Das matriarchale Königinnentum ÄGYPTENS

Aus dem Inhalt:

  • Neolithische Gräber bezeugen viele Jahrtausende der matriarchalen Urkultur
  • Die monumentalen Palastanlagen der Königinnen der 1. Dynastie
  • Matriarchale Königinnen – Hohepriesterinnen der Göttin
  • Matriarchale Königinnen: Die verkannte Macht, die für Frieden,
    Gerechtigkeit und Wohlstand für alle sorgte
  • Matrilinearität – die natürliche mütterliche Erbfolge
  • ›Die seltsame Gesetzlichkeit der weiblichen Thronfolge‹
  • Die Gefangennahme und Entführung der Königinnen
  • Zeugnisse eines epochalen Umsturzes
  • Die Zeit der Eroberung und Gewalt und ihre Beschönigung: Narmer
  • Wer war Menes?
  • Der Zusammenbruch des Alten Reiches:
    Das kostbare matriarchale Erbe war verschleudert

Wie der Titel sagt, handelt diese Arbeit vom neolithischen Königinnentum Ägyptens und geht damit einen Schritt zurück in die Ur-Geschichte. Die Folgen des Umsturzes vom matriarchalen Königinnentum in die patriarchale dynastische Zeit der Könige (Pharaonen) habe ich bereits ausführlich in zwei Monographien dokumentiert: ›Was war vor den Pharaonen – Die Entdeckung der Urmütter Ägyptens‹ 1994 und ›Der Kampf gegen Weisheit und Macht der matriarchalen Urkultur Ägyptens‹ 2009.

Neolithische Gräber bezeugen viele Jahrtausende der matriarchalen Urkultur Ägyptens

Ägypten lebte vor der indoeuropäisch-arischen Eroberung nicht nur in Frieden, sondern war ein kulturell, wirtschaftlich, sozial, künstlerisch und religiös von Matriarchinnen, Priesterköniginnen der Göttin Neith, menschlich und gerecht geleitetes, politisch regiertes, sozial geordnetes Land, das im Wohlstand lebte. Die Gesellschaft war matriarchal, matrilinear und matrilokal organisiert und die matriarchale / matrilineare Abstammungslinie behielt auch noch nach der patriarchalen Machtnahme und der Errichtung der männlichen Dynastien der Eroberer Gültigkeit. Das sind keine leeren Behauptungen, sondern lassen sich Schritt für Schritt einwandfrei belegen.

Der niederländische Archäologe, Altorientalist und Ägyptologe Henri Frankfort berichtete, dass es in den Tausenden von urgeschichtlichen Gräbern kein einziges Anzeichen gab, das durch Größe oder Ausstattung auf einen ›großen Chef‹ hingewiesen hätte (Frankfort ›The Birth of Civilization in the Near East‹ 1951, S. 43 f.). Bei späteren Ausgrabungen (s. Baumgartel unten) wurden jedoch tatsächlich unterschiedliche Gräber gefunden. Aber auch dabei fand man keine ›elitären‹ Männergräber oder Anzeichen ›großer Chefs‹ und überhaupt keine Anzeichen irgendwelcher Art männlicher Macht. Charakteristisch für Gräber ›großer Chefs‹ sind Symbole von Macht, Reichtum und Gewalt; unabdingbar sind (Metall-) Waffen als Grabbeigaben. Diese wurden erst aus der Nagada-II-Periode gefunden, der beginnenden Zeit der Infiltration von Indo-Europäern aus dem Norden, der Zeit, als so viele radikale Veränderungen in Ägypten stattfanden. Elise J. Baumgartel machte jedoch eine Aufsehen erregende Entdeckung. Sie stellte fest: »Während der Nagada-I-Zeit ca. 4000 bis 3500 gehörten die größten und wichtigsten Grab-Anlagen Frauen. Sie enthielten mehr kostbare Objekte als jene der Männer. Daraus schließe ich auf eine matriarchale Gesellschaft, von der starke Überreste in historischer Zeit überlebten.« (JEA 1975, S. 30)
Ohne diese bemerkenswerte, von Baumgartel übermittelte Tatsache zu erwähnen, schreibt der britische Historiker und Ägyptologe Toby Wilkinson doch einen der wichtigsten Sätze, der zur Aufhellung der Zeit  v o r  der Machtnahme der indoeuropäischen Eroberer beitragen sollte:

»Die ägyptische Kultur hatte sich schon  l a n g e  v o r  der geschichtlichen Zeit um verschiedene lokale Königtümer zentriert. Das ägyptische Königtum war keine Neuerscheinung der Hochkultur; das gab es schon seit der Nagada-I-Zeit… Es konnte eine ungebrochene Abfolge von elitär-königlichen Gräbern in Hierakonpolis von der Nagada-I-Zeit bis an die Schwelle der 1. Dynastie entdeckt werden.« (Toby Wilkinson ›Early Dynastic Egypt‹ 1999, S. 183 und 48).

Hierakonpolis war die südlichste und älteste Stadt Oberägyptens. Weiter nördlich in der Provinz des heutigen Luxor wurde im ›Tal der Königinnen‹ ein urgeschichtlicher Pilgerort mit dem Uterus-Heiligtum der Großen Göttin von Christiane Desroches Nobelcourt erforscht. Sie schreibt: »Dieses ›kosmische Sanktuar‹ diente religiösen Zwecken und muss schon Tausende Jahre vor der pharaonischen Zeit benutzt worden sein.« Wir wissen nicht, aus welcher Zeit die Anfänge seiner Benutzung stammen, aber wahrscheinlich war auch hier auch eine urgeschichtliche Begräbnisstätte. Was wir aber mit Sicherheit wissen, in beinahe 100 Gräbern wurden später in diesem kleinen Tal Angehörige des königlichen Hofes, vor allem Frauen und Kinder des Neuen Reiches (den ca. 500 Jahren zwischen 1550 und 1070) bestattet. Das berühmteste Grab ist das der Königin Nefert-Ari; der ›Schönen Arierin‹, der Großen Königlichen Gemahlin Ramses des II. (19. Dynastie).
Noch weiter nördlich konnte man in der Provinz von Abydos feststellen, dass die Gräber der Könige der 1. Dynastie direkt an jene der früheren reich ausgestatteten ›Elitegräber‹ anschließen, welche mit großer Wahrscheinlichkeit von matriarchalen Königinnen aus der Zeit von Nagada-I bis zum Ende der prädynastischen Zeit (ca. 4000 bis 3500, bzw. 3100) stammen.

Abydos BergspalteIndoeuropäische Erobererkönige ließen sich – wohl um sich als ›rechtmäßige‹ Könige zu ›legitimieren‹ – im symbolträchtigen Abydos, einer der traditionellen Begräbnisstätten der matriarchalen Zeit begraben.

Abydos war schon Jahrtausende vor der Invasion der Indo-Europäer ein Wallfahrtsort und eine bedeutende Nekropole der einheimischen ÄgypterInnen. Und wie schon das Tal der Königinnen mit dem Uterus-Heiligtum und die Felsvulven, die im Tal der Könige in die Tiefen der Gräber von Königinnen und KönigInnen des Neuen Reiches führen, war auch diese Begräbnisstätte einst ein Pilgerort mit offensichtlich weiblicher Symbolik. Darauf deutet schon der Name des Friedhofes Umm el-Qaab ›Mutter der Töpfe‹ hin, denn Gefässe symbolisieren den Leben spendenden und nährenden weiblichen Körper. Den Hintergrund des Friedhofes bildet eine von einem Tal durchtrennte Hügelkette, die wie eine prominente natürliche Spalte wirkt. Das Grab der Königin Merit-Neith und der Königin Wadjet/Isis sind in Richtung des Wadi-Eingangs kultisch ausgerichtet. Wie die offenen Schenkel der Mutter Erde lädt die Szenerie die Toten ein, durch die ›Nut‹ in den Schoss der Großen Göttin einzutreten. Den Ägyptern und Arabern war die Symbolik bekannt. Der Pass zwischen zwei Bergrücken ist eine arabische Beschreibung der Yoni/Vulva und heißt ›el feurdj‹, was auch für Gang, Öffnung und Schlitz steht. (Rufus Camphausen ›Yoni:  Die Vulva – Weibliche Sinnlichkeit, Kraft der Schöpfung‹ 1999, S. 106 f.)
Die nächste wichtige Grabstätte in Unterägypten war das Plateau von Gizeh. Wie der Ägyptologe Adolf Erman schreibt, wurde auf dem Plateau von Gizeh beobachtet, dass es »drei Jahrhunderte lang Sitte war, dass vornehme Leute unweit der Pyramide ihres Königs bestattet wurden.« (Adolf Erman ›Die Welt am Nil‹ 1936, S. 74) Wie in Abydos wollten die Könige damit wohl die Nähe zur Königin und ihre ›Legitimierung‹ vortäuschen, indem sie sich bei den traditionell weiblichen Begräbnisstätten begraben liessen. Gizeh war ein urgeschichtlicher Wallfahrtsort der Göttin Isis, die schon in der matriarchalen Zeit verehrt wurde; Isis war die Göttin des Pyramidenplateaus. Keiner der drei Könige, denen von den Ägyptologen der Bau der drei Großen Pyramiden und die Sphinx zugeschrieben wurde, rühmte sich je, Erbauer der Pyramiden, oder Auftraggeber der Sphinx gewesen zu sein. In Anbetracht der Hybris der Herrscher Ägyptens ist das doch sehr erstaunlich; was wohl heißt, sie hatten nichts mit diesen Monumenten zu tun, weil sie schon längst da standen als Ägypten erobert wurden. Jedoch muss es eine große Ehre gewesen sein, auf dem Plateau, dem altehrwürdigen Pilgerort der Göttin, begraben zu werden. Deshalb wurden die Gräber (Mastabas) der Verwandten des Cheops, angrenzend an die ihm wohl irrtümlich zugeschriebene Pyramide angelegt, die während seiner Regierungszeit oder kurz danach gestorben sein müssen – und wahrscheinlich wurde er selber ebenfalls dort begraben. Jedenfalls fand man in keiner der drei Pyramiden die Mumie eines Königs. (s. D. Wolf 2009, ›Das Rätsel der Pyramiden‹ S. 85–90)

Die monumentalen Palastanlagen der Königinnen der 1. Dynastie

Die riesigen Anlagen werden irrtümlich
als Grabstätten der
Königinnen betrachtet

Sippenmütter, Matriarchinnen, Priesterinnen, gelehrte Frauen, Schreiberinnen Medizinerinnen, Lehrerinnen, Organisatorinnen des Handels, der Land und Lagerwirtschaft, der weiblichen und männlichen Künstler, Handwerker, Stadtplaner, Architekten usw. waren vor der Eroberung unter der Ägide der Priesterköniginnen des Landes tätig; und sehr wahrscheinlich waren die gewaltigen, palastartigen Monumentalbauten deren Arbeitsstätten und Regierungssitz. Es dürfte sich also bei den beeindruckenden Nischen-Ziegelbauten eher um Residenz, Sitz und Zentrum der politischen und religiösen Macht der Königinnen der matriarchalen Zeit, als um Grabanlagen handeln. Die Gleichartigkeit der Verwaltungsresidenzen im Süden Mesopotamiens und die mindestens ein Jahrtausend währende Kultur der dortigen Königinnen vor der Machtnahme durch die indoeuropäischen Sumerer, die wir im Kapitel zum ›matriarchalen Königinnentum Mesopotamiens‹ noch kennen lernen werden, attestieren diese Annahme. Der Archäologe Walter H. Emery scheint dies auch für Ägypten zu bestätigen. Er schreibt:

»…zu der Zeit, als die erste Dynastie gegründet wurde, florierte
bereits eine voll entwickelte und kunstreiche Ziegelarchitektur.«

Emery betont: »Die schlagende Ähnlichkeit der mit Nischenfassaden versehenen Ziegelbauten in den beiden Gebieten ist zu offenkundig, als dass man sie außer acht lassen dürfte.« (Emery ›Ägypten – Geschichte und Kultur der Frühzeit‹ 1964) Die sogenannte Grabanlage »der Neith-Hotep, der ersten Königin der 1. Dynastie, liegt in der Nähe von Nagada in Oberägypten, ein riesiger Lehmziegelbau mit Nischenglie­derung der dic­ken, sorgfältig ge­mauerten Wände.« Emery beschreibt den Bau als »ein prächtiges Denkmal von 53,4 m Länge und 26,4 m Breite« (Emery ibd. 1964, S. 41). Als Jacques J.M. de Morgan im Jahre 1896 in Nagada die riesige Anlage ent­deckte, wurde sie nach patriarchalem Muster, irrtümlicherweise Hor-Aha, dem ersten König der ersten Dynastie, als Grab zugeschrieben. Spätere For­schungen erga­ben jedoch, dass die Anlage jene der Königin Neith-Ho­tep war. (Flinders W.M. Petrie ›A History of Egypt‹ I – III 1896/1991, S. 15)
Man glaubte auch, die Königinnen hätten zwei Gräber gehabt, »wie sonst nur die regie­ren­den Könige der 1. und 2. Dynastie, zum Beispiel Merit-Neith eines in Sakkara und eines in Abydos« (Peter H. Schulze ›Frauen im Alten Ägypten‹ 1988, S. 206). »Das Grabmal der Königin Merit-Neith in Abydos ist eines der größten und am besten gebauten in der betreffenden Gruppe.« (Emery ibd. 1964, S. 62) Man nahm auch hier zuerst an, dass Merit-Neith ein König war, aber später zeigte sich, dass der Name weiblich ist, und dass es sich, dem Reichtum des Begräb­nis­ses zu­folge, um eine Kö­nigin handelte.
In Sakkara wurde ebenfalls ein »großes Grab zutage gefördert, das für die Königin Her-Neith angelegt war. Dessen Inschriften berechtigen uns, sie für die Gemahlin Zers/Djers zu halten.« (Emery ibd. 1964, S. 55). Emery zieht in Erwägung, dass auch Her-Neith eine regierende Königin war! Er schreibt: »Es handelt sich um eines von mehreren Monumentalgräbern dieser Königin. Sie war offenbar mehr als die Gemahlin eines Königs und vielleicht selbst regierende Monarchin.« (Emery ibd.)

 Grab der Metit

Rekonstruktion des wahrscheinlichen Regierungssitzes der regierenden Königin Merit-Neith in Sakkara (Zeichnung von Jean-Philippe Lauer)

Grabkomplex Merit-Neith Sakkara. Emery

Die beeindruckenden Überreste des Lehmziegelbaus. Westseite des sogenannten ›Grabmals‹ der Königin Merit-Neith in Sakkara. 1. Dyn.

