So wurden Götter erfunden und Mythen gemacht

Aus dem Inhalt:

  • Die Macht der patriarchalen Mythen-Propaganda
  • Die Erfindung männlicher Ur-, Schöpfer- und Vater-Götter
  • Marduks Schöpfung durch das Wort in Babylonien
  • Moses bedient sich eines ›sprechenden‹ Gottes
  • Die Mythen von Göttern als Metaphern realer, irdischer Despoten
  • So wurden Götter erfunden und Mythen gemacht
  • Patriarchale Hybris:
    Vom Größenwahn zum Cäsarenwahn und zum Gotteswahn
  • Der Mythos von Kain und Abel –
    Fleischessende Rinderzüchter gegen vegetarisch lebende Ackerbauern
  • Vom Chaos zur Ordnung und andere Lügen
  • ›Eine große Ansammlung mytho­logischen Plun­ders‹

 

›Das ägyptische Königtum wäre nicht möglich gewesen ohne die Verdrehung der matriarchalen Vorstellungen und ohne die Schaffung neuer patriarchaler Lehren, Mythen und Rituale.‹ (Fekri A. Hassan)

Die Macht der patriarchalen Mythen-Propaganda

In den von den Indo-Europäern und den mit ihnen verbündeten Ariern eroberten Gebiete erzählen die frühesten Mythen vom Kampf der neuen Götter gegen die Göttin, von Muttermördern wie dem babylonische Marduk und Drachentötern wie dem ›heiligen‹ Michael – die sich als Mörder der Muttergöttin in Schlangen- oder Drachengestalt hervortun. Göttinnen wurden abgewertet und verleumdet und ihre positiven Attribute den Göttern zugeschlagen. Sie wurden zu Gattinnen, Töchtern oder Schwestern der neuen Götter degradiert und diese zu Staatsgöttern erhoben, von denen bis heute behauptet wird: ›sie waren schon immer da‹.
Die verschiedenen indoeuropäisch/arischen Eroberclans rivalisierten und lagen in ständigem Streit miteinander und kämpften um die eigene Vorherrschaft. Dazu setzten sie nicht nur eine massive Propaganda in Form von ständig neuen Mythen ein, um das Volk für ihre politischen Zwecke zu manipulieren und von der Göttlichkeit der Könige zu überzeugen, sondern übten auch massive Gewalt aus.
Jeder der Häuptlinge der verschiedenen Erobererclans, die sich in den blühenden neolithischen Städten Ägyptens wie Maden im Speck eingenistet hatten, ließ sich von der Priesterschaft Mythen für seinen eigenen Hauptgott schaffen. Im oberägyptischen Nekhen waren die ›Shemsu-Hor‹, die indoeuropäischen Schmiede mit ihrem Falkengott Hor(us) an der Macht. In Esna entstand der ›Schöpfergott‹ Chnum, der die Menschen auf der Töpferscheibe formte. In Unterägypten behaupteten die Priester des in Heliopolis eingewanderten Clans, der die Sonne in den Mittelpunkt der Verehrung stellte, die Götter seien hier entstanden – und ihre Götter wären Urgötter und Weltschöpfer. In Hermopolis erfand man eine ›Achtheit‹ von vier Paaren von Vätern und Müttern des Sonnengottes. In Memphis war es ein Vatergott, mit dem erstaunlich indoeuropäisch klingenden Namen Ptah (Pater/Vater). Es handelte sich um den indoeuropäischen Dyaus pitar, der zum Vater und Herrn aller Götter erklärt wurde. In Theben verehrte man den asiatischen Amon/Amun/Amen, der noch in unseren Tagen jedes fromme Gebet von Juden, Christen und Moslems beschließt – AMEN!

Für ihre Ziele haben Machtmenschen schon früh den unschätzbaren Gewinn einer ausgeklügelten Verknüpfung der Ideologie von Religion und Politik raffiniert und kalkuliert eingesetzt.

»Die Herrscher erkannten schon früh den Nutzen, den die Verbindung von Politik und Religion eintrug…

Sobald dieser Kunstgriff des Regierens allgemeine Verbreitung fand, mehrte sich die Zahl der Götter, und jede Stadt, jeder Staat und jede menschliche Tätigkeit erhielt irgendein anfeuerndes und ordnendes himmlisches Wesen.« (Will Durant ›Kulturgeschichte der Menschheit – Der alte Orient und Indien‹ 1935, S. 125)

»In Ägypten verwischen sich die Grenzen zwischen Kult und Theologie, aber auch zwischen Religion und dem, was wir heutzutage Politik nennen würden. Soweit man im Alten Ägypten überhaupt einen Unterschied zwischen Kirche und Staat machen kann, sieht man, dass beide einander unterstützen.« (Ions 1982, S. l5) Das ist bis heute so geblieben – nicht nur in Ägypten!

›Die Mythen zeigen, dass das, was sich in Ägypten zu der uns bekannten altägyptischen Religion entwickelte, auf einen Vernichtungskampf der Eroberer gegen die Religion der Urmutter und ihrer VerehrerInnen richtete. Könige wurden göttlich, indem sie die heilige Macht weiblicher Gottheiten assimilierten.‹ (Fekri Hassan)

Die Erfindung männlicher Ur-, Schöpfer- und Vater-Götter

Als zu Beginn des Patriarchats und der Erfindung männlicher Götter die Frau allmählich aus dem Schöpfungsprozess eliminiert wurde, wurden Erklärungen und Rechtfertigungen für die neue Ideologie notwendig, nach der nicht mehr die Große Mutter die Menschen geboren, sondern ein männlicher Gott sie ›erschaffen‹ haben soll. Dazu erfand die indoeuropäisch/arische Priesterkaste absurde Geschichten, Legenden und Mythen, die allerdings als ›Realität‹ und Wahrheit propagiert wurden; Geschichten die man heute nur noch einem Kinder unter 6 Jahren als real andrehen kann. Der Mythenforscher Joseph Campell wies darauf hin, dass Religion ›missverstandene Mythologie‹ sei; dass ›mythische Metaphern als unumstößliche Tatsachen interpretiert werden‹. (›Myths from West to East‹, in Alexander Eliot: Myths, 1976, S. 31) Und weiter schreibt Campell, die soziale Funktion einer Mythologie sorge nicht dafür, dass der Geist sich öffne, sondern eine Abkapselung bewirke, welche die Menschen ›zusammenbinde‹. Zusammenhalt nach außen ist einer der wichtigsten Grundsätze und Ziel jeder patriarchalen Religionsgemeinschaft.

