Die Christianisierung Europas und die Hexenmassaker

Aus dem Inhalt:

  • Die Gräuel des unheilvollen Patriarchats und seiner Religionen
  • Alles nicht wahr ?
  • Hexen – Ketzerinnen – Rebellinnen gegen die Unterdrückung der Kirche und männliche Bevormundung
  • Die von der kirchlichen und politischen Obrigkeit verordnete Ermordung von Frauen durch Männer
  • Der ›christliche‹ Hexenhammer
  • Hexen – Frauen – Aufständische gegen ökonomische und sexuelle Ausbeutung
  • Hexenjagd eine lukrative Finanzierung von Kirchen und Kriegen
  • Die Hexe – Symbolfigur des Bösen
  • Der Neid der Männer auf das medizinische Wissen und die Macht der Frauen
  • Ärzte profitierten von den Hexenmassakern und übernahmen den Platz der ermordeten Heilerinnen und Hebammen
  • Die Saat der christlichen Gewalt in aller Welt

.

Die Gräuel des unheilvollen Patriarchats und seiner Religionen;
eine ketzerische Zusammenfassung

Der Preis der finalen Christianisierung Europas: Unzählige Menschen wurden in der frühen Neuzeit (nicht im Mittelalter) als ›Hexen‹ grausam gefoltert und verbrannt, mindestens 90 Prozent davon waren Frauen.

Die ›Hexenverfolgung‹ begann schon bei der Christianisierung Germaniens: diese schritt im 5. Jahrhundert schnell voran, schreibt Birgit Weidmann. Aber, »die Frauen blieben für die Missionen eine undurchschaubare Widerstandskraft. Traditionell galten die alten Frauen als die Bewahrerinnen der Kulte, in denen Göttinnen, die mit vielen Tieren und Naturwesen verbunden waren, Leben spendeten und schützten. Sie sorgten für den Erhalt der Fruchtbarkeit der Erde und des Viehs, heilten Krankheiten, schützten das Volk vor Unbill, begleiteten Schwangere, junge Mutter und Kinder waren sehr hilfreich während Geburts- und Sterbeprozessen. Die jungen Frauen, die Mütter und die Großmütter der Stämme und Gemeinden drohten aus Schwäche und ›sündiger Dummheit‹ wie es die Kirchenväter lehrten, ihre Kinder erneut zu ›Heiden‹ zurückzubilden… Die vordringenden Missionare zerstörten systematisch die Kultstätten des Matronenkultes am Niederrhein sowie überall im ehemaligen römischen Grenzgebiet. Sie zertrümmerten ihre Weihesteine, Denkmäler und Altäre und machten ihre Heiligtümer dem Erdboden gleich. Auf den Tempelruinen erbauten sie christliche Gotteshäuser.« (Birgit Weidman ›Die verlorene Göttin – Geschichte der Spiritualität‹ 2016, S. 75 f.)

Die Verfolgungen hielten während 1000 Jahren an. »Wie hat die Religion der Liebe und der Duldsamkeit dahin kommen können, die Menschen lebendig zu verbrennen, welche ihre Lehren nicht freiwillig annehmen wollten? Das ist die entscheidende Frage.« (Henry Charles Lea ›Geschichte der Inquisition im Mittelalter‹ 1905/1997) Der amerikanische Historiker Henry Charles Lea (1825 bis 1909) stand dem Zeitgeschehen der Massaker und der Wahrheit näher als spätere Historiker und Kleriker. Er »gehört zu den Klassikern unorthodoxer Kirchengeschichtsschreibung. Sein Werk über die Geschichte der Inquisition im Mittelalter – großartig in seiner erzählerischen Kraft und der Breite seiner Perspektiven, gründlich in seiner Verarbeitung eines gewaltigen Quellenmaterials – ist in vieler Beziehung bis heute unübertroffen. Lea beschreibt das methodische Vorgehen der Inquisitioren beim Aufspüren von Ketzern und Häretikern, bei deren Verfolgung und Vernichtung als ein System der universellen Überwachung und Gesinnungspolizei, das der Kirche angeblich zur Reinerhaltung des Glaubens, in Wirklichkeit jedoch zur Erhaltung und Festigung ihrer eigenen, irdischen Macht diente.
Aber Leas monumentales Werk ist nicht nur ein Stück kritischer Kirchengeschichte. Sehr ausführlich stellt der amerikanische Historiker auch Aufstieg und Untergang der vielfältigen Häresien und Ketzerbewegungen des Mittelalters dar, zu deren Unterdrückung die Inquisitoren angetreten waren: die Welt der Katharer und der Kreuzzug gegen die Albigenser in Languedoc werden ebenso ausführlich geschildert wie die Unruhe stiftenden Fraticellen in Italien, die Waldenser in Frankreich und Deutschland, die Hussiten in Böhmen, die poltische Ketzerei, die in Savonarola gipfelte, die Vernichtung des Templerordens sowie das Zauberer- und Hexenwesen und seine Verfolgung.« (Christian Barduhn http://www.humanist.de/kultur/literatur/religion/lea.html ›Geschichte der Inquisition im Mittelalter‹ Henry Charles Lea, 1999, Hvhb. DW)