Sakkara war einer der Regierungssitze der matriarchalen Königinnen

Der Architekt und Ägyptologe Jean-Philippe Lauer bezeichnet Sakkara als ›Nekropole der Herrscher des Alten Reiches, deren Sitz in Memphis war‹. (›Die Königsgräber von Memphis‹ 1988) Jedoch dürfte die monumentalen Anlage der Königin in Sakkara schon lange  v o r  der Machtnahme der Eroberer die Residenz der regierenden matriarchalen Königinnen gewesen sein. Die Stadt Memphis war jünger als Sakkara; »Manetho berichtet, dass Memphis der Legende nach von König Menes 3000 v. Chr. gegründet wurde.« (Wikipedia)
Auch die monumentale Anlage der Königin Wadjet/Isis in Sakkara muss prachtvoll gewesen sein. Der Bau war umgeben von einem Bukranien-Sims mit 300 Rinderköpfen aus Ton mit echten Hörnern. Bukranien waren das Symbol für den Uterus, dessen Form hier deutlich ist und die Hörner für die hörnerartigen Eileiter. Es sind zweifelsfreie Symbole weiblicher Schöpfungsmacht. Die monumentalen Bauten mit Nischenfassaden werden von den meisten Ägyptologen als Gräber der Königinnen der 1. Dynastie angesehen. So schreibt etwa Peter H. Schulze: »Die Gräber der Königinnen sind viel größer, besser aus­gestattet und in ihrer Archi­tektur moderner als die zeitgleicher Könige.« (›Frauen im Alten Ägypten‹ 1988, S. 206) Doch die Palaststrukturen machen deutlich, dass es eben nicht Gräber, sondern mit großer Wahrscheinlichkeit die Anlagen der Staatsverwaltung der matriarchalen Priesterköniginnen waren.

 »Wir haben reichliche Beweise, für die Existenz eines hochzivilisierten Staatswesens mit einem gut organisierten Verwaltungsapparat«!
(Emery ibd. S. 85)

Es ist auffallend, wie wenig Forschung der Zeit vor der patriarchalen Dynastie-Gründung gewidmet wurde. Könnte es sein, dass sich die patriarchale, erzkonservative Wissenschaft bisher davor scheute und sich schwer damit tut, die Tatsachen eines  Matriarchats mit ausschliesslich weiblichen Regierenden zu untersuchen und anzuerkennen? Das gleiche gilt auch für die Religion der Göttin, die vor der Erfindung patriarchaler Götter existierte und viele Jahrtausende anhielt, bis sie mit dem Beginn des Patriarchats vor ›nur‹ 5000 Jahren allmählich verdrängt und schliesslich aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht und verschwunden ist.
Das von Emery erwähnte ›hochzivilisierte Staatswesen‹ stammte aus der matriarchalen Zeit Ägyptens, den vielen Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden vor der Invasion; es konnte nicht während der kriegerischen Eroberung oder in der kurzen Zeit danach von den Invasoren geschaffen worden sein. In der Zeit nach dem Überfall, der Einnahme der oberägyptischen Stadt Hierakonpolis und den innerägyptischen Kriegszügen zur ›Vereinigung‹ Ober- und Unterägyptens hatten die neuen Herrscher genug zu tun mit der Abwehr der Aufstände der indigenen Ägypterinnen und der Etablierung und Stabilisierung ihrer Macht. John A. Wilson schreibt, dass nach der Eroberung und Konsolidierung noch etwa vier Jahrhunderte nach der Gründung der ersten Dynastie vergingen, bis das Staatsgebilde Ägyptens stabil geworden war, und dass die Kultur erst unter der dritten und vierten Dynastie eigene, neue, charakteristisch ›ägyptische‹ Ausdrucksformen hervorzubringen vermochte. »Vermutlich konnte sich der neue Staat der Architektur, Kunst und Literatur nicht zu einer Zeit zuwenden, da er Regierung und Verwaltung aufbauen und die neue Ordnung im Bewusstsein der Regierten verankern musste.« (Wilson ›Ägypten‹ in ›Propyläen Weltgeschichte‹ 1961)

Die Eroberer schufen keine Hochkultur

Die Erobererkönige der 1. Dynastie übernahmen die bestehenden palastartigen Tempel, bzw. die wahrscheinlichen Regierungsanlagen samt der matriarchalen Landesverwaltung. Sie haben die ägyptische Hochkultur nicht geschaffen, sondern sie von den regierenden, matriarchalen Königinnen der vor-dynastischen Zeit usurpiert. Dafür gibt es Indizien.Serech Emery Emery schreibt: »Die frühesten Darstellungen der serech-Palaststruktur – zum Beispiel auf der Narmer-Palette – beweisen, dass es solche Bauten schon  v o r  der Einigung Ägyptens gab, und es ist wichtig festzustellen, dass die Thinitenkönige diesen Stil übernommen haben.« (Emery ibd. 1964, S. 183, do. Abbildung, Hvhb. DW) Sowohl die Abbildung auf der Narmerpalette (ca. um 3000) und die reich mit Nischen gegliederten Palastfassaden der sogenannten Gräber der Königinnen der 1. Dynastie bezeugen, dass sie bereits aus der Zeit vor der Eroberung stammen. »Pfeile, Thron und Palast [die Palastmauer ›Serech‹] erscheinen in der Frühzeit als ›weibliche Macht‹, weshalb sie später beim Zeitpunkt der Anthropomorphisierung der Mächte Göttinnen werden.« (Helck ›Betrachtungen zur Großen Göttin und den ihr verbundenen Gottheiten‹ 1971, S. 4)
Die Gräber der Eroberer waren auffallend einfach; im Gegensatz zu den prächtigen Bauten der Königinnen in Sakkara, Nagada und Abydos war das Grab von Narmer in Abydos geradezu kümmerlich. Es besteht lediglich »aus einer großen, mit Ziegeln verkleideten Grube, die 11 m lang und 9,4 m breit ist, die im Vergleich zur Grabanlage der Neith-Hotep in Nagada fast unbedeutend wirkt.« (Emery 1964, S. 40) Auch für Emery war dies unverständlich: »Wir müssen annehmen, dass dies nur die südliche Grabstätte des Königs war und dass sein eigentlicher Begräbnisplatz noch der Entdeckung harrt.« (ibd.) Das tut er bis heute. Der Althistoriker Eduard Meyer (1855-1930) betrachtete es als »höchst unwahr­scheinlich«, dass »die Königin Neith-Hotep hier und der Herrscher selbst in ei­nem der ganz un­scheinbaren Gräber von Abydos bestattet sei« (Meyer ›Geschichte des Altertums‹ 1909, S. 124). Unwahrscheinlich ist das nur, wenn man die Wichtigkeit der Königinnen der matriarchalen Zeit nicht kennt oder leugnet. Bis heute können sich patriarchale Archäologen und Althistoriker nicht vorstellen, dass nicht die ›Chefs‹, sondern Frauen einmal die Macht inne hatten und ihr Volk erfolgreich und ohne Gewalt und Krieg führten.

Matriarchale Königinnen – Hohepriesterinnen der Göttin

»Selbst in neolithischen und frühesten historischen Zeiten wurde die Königswürde in vielen Städten und Siedlungen als gottgegebenes Recht verstanden – wie es bei den noch verbliebenen Monarchien auch heute noch der Fall ist. Der Hauptunterschied bestand darin, dass dieses göttliche Recht ursprünglich nicht durch einen männlichen Gott verliehen wurde, sondern durch die Göttin. Dokumentarisches und mythologisches Material lässt weiterhin vermuten, dass dieses Recht nicht einem Mann verliehen wurde, sondern einer Frau, der Hohenpriesterin der Göttin, die diesen Rang vielleicht durch den Brauch der matrilinearen Abstammung erlangt hatte. In der Rolle der Hohenpriesterin der Göttin ist diese Frau vielleicht als Königin oder Stammesherrscherin betrachtet worden. Die Parallelität der beiden Rollen – Hohepriesterin und Königin – ist auf Tontafeln und Texten des Nahen Ostens in frühen historischen Zeiten immer wieder bezeugt. Viele Autoren, die vom Muster unserer eigenen männlich orientierten Gesellschaft ausgehen, verwechseln Ursache und Wirkung, wenn sie glauben, dass eine Frau aufgrund der Heirat mit einem König zur Königin wurde und dann auch den Rang der Hohenpriesterin erlangen konnte. Die vorhandenen Daten weisen darauf hin, dass es genau umgekehrt war; dass nämlich die höchste und heiligste Dienerin der weiblichen Gottheit in den frühesten Zeiten zur Königin wurde, und aus dem Dienst der Göttin entwickelte sich das Königtum… In den neolithischen und frühesten historischen Zeiten war ›Entu‹ der Name der Hohenpriesterin in Sumer, ›Tawawanna‹, der Name der Hohenpriesterin in Anatolien, sowie ihre Entsprechungen in anderen Gegenden; sie waren wahrscheinlich die nominellen Führerinnen der Tempelgemeinschaften.« (Merlin Stone ›Als Gott eine Frau war‹ 1988, S. 183 f.)

Merit-Neith, die Priesterkönigin ›geliebt von Neith‹ –
›geboren aus dem Mutterschoß‹ der Göttin

»Ausschließlich in der weiblichen Linie vererbbar ist der besonders hoch angesehene Titel einer ›Mrt-Priesterin‹. Von den ›Mrt-Priesterinnen‹ wird berichtet, dass sie ›Ländereien verwalten‹, ›landwirtschaftliches Personal beschäftigen‹ und ›Verantwortung tragen für die Finanzen des Tempels‹.« (Carola Meier-Seethaler ›Die Chronik der Frauen‹ 1992, S. 84) Mer(it), Mrj.t ›Mrt‹, Merit, Meryt, Meret, könnte auch mit ›Mari-t‹ (Mar-it) transkribiert werden. Interessanterweise bedeutet ›Mar‹ im Sumerischen Schoss oder Bauch, ›aus ihrem Bauch geboren‹. Mari-a bezeichnet den Mutterschoss aus dem Jesus geboren wurde. Bei den Arabern hieß ›Butn‹, Bauch und gleichzeitig Stamm. Zwei Beduinen verschiedener Stämme, die sich zufällig treffen, fragen nach der jeweiligen Herkunft nicht etwa nach dem ›väterlichen‹ Stamm, sondern: ›Aus welchem Bauch kommst du?‹ Der moslemische Begriff ›Umma‹ für die Gesamtheit der Gläubigen leitet sich von ›umm‹ ab, also von ›Mutter‹. Auch die Vereinten Nationen ›al-ummam el mutahidah‹ sind eigentlich ›Vereinte Mutterländer‹. Heimat war das Reich der Mutter, nicht das Vaterland. ›Nationen‹ heißt wörtlich ja auch ›Geborenheit‹. (Eluan Ghazal ›Schlangenkult und Tempelliebe – Sakrale Erotik in archaischen Gesellschaften‹ 1995, S. 312). Der Ägyptologe Kurth Sethe, erkannte noch nicht, dass die sogenannten Gräber die Anlagen der staatlichen Verwaltung gewesen sein könnten, hob jedoch die Wichtigkeit der Königin Merit-Neith, der 1. Dynastie Ägyptens, deutlich hervor, er schrieb:

›Merit-Neith muss nach der Anlage und Ausstattung ihres Grabes eine ganz außerordentliche Stellung eingenommen haben; sie wird die Mutter oder die Frau eines Königs gewesen sein, und zwar wohl eine, welcher der König die Krone zu verdanken hatte.‹ (Kurth Sethe ›Untersuchungen zur Geschichte und Altertumskunde Ägyptens‹ I, 1896/1964, S. 29)

Die deutsche Ägyptologin Silke Roth sieht sich veranlasst, wegen der manchmal fehlenden T-Endung das Geschlecht der Königinnen in Frage zu stellen. Sie schreibt: »Wiederholt wurde die Ansicht geäußert, dass es sich bei den mit dem Namen der Göttin Neith zusammengesetzten Personennamen der Frühzeit (fast) ausschließlich um Frauennamen handle… Indes zeigt eine Überprüfung aller theophoren Eigennamen, dass 33% von ihnen mit dem Element ›Neith‹ gebildet sind – eine deutliche Bevorzugung dieser Göttin, die einem auch darüber hinaus feststellbaren Höhepunkt ihrer Verehrung in dieser Zeit entsprechen dürfte. Eine Durchsicht der von Kaplony zusammengestellten Belege macht schließlich deutlich, dass in den meisten Fällen keine Entscheidung über das Genus der mit ›Neith-Namen‹ benannten Personen getroffen werden kann. Die Bildung des Namens Htp-N.t [Neith-Hotep] lässt folglich keine unmittelbare Aussage zum Geschlecht seines Trägers zu«. Schliesslich vertritt Silke Roth offenbar allen ernstes Kaplonys‘ Meinung: »Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Person Htp-N.t mindestens ebenso plausibel als ein Sohn des Aha zu identifizieren ist, wie sie als dessen Tochter, Gemahlin oder Mutter angesprochen werden kann.« (ibd.) Was Roth offenbar übersieht, bereits im Alten Reich wurde die weibliche T-Endung häufig einfach weggelassen und »spätestens seit Anfang des Mittleren Reiches nur noch in der Genitivverbindung gesprochen« (Jürgen von Beckerath ›Abriß der Geschichte des Alten Ägypten‹ 1971, S. 10). Was Beckerath veranlasste, die weibliche Form auch in seiner Arbeit ›in der Regel‹ wegzulassen. Mit patriarchaler  Selbstzufriedenheit belehrte Kaplony die StudentInnen in Zürich: »Das Weibliche ist in der ägypti­schen Schrift eine quantité négligeable, das können Sie vergessen.« Roths‘ Loyalität zur patriarchalen Wissenschaft gipfelt im Satz: »Schon in der 1. Dynastie hatte sich ein Kanon von Titeln abgezeichnet, der zur Kennzeichnung derjenigen Frauen diente, die an der Seite des Gottkönigs den femininen Aspekt des Königtums repräsentierten.« (Roth ›Die Königsmütter des Alten Ägypten – von der Frühzeit bis zum Ende der 12. Dynastie‹ 2001, S. 31f., 35, 37, Hvhb. DW) Man könnte diese Diskriminierung nach der Sprachwissenschaftlerin Luise Pusch als ›Auslöschen durch Sprache‹ bezeichnen. Silke Roth verhält sich ›ägyptologisch korrekt‹ d.h. sie hält sich an die Übereinkunft der patriarchalen Wissenschaft, was und wie über Themen gesprochen werden darf; Königinnen repräsentieren lediglich den femininen Aspekt des Gottkönigs. Doch ein besonnener Ägypter stellt fest:

»Das ägyptische Königtum wäre nicht möglich gewesen ohne die Verdrehung der matriarchalen Vorstellungen und ohne die Schaffung neuer patriarchaler Lehren, Mythen und Rituale... Könige wurden göttlich, indem sie die heilige Macht weiblicher Gottheiten assimilierten.« (Fekri Hassan, Geoarchäologe und Ägyptologe)

Matriarchale Königinnen: Die verkannte Macht, die für Frieden,
Gerechtigkeit und Wohlstand für alle sorgte

Wie wir feststellen können, waren Königinnen nicht die ›Anhängsel‹ von Königen; Status und Wichtigkeit wurden ihnen nicht von den Männern gewährt, wie uns die Ägyptologie weismachen will, nicht durch Heirat wurden sie Königinnen; es war genau umgekehrt. Diese  Matriarchinnen waren alleinregierende Königinnen, sie standen der Verwaltung des Landes vor, hatten politische, kulturelle, soziale, spirituelle, kultische und rechtliche Macht; sie spielten die zentrale Rolle in Ägypten vor der Invasion.

