Der Phallus

Im hebräischen gibt es für Waffe und Penis nur ein Wort: za’in!

»Die Heiligkeit der männlichen Genitalien als Sitz der Fortpflanzungskraft wird sowohl in der Bibel als im Mittleren Osten unserer Zeit beim Schwören besonders feierlicher Eide angerufen. Als Abraham seinen Knecht Elieser mit der wichtigen Mission betraut, in einem fernen Land eine Frau für Isaak zu suchen, sprach er zu ihm: ›Lege doch deine Hand unter meine Lende, und ich werde dich schwören lassen beim Ewigen, Gott des Himmels und der Erde, dass Du nicht nehmest ein Weib für meinen Sohn von den Töchtern des Kenaani [Kanaaniten], in dessen Mitte ich wohne. Sondern in mein Land und nach meinem Geburtsort sollst du gehen und ein Weib nehmen für meinen Sohn, für Jizchak‹ Gen.24;2-4). Elieser ›legte seine Hand unter die Lende Abrahams seines Herrn, und schwor ihm auf diese Sache (V.9) Genau auf dieselbe Weise liess Jakob seinen Sohn Joseph schwören, dass er ihn nicht in Ägypten, sondern in der Höhle von Machelpa begrabe (Gen. 47:29). Das hebräische Wort für ›Lende‹, das an diesen Stellen verwendet wird (jarech), ist ein allgemeiner Ausdruck für die Geschlechtsorgane. Die Nachkommenschaft eines Mannes wird in biblischem Sprachgebrauch oft ›die hervorgingen aus seiner Lende genannt (Gen.46:26, Ex. 1;5, Richter 8:30) Derjenige, der aufgefordert wird, den Eid zu leisten, berührt die Sexualorgane des Mannes, dem er den Eid leistet; dies gibt dem Eid besondere Kraft.« (Raphael Patai ›Sitte und Sippe in Bibel und Orient‹ 1962,181f)
In Ägypten spielen »Phalli der Götter in den Jenseitsvorstellungen wie auch kultisch eine Rolle. In Texten, in denen der Tote sich mit den einzelnen Körperteilen eines Gottes identifiziert, bezeichnet er sich als ›Phallus des Re, Osiris, Min oder Bebon. In einem anderen, häufig bezeugten Text droht der Tote, um einer möglichen Gefahr zu entgehen, gegebenenfalls den Phallus des Re und den Kopf des Osiris zu verschlingen, womit das Ende der Welt herbeigeführt würde. (LÄ, IV,1018 ›Phallus‹, s. auch ›Götterbedrohung‹)

»Aus der Zeit des beginnenden Ackerbaus und der Haltung von Herden stammen erste Berichte über männliche Gottheiten. Beim Heraufdämmern historischer Zeiten erleben wir überall eine Koexistenz von weiblichen und männlichen Gottheiten. Innerhalb der historischen Zeit begann sich die gleichgewichtige Koexistenz von Göttinnen und Göttern nach einer Seite zu verschieben, ein Vorgang, der einmal begonnen, immer rascher fortschritt. Von solchem Nebeneinander ausgehend, gewannen männliche Götter bald das Übergewicht, bis am Ende das Konzept vom ›Großen Vater‹ das von der ›Großen Mutter‹ verdrängte und sehr bald zu der raschen Ausbreitung von monotheistischen Religionen beitrug. Die Kulte der alten Göttinnen wurden nicht mehr ausgeübt und vergessen. Einige davon wurden im Christentum mit späteren Heiligen, andere mit der Heiligen Jungfrau Maria identifiziert.« (Doris F. Jonas in Fester Richard/König Marie E.P./Jonas Doris F./Jonas A. David ›Weib und Macht‹ 1979,192) In Ägypten findet in der Nagada-II-Zeit (ca. 3500-3100), d.h. in der Zeit der Invasion der Indo-Europäer aus Vorderasien, der Umbruch der Religion von der parthenogenen Urgöttin zum phallisch dominierten Vielgötterkult statt, der zur Staatsreligion der Oberschicht werden sollte. Erstmals finden sich männliche Kleinstatuetten und männliche Abbildungen auf den ägyptischen Vasen der Umbruchszeit neben Abbildungen von weiblichen Figuren, Strichmännchen mit erigiertem Penis.