In heutigen Geschichtsbüchern variiert die Zahl der umgebrachten Hexen zwischen einigen Zehntausend bis zu zehn Millionen. »Westdeutsche Feministinnen schätzen die Zahl der verbrannten Hexen auf etwa gleichviel wie die in Nazideutschland umgebrachten Juden, nämlich auf 6 Millionen. Der Historiker Gerhard Schormann erklärte, dass die Hexenverfolgung, der ›breiteste, nicht durch Krieg verübte Massenmord an menschlichen Wesen durch andere menschliche [männliche! DW] Wesen‹ gewesen sei.« (Der Spiegel, Nr. 43, 1984)
Wie der Holocaust von Faschisten auf einige wenige Opfer geleugnet wird, geschieht dies auch mit den Hexenmassakern. »Die meisten christlichen Historiker drücken sich äußerst beschönigend über die Inquisition aus und fälschten bewusst und absichtlich viele der Berichte; oder sie zerstörten sie im geheimen, wie etwa im Fall der katholischen Obrigkeiten. Trotzdem haben einige wenige Gelehrte, wie etwa Henry Charles Lea, der die Originalquellen untersucht hat, festgestellt, dass diese christliche Schreckensherrschaft mindestens [!] neun Millionen Menschen gefoltert und verbrannt hat.« (Barbara G. Walker ›Göttin ohne Gott – Der Herr des Himmels wird entthront‹ 1999  S. 66)  (s. auch ›Hexenwahn –  Die Dokumentation, ZDF info 27.3.2016)

Alles nicht wahr ?

Zum Thema der Hexenverfolgung in Deutschland lädt Constantin Magnis, Chefreporter bei Cicero den Bamberger Günter Dippold zum Gespräch. Ausgerechnet einem Mitglied der christlichsten aller patriarchalen deutschen Parteien, der CSU, mutet Magnis zu, den LeserInnen einen einigermaßen unvoreingenommenen, wissenschaftlich-historischen Bericht zu einem der schlimmsten Verbrechen der Kirche, der Inquisition und Hexenverbrennung abzuliefern.
Magnis dirigiert den Interviewten schon mit seiner ersten Frage in die von ihm beabsichtigte Richtung und die erwartete Antwort: »Es gibt eigentlich kaum ein historisches Ereignis, das derart mit Klischees und Mythen beladen ist wie das Thema Hexenverfolgung. Stimmen Sie dem zu?« »Ja, unbedingt.«! Aber, der Bamberger Historiker spricht nur für Bamberg!

Die beiden Herren sollten vielleicht nochmals nachschlagen bei Harald Spechts ›Geschichte(n) der Dummheit – Die sieben Sünden des menschlichen Schwachsinns‹ 2010, S. 234-251. Bei ihm, der zu diesem, von ihm gut recherchierten Thema, dem »langen Weg der Frauenverfolgung, angefangen von der Negierung der alten Göttinnen bis zu den Hexen des Mittelalters« geschrieben hat, kann wohl von weitaus weniger ›Klischees‹ und sicher nicht von religiösen und politischen Rücksichtnahmen ausgegangen werden. Er dürfte kaum ein Interesse irgendwelcher Art an Beschönigungen oder Bestreiten der Tatsachen haben, weshalb er einen ungeschönten Abriss in seinem lesenswerten Kapitel ›Teufelsglaube und Hexenwahn‹ gibt. Daraus seien zwei seiner Zitate erwähnt:

  • »Es waren die ›Geistlichen und Juristen, die die Hexenlehre unter die Massen brachten. Pfarrer, Beichtväter und geistliche Obere, Richter und Universitätsprofessoren riefen den ›Wahn‹ zielgerichtet hervor und hielten ihn am Leben.« (Gloger und Zöllner ›Teufelsglaube und Hexenwahn‹ 1983)
  • Und: »Die Hexenverfolgung war aber ›nicht nur ein Produkt geisteskranker Hysterie einzelner Kirchenmänner‹, sondern war ein ›von Klerus und Adel aus exaktem politischem Kalkül entwickelt worden‹, wie auch Lacanau und Luca betonen.« (›Die sündigen Päpste in Mittelalter und Renaissance‹ 2003).

Wenn heutige Geschichtsrevisionisten behaupten, unter den Millionen Ermordeten der christlichen ›heiligen‹ (!) Inquisition hätten sich in Europa weniger als 100’000 ›Hexen‹ befunden, ist das eine Schutzbehauptung von Männern und Frauen, die nicht ›glauben‹ wollen, dass zivilisierte christliche Männer Frauen systematisch zu Tode gequält haben. Und wenn auch unaufgeklärte christliche Frauen die Zahlen bezweifeln, geht das auf die christliche Hirnwäsche zurück, der wir seit diesem barbarischen Akt der Christianisierung alle ausgesetzt wurden. Niemals in der Geschichte der Menschheit haben ›unzivilisierte, heidnische, anders- oder ungläubige‹ Männer – ein Verbrechen derartigen Ausmaßes an Frauen begangen wie christliche Fundamentalisten in Europa. »Die Hexenjagden vom 15. bis zum 18. Jahrhundert gehören zu den verabscheuungswürdigsten Taten, die je im Namen des Christentums begangen wurden. Die Zahl der Frauen und Männer, die der Hexerei beschuldigt und ermordet wurden, erreichte über acht Millionen. Die meisten Opfer, die auf dem Scheiterhaufen starben, waren einfache Frauen vom Lande, die das Wissen um die Göttin und ihre Geheimnisse von ihren Müttern und Großmüttern übernommen hatten.« (Marija Gimbutas ›Die Sprache der Göttin‹ 1995, S. 319 )
Die Diskussion um die Anzahl der Ermordeten lenkt nur von der Tatsache ab, dass dieser Massenmord durch fanatische, christliche Männer erdacht, inszeniert in Auftrag gegeben oder im Auftrag vollstreckt haben.