In der Periode, mit der wir uns beschäftigen, war der Neith-Kult weit verbreitet und sie galt als eine der bedeutendsten Gottheiten Unterägyptens.‹ (Walter B. Emery)

»Die Bedeutung der Neith in der Dynastischen Frühzeit – wie sie an Täfelchen aus der 1. Dynastie, an Grabstelen und an den Namen ihrer Priesterinnen und den zeitgenössischen Königinnen, wie Neithhotep, Merneith ablesbar ist – lässt darauf schließen, dass die Göttin seit den Anfängen der ägyptischen Kultur verehrt wurde. In der Tat ist die früheste Darstellung eines mutmaßlichen heiligen Schreins in Ägypten mit Neith verbunden. Ihr Symbol steht in der Einfriedung eines aus Schilfgras errichteten Heiligtums auf einem Elfenbeintäfelchen aus Abydos, das einen Besuch darzustellen scheint, den König Aha aus der 1. Dynastie einem Heiligtum der Neith abstattete. Weit verbreitete Abbildungen von Neiths Standarte auf früher Tonware deuten jedoch darauf hin, dass die Göttin über ein beträchtliches Gebiet hinweg verehrt wurde, und ohne Zweifel war sie die wichtigste Göttin der Dynastischen Frühzeit. Diese überragende Bedeutung mag irgendwann jedoch angefochten worden sein, und man geht davon aus, dass König Userkaf aus der 5. Dynastie den Neith-Kult erneut betonte, nachdem die späteren Herrscher der 4. Dynastie sie durch die [Göttin der Eroberer] Hathor ersetzt hatten. Trotzdem existieren reichlich Belege, dass Neiths Status nach wie vor hoch war. Spätestens im Alten Reich hatte Neith auch in Memphis ein Heiligtum und die Sargtexte (Spruch 408) sprechen von ihr auch als Herrin von ›Mendes‹,was auf eine wichtige Präsenz an diesem Ort hindeutet.« (Richard H. Wilkinson ›Die Welt der Götter im Alten Ägypten‹ 2003, S. 158, Hvhb. DW) Wir wissen von Cheop und Chefren, dass sie in der 4. Dynastie den bisherigen Kult verboten und die Heiligtümer schließen ließen, was die indigenen ÄgypterInnen in tiefes Unglück stürzte. Die Eroberer verfolgten den matriarchalen Kult und erbauten Tempel für ihre männlichen Götter über den urgeschichtlichen Heiligtümern der Göttin. Der Ägyptologe Robert A. Armour (›Gods and Myths of Ancient Egypt‹ 1989) bestätigt:

»Die Zerstörung der Kultschreine und Darstellungen der urgeschichtlichen ›Gottheit‹ wurde von den Horus-Anhängern ausdrücklich angeordnet

Fekri Hassan schreibt dazu: »Die Mythen zeigen, dass das, was sich in Ägypten zu der uns bekannten altägyptischen Religion entwickelte, auf einen Vernichtungskampf der Eroberer gegen die Religion der Urmutter und ihrer VerehrerInnen richtete.«
Merit-Neith-Stele Emery Die Stadt Sais im westlichen Delta [Sais = Sau/Schwein) wurde nach einem der heiligsten Tiere der Göttin benannt, vermutlich weil es ein Synonym für das ausgesprochen soziale Verhalten der Tiere ist, war der Göttin Neith geweiht. Die Symbole der Göttin waren u.a. ein Schild und zwei gekreuzte Pfeile. Emery glaubt, dies sei »im Hinblick auf ihre Rolle als Göttin der Jagd und des Krieges« zu verstehen (Emery ibd. 1964, S. 135). Aber in einer Zeit, in der es weder Jagd noch Kriege gab, wurde auch keine Göttin zur Jagd- oder Kriegsgöttin erklärt.
Emery kannte die Bedeutung des Pfeiles als ›Symbol des Lebens‹ noch nicht. Es wundert denn auch nicht, dass diese Symbole, wie Emery schreibt, schon sehr früh, lange vor der Einigung verwendet wurden; der Grund, Pfeile in jeder Form, ob gezeichnet oder als Silex-Artefakte waren matriarchale Symbole.  (s. (›Der Irrtum mit den Silex – ›Pfeilspitzen‹, http://www.doriswolf.com/wp/?page_id=8871)
(Links: Grab-Stele der Königin Merit-Neith aus Abydos, nach Emery, ibd.)

»Königinnen werden geboren, Könige werden gemacht« (Robert Briffault)

»Während jede ägyptische Prinzessin als Königin geboren wurde und den Titel des Amtes seit dem Tag ihrer Geburt trug, erhielt der Mann diesen erst mit seiner Krönung und nur, wenn er eine königliche Prinzessin heiratete. Es war die Königin, der mystische und göttliche Wirksamkeit innewohnte. Dieser Grundzug ist im Wesentlichen mit jenen aller anderen afrikanischen Königreiche identisch.« (Briffault  ›The Mothers‹, in einem Band, 1959, S. 82 f.) Helmut Brunner bestätigt: ›Die Königin legitimierte den König‹. Und Flinders Petrie war der Meinung: ›Ein König ohne Königin ist undenkbar.‹ Der Archäologe und einer der wichtigsten Urgeschichtsforscher, Michael A. Hoffman, betonte die Wichtigkeit der Frauen beim Übertragen der königlichen Legitimität und bei der Festigung politischer Bündnisse und zwar beginnend mit den Königinnen Merit-Neith und Neith-Hotep am Anfang der 1. Dynastie und der immer wiederkehrenden Präsenz mächtiger Frauen bis in die 18. Dynastie durch die ganze dynastische Geschichte Ägyptens hindurch bis zur letzten Königin, Kleopatra. Hoffman ist davon überzeugt, dass dem periodischen Wiedererscheinen mächtiger Frauen bestimmte soziale Regeln, wie die Abstammung und die matrilineare Erbfolge zugrunde lagen. (Michael A. Hoffman ›Egypt before the Pharaos‹ 1980, S. 351).

Matriarchale Königinnen taten das, was Mütter immer und noch immer für ihre Kinder tun, sie sorg(t)en für ihr Wohlergehen. Sie verschleuderten den vom Volk erarbeiteten Besitz nicht in der Herstellung von Waffen, nicht in Kriegen und nicht in der Zerstörung des Geschaffenen und der Natur. Die Frauen leiteten ihre Blutsfamilie, die Clanmütter ihre Stämme, die Königinnen ihre Länder ohne jede Gewalt. Ihre Regentschaft, wenn man sie so bezeichnen will, basierte auf mütterlichen Werten. Frauen hatten diese von HistorikerInnen nachgefragte politische und soziale Macht effektiv in allen Bereichen. Dies zeigt sich in den Auswirkungen, in wohlorganisierten, prosperierenden Gesellschaften und im Zustand der Stabilität und des Friedens: Die lange Zeit des Friedens dieser von Frauen gewaltlos dominierten Kultur wäre sonst gar nicht möglich gewesen und heute nicht erklärbar. Das friedliche Matriarchat und das unkriegerische matriarchale Königinnentum existierten lange vor der patriarchalen Machtnahme. Wie wir wissen gab es während 98% der Menschheitsgeschichte keine Kriege, dieser kam erst mit dem Patriarchat in die Welt. (s. ›Der erste Krieg der Weltgeschichte‹ http://www.doriswolf.com/wp/?page_id=13622)

»Die natürliche Überlegenheit der Königinnen«

John Stuart Mill, ein englischer Philosoph und Ökonom und einer der einflussreichsten liberalen Denker des 19. Jahrhunderts (Wikipedia), »erkannte die Tatsache, dass die Königinnen den Königen überlegen waren, und fragte, warum die weiblichen Monarchen, obwohl in der Geschichte in der Minderzahl, sich stets als bessere Herrscherinnen als die Könige erwiesen hatten.« (›On the Subjection of Women‹, Die Unterwerfung der Frau, 1912, S. 490). Sogar der Misogynist Montesquieu aus dem 18. Jahrhundert gab zu, dass Frauen am besten zum Regieren geeignet waren: »Gerade aufgrund ihrer Schwäche [!] sind sie im allgemeinen milde und gemäßigt, Eigenschaften, die zu guter Staatsführung eher befähigen als Strenge und Härte.« (Montesquieu ›The Spirit of the Laws‹) »Diese Logik ist etwas befremdend, zeigt aber, dass im 18. Jahrhundert, genau wie heute, die Tugenden der Frauen wie Milde und Mäßigung als ›Schwäche‹ charakterisiert werden und nicht als das was sie sind, nämlich starke und wünschenswerte Eigenschaften, während die männliche ›Strenge und Härte‹ zu Tugenden gemacht werden – was sie nicht sind«. (Ashley Montagu ›The Natural Superiority of Women‹ 1999/1952) Frauen herr-schen nicht, sind selten machtgierig, noch seltener korrupt und haben ein hohes Mass an Verantwortungsgefühl, besonders die Mütter gegenüber ihren Kindern, während nur etwa die Hälfte aller Männer ihren Vaterpflichten nachkommen. Die Anfälligkeit für den Missbrauch von Macht, Korruption und Habgier, fehlendes soziales Verantwortungs- und Unrechtsbewusstsein, der Mangel an Einfühlungsvermögen und Solidarität und die krankhafte Sucht nach Rang und Namen machen patriarchale Politiker und Politikerinnen zur Gefahr für die Menschheit. PolitikerInnen sind derart beschäftigt mit ihrer Karriere und ihrem Job, der sich vor allem um Wirtschaftsinteressen dreht, dass die meisten von ihnen in einer Blase Gleichgesinnter gefangen sind, einer geistigen Enge, die weder Kontakt zur Bevölkerung, ihren Anliegen, Fragen, Sorgen und Nöten zulässt. Die meisten von ihnen sind kulturelle und soziale Banausen, die sich kaum die Zeit nehmen, sich neues Wissen anzueignen und ihren kulturellen Horizont zu erweitern.

»Wenn Männer nicht ihre Strenge und Härte aufgeben und einige der weiblichen ›Schwächen‹ übernehmen, dann ist die Zivilisation zum Untergang verurteilt.« (Ashley Montagu)

Matrilinearität – die natürliche mütterliche Erbfolge

»Das weitverbreitete Gesetz der weiblichen Abstammung liegt tief in der Geschichte der Gesellschaft begründet.‹ (E.B. Taylor ›Anthropology‹ II, 1930, S. 132) Die Ehrung der Mütter war bis zur patriarchalen Machtnahme eine Selbstverständlichkeit. »Soweit geht sogar die Ehrfurcht des Sohnes vor der Mutter«, schreibt der Ägyptologe Adolf Erman, »dass in den Gräbern des Alten Reiches mehrfach die Mutter des Verstorbenen neben seiner Gattin dargestellt wird, während das Bild des Vaters fast immer fehlt. Wenn freilich auf den Grabsteinen die Herkunft des Toten oft nach seiner Mutter, nicht nach dem Vater angegeben wird, so ist diese Gewohnheit offenbar ein Rest aus jenen Zeiten, in denen auf die Herkunft von der Mutter, die ja allein als gesichert gelten kann, mehr Gewicht gelegt wird, als auf die vom Vater.« (Erman ›Ägypten und ägyptisches Leben im Altertum‹ 1984, S. 183, Hvhb. DW). Die matrilineare Erbfolge hatte ursprünglich nichts mit ›Geschwisterehe‹ zu tun, sondern war die Weiterführung der Tradition des vor-pharaonischen Matriarchats. Diese Tatsache hält auch einer kritischen Examinierung stand. (›A critical examination of the theory that the right to the throne of Egypt passed through the female line in the 18th Dynasty‹, Göttinger Miszellen 62. S. 68-69) In der 18. Dynastie ist die Patriarchalisierung schon weit fortgeschritten, aber die weibliche Erbfolge wurde noch immer beibehalten.

»Herrscher von nicht-königlicher Abstammung, z. B. Snofru, Amenemhet I., Thutmosis I., Eje, Haremhab, Ramses I., Smendes, Psammetich I., legitimierten sich durch Heirat mit einer Prinzessin.« (Hellmut Brunner, Lexikon der Ägyptologie, I, S. 14).

