesus, der ›Sohn Gottes‹ genannt wird, ist keine Neuschöpfung, sondern eine Erfindung, die aus Ägypten stammt. Echnaton bezeichnete Aton als seinen Vater und sich als seinen einzigen Sohn. Bei der Geburt von Jesus, war der Mythos bereits 1400 Jahre alt oder noch älter. »Der ägyptische Mythos vom Gottessohn haftet sich an die Person des Pharao. Pharao ist Gottes Sohn und trägt als solcher den Titel ›Sohn des (Sonnen-) Gottes‹, außerdem aber mit seiner Thronbesteigung den Titel ›Horus‹, welcher ihn legitimiert als Gott.« (Emma Brunner-Traut ›Gelebte Mythen – Beiträge zum altägyptischen Mythos‹ 1988, S. 34) Die christliche Jesusfigur ist die Fortführung des sterbenden und im Frühjahr wieder auferstehenden Vegetationsgottes Osiris. Auch die »Vorstellung von einem Heilsbringer, der einen göttlichen Vater, aber eine irdische Mutter hat, wurde von ägyptischen Priestern erfunden« (H. Brunner ›Altägyptische Religion‹ 1989, S. 149).

image002

Gott Amun-Re schwängert Königin Ahmose mit Hatschepsut
(Tempel von Deir el-Bahari nach Naville 1896 Tafel 47)

Am Tempel von Deir el-Bahari ließ Hatschepsut das sogenannte Geburtsrelief anbringen. Es zeigt wie ihr Göttervater Amun, ihre leibliche Mutter Ahmose besucht und sie – gerade so wie der Heilige Geist die unverheiratete Maria aufsuchte – und schwängerte. Die Geschichte von der ›unbefleckten‹ Empfängnis Mariens geht auf den ägyptischen Mythos zurück, war aber auch in der griechischen Antike bekannt. Es war eine akzeptierte Redewendung in adeligen Kreisen, dass wenn ein unverheiratetes Mädchen schwanger wurde, man zu sagen pflegte, ein Gott habe sie besucht. Man sieht daran, wie dauerhaft Mythen wirken, selbst in unserem Zeitalter glauben Milliarden Menschen an diesen Mythos. Die Kirche die gegen jede sexuelle Handlung außerhalb der Ehe ist und die Familie heilig sprach, konnte nicht dulden, dass Jesus, der Sohn des Vatergottes unehelich und dazu noch mit dem von Augustinus verbreiteten Makel, einer Erbsünde belastet geboren wurde, die ja durch Geschlechtsverkehr erfolge. Im katholischen Kirchenrecht wurde die Gleichstellung nichtehelicher mit ehelichen Kindern erst 1983 anerkannt; also 2000 Jahre nach Jesus und seiner mystifizierten Empfängnis und der Reinheit seiner Geburt – und alle glauben daran (außer Uta Ranke-Heinemann, die deshalb als Ketzerin aus dem Lehramt gefeuert wurde). Die alleinstehende Frau und die alleinerziehende Mutter passen nicht ins Schema des Patriarchats. Sie büssen für ihr Abweichen von der gewünschten patriarchalen Norm mit sozialem Abstieg. Müttern und ihren Kindern droht in den reichsten Ländern der Welt ständig die Verarmung. Sie verstossen gegen die Dogmen der Kirche, haben sich entweder scheiden lassen – was für die Kleriker, die sich entweder vor der Verantwortung einer Beziehung gedrückt, oder (offiziell!) keine Kinder haben und nicht in ehelichen Verhältnissen leben – eine Straftat ist; oder die Frauen haben nach kirchlichem Werturteil gesündigt und ausserhalb der Ehe ein Kind gezeugt und müssen dafür bestraft werden. Selbst verheiratete Frauen versuchten noch vor wenigen Jahrzehnten ihre schönen schwangeren Bäuche zu verstecken, da sie ja von ihrer ›unkeuschen‹ Sexualität zeugen.

Nicht nur die Geburt, auch der Tod wurde von der indoeuropäischen Priesterkaste mystifiziert. Als Kampfansage gegen den matriarchalen Glauben an eine Wiedergeburt, der – der Wirklichkeit entsprechend eben aus einer Frau gedacht war – wurde der Glaube an eine Himmelfahrt, vorerst nur für den König, erfunden. Die Himmelfahrt des Königs wird schon in den Pyramidentexten, einem Konglomerat aus Magie und Zauberei propagiert. Der König, der zu seinem arischen Vater Ra in den Himmel aufsteigt, wurde im Christentum von der indoeuropäischen Königsreligion Ägyptens übernommen. »Die Idee vom Himmelsaufstieg kennzeichnet in Ägypten das offizielle Dogma des Königstodes« (Jan Assmann LÄ, II, S. 1206). Der König »steigt auf zu seinem Lichtland, entfernt sich zum Himmel und vereinigt sich mit dem Sonnengott der ihn geschaffen hat… Der Himmelsaufstieg als Heimkehr zum väterlichen Ursprung und Vereinigung mit der Sonne ist und bleibt in Ägypten das zentrale Dogma des königlichen Totenglaubens« (Assmann ibd.). Wie wir gesehen haben, ist unter anderem auch die Utopie der Unsterblichkeit bzw. des ›ewigen Lebens‹ ägyptischer Herkunft und die Idee ägyptischer, ursprünglich indoeuropäischer Priesterkasten.
Es gibt noch mehr Abgekupfertes: Die matriarchale weibliche Trinität wurde von den ägyptischen Priestern übernommen und zur männlichen Götterdreiheit von Amen-Re-Ptah gewandelt. Diese geht nahtlos über in die christliche Trinität von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Hier gibt es keine Muttergestalt mehr, »die Vermännlichung und Vergeistigung [!] dieses dritten Elements« sei abgeschlossen, befindet Westendorf. »Es sollte aber nicht vergessen werden«, gibt er zu bedenken, »dass in apokryphen Texten (Thomasakten) der Heilige Geist als ›Mutter‹ angesprochen wird.« (W. Westendorf, ZÄS 1974, S. 140) Apokryphen stehen für religiöse Schriften, die von der christlichen Kirche abgelehnt, nicht anerkannt,  jedoch sehr bedeutsam sind. Apokryph bedeutet verborgen, geheim, dunkel, abseitig, unecht und unzuverlässig.

 

 Wie es im Buch weitergeht:

  • Der ungeheuerliche Mythos vom Krieg als ›göttlichem Auftrag‹
  • Kein Mythos, sondern erschreckende Wirklichkeit:
    Die Bilanz des Patriarchats ist eine Bilanz des Grauens
  • Das Urbedürfnis nach Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit

Print page