Abbildungen von Göttern mit Dauererektion und phallische Symbole »sind in allen patriarchalen Gesellschaften der Gegenstand offener oder geheimer Verehrung und sollen unterschiedslos die männliche Rolle in der Fortpflanzung aufblähen, so dass sie als größer erscheint als der weibliche Beitrag. Aber viele Mythen und Bräuche weisen darauf hin, dass bei einem solchen Kult der weibliche Bedeutungskontext dem männlichen vorausgegangen ist.« (Barbara F. Walker ›Womens Dictionary of Symbols & Sacred Objects‹ S. 432)

In den Jahrtausenden vor der Invasion bezeugen die archäologischen Funde die alleinige Verehrung der Großen Göttin. Einen männlichen Gott-Partner gab es nicht. Diese prähistorische Göttin war wohl, wie wir das aus erforschten Matriarchaten und späteren bereits patriarchal überlagerten Kulturen wie etwa Griechenland wissen, eine dreifaltige Göttin in ihren drei Aspekten des jungen Mädchens, der sexuell aktiven Frau und Mutter und der Weisen Alten, der Todes- und Wiedergeburtsgöttin. Die Indo-Europäer, durch ihre erfolgreichen Überfälle und Eroberung fremder Territorien, offenbar größenwahnsinnig geworden, beherrschten nicht nur die unterworfenen Länder, sie reklamierten auch religiöse Macht. Um ihren Anspruch zu legitimieren benötigten sie männliche Götter, bis sich dann ihr Häuptling/Chef/König/Pharao selbst zum Gott erhöhte.

Die Göttin wurde in den Jahrtausenden ihrer Verehrung vor der Invasion auffallenderweise kaum je mit einem Kind dargestellt. Sie war nicht die Fruchtbarkeitsgöttin, sondern Schöpferin des Universums, die in den Gestirnen, den Menschen, den Tieren und der Natur innewohnend (immanent) verehrt wurde.
Der erste Schritt zur Entmachtung der Großen Göttin war, ihr ein männliches Kind unterzuschieben, wie dies die indoarischen Eroberer Mesopotamiens, ›die Sumerer‹, bereits mit Erfolg erzwungen hatten. Damit reduzierten sie die universale Göttin auf einen einzigen Aspekt, auf die Mutterrolle. Alle bekannten Sohn-Geliebten des Orients und Vorderasiens wurden nach diesem Muster kreiert und sind sekundäre Erscheinungen. Zu Tiamat und Apsu schreibt Henri Frankfort (›Kingship and the Gods‹): »In Mesopotamien ist die Göttin die höchste, weil die Quelle allen Lebens als weiblich betrachtet. Deshalb stammt auch der Gott von ihr ab und wird als ihr Sohn bezeichnet, obwohl er auch ihr Gatte ist. Im Ritual der Heiligen Hochzeit behält die Göttin von Anfang bis Ende die Initiative. Selbst im Zustand des Chaos ist die weibliche Tiamat die Führerin und Apsu lediglich ihre männliche Ergänzung.« (zit. Merlin Stone ›Als Gott eine Frau war – Die Geschichte der Ur-Religion unserer Kulturen‹ 1988, S. 56) In seinem umfangreichen Werk zur Erforschung alter Religionen bekräftigt James Frazer (l907), dass in der ägyptischen Mythologie von Isis und Osiris Isis die stärkere Gottheit war. Das setzte er in Verbindung mit dem in Ägypten praktizierten Eigentums- und Abstammungssystem, das er als mütterliche Verwandtschaft beschrieb. Den jungen Geliebten der Göttin bezeichnete er als die mythische Personifikation der Natur und erklärte, dass diese Figur mit der höchsten weiblichen Gottheit sexuell verbunden sein musste. Er merkte an, ›in allen Fällen (Attis, Adonis und Osiris) scheint die Göttin ursprünglich mächtiger und wichtiger gewesen zu sein als der Gott‹. In seinem Handbook of Greek Mythology aus dem Jahre l928 erörterte H.J. Rose die Rolle des jungen männlichen Partners bei der heiligen sexuellen Vereinigung und beschrieb ihn als ihren unterlegenen männlichen Partner. Weiter stelle er fest; dass die Liebhaber neben ihnen zu relativer Bedeutungslosigkeit absinken (zit. Stone ibd.) »Eine Beschreibung der Beziehung zwischen Göttin und ihrem Sohngeliebten nahm Professor E.O. James in seiner Veröffentlichung The ancient Gods aus dem Jahre l960 auf: »Sie war es, die für seine Genesung und seine Auferstehung verantwortlich war, von ihr hing die Erneuerung der Natur ab. So, dass letztlich Inanna/Ischtar und nicht Damuzi/Tammuz die eigentliche Quelle des Lebens und der Regeneration war, auch wenn der junge Gott dabei als ihr Helfer fungierte. Aber mit der Entwicklung der Landwirtschaft und der Domestizierung von Tieren wurde die Funktion des Mannes bei der Fortpflanzung offensichtlicher und einschneidender, und die Muttergöttin wurde auf die Rolle der Gattin reduziert, damit er seine Rolle als Zeugender spielen konnte, obwohl er, wie zum Beispiel in Mesopotamien, auch ihr jugendlicher Sohn und Geliebter oder ihr Diener war. Von Indien bis zum Mittelmeer war sie tatsächlich die oberste Gottheit und erschien oft als unverheiratete Göttin.« (Stone ibd.). »Robertson Smith schreibt über den Status der Göttin in Arabien, dass sie seiner Vermutung nach ursprünglich als Erzeugerin des Stammes vergöttlicht wurde. Er beschreibt den Machtwechsel, der dann stattfand: ›In der arabischen Religion gab es ein göttliches Paar, wobei die Göttin den Vorrang und ihr Sohn eine geringere Gottheit war. Dann fand eine schrittweise Veränderung statt, in deren Verlauf die Attribute der Göttin dem Mann verliehen wurden, so dass auf diese Weise die Position der Frau unter die des Mannes sank‹.« (Stone ibd. S. 58)