»In Ägypten wurde das ganze Eigentum in der weiblichen Linie weitergegeben, die Frau war die Herrin des Hauses. Und in frühen Geschichten wird die Frau im Vollbesitz der Kontrolle über sich selbst und das Haus dargestellt. Ursprünglich wurden Haus und Besitz über die Frauen und Töchter vererbt, die Existenz der Kinder war durch das weibliche Erbrecht und die Arbeit der Frauen gesichert.« (William Flinders Petrie).
Der Ägypten-Historiker James H. Breasted berichtet aus der bereits patriarchal überlagerten dynastischen Zeit: »Wie bei vielen anderen Völkern ging die natürliche Erbfolge über die älteste Tochter, wenn dies auch gelegentlich durch ein besonderes Testament abgeändert werden konnte. Die engsten Blutsbande bestanden mit der Familie der Mutter, und der natürliche Beschützer eines Knaben – sogar vor seinem eigenen Vater – war der Bruder seiner Mutter.« (›Geschichte Ägyptens‹ 1954, S. 69) »Mutterrechtliche Züge lassen sich aufspüren«, schreibt der Ägypter Schafik Allam: »In manchen Filiationen wird nur die Mutter genannt. Wichtige Verwandt­schaftsbeziehungen liefen also ausschließlich über die Mutter.« (Lexikon der Ägyptologie II, S. 107)

In Ägypten dauerte das archaische System der Matrilinearität bei dem Frauen in Eigentums- und Erbschaftsangelegenheiten Männern gegenüber bevorzugt wurden, bis in die römischen Zeiten hinein an. (James Frazer)

»Professor Mitteis bestätigte, dass Ägypten seit uralten Zeiten ein Land von matrilinearer Abstammung war, ein Brauch, der noch in christlicher Zeit weiterging bis ins siebente Jahrhundert… Die Klans, aus denen die Nation bestand, waren maternale Gemeinschaften oder Mutterschaften, und ihre Führung wurde durch Frauen übermittelt.« (Robert Briffault ›The Mothers‹ 1959, S. 82 f.) »Eine aufschlussreiche Studie über die Stellung der Frauen in Ägypten stammt von Margaret Murray (›The Splendour that was Egypt‹ 1949). Sie verfolgte mit großer Sorgfalt die Abstammungslinien königlicher Familien in Ägypten und konnte schließlich beweisen, dass in der ägyptischen Kultur das Königtum in den meisten Epochen matrilinear bestimmt war. Das Königtum untersuchte sie deshalb, weil dort Aufzeichnungen am ehesten verfügbar waren. Auch Murrays Forschungen zeigten, dass die Töchter und nicht die Söhne die tatsächlichen Erben des königlichen Thrones waren. Sie nimmt an, dass sich deshalb die Geschwisterehe entwickelte: Auf diese Weise war es dem Sohn möglich Zugang zu den königlichen Privilegien zu gewinnen.« (Merlin Stone ›Als Gott eine Frau war – Die Geschichte der Ur-Religion unserer Kulturen‹ 1988, S. 70) Beispielsweise bestätigte James Henry Breasted, dass  der einzig gültige Anspruch auf die Krone, den Hatschepsuts Vater stellen konnte, ihm durch die Heirat mit Königin Ahmosis, Hatschepsuts Mutter, zugekommen war. Auch dass später Thutmosis III. den Thron nur aufgrund der Ehe mit seiner Schwester, Königin Hatschepsut, der Tochter der Königin Ahmosis, beanspruchen konnte. Zweifellos beweisen diese Tatsachen das Bestehen einer gesetzlichen Mutterlinie in Ägypten, und doch nennt Breasted Hatschepsuts Regierung eine Entmachtung ihres Bruders und einen ›Frevel‹. (s. James Henry Breasted ›History of Egypt‹ 1912, S. 269 f., zit. von Gould Davis, 1987, S. 369)
Der Althistoriker und Soziologe Keith Hopkins schrieb in seiner Studie ›Brother/Sister Marriage in Egypt‹ (›Comperative Studies in Society and History 1980, S. 303-54) zur Geschwisterehe der römischem Zeit in Ägypten, die sich auf 200 Eheverträge stützte: »Im Laufe von 1500 Jahren veränderten sich die Inhalte ägyptischer Eheverträge von der Scheidung ohne Schuldbegründung mit bedeutsamer Kompensation für die geschiedene Frau über die Gemeinsamkeit am Eigentum mit wechselseitigen, wenn auch ungleichen Verpflichtungen zwischen Mann und Frau bis hin zur Jungfrauenheirat, in der die Frau zur Unterordnung unter den Ehemann bei Androhung gesetzlicher und religiöser Bestrafung angehalten war. Es war diese letzte Entwicklung, die in die westliche Kultur übernommen wurde… Hier also haben wir endlich einen dokumentarischen Nachweis für die gesellschaftliche Stellung der Frau im Ägypten der letzten anderthalb Jahrtausende vor Christi Geburt, die von Herodot und anderen Autoren der Antike, die über den Status und die Freiheit der Frauen berichteten, wie sie ihn dort und in anderen Gebieten des mediterranen Raumes genossen, überliefert worden war. Die frühen Verträge zeigen, wie jede Seite sich vom anderen scheiden lassen konnte – einfach weil sie oder er den anderen Partner ›nicht länger liebte‹ – und wie danach gleiche Rechte am Eigentum zu entsprechenden Abmachungen führten. Die späteren Verträge näherten sich dem römischen Rechtsdenken jener Zeit, in dem Frauen keinerlei Eigentumsrechte, ja nicht einmal bürgerliche Rechte hatten. In diesen Eheverträgen haben wir einen Spiegel der Zeitläufe, während derer – zumindest im Ostmittelmeerraum – die Männer die Frauen enteigneten und eine gesellschaftlich anerkannte Macht über sie gewannen.« (Doris F. Jonas ›Der überschätzte Mann – Die Mär von der männlichen Überlegenheit‹ 1981, S. 51 f.)
Wir hören von Flinders Petrie, der die Rolle der Priesterinnen erörterte, dass auch sie allmählich an Rechten verlieren. »Er zeigte, wie sich ihre Position von der Zeit der frühesten Dynastien bis zur achtzehnten Dynastie verändert hatte. Den verfügbaren Berichten zufolge dienten der Göttin Hathor, die größtenteils mit Isis identisch ist, in der frühen Zeit einundsechzig Priesterinnen und achtzehn Priester, während der Göttin Neith nur Priesterinnen dienten. Zur Zeit der achtzehnten Dynastie waren die Frauen dann nicht einmal mehr Teil der Priesterschaft, sondern dienten nur noch als Tempelmusikerinnen. In dieser achtzehnten Dynastie musste Ägypten den stärksten Einfluss der Indo-Europäer verspüren.« (Merlin Stone ibd. 1988, 71, s. auch ›Wer war Echnaton?‹ http://www.doriswolf.com)

›Die seltsame Gesetzlichkeit der weiblichen Thronfolge‹

Merit-Neith blieb – wie in der Zeit vor der Eroberung – auch noch in der 1. Dynastie nicht nur die regierende Königin, sondern auch noch die Hohepriesterin der Göttin, deren Autorität im Matriarchat verankert war. Vor der Invasion der Indo-Europäer gab es kein männliches Königtum, das Patriarchat hatte noch nicht Einzug in Ägypten gehalten. Wie frühe Ägyptologen, etwa Flinders Petrie und Walter B. Emery vermuteten, wurden die indigenen Königinnen dazu gezwungen, den Anführer der Eroberer durch ›Heirat‹ zu den ersten Königen zu machen! Frauen waren als Inhaberin des Thrones die Königsmacherinnen! Der ›Chef‹ der Invasoren zwang die Königin ihn als ihren Mann anzuerkennen; damit übernahm er die Macht mit Gewalt und begründete so das erste männliche Königtum Ägyptens.
»Die Bedeutung der Stammesmutter und Königin für die Hochkulturen erschöpft sich nicht in der Weitergabe des königlichen Blutes, sondern das Königinnentum ist für das sakrale Königtum essentiell, weil die Oberpriesterin/Königin das unentbehrliche Bindeglied zwischen dem König und seiner Legitimation durch die große Göttin darstellt.« (Meier-Seethaler ›Ursprünge und Befreiungen‹ 1988, S. 154) Otto Muck führt die ›seltsame Gesetzlichkeit‹ der weiblichen Thronfolge und Dynastiengründung Ägyptens auf ›Urältestes‹ zurück. »Hier haben sich unverkennbare mutterrechtliche Institutionen erhalten und mit späteren vaterrechtlichen vermischt. Mutterrechtlich – im Sinne J. J. Bachofens – war der Grundsatz, dass die Thronfolge an die Weiberlinie gebunden war und von der Königin an ihre älteste Tochter weitergegeben wurde; die Frau galt als Hüterin und Wahrerin der Blutführung; sie hat daher, sei es als Königin oder als Erbprinzessin, nicht nur, wie Scharff dies formulierte, ›eine Rolle gespielt‹; sie war die eigentliche Herrscherin und der von ihr erwählte Mann als Regent ihr ›Arm‹.« (Muck ›Cheops und die Große Pyramide‹ 1958, S. 49) Der König war lediglich der ›Delegierte‹, der von der Königin ›Ermächtigte‹. Er verkörperte eine nach außen auftretende Repräsentationsfigur – die nach matriarchaler Gepflogenheit übliche Rolle; er war möglicherweise der (Lebens-) Gefährte der Königin. Von Diodor wissen wir: ›Ägyptischen Königinnen wurde mehr Respekt entge­gengebracht als Königen.‹
Dies kann auch noch im antiken Griechenland beobachtet werden. ›Frauen erwarben die Macht, indem sie sie erbten; Männer indem sie die herrschenden Frauen heirateten‹, schreibt Ernest Borneman in seiner Monographie ›Das Patriarchat‹. »Die meisten Interpreten der ›Heldenzeit‹ (ca. 1550-1200 v.u.Z.) haben geflissentlich übersehen, in welchem Masse damals noch das Mutterrecht überlebte. Wenn Odysseus in der Fremde Schutz und Hilfe sucht, so ist es stets die Königin, die ihm seine Bitte gewährt, nie der König, der nur dekorative Funktion besitzt; nicht er, sondern die Königin hat die Entscheidungsgewalt. Wenn Odysseus ins Land der Phaiaken verschlagen wird, spricht niemand von Alkinoos, dem König, sondern nur von seiner Frau, denn sie wird:

›… von Herzen geehret und wird es noch heute
Von ihren lieben Kindern und von Alkinoos selber,
Auch von den Leuten, die sie wie eine Göttin betrachten
Und sie begrüßen, so oft sie die Straßen durchwandert.
Sie und nicht der König schlichtet Zwist und Hader:
… schlichtet sie Zwist, ja selbst den Hader der Männer,
Denn wenn sie dir im Herzen freundlich gewogen,
O, dann hoffe getrost, die Deinen wiederzusehen.‹

Die matrilineare, matrilokale, exogame Form der frühgriechischen Gesellschaft lässt sich aus zahllosen Mythen, Sagen und Legenden erhärten. Die sagenhaften Könige der athenischen Frühzeit, deren Namen wahrscheinlich ganze Sippen verkörpern, so Kekrops und Amphiktyon, erwarben den Thron, indem sie Frauen des herrschenden Geschlechts heirateten (Pausanias I, 2, 6) Die Krone vererbte sich stets in weiblicher Folge. Deshalb stammt auch der Name des Landes Attika von seiner Urmutter Attis ab. Die Sippenmitglieder nannten einander homogalaktes, ›von der gleichen Milch Genährte‹, also Söhne der gleichen Mutter. Auch das attische Wort adelphos ›Bruder‹, hat die gleiche Etymologie. Es leitet sich von delphys, ›Gebärmutter‹, ab und bedeutet also: ›der gleichen Gebärmutter entstammend‹… Die ganze Geschichte der ›Heldenzeit‹ ist eine Geschichte junger Männer, die ihre Heimat und ihre Sippe verlassen, um in einem anderen Lande, bei einer anderen Sippe ihr Glück zu suchen. Je tapferer sie sind, desto höher steigen sie auf. Aber ihr Aufstieg wird stets damit begründet, dass sie die Tochter oder Witwe des Königs heiraten. Der König selber ist nur ein Attribut der Königin. Er trägt die Krone, aber er trägt sie nur dank seiner Frau oder Mutter.« (Ernest Borneman ›Das Patriarchat‹ 1975, S. 147, Hvhb. DW)
»Die matrilineare Erbfolge dauerte in Ägypten bis in die griechische und rö­mische Zeit. Der griechische Schriftsteller Strabo be­richtete aus der Zeit des 1. Jahrhunderts u.Z., dass sich in Ägypten das Erbe auf die Töchter beschränkte. Sein Zeitgenosse Diodorus Siculus bestä­tigt, dass in Ägypten nur die Töchter erbten. Kleopatra, die letzte ägyptische Pharaonin, war eine Alleinherrscherin. Mit ihr verhan­delten Antonius und Cäsar bei ihren Versuchen, Ägypten auf ihre jeweilige Seite im römischen Bürgerkrieg zu ziehen.« (Elizabeth Gould Davis ibd. 1987, S. 127, 129)
Als die makedonische Königsfamilie der Ptolemaier, die Herrschaft über Ägypten errang, wurde der Usus der Geschwisterheirat übernommen, weil »die ägyptische Krone stets mutterrechtlich vererbt wurde und selbst der Bruder der großen Kleopatra VII nur dadurch Pharao werden konnte, dass er seine Schwester heiratete. Die Königswürde vererbte sich in weiblicher Folge von der Mutter auf die Tochter; König konnte nur werden, wer Mutter oder Tochter heiratete.« (Ernest Borneman ›Das Patriarchat‹ 1975, S. 210) Noch später, beim antiken Volk der Etrusker in der italienischen Toscana, konnte eine Prinzessin einen Sklaven heiraten und ihn so zum König machen (um 800 bis 100 v.u.Z). Und Diodor von Sizilien, der im 1. Jahrhundert v.u.Z. Ägypten bereiste, bemerkte, »dass der ägyptischen Religion zufolge Isis als Erfinderin der Landwirtschaft, als große Heilerin und Ärztin verehrt wurde, zudem war sie auch diejenige, der man die Einführung der Gesetze im Land zuschrieb. Er berichtet weiterhin von Gesetzen, die für uns heute höchst erstaunlich sind und führte sie auf die Verehrung der mächtigen Göttin zurück: »Aus diesen Gründen wurde tatsächlich angeordnet, dass die Königin größere Macht und Ehre als der König haben solle, und dass bei Privatpersonen die Gattinnen Autorität über die Gatten genießen sollten, wobei die Ehemänner sich im Heirtatsvertrag damit einverstanden erklären, dass sie in allem ihren Frauen gehorchen werden.« (Borneman ibd.)

 Die Gefangennahme und Entführung der Königinnen

Ich habe bereits in meinen früheren Büchern darüber geschrieben, z.B. 2009 ab S. 189. Auch wenn ich mich damit, mindestens zum Teil wiederhole, scheint mir dieser Abschnitt der Geschichte doch derart wichtig, dass ich das Thema mit neu gefundenen und aussagekräftigen Ergänzungen nochmals aufnehme. Um sich selbst eine Meinung bilden zu können, ist es wichtig einige Tatsachen zu kennen, z.B. zum gewaltsamen Übergang von der Zeit des Friedens des Matriarchats in die Zeit der Kriege des Patriarchats; von der Freiheit der matriarchalen Völker in die patriarchale Bevormundung und Diktatur, von der natürlichen Dominanz der Frauen und Mütter in ihre Entmachtung und Unterwerfung, von der Prosperität der Völker in die Armut, von der Verehrung der Göttin in die patriarchalen Religionen und ihrer Entstehung durch Gewalt, usw.

