Die Beiträge der Frauen – der Ursprung der Kultur

Aus dem Inhalt:

  • Die Kulturbeiträge der Frauen
  • Die Schrift wurde in der matriarchalen Zeit erfunden
  • Das enorme medizinische Wissen stammt aus der matriarchalen Zeit
  • Die Zerstörung der Kulturen und damit des medizinischen Wissens durch Invasoren hat Tradition
  • Frieden – die große Leistung der matriarchalen Zivilisation

 

»Der entscheidende Schritt vom Tierreich zur menschlichen Gemeinschaft ist eine kulturelle Leistung der Frauen.« (Annette Kuhn in ›Die Chronik der Frauen‹ 1992)

Die Kulturbeiträge der Frauen

Das wunderbare Vermächtnis, das uns die Menschen der Steinzeit hinterlassen haben, zeugt von außerordentlicher Kreativität, von feinsinnigem Kunstschaffen und Erfindungsgabe. Ihre Friedensliebe, bezeugt durch die Abwesenheit von Waffen, Krieg und Gewalt, das Fehlen von Zeichen von Armut, Not und Elend beweisen ihre hohe Intelligenz und Menschlichkeit. Die matriarchalen Ur-Völker waren eingebettet in die Weisheit und Verehrung der UrahnInnen und aufgehoben im Glauben an die Große Göttin. Dies alles und die natürliche Autorität der Mütter und Clanmütter, der Matriarchinnen, sorgten für Geborgenheit, Zusammenhalt, Wohl, Sicherheit und Prosperität der mütterlichen Blutclans. Lange vor den Eroberungen der indoeuropäischen Kriegshorden, lange vor den sogenannten ›Hochkulturen‹ des Patriarchats und dem Beginn der männlich dominierten, räuberischen Gewaltherrschaft der Königsdynastien, die das Volk versklavten, führten Priester-Königinnen die Stadtstaaten der sogenannt ›Alten Welt‹. Dann wurden die Kulturbeiträge des Matriarchats usurpiert, den Königinnen ihre politische und religiöse Macht entrissen und dem Frieden ein Ende gesetzt. (s. Doris Wolf ›Das matriarchale Königinnentum Ägyptens‹ und ›Das matriarchale Königinnentum Mesopotamiens‹)

Aus der matriarchalen Urgeschichte stammen jene Kulturleistungen, welche die Grundlage unserer heutigen Kultur sind; Hinterlassenschaften der Schöpfungskraft, der Lebensfreude und des Verantwortungsbewusstseins der Menschen. Den Frauen verdanken wir die Kenntnisse von essbaren und heilenden Pflanzen, den Gartenbau, das frühe Pflanzen von Getreide und seine Verarbeitung, vor allem das Backen von Brot, das Haltbarmachen von Nahrungsmitteln durch Trocknen, Dörren, Salzen und Pökeln, welche die Lagerhaltung von Überschüssen ermöglichen. Frauen waren es wahrscheinlich, die freilebende Tierjunge zu Haustieren domestizierten, die die Milch von Schafen und Ziegen zu Käse und Joghurt und deren Wolle zu den nachts notwendigen, wärmenden Decken verarbeiteten. Sie hielten Schweine – nicht um sie zu essen, wie man heute glaubt –, sondern weil diese intelligenten Haustiere von großem Nutzen waren. Schweine halfen beim Einstampfen der Saat, als Alles­fresser sorgten sie für Hygiene und hielten giftige Schlangen von den Besiedlungen fern; ein Nutzen für Mensch und Tier und eine Tradition, die man in Indien noch heute beobachten kann. Dazu kommen die schönen Künste des Handwerks, die Bearbeitung von Silex, Halb- und Edelsteinen zu Werkzeugen und Artefakten für den religiösen Kult, das Malen und Gestalten von kunstvollem Schmuck, das Pflanzen und Verarbeiten von Baumwolle und Leinen, das Weben, Flechten und Töpfern, das sorgfältige Verarbeiten von Fellen zu Lederbekleidung und Sandalen, der Bau von Wohnzelten und das Erstellen von Wohnhäusern. Im Neolithikum wurde der Ziegel erfunden, welcher die vollendete Architektur der palastartigen ›Tempel‹ bzw. der Bauten ermöglichte, die der politischen Verwaltung und dem religiösen Kult der matriarchalen Priesterköniginnen dienten.
Und nicht zuletzt war es das medizinische Wissen, die Natur- und Frauenheilkunde, die  aus naheliegenden Gründen in den Händen der Frauen lag; schliesslich ging es dabei in erster Linie um Schwangerschaft, Geburt und Stillen; aber auch um Verhütung und Abbruch von unerwünschten und überzähligen Schwangerschaften, welche die Zahl der Menschen im Einklang mit den Gegebenheiten der Natur und den Kräften der Mütter hielten, wodurch Übervölkerung, Armut und Not vermieden wurden. »Die Theorie, welche die ›neolithische Revolution‹ durch eine existenzielle Notlage der gesamten Menschheit erklären will, lässt sich leicht widerlegen: Es hat weder eine weltweites Bevölkerungswachstum noch dadurch verursachte Hungersnöte jemals gegeben. ›Nirgendwo gibt es Anzeichen der Übervölkerung‹.« (Jost Herbig, ›Nahrung für die Götter – Die kulturelle Neuerschaffung der Welt durch den Menschen‹ 1988, S. 151, zit. von Weiler 1994, S. 243)

 »Wegen mangelnder Information verlassen sich Prähistoriker manchmal auf ihre Phantasie, um ihre Wissenslücken zu füllen und projizieren dabei oft das Frauenbild ihrer eigenen Gesellschaft auch auf die urzeitliche Frau. Deshalb sind prähistorische Frauen für sie im wesentlichen passive, kindergebärende Wesen, schlecht geeignet für die Bearbeitung von Feuerstein oder die Herstellung von Werkzeugen, kaum von Nutzen im aktiven Leben, andererseits aber göttliche Gestalten, was die Fruchtbarkeitsrituale angeht.« (›Der Große Bildatlas der Archäologie‹ 1991, S. 31)

Die Beiträge der Frauen machten das Leben möglich und dienten seinem Erhalt. Nicht der Mann als Jäger, sondern die Frau als Gebärerin war die Ernährerin und Erhalterin des Clans und für diesen überlebenswichtig. Im Gegensatz zu den Tatsachen der Kulturbeiträge der Frauen stehen die Phantasien patriarchaler Männer und ihrer Mär von den Großen Jägern der Steinzeit. Eine Wissenschaft, welche die Geschichte der Frauen und ihre Kulturbeiträge vernachlässigt, sogar ausschließt, ist unwissenschaftlich, unseriös und unvollständig.

Die Schrift wurde in der matriarchalen Zeit erfunden

Dem hohen kulturellen Niveau der matriarchalen Bevölkerung der Alten Welt verdanken wir die Erfindung der Schrift im Neolithikum. Die archaische Schrift ging aus den Zeugnissen der meisterhaften Kreativität der Frauen, dem Symbolsystem hervor, welches sich zu den ersten Alphabeten entwickelten. »Die Verzierungen auf Ton waren die Vorläufer der ältesten Bilderschrift. Schon bald entstanden hieraus die ersten Schriftzeichen.« (Carel J. Du Ry ›Völker des Alten Orient‹ in ›Enzyklopädie der Weltkunst‹ 1977, S. 289; s. auch D. Wolf 2009, S. 210–214)
Pierre Grandet und Bernard Mathieu bestätigen in ihrem Lehrbuch für Hieroglyphen, dass das Erscheinen der Hieroglyphenschrift um 3200 erst das Produkt einer langen Entwicklung war, welche durch die Existenz der archaischen Hieroglyphen bezeugt wird (›Cours d’égyptien hiéroglyphique‹ 1990, S. 11). Die Schrift wurde lange vor der Invasion der als ›Kulturbringer‹ falsch interpretierten, kriegerischen Indo-Europäer ­– während der vor-dynastischen Zeit Mesopotamiens und der vor-pharaonischen Zeit Ägyptens geschaffen.
Die früheste Schrift war möglicherweise die ›Donauschrift‹ (s. Wikipedia ›Hochkultur‹). Marija Gimbutas stellte unter dem Titel ›Die Heilige Schrift‹ eine eindrückliche Dokumentation von »abstrakten Zeichen und Symbolen im Alten Europa« zusammen, aus denen sich die Schrift entwickelte. Dazu schreibt sie: »Die Sumerer gelten im allgemeinen zwar als die Erfinder der Schriftsprache, aber in Ostmitteleuropa entwickelte sich eine Schrift, die etwa zweitausend Jahre früher entstanden ist als alle bisher bekannten Schriften… Dass vor mehr als achttausend Jahren bereits eine Schrift erfunden wurde, erschien bisher so undenkbar, dass die Möglichkeit gar nicht in Erwägung gezogen und den Beweisen für ihre Existenz kaum Beachtung geschenkt wurde… Bei dieser Schrift des Alten Europa handelt es sich zweifellos nicht um eine indoeuropäische Schrift, ebenso wenig wie bei den kretischen Hieroglyphen, der Linear A und der kyprominoischen Schrift… Anders als bei den Sumerern diente das Geschriebene im Alten Europa keinen wirtschaftlichen, rechtlichen oder politisch-administrativen Zwecken, sondern die Schrift selbst entwickelte sich aus den über lange Zeit gebrauchten graphischen Symbolen, die ausschließlich im Rahmen des immer aufwendiger gestalteten Kultes der Göttin auftauchten. Da Inschriften ausschließlich auf religiösen Objekten zu finden sind, können wir davon ausgehen, dass sie als heilige Schriftzeichen gelesen wurden.« (Gimbutas ›Die Zivilisation der Göttin‹ 1996, S. 307–321).

