Die Mär von den ›Großen Jägern‹ der Steinzeit

Aus dem Inhalt:

  • Es war einmal…
  • Die Erfindung der Helden der Steinzeit
  • Vom Menschenaffen zum Steinzeitjäger
  • Die Sprache – eine Kulturleistung von Jägern?
  • Jagd- und Krieg kommen mit den indoeuropäischen Eroberern in die Welt
  • Die Jagd auf die Kulttiere der Göttin
  • Die Verharmlosung und Vergöttlichung der Jägerei
  • Die vernunftwidrige Überbewertung der Jagd
  • Die ›Großen Jäger‹ der Altsteinzeit sind ein Mythos
  • Die Mär unterstützt die Allmachtsphantasien des patriarchalen weißen Mannes

 

Es war einmal…

Vor langer Zeit erfand ein Mann das Märchen von den ›Großen Jägern‹ der Steinzeit. Er hatte genug davon, dass die Entdeckungen, die unsere früheste Vergangenheit betrafen, fast ausschließlich Nachweise weiblicher Wichtigkeit ans Licht brachten. Es ärgerte und frustrierte ihn, dass weibliche Darstellungen und Symbole dominierten. Die tausenden in Stein gemeisselten Vulven empörten den anständigen Mann und seine Frau ebenso und die auf Felswände gravierten, lasziv hingegossenen nackten Weiber von La Magdeleine, verletzten seine tugendhafte Sittsamkeit; nicht zu reden von den unzähligen auf der ganzen Welt gemachten Funde von fast ausschließlich weiblichen Statuetten, bei denen es sich ja höchstens um Püppchen oder pornographische Sexartikel für einsame Männer handeln konnte. Was ihn  am meisten aufbrachte und in den tiefsten Abgründen seiner frommen Seele verletzte, war, dass man sogar von der Dominanz einer Großen Göttin sprach; obwohl er doch wusste, dass Gott ›schon-immer‹ ein Mann gewesen sein musste. Mann stelle sich das vor: eine Göttin – eine Frau! Undenkbar! Mit dieser unerhört tendenziösen These, welche der Frau eine derartige Bedeutung gab, konnte und wollte er sich nicht anfreunden, sie war für ihn einfach nur empörend, ja ketzerisch. Die Frau, die ja bekanntlich aus seiner Rippe gemacht worden war, verdankte ihm ihre Existenz und diese Frau…, also nein, das konnte nicht sein! Sie soll ›göttlich‹, ja ihre Urahnin gar als Göttin verehrt worden sein? Solche Ansichten, ja derart ernst gemeinte Überzeugungen schmerzten den Mann und sein aufgeplustertes Selbstbewusstsein sank auf einen Tiefpunkt. Abscheulich, die Verderbtheit der Welt, bevor Männer endlich Schluss machten mit der Pornographie der Altsteinzeit und die Weibsbilder auch aus der Religion eliminierten. Warum gab es aber nur so selten Hinweise auf die Wichtigkeit des heldenhaften männlichen Geschlechts? Wo blieb sie nur, die dem Mann geschuldete Reverenz? Des männlichen Gottes Ebenbild war in höchster Gefahr in tiefste Depression zu versinken. Er musste seinem Geschlecht, dem in der ganzen Steinzeit keine sichtbare Bedeutung zugekommen war, endlich Identität und Wichtigkeit verschaffen. So erfand er als Kompensation für das angeknackste Überlegenheitsgefühl gegenüber der Frau den Mythos vom Großen Mann, den Großen Jäger, den Helden der Steinzeit und wahrscheinlich den grössten Bluff aller Zeiten. Er sah ihn vor sich, diesen Kämpfer und Sieger, wie er unerschrocken Jagd machte auf Mammuts, Säbelzahntiger, Nashörner, Nilpferde, Wildpferde und Löwen, und diese seiner hungernden Sippe als Nahrung auf den Grill warf. Kurz der Mann erfand die Mär vom tollkühnen, furchtlosen, steinzeitlichen Jäger, der seit zwei Millionen Jahren als Ernährer und Beschützer das Überleben des Clans gesichert hatte. Nur dank ihm und seinem jägerischen Mut und Können hatte die Menschheit bis heute nicht aufgehört zu existieren. Und wenn der Erfinder dieses Märchens unterdessen auch gestorben sein mag, so lebt er doch fort, in all jenen Männern und Frauen, die sein Märchen als wahre Geschichte glauben und weiterverbreiten, indem sie ständig die Mär von den steinzeitlichen ›Jägern und Sammlern‹ wiederholen…

Der Paläolinguist Richard Fester machte sich über die ›Jagdmagie‹ der Wissenschaftler lustig und nannte sie »einen faulen Zauber«. Wahrscheinlich ist die Erfindung der Jägerei einer der ganz großen Schwindeleien und Hochstapeleien des Patriarchats. Jagdphantasien und die Überzeugung vom heldenhaften Jäger vernebeln den Blick für die Wirklichkeit.

Die Erfindung der Helden der Steinzeit

›Die Theorien zur Humanevolution haben so manchen Mythos kreiert. Aber die mit dem Phänomen des Jagens beschäftigten, sind die versponnensten und auch gefährlichsten.‹ (Richard E. Leakey)

Patriarchale Wissenschaftler manipulieren seit jeher die Geschichte unserer Vergangenheit und nehmen sich u.a. auch was die Ernährung unserer Vorfahren betrifft das Recht auf Unfehlbarkeit ihrer Interpretation. Selbst schüchterne Einwände, Frauen hätten möglicherweise auch ihren Anteil an der Nahrungsbeschaffung gehabt, werden ignoriert oder als unwichtig abgetan, mit der Begründung, die Menschen lebten von der Jagd – basta – und von der Wichtigkeit des Jagens verstehen Frauen nun wirklich nichts.

Ohne einen einzigen Beweis, beschwören Wissenschaftler, als wären sie dabei gewesen, eine Geschichte von den großen Jägern der Steinzeit. Unter ihnen sticht der Ausgräber von Göbekli Tepe, Klaus Schmidt, besonders hervor. Er glaubt, die letzten zwei Millionen Jahre seien die »Zeit der eiszeitlichen, jägerischen Kulturen« gewesen; – doch dies ist lediglich sein phantasiertes patriarchales Credo. 

Andere Forscher nehmen an, und dies ist auch nur eine Vermutung, dass Eiszeitjäger am Ende der letzten Kaltzeit vor etwa 11.000 – 15.000 Jahren Menschen »bis an die Grenzen der Gletscher vordrangen, wo sie sich nicht, wie im warmen Süden, von den Früchten der Erde leben konnten. In den kalten Grenzregionen fingen sie die zahlreichen Rentiere ein und wurden zu Besitzern von Rentierherden und damit zu nomadisierenden Naturvölkern. Obwohl sie vor allem von ihren Herdentieren lebten, jagten und fischten sie auch. Jedoch sind diese Männer, die frühestens vor 10 – 15 Jahren in diese Gegenden gelangten keine ›urzeitlichen‹ Jäger; wir wissen nicht einmal, warum sie jagten, wie viel sie zur Ernährung beitrugen und ob sie von Anfang an oder erst später zu Jagen begannen.« (Wikipedia)

Vom Menschenaffen zum Steinzeitjäger

Dass Frauen einst die Welt dominierten, leiteten, regierten, Kultur, Wohlstand und Frieden schufen, darf im Patriarchat nicht einmal angedacht, geschweige denn auf den Wahrheitsgehalt dieser Aussage untersucht werden. Man(n) fürchtet die Richtigkeit dieser These. Darum wurde der Mythos von den urzeitlichen Jägern geschaffen; um die Vergangenheit als von Männern dominiert darstellen zu können.

