Wohnen im Grab oder in unterirdischen Villen ?

Aus dem Inhalt:

  • Gräber oder unterirdische Villen der pharaonischen Diktatoren?
  • Die monumentale Anlage des Djoser in Sakkara
  • Diktatoren haben allen Grund, sich zu fürchten
  • Unterirdische Villen für die Herrscher, nicht Kultkapellen für die Götter
  • Die Bunkersysteme von Ceausescu, Gaddafi, Hitler u.a.

Die Bunkersysteme von Diktatoren, wie wir sie beispielsweise bei Ceausescu gesehen haben, ist keine Erfindung der Neuzeit. Mit Sicherheit kannten sie schon die Pharaonen. Wie alle Eroberer und Diktatoren waren sie paranoid und mussten tatsächlich ständig um ihr Leben fürchten, vor allem in der Frühzeit, als ihre Herrschaft noch nicht gefestigt war.

Gräber oder unterirdische Villen der pharaonischen Diktatoren?

Der Ägyptologe W.B. Emery berichtet von Hor-Den (Udimu), König der 1. Dynastie, und seiner Grabanlage in Sakkara: »Auf jeden Fall haben wir es hier mit dem gewaltigsten Denkmal aus der Regierungszeit Udimus zu tun, das an Umfang das südliche Grab dieses Königs zu Abydos weit übertrifft. Das Grab, das 57,3 m lang und 26 m breit ist, besteht aus einem Unterbau mit drei in den Fels eingehauenen Räumen, die von einer ursprünglich mit einem Holzdach versehenen großen Grube ausstrahlen. Den Zugang zu dem Unterbau bildete eine unterirdische Treppe, die in bestimmten Abständen durch steinerne Fallgatter versperrt war.« (Walter B. Emery ›Ägypten – Geschichte und Kultur der Frühzeit‹ 1964, S. 86) Emery vermutet, dass diese Gatter nach der Beisetzung herabgelassen worden seien. Aber warum sollte man sich eine solche Mühe machen? Vielleicht zum Schutz des Toten oder der Grabbeigaben, könnte man denken, doch die kostbaren Grabbeigaben waren gar nicht dort gelagert, sondern in einem über dem Grab liegenden rechteckigen Backsteinüberbau, der fünfundvierzig Vorratskammern enthielt. »Einige der Vorratskammern waren der Aufmerksamkeit der Plünderer entgangen und waren bei der Entdeckung unversehrt; sie enthielten eine Fülle von Gegenständen, die 5000 Jahre lang unberührt dort gelegen hatten, darunter viele Werkzeuge, Waffen, Brettspiele und Gefäße aus Kristall, Alabaster und Schiefer. Sie bilden heute die größte Einzelsammlung archaischer Gegenstände, die man je zutage gefördert hat.« (Emery ibd.)
Das Grab von Hor-Den (Udimu) in Abydos ist zwar kleiner und hat nur einen unterirdischen Raum, doch »genau wie beim Grab in Sakkara führt eine Treppe zu einer tiefen Grube, die ursprünglich eine Balkendecke und einen Boden aus Granitblöcken hatte. Der Überbau ist gänzlich verschwunden, maß aber wahrscheinlich insgesamt 23,4 Meter und 16,4 Meter« (Emery ibd.). Das ist eine beträchtliche Größe, vergleichbar mit einem Tennisplatz: die lange Seite misst da 23,77 Meter und die breite Seite 10,97 Meter). Die auffallenden unterirdischen Hohlräume (in Abydos aus Granit!) könnten zu Lebzeiten der Herrschenden und hohen Beamten sehr wohl eine Art ›Wohnbunker‹ gewesen sein, wo sie sich in Zeiten der Gefahr verschanzen konnten. Genau so suchten die Menschen während des Krieges Schutz in den Luftschutzkellern ihrer Häuser. Auffälligerweise hatten etliche Könige zwei dieser mysteriösen ›Gräber‹, davon immer eines in Unter- und eines in Oberägypten. Aber waren das nicht vielleicht einfach die beiden gut geschützten Residenzen, die sie auf ihren Reisen als Steuereintreiber und Richter benötigten?
Ab der 2. Dynastie und bis zum Ende des Alten Reiches (während ca. 500 Jahren) wurden diese unterirdischen Anlagen enorm vergrößert. Alexander Scharff schreibt, dass in ausgehöhlten Felsen eine große Anzahl von Räumen mit Treppen, die in die Tiefe führten, gefunden wurden. »Nicht wie sonst üblich, zu einer Sargkammer, sondern zu einem ganzen System von Räumen, in denen schon [der Archäologe J. E. ] Quibell die recht getreue Wiedergabe von Wohnhäusern der Lebenden gleicher Zeit erkannt hat. Gleich am Ende des Treppenschachtes pflegt ein als Pfropfen eingezwängter großer Stein Unberechtigten den weiteren Zutritt zu sperren; hie und da finden sich auch noch an anderen Stellen des anschließenden langen Ganges derartige Sperrblöcke.« (Scharff ›Das Grab als Wohnhaus in der ägyptischen Frühzeit‹ 1947, S. 18) Scharff betont: »Wer noch zweifeln sollte, dass diese unterirdischen Grabräume wirklich das Wohnhaus des Toten darstellen sollen, dürfte dadurch überzeugt werden, dass in den größten dieser Anlagen sogar ein Baderaum und daneben ein Abort gefunden worden sind.« (ibd.) Doch dies waren nicht nur Darstellungen, sondern effektiv Wohnhäuser.