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Schrift der Theiß-Kultur (ca. 5300–5000, Kökenydomb, Ungarn, nach Marija Gimbutas
›Die Zivilisation der Göttin‹ 1996, S. 312)

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 Schriftzeichen auf einem anthropomorphen Keramik-Gefäß der Theiß-Kultur
(nach Marija Gimbutas ›Die Zivilisation der Göttin‹ 1996, S. 312)

»Als Schrift gelten Marija Gimbutas die Symbole und Kritzeleien auf Fundgegenständen«, spottet die bezüglich Schriften offensichtlich ignorante Matriarchatskritikerin Meret Fehlmann. Ihr gefällt auch nicht, dass »diese ›Schrift‹ laut der Auffassung Gimbutas‘ einen edleren Charakter als die ihr später nachfolgenden Alphabete« gehabt haben soll, »da sie auf das Numinose, nicht das Merkantile ausgerichtet war.« (Meret Fehlmann ›Das Matriarchat: Eine vermeintlich uralte Geschichte‹ Schweizerisches Archiv für Volkskunde 106, 2010, S. 279)
Marija Gimbutas schreibt weiter: »Etwa um 6000–5300 tauchen die ersten Zeichenverbindungen auf: Symbole, denen lineare Zeichen hinzugefügt wurden. Wir finden die Schrift des Alten Europa, von der zwischen 5300–4300 allgemein Gebrauch gemacht wurde, in Inschriften auf sakralen Gegenständen: auf Idolen, Thronen und Tempelmodellen, auf Opferbehältern, Altären, Opferkelchen, auf heiligen Miniaturmodellen von Broten, Anhängern, Tafeln und Spinnwirteln.« (Gimbutas ›Zivilisation‹ ibd. 1996, S. 320)
Die lange Entwicklung der archaischen Schriftzeichen beginnt in den matriarchalen Hochkulturen der Urgeschichte. Im Eanna-Bezirk der Göttin Inanna im südmesopotamischen Uruk wurden die ältesten Zeugnisse der Keilschrift gefunden. Die Schrift gilt als eine der Voraussetzungen, welche den Übergang von der Urgeschichte in die geschichtliche Epoche der Hochkultur kennzeichnet. ›Hochkultur‹ ist per Definition der Historiker eine Gesellschaftsordnung, die weit fortgeschrittener, wertvoller oder eben ›höher‹ sein soll als die ihr vorausgegangene. Zu den Kennzeichen einer Hochkultur werden auch Neuerungen von sehr zweifelhafter Güte vorausgesetzt, die jedoch passend für die patriarchalen Hochkulturen sind, wie etwa das Militärwesen, eine hierarchisch-autokratische Gesellschaftsstruktur, ein Götterpantheon usw. Die patriarchale Hochkultur soll Kulturleistungen hervorgebracht haben, die sie eindeutig abheben von der sogenannten ›Volks‹- oder ›Populärkultur‹ der Urgeschichte. Doch – Despotien sind  keine ›Hoch-Kulturen‹.
Dass Frauen die Erfinderinnen der Schriftzeichen sein dürften, ist naheliegend. »Natürlich ist es eine Göttin«, so der Ägyptologe Günther Roeder, »die jene geheime Kunst des Schreibens erfunden hat; Seschat heißt sie, und man schreibt ihr auch zu, dass sie selbst bei dem Abmessen der Grundrisse der ehrwürdigen Tempel den Messstrick gehalten habe.« (Roeder ›Urkunden zur Religion des Alten Ägypten‹ 1978, S. III) »Aus alten Texten ging hervor, dass man in Sumer der Göttin Nidaba die Erfindung der Tontafeln und die Kunst des Schreibens zuordnete. In dieser Funktion erschien sie früher als irgendeine andere männliche Gottheit, durch die sie später ersetzt wurde. Die amtliche Schreiberin im sumerischen Himmel war eine Frau. Aber am bedeutsamsten waren die archäologischen Beweise der frühesten Beispiele geschriebener Sprache, die man bis jetzt entdeckt hat. Auch sie stammen aus Sumer, aus dem Tempel der Himmelskönigin in Erech, sie wurden vor mehr als fünftausend Jahren geschrieben. Meistens hört man, dass der Mensch die Schrift erfunden hat, aber aus der Gemeinsamkeit der obigen Hinweise ergibt sich mit großer Wahrscheinlichkeit die Folgerung, dass es vielleicht wirklich Frauen waren, die diese ersten bedeutungsvollen Zeichen in den feuchten Ton drückten.« (Merlin Stone ›Als Gott eine Frau war – Die Geschichte der Ur-Religionen unserer Kulturen‹ 1988, S. 28)

›Schrift schuf keine Zivilisation‹

stellte der Prähistoriker und Archäologe, einer der besten Kenner des alten Orients, James Mellaart, fest. Schrift war nützlich, aber sie war keineswegs erforderlich oder entscheidend für die Schaffung von Kultur oder die zivilisatorische Entwicklung der Völker (Mellaart ›The Neolithic of the Near East‹ 1975, S. 271). Die schriftlosen, matriarchalen Hochkulturen, die Jahrtausende ohne Schrift lebten, sind für die heutigen Schriftgelehrten ein Problem. Sie können die Geschichte nicht ›lesen‹ und für die Interpretation der Symbole braucht es Intuition und Kreativität. Der Paläolinguist Richard Fester konstatierte, dass sich die relativ junge Sprachforschung gegen das ›Nicht-Handfeste‹ abgrenzte, wie auch die Urgeschichtler und die Historiker gegen Mythos und Symbole: »Nur das schriftlich überlieferte Wort könne Gegenstand exakter Wissenschaft sein, postulierte man und schloss damit das Nachdenken über Alter und Entstehung der Sprache aus. Denn Schrift gibt es erst seit rund 6000 [bis 10’000] Jahren. Nicht eben viel, wenn man heute Sprache an den Anfang der menschlichen Entwicklung stellt« (Fester et al. ›Weib und Macht‹ 1979, S. 23).
Die hochentwickelten matriarchalen Gesellschaften lebten über Jahrtausende glücklich ohne Schrift; hingegen pflegten sie die Symbolik, aus der dann die Schrift wie selbstverständlich hervorging. Die ersten Schriftzeichen wurden in feuchten Ton geritzt – in der gleichen Technik, in das gleiche Material, in den gleichen Mustern, welche den Frauen von der Töpferkunst her vertraut waren. Von den Symbolen der Keramikkunst, die ohne Zweifel visuelle Mitteilungen enthalten, zu den Symbolen der Schrift ist ein kurzer Weg.