»Dass die modernen Historiker alle Beweise ignorieren, zeigt, wie nötig der zivilisierte Mensch (der Mann! DW) es hat, die böse Erinnerung zu unterdrücken, um sich seine Selbstachtung als vernünftiges Wesen, diese lebensrettende Illusion zu bewahren.« (Lewis Mumford)

Hexen – Ketzerinnen, Rebellinnen gegen die Unterdrückung der Kirche und männliche Bevormundung

Die Weisen Frauen wollten sich nicht zum patriarchalen Monotheismus bekehren lassen, der ihnen Rechte, Würde und Freiheit nahm, die Göttin aberkannte und sie durch einen patriarchalen männlichen Gott, der ihnen durch die Bibel bedrohlich vor Augen geführt wurde, ersetzen sollte.

Der gewaltlose Widerstand der Frauen, sich missionieren und bekehren zu lassen und sich der Kontrolle einer frauenfeindlichen patriarchalen Macht zu unterwerfen, setzte den Machtansprüchen der Kirche und der korrupten politischen Obrigkeit Grenzen. Deshalb griffen sie zu jenen Mitteln, die Diktatoren immer ergreifen, um ihre Ziele gegen den Widerstand des Volkes durchzusetzen: zu Verleumdung, Verfolgung, Folter und Mord.

Für die spätmittelalterliche Kirche waren die Weisen Frauen Vertreterinnen einer anderen Religion, sie standen für ein anderes Wissen, das für die Kirche unkontrollierbar blieb und daher ausgerottet werden mußte.‹ (Erika Wisselinck ›Hexen – Warum wir so wenig von ihrer Geschichte erfahren und was davon auch noch falsch ist‹ 1986, S. 87 f.)

»Die Hexenprogrome richteten sich in dieser [frühesten] Phase gegen vorchristliche Kulte in Europa. Historiker blenden diese Tatsache meist aus, als sei das Christentum in ein Vakuum vorgestoßen, in ein Europa, das keine Religion gekannt und sehnsüchtig auf das Christentum gewartet habe. Der Kampf gegen Ketzer und Juden verlief zunächst noch parallel zum Kampf gegen das ›Heidentum‹. In den Jahren 1209 – 1229 wurden die Katharer, eine Gruppe der seit dem 11. Jahrhundert eingewanderten Neu-Manichäer ausgerottet. Aber auch den Juden und denjenigen kritischen Orden, die an das Armutsgebot Jesu mahnten und sich deshalb in die institutionalisierte Kirche mit ihrem Streben nach Macht und Reichtum nicht integrieren ließen, galt der Kampf.
Im beginnenden dreizehnten Jahrhundert richtet sich der Kampf der Kirche noch eher gegen Andersgläubige, in denen die Geistlichen sowohl aus Angst wie aus Intoleranz die ›Feinde des Christentums‹ erblickt. Es ist die Zeit der päpstlich verordneten Verschärfung der Inquisition. Im Laufe weniger Jahrhunderte verlagerte die Inquisition den Schwerpunkt ihres Hasses in irrationaler Weise von den ›Ketzern‹ auf die Frauen.« (Gerda Weiler ›Ich brauche die Göttin – Zur Kulturgeschichte eines Symbols‹ 1990, S. 57)

›Die Zeit der Verzweiflung‹

Die von der kirchlichen und politischen Obrigkeit verordnete Ermordung von Frauen durch christliche Männer

Im Geschichtsbuch, das sie in der Schule benutzt habe, stehe von dieser Zeit der Verzweiflung kein Wort, schreibt Gerda Weiler. »Statt dessen wird die Epoche, in welcher die Hexenverfolgungen ihren Höhepunkt erreicht haben, als ›Humanismus‹ angeboten, als die Zeit in der die Antike als Verkörperung vollendeten Menschentums wiederbelebt worden sei.
Im 14. Jahrhundert bekämpfte die Kirche die Waldenser, denen sie ›Satansverehrung und sexuelle Orgien unterstellte. (Richard van Dülmen Hrgb. ›Hexenwelten – Magie und Imagination‹ 1984, S. 119) Juden wurden beschuldigt, Hostien zu schänden und christliche Kinder zu töten, um mit deren Blut Kultbrote zu backen. Im 17. Jahrhundert nahm der Hexenwahn eine neue ideologische Wende. Die Motive der Ketzer und Judenverfolgungen wurden systematisch in die Hexenmassaker integriert.

Diese Ideologie löschte die Erinnerung an vorchristliche Kulte aus. Vergessen war das ›Heidentum‹, das die Kirche in Europa vorgefunden hatte. Die geschichtliche Wirklichkeit wurde umgekehrt, als habe sich das Heidentum aus dem Christentum erst entwickelt und kämpfe nun mit Widersachern und Teufelsanbetern gegen eine ›von Anfang an‹ bestehende Kirche.« (Gerda Weiler ibd. S. 57 f.)