In Ägypten erfanden die Priester der verschiedenen indoeuropäischen Erobererclans ihre jeweils eigenen Schöpfungsmythen und Ur-Götter. Dazu kreierten sie widerliche Mythen männlicher Selbstbegattung, absurde Mythen von schwangeren Göttern und abstossende Mythen männlichen Gebärens und statt des Wiedergeburtglaubens durch die Mütter den taktisch cleveren Mythos vom ›ewigen Leben im Jenseits‹, mit dem sie dem Wunsch der Könige nach ewigem Leben Folge leisteten. (s. ›Die total verrückten religiösen Mythen des Patriarchats‹ und im Buch Kapitel 10 S. 283 – 317).
Jede Diskussion zum Thema Religion im alten Ägypten werde durch die Notwendigkeit kompliziert, zwischen offizieller und privater Religion, das heißt zwischen der solaren Religion der Eroberer und der lunaren ›Volksreligion‹ und der Verehrung der Großen Göttin der matriarchalen Zeit unterscheiden zu müssen, schreibt T.G.H. James. »Die spitz­findigen (subtle) Schöpfungs-Mythen und das Benehmen der Götter zogen das Volk kaum an, und es wusste auch nicht viel darüber.« (James ›An Introduction to Ancient Egypt‹ 1989, S. 132)
Verständlich, ein Volk, das jahrtausendelang seine Religion aus der erlebten Wirklichkeit schöpfte, seinen eigenen Augen und seinem Verstand vertraut hatte, stand den seltsamen Fantasien von neuen Göttern und ihrem verschrobenen Getue kritisch gegenüber. Diese Menschen konnten kaum überzeugt werden, dass die Götter der Eroberer verehrungswürdiger sein sollten als ihre Große Mutter, weshalb der neue Götterkult dem König und der Elite vorbehalten blieb.

›Die Mythen bleiben lebendig. Dem etwas entgegensetzen zu wollen
bedeutet, sich auskennen zu mü­ssen.‹
(Matthias Heyl, Historiker)

Der Orientalist A. H. Sayce, britischer Theologe und Sprachwissenschaftler (1846 – 1933), der die Mythen der ägyptischen Sonnenreligion mit denen der Sumerischen, Ba­byloni­schen und Assyrischen verglich, stellte eine auffal­lende Überein­stimmung der Sonnengötter und der göttlichen Attribute in diesen Kulturen fest und betont, dass der Sonnenkult nicht die ur­sprüngliche Religion der eingeborenen mesopotamischen Bevölkerung war; was der Alttestamentler W. Robertson Smith bestätigt: »Das offizielle System der babylonischen und assyrischen Religion, wie es uns aus priesterlichen Texten und öffentlichen Inschriften bekannt ist, trägt deutliche Merkmale, dass es alles andere ist als eine Darstellung des volks­tümlichen, überlieferten Glaubens. Es ist durch Priesterschaft und Staatsgewalt in der gleichen Weise künstlich ausgebildet wie die offizielle Religion des alten Ägypten, das heißt: Es ist eine für Regierungszwecke veranstaltete, künstliche Kombination aus Elementen, die einer Anzahl lo­kaler Kulte entlehnt waren. Höchst wahrscheinlich war die wirkliche Religion der Volksmassen weit einfacher als das offizielle System.« (Smith ›Die Religion der Semiten‹ 1899, S. 10)

Marduks Schöpfung durch das Wort in Babylonien

In Mesopotamien, das ebenfalls von den Indo-Europäern und den mit ihnen verbündeten Ariern erobert worden war, wurde einer der raffiniertesten Mythen erfunden, der bis heute als Tatsache geglaubt wird. Marduk, der Stadtgott von Babylon, hatte im Mythos ›Enuma Elish‹ als Mörder der Muttergöttin ›Karriere‹ gemacht hatte. Danach steigt er durch eine seltsame, mündliche Prüfung zum Hauptgott Babylons auf:

Sie legten ein Gewand in ihre Mitte; zu Marduk ihrem Erstgebo­renen sagten sie: ›Wahrlich, oh Herr, dein Schicksal ist über das der anderen Götter erhaben. Be­fiehl zu zerstören und neu zu entstehen – und so wird es geschehen! Durch das Wort deines Mundes lass das Ge­wand zerstört werden; befiehl aufs Neue, und lass das Gewand wieder ganz werden! Er be­fahl mit seinem Munde, und das Gewand wurde zerstört. Und wie­der befahl er, und das Gewand ward wieder heil. Als die Götter, seine Väter, die Kraft seines Wortes erkannten, da frohlockten sie und huldigten ihm und sagten: Marduk ist König.‹ (A. Heidel ›The Babylonian Genesis: Enuma Elish‹ 1942, zit. von Erich Fromm ›Anatomie der menschlichen Destruktivität‹ 1974, S. 146)