Ungelöste Rätsel der archaischen Schrift der matriarchalen Zeit

In Ägypten sind die archaischen Zeichen, die von Pierre Grandet und Bernard Mathieu angesprochen werden, noch nicht entziffert. Walter Emery berichtet, dass nach der ersten Begeisterung, die die Funde von umfassenden frühdynasti­schen Gräbern durch de Mor­gan, Petrie und Quibell auslösten, das Interesse schwand und die­sen Entdeckungen seltsamerweise keine weiteren folgten. »Anscheinend ließen sich die Forscher durch die Kargheit der Inschriften und auch dadurch abschrecken, dass es ihnen nicht recht gelang, die zahlreichen Rätsel archaischer Schrift zu lösen. Obwohl man sehr viele Inschriften entdeckt hat, wissen wir die archaischen Texte noch immer nicht sicher zu deuten, aber Fortschritte sind zu verzeichnen, und da immer mehr Texte zum Vorschein kommen, werden zweifellos die Philologen schließlich den Schlüssel finden, der uns die Tür zu der Schatzkammer öffnet, in der die Geheimnisse des Beginns ägyptischer Geschichte verborgen sind.« (Emery ›Ägypten – Geschichte und Kultur der Urzeit‹ 1964, S. 23 f.) Emerys Zuversicht wurde enttäuscht. Die  Ägyptologie interessiert sich nicht für seine Ur-Geschichte, für die Zeit  v o r  den vergotteten Pharaonen (s. D. Wolf 2009 ›Die ägyptische Vorgeschichtsforschung war und ist nicht populär‹ S. 50–52). »In den 3233 Artikeln von 277 Wissenschaftlern werden die griechisch-römische Zeit, das christliche Ägypten sowie das ›Nachleben der ägyptischen Kultur‹ nicht berücksichtigt«, kann man im Wikipedia zum ›Lexikon der Ägyptologie‹ lesen. Nicht erwähnt wird das Fehlen der Urgeschichte; Ägypten scheint das einzige Land der Welt ohne urgeschichtliche Vergangenheit zu sein.

Die Erforschung der Ur- und Frühgeschichte und das Entziffern der archaischen Schrift wurde vernachlässigt – nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland sogar tabuisiert – weil Neofaschisten und andere gottgläubige christliche Ägyptologen befürchten, was sie unter keinen Umständen wahr haben wollen: je tiefer wir in die urgeschichtliche Zeit zurückgehen, desto eindeutiger tritt die Tatsache der einstigen Macht der Frauen, der Leitung der prosperierenden Länder durch matriarchale Königinnen und die alleinige Verehrung der Großen Göttin zutage.

›Der Schreiber‹ auf der Narmer-Palette ist eine Frau
(s. D. Wolf 2009, S. 211 und
W. B. Emery 1964, S. 268)

Die Erfindung der Schrift gehört zu den nachhaltigsten kreativen geistigen Leistungen der matriarchalen Urgeschichte: Göttinnen der Schrift machen deutlich, dass die Schrift von Frauen im Matriarchat erfunden und praktiziert wurde. Auf der Narmer-Palette wird dokumentiert, dass die erste Schriftgelehrte der Eroberer Ägyptens eine Frau war.

Einige Wissenschaftler vermuten, die Er­findung der Schrift sei die geniale Lei­stung eines einzigen klugen Kopfes. Dass dieser kluge Kopf zum Körper einer Frau ge­hören könnte, scheint indes ihr Vorstel­lungsvermögen zu übersteigen. Wie könnte man sonst die Blindheit der Ägyptologin­nen und Ägyptologen erklä­ren, denen nie aufgefallen ist, dass die älteste Darstellung eines ›Schreibers‹ auf der Narmer-Palette und seinem Keulenkopf unverkennbar eine weibliche Fi­gur mit weiblichen Brüsten und nicht ein Mann ist, wie bisher be­hauptet wird.
Dass man diese Figur, mit der weiblichen Anrede Tjt, als Wesir, Königssohn, Priester, Hauptsohn des Königs, Thronfolger oder Chefdenker, der die geistigen Grundlagen der Herrschaft erstellte, bezeichnet, entbehrt nicht einer unfreiwilligen, jedoch fatalen Komik. Helck sieht in der Figur einen »langhaarigen Mann, einen ›Schamanen‹. In historischer Zeit heiße diese Figur, die durch das Pantherfell eindeutig charakterisiert ist, Sm, der ›Ehrwürdige‹« (Helck ›Untersuchungen zur Thinitenzeit‹ 1987, S. 140 f.). Von der einmaligen Stellung dieser Frau zeugt das Pantherfell, das Symbol von Würde und weiblicher Weisheit.
Carola Meier-Seethaler schreibt zur Usurpation weiblicher Symbole, dass »die traditionellen Symbole patriarchaler Kulturen, wie sie in Religion und Kunst erscheinen, ausnahmslos aus dem Symbolschatz vorpatriarchaler Spiritualität schöpften. Und dies gilt für die christlich geprägten Kulturen ebenso wie für alle übrigen patriarchalen Hoch- und Stammeskulturen«, und dass »die patriarchale Vereinnahmung ursprünglich matrizentrischer Symbole mit einer systematischen Umdeutung der Sinngehalte Hand in Hand geht.« (Meier-Seethaler ›Von der göttlichen Löwin zum Wahrzeichen männlicher Macht‹ 1993, S. 9) »Löwinnen, Tigerinnen, Leopardinnen sind die großen Jägerinnen, die Beutetiere für ihre Jungen reißen, während die männlichen Tiere der gleichen Art ungeachtet ihrer imposanteren Erscheinung weniger gefährlich sind. Beide Eigenschaften, die mütterliche Fürsorge einerseits und die unerbittliche Tötungsbereitschaft andererseits prädestinieren das Raubtierweibchen dazu, den majestätischen Aspekt der Göttin als Herrin über Leben und Tod zu verkörpern.« (Meier-Seethaler ibd. S. 49)