Der ›christliche‹ Hexenhammer

›Niemand schadet dem ka­tholischen Glauben mehr als die Hebammen‹ (Hexen­hammer von 1489)

»Die päpstlichen Inquisitoren Heinrich (Kramer) Institoris und Jakob Sprenger errichteten in ihrer Schrift ›Malleus maleficarum‹, dem ›Hexenhammer‹ (1489) ein ganzes Lehrgebäude des Hexenwahns und der Hexenbekämpfung. Unter dem Einfluss des ›Hexenhammers‹ setzte eine Hochflut von Hexenprozessen ein. Neben den ›Geständnissen‹ diente als Überführungsmittel besonders die Hexenprobe (s. Gottesurteil). Die verurteilte Hexe wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Erst im 18. Jahrhundert ließen die Hexenprozesse allmählich nach.« (S. Vierzig ›Das Böse‹ 1984, S. 76)
Vor der Inquisition und den Hexenverbrennungen (vom 15.–18. Jahrhundert) verehrten die Menschen im europäischen Mittelalter noch immer die Große Göttin. Darunter gebildete Frauen, Lehrerinnen, Schriftkundige, Weise Frauen, Krankenpflegerinnen, Hebammen, Kräuterfrauen und Heilerinnen, welche das Wissen und die Mittel hatten, die Frauen und ihre Säuglinge was Ernährung und Hygiene betraf zu lehren und zu beraten. Sie kannten schmerzlindernde Mittel für die Einleitungswehen und die Geburt. Das konnte den Priestern, die die Bibel sankrosankt auslegten nicht gleichgültig sein, denn Gott verfluchte ja die gebärenden Frauen, die nach dem Sündenfall unter Schmerzen gebären sollten. »Und zum Weibe sprach er: Ich will dir viel Schmerzen schaffen, wenn du schwanger wirst; du sollst mit Schmerzen Kinder gebären.« Dieser sadistische Fluch lässt jeden Vater die Nackenhaare sträuben, der bei der Geburt seines Kindes dabei war und das Leiden und die Schmerzen seiner Frau mit ansehen musste. Hexen verbrennen »Hebammen ›einäschern‹ heißt das schreckliche Wort, das bei der Hebammenausrottungskampagne ständig benutzt wurde.« Uta Ranke-Heinemann ›Eunuchen für das Himmelreich – Katholische Kirche und Sexualität‹ 1988, S. 348)
Die Weisen Frauen kannten aber auch über 100 Mittel zur Verhütung von Schwangerschaft und Abtreibung und bewahrten damit die Frauen vor der Last unzähliger unerwünschter Schwangerschaften, dem drohenden Tod im Kindbett und das Land vor Überbevölkerung und Armut. Dies scherte aber Martin Luther (1483 – 1546) nicht, er war der Meinung:

Sind die Frauen erschöpft und sterben im Kindbett, so liegt kein Übel darin. Laß sie sterben, so lange sie nur gebären, denn dies ist recht eigentlich ihre Bestimmung!‹ (Martin Luther)

Luther hatte aufgrund seiner religiösen Besessenheit, seiner Respektlosigkeit gegenüber Frauen, für die er nur Verachtung empfand, eine verrohte Denkart was die Frauen betraf. Er meinte :

›Werk und Wort Gottes lehren uns deutlich, daß das Weib für die Ehe oder Hurerei benutzt werden muss.‹

Der durch die Peitschenhiebe seines Vaters offenbar gefühllos gewordene, völlig entmenschlichte und verrohte Luther kannte kein Erbarmen mit den gefolterten und brennenden Frauen. Er war in höchstem Masse abergläubisch und ein Zeitzeuge und Befürworter der Grausamkeiten gegen die Frauen; er verkündete:

»Es ist ein überaus gerechtes Gesetz, dass die Zauberinnen [Hexen] getötet werden, denn sie richten viel Schaden an, was bisweilen ignoriert wird, sie können nämlich Milch, Butter und alles aus einem Haus stehlen… Sie können ein Kind verzaubern… Auch können sie geheimnisvolle Krankheiten im menschlichen Knie erzeugen, dass der Körper verzehrt wird… Schaden fügen sie nämlich an Körpern und Seelen zu, sie verabreichen Tränke und Beschwörungen, um Hass hervorzurufen, Liebe, Unwetter, alle Verwüstungen im Haus, auf dem Acker, über eine Entfernung von einer Meile und mehr machen sie mit ihren Zauberpfeilen Hinkende, dass niemand heilen kann … Die Zauberinnen sollen getötet werden, weil sie Diebe sind, Ehebrecher, Räuber, Mörder… Sie schaden mannigfaltig. Also sollen sie getötet werden, nicht allein weil sie schaden, sondern auch, weil sie Umgang mit dem Satan haben.« (Predigt vom 6. Mai 1526, WA 16, 551 f.)

Das würden wir heute als schlimmste Volksverhetzung, als Terrorismus, als verbrecherischen Aufruf zu Mord und Totschlag, oder als Worte eines in höchstem Masse geistig und seelisch Kranken werten, eines Psychopathen, der entweder von einem Richter verurteilt oder in die psychiatrische Anstalt gehört.

Wer dich dazu bringt, Absurditäten zu glauben, bringt dich auch dazu,
Gräueltaten zu begehen. (Voltaire)

Hexen – Frauen als Aufständische gegen ökonomische und sexuelle Ausbeutung

»Die Hexenjagd, die vom 12. bis zum 18. Jahrhundert in Europa wütete, war einer der Mechanismen, um Frauen, Bäuerinnen und Handwerkerinnen zu kontrollieren und zu unterwerfen, Frauen, die in ihrer wirtschaftlichen und sexuellen Unabhängigkeit für die sich herausbildende bürgerliche Ordnung eine Gefahr darstellten. Die jüngste feministische Literatur über die Hexen und ihre Verfolgung brachte zu Tage, dass die Frauen ihre ökonomische und sexuelle Unabhängigkeit nicht passiv aufgaben, sondern, dass sie in verschiedenen Formen dem Anschlag von Kirche, Staat und Kapital Widerstand leisteten. Eine Form des Widerstands waren die vielen häretischen Sekten, in denen Frauen entweder eine bestimmende Rolle innehatten oder in deren Ideologie Freiheit und Gleichheit für Frauen propagiert und sexuelle Unterdrückung, Besitz und Monogamie verworfen wurden. So führten etwa die ›Brüder des Freien Geistes‹, eine Sekte, die mehrere hundert Jahre lang existierte, gemeinschaftliches Leben ein, hoben die Ehe auf und wiesen die Autorität der Kirche zurück. Viele Frauen, einige davon ausserordentliche Gelehrte, gehörten dieser Sekte an. Einige davon wurden als Häretikerinnen verbrannt.« (Maria Mies ›Patriarchat und Kapital‹ 1988, S. 100)
Es geht bei den Hexenverfolgungen um »die Reaktion der neuen, männlich beherrschten Klassen auf die Rebellion von Frauen… Einer der Ankläger, Benedikt Carpzov, zunächst Richter in Sachsen, später Professor in Leipzig, unterschrieb 20’000 Todesurteile gegen Hexen. Er war ein treuer Sohn der protestantischen Kirche.« (Maria Mies ibd.)