»Die Bedeutung dieser Prüfung liegt darin, zu zeigen, dass der Mann seine Unfähig­keit zu natürli­chem Schöp­fer­tum – einer Fähigkeit, die nur die Erde und die Frau­en haben – durch ei­ne neue Art des Schöpfertums, nämlich das des Wortes (oder Den­kens), überwunden hat. Marduk, der auf seine Weise et­was erschaffen kann, hat die natürliche Überlegenheit der Mutter über­wunden und kann daher an ihre Stelle treten.« (Fromm ibd.)
»Der biblische Mythos beginnt dort, wo der babylonische endet. Die Oberherrschaft eines männlichen Gottes ist errichtet, und von der früheren matriarchalischen Stufe ist kaum noch eine Spur geblieben. Marduks ›Prüfung‹ ist zum Hauptthema der biblischen Schöpfungsgeschichte geworden. Gott erschafft die Welt durch sein Wort; die Frau und ihre schöpferischen Kräfte sind nicht mehr notwendig. Selbst der natürliche Verlauf, dass die Frau Männer gebiert, ist umgekehrt. Eva wird aus Adams Rippe geschaffen. Der biblische Mythos ist ein Triumphgesang über die besiegte Frau; er leugnet, dass die Frau den Mann gebiert und verkehrt die natürlichen Beziehungen ins Gegenteil.« (Fromm ibd. 1974, S. 127) (s. auch ›Der Göttinnen-Mord in den patriarchalen Religionen‹)

Der Mythos von der Schöpfung durch das Wort ist eine der raffiniertesten Erfindungen, um die Schöpfungskraft der Frau zu leugnen, und ist gleichzeitig »die widernatürlichste Fantasie, die nur denkbar ist, sie verneint alle Erfahrung, alle Wirklichkeit, alle natürliche Bedingtheit.« (Erich Fromm ›Liebe, Sexualität und Matriarchat‹ 1994, S. 91).

Moses bedient sich eines ›sprechenden‹ Gottes

»Die alttestamentlichen Schöpfungsmythen sind vom Kulturkampf des einsetzenden Patriarchats gegen die matriarchale Kultur Kanaans geprägt.« (Siegfried Vierzig ›Sehnsucht nach den Müttern‹ 1991, S. 93)

In der Bibel lesen wir nicht nur von der Schöpfung durch das Wort, der biblische Gott ›spricht‹ auch zu seinen Vertretern auf Erden, den Propheten. Moses bediente sich des Mythos des sprechenden Gottes besonders ausgiebig für seine bösartigen Projektionen. Er regierte, tyrannisierte und terrorisierte sein Volk mit dem Hinweis, Gott habe ihm seine Weisungen sprechend und persönlich übermittelt; es seien Gottes Worte, seine Gebote und Verbote, seine Drohungen, seine Verwünschungen und seine Befindlichkeiten; etwa sein ständiger Zorn, seine Eifersucht, seine Forderungen und sein Wille.
Moses, der Machtmensch, der in seinem Zorn einen Ägypter erschlagen hatte, projiziert seine despotisch aggressiven Impulse und seinen Machthunger auf einen von ihm erfundenen Gott, hinter dem er sich versteckt und damit seinen gewalttätigen Charakter kaschiert und seine mörderischen Befehle als göttlich legitimiert. Schon die Pharaonen und unzählige Diktatoren, Kriegstreiber und andere Verbrecher verbrämten ihre Taten mit der Gottes-Lüge; einem Freipass für jede Art von Grausamkeit und Unmenschlichkeit. Die Taktik ist derart erfolgreich, dass sie bis heute immer wieder von echten und falschen Propheten ausgiebig genutzt wird. (s. heute den IS, die Boko Haram etc. und die verrückten christlichen und jüdischen Fundamentalisten in aller Welt!)

 Die Mythen von Göttern als Metaphern realer, irdischer Despoten

»Die Thealoginnen wissen, dass die Göttin das spontanste spirituelle Konstrukt der Menschheit ist, während die Vatergötter im Prinzip künstliche Nachahmungen waren.« (Barbara G. Walker ›Göttin ohne Gott‹ 1999, S. 14)

Die neuen Herrscher der von den indoeuropäischen Eroberern unterworfenen Länder nahmen Maß an sich selbst und schufen männliche Götter nach männlichem Ebenbild, und weil sie sich in ihrem übersteigerten Geltungsbedürfnis und ihrer Selbstüberschätzung anmaßten, selbst Götter zu sein, wurden dem Bild des Tyrannen Götter angepasst und mit den primitivsten und rohesten Eigenschaften der patriarchalen Indo-Europäer/Arier ausgestattet.

»Die männlichen Gottheiten sind Götter aus menschlicher, das heißt aber männlicher Vorstellungskraft: Geschöpfe männlichen Geistes und männlicher Gewalt.

So treten sie in ihren Darstellungen auch bewaffnet auf. Ihre Gestalt erwächst aus den Herrschaftsallüren der frühen Könige, die sich selbst schon bald zu Göttern machten.« (Helmut Uhlig ›Am Anfang war Gott eine Göttin – Eine Weltreligion des Weiblichen‹ 1995, S. 264) Der Religionswissenschaftler Hans Bonnet bestätigt das patriarchale Gottesbild:

»Die anthropomorphe Gottesauffassung führte auf ein Herren- und Königsideal hinaus… Von ihrem Gottsein bleibt nur ein Herrentum übrig, das, dem irdischen gleich, Willkür und Gewalttätigkeit und jegliche menschliche Schwäche nicht aus, sondern einschließt« (Hans Bonnet ›Reallexikon der ägyptischen Religionsgeschichte‹ 1971, S. 221).