Die Narmer-Palette gehört zu den bekanntesten und am intensivsten studierten Artefakten der Ägyptologie, aber auch der interessierten Laien. Offensichtlich ist es für einige Leute jedoch zu unglaublich, zu unerwartet oder zu unerträglich, eine Frau, eine gebildete Frau, als erste Schriftgelehrte, als eine Frau in Amt und Würde zu akzeptieren. Es war nicht der anmaßende Häuptling, sondern eine Frau, die damals überhaupt Bildung und Kultur besaß. Noch im Jahr 2006 schreibt Hermann A. Schlögl tatsächlich: »Dem König voran gehen vier Figuren, die Götterstandarten tragen, dann folgt das Oberhaupt der Priester, dessen Titel ›Tjt‹ beigeschrieben ist. Seine magische Kraft erhielt er vielleicht durch seine Verkleidung mit einer massigen Perücke und einem Pantherfell.« Bedauerlich, dass auch Ute Rummel die Person mit der weiblichen Bezeichnung ›Tt‹ nicht erkennt, sie schreibt: »Die ältesten Darstellungen von Pantherfellträgern finden sich auf dem ›Keulenkopf des Skorpion‹ (0. Dynastie) sowie auf der Palette und dem Keulenkopf des Narmer (1. Dynastie). Die mit dem Pantherfellumhang bekleidete Person, welche sich im unmittelbaren Gefolge des Königs befindet, ist auf dem Keulenkopf des Skorpion ohne Beischrift dargestellt. Sie trägt eine Ähre oder Garbe vor sich und folgt einer weiteren Person, die aus einem Korb wohl Saatgut in die vom König aufgehackte Erde streut. Im Unterschied zu ihr besitzt der Pantherfellträger auf beiden Narmer-Objekten die Beischrift, Tt. Auch der Tt ist beide Male in unmittelbarer Nähe des Königs zu finden: In der Darstellung des Keulenkopfes steht er, gefolgt von zwei Stabträgern, hinter dem Thronpavillon. Auf der Narmerpalette schreitet er dem König beim Standartenauszug voraus und öffnet ihm den Weg.« (Ute Rummel ›Das Pantherfell als Kleidungsstück im Kult – Bedeutung, Symbolgehalt und theologische Verortung einer magischen Insignie‹ (2009, S. 109–152.) Dass selbst junge Frauen mit Blindheit geschlagen sind, wo es um ihre Geschlechtsgenossinnen geht, ist das Resultat patriarchaler Geschichtsschreibung, von Indoktrination und Deformation durch Männer, die interpretieren und erfinden, was andere glauben und abschreiben.
Andere Autoren übersehen oder unterschlagen ebenfalls, dass das Pantherfell zuerst von einer Frau, der Schreiberin, getragen, dann aber usurpiert wurde. So lesen wir im Wikipedia: »Zu Lebzeiten wies das Pantherfell den König oder seinen von ihm bestimmten Nachfolger als göttlich-legitimierten Herrscher aus. Im Totenkult wird das Pantherfell in den Pyramidentexten als ein besonderes Schutz- und Herrschaftszeichen des verstorbenen Königs.« Das Verschweigen, wie das Übergehen wichtiger Tatsachen, hat in der patriarchalen Geschichtsschreibung System. Die StudentInnen halten sich an das, was bereits bekannt ist, das ist einfacher und weniger gefährlich für die spätere Karriere als selber zu denken und kritische Fragen zu stellen.
Wir wissen, dass verschiedene, unabhängige Schriftforscher rätselhafte Ungereimtheiten der Hieroglyphenschrift feststellten. So bemerkte der Philologe Hans Jensen eine »überflüssige Häufung sinngleicher oder sinnähnlicher Bezeichnungen« (›Die Schrift in Vergangenheit und Gegenwart‹ 1969, S. 48). Das ist umso erstaunlicher, weil Jensen  gleichzeitig feststellte: »Die überlegene Geistestat der Ägypter ist die Schaffung der Einkonsonanten-Zeichen – eines Buchstaben-Alphabets. Die Grabstelen der ermordeten Frauen der ersten Dynastie in Abydos sind der wichtigste Beleg für das Vorhandensein eines vollständigen Alphabets zu Beginn der dynastischen Zeit.« (Jensen ibd.)
John A. Wilson berichtet, dass im 15. Jahrhundert Kanaaniter, die als Zwangsarbeiter in den Türkis- und Kupferwerken Ägyptens arbeiteten, ihre Gebete an die Göttin Ba’alat richteten und dass sie diese Texte in einem hieroglyphischen Alphabet schrieben. »Sie bedienten sich nicht des schwerfälligen ägyptischen Systems mit seiner unbegrenzten Menge von Bildsymbolen, sondern benutzten nur je ein Zeichen für die einzelnen Konsonanten ihrer Sprache; von ihrer alif-bêt-Buchstabenfolge stammen unser Alphabet und alle andern modernen Alphabete ab. Es ist wie ein Hohn auf die ägyptische Kultur, dass ihr Schriftsystem Zeichen enthielt, die ihrer Natur nach alphabetisch waren, aber nie als die notwendigen phonetischen Elemente der Schrift erkannt wurden, während ein von den Ägyptern unterjochtes Volk ihrer Schrift Bilder entlehnte und sie als Lautsymbole zu einem einfacheren System zusammenfasste, aus dem die Buchstabenschrift hervorgegangen ist.« (Wilson ›Ägypten‹ in ›Propyläen Weltgeschichte‹ 1961, S. 439) Wilson erkannte den praktischen Sinn der unzähligen Hieroglyphen, die für Angehörige verschiedener Sprachen nötig waren, noch nicht (s. D. Wolf 2009, S. 210–215).
Aus der sumerischen und babylonischen Epoche Mesopotamiens wissen wir, dass Tempelfrauen für die Buchführung zuständig waren. Sowohl im Eanna-Tempel der Göttin Inanna in Uruk, als im späteren Mari, wo die Göttin Inanna-Ishtar verehrt wurde, »betreiben die Priesterinnen eine Schreibschule für Frauen. Prachtvolle Tempelbilder zeigen Frauen bei der Arbeit und künden von der hohen Achtung, die die Tempelfrauen der Stadt genießen. Mit Schreibrohren aus Schilf oder Knochengriffeln ritzen sie ihre Planungsdaten und Notizen in kleine Tontafeln ein. Aus den Aufzeichnungen der Frauen von Uruk erfahren wir vom ersten Einsatz von Pflügen und Räderkarren im Ackerbau. Eine Liste des Tempels der Göttin Baba in Lagasch weist aus, dass hier 1200 in der Tempelwirtschaft beschäftigte Frauen und Männer täglich mit Nahrung versorgt werden. Aus derselben Buchführung erfahren wir, dass in der Textilwirtschaft des Tempels 205 Frauen und Mädchen arbeiten. Die Schrift der Tempelbuchhalterinnen ist eine Bilderschrift. Punkte und Striche geben Zahlenwerte wieder. Bilder und Symbole bezeichnen Menschen, Dinge oder Vorgänge. Manche der verwendeten Zeichen tauchen bereits in den Eiszeitkulturen um 22’000 oder auch in der spätneolithischen Vinca-Kultur auf, z.B. ein stilisiertes Schoßdreieck, das für ›Leben‹ und ›Frau‹ steht. Die sumerischen Tempelfrauen beschränken ihre schriftlichen Fähigkeiten nicht nur auf buchhalterische Notizen. Um 2500 verfasst eine Priesterin den ältesten bekannten medizinischen Text der Menschheitsgeschichte. Er enthält eine Aufzählung von 15 verschiedenen Heilmitteln und ihren Anwendungsmöglichkeiten.« (Carola Meier-Seethaler ›Die Chronik der Frauen‹ 1992, S. 63–65 passim) Auch zum medizinischen Wissen seien hier einige Ergänzungen zu den Ausführung im Buch (s. D. Wolf 2009, s. 206–210) angebracht.