›Im Namen Gottes des Herrn, entzündet der Unterdrücker Scheiterhaufen‹ (›Don Carlo‹)

Heutige Christen müssen sich einige Fragen zu den Hexenmorden gefallen lassen: Wo waren die braven, aufrechten Christen damals, als der Bischof von Genua 500 Menschen innerhalb von 3 Monaten verbrannte, der Bischof von Würzburg 900. »In Bamberg wütete die Hexenverfolgung besonders grausam«, schreibt Katja Auer: »1627 ließen die Bamberger Fürstbischöfe ein Foltergefängnis für die Hexenprozesse bauen, das Malefizhaus. Zwischen 1612 und 1632 wurden da insgesamt etwa 1000 Männer, Frauen und Kinder gefoltert und ermordet.« (Süddeutsche 20.11.2013) Friedrich Förner (1570 bis 1630) Weihbischof in Bamberg war ein fanatischer Katholik und Hexenprediger, ein sadistischer Hetzer und der Anstifter der Hexenverfolgung, lange vor den ersten Massakern. »Seine Grabschrift sagte unter anderem, dass er durch seinen fleckenlosen Wandel, durch Eifer für die Religion, durch seine Gesandtschaften (nach Rom und Regensburg), durch die Weisheit seiner Ratschläge, durch den lebhaften Vortrag des Wortes Gottes und durch seine Schriften der Welt bekannt war.« (Wikipedia)

Spaniens Bevölkerung reduzierte sich mit den Hexenverfolgungen von 20 Millionen auf 6 Millionen!

In der Geschichte der Inquisition von Luis de Paramo (›History of the Inquisition‹) lesen wir, dass in Spanien zwischen dem 14. und 15. Jahrhundert mindestens 30’000 Hexen in einem einzigen Bischofsbistum verbrannt wurden. Der spanische Dominikanermönch Tomás de Torquemada (1420 – 1498) Beichtvater von Isabella von Kastilien und erster Großinquisitor Spaniens soll persönlich 12’200 an den Marterpfahl und 97’371 an den Galgen gebracht haben. Und bei diesen Zahlen, soll es noch Zweifel an der Ermordung von Millionen Hexen geben!?
So weit ging die christliche Schreckensherrschaft, dass in manchen europäischen Dörfern letztlich nur noch zwei oder drei Frauen am Leben blieben. Dies war der höchste Triumph des Patriarchats und der äußerste Ausdruck des Frauenhasses. (s. Henry Charles Lea oben). Immer waren und sind es patriarchale Männer, die autonome Frauen entmenschlich(t)en, frauenfeindliche Männer, die selbstbewusste Frauen bekämpf(t)en, die patriarchale Götter erfanden, patriarchale Sekten gründe(t)en, mit hasserfüllten Tiraden gegen Frauen die Stimmung im Volk gegen Frauen anheiz(t)en, Hetzkampagnen verbreiteten, mit Tod und Teufel drohten, bis ihnen Scharen durch das Patriarchat verrrohte, vergiftete, seelisch schwerst geschädigte, verkrüppelte, verführte Männer und Frauen folgten.

Hexenjagd eine lukrative Finanzierung von Kirche und Kriegen

Die Hexenverfolgung war ein lukratives Geschäft. »Gemäß kanonischem Gesetz musste der Besitz einer Hexe konfisziert werden, ob es Erben gab oder nicht. Der Großteil des konfiszierten Besitzes, nie weniger als 50 Prozent, wurde von der Regierung angeeignet… Manfred Hammes brachte noch eine andere Dimension der ‚politischen Ökonomie‘ der Hexenjagd an den Tag: nämlich die Beschaffung von Geldmitteln durch die sich bekriegenden europäischen Fürsten, um ihre Kriege zu finanzieren, vor allem den Dreißigjährigen Krieg von 1618-1648.« (Maria Mies ibd. S. 106 f.)
Auch für die Kirche war es ein gutes Geschäft. Es ging ihr nicht nur um die ›Bekehrung‹ der renitenten Frauen, es ging auch um ihren Besitz: »Die Schändlichkeit der christlichen Religion ist, dass sie die Frauen ab dem 11. Jahrhundert systematisch ökonomisch enteignet hat. Die nordischen Völker hatten bis weit ins 14. Jahrhundert hinein noch das Mutterrecht, d.h. Haus und Hof war grundsätzlich im Besitz der Frauen. Im 11. Jahrhundert haben dann die katholischen Mönche (vor allem in Schottland) damit begonnen, die Frauen über die Beschuldigung der Hexerei zu enteignen, da das Eigentum der zum Tode Verurteilten an die Kirche fiel…! Der Rest der Geschichte ist als Hexenwahn bekannt, war aber in Wahrheit nichts anderes als ein gezielter Femizid [Feminizid]. Aus dieser Enteignung und aus der bis heute andauernden Diffamierung der Frauen resultierte ein unglaubliches Elend, eine Abhängigkeit vom Mann, die an Sklaverei grenzt und eine Gehirnwäsche, die bis heute bei den allermeisten Frauen (und Männern, denn die glauben noch immer es sei Recht und rechtens, was sie tun) noch immer wirkt.« (A.M. Duerr http://www.fembio.org/biographie.php/frau/comments/der-zuhaelter-und-die-haushaelterin-anmerkungen-zum-reformationstag/ 11/02)