Auf der Narmer-Palette wird die Keule in der Hand des Königs zum Phallus und damit zum Symbol seiner Macht. Auf dem Keulenkopf des Narmer ist die Göttin und ihr Sohn als Kuh und Kalb dargestellt. Doch dann wird der Sohn zum Geliebten seiner Mutter, der allerdings im Gegensatz zu ihr, der Unsterblichen, sterblich ist und als Vegetationsgott jedes Frühjahr wieder von ihr wiedergeboren wird. Als ›Stier seiner Mutter‹ und ›als Herr der Zeugungskraft und der animalischen Fruchtbarkeit‹ wird er mit einem enormen erigierten Penis abgebildet; in den Texten rühmt er sich seiner Schönheit. Von den patriarchalen Griechen und Römern wird er mit Priapos gleichgesetzt, dem Gott des Phallus, einer Gestalt mit gewaltigen Genitalien, Sohn der Aphrodite und des Adonis. (s. ›Herme‹ Walker ›Das Geheime Wissen der Frauen‹)

 Die Wandlung vom Kind der Urgöttin zum anmaßenden ›Urgott‹

Kamutef wird als Gott der männlichen Selbsterzeugung ›Stier seiner Mutter‹ genannt; er wird ihr Begatter. Er »verschiebt die Akzente zugunsten des männlichen Partners!« (Westendorf). »Das Ziel dieser Begattung ist die eigene Erzeugung. So unvollziehbar dieser Gedanke ist«, meint Bonnet, »so ist seine Absicht doch deutlich. Er will die Uranfänglichkeit des Gottes feststellen, indem er statuiert, dass der Gott von sich selbst her sei und keinen anderen (!) vor sich habe. Späte Texte haben ihn, um die Vorstellung einer übergeordneten Vaterschaft völlig auszuschalten, noch erweitert.« (Hans Bonnet ›Reallexikon der ägyptischen Religionsgeschichte‹ 1971,364). Diese ›Erweiterung‹ führt dazu, dass man der Göttin eine Mutterrolle zuschiebt, »um sie damit zur Urgottheit zu erhöhen.« Hier wird deutlich, welchen Weg die ägyptischen Priester eingeschlagen haben, um die Urgöttin zu entmachten. Der erste männliche Gott (und später alle andern Sonnengötter) ist »mit Erfolg bestrebt, sich von seinem weiblichen Komplement, das ihn gebiert, empfängt und verjüngt, möglichst unabhängig zu machen, mit anderen Worten: sein Lebensgeschick aus eigener Machtfülle zu bestimmen!… Die Himmelsgöttinnen, die ehemaligen Mütter des Sonnengottes, werden zu seinen Töchtern degradiert, nicht sie schufen ihn, sondern er sie.« (Westendorf ZÄS 100,1974,138)

