Die männliche Beschneidung und das Blut der Frauen

Überlegungen zur Bedeutung der rituellen Beschneidung von Jungen von Gudrun Nositschka

Das Urteil des Landgerichts Köln zur Beschneidung als Körperverletzung unmündiger Jungen ist voll vom Grundgesetz und des darauf fußenden Rechts gedeckt. Da wurde nichts beschnitten, sondern Rechte gegeneinander abgewogen.

Dass sich dennoch bei Rabbinern, Imamen und Bischöfen und dadurch auch bei Bundestagsabgeordneten so starker Widerstand regt, legt die Vermutung nah, dass an ein Tabu gerührt worden ist. In meinen Augen geht es bei den drei abrahamitischen Religionen tatsächlich um das Fundament ihres Glaubens: Um das Primat des Männlichen und implizite um die Herabsetzung der Bedeutung des Weiblichen für das Leben. Das führte soweit, dass Frauen wegen ihrer Fähigkeit zu menstruieren und im Blut Leben zu gebären für ontologisch (vom Sein her) unrein erklärt worden waren und sich deshalb immer wieder rituellen Reinigungsriten unterziehen mussten und müssen. Während dieses weibliche Blut gemieden werden muss, wurde und wird dagegen das männliche Blut (Mann oder Tier) ihrem Gott zum Opfer gebracht. Ein jüdischer Junge wird deshalb erst am 8. Tag beschnitten, weil er vorher – wie seine Mutter – sieben Tage als unrein gilt, da sie ihn aus ihrem Blut geboren hat. Dieser Makel für einen angehenden Mann, der kultfähig werden soll, kann lt. AT erst am 8. Tag durch die Beschneidung behoben werden (1. Mose 17, 9 – 14; 1. Mose 21, 2 – 4; 3. Mose 12, 2 – 3 und 4 – 8). Dann fließt sein Blut als Opfer für Gott und den Bund, den Gott mit Abraham lt. AT geschlossen haben soll, während später seine Mutter ein Sühneopfer bringen muss. Sühne wofür? Einem Knaben das Leben geschenkt zu haben?

Im Christentum wurde nach Paulus eine Beschneidung als Zeichen des Bundes mit Gott nicht mehr für notwenig erachtet, da ja Jesus sein männliches Blut zur Vergebung der Sünden aller vergossen hatte. Je nach Auslegung wiederholen christliche Männer und Frauen diesen Akt immer wieder beim Abendmahl und in der Kommunion. Wie im AT gelten Frauen zumindest in der kath. Kirche immer noch als ontologisch unrein – der verschwiegene Grund, weshalb sie nicht am Altar dienen dürfen –  und mussten sich bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1965) nach Beendigung ihres Wochenflusses bei Geburt eines Kindes einer „Aussegnung“ unterziehen, wie in einem Exorzismus. Analog zur Beschneidung der Jungen im Judentum wurden Kinder christl. Eltern früher bereits oft am 8. Tag getauft, womit die anfängliche Erwachsenentaufe abgelöst wurde. Die Kirchenlehrer sahen die frühe Taufe als sehr wichtig an, um diese Kinder vom sog. unreinen mütterlichen Blut zu befreien und sie in die Sphäre Gottes zu führen, falls sie frühzeitig stürben. Ohne Taufe wäre ihnen das Himmelreich verschlossen.

Im Islam, der im Koran keine Beschneidung vorschreibt, müssen lt. Tradition (weil Mohammed beschnitten war) Mütter ihre Söhne im Alter von 7 – 9 Jahren zum Eintritt in die männliche Welt übergeben und werden so zu Komplizinnen des durchaus schmerzvollen Eingriffs, auch wenn dieser durch ein großes Fest übertüncht wird. Das Primat des Männlichen (symbolisiert durch den Penis) wird oftmals dadurch betont, dass dem Knaben vom Vater oder einem anderen Mann Geld in die Hand gedrückt wird, das er einer Bauchtänzerin zwischen den Busen stecken soll.

Warum will nun unsere Bundesregierung, unterstützt von SPD und Grünen, das Primat des Männlichen in diesen drei Religionen durch ein Sondergesetz, das in einigen Belangen im Gegensatz zum Grundgesetz stehen müsste, bestätigen?

Gudrun Nositschka, http://www.gerda-weiler-stiftung.de/

Am Minderbruch 6, 53894 Mechernich, Tel.: 02256/7286

Juli/August 2012


Print page