So wurden Götter erfunden und Mythen gemacht

Eine späte Begebenheit aus der griechischen Antike zeigt, wie Götter und Mythen erfunden wurden. Aus der Zeit als die Griechen die Staatsmacht in Ägypten übernommen hatten, stammt das Beispiel, wie der Götterhimmel der neuen Macht angepasst wurde. Es geht um die Neuschöpfung des griechischen Gottes ›Sarapis‹ (auch Serapis). Nach dem Mythos soll Ptolemaios I. (367 – 238) sein Kultbild vom Schwarzen Meer nach Alexandrien gebracht haben. Er »war geschickt genug, mithilfe eines ägyptischen und eines griechischen Theologen in Sarapis einen obersten Reichsgott zu schaffen, der von beiden Bevölkerungsteilen seines Staates, den Ägyptern wie den Griechen, anerkannt und aufgenommen zu werden, versprach… Preisende Hymnen berichten über seine Wunderkraft, als Herr des Alls kommt er den Weltreichsideen der Ptolemäer entgegen…« (E. Brunner-Traut und H. Brunner ›Osiris Kreuz und Halbmond – Die drei Religionen Ägyptens‹ 1984, S. 143 f.).

Patriarchale Hybris:
Vom Größenwahn zum Cäsarenwahn und zum Gotteswahn

Die größenwahnsinnigen Pharaonen nannten sich ›Gottkö­nige‹, ›lebender Horus‹, leiblicher ›Sohn Gottes‹ oder ›Sohn des Re‹. Sie bauten sich Tempel zu ih­rer eigenen Ehre, brachten sich selbst Opfer dar und verstanden sich als wesensgleich mit ihren Göttern. Ähnli­ches ist von den späteren persischen Großkönigen bekannt, von Alexander und den römischen Kaisern. Sie alle setzten ihr ›Gott-Königtum‹ als politisches Machtmittel ein. Ihre Vorstellung von sich selbst und von Gott war die eines unbesiegbaren überirdischen Wesens und eines unschlagbaren, all­mächtigen Übermenschen. Selbst sonst ganz normale Wissenschaftler fallen noch heute vor soviel Gottkönigtum auf die Knie; sie erkennen den Größenwahn nicht!

Je länger ich Religion studiere, desto mehr bin ich davon überzeugt,
dass der Mann niemals etwas anderes anbetete als sich selbst.
(
Richard F. Burton)

Der englische Altorientalist A. H. Sayce erkannte – was die Ägyptologen nie sehen wollten: die indoeuropäische Herkunft der Rinderzüchter aus den südrussischen Steppen. Er schreibt:

›Die pharaonischen Ägypter waren asia­tischen Ursprungs und not­wendigerweise brachten sie ihre religiösen Ideen aus ihrer östlichen Heimat mit.‹

Wie Sayce fand auch der Sumerologe Stephen H. Langdon »derart beein­druckende Ähnlich­kei­ten zwischen den wichtigen religiösen Glau­bensformen der Su­merer und Ägypter«, dass es notwendig erschien, »zwischen ih­nen eine Verbindung irgendeiner Art anzuneh­men«. Das kann nur jene erstaunen die heute noch ignorieren, dass sowohl die Herrscher der Sumerer als auch die der Ägypter indoeuropäisch/arische Eroberer waren, die ihre patriarchale Priesterkaste mit den von ihnen erfundenen männlichen Sonnen-Göttern mitbrachten. Es gab keine sumerischen oder ägyptischen ›Urgötter‹. Langdon betont, die ägypti­sche Religion [der dynastischen Zeit] war eindeutig verwandt mit der sumeri­schen und nicht semitischer Herkunft. »Trotzdem muss für den Moment [1921!] das Problem rassischer Ver­wandtschaft oder kultureller Einflüsse zwischen dem prähistori­schen Ägypten und Sumer dahingestellt sein. Doch diese Dinge existier­en und können nicht wegerklärt werden.« (Stephen H. Langdon ›The early Chronology of Sumer and Eypt and the similarities in their culture‹ JEA 1921, S. 134 f.)

Es gibt tatsächlich zahlreiche Übereinstimmungen zwischen Ägypten und Mesopotamien

Doch eine die Länder übergreifende Forschung findet ernsthaft nicht statt. Interdisziplinarität ist nicht die Stärke patriarchaler Wissenschaft. Auch die Wissenschaft ist eine Rivalitäts- und Neidgesellschaft, die sich gegenseitig bekämpft und fürchtet. Das ist einer der Gründe, warum die Forschung sich nicht auf die Parallelen konzentriert, welche die beiden Länder verbindet. Was in Ägypten unklar ist, könnte mit Leichtigkeit aus den Erkenntnissen in Mesopotamien aufgeklärt werden und umgekehrt. Aber:

Wenn man die Forschungsergebnisse beider Länder zusammenführt, kann und muss man den kriegerischen Umbruch aufgrund der Eroberungen durch die Indo-Europäer klar erkennen, und das ist den Wissenschaftlern offensichtlich nicht möglich und ist sicher auch nicht erwünscht.

Doch Geschichte und Einfluss der Indo-Europäer wird noch drastischer sichtbar. Die Bibel ist das Geschichts- Mythen- und Propagandabuch des Patriarchats par excellence. Die indoeuropäischen Charakteristiken sind das Fundament des Alten Testamentes, wo sie  durch die elitäre Priesterkaste der indoeuropäischen Leviten (Luviten, Luwier) vertreten und durchgesetzt werden.

Der Mythos von Kain und Abel –
Fleischessende Rinderzüchter gegen vegetarisch lebende Ackerbauern