Im Mittleren Reich wird Min mit A-Min/Amun verschmolzen, »die Gestalt des Amun ist wenigstens in einer Sonderform, die ihn mit ungegliedertem Körper, erigiertem Glied und einer Geißel in der erhobenen rechten Hand zeigt, mit der des Min schlechthin identisch« (s. Bonnet ibd. 1971,31f). »Amuns Herkunft wird von der Priesterschaft absichtlich im Ungewissen gelassen« (Bonnet ibd. S. 71). Doch diese Herkunft ist nachvollziehbar. Amun wird ein Widder zugeordnet, der zu einer Schafsrasse gehört, die erst im Mittleren Reich in Ägypten beobachtet wird. Das Wollschaf, das auch Amun- oder Ammonschaf genannt wird, kam während des Mittleren Reiches aus Vorderasien über das Rote Meer (Baumgartel Elise J. ›The Cultures of Prehistoric Egypt‹ 1955 I/23f und Boessneck Joachim ›Die Tierwelt des Alten Ägypten‹ 1988,72ff.). Mit dieser Schafsrasse dürfte auch der widdergestaltige Gott Amun von Vorderasien nach Ägypten gelangt sein, dessen asiatische Herkunft die Priester aus leicht durchschaubaren Gründen ›im Ungewissen‹ lassen. Schon die älteste Schafsrasse, die in Ägypten in der Nagada-II Zeit auftauchte, stammte aus Persien. Die Einfuhr von asiatischen Tieren ist auch auf dem Bild von Hierakonpolis bezeugt. Die Eroberer aus Vorderasien bringen Pferde mit, die aus der südlichen Steppe Russlands stammen. (D. Wolf 1994,106)
Eine interessante Auslegung des phallischen Min, findet sich bei C.J. Bleeker. Er schreibt: ›Der Phalluskult ist in der Religionsgeschichte ja bekannt genug. Van der Leeuw bot uns das richtige Verständnis dieses eigenartigen Kultes: »…auch den Gott selbst denkt man sich als Leiblichkeit. Es ist… keineswegs eine seltsame Verirrung, sondern eigenste Menschlichkeit, dass … fast überall eine der ältesten Formen unter denen man Gott verehrt, der Phallus ist… Gott ist ein Phallus (van der Leeuw ›Der Mensch und die Religion‹ 1941,157f). »Auch Plutarch betrachtet die Phallusverehrung als eine Huldigung der göttlichen Schöpferkraft… Bei den Griechen heißt Pan, der mit Min identifiziert wird, der Erfinder der Masturbation oder des künstlichen Samenergusses. Da Min auf diese Weise einsam neues Leben hervorruft, versteht es sich, dass er kraft dieser Natur keinen weiblichen Partner braucht und kaum neben sich duldet. Seine späteren Verbindungen mit bestimmten Göttinnen machen einen durchaus gekünstelten Eindruck. Diese lebensschöpferische Tat des Gottes Min erhält eine noch tiefere Bedeutung durch seine Gestalt einer Mumie. Denn diese Mumiengestalt kann kaum bezweifelt werden… Als solche ist Min der verstorbene Gott. Die ithyphallische Mumie ist die mythologische Darstellung der paradoxen Wahrheit, dass Min gerade als toter Gott noch die Macht besitzt, Leben zu erzeugen. Dadurch beweist er seine echte Göttlichkeit, nämlich durch die Fähigkeit der creation ex nihilo.« (Bleeker ›Die Geburt eines Gottes‹ 1956,47ff)
Amon der Sonnengott der neuen Hauptstadt Theben, »den die Propheten Jeremias (46,25) und Nahum (3,8) Amun nennen, hieß nach mittelbabylonischen Urkunden Aman, später nach assyrischer und neubabylonischen Texten wie nach dem Koptischen Amun… (Bonnet) und wird wie der westpersische Haman ›Herr der Glut‹ genannt.« Die Indo-Europäer glaubten, dass die Schöpfer der Menschheit ›Man‹ waren, indisch ›manu›, deutsch ›Mannus‹ (Mallory J.P. ›In Search of the Indo-Europeans‹ l989/140) Manu war der vedische Noah, dessen Arche das kosmische Sammelgefäß war und entsprach in vor-vedischen Mythen dem Schoss der Schöpfergöttin. Doch wie auch die Muttergöttin Mut durch Lautumkehrung zu Tum, bzw. A-tum vermännlicht wurde (D. Wolf 1994,207), könnte es sich auch bei Amun um die vermännlichte vorderasiatische Schöpfergöttin ›Nammu‹ handeln. »Manu war offenbar eine maskulinisierte Form von ›Ma-Nu‹ oder der ›Mutter Nacht‹ (des dunklen Mutterschosses); diese Namen trug sie in Ägypten als Geist des Ur-Abgrundes, aus dem der Kosmos entstand. Die SumererInnen kannten sie als ›Nammu‹, ›das Urmeer‹ und ›Mutter der Götter‹.« (Walker ibd. 1993/659).
Das Andenken an Amon/Amen haben die Christen bewahrt; sie beenden jedes ihrer Gebete mit der Anrufung seines Namens. Dass Amen ›So sei es‹ heiße, ist natürlich eine späte Umdeutung des ägyptischen Götternamens.