Die Paläoanthropologie oder ›die Geschichte vom menschlichen Werden‹ ist ein weites und weitgehend geheimnisvolles Feld. Unsere unübersichtliche Verwandtschaft‹ titelte das ›Spektrum‹ den Artikel von Bernard Wood: »Der menschliche Stammbaum ist entgegen früheren Vorstellungen durchgehend stark verzweigt. Wahrscheinlich lebten in den meisten Phasen der Menschwerdung deutlich mehr Arten von Homininen gleichzeitig als gedacht – und haben manchmal sogar gemeinsam Nachwuchs produziert.« (12.12.2014)
Es begann mit dem Australopithecus, der vor 2 – 4 Millionen Jahren in Afrika lebte. Er wird der Gattung Homo zugeordnet, zu dem auch die modernen Menschen gehören. Er soll sich von Früchten und pflanzlicher Rohkost ernährt haben. Danach kam der Homo Habilis, der Steinwerkzeuge benutzte und plötzlich zum Fleischesser mutiert sein soll. So genau weiss man das jedoch nicht, es ist lediglich eine Vermutung; doch je länger man eine solche wiederholt, desto sicherer wird sie zur ›Wahrheit‹.
»Aufgrund von Fossilien- und Werkzeugfunden gilt es als erwiesen, dass einige Vertreter des Homo erectus Afrika erstmals vor rund 2 Millionen Jahren Richtung Levante, Schwarzmeerraum und Georgien sowie möglicherweise über Nordwestafrika Richtung Südspanien verließen. (Friedemann Schrenk, Stephanie Müller: ›Die Neandertaler‹, 2005, S. 42) Vor rund 600.000 Jahren kam es wohl zu einer zweiten Ausbreitungswelle (Carl Zimmer ›Woher kommen wir? Die Ursprünge des Menschen‹ 2006, S. 90). Danach entwickelte sich Homo erectus in Europa zum Neandertaler, während in Afrika vor ca. 200.000 Jahren aus Homo erectus der frühe oder archaische anatomisch moderne Mensch und aus diesem der anatomisch moderne Mensch hervorging.« (Wikipedia: ›Geschichte Ägyptens‹)

Fleischesser in der Steinzeit? Eine bis heute unbewiesene Hypothese

Es wird behauptet, als wäre Mann dabei gewesen: »Vor ungefähr 1,5 Millionen Jahren begannen die Menschen dann mehr und mehr Fleisch zu verzehren. Seit etwa 700.000 Jahren gehen sie planmäßig auf die Jagd, und seit rund 100.000 Jahren ist Homo Sapiens ein perfekter Waidmann. Wahrscheinlich bestand dessen Nahrung überwiegend aus Fleisch – hinzu kamen Wildgemüse und Obst.« (Wikipedia ›Steinzeiternährung‹) Woher der Autor das weiß, auf welchen Fakten seine Thesen beruhen, verrät er uns leider nicht. (s. ›Frauen waren die Ernährerinnen und Erhalterinnen der mütterlichen Clans‹)

Die Sprache – eine Kulturleistung von Jägern?

Um mit seinen Jagderfolgen auch gebührend angeben zu können, wurde der Jäger am Lagerfeuer sogar zum Erfinder der Sprache. Das löste die bisherige Kommunikation durch Mimik, Gestik, Quaklauten und auf die Brust trommeln ab. In einem Kulturzeit-Gespräch mit Hermann Parzinger (3sat vom 16.02.2015) antwortet er auf die Frage nach dem Ursprung der Sprache: »Das Aufkommen von Sprache muss in der Tat mit der Weitergabe von Erfahrungen, mit der Organisation einer Gruppe, einer Gemeinschaft, die auf Treibjagden geht, die natürlich und das sieht man sehr früh schon, auf den Lagerplätzen, wo bestimmte Aktionsbereiche abgegrenzt sind. Es gibt die Verteilung, die (?) von Fundgegenständen wieder. In einem Gebiet hat man die Nahrungsmittel weiter verarbeitet, auf dem anderen Bereich hat man Steingeräte erzeugt und ähnliches mehr. Also erste Ansätze zu einer Arbeitsteilung, all das beginnt schon sehr früh. Noch ein Punkt ist wichtig, eine der ganz, ganz frühen Innovationen des Menschen war die Beherrschung des Feuers und die Feuerstelle war natürlich auch ein sozialer Ort. Ein sozialer Ort, wo man sich getroffen hat. Wir haben später dann bei den frühen Homo sapiens auch Musikinstrumente in der Nähe der Feuerstellen, einfache Flöten, die man dort entdeckt hat. Und Musik, Sprache: wenn Sprache irgendwo entstanden ist, dann ganz, ganz sicher an diesen Feuerstellen, die soziale Mittelpunkte waren, ganz gewiss.« (O-Ton Parzinger)
Es ist jedoch anzunehmen, dass die um die Feuerstelle versammelten Jäger bereits sprechen gelernt hatten und sich an den Feuerstellen ihres Jägerlateins erfreuten. Sehr aufschlussreich könnten für Herrn Parzinger die Beiträge des Paläolinguisten Richard Fester sein: ›Sprache der Eiszeit‹ 1962/1980; oder ›Das Protokoll der Sprache‹ in: Richard Fester /Marie E.P. König /Doris F. und David /A. Jonas  ›Weib und Macht‹ 1979 und ›Das erste Wort – Wie die Menschen sprechen lernten‹ 1979.

Die biblische Aussage, ›im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort‹; ist eine späte Erfindung der Bibelschreiber im letzten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung. Die Sprache ist eine Kulturleistung der Mütter, die sich aus dem innigen Kontakt der Mutter mit dem Kind und der Babysprache, dem ersten Lallen, der BA-Silbe und aus dem Saugreflex entwickelte. »Moderne Linguisten wie etwa Richard Fester haben herausgefunden, das alle Sprachen in quantitativer Hinsicht eine deutliches Übergewicht weiblich mütterlicher Termini zeigen, während Wörter wie Begriffe, die der männlichen Sphäre zuzurechnen sind, seltener und später auftreten.« (Doris Jonas ›Der überschätzte Mann – Die Mär von der männlichen Überlegenheit‹ 1981, S. 49). Nicht umsonst heißt die in der frühen Kindheit erlernte Sprache ›Mutter-Sprache‹.
Die Sozialanthropologin Doris Jonas berichtete von der »Konferenz der Academy of Science in New York im September 1975. Dort seien fünfzig Berichte vorgelegt worden, die sich mit dem Ursprung der Sprache beschäftigen, wobei der wissenschaftliche Tenor dominierte, dass die Sprache bei der Jagd unentbehrlich gewesen und daher auch der Jagd wegen konstruiert worden sei. Die Notwendigkeit zur Zusammenarbeit bei der Jagd habe die Sprache als Kommunikationsmittel erfordert. Dabei, meinte Doris Jonas, habe niemand daran gedacht, dass die Tiere sicher fortgelaufen wären, bevor die Jäger sie erlegt hatten, wenn das Jagdrevier nicht von absolutem Schweigen erfüllt gewesen wäre (Doris und David Jonas ›Das erste Wort – Wie die Menschen sprechen lernten‹ 1982, S. 46)
»Die Frage nach dem Ursprung der Sprache hat den Geist vieler Denker seit mehr als zweitausend Jahren, seit dem klassischen Griechenland beschäftigt. In der jüngeren Vergangenheit hat sich in zunehmenden Masse herausgestellt, dass Mädchen eine größere Begabung für Sprache haben als Knaben. Im Durchschnitt lernen sie früher zu sprechen. Durch ihre ganze Kindheit verfügen sie über eine deutlich grössere Sprachfertigkeit. Sie leiden erheblich weniger unter Sprachschwierigkeiten und an Rechtschreibschwäche. Und doch haben wissenschaftliche Spekulationen über all die Jahrtausende sich darauf konzentriert, männlich bedingte Ursachen für eine evolutionäre Sprachfähigkeit zu finden.« (Doris F. Jonas ibd. 1981, S. 64) Männer behaupten, dass schon seit jeher »die Herren der Schöpfung im ausschließlichen Besitz von Intelligenz und Sprache seien und dass Frauen ihr Wissen von den Männern bezogen hätten«. (Jonas ibd. 1979, S. 27)

Wie wir wissen, lesen Männer im Allgemeinen wenig und darüber hinaus ignorieren sich selbst überschätzende Männer nur allzu oft die Kulturbeiträge der Frauen und lesen auch keine Bücher von Frauen. Sie könnten nicht selten davon profitieren und weniger blamablen Unsinn erzählen.