Im Alten Testament findet sich in Genesis 4,1 die Legende von Kain und Abel. Im Mythos war Kain der ältere Sohn von Adam und Eva. Er steht metaphorisch für die Ackerbauern der älteren matriarchalen Kultur, der Völker im ›Fruchtbaren Halbmond‹, dem Gebiet, das sich im Neolithikum vom Persischen Golf bis ans Mittelmeer und Ägypten erstreckte. Abel, der Zweitgeborene, steht für die spätere patriarchale Zeit der eingewanderten kriegerischen indoeuropäischen Rinderzüchter der Bronzezeit. Der zeitlich späte biblische Gott soll das Tieropfer des Hirten und Fleischessers Abel, den von den Früchten des Feldes vegetarisch lebenden Ackerbauern Kain vorgezogen haben, worauf Kain Abel aus Eifersucht erschlagen haben soll. An diesem Punkt der Bibel entstand

der Kult des menschlichen und tierischen Opfers für die Götter;

beginnend bei der grausamen Scheinopferung des Sohnes Isaak durch seinen Vater Abraham bis zur noch grausameren Opferung Jesus durch seinen Vater-Gott. »Unter der Göttin, schreibt Bachofen, ›war eine besondere Schuld mit der körperlichen Verletzung irgendei­nes lebenden Wesens verbunden‹, ganz gleich ob Mensch oder Tier. Die biblische Geschichte von Kain und Abel spiegelt den Umschwung von der vorhergehenden Zeit des Friedens und der Gewaltlosigkeit, zur Barba­rei des patri­archalen Zeit­alters wieder. Indem er Abels Blutopfer ›von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett‹ an­nahm und Kains ›Früchte des Feldes‹ zurückwies, verkündete der neue männliche Gott sein Ge­setz: Von nun an war die Eintracht zwischen Mensch und Tier dahin, und an seine Stelle traten Tot­schlag und Gewalt­tätigkeit.« (Gould Davis ›Am Anfang war die Frau‹ 1987, S. 139)
»Die meisten Fachwissenschaftler datieren die patriarchale Periode der biblischen Geschichte auf die erste Hälfte des 2. Jahrtausends.« (Gerda Lerner ›Das Patriarchat‹ 1991, S. 207) Die Eroberung und der Landraub Kanaans unter dem Anführer Josua scheint im Jahre 1250 v.u.Z. abgeschlossen. Zu den ersten Aktionen der Eroberer gehört der Kampf gegen die verhasste Große Göttin und die Zerstörung ihres Symbols, des goldenen Kalbes, um den neuen Glauben an  den ›einzigen und wahren Gott‹ Jahwe durchzusetzen. Trotz aller Drohungen hatten sich noch Jahrhunderte später indigene VerehrerInnen der  Göttin geweigert, den neuen Vater-Gott-Glauben anzunehmen. »Auf Veranlassung der Propheten Elija und Elischa wurde die ausschließliche Anbetung des Gottes Jahwe nach einem politischen Putsch und der Ermordung von vierhundert Priestern des (ugaritischen) Baal im Jahre 852 wieder durchgesetzt. Spätere religiöse Wiedererweckungen des Baal-Kultes unter den Propheten Hosea, Amos und Jesajya führten als Gegenreaktion die völlig neue Haltung der Intoleranz gegenüber andern Göttern und Kulten ein«, schreibt Lerner (S. 211).

›Die ungeheuerlichsten Verbrechen gegen Menschen
waren ausnahmslos durch abstruse Glaubensinhalte inspiriert‹. (Sam Harris)

»Die Niederschrift des Buches Genesis erfolgte während eines Zeitraumes von etwa 400 Jahren, vom 10. bis zum 5. Jahrhundert v. Chr.« (Lerner ibd. S. 206). »Es kann davon ausgegangen werden, dass die Verfasser und Redakteure der Bibel Material aus den frühen sumero-babylonischen, kanaanäischen und ägyptischen Kulturkreis aufgenommen und umgeschrieben haben und die Erzählungen zeitgenössische Verhaltensweisen, Gesetze und Sitten benachbarter Völker widerspiegeln« schreibt die Historikerin Gerda Lerner. Und sie fügt an: »Wird die Bibel als eine Quelle für historische Analysen genutzt, so gilt es, sich der Komplexität des Inhalts bewusst zu sein, die sich aus der Vielzahl der Autoren, deren Zielsetzungen und den Quellen ergibt.« (Lerner ibd. 1991, S. 205) Trotzdem hat Lerner die gemeinsame indoeuropäisch/arische Herkunft der patriarchalen Herrscher und Götter selbst nicht erkannt. Was sie in ihren Studien zu Mesopotamien nicht gesehen hat – und wessen sich auch die Ägyptologen in Ägypten nicht gewahr wurden –, dass es einen gewaltigen Umsturz auf der ganzen sozialen, politischen und religiösen Ebene gab, obwohl sie schreibt: »Um die Bedeutung der umfassenden und tiefgreifenden kulturellen Umwälzungen begreifen zu können, die im Entstehen des jüdischen Monotheismus zum Ausdruck kommt, müssen wir uns der sozialen Veränderungen bewusst sein, die im Buch Genesis widergespiegelt werden. Die patriarchal organisierten [eingewanderten!] Stämme der frühesten in der Genesis beschriebenen Periode lebten, wie ihre Vorfahren als Nomaden oder Halbnomaden… Sie züchteten Schafe, Ziegen und Rinder« (Lerner ibd. S. 207) Diese Rinderzüchter hatten die Vaterschaft entdeckt und leiteten daraus ihren Anspruch auf die ›heilige Herrschaft‹ der Väter ab. Sie verlangten Gefolgschaft (Gläubige), Unterwerfung und unter Androhung martialischer Strafen absoluten Gehorsam und den Abfall vom Glauben an die Göttin. (s. ›Die späte Entdeckung der Vaterschaft – nach 2 Mio Jahren Matriarchat‹)

»Die Geschichten über die Patriarchen in der Genesis bieten einige Hinweise auf einen Übergang von der matriarchalen, matrilokalen und matrilinearen zur patriarchalen, patrilokalen und patrilinearen Familienorganisation mancher Stämme…