Das enorme medizinische Wissen stammt aus der matriarchalen Zeit

»Fast überall auf der Welt wurden weibliche Göttinnen als Heilerinnen gepriesen, die Heilkräuter, Wurzeln, Pflanzen und andere medizinische Hilfsmittel verteilten. Die Priesterinnen, die den Tempeldienst versahen, wurden so zu den Ärztinnen der Gläubigen, die zum Tempel kamen.« (Stone ibd. 1988, S. 28) Die meisten Ägyptologinnen und Ägyptologen vertreten die völlig unrealistische Annahme, die hoch entwickelte Heilkunde, der wir bereits am Anfang der dynastischen Zeit in Ägypten begeg­nen, sei in der Zeit der kriegerischen Eroberung – von der ÄgyptologInnen allerdings nichts wissen wollen – in der prädynastischen Zeit und den ersten Dyna­stien ›erfunden‹ worden. Doch die medizinische Kunst verkümmerte dann seltsamerweise unter den Pharaonen.
Ob das ›Gefäßbuch‹, eines Teils des Papyrus Ebers, »wirklich der Zeit des Königs Usaphais aus der 1. Dynastie entstammt, darf bezweifelt werden. Da sich analoge Auffindungslegenden (in einigen Totenbuch-Sprüchen) als fiktive Frühdatierung entlarven ließen, ist anzunehmen, dass es sich auch bei den medizinischen Texten um solche Vordatierungen gehandelt hat.« (Kolta Kamal Sabri/Schwarzmann-Schafhauser Doris ›Die Heilkunde im alten Ägypten‹ Stuttgart 2000, S. 33) Es könnte aber auch sein, dass die Datierung der Ge­fäßlehre ins Alte Reich zu spät angesetzt ist und aus der Zeit der matriarchalen Urgeschichte stammt.
»Die Erkenntnis, dass zwischen dem Herzen und anderen Körperteilen ein organischer Zusammenhang besteht und dass das Herz die Quelle des Lebensstoffes ist, geht über alles hinaus, was vor den Griechen an physiologischen Beobachtungen bekannt war.« (John A. Wilson ›Ägypten‹ Propyläen Weltgeschichte 1961, S. 357) Die Frauen kannten hypnotische Tranceinduktionen, die Wirkung von heiligem Räucherwerk wie dem Weihrauch, den Effekt psychotroper Pflanzen und Substanzen, von Alkohol, Koka, Cannabis als Rauschmittel für den kultischen und medizinischen Gebrauch. Dadurch waren sie fähig, die komplizierten Eingriffe am lebenden Menschen vorzunehmen; die Chirurgie wäre ohne narkotische Mittel nicht möglich gewesen. In Abydos wurden in Ton nachgebildete Mohn-Kapseln gefunden. In ihrem bemerkenswerten ›Kultplatzbuch‹ schreibt Gisela Graichen zum Thema Rausch und Drogen: »Wurzel, Blätter und Samen des Bilsenkrautes bewirken Rausch, Schwindel, Halluzinationen und können in größeren Mengen zu Tobsucht und Wahnsinn führen. In der keltischen, germanischen und slawischen Sprache hat die Staude fast den gleichen Namen. Im alten Babylon und in Ägypten war sie bekannt. Hippokrates nennt sie eine Schlaf und Betäubung hervorrufende Heilpflanze, in einer anderen griechischen Bezeichnung wird sie ›Prophetenkraut‹ genannt. Weissagende und seherische Kräfte werden ihr zugeschrieben« (Gisela Graichen ibd. 1988, S. 69).
Der Gebrauch halluzinatorischer Drogen könnte von den Invasoren benutzt worden sein, um im Trancezustand Mythen zu erfinden, um dem Aberglauben der pharaonischen Religion und ihren elitären Jenseitsvorstellungen, dem Aufstieg des verstorbenen Königs zum Himmel, Ausdruck zu geben. Jedoch verstauben die Mumien der Elite – es gibt sowohl solche, die ursprünglich weiß, als auch solche, die eine schwarze Haut gehabt haben –  bis heute völlig irdisch in den Museen in aller Welt. Keine scheint bisher ins Jenseits abgehoben bzw. ›auferstanden‹ zu sein.
Das chirurgische Wissen und Können und die medizinischen Kenntnisse der matriarchalen Zeit erlaubte schon lange vor den Pharaonen die Mumifizierung. ›Mumien – schon in der Jungsteinzeit‹ titelte ›bild der wissenschaft‹ am 13.8.2014. Bisher nahm man an, dass die Technik der Mumifizierung während der sogenannten Hochkultur der Pharaonen, etwa um 2200 erfunden wurde, und dass die gefundenen Körper, die im Wüstensand der neolithischen Zeit gut erhalten blieben, durch das heiße Klima natürlich mumifiziert wurden. »Doch jetzt belehren uns britische und australische Forscher eines Besseren. Sie haben die Überreste von Toten aus Oberägypten chemisch analysiert, die noch einmal 1500 Jahre älter sind als die ältesten bekannten Mumien. Dabei zeigte sich: Auch diese teilweise sogar noch aus der Jungsteinzeit stammenden Toten wurden bereits mit komplexen Mixturen einbalsamiert. Die Ägypter erfanden demnach die Kunst der Mumifizierung schon sehr viel früher als bisher gedacht. Eine der frühesten bekannten Grabstätten Ägyptens liegt in Mostagedda in Oberägypten. In dieser trockenen Wüstengegend begruben die Menschen in der Zeit von 4500 bis 3350 ihre Toten in einfachen ovalen Gruben, die durch Holzlatten oder Steine abgedeckt wurden. Die Leichen wurden dabei bereits mit Leinenbinden umwickelt und von Grabbeigaben begleitet. Ausgrabungen zeigen, dass die Toten nicht verwesten, sondern als ausgetrocknete Mumien erhalten blieben.« Und zwar wurden die gleichen Rezepte verwendet wie zur Zeit der Pharaonen. (Jana Jones (Macquarie University, Sydney) et al., PLOS ONE, doi: 10.1371/journal.pone.0103608. Bild der Wissenschaft  http://www.wissenschaft.de/kultur-gesellschaft/archaeologie/-/journal_content/56/12054/4261820/Mumien—schon-in-der-Jungsteinzeit/)

Mit der Eroberung Ägyptens geschah Ungeheuerliches. Wie in Abydos die Nebengräber der ersten dynastischen Herrscher zeigen, wurden während der 1. Dynastie an die tausend Frauen ermordet. Es müssen maßgebende, einflussreiche Frauen gewesen sein, gebildete Frauen, lehrende, heilende, führende Frauen, Frauen, die sich in der Heilkunde, in Chirurgie und Medizin auskannten. Es waren die Frauen der matriarchalen Hochkultur, die sich um die matriarchale Priesterkönigin geschart hatten; sie bildeten die leitende politische, intellektuellen und religiöse Elite. Mit dem Tod des Eroberer-Königs und ihrer Ermordung sollte das Matriarchat, das matriarchale Wissen und Können, die matriarchale Leitung, die matriarchale Politik und Kultur ausgerottet und zerstört werden, um dem Machtanspruch der patriarchalen Eroberer Platz zu machen. Lediglich die Thronerbin blieb am Leben, man brauchte sie noch, denn der Thron wurde in der weiblichen Linie weiter gegeben. (s. Mut-Nesut) Ziel der Morde war, gleichzeitig das Heilwissen der Frauen, das auch Mittel für Verhütung und Abtreibung umfasste, auszurotten. Die Zerstörung der Heilkunde unter den fremden Königen ist gut dokumentiert. So schreibt etwa der Arzt Ange-Pierre Leca: »Während man im Alten Reich noch viele me­dizini­sche Spezialistinnen gefun­den hat, fand man in den späte­ren Epochen nur noch wenige. Der über die Jahrhun­der­te stockende Cha­rakter der ägypti­schen Medizin, der weit davon ent­fernt war, Fort­schrit­te zu machen, scheint im Gegenteil zu verfal­len«. (Leca ›La médecine égyptienne‹ 1988, S. 108) Siegfried Morenz spricht vom ›Niedergang kultu­rellen Le­bens in der Heil­kunde‹ (zit. von Wolfhart Westen­dorf, LÄ, III, S. 1276). Die Annahme, »dass die wissenschaftliche Medi­zin am Ende des Neuen Reiches in zuneh­men­der Überwuche­rung durch Be­schwö­rungen und Zauberei er­stickte«, sei in dieser Form zwar nicht mehr haltbar, müsse aber doch wohl mindestens teilweise zugegeben werden. (Westendorf ibd.) Mit den Hunderten von Sati-Morden der 1. Dynastie wurden auch die Ärztinnen und Hebammen umgebracht, was sich 5000 Jahre später mit den Hexenverbrennungen der Neuzeit wiederholte. In beiden Fällen wurde das Heilwissen der Frauen von patriarchalen Männern  – wie so viele andere kulturelle Errungenschaften der Frauen – usurpiert.

Hebammen

Grab des Anchmahor in Sakkara, 6. Dynastie (nach Arno Eggebrecht ›Das Alte Ägypten‹ 1984, S. 160)