Es gibt wenig gesicherte Daten, doch seit das Märchen erfunden wurde, geistert der Mythos von der Zeit der ›Großen Jäger‹, bzw. der ›Jäger und Sammler‹ durch die gesamte wissenschaftliche Urgeschichtsschreibung und die Mär wird ständig weiterentwickelt; denn allzu schön ist die Geschichte des ›Großen Jäger der Steinzeit‹. Zum Fleischesser geworden, habe sich das Gehirn des Mannes vergrössert, was jedoch auch nur eine Vermutung ist. Fleischesser (Männer) so wird behauptet, seien weitaus intelligenter als andere Leute, schließlich seien z.B. die meisten Politiker und Kirchenfürsten Fleischesser, was allerdings kein überzeugendes Argument ist.

Die Idee von den ›Steinzeitjägern‹ der Urzeit war ein Einfall von Charles Darwin (1809 – 1882), der jedoch nicht bewiesen werden kann, was aber keinen Wissenschaftler, selbst wenn er sich nicht im Entferntesten mit der Steinzeit befasst hat, davon abhält, die unhaltbare Mutmaßung zu wiederholen; das Wissen von der Mär von den ›Jägern und Sammlern‹ zeugt von seiner weitreichenden ›Bildung‹ und gehört dazu wie das Amen in der Kirche. Darwin selbst war ein begeisterter Jäger und stammte aus einem reichen Haus. In der wohlhabenden Oberschicht war Jagen eine Selbstverständlichkeit, woraus ihre Angehörigen  schlossen, dass Jagen ›schon-immer‹ des Mannes liebste Beschäftigung gewesen sein musste.
Darwins zahlreiche Veröffentlichungen beeinflussten u.a. den Ethnologen Leo Frobenius (1873-1938). Seine ›Kulturgeschichte Afrikas‹ (1933) basiert auf solchen Annahmen. Er berichtet von einer Antilopenjagd der Buschmänner: »Bevor sie wagten, das begehrte Wild zu verfolgen, malten sie eine Antilope in den Sand und schossen einen Pfeil auf die Stelle ihres Herzens. Nun waren die Jäger überzeugt, das Tier magisch gebannt zu haben – und sie hatten Glück. Sie trafen ihr Opfer mitten ins Herz. Leo Frobenius sah in dieser ›Opfer-Orakel- und Bannungsmagie‹ den Ausdruck des ›Ich- und Machtwillens des Menschen‹ [des Mannes!], der sich ein Opfer unterwirft«. (Frobenius 1933, S. 188, zit. von Gerda Weiler ›Der aufrechte Gang der Menschenfrau Eine feministische Anthropologie II‹ 1994, S. 27). »Er war derart beeindruckt von der Jagdmagie der Buschmänner, dass er glaubte, einem fundamentalen, in allen Zeiten gültigen Verhaltensmuster mann-menschlichen Machtstrebens über die Natur auf der Spur zu sein. Er war überzeugt, den Schlüssel für die Deutung der Höhlenmalerei Franco-Kantabriens gefunden zu haben. Denn auch den Mammuts, den Bisons, den Pferden und Stieren seien Pfeile zugeordnet, die über jene Tiere den Jagdbann verhängten.« (Weiler ibd.) Die Überzeugung vom Machtwillen des Mannes, auch über die Frau, eine noch heute von vielen Wissenschaftlern übernommene Meinung, war damals jedoch nicht unwidersprochen, so dass Frobenius versuchte, ›Jagdmagie in kosmische Magie zu transzendieren‹. »Niemals« – so vermittelte Gerda Weiler der junge französische Führer durch die Höhle von Niaux, »niemals habe der Mann etwas anderes im Sinn gehabt als die Unterwerfung der Tiere, der Natur und sogar des gestirnten Himmels. Der Gedanke fasziniert ihn. Er glaubt noch immer an die Jagdmagie-Theorie. Er redet angesichts der Wandgemälde nur von Jägern und magischen Künstlern und vermittelt eine inzwischen überholte Weltsicht an die BesucherInnen.« (Weiler ibd. S. 28)
Der Prähistoriker Hermann Müller-Karpe schreibt über die Tierbilder des Jungpaläolithikums: »Hier von einem Beweis für eine Bildmagie zu sprechen ist ganz und gar unbegründet.« Er betont, die Theorie, diese Bilder seien Zeugnisse jagdmagischer Vorstellungen und Praktiken, sie stellten Tiere dar, die man in Zukunft zu erleben hoffte, sei »mit der Darstellungsart dieser Bilder schlechthin unvereinbar« (Müller-Karpe ›Geschichte der Steinzeit‹ 1976, S. 266).
»Nur die Jäger selbst«, prahlt der deutsche Anthropologe Hans Weinert über die Höhle von Montespan in Frankreich, nur »mutige Männer, konnten bis in diesen inneren Teil der großen Höhle vordringen. Man erlebt mit, wie entweder der Priester [!] oder die Jäger Pfeil und Speer auf den Bären schleudern. In der sicheren Überzeugung, dass somit der Höhlenbär ihnen verfallen war, konnten die Männer nach dieser Weihestunde zur Jagd ausziehen.« (Hans Weinert ›Der geistige Aufstieg der Menschheit vom Ursprung bis zur Gegenwart‹ 1940, S. 177, zit. von Weiler ibd. 1994, S. 29) Ein anderer Wissenschaftler (bei Scobel im ZDF) glaubt, ›der Mensch‹ hätte Angst vor wilden Tieren gehabt und sei deshalb zum Jäger geworden!‹ Jedoch, Menschen, die in der Nähe von wilden Tieren leben, lernen schon von Kindesbeinen an, respektvoll und vorsichtig aber ohne Angst mit gefährlichen Tieren zu leben, ob es Elefanten, Löwen, Bären, Wölfe oder Schlangen sind, immer lernen sie ihr Verhalten nach den gefährlichen Tieren zu richten. So könnte ›Angst vor wilden Tieren‹ auch anders interpretiert werden. Die Menschen beobachteten die Jagd wilder Tiere und wie sich ganze Meuten hungriger Tiere jeder Art auf das erlegte Wild stürzten. Vor einem Rudel Hyänen macht sich sogar ein Löwe aus dem Staub. Es war also nicht nur gefährlich, selbst die Jagdbeute eines Tieres zu werden, sondern noch viel gefährlicher, sich im Umkreis eines erbeuteten Tieres aufzuhalten. Ein gejagtes Tier zieht Raubtiere an und macht den Menschen selbst zum Freiwild. Die Vorstellung, Männer hätten – gemütlich um ein Lagerfeuer geschart – die Tiere geschlachtet und verzehrt, ist völlig abwegig. Ein berühmter Koch meint sogar, die menschliche Gemeinschaft (aber damit meint der Autor ja wohl die männlich-menschliche Gemeinschaft!) habe mit dem Braten von Fleisch am Lagerfeuer begonnen. Er habe also nicht nur das Jagen sondern auch das Feuer, das Kochen und Grillieren erfunden.

Jagd- und Krieg kommen mit den indoeuropäischen Eroberern in die Welt

Ein auffallender Zusammenhang von Jagd und Krieg

Der Beginn der Jagd und der Kriege fallen mit den Eroberungen der Indo-Europäer im 4. Jahrtausend zusammen. Der erste Krieg wurde um 3500 in Hamoukar, im Norden Mesopotamiens geführt und endete mit der vollständigen Vernichtung dieser prosperierenden, friedlichen Stadt und weiteren Siedlungen in der Umgebung. (s. ›Der erste Krieg in der Geschichte der Menschheit

»Historisch betrachtet ist die Jagd eine Übung für den Krieg. Die Männer führen gerne Krieg. Sie bringen sich gerne gegenseitig um; wenn der Krieg vorbei ist, töten sie Tiere…

Sie lieben es, sie zu kochen und zu essen, das ist ein Moment, in dem sie im Grunde ohne Frauen sind. Daher gibt es in den Jagdverbänden auch nur sehr wenige Frauen«, meint die französische Historikerin, Jagdexpertin und Buchautorin Andrée Corvol (Corvol, ›Histoire de la chasse – L’homme et la Bête‹, La première histoire complète de la chasse à la fois comme sport, mode de vie, tradition, enjeu économique et écologique, 2010)

Einen Zusammenhang zwischen Jagd und Krieg stellte auch Wolfgang Helck fest: »Für die Völker des Alten Orients bis nach Ägypten«, schreibt er, bestand »immer eine innere Verwandtschaft zwischen Jagd und Krieg… Wie sehr Jagd und Kampf in der Symbolik ineinander übergehen, zeigt sich besonders auffällig in den Darstellungen vom fahrenden Wagen aus: wie unter den vorwärtsstürmenden Pferden der gefallene Feind liegen kann, so auch das getroffene Tier.« (Helck ›Jagd und Wild im Alten Vorderasien‹ 1968, S.12 f.) Auch hier sehen wir die Ungereimtheit. Wenn Helck einen Zusammenhang von Jagd und Krieg sieht, gilt das nicht für ›die Völker‹ sondern für die elitäre Schicht, die Jagd und Krieg initiiert.