Ganz eindeutig ist die patriarchale Familie die in den biblischen Geschichten vorherrschende Familienstruktur. Die Forschung hat ein recht umfassendes Bild der gesellschaftlichen und familialen Struktur der hebräischen Gesellschaft gezeichnet, das ziemlich genau die gesellschaftlichen Verhältnisse der mesopotamischen Nachbarn Israels widerspiegelt. In der frühesten Zeit hatte der Patriarch eine selbstverständliche, von niemanden [?] in Frage gestellte Autorität über die Mitglieder seiner Familie. Die Frau redet ihren Mann als ›ba’al‹ oder ›Herr‹ an, und ähnlich wurde er als ›ba’al‹ seines Hauses und Feldes bezeichnet. In den Zehn Geboten wird die Ehefrau mit seinem Besitz aufgeführt, zusammen mit dem Sklaven und der Sklavin, dem Rind und dem Esel (Exodus 20:17). In dieser Zeit konnte ein Vater seine Tochter auch in die Sklaverei oder zur Prostitution verkaufen [und tat es auch!], was ihm später verboten war.« (Lerner ibd. S. 213) In der Geschichte von Sodom bietet der brave Lot seine beiden noch jungfräulichen Töchter dem Mob zur Vergewaltigung an, um seine beiden männlichen Gäste zu schonen (Genesis 19:7, 8) Der fromme Martin Luther lobt Lot für diese Tat, er habe damit das Gastrecht hochgehalten! In einem andern Fall bietet ein rechtschaffener Levit und Angehöriger der Priesterkaste ähnlich wie im Fall Lot, dem Mob seine Tochter, die noch Jungfrau ist und seine Frau an, mit denen sie nach ihrem Gutdünken verfahren sollen. Sie wurden die ganze Nacht von der Gruppe misshandelt und vergewaltigt. Bei Tagesanbruch war die Frau tot. Ihr Herr zerstücktelte er in zwölf Stücke und verteilte sie über das Land, um die Israeliten zu bewegen, die ruchlose Tat zu rächen. Damit ist nicht sein ruchloses Verhalten gemeint, sondern, dass die Ehre und das Eigentumsrecht des Leviten an seiner Frau verletzt wurden, wird als Verbrechen angeklagt. (Genesis 19:27-29) Auf einem Fest Jahves zu Silo, werden die Benjamiten aufgefordert, nach dem Reigentanz die Töchter von Silo, die noch keinen Mann erkannt hatten, zu rauben und sie zu ihren Frauen zu machen, sie also zu vergewaltigen. Im Namen ihres Gottes ist den Männern alles erlaubt. Es soll bis heute – auch  Frauen geben – die das abscheuliche Patriarchat als ›normal‹ akzeptieren und die patriarchalen Götter, sei es Jahve, Gottvater oder Allah verehren! Richard Dawkins tut es nicht. Er beschreibt den neuen Gott, der im Alten Testament erscheint, als das schreckliche Abbild, das barbarische Männer von sich geschaffen haben; und wer die Bibel einigermaßen kennt, weiß, dass er nicht übertreibt.

Vom Chaos zur Ordnung und andere Lügen

›Theologie ist letztlich politisch. Die Art, wie menschliche Gemeinschaften das Transzendente vergöttlichen und die Kategorien von Gut und Böse bestimmen, hat mehr mit den Kräfteverhältnissen der sozialen Systeme, in denen diese Theologien entstehen, zu tun als mit der spontanen Offenbarung der Wahrheit aus jenseitigen Gefilden.‹ (Sheila Collins)