»Eine der schändlichsten Arten des Vatikans, Blutgeld und Reichtum zu scheffeln, war der Raubmord an Andersgläubigen. Die Inquisition war eine Raub- und Lynchjustiz im Namen des »rechten« Glaubens. Kirchenfürsten haben immer wieder Blutgelder eingestrichen – so exzessiv, dass ein geflügeltes Wort sagte, das schnellste und leichteste Mittel, reich zu werden, sei das Hexenbrennen.« (s. (http://www.freie-christen.com/reichtum_der_kirche_ist_blutgeld.html#GOLD, jetzt auch als Video bei youtube: Der Vatikan: ›Superreich durch Blutgeld und Sklaverei‹ Doku, Veröffentlicht am 17.06.2014, https://www.youtube.com/watch?v=ozLOHEFlSeQ)

Die Hexe – Symbolfigur des Bösen

›Nur dass das Männliche ohne das Weibliche nicht existieren kann,
hat die sonst so beliebte Ausrottung der ›bösen‹ Menschengruppe verhindert.‹
(Erich Neumann)

Was von christlichen Männern beschönigt und unterschlagen wird, ist nicht nur die Renitenz der Frauen sich bekehren zu lassen; einer der schlimmsten Gründe war der Frauenhass der von den christlichen Kirchenvätern schon seit Jahrhunderten verbreitet worden war. Die Frau war für sie das Böse schlechthin; der ›heilige‹ Augustinus erfand die Erbsünde, die von der Frau weiter vererbt werden soll und einer der schlimmsten Hetzer und Frauenhasser war der ›heilige‹ Thomas von Aquin (1225 – 1274) (s. Das christlich-patriarchale ›Feindbild Frau‹).
Die Hexe als patriarchales Feindbild und Symbolfigur des Bösen ist »seit dem 13. Jahrhundert von der mittelalterlichen Kirche zur Ursache allen Übels gestempelt worden mit allen schrecklichen Folgen der Hexenverfolgung und Vernichtung«, schreibt der Religionspädagoge Siegfried Vierzig (›Das Böse‹ 1984, S. 33) »Symbol des Bösen waren Hexen durchaus nicht immer gewesen. In den Fruchtbarkeitskulten des Matriarchats gab es ›weise Frauen‹, die die Heilkunst verstanden, Kräutersammlerinnen waren, die Hebammenkunst ausübten und durch Magie und Zauberspruch Krankheiten heilen konnten. Noch im frühen Mittelalter waren viele Frauen Ärztinnen und Hebammen, denen Weisheit und übernatürliche Kräfte zugesprochen wurden. Jules Michelet schreibt in seiner Hexenhistorie von 1861: ›Tausend Jahre hindurch war die Hexe der einzige Arzt des Volkes. Die Kaiser, Könige und Päpste, die reichen Barone hatten einige Doktoren…, aber die Masse des gesamten Staates, ja man könnte sagen die Welt fragte nur die Saga oder kluge Frau um Rat; wenn sie nicht heilte, beschimpfte man sie und nannte sie Hexe‹.« (S. Vierzig ibd., S. 61)

»Zum Symbol des Bösen wurde die Hexe erst durch die Verbindung mit dem Teufelsglauben…« Jedoch, »der Teufels- und Hexenglaube hat das Böse nicht behoben, im Gegenteil, er hat es produziert. Die grausige Geschichte der Hexenverfolgungen mit den Millionen unschuldiger Opfer… hat die Welt in ein Chaos gestürzt.« (S. Vierzig)

Der Neid der Männer auf das medizinische Wissen und die Macht der Frauen

Unabhängige und selbstbewusste Frauen sind im Patriarchat unerwünscht!

Das über Jahrtausende gesammelte Wissen zur Heilkunde, auch jenes zur Verhütung und Abtreibung, wurde ausgerot­tet, weil es den Zielen von Staat und Kir­chen entge­genstand, ihren Reichtum durch Menschenmassen zu vergrößern (Heinsohn). Gunnar Heinsohn bezeichnet die Folterung und Ermordung von Millionen von Frauen »als das un­geheuerlichste Ereignis der Neuzeit vor Auschwitz« und weist darauf hin, dass mit den Hexenmorden »eine Blüte der mit­telalterli­chen Naturwissenschaft, das physikali­sche und chemische In­strumen­tarium für die Geburts­heil­kunde und vorrangig für die Schwanger­schaftsverhütung und Frucht­abtrei­bung zerstört wurden« (Heinsohn et al. ›Menschenproduktion‹ 1979, S. 14 f.). Und weiter schreibt er: »Dass die naturwissen­schaftlichen Kennt­nisse der wei­sen Frauen verschüttet wurden, ist häufig beschrieben worden. Es wurde sogar erkannt, dass sie mit den He­xenmassakern verschwin­den.« (S. 54 f.)