Die monumentale Anlage des Djoser in Sakkara

djoser-fayenceDie größte unterirdische Anlage stammt aus der 3. Dynastie des Alten Reiches um 2650 in Sakkara. Unter der Stufenpyramide des indoeuropäischen Erobererkönigs Djoser/Djéser/Zeser/Cäsar, des Zaren, wurde in 32 Meter Tiefe ein ganzes Labyrinth von Gängen und Kammern freigelegt. Der Architekt Jean-Philippe Lauer widmete 75 Jahre seines Lebens der Erforschung und Rekonstruktion dieses Pyramidenkomplexes. Die unterirdische Anlage umfasste auch mit wunderschönen blaugrünen Fayence-Kacheln geschmückte Wohnräume. (Abb. Rekonstruktion der Fayance-Panele in einem Zimmer des Südteils unter der Djoser-Pyramide. Nach Cyril Aldred ›Egypt to the end of the Old Kingsom‹ 1965, 69)
In den weitläufigen unterirdischen Galerien wurden etwa 40.000 Gefäße aus Keramik und Alabaster gefunden, die durch Inschriften als Grabbeigaben aus der 1. und 2. Dynastie identifiziert wurden. Die Kunst der Herstellung dieser Gefäße war in dieser Zeit für Ägypten noch nicht möglich, jedoch charakteristisch – für das iranische Aratta. Diese Kunstobjekte tauchten in der frühdynastischen Zeit erstmals in Ägypten auf. Es war luxuriöses Essgeschirr, Vasen, Schalen, Becher und Schüsseln, Siegelzylinder, Keulenköpfe und Paletten, geschaffen aus jeder Art von Weich- und Hartgestein, Rosenquarz oder Bergkristall; alles  mit außergewöhnlichem technischem Können hergestellt.