In der 6. Dynastie sind es männliche Hebammen, die sich um die  Schwangeren kümmern. Dass dies nicht dem matriarchalen Brauch entsprechen kann, fällt keinem Ägyptologen auf, auch keiner Ägyptologin. Die Abbildung zeigt, wie »eine schwangere Frau beim Einsetzen der Wehen von zwei Männern gestützt wird. Da der Grabherr, in dessen Grab sich diese und andere medizinischen Darstellungen befinden, ein Arzt war, ist hier wohl ein Fall aus einer ärztlichen Praxis geschildert.« (W. Seipel in Eggebrecht ibd.) Bis heute würden wohl nur wenige ägyptische Männer erlauben, dass ihre Frauen von einem männlichen Arzt entbunden wird. Ähnliches wiederholte sich vor wenigen Jahrhunderten in unseren Breitengraden. »Der männliche Beruf des Arztes entstand als Krieg gegen die Frauen, der sich während des ganzen Spätmittelalters in Feldzügen gegen Hebammen fortsetzte. Im 18. Jahrhundert hatten die Männer schließlich die Vormachtstellung in diesem Berufsstand errungen.« (Marilyn French ›Der Krieg gegen die Frauen‹ München 1992, S. 171) Eine der erschütternden Folgen war der Anstieg der im Kindbett sterbenden Mütter. Der Arzt Ignaz P. Semmelweis (1818 – 1865) fand die Ursache des tödlichen Kindbettfiebers in der mangelnden Hygiene der Ärzte, die die Frauen aus der Geburtshilfe verdrängt hatten.
Und noch etwas fällt bei der Beschreibung der Versorgung der Frau im Kindbett in der 6. Dynastie auf: der fortgeschrittene Einfluss des Patriarchats bei der Abwertung des Geburtsvorgangs und des weiblich-schöpferischen Blutes: »Kurz vor der Geburt«, schreibt Wilfried Seipel, »wird die Schwangere, die während der Menstruation und während des Wochenbettes als unrein empfunden wurde, in die im Hof oder Garten errichtete ›Wochenlaube‹ gebracht, ein leichter, aus Laub und Papyrus errichteter Pavillon«. Diese diskriminierende patriarchale Abwertung der Frau wurde von den patriarchalen Religionen telquel übernommen und wird bis heute als ›Tradition‹ weitergegeben. Unter den Pharaonen, den Abkömmlingen der indoeuropäischen Invasoren, verkümmerte schließlich das wissenschaftli­che Denken gänzlich. Der Ägyptologe Hermann Kees konstatierte erstaunt: »Wir mögen daher höch­stens der Verwunderung Ausdruck geben, dass die kultu­rell fortge­schrittenen [sic!] Zeiten des Mitt­leren und Neuen Reiches an sol­chen theo­reti­schen Überlegungen scheinbar das In­teresse verloren, sie jedenfalls nicht weitergeführt ha­ben.« (Kees ›Die geistige Leistung: Medizin‹ in ›Kulturgeschichte des Alten Orients‹ 1933, S. 311) Waren diese Zeiten wirklich ›kulturell fortgeschritten‹, mag man da zu Recht fragen und – wäre die Kunst des Mumifizierens ohne das anatomische Wissen, das Frauen im Matriarchat erworben hatten, möglich gewesen? Wohl kaum.
In seinem Buch ›The Story of Medicine‹ (1931) bemerkt der Arzt Victor Robinson, dass die ägyptische Heilkunde nicht fortschreitend, sondern im Gegenteil mit den Jahrhunderten sogar rückschreitend war. Die früheren Papyri enthalten mehr Medizin und weniger Magie und Zauberei, während in späteren Zeiten Beschwörungen und Zauberformeln überhand nahmen (George B. Vetter ›Magic and Religion: Their Origins and Consequences‹ 1958, S. 275). Vetter erstaunt die Tatsache, dass obwohl die Ägypter bei unzähligen von Toten die Eingeweide entfernten und die Körper einbalsamierten, sie während der ganzen Zeit nichts Neues über Anatomie oder Pathologie gelernt haben. Dasselbe gilt auch für die mittelalterlichen Inquisitoren; sie zerstückelten Körper, rissen Zungen und Herzen heraus und schlachteten Tausende bei ihrer Ketzerjagd und lernten ebenfalls nichts über Krankheiten und Heilverfahren. Es ist sehr wahrscheinlich, meint Vetter, wären sie an Wissen interessiert gewesen, wären sie wohl keine Inquisitoren und keine Häresie-Jäger geworden.

»Die schlechteste Voraussetzung um zu lernen – außer neuen Strafen für GlaubensabweichlerInnen – ist jede Art von unerschütterlichem Glauben und Gottvertrauen, was in der Welt des Wissens keinen Fortschritt bringt.« (George B. Vetter)

Im zwangsweise christlich-patriarchalisierten Europa waren Priester und Klostermönche über lange Zeit die einzigen Vermittler von Wissen und wie sie ihre Macht nutzten, kennen wir aus der Geschichte, z.B. von Kopernikus, Galilei, Kepler usw. Die Wissenschaften wurden bekämpft aus Angst, dass diese den religiösen Lehren des Patriarchats abträglich und damit die Allmacht Gottes und des Klerus beeinträchtigt würde.

Die Zerstörung der Kulturen und damit des medizinischen Wissens durch Invasoren hat Tradition

Über die Auswirkungen der barbarischen Eroberungen Lateinamerikas lesen wir bei Gisela Graichen über das ›Heilwissen versunkener Kulturen‹, dass sowohl die Maya, wie die Azteken, wo die Kultur noch bis zur Zeit der spanischen Eroberung blühte, sehr viel über Pflanzen und ihre heilkundliche Nutzung wussten. »Den spanischen Mönchen, die seit der gewaltsamen Kolonialisierung 1542 u.Z. den Volksglauben ausmerzen wollten, waren die heiligen Bücher der Maya ein Dorn im Auge – nichts als Ketzerei. Am 12. Juli des Jahres 1562 kam es vor dem Franziskanerkonvent von Mani auf der Halbinsel Yucatán nach einem kirchlichen Tribunal zu einem blutigen Gemetzel an tausenden Ureinwohnern. Den wehrlosen Opfern wurde das Haar abgeschnitten und diejenigen, die ihren Göttern nicht abschwören wollten, wurden gefoltert. Viele kreuzigte man zu Tode. Anschließend wurde vor den Toren des Klosters ein gewaltiger Scheiterhaufen errichtet. Der spätere Bischof von Yucatán, Diego de Landa ließ unzählige Götzenbilder, Statuen und andere Heiligtümer der Maya ins Feuer werfen, darunter auch die kostbaren Codizes… in denen die Maya ihr medizinisches Wissen einst schriftlich festgehalten hatten« (Graichen ›Heilwissen versunkener Kulturen. Im Bann der grünen Götter‹ 2004 S. 142 f.) Von der Vernichtung des ursprünglichen Heilwissens der indigenen Völker profitieren heute die Pharmafirmen. Es ist  auffallend, immer gehen Eroberer nach den gleichen brutalen barbarischen Methoden der Indo-Europäer vor und immer werden sie von einer ebenso brutalen Priesterkaste (heute den christlichen Missionaren) begleitet und unterstützt. Von der stets bemühten Nächstenliebe ist da nie etwas zu spüren. Der Dokumentarfilm der Filmemacherin Paula Rodríguez Sickert: ›Das Schweigen brechen – Frauenmorde in Lateinamerika‹ dokumentiert nicht nur die Zerstörung der Kultur, sondern auch die Zerstörung der Menschen nach der Kolonisierung und Christianisierung Lateinamerikas. Die Missionare lehrten die Männer, dass Frauen weniger wert und den Männern untertan seien, was zum ›Feminizid‹ der heutigen Zeit führte: Die Ermordung von Frauen, nur weil sie Frauen sind.
»Als die Spanier die politische Kontrolle über die eroberten Gebiete errungen hatten, kamen Franziskaner-Mönche nach und unternahmen aggressive Bemühungen, die Maya zum Christentum zu bekehren. In Klöstern und Schulen wurden die Söhne der Maya zu christlichen Lehrern ausgebildet. Tausende von jungen Maya lernten die europäische Schrift. Sie passten sich sehr schnell an. Die Maya-Schrift wurde verdrängt und die römische Schrift nahm ihren Platz ein. Dann verbrannten die Missionare alle Schriften und behaupteten, sie enthielten teuflische Lügen.« (http://www.dw.de/dokumentationen-und-reportagen-das-schweigen-brechen/av-18126613; s. auch Doris Wolf ›Die Gräuel der Kolonisierung und Missionierung‹)

Die Hexenverbrennungen gehören zum Kampf gegen das Heilwissen der Frauen

Dem Kampf des christlichen Patriarchats gegen das alte Heilwissen der Frauen fielen über acht Millionen ›Hexen‹ zum Opfer. Gunnar Heinsohn bezeichnet die Folterung und Ermordung von Millionen von Frauen »als das un­geheuerlichste Ereignis der Neuzeit vor Auschwitz« und weist darauf hin, dass mit den Hexenmorden »eine Blüte der mit­telalterli­chen Naturwissenschaft, das physikali­sche und chemische In­strumen­tarium für die Geburts­heil­kunde und vorrangig für die Schwanger­schaftsverhütung und Frucht­abtrei­bung zerstört werden sollte« (Heinsohn et al. ›Menschenproduktion‹ 1979, S. 14 f.). Frauen wurde erstmals das selbstbestimmende Recht über ihren Bauch abgesprochen und gezwungen unerwünschte Schwangerschaften auszutragen; die neuen Eliten benötigten den Nachwuchs von Sklaven und von Soldaten für ihre Eroberungskriege.

»Dass die naturwissen­schaftlichen Kennt­nisse der wei­sen Frauen verschüttet wurden, ist häufig beschrieben worden. Es wurde sogar erkannt, dass sie mit den He­xenmassakern verschwin­den.« (Heinsohn ibd., S. 54 f.) Die christliche Hexenverfolgung kam den Ärzten zugute und »beruhte auf der Entschlossenheit der akademischen Ärzteschaft, mit der weiblichen Konkurrenz aufzuräumen.« (Rosalind Miles ›Weltgeschichte der Frau‹ 1990, S. 275) Die Ermordung von mehr als 8 Millionen der Hexerei bezichtigter Menschen, besonders von Frauen, zeigt, wie der Hass auf die VerehrerInnen der Göttin und die Verbrechen, die im Namen der männlichen Götter begangen wurden, und das darüber Schweigen, das Übersehen, Vergessen, die verdeckenden Lügen, die Irreführungen bis in unsere Zeit eine unheimliche, destruktive Macht auf die Geschichte der Menschheit ausüben. (s. Doris Wolf ›Die Christianisierung Europas und die Hexenverfolgungen‹).