Narmers KeulekopfDer Triumph Narmers über das Land und die Königin von Unterägypten um 3050

(Keulenkopf des Narmer, gefunden 1894 in Kom el-Ahmar / Hierakonpolis, Kalkstein, Ashmolean Museum, Oxford)

Der König der Eroberer mit der usurpierten roten Krone von Unterägypten sitzt auf einem Thronpodest, über seinem Baldachin schwebt mit ausgebreiteten Flügeln die geiergestaltige Göttin Nechbet. Er ist umgeben von seinen Begleitern, Standartenträgern, der Leibgarde, Fächerträgern, einem Sandalenträger und der SchreiberIN, die als ›Chefideologe des Königs‹ oder als ›Schamane‹ verkannt wird. Direkt vor dem König ist eine verschleierte Gestalt – eine ›verschleierte Gottheit‹ meint ein Autor – in einer verschlossenen Sänfte, wahrscheinlich in einem Weidenkorb gefangen, auf die noch zurückzukommen ist. Erschütternd, die Zeichnung eines Gefangenen mit auf den Rücken gebundenen Armen, mit dem Zahlzeichen ›120.000‹! DerKeulenkopf zeigt, dass zu Narmers Beute in Unterägypten – neben den gefangenen und versklavten Menschen – auch 400.000 Rinder und 1.422.000 Ziegen gehören, zusammen also fast 2 Millionen Stück Vieh.

Keule des Skorpion Keulenkopf des Narmer, Nachzeichnung (nach Emery 1964, S. 39, Abb. S. 42)

Das Zeugnis der Machtnahme Unterägyptens durch Narmer wird von zahlreichen Autoren beschrieben, u.a. von Flinders Petrie (›The making of Egypt‹ 1939), W.B. Emery (›Archaic Egypt‹ 1961), Michael Hoffman (›Egypt before the Pharaos‹ 1979) und Elise J. Baumgartel; sie gehören zu den wichtigsten und informiertesten Wissenschaftlern auf dem Gebiet der Entstehung des dynastischen Ägypten. Sie sehen in diesem Dokument das Zeugnis eines brutalen Eroberungskrieges, eines Beutezuges, vor allem jedoch die Erinnerung an die ›Heirat‹ Narmers mit der gefangenen und entführten unterägyptischen Königin. Der kanadische Ägyptologe N.B. Millet nennt diese These, »die extravaganteste Erklärung der Darstellung… Petrie schlägt vor«, meint er, »es handle sich dabei um die Erinnerung an die symbolische Heirat des Königs mit der Thronerbin Unterägyptens und die Legitimierung seiner militärischen Eroberung durch die Heirat«. Das gefällt Millet keineswegs und er will die Darstellung nicht als Schilderung eines Ereignisses sehen, es gehe schlicht und einfach um eine bildliche Version von Jahreszahlen wie auf dem Palermo-Stein. Das Hauptanliegen der Szenen sei eher das Datum der Herstellung und Präsentation des Objektes an den Tempel darzustellen als die Wichtigkeit des Ereignisses zu ehren.« Auch sieht Millet darin keinen Eroberungs- und Beutezeug, sondern das erfolgreiche Niederschlagen einer Rebellion im Delta, dessen Jahr er festhalten wollte… Millets Phantasien grassieren fröhlich weiter. Er sieht zwar, wie alle andern Autoren, eine weibliche Figur, die vor dem König sitzt. Um jeden Verdacht, dass es sich dabei um eine erwachsene und eventuell gefangene Frau handeln könnte, gibt er Siegfried Schott recht, der in der Figur eine Tochter des Königs sieht. Das ist abstrus. Eine Tochter würde vielleicht neben oder hinter dem König stehen und hätte bestimmt nicht so eine bedeutende Position, und warum sollte ein patriarchaler König ausgerechnet ein Mädchen prominent in den Vordergrund stellen? Wäre die Person für ihn nicht von außerordentlicher Wichtigkeit hätte er – der patriarchale Großtuer – sie in seiner ›Gedenktafel‹ gar nicht abbilden lassen. All das und so viel Mühe machen sich Autoren, um davon abzulenken, dass es sich um die Entführung einer sehr wichtigen Frau handeln muss – doch überzeugend sind ihre Theorien nicht. (Nicholas B. Millet ›The Narmer Macehead and Related Objects, Journal of the American Research Center in Egypt, Vol. 27 1990, pp. 53-59)
Aus Mesopotamien ist die Gefangennahme einer Königin sogar schriftlich verbrieft. Ein Dichter beklagt die Plünderung der Stadt Lagasch, die Vernichtung des Wohlstandes, die Zerstörung der Tempel, die Massakrierung der Bürger in den Strassen und die von Urukagina gefangene und entführte Königin samt der Statue der Göttin von Lagasch. (s. ›Das matriarchale Königinnentum Mesopotamiens‹). Die Gefangennahme der Königin macht Sinn: Flinders Petrie bezweifelte, »dass ein König regie­ren konnte, außer als Gemahl der Erbin des Kö­nigreiches. Das Recht wurde in der weibli­chen Linie wei­terge­geben, wie auch an­deres Besitztum«. (W.M Flinders Petrie ›A History of Egypt‹ 1896/1991, II, S. 183)

Auch auf die drei frühesten namentlich bekanntgewordenen regierenden Königinnen machte ich schon aufmerksam. Sie nannten sich nach der Göttin Unterägyptens Neith: Neith-Hotep, Merit-Neith und Her-Neith. Aus dem Namen Neith dürfen wir folgern, meint Emery, dass die Königinnen aus dem Norden stammten und »demzufolge einen mächtigen Faktor in dem politischen Gleichgewicht bildeten, das damals, kurz nach der Einigung, recht schwankend gewesen sein muss. Wie schon angemerkt, wurde es nicht nur durch das Recht des Siegers, sondern auch durch Ehebündnisse aufrechterhalten.« (Emery ›Ägypten – Geschichte und Kultur der Frühzeit‹ 1964, S. 63) Walter Emery ist überzeugt, dass Narmer nach der Eroberung Oberägyptens auch Unterägypten ein militärisches De­saster aufzwang­ und sich als Ero­berer die Zeichen der Herr­schaft von sei­nen geschlage­nen GegnerInnen aneignete. Dies hätte ihn aber noch nicht un­be­dingt zum Re­genten gemacht. »Wir haben allen Grund anzunehmen, dass die Thinitenkönige, um ihr Ansprüche auf die Herrschaft im Norden zu legitimieren, die Königinnen Unterägyptens heirateten«. (s. Emery ibd. 1964, S. 39) Erst durch die Hei­rat mit der gefangenen Königin des nördlichen Ägyp­tens konnte Narmer seine Position auch im Delta als König legitimieren. Schon Bachofen wusste: »Dabei ging es den Thronbewerbern nicht darum Erben zu zeugen, denn ihre Söhne werden ihnen nicht folgen, sondern um Macht zu gewinnen und ihren Anspruch auf den Thron rechtlich zu bestätigen.« (Johann Jakob Bachofen ›Das Mutterrecht – Eine Untersuchung über die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer religiösen und rechtlichen Natur‹ Hg. Hans-Jürgen Heinrichs 1975)

Raubzüge und Entführungen fanden nicht nur unter Narmer statt

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Aus der Zeit des Hor-Djer/Zer, des Zaren (1. Dynastie), stammt die Abbildung der Beute und der Entführung von zwei ranghohen Damen. (Holztäfelchen nach Emery, ibd., Abb. 21, S. 54)

hor-den-emery-37Holztäfelchen des Hor-Den (Udimu) aus der Zeit der ›Einigung‹ mit Unterägypten
(nach Emery ibd., Abb. 37)

Der mit der Geißel gewappnete thronende König beherrscht die Szene als erfolgreicher Eroberer. Im Gegensatz dazu sitzt die gefangene Königin in gebeugter Haltung auf dem Boden, bewacht von einem bedrohlich bewaffneten Aufpasser. Die entwürdigende, gebeugte Haltung einer gefangenen sitzenden Frau wurde im Laufe der Patriarchalisierung zum Determinativ für ›Königin‹.
Das Schicksal der Königinnen der 1. Dynastie war ihre Ermordung nach dem Tod des Königs, was auch in den Königsgräbern des südmesopotamischen Ur bezeugt ist. Mit der Hinrichtung der regierenden Königin, ihrer Tochter, der Thronerbin und der Massakrierung ihres gesamten Blutclans und des Hofstaates wurde das matriarchale Königinnentum radikal beendet; die weibliche Thronfolge konnte damit jedoch nicht eliminiert werden, sie blieb bis zur letzten regierenden Königin, Kleopatra, erhalten. (s. D. Wolf 2009, ›Sati‹ Das brutale Ende‹ S. 198 und ›Menschenopfer ›Sati‹, http://www.doriswolf.com/wp/?page_id=4596)

Das Schicksal der Gefangennahme, der Entführung und Zwangsverheiratung erlitt auch die Königin von Susa

K5-Kegelhaube-Susa

Das Bild stammt aus Susa, der Hauptstadt des altiranischen Reiches von Elam. Susa war eine der ältesten Städte der Welt und die Hauptstadt des Reiches von Elam, das einst unter matriarchaler Leitung stand. (Abb. nach M. Pierre Amiet ›La Glyptique mésopotamienne archaïque‹ 1980)

Hier können wir die aggressive Szene der Gefangennahme der Königin im matriarchalen Susa beobachten. Die Bilder der Gefangennahme einer Frau, die wahrscheinlich die Königin oder Thronerbin ist, mittels eines verschliessbaren Korbes, sind in Ägypten und im iranischen Susa auffallend ähnlich. Der Chef der Eroberer trägt die phallische weiße Krone, die er als Zeichen der männlichen Machtnahme danach auch nach Ägypten mitbringt. (s. ›Die Eroberer aus dem Norden‹: ›Die weiße Krone ist wahrscheinlich horitisch, ursprünglich aber sicher nicht ägyptisch‹.)
Selbstverständlich wehrten sich die eroberten Völker gegen die Besatzer so gut sie konnten; doch sie hatten gegen die bewaffnete Macht kaum eine Chance. Die friedlichen und unbewaffneten matriarchalen Völker waren den Eroberern hilflos ausgeliefert. Das verbrecherische Vorgehen hat sich bis heute erhalten. Immer wieder werden wir an die Überfälle, die brutale Gewalt, die Entführung und Vergewaltigung von Frauen, die Plünderungen und Grausamkeiten gegen die wehrlose Bevölkerung erinnert; sei es etwa durch die Amerikaner in Vietnam oder durch die Salafisten im Nahen Osten. Das unsägliche Verhalten primitiver, terroristischer Männer bleibt sich über die 5000 Jahre seit der patriarchalen Machtnahme gleich.

Zeugnisse eines epochalen Umsturzes

»Als das Alte Ägypten um das Jahr 3000 in das Licht der Geschichte tritt, ist alles, was für die kommenden drei Jahrtausende bis zum Beginn unserer Zeitrechnung den unverwechselbaren Charakter dieser frühen Hochkultur prägen wird, bereits angelegt.« (Dietrich Wildung ›Ägypten vor den Pyramiden‹ 1981, S. 8, Hvhb. DW)

Dietrich Wildungs Aussage ist überaus bedeutungsvoll. Aber leider lässt er die Frage offen, wann und von wem der von ihm attestierte ›unverwechselbare Charakter dieser frühen Hochkultur angelegt‹ wurde und was er beinhaltete. Die ersten Könige, beginnend mit Narmer, haben diese Grundlagen bereits vorgefunden, sie können sie nicht geschaffen haben; sie waren anderweitig beschäftigt. Die frühesten Dokumente am Beginn des dynastischen Ägypten weisen auf grosse Unruhen, Streitereien, Gefechte, einen Umbruch, sogar auf einen gewaltsamen Umsturz hin: Die Narmer-Palette zeigt Szenen eines blutigen Massakers. Auf dem aus dieser Zeit stammenden ›Messer von Gebel el-Arak‹ sehen wir einen Kampf zwischen Männern verschiedener Ethnien und einen auffallenden bärtigen Anführer mit Hut, mit dem wir uns später noch intensiver befassen werden. Das irritierende ›Wandbild von Hierakonpolis‹ bezeugt Kämpfe weißer Männer gegen Schwarze und gefangene und gefesselte Frauen. (s. Wolf 2009 ›Das bemalte Grab Nr. 100‹) Ein ebenfalls in Hierakonpolis gefundener goldener Falkenkopf deutet auf das Erscheinen eines bis dahin in Ägypten unbekannten Tieres und eines völlig fremden Gottesbildes hin. Der Falke stammt wohl ursprünglich aus den Steppen Zentralasiens, wo vor etwa 3500 Jahren auch die Falkenjagd entwickelt wurde, die sich bekanntlich bis in den Vorderen Orient und bis nach Europa verbreitete, wo der Falke (wie auch der Adler) zum Statussymbol des Adels wurde.
Es muss sich in Oberägypten tatsächlich etwas Aussergewöhnliches zugetragen haben, das derart spektakulär und von einer solchen Wichtigkeit gewesen sein muss, dass es in diesen Dokumenten festgehalten wurde. Doch diese unmissverständlichen Zeugnisse werden in den Hochglanzbüchern kaum je erwähnt, noch seltener besprochen und nicht analysiert. Obwohl diese Dokumentation einen epochalen historischen Umbruch mehrfach bezeugt – das gibt es weltweit kein zweites Mal – und trotzdem – diese Zeugnisse werden nur nebenbei oder übergangen, sie interessieren die ÄgyptologInnen nicht. Nur ganz wenige der Tausenden Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die sich mit Ägypten beschäftigen, haben sich je damit auseinander gesetzt. Das ist umso erstaunlicher, als man sich ohne eine tiefergehende Analyse dieser Dokumente, das unvermittelte Entstehen des dynastischen Staates gar nicht erklären kann. Dass Ägypten mit größter Wahrscheinlichkeit erobert wurde, dass es einen kriegerischen Umsturz gab, dass fremde, offensichtlich weiße Männer im schwarzafrikanischen Ägypten auftauchen und das Land kolonisieren, wird einfach nicht zur Kenntnis genommen, gemieden, verharmlost, beschönigt, unterschlagen oder bestritten.