Die anmaßende Behauptung, das ›Chaos‹ zu überwinden, eine bessere, wahrere, höhere, spirituellere, fortgeschrittenere, vergeistigtere – und wie die eigenen Zuschreibungen alle heißen mögen – neue Religion zu schaffen, begegnet uns jedes Mal, wenn neue Gottesvorstellungen und eine neue Politik das Bisherige ersetzen sollen. Eine unglaubliche Menge von Publikationen befasst sich da­mit, der ägyptischen Religion einen besonders vergeistigten, weisen, frommen und – im Vergleich zur ›primitiven‹ Volksreligion der indigenen Bevölkerung – geordneten, fortge­schritte­nen, höheren Anstrich zu ge­ben.
Doch ›geistig‹ ist dabei gar nichts; es sind durchwegs kriegerische Überfälle und kriminelle Verfolgung, die neue Götter, neue Mythologien, neue Kulte und eine neue Politik durchsetzen. Das geschah erstmals beim Umsturz vom Matriarchat ins Patriarchat durch die brutalen Invasionen in die neolithischen Kulturen; beginnend in Vorderasien und Ägypten. Dann als Fortsetzung bei der Schaffung der jüdischen Religion, durch den Kampf gegen Volk und Göttin von Kanaan. Gott befiehlt ihre Ausrottung; er will sie vertilgen (Exodus 23,23). Die Christen verfolgten die Isis-Verehrung, die sich über das ganze Römische Reich, von Äthiopien bis nach England ausgebreitet hatte, und der Islam eliminierte die Göttinnen-Trinität Arabiens endgültig.
Es ist auffallend, jedes Mal wird die ältere Religion, die die Große Göttin verehrt, als ›Chaos‹ bezeichnet, entwertet, geächtet, verfemt, verteufelt und eliminiert. An ihre Stelle treten regelmäßig von patriarchalen Männern erfundene Mythen von patriarchalen männlichen Göttern. Es gibt keine Religion – außer der Religion der Großen Göttin – die von einer Frau erfunden wurde oder an der Frauen wesentlich mitgearbeitet hätten.
Eifersucht  auf die Schöpfungs- und Gebärmacht auf die vorpatriarchale Macht der Frauen und die Verehrung der Großen Göttin spielten die Hauptrolle bei der Erschaffung männlicher Götter, die nach dem  Modell des patriarchalen Mannes erfunden wurden. ›Ich bin ein eifersüchtiger (Vater-)Gott‹, legen sie ihm in den Mund und an die Adresse der VerehrerInnen der Göttin die Warnung, dass er keine andern Götter – vor allem keine Göttin – neben sich dulde. Er bringt die Eifersucht in die Welt, die in einer mütterlichen Religion absurd wäre.
Man kann sich nur wundern, was damaligen Priesterschaften alles eingefallen ist, um ihre Propaganda von männlichen Göttern und göttlichen Männern zu verkünden. Dasselbe kann von heutigen WissenschaftlerInnen und TheologInnen gesagt werden. Sie werden nicht müde, das tyrannische ›Gottkönigtum‹ Ägyptens zu loben und die Erfindung männlicher Götter als Erlösung aus dem Chaos zu verkünden. Was sie jedoch verschweigen, bei dieser ›Errettung aus dem Chaos‹ ging es um die Verfolgung des uralten Göttinnen Glaubens.
Es sei »die Ordnungsidee der dynastischen Religion, die das vorzeitliche Chaos überwindet«, behaupten heutige Anhänger monotheistischer Götter, gottgläubige Wissenschaftler wie Walter Wolf (›Kulturgeschichte des Alten Ägypten‹ 1977, S. 67). Oder wie Helmut Brunner – ein strammer Alt-Nazi: »In Ägypten, das bei der Schöpfung von Gott aus dem Chaos ausgegrenzt und mit dem fruchtbaren Nil versehen, den Menschen zuliebe ›geschaffen‹ wurde, ist jede Tat, die dem Chaos ein weiteres Stück abringt und der Ordnung zuschlägt, eine Fortsetzung der Schöpfung. Der Kampf richtet sich ebenso gegen die Wüstentiere… wie gegen die ›wilden‹ Völker um Ägypten.« (Brunner ›Altägyptische Religion‹ 1989, S. 67)
Der Altorientalist Wolfgang Röllig behauptet in der Festschrift für Emma Brunner-Traut noch Absurderes: »Es gibt einen entscheidenden Schritt in der Geschichte des Menschen, der auch sein Verhältnis zu den Göttern maßgeblich bestimmt, nämlich die Schaffung einer eigentlichen, einer menschlichen Kultur, die sich abgrenzt gegenüber der ungeordneten, vorzivilisatorischen Welt. Dabei ist es sicher kein Zufall, dass das Königtum, das vom Himmel herabkam, als Erstes von einem Manne bekleidet wird, der danach wieder zum Himmel hinaufsteigt.« (Röllig ›Gegengabe: Festschrift für Emma Brunner-Traut‹ 1992, S. 284)
Man glaubt sich in einer Burleske, einem wahnhaften Irrationalismus. Diese ›vom Himmel herabgekommenen‹ Männer waren Indo-Europäer und Arier; aufgeladen mit einem Unmaß an krimineller Energie, die immer noch ihre zerstörerische Wirkung tut. Das Chaos war keineswegs ›urzeitlich‹, es wurde erst von den Eroberern und ihrer Priesterkaste geschaffen!
Die patriarchale Wissenschaft und die patriarchalen Religionen werten das urzeitliche Matriarchat und die damalige Verehrung der Göttin ab, sie diskriminieren und leugnen die einstige Kultur und brachten das Wissen darüber zum Verschwinden, um die patriarchale Zeit als Aufschwung, als grandiosen Fortschritt, als ›Hochkultur‹ zu propagieren, die die chaotische ›Tiefkultur‹ abgelöst und die ›Primitiv-Religion‹ durch eine ›Hoch-Religion‹ ersetzt haben soll. Davon wird den Lehrkräften und den TheologiestudentInnen selbstverständlich nichts beigebracht; dieses Wissen ist im Patriarchat nicht erwünscht. Zum selbständigen Denken sind patriarchal-religiös indoktrinierte Gläubige schon lange nicht mehr fähig oder willens oder gar nicht informiert. Was Harald Specht zur Informationsunterdrückung in der Theologie zu sagen hat, finden Sie auf der Seite: ›Der Göttinnen-Mord in den patriarchalen Religionen‹; ›Du sollst nicht vom Baum der Erkenntnis essen! Wir werden absichtlich dumm gehalten!‹

›Eine große Ansammlung mytho­logischen Plun­ders‹

Im Wirrwarr der Religionen, der das westliche Asien im dritten und zweiten Jahrtausend charakterisierte, entbehre die sumerische Weltentstehungs­lehre wie auch die ägyptische Religion jeglicher Spiritualität, schreibt Edwin O. James. Alan Gardi­ner nennt sie ziemlich respektlos: »a vast accumu­lation of mythological rub­bish«, eine große Ansammlung mytho­logischen Plun­ders. Und W.B. Emery bemerkt, dass es während der gesamten ägyptischen Geschichte den Theologen nicht geglückt sei, ein Pantheon zu bilden, das nicht voller Ungereimtheiten gewesen wäre. »Dieses Chaos«, betont Adolf Erman in seinen Studien, »hat auch später nie eine Ordnung erfahren, ja es ist in den drei Jahrtau­sen­den, welche die ägyptische Religion nach der Abfassung der Pyra­mi­dentexte noch gelebt hat, nur noch schlimmer geworden.« (Erman ›Ägypten und ägyptisches  Leben im Altertum‹ 1923/1984, S. 297) Schon Herodot berichtet, dass er sich nur ungern mit dem ägyptischen Götterkult befasste (Herodot 2,65). Gaston Maspero, der die religiösen Texte eingehend studiert hatte, schrieb: »… musste ich zugeben, dass sie nichts von der Weisheit enthielten, die andere in ihnen gesehen hatten.« (zit. von Martin Bernal  ›Schwarze Athene – Die afroasiatischen Wurzeln der grie­chischen Antike‹ 1992, S. 390) Diese Aussage wird von Erman bestätigt: »Der trübste Teil der ägypti­schen Religion sind die Deutungen und Fantasien, denen die Priester ihren Glauben un­terworfen ha­ben. Sie haben dies von jeher mit Vorliebe getan, und der Ruf tief­sinniger Weisheit, in dem die Ägypter bis in unsere Zeit ge­standen haben, gründet sich vor allem auf diese Art ihrer Wissen­schaft.« (Erman ›Die Religion der Ägypter‹ 1934, S. 88 f.)
Heute feiert das Schönreden der ›großartigen ägyptischen Religion‹ bei einigen Autoren wieder fröhliche Urstände. Verständlich, denn das Patriarchat und die patriarchalen Religionen legen noch immer großen Wert auf diesen ›mythologischen Plunder‹, der ihre ›schon-immer-Mythen‹ und den Mythos von der göttlichen und männlichen Überlegenheit stützen und verewigen soll. Der mythologische Plunder hielt Eingang in die Bibel und wird von den patriarchalen Phantasten fortgesetzt, wie die Mär von der leiblichen Auferstehung, vom ewigem Leben, von Hölle und Teufel; und All das, um die Schöpfungskraft der Frau zu leugnen.
»Die religiöse Erbschaft der westlichen Zivilisation hat uns ein Durcheinander der verwegensten Unwahrscheinlichkeiten hinterlassen: jungfräuliche Geburt, wundertätige Götterbilder, sprechende Dornbüsche, heilende Reliquien, die nicht heilen, primitive Magie mit Stäben und Schlangen, wiedererweckte Leichname, magisches Blut, Engel und Teufel, ein bizarrer Schöpfungsmythos, eine unmögliche Hölle, ein nicht zu lokalisierender, unbeschreiblicher Himmel und ein offenkundig egomanischer Gott, dessen Selbstwertgefühl von unablässiger Schmeichelei abhängt.« (Barbara G. Walker ›Göttin ohne Gott‹ 1999, S. 14)