Der Widder-Gott Amun wird wegen seiner phallischen Stärke, seiner enormen Zeugungskraft, die ihm zugeschrieben wird, verehrt und kann zusammen mit Min als Ausdruck patriarchaler Macht und als Begründer des Phalluskultes in Ägypten betrachtet werden. Obwohl er ein junger Gott ist, wird er von der thebanischen Priesterschule, in Konkurrenz zu den anderen Schulen, zum Ur- und Schöpfergott hochstilisiert, um ihm ›den Nimbus urzeitlichen Alters‹ (Bonnet) zu geben. Zusammen mit dem Vatergott Ptah und dem Sonnengott Re bildet Amun eine rein männliche Trias, die sämtliche weiblichen Gottheiten ausschließt. Der Ägyptologe Kurt Sethe möchte im phallischen Amun gerne ein Element der ›Vergeistigung‹ der ägyptischen Religion sehen. »Er stellt Amun geradezu in Parallele zu Jahwe und wagt die Vermutung, dass dieser nach dem Vorbild von Amun gestaltet sei« (Bonnet ibd. S. 36). Doch Bonnet will es scheinen, »dass er damit auch die Gottesanschauung in Ägypten nach ihrer Reinheit und Wirkungskraft überschätzt.«
Amun wird ›Vater der Väter und Mutter der Mütter‹ genannt, ist also sexuell doppeldeutig wie Manu und Nun, ›der herrliche Hügel der Urzeit‹, der offensichtlich den schwangeren Leib der Urgöttin und nicht eines Urgottes meint. In einer Hymne an Amon wird diesem nachgesagt, dass er seinen Samen mit seinem Körper vereinige, um sein Ei in seinem geheimen Selbst zu kreieren‹ (›joining his seed with his body, to create his egg within his secret self‹). Henri Frankfort, der diese Stelle zitiert meint denn auch, dass es sich hier nicht um die ganze Wahrheit handle, schließlich sei die Sonne jeden Tag durch die Göttin neugeboren worden (Frankfort ›Ancient Egyptian Religion (1948) 1949,17). Das ist nicht einmal die halbe Wahrheit, wie die folgenden Hymnen belegen:  ›Heil Dir, großer (Sonnengott) der geboren wurde von der Himmlischen Kuh‹, oder: ›Deine Mutter Nut hat Dich geboren, Re-Harachte‹; ›alle preisen Dich wenn Du strahlend am Horizont erscheinst. Du bist schön und jung wie die Sonnenscheibe in den Armen deiner Mutter Hathor‹. Aber im gleichen Hymnus steht einige Zeilen später: ›Du bist göttliche Jugend, der Erbe der Ewigkeit, der sich selbst zeugte und gebar‹ (ebda). Diese Absurdität nennt Frankfort verständnisvoll ›multiplicity of approaches‹.