Ärzte profitierten von den Hexenmassakern und übernahmen den Platz der ermordeten Heilerinnen und Hebammen

Im gewaltsam christianisierten Europa nehmen nach der Ermordung der Hebammen und Weisen Frauen, Männer – Ärzte – den Platz der Frauen ein und machen daraus einen prestigeträchtigen und einträglichen Beruf. Sie verwehrten den Frauen die nun geforderte Ausbildung zum Ärzteberuf! Und:
Sie verhindern damit erfolgreich, dass Frauen weiterhin als Heilerinnen tätig sein können. Die Alma Mater, ›die nährende, gütige Mutter‹ der universitären Gelehrtheit bleibt eine abgeschlossene Männerdomäne; der Mann als Alleinvertreter des Geistes beherrscht die Szene, zu der bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts Frauen keinen Zutritt haben.

Frauenhass und der sexuelle Aspekt der Hexenverfolgung sind überdeutlich

Aphrodite mit dem Ziegenbock.

Aphrodite mit dem Ziegenbock. Terrakotta aus Gela, nach Geoffrey Grigson, ›Aphrodite, Göttin der Liebe‹ 1978

»Die ›Hexe‹ wird zur Symbolgestalt, die der männlichen neurotischen Angst vor der weiblichen Sexualität im christlichen Mittelalter zur Projektion dient. Ein männlich neurotisches Bewusstsein, das sich selbst als Norm setzt, sucht ein Ventil und schafft sich Abfuhr in der Projektion auf das so ganz andere, auf das Fremde, auf die Juden und auf die Frauen. Von der ›Synagoge mit dem Ziegenbock‹ über die ›Wollust und den Hurenbock‹ bis zur ›Hexe, die auf dem Teufel reitet‹, projiziert die Phantasie ihre krankhafte Sexualangst auf die Göttin mit ihrem totemistischen Kulttier. An dieser männlichen Angst vor Überwältigung durch die Liebe, vor Ekstase, vor der Hingabe an die Frau, vor weiblicher Emotionalität, die der Mann nicht erwidern kann, hat sich nichts geändert. Sie führt heute zu therapeutischen Problemen.« (Gerda Weiler ibd. 1990, S. 57 f.)

Die  Frauen wurden von ihren Folterknechten gedemütigt und vergewaltigt. Man kann sich die Reaktionen der Folterer auf die von ihnen entblößten Frauen, von denen die meisten noch nie zuvor überhaupt eine nackte Frau gesehen hatten, vorstellen! Da konnten die frommen christlichen Folterknechte, mit Blick zwischen die Beine der nackten Frauen, die sie auf die Folterräder spannten, ihre sexuelle Frustriertheit durch Geilheit und Sadismus kompensieren. Zwar hat der erste Kritiker dieser Schandtaten, der Jesuitenpater Friedrich Spee von Langenfeld, schon 1631 geschrieben, dass die Anordnung, die als Hexen beschuldigten Frauen vor ihrer Folterung am ganzen Leib zu enthaaren, nur eine ›Erfindung ausschweifender Lüstlinge, nicht ehrbarer Richter‹ sein könne. Aber es war ein weiter Weg bis zu Nietzsches Einsicht, dass Grausamkeit ›eine versetzte Sinnlichkeit‹ ist, und bis zu der heute bei uns von Moralkonservativen immer noch bestrittenen Einsicht, dass Triebverzicht Aggressionen heraufführt.« (Arno Plack, Weltwoche vom 18.10.2001)

Bei den Historikern, schreibt Erika Wisselinck, wird »die Inquisitionsgerichtsbarkeit nicht nach den Strömen von Blut, die ihre Richter jahrhundertelang vergießen ließen, beurteilt, sie wird in furchtbarer ›Objektivität‹ lediglich als Baustein des modernen Staates gesehen: ›Der Richter war berechtigt, auch gegen den Willen der Betroffenen alle geeignet erscheinenden Mittel zur Wahrheitsfindung einzusetzen. Dies ist im Kern noch bis zum heutigen Tag das Wesen der Strafjustiz in allen Kulturstaaten. Der Inquisitionsprozess ist also eine wichtige Grundtatsache unseres modernen Lebens. Er stellt die äußere Garantie der vom Staat gewährten Rechtssicherheit dar.‹ (›Handbuch der Europäischen Geschichte‹, Hg. Theodor Schieder, Bd. 3, S. 415/416, zit. von E. Wisselinck).« Erschüttert stellt die Autorin fest: »Die der damaligen Obrigkeit ›geeignet erscheinenden Mittel zur Wahrheitsfindung‹ waren alle unvorstellbar grausamen Formen von Menschenquälerei.« (Erika Wisselinck ›Hexen – Warum wir so wenig von ihrer Geschichte erfahren und was davon auch noch falsch ist. Analyse einer Verdrängung‹ 1986, S. 56 f.)
Im ›Handbuch für Deutsche Geschichte‹ von Gebhardt/Grundmann lesen wir nach einer Abhandlung über die ›ordnungsstiftende‹ Zusammenarbeit von Kirche und Staat: ›Dass Staat und Kirche eine haltbare Ordnung im Religiösen, Sittlichen und Politischen schufen und für deren Respektierung sorgten, war trotz aller Anfechtbarkeit der Mittel, die dabei angewandt wurden, das überwiegend positive Resultat dieses Zusammenwirkens‹ (zit. von Wisselinck ibd. S. 57 f., Hvhb. E.W.)

Eine Kultur, welche die Frauen verachtet, diskriminiert, verabscheut und unterdrückt, verarmt und verroht!