Menstruationsblut – das kostbare Manna, das Leben schafft,

wurde im Matriarchat, und mancherorts heimlich so­gar bis in jüngster Zeit, – eine besondere Kraft zuge­schrieben und galt in vielen Gebieten als eines der stärksten Zauber- und Heilmittel. In den patri­archalen Religionen wurde das natürlich fließende, weibliche Lebensblut vom Klerus verteufelt. Der Grund dürfte gewesen sein, dass sie im Menstruationsblut die Schöpfungsmacht der Frau vor Augen hatten, die ihren eigenen Erfindungen vom männlichen Schöpfergott und dem männlichen Anspruch, sie selbst seien die eigentlichen Schöpfer des Kindes und die Frau lediglich das Gefäß, welches das Kind austrage, Lügen strafte. Sie diskriminierten die Frau und ihr Blut als un­rein. (Zum Blutmysterium der weiblichen Schöpfungskraft s. D. Wolf 2009, S. 264 f.)
Jutta Voss, die evangelische Theologin und jungianische Psychologin, schreibt: »Der Neid des Mannes auf das lebenschaffende weibliche Blut, verbunden mit der Erfahrung seines eigenen, nicht lebenschaffenden Blutes führte zur Zerstörung der Heiligkeit der Sacer Mens. Da kein Mann dieses Blut-Sakrament in sich trägt, haben Männer diesen Mangel weltweit auszugleichen versucht. Aber wenn der Mann Blut fliessen lässt, egal ob in einer symbolischen Wunde oder in seinen ›unheiligen Kriegen‹, dann schafft er nicht Leben, sondern Verletzung und Tod.« (›Das Schwarzmond-Tabu‹ 1988, S. 145)
Die Diffamierung des Menstruationsblutes ist patriarchalen, indoeuropäischen Ursprungs; sie setzten es den Fäkalien gleich und bezeichneten es als Schmutz und Tabu. Hingegen war Morden und Blutvergießen nicht unbedingt tabu. Vielleicht hängt dies damit zusammen, dass männliches Blut nicht als heilig, bzw. tabu angesehen wurde. (s. Barbara G. Walker ›Das geheime Wissen der Frauen‹ 1993, S. 698 ff.; s. auch: Penelope Shuttle und Peter Redgrove ›Die weise Wunde Menstruation‹ 1980)
Erst neulich wurde die Heilkraft des weiblichen Blutes  – nach tausenden von Jahren der Diskriminierung – wieder neu entdeckt und ging durch die Presse unter dem Titel: ›Heilkraft des Menstruationsbluts – Forscher wollen Stammzellen für regenerative Therapien nutzen‹ (Susanne Donner http://www.sonntagszeitung.ch/wissen/artikel-detailseite/?newsid=127474)

Die Intelligenz der Frauen wird tendenziös patriarchal beurteilt, unterschätzt, deformiert und herabgesetzt

Frauen wird ganz allgemein von Männern, denen es selbst an wissenschaftlicher Kompetenz fehlt, wissenschaftliche Kompetenz abgesprochen; einfach darum, weil sie Frauen sind. Patriarchale Männer sind meist sexistisch und rassistisch; sie würden beispielsweise nie ein Buch von einer Frau oder einem Schwarzen lesen. So bleibt ihnen das patriarchale Brett vor dem Kopf erhalten.
»Es ist unübersehbar, wie weit sich die prähistorischen und ältesten historischen Einstellungen zur Denkfähigkeit und dem Intellekt der Frauen von den gegenwärtigen Vorstellungen unterschieden: Fast überall wurde die Göttin als weise Beraterin und Prophetin verehrt. In den vorchristlichen Geschichten Irlands war die keltische Cerridwen die Göttin der Intelligenz und des Wissens, in den vorgriechischen Heiligtümern spendeten die Priesterinnen der Göttin Gaia die Weisheit göttlicher Offenbarung, während die griechische Demeter und die ägyptische Isis beide als Gesetzgeberinnen und Vermittlerinnen von rechtschaffener Weisheit, Einsicht und Gerechtigkeit angerufen wurden. Die ägyptische Göttin Maat stellte Ordnung, Rhythmus und Wahrheit des Universums dar. Die mesopotamische Ishtar wurde Regentin der Menschen, Prophetin, Herrin der Visionen genannt, und aus den archäologischen Berichten über die Stadt Nimrud, wo Ishtar verehrt wurde, geht hervor, dass Frauen in den Gerichtshöfen als Richterinnen und Beamtinnen fungierten.« (Merlin Stone ›Als Gott eine Frau war – Die Geschichte der Ur-Religionen unserer Kulturen‹ 1988 S. 29)

»Erkenntnisse, die den patriarchalen Allmachtstraum gefährden, werden totgeschwiegen und verdrängt.« (Gerda Weiler )

Die wissenschaftliche Erforschung der Urgeschichte, der Urreligion der Göttin und der Beiträge der Frauen zur Kultur, zur Wissenschaft, Gesellschaft und Kunst wird solange keine Fortschritte machen, bis patriarchale Wissenschaftler von ihrem hohen Ross heruntersteigen und die Forschungsarbeiten von Frauen zur Kenntnis nehmen. Wissenschaftliche Bücher von Frauen werden von Männern nicht gelesen! Für ihre Ignoranz sind sie jedoch selbst verantwortlich.

Der Kampf des Patriarchats gilt nicht so sehr der Anerkennung der kulturellen Beiträge der Frauen; diese werden weder negiert noch erwähnt; nein, der Kampf des Patriarchats gilt der politischen Dimension, der Weisheit und Stärke der Frauen und ihrer damaligen politischen Macht. Der Kampf gilt dem Wissen, dass es unter ihrer Ägide während Hundertausenden Jahren keine Kriege gab.

Die eindrucksvollste Leistung der Frauen im Matriarchat war ihre Kultur der Gewaltlosigkeit, der Friedensliebe, der Kunstfertigkeit, der Kreativität, der Solidarität, der Gerechtigkeit und Freiheit.

Frieden – die große Leistung der matriarchalen Zivilisation

Die auffallende Friedensliebe der matriarchalen Völker lässt darauf schließen, dass die Matriarchinnen, die ihren Sippen vorstanden, diese zu Eintracht und Toleranz anleiteten und dem Ausdruck von Aggression Grenzen setzten. Der Grund des Erfolges dürfte unter anderem darin liegen, dass alle Frauen selbstbestimmte Wesen waren, die autonom über ihren eigenen Körper verfügten. Diese Autonomie hat weitreichende Konsequenzen. Wenn keine männliche Politik, keine religiöse Macht und keine patriarchale Moral sich in die Fruchtbarkeit der Frauen einmischen, bestimmen sie selbst über die gewünschte und kräftemäßig verantwortbare Anzahl von Kindern. In einer Gesellschaft, in der Frauen Macht und Würde haben, wird keine Frau zu ungewollten Schwangerschaften gezwungen. Deshalb gab es keine überforderten Mütter, keine ungewünschten, ungeliebten oder ausgesetzten Kinder, keine Überbevölkerung, keinen Hunger und keine Unterernährung. Nirgends fanden sich Anzeichen von Armut. Heute noch existierende Matriarchate beweisen, es gibt bei ihnen keine ›schwere Kindheit‹, keine ›schwierigen Familienverhältnisse‹, keine Frauenmorde durch Partner, keine ›Familiendramen‹, bei denen Männer ganze Familien auslöschen, keine dramatischen Scheidungen, keine Alkoholsucht, keine Vergewaltigungen, keine Bedrohung und keinen Terror und die Abwertung von Frauen wäre bei ihnen undenkbar. Im Matriarchat konnten Frauen ihren mütterlichen Instinkten ohne männliche Einmischung und ohne männliche Ansprüche auf ihren Körper folgen.