Die Jagd auf die Kulttiere der Göttin

›Von der göttlichen Löwin zum Wahrzeichen männlicher Macht‹ titelte Carola Meier-Seethaler ihr Buch zum ›Ursprung und Wandel großer Symbole‹. Sie schreibt, »dass die traditionellen Symbole patriarchaler Kulturen, wie sie in Religion und Kunst erscheinen, ausnahmslos aus dem Symbolschatz vorpatriarchaler Spiritualiät schöpften. Und dies gilt für die christlich geprägten Kulturen ebenso wie für alle übrigen patriarchalen Stammeskulturen.« (1993, S. 9)

Die Löwenjagd in Sumer war das Privileg und gehörte zum  Zeitvertreib der Oberschicht der indoeuropäischen Eroberer und ihrer Priesterkaste. (s. ›Das Abschlachten der Wildtiere: Jagdvergnügen der indoarischen Herrenmenschen‹)

image002»Der Kampf gegen wilde Tiere war eine der königlichen Aufgaben«, schreibt der Theologe Jörg Zink und bezeichnet damit etwas naiv, die brutale Jagd und Verfolgung der Tiere der Göttin. (›Tief ist der Brunnen der Vergangenheit 1988, S. 42)
Die neuen Herrscher der eroberten Länder waren die ersten und einzigen Männer, die jagten und dies, wie die Jagdstele aus Uruk zeigt, auch propagandistisch festhielten. Die Männer, Angehörige der indoeuropäischen Eroberer, sind bewaffnet, der eine mit Pfeil und Bogen, der andere mit einem Speer. (s. Der ›Bärtige‹ in ›Wer waren die Sumerer?‹)

Links: Die ›Löwenjagd-Stele‹ aus Uruk, zu Beginn des 3. Jahrtausends zeigt einen indoeuropäischen Sumerer bei der Löwenjagd.

Die ›königliche Aufgabe‹, die mörderische Jagd durch die ›großen Jäger‹ der frühen Eroberer, überliefern nicht nur ägyptische, sumerische, assyrische und iranische Darstellungen der Bronzezeit. In Ägypten führte die sadistische Verfolgung der tierischen ›Feinde‹ des Pharao bis zur Ausrottung. Seit  dem Mittleren Reich mussten aus dem Sudan und aus Libyen lau­fend Tiere eingeführt wer­den, um die ausgerotteten Arten zu er­set­zen. In römischer Zeit ging die Barbarei so weit, dass man Tier­het­zen veran­staltete, bei denen in einem schauerlichen Schauspiel Nilp­ferde gegen Krokodile zu kämp­fen hatten.

Bis in die Bibel, dem brutalen Geschichts- und Propagandabuch des indoeuropäischen Patriarchats, ertönt das stolze Echo. Noahs Sohn Kusch erzeugte Nimrod; ›er war der erste Ge­walt­herrscher auf Er­den. Er  war ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn‹ (1. Mo­se 10,8–9). Auch Isaaks Lieblingssohn Esau wird als mächtiger Jäger gerühmt. Wären Jäger ›seit jeher‹ Teil der Gesellschaft gewesen, würden sie von den Israeliten in der Bibel nicht einmal erwähnt, nicht gerühmt und zu Helden gemacht, sie hätten ganz einfach und selbstverständlich zu den Beschäftigungen des Alltags und er Nahrungsbeschaffung gehört.

Die Nilpferdjagd stammt aus der dynastischen Zeit Ägyptens

Speeren des Nilpferdes Edfu

Seth wird in seiner Erscheinungsform als Nilpferd harpuniert (griechisch-römische Zeit, im Tempel von Edfu, Wikipedia)

Das Nilpferd war eines der Kulttiere der Göttin I-Seth (Isis). Es wurde in der diskriminierten und vermännlichten Erscheinungsform des Seth von den patriarchalen Eroberern bereits ab der 1. Dynastie verfolgt und gejagt. Und so wird das Geschehen im Wikipedia dargestellt:
»Die Nilpferdjagd gehörte im Alten Ägypten zu den wichtigsten kultischen und gesellschaftlichen  Ereignissen. Diese spezielle Form der rituellen Jagd ist seit der Frühdynastik Ägyptens belegt und war von jeher dem König (dem Pharao) und seiner Elite vorbehalten. Von König Den (1. Dynastie) sind Darstellungen des Herrschers während des Harpunierens des Nilpferds auf Elfenbeintäfelchen und Steinvasen erhalten. Ab dem Alten Reich sind Reliefs mit der Darstellung einer Nilpferdjagd belegt. Das Nilpferd galt besonders in früher Zeit als Repräsentation des Chaos, der König triumphierte mit der Erlegung des Nilpferds symbolisch über das Böse.« (Wikipedia)

Patriarchale Männer brauchen Feindbilder. Die Kulttiere der Göttin werden von den Herrschern und ihrem Gefolge zu ›Feinden‹ erklärt: Nilpferd, Kro­kodil, das Wild der Wüste, Löwen und Panther, Gazellen und Anti­lopen, Esel, Schweine und sogar Fische, Vögel und Schild­krö­ten wurden gejagt und abgeschlachtet. Hermann Kees stellte fest: »Bei der Kultpropaganda gegen die Krokodile und Nilpferde, besonders die oberägyptischen, sehen wir die Herkunft des Angriffs deutlich. Sie wird getragen von den Falken-Kultorten; in den uns erhaltenen Quellen steht Edfu voran, aber die gleichen Begründungen haben sicherlich auch Kus im Gau von Koptos und andere Orte benutzt.« (Kees ›Der Götterglaube im Alten Ägypten‹ 1987, S. 133) Kees weist darauf hin, dass diese Propaganda in Verbindung mit dem Königtum bzw. mit dem ›Gottkönigtum‹ stand und deshalb besonders gefährlich war.

Ein Wandbild aus dem Grab des Ti in Sakkara, eines hohen Beamten der 5. Dynastie, zeigt den Grabinhaber, wie er ein paar Männer bei einer Nilpferdjagd beobachtet. Sie sind mit ca. vier Meter langen Holzspeeren bewaffnet, die von den Einheimischen üblicherweise zum Fische speeren verwendet wurden. Nilpferde sind die stärksten und gefährlichsten Tiere im Nil; die leichten Schilfboote hätten einem Kampf mit einem verwundeten Tier niemals standhalten können. Es dürfte sich hier  nicht um Realität, sondern wie bei der Darstellung von Edfu, um eine symbolische Jagd auf das verhasste Tier der Göttin und ihre VerehrerInnen handeln.

Wirklichkeitesfremde Nilpferdjagd im Grab des Ti in Sakkara

›Nilpferdjagd‹ im Grab des Ti in Sakkara, 5. Dynastie um 2350 (Wikimedia CC: Einsamer Schütze)

Bilder von einer Nilpferdjagd symbolisieren den rituellen Kampf der Invasoren gegen die Macht und Stärke der urgeschichtlichen Großen Göttin, der von der indigenen Bevölkerung verehrten Göttin I-Seth/Isis (Set = Frau, Dame). Bei diesem brutalen Kampf ging es um die bildhafte Verfolgung und Ermordung der Göttin, um die von den Invasoren mitgebrachten männlichen Götter durchzusetzen. Das Patriarchat erfand die ersten männlichen Götter und den Jenseitsglauben, um sich vom bisherigen Glauben an die Wiedergeburt und damit aus der vermaledeiten Abhängigkeit vom Körper einer Frau, unabhängig zu machen.