Immerhin schreibt Fekri Hassan zum Aufstieg des ägyptischen Staates, dass man sich aufgrund des derzeitigen Wissensstandes (1988) nicht auf die traditionelle wissenschaftliche Betrachtung verlassen könne. Die historische Überprüfung der Belege und eine kritische Beurteilung des Bildmaterials, der Symbole und der Mythologie würden wahrscheinlich zu einer bedeutenden Revision jetziger Darstellungen der politischen Ereignisse von der vordynastischen Periode in die Zeit der Pharaonen führen. (Fekri Hassan ›The Predynastic of Egypt‹, ›Journal of World Prehistory‹, Vol. 2, No. 2, 1988, S. 174 f.)

Es sind Fragen von höchster Brisanz, deren Antworten zwar wie im Fall der Entstehung des dynastischen Ägypten auf der Hand liegen, jedoch nicht berücksichtigt, nicht mehr diskutiert und despektierlich als ›veraltet‹ abgetan werden.  Das gilt nicht nur für Ägypten. Der Archäologe von Uruk, Hans J. Nissen, stellte fest: »Die Behandlung ethnischer Fragen – insbesondere wenn es um so prestigeträchtige Probleme geht, wie welchem Volk die Entstehung der Frühen Hochkultur zu verdanken sei – flossen oft auch emotionale bzw. ideologische Komponenten ein. So wie es in der Ethnologie inzwischen als immanentes Problem erkannt und anerkannt ist, dass sich in die Beziehung zwischen Forscher und Erforschtem stets auch ein subjektives Element einschleicht, findet sich dieses Phänomen auch bei der Erforschung alter Kulturen.« (Hans J. Nissen ›Geschichte Alt-Vorderasiens‹, 2. Auflage, 2012, S. 193)
In der patriarchalistischen – oft faschistisch und rassistisch konnotierten Ägyptologie – geht es vor allem um Ansehen, Autorität, Prestige, um universitäre Interpretationsmacht und Deutungshoheit. Universitäten erheben den Anspruch auf alleinigen Besitz wissenschaftlicher Erkenntnisse und die Vermittlung der absoluten ›Wahrheit‹. (s. ›Die Nähe von Ägyptologie, Religion und Faschismus‹ http://www.doriswolf.com/wp/?page_id=178)
Universitäten – nicht selten religiöse Körperschaften – sind Verwalter und Hüter des Patriarchats; es geht um die Aufrechterhaltung männlicher Macht in der Wissenschaft – übergreifend auch in der Politik und der Wirtschaft  – und es geht darum die Vergangenheit so darzustellen, dass der Eindruck erweckt wird, dass es ›schon-immer‹ so war. Und nicht zuletzt geht es der universitären Wissenschaft um die Aufrechterhaltung der Lüge von männlichen Ur-Göttern und einer patriarchalen Ur-Religion. Ohne diese ideologische Stütze, mit den drohenden, einschränkenden und kontrollierenden Geboten und Gesetzen, die bis ins Intimste des Privaten einwirken (vor allem alles was Macht, Gewalt und Sexualität betrifft), wäre das menschenfeindliche Patriarchat nicht möglich. Das durch das absichtliche Unterschlagen der matriarchalen Ur-Geschichte entstandene Wissens-Vakuum, wurde mit patriarchalen Ideologien und patriarchal-religiösem Gedankengut gefüllt. Nachdem man das Wissen um die Religion der Göttin durch Verfolgung und Gehirnwäsche ausgemerzt hatte, siegte wieder das menschliche Bedürfnis nach Spiritualität, das sich nicht unterdrücken lässt. Da den Menschen nichts anderes mehr übrig blieb, wandte man sich nach langen äusseren und inneren Kämpfen, die bis zu den Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit gingen, dem neuen Glauben des Patriarchats zu, der nur noch männliche Götter zulässt. (s. ›Die Christianisierung Europas und die Hexenmassaker‹ http://www.doriswolf.com/wp/?page_id=3520)
Nicht nur die Ur-Geschichte, auch wichtige Teile der sozialen und religiösen Geschichte der Frauen der geschichtlichen Zeit werden unterdrückt. Gläubige AnhängerInnen der monotheistischen Religionen sind nicht dumm oder naiv, wie man vielleicht meinen könnte, die ein Geistphantom im Himmel verehren, absurde Lügengeschichten als Wahrheiten akzeptieren und sich von ständiger ›göttlicher Überwachung‹ und den Drohungen von Teufel und Hölle einschüchtern lassen; sie sind Opfer des Patriarchats, verführte Unwissende, uninformierte, unschuldige Ignoranten denen man die wahre, bzw. die ganze Menschheitsgeschichte, inklusive das, was man über den jüngsten Teil der Ur-Geschichte weiss, vorenthalten hat. Milliarden von Menschen beten, betteln, rufen die erst aus der geschichtlichen Zeit stammenden patriarchalen Götter um Hilfe gegen die Gewalt an, die patriarchale Politiker, Wissenschaftler und Wirtschaftsfunktionäre verursachen. Vergeblich. Aber es sind nicht nur die gutgläubigen Laien; getreu dem Motto: ›Du sollst nicht vom Baum der Erkenntnis essen‹, trifft es auch die universitär ausgebildeten Theologen. Besonders brisant ist das Bekenntnis des kanadischen Theologen, Priesters und Hochschullehrers Tom Harpur, der gesteht: »Während meiner zehnjährigen universitären Ausbildung zum Priester… habe ich von den Dingen (gemeint sind die heidnischen Quellen des Christentums und die Nicht-Historizität; Anm. von HS) so gut wie nichts mitbekommen… Der Theologe Hermann Detering (›Der gefälschte Paulus‹) bestätigt, dass es viele Theologiestudenten ›wie ein Schock‹ traf, als sie erstmals mehr zum Thema erfuhren. (Harald Specht ›Jesus ? Tatsachen und Erfindungen‹ 2010, S. 395 f.)

Wir leben in einer Zeit der Amnesie der matriarchalen Ur-Geschichte

Mit der Erfindung der pharaonischen ›Hochkultur‹, die eine perverse Kriegskultur von Eroberern war, wird das Patriarchat von der Wissenschaft glorifiziert und damit das heutige Allgemeinwissen und die öffentliche Meinung manipuliert. Es geht um einen Lobgesang auf männliche Macht und Gewalt und um die Verherrlichung von Kriegen. Und es geht vor allem um die Abwertung der  Frauen und die Verleugnung ihres einzigartigen kulturellen Beitrages. Es geht um das Unterschlagen der Wahrheit, dass bis zur Machtnahme der indoeuropäischen Eroberer die Welt friedlich war, und dass dies das Verdienst der Frauen, der Mütter, der Matriarchinnen und Priesterköniginnen war, die die damalige Welt – während 98 Prozent der Menschheitsgeschichte leiteten und führten. Es war die Zeit des Matriarchats – ein Dorn im Auge des Patriarchats.
Eine gründliche wissenschaftliche Erforschung der alt-ägyptischen Geschichte beginnt erst mit den Königen der dynastischen, das heisst aber des Beginns der patriarchalen Zeit. Dies führt zu Verzerrungen, denn diese Beschränkung lässt die bedeutende Epoche der Urgeschichte, der prä-dynastischen Zeit und den abrupten Umbruch außer acht. Schon 1975 machte der Archäologe James Mellaart auf den fehlenden Teil der Erforschung der Epoche  v o r  den Pharaonen aufmerksam. Es sei zu bezweifeln, schreibt er, dass das fruchtbare Niltal in der neolithischen Zeit keine Rolle ge­spielt haben sollte, während die Kulturen der östlichen und west­lichen Nach­barn so viele si­gni­fikante Entwicklungen aufwiesen. (›The Neolithic of the Near East‹ 1975, S. 271). Mellaart betont:

»Urgeschichtsforschung ist die größte Heraus­forde­rung
für die ägyptische Archäologie der Zukunft.«

Wir haben es mit riesigen Zeiträumen zu tun. Ägypten war eine uralte Kultur. Der Archäologe Fernand Debono bezifferte die ältesten Siedlungen im ägyptische Niltal auf zwei Millionen Jahre. »In dem wechselnd von Regen- und Trockenperioden charakterisierten nordafrikanischen Raum lassen sich Spuren menschlicher Besiedlung bis um 2 Millionen Jahre nachweisen«, bestätigt Dietrich Wildung. »Lange bevor das Niltal selbst, noch von regelmäßigen Hochwassern durchströmt, bewohnbar wurde, siedelten hoch an den Talrändern Menschen, deren Existenz in den von ihnen gefertigten und benutzten Feuersteingeräten nachweisbar ist.« (Wildung ibd. S. 8). Die ägyptische Kultur wurde dementsprechend schon lange vor der Eroberung des Niltals vor rund 5000 Jahren angelegt. Die ersten Siedler Ägyptens wie auch Libyens, kamen nach Elise J. Baumgartel aus dem Süden und hatten Verbindung mit den frühen Kulturen des heutigen Karthum im Sudan.
Was auffällt, dem kriegerischen Umsturz ins dynastische Ägypten, ging eine Kultur des Friedens voraus, was unter anderen der Ägyptologe William C. Hayes bestätigt. Er schreibt über die Menschen der kupfersteinzeitlichen Kultur des Niltals: »Die Badariens waren schlanke, leicht gebaute Menschen mittlerer Grösse, mit langen, schmalen Köpfen, brauner Haut, dunklem welligen Haar und überaus spärlichem Bartwuchs. Ein bäuerlich, ländliches Volk. Ihre unkriegerische Natur ist bewiesen durch das totale Fehlen jeglicher Jagdwaffen in ihren Gräbern und Siedlungen.« (Hayes ›The Scepter of Egypt‹ 1990, S.14) Dies ist für den ganzen Nahen Osten charakteristisch. Frühe Archäologen stellten mit Erstaunen fest, dass es »seltsamerweise nie irgendwelche Waffen gab, und dass man bis zum Ende des 4. Jahrtausends, als die patriarchalen Nomaden zum ersten Mal in die bestellten Länder des Fruchtbaren Halbmondes einfielen, in keiner der alten Städte des Nahen Ostens irgendein Anzeichen für menschlichen Streit oder menschliche Gewalttätigkeiten gefunden hat.« (Elizabeth Gould Davis ›Am Anfang war die Frau – Die neue Zivilisationsgeschichte aus weiblicher Sicht‹ 1987, S. 63 f.) Für das urgeschichtliche, das sogenannte Alt-Europa gilt dasselbe. Über die prähistorischen Bewohner Britanniens schreibt H.J. Massingham trocken: »Sie besaßen keine Grenzen, keine Festungen, keine Waffen und keine Kriegerklasse, denn sie brauchten keine.« (Gould Davis ibd. 1987, S. 64)

Die Zeit des Friedens

Die 2 Millionen Jahre  v o r  dem Patriarchat war die Zeit der Mütter, der Matriarchinnen, der natürlichen, gewaltfreien, weiblichen Dominanz. Frauen waren als das lebenspendende Prinzip, als Garantinnen für den Fortbestand und die Erhaltung der Sippe, der respektierte, geliebte und verehrte Mittelpunkt der mütterlichen Blutclans und Sippen.
Forscherinnen haben auf der ganzen Welt Kulturen zutage gefördert, die sich charakterisieren lassen durch ein friedliches Nebeneinander der Völker, durch die Verehrung der Mütter, der Matriarchinnen und der Großen Muttergöttin und Schöpferin des Universums. Nicht nur im Nahen und mittleren Osten, auch die AlteuropäerInnen lebten in theakratisch-monarchischen Gemeinschaftsformen, denen eine Priesterkönigin in Personalunion vorstand. (Marija Gimbutas ›Die Zivilisation der Göttin‹ 1992)

»Im Gegensatz zum allgemeinen Eindruck, dass unsere frühen Vorfahren durch Krieg und Gewalttätigkeit lebten, weisen alle Zeugnisse, die geschichtlichen ebenso wie die archäologischen, auf die Tatsache hin, dass vor der patriarchalen Revolution der Mensch friedlich war und es keine Kriege gab.« (Gould Davis ibd. S. 62)

»Während 98 Prozent der Menschheitsgeschichte gab es keine Kriege!«

Dies die Aussage des Landesarchäologen von Sachsen-Anhalt in der 3sat Sendung mit Gert Scobel. Unter Mellers Leitung wurde in Halle (vom 6.11.15 – 22.5.16) die Sonderausstellung zum Thema: ›Krieg – eine archäologische Spurensuche‹ gezeigt.
Endlich wird in Deutschland von der Wissenschaft klar und deutlich anerkannt, was Matriarchatsforscherinnen schon lange wussten und in ihren Büchern geschrieben haben: Während 98 Prozent der Menschheitsgeschichte gab es keine Kriege. Der Paläolinguist Richard Fester machte es bildhaft deutlich: »Wenn man sich die Zeit des Menschen auf dieser Erde mit 2000 Jahren vorstellt, dann gibt es Männerherrschaft erst seit einem Jahr. Und wenn man das grafisch darstellt, und dazu eine gerade Linie von zwei Metern Länge darstellt, dann ist der letzte Abschnitt, der männerrechtliche nur einen Millimeter lang.« (Wikipedia ›Richard Fester‹)
Es ist jedoch erstaunlich, obwohl alle vom Frieden reden, sich scheinbar ›alle‹ (alle?) Frieden wünschen, fand diese wahrlich sensationelle Meldung im deutschen Sprachraum keinen Widerhall, keine Aufmerksamkeit; nicht bei den PolitikerInnen, nicht bei den WissenschaftlerInnen, nicht bei den Religiösen, nicht bei der jungen Bevölkerung, nicht bei besorgten Müttern und Vätern. Gibt es eine Erklärung dafür, dass diese Ansage auf keine Interesse stiess? Und welche Rolle spielen dabei die Medien? Schützen sie die deutschen Kriegsprofiteure, d.h. die Interessen der drittgrössten Hersteller und Exporteure von Kriegswaffen ihres Landes? Die durch Kriege verursachten Toten gehen in die Milliarden (s. Wikipedia ›Krieg‹) Die Liste der Kriege seit der patriarchalen Machtnahme ist unglaublich lang. (s. https://de.m.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Kriegen) Wir lernen nichts aus der Vergangenheit, weil wir nichts wissen über den Umsturz und die Gründe, die unsere kriegerische Epoche herbeiführten. Kann es sein, dass wir derart mit patriarchaler Kriegs-Ideologie vergiftet sind, dass wir an Frieden gar nicht mehr denken oder glauben können? Ist Frieden zu einer Illusion verkommen, unmöglich, unerreichbar, undenkbar weil wir gehirngewaschen wurden mit dem die Wahrheit neutralisierenden Spruch ›Kriege-hat-es schon-immer-gegeben‹? Oder ist es ein patriarchales Tabu, zuzugeben, dass Frauen während 98 Prozent der Geschichte, die Clans, die Sippen und Stämme in Frieden leiteten und führten? Dass sie einst die Macht hatten, aggressiven männlichen Strebungen Grenzen zu setzen und diese Grenzen respektiert wurden?
Erst als indoeuropäische Viehzüchter die biologische Vaterschaft vor wenigen Tausend Jahren entdeckten, wurde die Ideologie der Herrschaft des Patriarchats erfunden, die zu den Feindseligkeiten des Patriarchats gegen mütterliche Werte, die matriarchale Weltanschauung, führten. Mächtige patriarchale Männer begannen mit der Kolonisierung, mit physischer und psychischer Unterdrückung und Ausbeutung von Schwächeren – Frauen und Männern, die bis heute andauert, ja täglich schlimmer wird. Vor 5’500 Jahren begann der lange harte Kampf der in der Patriarchalisierung (fast) der ganzen Welt endete. Heute leben wir im Patriarchat, einer perversen Dikatur – im Westen einer ›demokratischen‹ – Kriegskultur, einer Kultur des Todes und wir glauben, das sei die einzig richtige, mindestens die bestmögliche Gesellschaftsform, weil uns die Informationen zur Friedenskultur des Matriarchats fehlen, unterschlagen oder madig gemacht wurden. Scheinbar interessieren diese ›längst vergangenen Zeiten‹ nicht, werden nicht diskutiert, weil sie mit unserer Gegenwart nichts zu tun haben sollen. Dabei vergessen wir, dass wir in unmenschlichen patriarchalen Strukturen gefangen sind, die vor Tausenden Jahren entstanden sind, dass uns mächtige patriarchale Religionen mit patriarchalen Göttern, die in dieser fernen Vergangenheit erfunden wurden, in ständigen Kriegen und im Würgegriff ihres Terrors halten.