Diktatoren haben allen Grund, sich zu fürchten

Man kann sich unschwer vorstellen, dass die enormen Sicherheitsvorkehrungen der ersten Erobererchefs notwendig waren, denn es ist kaum anzunehmen, dass sich die Einheimischen nicht gegen die brutalen Invasoren gewehrt hätten. Die Elite der Eroberer und der Herrscher selbst wohnten schon aus Sicherheitsgründen niemals außerhalb geschützter Anlagen. Gewisse Wissenschaftler glauben, sie hätten in ›Palästen aus Lehmziegeln‹ gewohnt, die man jetzt nicht mehr finde, weil das vergängliche Material keine dauerhaften Spuren hinterlassen habe. Doch das ist absurd. Scharff, ein Kenner der ägyptischen Geschichte, ist bestens bekannt, dass in den ersten Dynastien unter der Herrschaft der Eroberer chaotische Zustände herrschten, dass Kriege gegen das unterdrückte Volk geführt und Massaker verübt wurden. Es ist einfach, sich die Wut des Volkes auf diese mörderischen Eindringlinge vorzustellen, die sich von ihren Unterdrückern und Ausbeutern zu befreien suchten und den Eroberern nach dem Leben trachteten. Diese hatten effektiv allen Grund, sich zu fürchten und zu verschanzen.

Unterirdische Villen für die Herrscher, nicht Kultkapellen für die Götter

Das unterirdische ›Grab‹ des Mereruka in Sakkara besteht aus 32 Räumen. Unweit davon führt im ›Grab‹ des Ti vom Säulenhof des Eingangs eine Treppe zum unterirdischen Grabraum, wo der Sarkophag steht. Die Reliefs, mit denen diese Gräber-Villen über und über dekoriert sind, gehören zu den schönsten, die Ägypten je hervorgebracht hat; vermutlich waren sie das Werk von verschleppten oder mitgebrachten Künstlern aus Aratta. Aber, und das ist erstaunlich, in Räumen, in denen Ägyptologen ›Kultkapellen‹ gesehen haben, finden wir nicht eine einzige sakrale Abbildung, keine einzige Gottheit. Alexander Scharff findet es immerhin merkwürdig, dass sich auch in Giza »in den Privatgräbern der Vornehmen keine religiösen Darstellungen und Texte finden, weder für die Götter noch für den König«, doch, so meint er, dürfe diese Tatsache keinesfalls mit der rein materialistischen Auffassung abgetan werden, als seien die Ägypter des Alten Reiches lediglich frohe Genießer des Diesseits gewesen, die keinen anderen Wunsch gehabt hätten, als möglichst viel vom behaglichen diesseitigen Erdenleben bildlich mit ins Jenseits hinüberzunehmen (Scharff und Anton Moortgat ›Ägypten und Vorderasien im Altertum‹ 1950, S. 65). Aber es sind gerade solche Beteuerungen, die uns misstrauisch machen und die Augen für die Wirklichkeit öffnen. Wenn wir unserer Wahrnehmung trauen, sehen wir gerade diese von Scharff unerwünschte Tatsache bestätigt: Hier feiert eine reiche Oberschicht sich selbst und einen ungeheuerlichen Materialismus und Personenkult; allerdings in ständiger Angst vor der unterdrückten und hungernden Bevölkerung.

Die Bunkersysteme von Ceausescu, Gaddafi, Hitleru.a.

Spätestens seit wir von Ceausescus geheimen unterirdischen Wohnräumen seines Palastes hörten, dem Führerbunker Hitlers, den weitläufigen unterirdischen Anlagen  usw. fällt es schwer, in diesen riesigen Villen Gräber zu sehen. Diese Anlagen stellen wohl nicht nur Wohnhäuser dar, sondern waren es tatsächlich; sie enthielten auch einen Grabraum, hatten aber eben wirklich alles, was es zum Leben braucht: Empfangs-, Wohn- und Schlafräume, Vorratsräume, Harem, Bad und Toilette, insgesamt bis zu 43 Räume mit Luftschächten nach draußen. Unterirdische oder in Felsen geschlagene Wohnräume schützten nicht nur vor großer Hitze und Kälte, sondern boten vor allem Schutz vor Überfällen. Der einzige sensible Eingangsbereich, der mit einer Holztür versehen war, konnte in Zeiten der Gefahr mit einem oder mehreren großen Steinen gesichert werden; dies war der Zweck der Sperrsteine!

 


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