 Der Skarabäus-Gott ›Chepre‹ –  frommer Betrug oder schiere Ignoranz?

Inter­es­sant ist die Wurzelverwandtschaft mit dem hebräischen ›kereb‹, was Mut­ter­schoss, Bauchhöhle, Lei­besinneres, Mutterleib heißt; die gleiche Be­deutung haben das altindische garbh, das assyri­sche kirb und das lateinische Corpus.« (Arnold Wadler ›Germanische Urzeit Quellen zur Vorgeschichte der deut­schen Sprache‹ 1936,229). Die Priesterkaste Ägyptens überhöht und verzerrt den Sinn des ursprünglich weiblichen Skarabäus. ›Chepre‹, der in unzähligen Exemplaren als Amulett verwendet wurde, soll ohne Zeugung entstanden sein und wird mit der aufgehenden Sonne gleichgesetzt, soll Urgott, Vater, ja Schöpfer der Götter sein. Doch auch er ist ein Sohn der Nut der ›am Schenkel (!) seiner Mutter entsteht‹; trotzdem bleibt er der sich selbst Zeugende und beansprucht Uranfänglichkeit. Was diesen Käfer ebeso interessant macht ist seine indoarische Herkunft. Die indoeuropäische Wurzel des Wortes weist der Sprachforscher Arnold Wadler nach: Die Urform des Käfers ist immer K-r-b, althoch­deutsch Creb-iz, Chrep-az und bezeichnet den Krebs. Assyrer nannten ihn Akrab-u, die Hebräer Akrab, die Römer Scorpio, die Germanen Creb-iz‹, die Schweizer Chäber oder Chäfer und die Deutschen Käfer. »Schon in Hellas stand Karab-os (Krabbe, Krebs, Käfer) neben Skorp-ios und Skarab-aios, dem Käfer‹ (Arnold Wadler ›Der Turm von Babel – Urgemeinschaft der Sprachen‹ 1988,274f.).

Mit dem Käfer versucht die solare Priesterschaft, die Schöp­fung ohne weib­liches Dazutun zu er­klären, das heißt für sich männliche Schöpfungsmacht zu beanspruchen. Nach Plutarch nehmen die Ägypter an, dass dieser Käfer nur aus männlichen Tieren besteht, die ihre Eier in Dung ablegen, den sie dann mit den Hinterbeinen zu einer Kugel rollen. Die Jungen scheinen, nach genau einem Mondmonat von 28 Tagen, aus den Eiern zu schlüpfen. »Als Keimzelle des Lebens spielt das Ei in den Vorstellungen über die Weltschöpfung eine Rolle. Nach einem alten Naturmythos war der erste Gott aus einem Ei entstanden, das im Sumpfdickicht in einem Nest erschien. Totenbuchtexte nennen dieses verborgene Ei das ›Ei des großen Schnatterers‹. Wer dieser ist, bleibt jedoch im Dunkeln.« (Bonnet) Auch hier wird versucht, zu suggerieren, es gebe eierlegende Männchen. Doch man kann es drehen wie man will, ein bekanntes Sprichwort bringt es auf den Punkt:

›Ein Hahn kann keine Eier legen‹

 Das Ei ist ein mystisches Symbol der Großen Schöpferin, deren Weltei den Embryo des Universums enthält, aus dem auch der Sonnengott Ra/Re geboren wurde. Die ägyptische Hieroglyphe für das kosmische Ei ist identisch mit der für den im Schoss einer Frau liegenden Embryo (Walker 1993,201f). Es sind nicht die Ägypter, die den Unsinn von eierlegenden männlichen Wundertieren verbreiten, es sind die ägyptischen Priester, die die alten matriarchalen Mythen und Symbole umdeuten, verzerren und vermännlichen. (s. auch LÄ,VI,868 ›Urgewässer‹ und S. 873, ›Urhügel‹ und ‹Ei‹)

Die mit den indoeuropäischen Eroberern mitgebrachte Weiße Krone Ägyptens ist die Überhöhung des Phallus par excellence.

 


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