Göbekli Tepe: Das patriarchale Credo von Klaus Schmidt

Im Internet finden Sie eine Fülle von Fotos von Göbekli Tepe

Der eifrigste Verfechter der zwei Millionen Jahre der grossen Jäger ist Klaus Schmidt, der Archäologe von Göbekli Tepe. (›Sie bauten die ersten Tempel – Das rätselhafte Heiligtum der Steinzeitjäger‹ 2006, S. 271)
Ohne Entdeckung und Arbeit von Göbekli Tepe schmälern zu wollen, sind die rund 11’000 Jahre alten Bauten von Göbekli Tepe nicht die ›ersten Tempel‹ von Jägern! Die ersten Tempel waren jungpaläolithische Höhlenheiligtümer, zu denen die nahezu 300 Höhlen Südfrankreichs und Nordspaniens gehören. Die Grotte Chauvet in der südfranzösischen Ardèche ist eine der ältesten bisher entdeckten Höhlentempel. Er wurde vor 37’000 Jahren und während einer Dauer von 6’000 Jahren genutzt. Noch ein paar Jahre älter ist die entdeckte Höhle von Abri Castanet in Südfrankreich. Deutbare Symbole in den Höhlen dieser Zeit und Region seien die durchaus typischen Abbildungen von Vulven. Was die mit den Jägern zu tun haben sollen, bleibt allerdings der Phantasie überlassen. (s. ›Höhlen – die frühesten sakralen Orte der Göttinnenverehrung‹)

Dann, so glauben die Urgeschichtler und mit ihnen Klaus Schmidt, hätten sich die ›gesellschaftstragenden (halb-) nomadisierenden Jäger‹ vor 10 – 12′000 Jahren angesiedelt und seien Ackerbauern und Viehzüchter geworden. Begründet wird das damit, dass »die Jäger das Biotop leer geschossen hatten. Es begann der Aufstieg der Bauern (Matthias Schulz ›Wegweiser ins Paradies‹, Der Spiegel 23/2006) Schmidt schreibt: »Die Jägergesellschaft war einer bäuerlichen Gesellschaft gewichen, und die Menschen waren sesshaft geworden. Die Siedlungen der Bauern lagen fortan in den Tälern im Bereich der fruchtbaren Böden, die den Ackerbau erlaubten.«
Dort waren sie jedoch vermutlich schon immer, denn Schmidt hatte festgestellt, dass Göbekli Tepe nie eine Siedlung war, dass die Erbauer nie in dieser Anlage gewohnt haben. Es müssen längst sesshafte Bäuerinnen und Bauern der näheren und weiteren Umgebung gewesen sein, die Göbekli Tepe erbauten; Göbekli Tepe war während Jahrtausenden religiöser Ritualplatz, Friedhof und Pilgerstätte für die Menschen der näheren und ferneren Siedlungen. »Mit dem Aufstieg des – von Männern getragenen – Bauerntums verlor das alte Mutterrecht seine Kraft… der Mensch [!] stieg zum Agrartechniker und Pflanzenzüchter auf, zum Macher und Schöpfer von Dingen, der sein Schicksal nun selbst in die Hand nahm«, meint Schulz (ibd.) Eine erstaunliche Aussage: der Mann nahm ›nun selbst sein Schicksal in die Hand‹, was tat er denn davor? Und  brauchten die fleißigen Männer, die ›Agrartechniker, Pflanzenzüchter‹ und ›Schöpfer von Dingen‹, die vermeintlich ja schon als große Jäger für die Ernährung und Erhaltung des Clans allein zuständig gewesen sein sollen, nun die Frauen oder ihre Mitarbeit nicht mehr?

Man kann davon ausgehen, dass auch Göbekli Tepe ein Pilgerort der Göttinnenverehrung war

image002image004Darauf weist schon die Architektur hin; die Form der Rundbauten erinnert an die Architektur der 44 megalithischen Tempel von Malta. Der Archäologe Gulio Magli sagt dazu, dass die Tempel eine Abfolge von runden Formen, die miteinander verbunden nichts anderes als die Verkörperung der göttlichen Mutter sind.

Die T-Pfeiler in Göbekli könnten eine architektonische Umsetzung des Pfeil-Symbols – des Ti  – das Leben gebend bedeutet (s. ›Der Irrtum mit den Pfeilspitzen‹). Hinzu kommen die vielen Schlangenbilder – eindeutige Symbole der Schlangengöttin, die später zum Drachen dämonisiert und in unzähligen Kampftmythen ermordet wird. Jedoch falle gleichzeitig »das weitgehende Fehlen von typisch weiblichen Motiven und Frauenfigurinen auf. Zu den besonderen Ausnahmen gehört die Gravierung einer Frauenfigur mit gespreizten Beinen, die auf einer Bankplatte im Löwenpfeilergebäude der jüngeren Schicht des Göbekli Tepe zum Vorschein kam. Es würde sicher zu weit führen, daraus folgern zu wollen, dass Frauendarstellungen grundsätzlich erst in der jüngeren Nutzungsphase dieses Ortes eine allmählich größere Bedeutung zukam; all das wird eine umfassenden Endauswertung der Ausgrabungen dieses Platzes zeigen.« (Parzinger ibd. s. 133) Was Parzinger nicht erkennt, ist dass die Figur mit »gespreizten Beinen« eine ›Leben gebende‹, eine gebärende Göttin ist. Es ist zu hoffen, dass bei einer ›umfassenden Endauswertung‹ auch weniger patriarchal voreingenommene Prüfungen vorgenommen werden.
Bedauernd meint Schmidt, sein Favorit, der all seine Bubenträume verkörperte: Der mannhafte Jäger »hatte an Bedeutung verloren und als seine Bedeutung schwand, schwand auch die Bedeutung seiner religiösen Riten und Zwänge, und mit ihnen verschwanden auch seine Kultanlagen.« Pathetisch kündet er das Ende: »Die Feuer der Jäger, die so lange um das Heiligtum gebrannt hatten, waren für immer erloschen,« und er lässt die eitle Idee von den jägerischen Helden der Altsteinzeit noch einmal mit einem Abgesang aufleben, bevor die phantasierte »Machtelite der jägerischen Gesellschaft des Göbekli Tepe« endgültig begraben werden muss. (Schmidt ibd, S. 255-257 passim)


Print page