In der extrem patriarchalen Ägyptologie stieß die Tatsache der ursprünglich mächtigen Stellung der Frau verständlicherweise nicht gerade auf Gegenliebe. Der Anthropologe und Religionsforscher Robert Briffault schreibt dazu: »Ältere Ägyptologen, die ungenügend vertraut waren mit der sozialen Anthropologie, interpretierten die Geschichte üblicherweise von einem patriarchalen Standpunkt aus:

Die Verzerrungen, welche die Annahmen der patriarchalen Theorie zur Folge hatten, sind wahrscheinlich nirgends deutlicher als in der ägyptologischen Literatur. Die zahlreichen Fehlinterpretationen sind offensichtlich.«

Obwohl die von patriarchalen Männern dominierte Ägyptologie bisher wenig Interesse für die schriftlose urgeschichtliche Politik und Sozialstruktur aufbrachte, gibt es auch in der dynastischen Zeit genügend schriftliche Hinweise auf das ursprüngliche Matriarchat. In der dynastischen Zeit wurde »ein immer wieder zutage tretender mutterrechtlicher Zug im gesellschaftlichen Aufbau« festgestellt. (Eberhard Otto ›Wesen und Wandel der ägyptischen Kultur‹ 1969, S. 24) Otto fügt an, dass obwohl Rechtshistoriker es ablehnten, in der Stellung der Frau ein mutterrechtliches Element zu sehen, »spielen Frauen bzw. Königinnen in Krisensituationen so oft eine Schlüsselrolle (und zwar nicht kraft ihrer individuellen Persönlichkeit), dass der Historiker doch meinen möchte, in die vielschichtige komplexe ägyptische Kultur sei doch auch ein mutterrechtlicher Anteil, dann wohl afrikanischen Ursprungs, eingegangen.« (Otto ibd. S. 58)

Die Thesen der ›veralteten‹ ÄgyptologInnen

Den Umsturz von der matriarchalen Kultur des Friedens in die patriarchale Zeit der dynastischen Gewalt erforschte der eminente britische Ägyptologe und Archäologe Flinders Petrie. Aufgrund seiner langjährigen Arbeit und Recherchen im Nahen Osten und in Ägypten vertrat er die fundierte Meinung, Ägypten sei gegen Ende des 4. Jahrtausends erobert und unterworfen worden. Für Flinders Petrie war es eine ›neue Rasse‹, die ursprünglich von einem un­bekannten Punkt Vorderasiens aus­wan­derte und in Ägypten ein­drang. Er war der Überzeugung, dass die damals kriegerischen Unruhen im Niltal keineswegs als innere Expansion betrachtet werden könnten. »In Ägypten fand ein kompletter Wandel statt, welcher auf eine bewaffnete Invasion hinweist, bei der die indigene Population ausgelöscht oder versklavt wurde«, berichtet die britische Anthropologin und Ägyptologin Margaret Murray (›The Splendour that was Egypt‹ 1949, S. 1). Die Archäologin Elise J. Baumgartel, eine der ersten anerkannten weiblichen UrgeschichtsforscherInnen, eine Mitarbeiterin u.a. von Abbé Breuil und Flinders Petrie, war eine absolut zuverlässige Chronologin. Sie stellte fest, die Kultur der neolithischen Badari- und Nagada-I-Zeit Ägyptens (ca. 5500 bis 3500) sei im Vergleich zu der anschließenden Nagada-II-Zeit (ca. 3500 bis 3100) derart verschieden, dass sich die spätere nicht aus der früheren habe entwickeln können. Es könne sich deshalb nicht um eine Weiterentwicklung gehandelt haben, vielmehr gehe es um eine völlig neue, fremde Kultur. Sie schreibt, es scheine, die Heimat der Eindringlinge sei nicht weit von jener der [indoeuropäischen] Sumerer gewesen, mit denen schon die Leute der Nagada-I-Zeit Handel getrieben hatten. (›The Cultures of Prehistoric Egypt‹ 1955, S. 49) Baumgartel bringt es auf den Punkt:

»Der Umbruch in der Nagada-II-Zeit war eine Symbiose zweier Zivilisationen, einer afrikanischen und einer vorderasiatischen. Hier liegt der Schlüssel zum Verständnis vom Anfang des dynastischen Ägypten, der kein kulturelles, sondern ein politisches Ereignis war.« (Baumgartel ›The Cultures of Prehistoric Egypt II‹ 1960, S. 154)

Baumgartel wird 1999 vom iranischen Arier- und Sprachforscher Jahanshah Derakhshani bestätigt, er schreibt: »Wechselwirkungen der Kulturen Ägyptens und Asiens sind schon in der prähistorischen Zeit nachweisbar. Der Einfluß der Asiaten in Ägypten wird besonders deutlich in der Neqada II-Zeit [ca. 3500-3100], aber bereits seit der Badari-Periode [ab dem 6. Jahrtausend] sind Kontakte mit dem Osten bezeugt. Viele Objekte der früheren Perioden deuten auf kulturelle Einflüsse sowie Importe aus dem Iranischen Hochland hin, wie z. B. Stempelsiegel sowie Objekte aus Lapislazuli, Kupfer etc.« (›Die Arier in den nahöstlichen Quellen des 3. und 2. Jahrtausends v.Chr.‹ 1999)
Leonard Woolley, der Ausgräber des mesopotamischen Ur, ist ebenfalls überzeugt, dass in Ägypten eine »nationalistische Auflehnung ge­gen ein fremdes Regime«, das aus Vorderasien eingedrungen war, stattfand. Er stellte als unleugbare Tatsache fest, dass Stil, Technik und manchmal sogar die Motive der in Ägypten aufgetauchten Schieferpaletten aus Meso­potamien stammten. Hingegen meint Wildung: »…nichts zwingt dazu, die kulturellen Veränderungen von Negada I zu Negada II auf Zuzug oder Invasion von Ausländern zurückzuführen.« (Wildung ibd. S. 15) Die isolationistischen Ägyptologen halten bis heute an ihrer Überzeugung von der ›inneren Entwicklung‹ Ägyptens fest. Dabei geht es um die außerordentli­ch brisante Frage nach der ethnischen Zugehörigkeit der UreinwohnerInnen und jener der ›dynastischen Rasse‹. Die Kon­troversen über die Art des vorderasiati­schen Einflusses rei­chen von Handelsbeziehungen, friedlichen In­fil­tratio­nen, harmlosen klei­nen Gefechten bis zur Erobe­rung und Koloni­sierung Ägyptens und der Grün­dung der 1. Königsdynastie durch Menschen fremder ethnischer Herkunft. In der Meinung heutiger Ägyptologen herrscht die beweisarme These der Isolationisten vor, obwohl die Argumente eindeutig zugunsten der Diffusionisten sprechen. Man will die Eroberung Ägyptens durch eine kriegerische ›fremde Rasse‹ einfach nicht wahrhaben; vor allem die Tatsache nicht anerkennen, dass es weiße Invasoren sind, die im friedlichen schwarzafrikanischen Land Ägypten die Macht an sich gerissen haben und die ersten Dynastien gründeten. Man will nicht zugeben, dass es einen kriegerischen Umsturz gab; will nicht glauben, dass indigene ÄgypterInnen, gefangen genommen und gemordet wurden, obwohl dies schon die Narmer-Palette und der Keulenkopf nahe legen. Man will nicht für möglich halten, dass es bis zum Umsturz der Eroberung in Ägypten keine Kriege und keine Jagd gab. Und nicht zuletzt will man im christlich-patriarchalen Raum die Tatsache des Matriarchats auf einen Mythos reduzieren. Die geschichtliche Realität will man nicht sehen, weil sie den Mythos vom bereits seit Urzeiten bestehenden Patriarchat und die Lüge von der ewigen Herrschaft der Männer ad absurdum führen würde.
Es sind nicht etwa Gewalt und Kriege, Eroberungen und Gräueltaten, die die Wissenschaftler abschrecken würden; im Gegenteil, kaltblütige und grausame Erobererkönige, vorzugsweise kriegerische Pharaonen der späteren Zeit, werden bewundert und hochgejubelt (s. z.B. Haremhab, Thutmosis I und III, Ramses II., usw.); ihnen und ihren Kriegen wurden reihenweise begeisterte Bücher gewidmet. Jeder Ägyptologe kann sich mit seinen Idolen, der Macht der ›grandiosen‹ Pharaonen ein Stück weit identifizieren und sich einwenig im Glanz ihrer angemassten ›Göttlichkeit‹ sonnen.
Deutsche Wissenschaftler wollten nach dem Desaster des 2. Weltkrieges und der Zeit des deutschen Arier-Wahns aus naheliegenden Gründen von kriegerischen Eroberungen und Ariern nichts mehr wissen. Damit wurde auch das Thema der Eroberung Ägyptens tabu und aus der deutschen Forschung, den deutschen Lehrbüchern und aus den deutschen Köpfen eliminiert. Das Problem ist nur, dass man sich dadurch den drastischen Umbruch vom Neolithikum in die dynastische Zeit in Ägypten (und Mesopotamien) nicht erklären kann.

»Die Erfahrung einer von den Nationalsozialisten instrumentalisierten Kulturwissenschaft hinterließ Spuren. Die Angst vor Aussagen, die politischen Charakter haben könnten, führte jedoch besonders in der Ur- und Frühgeschichte zu einem Rückzug auf das Sammeln von Daten. Theorie wurde zu einem gemiedenen Terrain. Dementsprechend werden theoretische Entwicklungen, die die Archäologie der englischsprachigen Länder in ganz neue Bahnen gelenkt haben, hierzulande mit größter Zurückhaltung, wenn nicht gar mit pauschaler Ablehnung rezipiert.« (Reinhard Bernbeck ›Theorien in der Archäologie‹ 1997, S. 33 f.) Außerdem meint Bernbeck: »…sind die universitären Strukturen in Deutschland einer theoretischen Offenheit hinderlich.« …dies gilt nicht nur für Deutschland!
Es erstaunt nicht, dass die ÄgyptologInnen heute mehr als vorsichtig mit der Gründung der dynastischen Zeit umgehen. Dietrich Wildung hielt sich beispielsweise so gut wie möglich von einer klaren Stellungnahme fern, indem er so etwas wie ein ›laufendes Verfahren‹ vorschiebt, er schreibt: »Ein Bericht über ›Ägypten vor den Pyramiden‹ kann heute nur eine Zwischenbilanz sein, da längerfristige Feldkampagnen noch in vollem Gange sind (z.B. Fred Wendorf in der Westwüste, Michael Hoffman in Hierakonpolis, Fekri Hassan in Negade, Josef Eiwanger in Merimde, die Münchner Ostdelta-Grabung in Minshat Abu Omar). »Dennoch«, schreibt Wildung weiter, »ist dieser Bericht nicht überflüssig, differenziert er doch ein zugunsten der pharaonischen Zeit kopflastiges Bild von Altägypten, kann er doch dazu beitragen, den Blick auf das Werden einer Hochkultur zu lenken und uns miterleben zu lassen, wie das ›typisch Ägyptische‹ im Lauf von Jahrtausenden Gestalt gewann, um uns schließlich vor 5000 Jahren entwickelt gegenüber zu treten.« (WildungÄgypten vor den Pyramiden‹ 1981, S. 7.) Die Hochkultur bestand bereits, war keine Leistung der kriegerischen Eroberer. Kriege schaffen keine Hochkulturen, sondern zerstören sie. Das Ignorieren der kriegerischen Invasion war der Grund, weshalb die renommierte Ägyptologin Emma Brunner-Traut ein Ägypten phantasierte, das wie das Küken aus dem Ei schlüpfte und versehen mit allen Potenzen, ohne jegliche Vorgeschichte entstanden sei. (Brunner-Traut ›Die Alten Ägypter – Verborgenes Leben unter den Pharaonen‹ 1987, S. 10).