Kein Wort des Bedauerns findet Papst Benedikt XVI. im Jahr 2005 noch als Joseph Kardinal Ratzinger über die vielen Millionen Toten der Inquisition und der Verbrennung unzähliger als Hexen verleumdeter Frauen. Auch Ratzinger verteidigt, leugnet und beschönigt das Verbrechen der Kirche mit den Worten: »Aber man muss doch sagen, dass Inquisition der Fortschritt war, dass nichts mehr verurteilt werden durfte ohne Inquisitio, das heißt, dass Untersuchungen statt finden mussten«! Und WIE diese stattfanden! Offenbar hat Herr Ratzinger noch nie etwas über die Foltermethoden der untersuchenden ›Gerichtsverfahren‹, die sich unter der Mitwirkung oder im Auftrag von Klerikern der Verfolgung von HäretikerInnen widmeten, gehört; ahnt nichts von den Vergewaltigungen und den anderen grausamen Torturen, die von den Henkersknechten an ihren Opfern verübt wurden.

Für das Foltern und Morden der verfolgten, gequälten und lebendig verbrannten Frauen fehlt den Vertretern der christlichen Kirchen und jenen der Staatsmacht offensichtlich jegliche Scham und jedes Schuldbewusstsein.

Der Papst weiß offenbar auch nichts davon, dass die Hexenjäger damals – ähnlich erschreckend wie heute die islamistischen Fundamentalisten – der Überzeugung waren, dass sie mit der massenhaften Vernichtung von Menschenleben ein gottgefälliges Werk vollbringen.

Die Saat der christlichen Gewalt in aller Welt

Seit der Christianisierung sind es christliche Regierende und die ihnen zudienenden christlichen Kleriker Europas, welche auch außereuropäische Länder kolonisieren und christliche Missionare die den Landraub und den Raub der Bodenschätze in den dadurch verarmten Ländern unterstützen. »Trotz des Neuen Testaments haben katholische Missionare fürchterliche Gräueltaten begangen, es wurden ganze Stämme ausgerottet.« (Erhard Oeser, Wissenschaftstheoretiker) Der in Brasilien tätige katholische Befreiungstheologe und Verteidiger der Menschenrechte Leonardo Boff (*1938), der sich für die Armen und gegen die Willkür ihrer Beherrscher einsetzt, wurde von der Kirche in Rom gescholten und bestraft. Boff beklagt, dass »das zahlenmäßig gewaltigste Unheil, das der Katholizismus zu verantworten hat, die weitgehende Ausrottung der süd- und nordamerikanischen Bevölkerung sei. In den ersten 150 Jahren nach der Eroberung ›im Namen Gottes‹ durch die Spanier starben 100 Millionen Menschen – der »größte Völkermord aller Zeiten!« (Publik-Forum 31.5.1991) Im Jahr 1985 erteilte der Vatikan Boff ein erstes, 1992 ein zweites Rede- und Lehrverbot (›Bußschweigen‹) wegen seiner angeblichen ›Irrlehre‹.

Laut Papst Johannes Paul II. ist der Völkermord in Südamerika eine »glückliche Schuld, da auf diese Weise auch der katholische Glaube dort Fuß fasste!« (Spiegel special Nr. 3/2005, S. 91)

In dieser zynischen, unmenschlichen Art dürften auch die Hexenmassaker von der Kirche gerechtfertigt werden; als glückliche Schuld, da auf diese Weise der katholische Glaube auch bei den ketzerischen Frauen in Europa Fuß fasste!

Im Lichte der 100 Millionen der Christianisierung und Kolonisierung allein in den amerikanischen Ländern zu Tode gekommenen Menschen, wirken die 9 Millionen ermordeten ›Hexen‹, die der Christianisierung Europas zum Opfer fielen mehr als glaubwürdig! (s. ›Die Gräuel der christlichen Kolonisierung und Missionierung‹)
Allen monotheistischen Religionen fehlt es an Achtung und Respekt vor Andersgläubigen, Andersdenkenden, Andersgläubigen und in erster Linie fehlt allen der Respekt vor der Frau. Ihre Verachtung trifft auch die durch das Patriarchat, die Kolonisierung und Missionierung verarmten Völker, die jetzt als Flüchtlinge in die Länder der ehemaligen Kolonisatoren zurückströmen – und oft vor verschlossenen Grenzen und Herzen stehen.

»Wir haben uns ein Stück unserer ungeschriebenen Geschichte zurückerobert, ehe sie gänzlich im Nebel des Vergessens und der Fehlinterpretation verschwindet. Wir lernen aus dieser Geschichte, dass frauenfeindliche Sprüche nicht nur dummes Gerede sind, sondern ein Klima schaffen, in dem zu einen Mord und Folter millionenfach zur Selbstverständlichkeit werden und zum anderen spätere Generationen das Unrecht noch nicht einmal beim Namen nennen. Wir erkennen, welche Folgen das hat. Barbara Pade-Theisen beschreibt diese in einem Brief an Judy Chicago so:

›Mit den Scheiterhaufen-Feuern, auf denen unsere Vorfahrinnen verbrannten, haben die Mörder allen Frauen bis in unsere heutige Zeit die Angst vor dem Aufbegehren gegen die HERRschaft in unsere Gehirne gebrannt. Gleichzeitig wurde unser Geist in einer perfiden Weise besetzt, so dass die meisten von uns noch heute an Amnesie leiden, d.h. wir erinnern uns gar nicht mehr an unsere geistige Ganzheit, und wir sehen, hören, merken nicht, wenn unsere Menschenwürde als Frauen verletzt wird‹.« (Erika Wisselinck, ibd. S. 128)


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