Eltern haben eine Menge damit zu tun, ob ihre Kinder glücklich werden

Ein Beispiel, wie die Welt im Matriarchat ausgesehen haben dürfte und wie es bei indigenen Völkern heute noch der Fall ist, beschreibt die Forscherin Jean Liedloff in ihren ethnologischen Studien ›Auf der Suche nach dem verlorenen Glück‹, die sie aufgrund mehrerer Aufenthalte bei den Yequana-Indianern in Venezuela gemacht hat. Liedloff war beeindruckt von der Glücksfähigkeit und friedfertigen Harmonie dieser Menschen. Sie beschreibt dieses Volk als ausgeglichen, fröhlich, zufrieden, glücklich, selbstbewusst und ohne innere Aggression. Sie hat die Menschen nie streiten und Säuglinge nie schreien gehört. Das Geheimnis dieser Idylle: Die Yequanas erziehen ihre Kinder völlig repressionsfrei. Kleinstkinder werden im ersten Lebensjahr die ganzen 24 Stunden am Körper gehalten, sodass immer Körperkontakt zur Mutter oder einer anderen Person besteht. Die Bedürfnisse der Säuglinge werden stets und unmittelbar befriedigt. Das Kind empfindet die Welt als sicher und fühlt sich aufgehoben, beschützt und geborgen. Das liebevolle Verhalten der Erwachsenen provoziert keine traumatisierenden Gefühle von Angst, Wut, Einsamkeit, Traurigkeit, Schmerz oder Unsicherheit.

Traumatisierungen im Kleinkindalter bleiben, sofern sie nicht therapiert werden, lebenslang im Körper gespeichert und können jederzeit zu Suchtverhalten, Gewalttätigkeit und Suizid oder – wie uns die schwer gestörten Kriegstreiber und Diktatoren zeigen – sogar in Entfachen von Kriegen und Völkermord führen.

Im Patriarchat ging der liebe- und respektvolle Umgang mit Frauen, Müttern und Kindern verloren. Dabei werden die schwerwiegenden seelischen Störungen und die nachhaltigen charakterlichen Veränderungen, die von einer Kultur von Mitmenschlichkeit und gegenseitigem Respekt zu Verrohung, Gewalt und Unkultur geführt haben, von den im Patriarchat deformierten und geschädigten Erwachsenen von Generation zu Generation weitergegeben. Im Gegensatz zum körpernahen Umgang mit dem Kleinkind im Matriarchat findet im Patriarchat eine Isolierung von der Mutter statt. Tagsüber im Kinderwagen, meistens ohne Augenkontakt zwischen Mutter und Kind, nachts im Kinderzimmer. In dieser Abgeschiedenheit erlebt es eine entsetzliche Einsamkeit, Verlassenheit, unerfülltes Verlangen, Sehnsucht, ungeheuren Schmerz und Todesangst. Im schlimmsten Fall stirbt es den mysteriösen Kindestod. Im weniger tragischen Fall entsteht aus der Sehnsucht nach der Mutter die Sucht. Wir sind eine Gesellschaft von Süchtigen. Wie psychologische Studien zeigen, ist jede Art von Sucht der Versuch, die ungestillte Sehnsucht des einsamen kleinen Kindes in uns zu stillen. (s. auch ›The Semai: an nonviolent people of Malaya‹ Robert Knox Dentan, 1979. Oder ›Die Macht der Gewaltlosigkeit‹ Richard B. Gregg mit einem Vorwort von Martin Luther King (1965)

»Die Neurotisierung der Mütter ist ein Werk des Patriarchats.« (Christa Mulack)

Die zerstörerische Wirkung der Trennung von der Mutter

Nachdem patriarchale Männer den matriarchalen Frauen alle Macht entrissen, allen Besitz gestohlen, sie entwürdigt und entrechtet hatten, bekamen sie Angst vor ihnen und ihrer Wut und Rache. Die Angst der Männer vor der Stärke der Frauen ließen sie zu schrecklichen Methoden greifen, um sie ›unten‹ zu halten: dazu gehört Abwertung, Diskriminierung, Verteufelung, Drohungen, Fernhalten von der Macht, Fernhalten von Bildung, Fernhalten von der Erziehung der Söhne, sexuelle Kontrolle, Verstümmelung der Sexualorgane, Einsperren, Gewalt, Hexenverbrennung und Femizid. Es begann mit dem Zerstören der symbiotischen Mutter-Kind-Bindung, was fast unbemerkt bis heute weiter wirkt:

  • durch körperliche Trennung (statt am Körper der Mutter im Kinderbett, im Kinderzimmer und Kinderwagen);
  • durch die Beschneidung kleiner Jungen und Mädchen, die ein Urvertrauen in den körperlichen Schutz der Mutter und eine feste Bindung mit ihr – meist für immer – verunmöglicht;
  • durch unerwünschtes Begrenzen von Nähe durch die Abwertung des Stillens mit Muttermilch und das Propagieren käuflichen Milchpulvers; durch die Drohung, dass Stillen schlaffe – für den Mann, auf dessen Begehren sie angewiesen sein soll – unattraktive Brüste verursache;
  • durch das Verbot mütterlichen Eingreifens in die Erziehung der Knaben zur Gewaltfreiheit, zum Akzeptieren von Regeln und Grenzen und der Forderung von Respekt für die Frauen;
  • durch das Verstoßen des eigenen Kindes, falls es sich in die falsche Person verliebt, weil das Mädchen bei der Heirat keine Jungfrau mehr ist, weil es schwanger ist, ohne verheiratet zu sein, weil die junge Frau, der junge Mann zu einer andern Kaste gehört, einer andern oder gar keiner Religion folgen will! Erbarmungslos sind dabei auch die Mütter, was es für die Kinder noch schlimmer macht.

Es ist unglaublich, Eltern tun sich und ihren Kindern diese Unmenschlichkeiten im Namen der patriarchalen Religionen an.

Patriarchale Regierungen verursachen in aller Welt durch Gewalt, Krieg, Unterdrückung, Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Habgier, Korruption, Vorschriften und unmenschliche Gesetze, Verbot der Meinungs- und Religions-Freiheit, Machtanmaßung und -Missbrauch unsägliches Elend, Not, Verzweiflung, Angst, Schrecken und Hoffnungslosigkeit. Patriarchale Politik und Religionen greifen zudem tief in die Familie, in die Ehe, in die Intimität und die Erziehung der Kinder ein: zum Schaden der ganzen Menschheit.

»Man hat Mütter daran gehindert, Mütter zu sein. Sie haben Mütter kaputt gemacht, bis sie nicht mehr fähig waren, zu ihren Kindern zu schauen und das hat wiederum die Kinder kaputt gemacht. Sie werden wiederum genau so unfähig sein, Eltern zu sein.« (Mariella Mehr ›Die Kraft aus Wut und Schmerz‹)

Man hat unsere Ahninnen erniedrigt, geächtet, diffamiert, sie bei lebendigem Leib auf dem Scheiterhaufen verbrannt – meistens nach ungeheuerlichen Demütigungen, Quälereien und sadistischen Foltern – und es waren auch unsere Ahninnen, vielleicht war Ihre, vielleicht meine darunter.
Als Geiseln der patriarchalen Institutionen, der Universitäten und Kirchen kämpfen Frauen für deren patriarchale Ideologien und gegen die Kraft der Frauen, gegen das Wissen um das urzeitliche Matriarchat und die Verehrung der Göttin. Frauen im Dienste des misogynen Patriarchats, die sich ständig wechselseitig zitieren und bstätigen, beschneiden geradezu masochistisch ihre weibliche Identität und ihre Wurzeln, die bis in die Urkultur reichen. Da hat die vergiftende patriarchale Herrschaft ganze Arbeit geleistet! Die Patriarchatsforscherin Gerda Lerner führt dies auf die  Benachteiligung der Frauen im Bildungswesen und die androzentrische Verzerrung der Geschichte mit der Marginalisierung der Frau zurück. Diese doppelte Deprivation habe

»die weibliche Psyche über die Jahrhunderte so zugerichtet, dass die Frauen an der Herausbildung des Systems, das sie unterdrückt, mitwirken und an dessen ständiger Bestätigung und Verfestigung in der Folge immer neuer Generationen weiter mitgewirkt haben und noch immer mitwirken.« (Gerda Lerner ›Die Entstehung des feministischen Bewusstseins – vom Mittelalter bis zur Ersten Frauenbewegung‹ 1993, S. 20).

»Freiheit herrscht nicht« (Erich Fried)

 


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