Die Verharmlosung und Vergöttlichung der Jägerei

Noch immer werden Jagd und Krieg »mit einem unbegründeten und unerwünschten Glanz umgeben, um dem männlichen psychologischen Bedürfnis nach Bestätigung und Absicherung seiner Wichtigkeit entgegenzukommen«. (Doris F. Jonas)

Der US-amerikanische Anthropologe und Paläoanthropologe Sherwood L. Washburn glaubt, der Mensch habe 99 Prozent seiner Geschichte als Jäger verbracht und wir verdankten unsere Biologie, unsere Psychologie und unsere Gewohnheiten den Jägern der Vorzeit. »Washburn setzt die ›Psychologie des Fleischfressers‹ mit einem Trieb zum Töten und der Lust am Töten gleich. Er schreibt: »Der Mensch [mit Mensch ist immer ›der Mann‹ gemeint] hat Freude daran, andere Tiere zu jagen. Wenn diese natürlichen Triebe nicht durch eine sorgfältige Erziehung [wahrscheinlich durch die Erziehung der Frau!] überdeckt werden, haben diese Menschen Freude am Jagen und Töten… In früheren Zeiten unterhielten König und Adel Parks, in denen sie dem Sport des Tötens zu ihrem Vergnügen nachgehen konnten, und heute [1968] gibt die Regierung der Vereinigten Staaten viele Millionen Dollar aus, um den Jägern Wild zur Verfügung zu stellen.« (zitiert von Erich Fromm, ›Anatomie der menschlichen Destruktivität‹ 1974, S. 116)

Die Unterstützung von Regierungen zur Förderung der Jagd, ist dann nicht mehr notwendig, wenn Kriege in aller Welt angezettelt werden, wo tötungsbegeisterte junge Männer ihren Tötungstrieb befriedigen können.

Washburn weist auch auf die Beliebtheit des Krieges hin: »Bis vor kurzem sah man den Krieg fast genauso an wie das Jagen. Andere Menschen waren einfach das gefährlichste Wild. Der Krieg war in der Menschheitsgeschichte [ab der Zeit des Patriarchats!] viel zu wichtig, als dass er für die daran beteiligen Männer nicht ein Vergnügen gewesen wäre. Erst in neuerer Zeit hat man durch die völlige Veränderung des Charakters und der Bedingungen des Krieges angefangen, gegen diese Institution zu protestieren und den Krieg als einen normalen Bestandteil der nationalen Politik und einen allgemein anerkannten Weg zum persönlichen sozialen Ruhm in Frage zu stellen.‹ [Zur Frage von patriachalem Ruhm und Ehre s. ›Wer war Menes ?‹)
Washburn stellte fest: ›Bis zu welchem Grade die biologischen Grundlagen des Tötens der menschlichen [männlichen!] Psychologie einverleibt sind, kann man daran ermessen, wie leicht man Jungen für das Fischen, das Kämpfen und für Kriegsspiele interessieren kann. Es ist nicht so, als ob diese Verhaltensweisen unvermeidlich wären, aber sie sind leicht zu erlernen, gewähren Befriedigung und werden in den meisten Kulturen sozial honoriert. Die Geschicklichkeit im Töten und die Lust daran werden normalerweise im Spiel entwickelt, und die Verhaltensmuster des Spiels bereiten die Kinder [die Jungen!] für ihre Rolle als Erwachsene vor.« (Fromm ibd.)  Fromm kommentiert: »Washburns Behauptung, viele Menschen hätten Freude am Töten und an der Grausamkeit, stimmt bis zu einem gewissen Grad, doch bedeutet es nichts weiter, als dass es sadistische Personen und sadistische Kulturen gibt; aber es gibt auch andere, die nicht sadistisch sind. So wird man zum Beispiel feststellen, dass Sadismus sehr viel häufiger bei frustrierten Menschen und in sozialen Klassen anzutreffen ist, die sich machtlos fühlen und wenig Freude am Leben haben, wie dies beispielsweise bei der untersten Klasse in Rom der Fall war, die für ihre materielle Armut und soziale Ohnmacht mit sadistischen Schauspielen entschädigt wurde, oder auch beim Kleinbürgertum in Deutschland, aus dessen Reihen sich Hitlers fanatische Gefolgsleute rekrutierten.« (Fromm ibd. S. 116 f.)

»Die ersten Könige treten auf, Diener der Götter und selbst mit göttlicher Würde ausgestattet«. (Jörg Zink)


Eine paradoxe Aussage für einen katholischen Pfarrer, der eigentlich wissen müsste, nicht ›die Götter‹ haben diese Männer mit ›göttlicher Würde‹ ausgestattet – das taten sie selbst! Die Macht über Leben und Tod ist es, die Jäger und Autoren von ihrer Göttlichkeit und Gottesebenbildlichkeit träumen lässt.
Es ist auffallend, wie oft und gern sich heutige Autoren religiöser, göttlicher, heiliger, überragender und pathetisch überhöhender Attribute für die Jägerei bedienen und die Macht zu töten mit einen Heiligenschein umgeben. Den falschen Glanz bekam die Jägerei erst durch die patriarchale Propaganda. Hätte es die Jagd ›schon-immer‹ gegeben und wäre sie schon im Altertum heilig gesprochen worden, hätte Mann garantiert einen Jägergott mit einem Jägerkult erfunden, wie er vom Priester Johannes Maringer phantasiert wird (s. weiter unten). . Die wunderbar bemalten franco-kantabrischen Höhlen wurden vom katholischen  Abbé Henri  Breuil irrtümlich als ›Kathedralen eines Jägerkultes‹ interpretiert; doch auch er täuschte sich, sie galten der Verehrung der Göttin. (s. ›Höhlen – die frühesten Heiligtümer der Religion der Göttin‹) Die römische Jagdgöttin Diana und die griechische Artemis sind späte Erfindungen, die gab es nicht in der Steinzeit, weil es damals auch noch keine Jagd gab. Die Jagd kam mit den indoeuropäsichen Eroberern in die Welt, und konnte erstmals in Ägypten und Mesopotamien nachgewiesen werden. In der Ägyptologie führte das Reinwaschen der tötungslustigen Herren­menschen bisweilen zu unglaublichen Auswüchsen. Emma Brunner-Traut beteuert, dass die Herren, die zum Vergnügen jagten, dies nicht oh­ne ›Verantwortungsbewusstsein‹ taten: »Mit der gewissen­sentlasten­den Er­klä­rung des zu jagenden oder zu opfernden Tieres zum Feind kommen die Ägypter der ethischen Forderung Albert Schweitzers entgegen, sich über die, wenn schon nötige Tötung von Tieren Re­chenschaft zu geben. Auch mag es das Schlachten und Ja­gen er­leich­tert haben, dass sich die Ägypter der Entzweiung der Natur (Hegel) bewusst waren, d. h., dass sich das Leben nur durch Töten er­hält«. (Brunner-Traut LÄ, VI, S. 558 f.)

Millionen von InderInnen haben die vegetarische Ernährung aus der matriarchalen Zeit erhalten. Hier sind sogar Kühe heilig und dürfen nicht getötet werden. Jagd und Töten von Tieren ist verpönt. So schreibt der Religionswissenschaftler Helmut Uhlig:

›Der Mann als Waffenträger, als Jäger und Schütze, der fremdes Blut vergießt und immer wieder tötet, wird damit vor der Leben schenkenden, Leben erhaltenden Mutter zu einem niederen Geschöpf, so, wie in einigen asiatischen Ländern – besonders im Bereich des Hinduismus und Buddhismus – Berufe, die mit dem Töten von Tieren zusammenhängen, als unrein und herabwürdigend gelten.‹ (Helmut Uhlig)

Gewalt und Töten hat sich tragischerweise in den patriarchalen Mono-Religionen als ›spirituelle‹ Dimension, als Instrument der Ausbeutung, der Unterdrückung und Kontrolle erhalten. »Der Theologe Georg Baudler sakralisiert die Gewalt, wenn er schreibt, ›die Jagd des Menschen auf das große, gewaltige Tier‹ spiegele das religiöse Erleben des Mannes. Ein Weltbild, das Gewalt sakralisiert, bietet keine Überlebensperspektive für die Spezies Mensch. Zudem spricht religionsgeschichtliche Entwicklung dagegen, dass ›männlicher Machtwille in der Urhorde dominiert‹ habe.« (Weiler ibd. 1994, S. 165 f.)