Ob es sich um rassistische, ethnische, soziale, politische, moralische oder religiöse Ziele handelt, wer seine Ansichten weitergeben will, manipuliert am besten schon die Kleinsten.

Die mörderische Geschichte des Patriarchats und das üble glorifizierende Festhalten an einer Ideologie der Menschenverachtung und des Verbrechens – wirkt nachhaltig – bis in die heutigen Schulbücher! Es ist unglaublich, welches Menschenbild den noch unausgereiften Jugendlichen mit diesem blutigen Schund patriarchaler Barbarei, der Verherrlichung von Schlachten, Kriegen, Rittern, Helden, Siegen und Göttern vermittelt wird. Mit der Glorifizierung des Sterbens für Gott oder Vaterland wurden unzählige junge Menschenleben ausgelöscht. Unfassbar, dass sich weder die Lehrerschaft noch die Eltern gegen diese Indoktrination zur Wehr setzen, ja sie nicht einmal bemerken. Aber, wie sollten sie diese fatale patriarchale Manipulation durchschauen; sie sind ja doch selbst Opfer, die in ihrer Kindheit und Ausbildung patriarchal verführt und vergiftet wurden. Was man schon kleinen Kindern beibringt und einimpft, bleibt in ihren Köpfen, ob es sich um idealisierte Gewalt, um Feindbilder, Rassismus, um Frauenverachtung oder um den Glauben an die patriarchalen monotheistischen Götter handelt. Erwachsen geworden, vertreten sie ihre Ansichten oft fanatisch und geben sie an die nächste Generation weiter. Dass mit der Indoktrination ideologischen Gedankengutes schon früh begonnen werden muss, um den Nachwuchs auf den ›rechten Weg‹ zu trimmen, wissen Diktatoren; sie dulden keinen Zweifel, keine Kritik und keinen Widerspruch.

›Die Welt brennt, und Gott glänzt einmal mehr durch Abwesenheit‹ (Hugo Stamm)

Während weltweit täglich Milliarden von Menschen zu Gott, vor allem um Frieden, um Erlösung von dieser patriarchalen Geissel beten, hilft er nicht! Dieser Gott lässt sich nicht erweichen, denn dieser Gott ist ein Konstrukt, eine Idee, eine Ideologie, eine Utopie, eine Fiktion, ein Phantom, eine Phantasie, ein Wunschtraum und ein Mythos, aber auch eine bösartige Märchenfigur! ›Kinder brauchen Märchen‹, schreibt Bruno Bettelheim; Erwachsene auch!

›Der Irrtum fing damit an, dass man sich Gott als Mann vorstellte.
Das macht das Leben so widersinnig und den Tod so unnatürlich.‹
(Eugene O‘Neill)

 

 

 

So geht es weiter im Buch:

  • Die frühesten patriarchalen Mythen Vorderasiens:
  • Etana, der 1. König der Eroberer rechtfertigt seine Herrschaft
  • Patriarchale Mythen gegen matriarchalen Kult
  • Der dogmatische Mythos vom ›göttlichen‹ Königtum
  • Die profanen Mythen von Göttern als Abbild des irdischen Alleinherrschers
  • Der Mythos von der unbekannten Herkunft der Götter
  • Die absurden Mythen von schwangeren Göttern
  • Die abstoßenden Mythen männlichen Gebärens
  • Der raffinierte Mythos von der Schöpfung durch das Wort
  • Der taktisch clevere Mythos vom ›ewigen Leben im Jenseits‹
  • Die Mythographen: Indoeuropäische Priesterkasten
  • Der Mythos von der Weisheit der dynastischen Religion: Ein Durcheinander ohnegleichen
  • Die vorderasiatischen Mythen als Grundlage von Judentum, Christentum und Islam
  • Der Mythos von der Bedeutungslosigkeit der Frau in der Bibel:
    Sara, Königin, Stammesmutter und Gattin Abrahams
  • Die patriarchalen Mythen im Christentum
  • Der anmaßende Mythos von der Gottebenbildlichkeit des Mannes und der männlichen Überlegenheit
  • Der ungeheuerliche Mythos vom Krieg als ›göttlichem Auftrag‹
  • Kein Mythos, sondern erschreckende Wirklichkeit: Die Bilanz des Patriarchats ist eine Bilanz des Grauens

Was uns bleibt : Die Hoffnung auf Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit

 


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