Die Zeit der Eroberung und Gewalt und ihre Beschönigung

Bei der Gründung des männlichen Königtums waren »Waffen und bewaffnete Männer, Spezialisten im Töten, von wesentlicher Bedeutung.« (Lewis Mumford)

Allerdings wurden diese Tatsachen in den Berichten der WissenschaftlerInnen meistens bagatellisiert. geschönt, verdreht oder unterschlagen. Im Wikipedia lesen wir wie sich Wissenschaftler selbst belügen und die Geschichte verharmlosen: »Frühere Interpretationen der gefundenen Artefakte, insbesondere des Keulenknaufs und der Prunkpalette, vermittelten ein raues und von militärischen Kriegszügen geprägtes Bild von einer möglichen weiteren Reichseinigung unter Narmer. Ausschlaggebend für die früheren Deutungen war die Darstellung des Königs, wie er einen Gegner mit seiner Prunkkeule erschlägt, sowie die sich wiederholenden Bilder von zerstörten Bastionen und niedergemetzelten Feinden. Doch eben weil sich diese Darstellungen in ihrem Stil und ihrer inhaltlichen Aussage wiederholen und sich nachweislich weit bis vor die Zeit Narmers zurückverfolgen lassen, stellen sich Toby Wilkinson und Kathryn Bard die Frage, ob hier wirklich ein historisches Ereignis, oder nicht eher ein symbolischer Wunsch des Herrschers nach Legitimierung seiner Machtansprüche als alleiniger Herrscher festgehalten ist. Bestärkt wird die Frage durch die Tatsache, dass besonders das Motiv des ›Schlagens des Feindes‹ in späteren Dynastien auch für ganz andere Volksgruppen (zum Beispiel Nubier) und Anlässe herhalten muss« (Wikipedia). Wir verdanken Wikipedia, das leider anonyme, darunter auch feige Autoren und tendenziöse Geschichtsverfälscher schützt, dass sich immerhin Laien, die wenig Zugang zu den Fachbüchern haben, informieren können.
Narmer war wahrscheinlich der erste Mann, der sich in Ägypten durch Gewalt von der gefangenen Königin zum König machen ließ. Die übliche, widerliche Verherrlichung dieses Despoten und Verbrechers lesen wir wieder im Wikipedia : »Obwohl von Narmer besonders bedeutende Funde bekannt sind, darunter seine ›Prunkpalette‹ und sein Keulenkopf, weiß man über die Herkunft und Identität dieses bedeutsamen Herrschers noch immer wenig, weshalb viele kontroverse Thesen um ihn aufgestellt wurden. Es steht aber außer Frage, dass Narmer nachhaltig die Kultur und das Wohl des Landes vorantrieb und den Weg für ein glanzvolles Reich ebnete.« Der Autor ist entweder uninformiert, voreingenommen, ignorant oder einfach nur dreist. Der mit der Keule bewaffnete Narmer dominiert die Szene als Mann mit den kämpferischen Insignien als Falke und als Stier. Von der patriarchalen Beschönigungs- und Bagetellisierungs-Theorie eingenommen behauptet die Ägyptologin Christiana E. Köhler, »neuere Untersuchungen würden zeigen, dass die Reichseinigungen nicht durch militärische Eroberungen vollzogen wurden, obwohl im Einzelfall kriegerische Auseinandersetzungen vorgekommen sind. Der beispielsweise früher öfter hergestellte Zusammenhang zwischen der Gesamtanzahl von Gefangenen unter Narmer in Verbindung mit einer militärischen Auseinandersetzung kann nicht mehr aufrechterhalten werden.« (The State of Research on Late Predynastic Egypt: New Evidence for the Development of the Pharaonic State? 1995, S. 86-87.) Noch grotesker ist die Behauptung: »Auf dem ›Keulenkopf des Narmer‹ wird somit die insgesamt friedliche Übernahme einer größeren Region beschrieben, die gleichzeitig den Charakter einer Volkszählung aufweist.« (Wikipedia ›Reichseinigung Ägypten‹, Hvhb. DW)

Narmer-Palette beidseitig

Obwohl die Narmer-Palette, die das brutale Massaker an der ägyptischen Bevölkerung zeigt, jeder und jedem Interessierten zugänglich ist, dreschen die Autoren Phrasen und glorifizieren Narmer, der den Grundstein der fast 3000 jährigen Geschichte von 31 Dynastien gottgleicher Pharaonen gelegt habe. Und sie behaupten, dass Narmers Erbe eine friedliche Gesellschaft in einem geeinten Reich geschaffen habe und dass alle, die ihm folgten diese göttliche Ordnung schützten. Die Autoren verkennen die Diktatur und Tyrannei vollständig und fabulieren von einer der erfolgreichsten Gesellschaften, die sich zur höchsten Blüte entfaltete. Fragt sich nur für wen.
Nar-Mer wird mit den beiden Hieroglyphen ›nr‹ und ›mr‹ geschrieben, was als ›furchterregender Wels‹ übersetzt wird. Aufschlussreich wird der Titel aber, wenn er durch Zufügen von ›tjai‹, als ›der Männliche‹ bezeichnet wird, denn tatsächlich ist ›Nar‹ die arische (Sanskrit-) Bezeichnung für Mann/Herr und ist laut dem Arier und Sprachforscher Jahanshah Derakhshani im Alt-Iranischen und Indischen reichlich belegt. (Derakhashani ›Geschichte und Kultur des Alten Ostiran – Grundzüge der Vor- und Frühgeschichte Irans‹ 1995, S. 116)  ›Nar‹ be­zeichnet in den indoeuropäischen Sprachen den Mann höheren Standes; das Sanskritwort ›nar-a‹ für Mann, das hebräische Wort ›nar‹ für Chef, Direktor, Leiter und Führer. Schon Alan H. Gardiner, dessen bedeutendstes Werk die ›Egyptian Grammar‹ war (1927), betonte, dass Bildzeichen nicht gebraucht wurden, um etwas als solches zu benennen, sondern absolut andere Dinge meinen können, nämlich solche, die einen gleichen Klang haben wie die bildhafte Darstellung (Gardiner 1927/ 1988, S. 7). Die zweite Silbe mr(t) steht für Sklavin/Sklave, das ebenfalls eine indoeuropäische Wurzel hat. Beides zusammen genommen dürfte erklären, was der Name meint: Nar-mer, der siegreiche Eroberer nennt sich nun »Chef der Sklaven«, das heißt der besiegten ÄgypterInnen.

Wer war Menes?

»Charakteristisch für die herr­schende Kaste der verschiedenen Heldenzeitalter – laut dem englischen Historiker H. Munro Chadwick ›ihrem Wesen nach barbarische Perioden‹ – ist, dass sie nach Ruhm dürste­te, die Heldentaten von Einzelpersonen verherrlichte, deren Körperkräfte maßlos übertrieben darstellte und sie in die Nähe von ›gottähnlichen Wesen‹ rückte.« (Samuel N. Kramer ›Geschichte beginnt mit Sumer‹ 1959, S. 153)

Die Sucht des patriarchalen Mannes nach Macht, Ruhm und Ehre

Menes/Meni, die mysteriös-mythische Bezeichnung taucht in der 0-Dynastie um 3000 in Ägypten auf und wird irrtümlicherweise oft mit Narmer oder Hor-Aha gleichgesetzt. Der Name Menes leitet sich von der indoeuropäischen Wortwurzel manu (Mensch, Mann, Manu) ab, der zum ›Stammvater der Menschheit‹ überhöht wurde. Varianten der Bezeichnung ›Menes‹ sind aus vielen Gegenden und ihren unterschiedlichen Sprachen bekannt. Der sagenhafte Stammvater und brutale Draufgänger der Germanen ist der Urmensch Mannus. In Indien begegnen wir ihm als ›Manu‹, dem Sohn von Brahma, einem der Hauptgötter des arisierten Indien. Er gilt wie Abraham, der auch Vater Brahm genannt wird, als ›Stammvater der Menschen‹.
Der Indo-Europäer-Forscher und Sanskrit-Gelehrte Jean Haudry beschreibt die Merkmale und Eigentümlichkeiten der Indo-Europäer. Nach den erfolgreichen Eroberungen der friedlichen matriarchalen Welt, stellten sie sich im »Bild eines stolzen Kriegeradels vor, der das Leben, die weiten Räume, die irdischen Güter und vor allem den Ruhm schätzt, der sich zu Friedenszeiten der Viehzucht, dem Reiten und der Jagd widmet… Es gibt bei den Indo-Europäern eine Aristokratie, deren Hauptbeschäftigung der Krieg ist; diese Aristokratie prägte die ihr nachfolgenden Regierungsformen erheblich… Tacitus‘ Germania liefert uns das Bild einer ›Nation in Waffen‹…  Für diese Männer ist der ‚Charakter‘, der Tatendrang (= ménos) die Haupteigenschaft des Menschen [des Mannes!] und der Ruhm (kléwos) das höchste Lebensziel. Von den Dichtern besungen, verhilft der Sieg dem Krieger zum ›unverwelklichen Ruhm‹. ›Ménos‹ ist das idealtypische Charakterbild für Tatendrang (Ehrgeiz),  krankhaftes Machtstreben und Größenwahn. »Wer diesen Tatendrang, diese Charakterstärke besitzt, soll den Charakter eines Herrn (ner-menes) haben.« (Haudry ›Die Indo-Europäer‹ 1968, S. 25, 131)
Wenn Menes mit Nar-mer oder Hor-Aha verbunden wird, bedeutet dies, dass diesen Erobererkönigen der Charakter draufgängerischer und ruhmsüchtiger indoeuropäischer Horiter und Arier zugeschrieben wurde. Narmer wird auf der berühmten Palette abgebildet als unglaublich grausamer Machtmensch, ein brutaler Mörder, der sich als Held darstellen lässt; der Eroberer, der einheimische Ägypter verfolgt, mordet und das Land ausraubt.
Adolf Erman berichtet aus der Zeit des Neuen Reiches von der Kriegslüsternheit der Herrschenden. »…vor allem unter den Königen der 18. Dynastie scheint eine Art kriegerischer Begeisterung größere Teile des ägyptischen Volkes ergriffen zu haben, und wie in den ›Annalen‹ Thutmosis III. etwa der persönliche Mut des Königs verherrlicht wird, das gehört zu den uns geradezu unägyptisch anmutenden Dingen dieser Epoche, in der die Ägypter zum ersten mal mit den anderen Völkern der alten Welt in wirklich nahe Berührung treten.« (Adolf Erman ›Ägypten und ägyptisches Leben im Altertum‹ 1984/1923, S. 621) In Grabinschriften von Offizieren der Könige der 18. und 19. Dynastie »sprechen sie von den Kriegen als seien sie kein notwendiges Übel sondern das höchste Glück des Lebens. Mit Stolz erzählen sie uns, wenn sie für ihre Leistungen im Kriege ›das Gold der Tapferkeit‹ vom König erhalten haben… Unter den Königen der 19. Dynastie gilt die Kampfesfreude schon ebenso als eine selbstverständliche Herrschertugend wie die Ehrfurcht gegen Amon. Er schneidet den Empörern die Köpfe ab und hat eine Stunde des Kampfes lieber als einen Tag des Jauchzens. Wenn dem König gemeldet wird, dass die Anführer der Stämme der Beduinen sich verbündet haben und die Gesetze des Palastes verachten, so freut sich seine Majestät darüber. Denn der gute Gott jauchzt beim Beginn des Kampfes, er ist froh, wenn man sich gegen ihn auflehnt, sein Herz ist zufrieden, wenn er Blut sieht.« (Adolf Erman ibd. S. 631)

Der Zusammenbruch des Alten Reiches:
Das kostbare matriarchale Erbe war verschleudert

 ›Wahrlich, Lachen ist vergangen und wird nicht länger gemacht.
Jammern ist es, was durch das Land ist, vermischt mit Wehklagen.
In den Herzen herrschte Wut.‹ (Ipuwer)

Um 2200 – nur 800 Jahre nach der Eroberung – war das großartige Erbe der matriarchalen Zeit verschleudert. Das in Jahrtausenden geduldigen Schaffens Erreichte war dem Untergang geweiht: Nach 800 Jahren ständiger Kriege war der Wohlstand verprasst und zerstört. Was die Indo-Europäer bei ihrer Machtnahme vorgefunden hatten, war durch Ausbeutung, Verschwendung, Unterdrückung, Versklavung, Raubbau, Habgier, Korruption, Krieg und Diktatur zunichte gemacht. Der Schreiber Ipuwer berichtet im Papyrus Leiden von den verheerenden Ereignissen, den Wehklagen und der Wut des Volkes, von einem sozialen Aufruhr, vom Aufstand gegen die Despotie der königlichen Kaste, von einer gewaltigen Revolution, von der Zerstörung der uneingeschränkten Macht und Maßlosigkeit der Elite, von Verwüstung und Plünderung, von der Schändung der Gräber und Sarkophage und von der Zerstörung der königlichen Mumien. Das Alte Reich brach zusammen. Das Land versank in Feuer, Blut und Chaos. Der Revolution, die das Ende des ›Pyramiden-Zeitalters‹ herbeiführte, ging die Ermordung Tetis, des 1. Königs der 6. und letzten Dynastie des Alten Reiches voraus.
»Erstmalig in der Geschichte Ägyptens haben einfache Nichtadelige es gewagt einen Pharao umzubringen«, empört sich der französische Archäologe Audran Labrousse über die Ermordung des Teti. (›Das Ende des Pyramidenzeitalters – Das Erlöschen von Imperien‹ –  arte 28./29.6.2014) Er beklagt bitterlich »die Ermordung eines Königs, des Vertreters Gottes auf Erden, der Gerechtigkeit, Wahrheit und die Weltordnung repräsentierte und Garant für das Gleichgewicht des Staates war, was das Chaos entfesselte. Eine zügellose Gewalt richtete sich gegen die königliche Kaste, die von göttlichem Geblüt war.« Die Gründe für die Aufstände und die Wut des Volkes hinterfragt der naive Pharaonenverherrlicher nicht; er ist aufgrund seiner überholten Sicht davon tief betroffen.
Schlussendlich führt Labrousse den Untergang Ägyptens am Ende des Alten Reiches auf eine Revolution zurück, die durch eine Klimaveränderung erklärt werden könne! Wenn ›Blindgläubigen‹ nichts mehr zur Zerstörung der Welt einfällt, reden sie das Klima herbei, das an allem schuld sein soll.
Die neuen männlichen Götter des Patriarchats konnten den Untergang nicht aufhalten. Ägypten brauchte 200 Jahre, um sich nur einigermaßen zu erholen. Auch das Mittlere Reich endete in Chaos und Not. Nach der glanzvollen 18. Dynastie gings unaufhaltsam dem Ende entgegen. Nach dem Selbstmord Cleopatras, der letzten Pharaonin Ägyptens war Ägypten nur noch eine Provinz Roms.

Der Zusammenbruch des dynastischen Ägypten war nur das  vorläufige Ende der patriarchalen, indoeuropäischen Despotie in Ägypten. Die Diktatoren halten bis heute das Volk im Würgegriff ihrer militärischen Macht.


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