Die Geburt der Mär von den großen Jägern der Urzeit ist noch jung

Der australische Anatom und Paläoanthropologe Raymond Dart dürfte der eigentliche Erfinder der Mär von den frühen Jägern gewesen sein. Er wurde durch den Fund des fossilen Schädels eines jungen Vormenschen, des sogenannten ›Babys von Taung‹ bekannt, den ein Steinbrucharbeiter 1924 nahe der Ortschaft Taung im Nordwesten Südafrikas entdeckt hatte. (Wikipedia) Dart hoffte nachweisen zu können, dass es sich dabei um einen sich von Fleisch ernährenden menschenartigen Primaten handelte. »Er suchte daraufhin gezielt nach fossilen Knochenlagern, um den Beweis zu führen, dass der Mensch für diese Anhäufung von Knochen verantwortlich sei. In diesem Zusammenhang entdeckte er in der Nähe einer solchen Fossillagerstätte Schwärzungen, die er als Feuerspuren deutete und die sich erst sehr viel später als Manganfärbungen herausstellten. Die Vorstellung von Australopithecus als einem großen Jäger, der nach erfolgreichem Jagdzug das Wildbret am Feuer röstete war geboren… Obwohl es erhebliche Zweifel an Darts These gab… wurde seine Auffassung in den 60er Jahren allgemein populär.« (Ina Wunn ›Die Religionen in vorgeschichtlicher Zeit‹ 2005, S. 48 f.) Dart veröffentlichte 1953 in einem Fachartikel und 1959 in seinem Buch ›Adventures with the missing link‹ seine These vom frühen Jäger. »Der amerikanische Dramatiker Robert Ardrey popularisierte dieses Modell – die Jagd als Schlüssel zur Menschwerdung – wenig später, indem er in einem seiner erfolgreichen Bücher die Vorfahren des Homo sapiens als blutrünstige Wesen schilderte, die andere Hominiden töteten und verspeisten.« (Robert Ardrey: African Genesis. 1961; deutsch: ›Adam kam aus Afrika. Auf der Suche nach unseren Vorfahren‹ 1967)« (Wikipedia) Dem entgegnet Gerda Weiler empört über Ardreys populäre Fehleinschätzung: »Er projiziert Gewalt – die von der Psychologie des Patriarchats seit einigen Jahrtausenden zur unverzichtbar heiligen Kraft stilisiert wird, die die Männerherrschaft aufrechterhält – in die Urzeit, wenn er die Männergruppe als Lehrwerkstatt vorstellt, die Männergewalt züchtet. Neben der engen Welt der Frauenlager ›gab es die weite Welt des Jägers, den gefahrenumwitterten Busch, die beutereiche Wasserstelle, die endlose Savanne. Planung und Angriff, Auf-der-Hut-Sein und Entdeckung, lebenslange Kameradschaft, gewalttätiges Handeln und Gefahr von früh bis spät – das war das Leben der Jagdbande‹.« (Ardrey 1971, S. 362 f., zit. von Weiler ibd. 1994, S. 88). Eine romantisierte Spinnerei! »Nur ist Ardrey weit davon entfernt zu sehen, dass es die sozial unangepassten Männer sind, die außerhalb des Clans eine Junggesellenbande bilden und sexuell abstinent leben müssen, weil sie von den Frauen abgelehnt werden.« (Weiler ibd.)

Hirnlose Spekulationen

Im Internet ist der folgende unüberbietbare Unsinn zu lesen: ›In der Sierra da Guadarrama in Spanien wurden die Überreste von 80 großen Tieren entdeckt, die vor 300’000 Jahren dort erlegt wurden. Im französischen Solutré, unterhalb eines Felshanges, fanden Forscher die Gebeine von 100’000 Pferden, die vor 25’000 Jahren von den Cro-Magnon Menschen über den Abgrund in den Tod gehetzt wurden‹! (http://www.steinzeitung.ch/index.php/leben-in-der-steinzeit/steinzeitjaeger) In einem Dokumentarfilm auf arte (29.9.12) fabuliert der Evolutionsbiologe Daniel Lieberman, der Mann habe schon große Tiere gejagt und gegessen, lange bevor er Waffen zum Schutz und zur Jagd besaß, einfach indem er seine Beute zu Tode hetzte. (›Die Geheimnisse des perfekten Läufers‹, Dokumentarfilm auf arte (29.9.12). Jagdbegeisterte Männer schaffen immer neue Legenden!

Zahlreich sind völlig aus der Luft gegriffene Behauptungen, wie ›Spuren an den gefundenen Steinklingen weisen darauf hin, dass sie zur Jagd eingesetzt wurden.‹ Für diese Behauptung fehlt effektiv jede Spur, jeder Beweis! Journalisten, Waffennarren, Jagdphantasten und Maulhelden prahlen von ›Hightech-Steinzeitmessern, denn mit scharfen Waffen jagte es sich besser.‹ Oder: ›Das Prinzip der Waffenherstellung war raffiniert und sehr zielführend.‹ Das ist unwissenschaftlicher, unsorgfältiger Sensations-Journalismus. Unter dem Stichwort Acheuléen (1,5 Mio – 150.000, präzisiert als ›vor heute‹ ! also nicht in der Zukunft!) findet sich im Wikipedia, den mit großer Sicherheit vorgetragenen Satz: »Größeres Wild zum Beispiel Waldnashorn und Waldelefant, wurde bereits regelmäßig gejagt, wie man aus dem recht häufigen Fund von Knochen zusammen mit Werkzeugen des Acheuléen erkennen kann«. Kann man Jagd wirklich am häufigen Fund von Knochen erkennen? Auch Tiere sterben eines ganz natürlichen Todes und hinterlassen Knochen! Nach Tausenden von Jahren, findet man vor allem die Knochen großer Tiere und Stoßzähne, wie wir bei Mammut-Friedhöfen sehen, derweil die Knochen von Mäusen und anderem Kleingetier längst zu Staub zerfallen sind. Und will man uns wirklich glauben machen, Mann hätte diese Tiere nicht nur gejagt, weil sie gefährlich für die Menschen waren, sondern sie auch noch geschmort, gegrillt und gegessen?

Phantasierte Jäger bedingen phantasierte Waffen! Der Paläontologe Wolfgang Soergel ging zuerst – wie so viele seiner Kollegen – in seiner Arbeit ›Die Jagd der Vorzeit‹ »wie selbstverständlich davon aus, dass alle Artefakte der Altsteinzeit dem Mann zur Betätigung gedient haben. Daher studierte er sie unter dem Gesichtspunkt, ob sie als Waffen oder als Werkzeuge für die Herstellung von Waffen tauglich gewesen seien. Handelte es sich um Faustkeile zum Nahkampf oder um Speerspitzen, die auf hölzerne Stangen aufgebracht worden sind? Durch eigene Versuche stellte er jedoch fest, dass Speere mit derartigen Spitzen viel zu schwer gewesen wären und die Wurfweite stark beschränkt hätten. Zudem gelang es nicht, mit einem Silex-Speer auch nur die Weichteile eines frisch getöteten Kalbes zu durchstoßen. Dagegen war die Schnittwirkung der Werkzeuge beim Abhäuten und Zerlegen von Tieren eine ganz erstaunliche. Selbst strafferes Unterhautgewebe, starke Sehnenbänder an den Gelenken und der Muskulatur ließen sich mühelos in kurzer Zeit durchtrennen. Soergel musste zugeben, dass ›dieser experimentelle Befund der Auffassung altpaläolithischer Artefakte als Speerspitzen sehr ungünstig ausfiel… Mit keinem Artefakte der altpaläolithischen Kulturen kann ein Wurfspeer, der auf größere Entfernung noch entscheidende Wunden beibringen soll, hinreichend bewehrt werden.‹ Daher weicht der Wissenschaftler auf die Deutung aus, die Verwendung dieser Artefakte zu ›geschäfteten Messern, Dolchen, überhaupt zu kurzen Stoßwaffen‹ sei am wahrscheinlichsten.« (Weiler ibd. 1994, S. 79)

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Die mächtigen Zähne einer Hyäne hinterließen dieses Spurenrelief an einem Elefantenknochen  Ralf-Dietrich Kahlke (nano)

Tiere und Menschen werden auch von Tieren gejagt, getötet, gefressen und ihre Knochen abgenagt. Deshalb müssen Verletzungen an Tierskeletten nicht unbedingt von Jägern stammen, sondern können die Folge von Bissen, Schlägen oder Kratzern mit der Pranke von Raubkatzen wie Säbelzahntigern, Löwen, Leoparden, Hyänen oder Spuren von Geiern sein, die nicht nur Aas, sondern auch ausgesetzte menschliche Leichen entfleischten, was dann zur absurden These von Kannibalismus und Menschenopfern verführte.
Einige Forscher behaupten, dass geöffnete Röhrenknochen beweisen, dass die Menschen das Mark aus den Tierknochen herausgesaugt hätten. Beweise für diese Spekulation gibt es nicht. Nach dem Entfleischen der Knochen mittels scharfer Silex-Klingen wurden die wertvollen Röhrenknochen nicht nur zu Werkzeugen, z.B. Stichelspitzen zum Lochen des Leders, sondern auch zu Nähnadeln und sogar zu Flöten verarbeitet.
Knochen mit Schnittspuren lassen zwar Vermutungen und Interpretationen zu, Beweise, dass diese Knochen von gejagten Tieren stammen, die geschlachtet, gekocht und gegessen wurden, sind Schnittspuren nicht. Beim Abziehen des Fells mit Silex-Klingen wurden immer Schnittspuren an den Knochen verursacht. Die Felle waren kostbar; sie dienten als wichtigstes Material für Kleider, Decken, Schuhe, Zeltdächer usw.
Übersehen wird auch, dass Knochen und Geweih zu den beliebteste Materialien für künstlerische Betätigungen, z.B. zur Anfertigung von Schmuck, Anstecknadeln, Frauen- und Tierfiguren, verzierten ›Kommandostäben‹ usw. dienten. So bedeutend war die Verarbeitung von Knochen, dass Abbé Henri Breuil die Zeit des Magdalénien (18.000 – 12.000) am Ende der letzten Eiszeit in verschiedene ›Knochen-Phasen‹ unterteilte. »Die typischsten Merkmale der Magdalénien-Kultur sind die ausgiebige Verwendung von Rentiergeweihen und Knochen zur Herstellung verschiedener Werkzeuge, Waffen [sic!] und anderer Gegenstände sowie die künstlerische Qualität der aus diesen Materialien gefertigten Arbeiten.« (›Felsbildkunst im Paläolithikum‹ Rosenfeld/Ucko 1967, S. 20). Apropos Rentiere: Rentiere wurden nicht gejagt, sondern gezüchtet und Züchter sind keine Jäger!
Wir müssen auch die auffallende Tatsache zur Kenntnis nehmen, dass in den Kulthöhlen des Jungpaläolithikums keine Jagd und keine Kampfdarstellungen zu finden sind. Und dass wir in Ägypten – außer in der Pharaonenzeit – keine Abbildungen vom Schlachten oder von toten Tieren kennen – auch von keiner Jagd!

Der Quartärpaläontologe Ralf-Dietrich Kahlke erforschte in einem Travertin-Steinbruch die längst vergangene Welt der Gesamt-Fauna Mitteleuropas und machte eine interessante Beobachtung. Er stellte fest, dass es nicht Jäger waren, denen das Aussterben des Großwildes angelastet werden kann, sondern dass den Tieren die Nahrungsgrundlage durch die sich wiederholenden Eiszeiten entzogen wurde, weshalb sie schlussendlich abwanderten oder verhungerten. Es waren auch nicht von Jägern mit Silex-Schabern verursachte Spuren an Knochen, sondern die mächtigen Zähne einer Hyäne welche ein Spurenrelief am Schulterblattknochen eines Elefanten hinterlassen haben. (s. die Abbildung oben) Die BBC Sendung ›Im Reich der Urzeit‹ folgt der Vermutung, dass der Mensch am Aussterben dieser Tiere verantwortlich ist, doch die Weimarer Forscher glauben, dass vielmehr die Verwandlung der Steppe in Waldgebiet die letzten Mammuts Europas verschwinden ließ. Die Natur sei ein viel effektiverer Killer, als das bisschen Mensch, um das Mammut verschwinden zu lassen, meinte der Wissenschaftler Kahlke. (nano 3sat vom 4.12.12, Bericht Axel Wagner).

Die vernunftwidrige Überbewertung der Jagd

»Die Überbewertung der Jagd beeinflusst zwangsläufig auch das Bild, das sich die Wissenschaft von vorgeschichtlichen Religionen macht«, schreibt Gerda Weiler. »Die zahllosen weiblichen Figurinen der Altsteinzeit gerinnen zu ›häuslichen Schutzgeistern‹, deren Verehrung angesichts der Jägerkultur eine ›merkwürdige Erscheinung‹ sei«, meint der katholische Priester Johannes Maringer in seinem Buch ›Vorgeschichtliche Religion – Religionen im steinzeitlichen Europa‹ 1956, S. 197). »In Analogie zum heutigen ›Fußball Gott‹ erfindet Maringer sogar einen ›Jägergott‹, einen ›Großen Zauberer‹, einen ›alten Wildherrn‹ und ›Jagdglückspender‹.« (Gerda Weiler ›Der aufrechte Gang der Menschenfrau‹ 1994, S. 92 und S. 308). Und weiter mein Maringer: »Die Vielgestaltigkeit der endeiszeitlichen Jägerreligion zeigt noch ein anderer Kult, der vor allem bei den Jägern des Aurignacien [jüngere Altsteinzeit zwischen 40’000 – 30’000] hervortritt und dessen Spuren sich von den Pyrenäen bis nach Sibirien hin finden. In seinem Mittelpunkt stehen eigenartigerweise weibliche Gestalten, dargestellt meistens in Form kleiner Plastiken. In den Erdhütten der Mammutjäger wurden sie den Wänden entlang mit deutlichen Anzeichen kultischer Verehrung angetroffen. Allem Anschein nach haben die Jäger in ihnen Ahnenmütter der Sippe und des Stammes verehrt, unter deren Schutz sie Wohnstätte, Jagd, Ehe, Sippe und Stamm stellten.« (Maringer ibd. S. 309, Hvhb. DW) Die Religionswissenschaftlerin Ina Wunn übernimmt Maringers Behauptung und schreibt: »Im Laufe der Menschheitsgeschichte hat sich das Spektrum der Religionen fundamental verändert. Während in vorgeschichtlicher Zeit ausschließlich bestimmte Formen von Jägerreligionen (!) mit Wild- und Waldgeistern, in ackerbauenden Kulturen auch Formen von Ahnenverehrung das religiöse Weltbild beherrschten…« (Ina Wunn ›Die Entwicklung der Religionen aus evolutionshistorischer Sicht‹)
Die Rolle der Jäger ist eine die Urgeschichte beherrschende Fehleinschätzung patriarchaler Wissenschaftler und Theologen. Der Fehler basiert u.a. auf der Fehlinterpretation von pfeilförmigen Artefakten, meistens aus Silex aber auch aus andern Materialien. (›9. Der Irrtum mit den ›Pfeilspitzen‹ und ›10. Pfeile – sakrale Symbole für Leben‹)

In Lascaux fand man 14 ›knöcherne  Speerspitzen‹, die natürlich als Jagdwaffen gedeutet werden. Hans Georg Bandi und Johannes Maringer behaupten in ihrem Buch ›Kunst der Eiszeit‹: »Durch unsere Kenntnis der jagdmagischen Praktiken und Vorstellungen heutiger Jägervölker ist uns der Sinn der fernen eiszeitlichen Darstellungen klar«. »Das ist eine kühne Behauptung, und wie will man sie beweisen? Mit dieser vorgefassten Vorstellung geht man an die Bilder heran und sucht nach Analogien; sie scheinen sich so einfach anzubieten. Die dargestellten Tiere sind manchmal mit Pfeilen gezeichnet, durch Lanzen verwundet. Damit schien der Beweis gegeben, dass hier Jagdzauber vorliegen müsse«, schrieb die Höhlenforscherin Marie König in ihrer Schrift ›Das Weltbild des eiszeitlichen Menschen‹.
»Diese Art der Beweisführung lässt sich anzweifeln. Ist es möglich, die Bildfunde aus der Altsteinzeit entsprechend der Psychologie und Mentalität jetzt lebender primitiver Jägervölker zu interpretieren, ohne dass überhaupt in Betracht gezogen wird, dass die geistige Kapazität der Eiszeitmenschen ganz anders gewesen sein kann? Was wir jetzt vor uns haben, sowohl beim Primitiven als auch beim Kultivierten, ist das Endprodukt einer langen Entwicklung. Es ist ein Irrtum, unentwickelt mit primitiv im Sinne heutiger Völker gleichzusetzen. Es ist deshalb auch nicht möglich, das Denken des eiszeitlichen Menschen ohne weiteres auf eine Stufe mit dem des heutigen Primitiven zu stellen. Dieses Analogieverfahren könnte ein sehr verhängnisvoller Fehler sein, denn es lenkt automatisch alle Gedankengänge in falsche Bahnen. Es bedeutet das Zudecken der bestehenden Problematik.« (Marie König ›Das Weltbild des eiszeitlichen Menschen‹ 1954, S. 10)

Die ›Großen Jäger‹ der Altsteinzeit sind ein Mythos

Eine Hypothese, eine unbewiesene Annahme, ein Konstrukt, um den Zeugnissen der (natürlichen) Dominanz der Frau der Altsteinzeit, der Gebärerin und Erhalterin des Clans, etwas überragend Männliches, Heldenhaftes entgegen zu halten, das bis heute durch keine Funde irgendwelcher Art bewiesen wurde. Es ist patriarchales Wunschdenken, Spekulation, Interpretation, Behauptungen und Annahmen, die sich der Überprüfbarkeit entziehen.
Jagd- und Tötungslust werden eindeutig erst in der Bronzezeit durch die kriegerischen Eroberer, marodierenden indoeuropäischen Junggesellenbanden, die sich vom Mutterclan abgespalten hatten, evident. Sie machten sich zu ›Herren der Welt‹, was in der dynastischen Zeit bei der Herrscherkaste in Sumer und Ägypten besonders deutlich wird.
Im Kampf gegen die überwältigende Menge von Zeugnissen des Primats weiblicher Symbole – und die schiere Abwesenheit von Belegen männlicher Bedeutung in den langen Epochen der Altsteinzeit – erfanden patriarchale Wissenschaftler für sich eine grandiose Vergangenheit als grosse Jäger, um sich Geschichte, Identität und Wichtigkeit zu geben, die sie nach den fehlenden Zeugnissen einfach nicht hatten. Man muss dabei beachten, dass die frühen Wissenschaftler ausschließlich aus den akademischen Eliten der wohlhabenden und adeligen Bevölkerung hervorgingen, bei denen Jagen zu den beliebtesten Beschäftigungen gehörte. (s. W.G. Theilemann ›Adel im grünen Rock‹adliges Jägertum, Grossprivatwaldbesitz und die preussische Forstbeamtenschaft 1866-1914). Für diese Eliten war es selbstverständlich, dass es Privilegien wie die Jagd und das Töten von Mensch und Tier gab, die ihnen vorbehalten waren.

›Durch logische Argumente kann die falsche Meinung eines Menschen, die er niemals durch logisches Argumentieren gewonnen hat, nicht korrigiert werden.‹ (Bacon)

»Das Phantom vom großen Jäger der Urzeit ist des Mannes liebster Traum, erlaubt doch die Vorstellung vom unerschrockenen Rivalen wilder Tiere, der selbst reißende Löwen und zentnerschwere Elefanten überwältigte und die Beute ins Lager schleppte, sich der Phantasie von männlicher Omnipotenz hinzugeben«, schreibt Gerda Weiler (ibd. 1994, S. 87). Und: »Die Phantasie vom ›großen Jäger‹ entsteht nicht allein durch rückwärtsgerichtete Projektion patriarchaler Wissenschaftler. Auch der Erhaltungszustand der Nahrungsreste an den paläolithischen Lagerplätzen bietet die archäologische Grundlage zu derartigen Fehlinterpretationen. Fehlende Pollenanalyse des Bodens und damit der Fäkalien der Bewohner richteten den Blick ausschließlich auf den ausgegrabenen Fund von Knochenüberresten.« (Weiler ibd. S. 89)
Michael A. Hoffman untersuchte im Gebiet des oberägyptischen Hierakonpolis fünf Fäkalien (Koprolithen, fossile Exkremente) und stellte fest, dass die Nahrung dieser Menschen, die 2000 Jahre vor den Pharaonen hier lebten, aus stärkehaltiger und vegetabiler Nahrung bestanden hatte. Die überraschende Spur von Torfmoos (Sphagnum) in einer der menschlichen Koprolithen zeigt die Nähe von Mooren, also von wasserreichen Auen. Obwohl hier auch Tierknochen gefunden wurden, ist es für ihn kein Beweis, dass Tiere in dieser Zeit zum Speiseplan gehörten, sondern als ›Kapitalanlage‹ gehalten wurden. (Hoffman ›Egypt before the Pharaos‹ 1979, S. 159)

»Das Evolutionsmodell vom Mann als Jäger und Krieger hat, mit wenigen Ausnahmen, alle Interpretationen paläolithischer Kunst beeinflusst. Dies änderte sich erst gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, als auch Frauen in den Forschungsteams mitarbeiteten«,

bemerkte die amerikanische Kulturanthropologin Riane Eisler. »Sie durften die weiblichen Genitalien erkennen und verbanden sie eher mit religiösen Anschauungen als mit Jagdzauber.« (Eisler ›Von der Herrschaft zur Partnerschaft‹ 1989 S. 36)

Die Mär unterstützt die Allmachtsphantasien des patriarchalen weißen Mannes

Die Mär von den Großen Jägern kann man vergessen. Die von Klaus Schmidt und einigen weiteren Anhängern der Jagd-Phantasie verbreitete Ansicht, es seien ›jägerische Kulturen‹, die während 2 Millionen Jahren die Welt dominierten, entbehrt jeder Grundlage.

Erst als auch Frauen in der Forschung zu arbeiten begannen und in den siebziger Jahre ihre eigenen Forschungsresultate veröffentlichten, begann langsam ein Umdenken. Bis dahin gingen amerikanische und europäische Wissenschaftler ganz einfach davon aus, dass Männer – die Jäger und Helden der Urzeit – seit jeher die Welt dominierten. »Die in den westlichen Ländern vorherrschende Überzeugung von der universalen Überlegenheit der Männer über die Frauen wird wie ein Giftstoff von Generation zu Generation weitergegeben. Aber dominierten die Männer wirklich weltweit? Und war das schon immer so? Der Gedanke, dass kein Geschlecht das andere dominierte, war eine Vorstellung, die westlichen Gelehrten offensichtlich fremd war. »Fixierung auf hierarchisches Denken und tiefverwurzelte Vorurteile über Geschlechterrollen prägten die wissenschaftlichen Analysen anderer Völker.« (HelenFisher ›Anatomie der Liebe‹ 1993, S. 273)

Die norwegische Soziologin Elise Boulding hat in ihrem Buch ›The Underside of History: A View of Women through Time‹, 1976) gezeigt,

»dass der Mythos vom ›Mann-als-Jäger‹ und seine andauernde Wirkung sozial-kulturelle Produkte sind, die der Aufrechterhaltung der männlichen Herrschaft und Hegemonie dienen.« (zit. von Gerda Lerner ›Die Entstehung des Patriarchats‹ 1991, S. 37)

 

s. auch:  – ›Die Felsbildkunst – Geheimnisvolle Botschaften aus der Steinzeit
Die Mobile Kunst der Steinzeit und die Verehrung der Vulva


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