Patriarchale WissenschaftlerInnen entwerten die neolithischen Göttinnen-Statuetten

Aus dem Inhalt:

  • Vom Schicksal der neolithischen Göttinnen-Statuetten Ägyptens
  • Man(n) wertet sie ab
  • Man bezweifelt ihre Echtheit
  • Man lässt sie verschwinden
  • Man bemängelt ihre ›unkönigliche‹ Haltung
  • Man kritisiert das ›ungöttliche‹ Material
  • Man nennt sie selten und mit Vorsicht ›Göttin‹
  • Man interpretiert sie als Kinderspielzeug
  • Kein Ruhmesblatt für die Ägyptologie
  • Von Sammlern gesucht und hoch geschätzt
  • Göttinnen oder ›gewöhnliche‹ Frauen?
  • Das Göttliche war weiblich und wurde in der Frau verehrt

Vom Schicksal der neolithischen Göttinnen-Statuetten Ägyptens

Die zahlreichen nackten weiblichen Statuetten, die bei Grabungen in allen neolithischen Kulturen ans Licht kamen, werden von einigen Altertumsforschern, sogar von fortschrittlicheren Bibelforschern und Religionshistorikern als ›Göttinnen‹ bezeichnet. Ältere Generationen von ÄgyptologInnen und ArchäologInnen, die sich mit den kleinen, jedoch außerordentlich zahlreichen weiblichen Statuetten befassen, lehnen sie aber fast ausnahmslos als Repräsentationen der Großen Göttin ab.
Doch lassen wir erst einmal einen Autoren zu Wort kommen, der keinen Zweifel daran lässt, dass diese Figurinen als Kultobjekte des damaligen Göttinnenglaubens zu verstehen sind, den deutsch-jüdischen Philosophen, Arzt und Psychoanalytiker Erich Neumann. Er schreibt: »Mit den auch historisch ältesten Darstellungen der Großen Mutter als Steinzeitgöttin taucht der Archetyp des Großen Weiblichen mit einem Male und in überwältigender Ganzheit und Vollkommenheit in der Welt der Menschen auf. Diese Figuren der Großen Göttin sind, abgesehen von den Höhlenmalereien, die ältesten Kultwerke und Kunstwerke der Menschheit, die wir kennen. Das Vorkommen dieser Figuren in einem Gebiet das von Sibirien bis zu den Pyrenäen reicht, scheint das Vorhandensein eines einheitlichen ›Weltbildes‹, in dessen Zentrum die große weibliche Göttin steht, vorauszusetzen« (Erich Neumann ›Die Große Mutter‹ 1974, S. 99).
Der namhafte britische Archäologe Chri­stopher Ha­wkes rügt, seine Kollegen indem er »zu Recht auf die bedenkliche Vernachlässi­gung und Unterbewertung reli­giöser Aspekte der Urgeschichte durch die Forschung der letz­ten 20 Jahre hinweist und betonte, dass… im Geist des Menschen der Frühzeit das Materielle und das Übernatürliche noch nicht getrennt waren und dass auch der prähistorische Handel stark re­ligiös motiviert war.« (zit. bei Sibylle von Reden ›Die Megalith-Kulturen‹ 1978, S. 24)
Nach Jahrzehn­ten wissen­schaftlichen Fort­schreitens ist diese Kritik auch für die Ägyptologie un­vermin­dert aktu­ell. Wie bei den anderen bis heute erforschten neolithischen Kulturen Vorderasiens fand man in den frühesten Siedlungsresten und Begräbnissen Ägyptens eine große Anzahl von Frauenplastiken mit deutlich betonten Geschlechtsmerkmalen (Wolfhart Westendorf ›Das Alte Ägypten‹ Enzyklopädie der Weltkunst 1969, S. 31).
Sie stellen sich »in eine Reihe mit den sudanesischen Idolen der späteren A-Group und den Magna-Mater-Figuren Vorderasiens« (Dietrich Wildung ›Ägypten vor den Pyramiden‹1981, S. 10).
Es gibt Statuetten aus der Steinzeit, die wesentlich älter sind, als die kleinen Figürchen aus dem Neolithikum (s.›Die Göttinnen-Statuetten‹).

Doch es ist seltsam, gerade in Ägypten, wo uns die Darstellungen von Göttinnen aus der geschichtlichen Zeit auf Schritt und Tritt begegnen, kämpfen autoritäre Ägyptologen mit allen Mitteln gegen die Anerkennung dieser Figuren als Göttinnen. So schreibt Erik Hornung zur Verehrung von ›Gottheiten in menschlicher Gestalt‹: »Vereinzelt finden sich schon in der Badari-Kultur [5500-4000], verbreitet dann in den Nagada-Kulturen, kleine menschliche Figuren aus Ton oder Elfenbein, die man immer wieder als Gottheiten deuten wollte. Sogar als Bild der ›Großen Mutter‹ wurden sie erklärt, obgleich nur ein Teil von ihnen eindeutig weibliche Geschlechtsmerkmale zeigt, göttliche Attribute fehlen und eine ›nackte Muttergottheit‹ der älteren geschichtlichen Zeit Ägyptens gänzlich unbekannt ist. Die Abwehrhaltung Hornungs wird von einem Gleichgesinnten gestützt, der »für alle Fragen der Echtheit, Datierung und Deutung dieser Figuren« zugezogen wurde: Peter Ucko, der »sich nach einer sorgfältigen Prüfung für eine Ablehnung der Idol-Deutung entscheidet«, weshalb man keinen »sicheren Beleg für eine Verehrung menschengestaltiger Gottheiten in vorgeschichtlicher Zeit« besitze (Erik Hornung ›Der eine und die Vielen‹ 1983, S. 93). Erstaunlich – hier stützt sich ein alternder, erfahrener Professor der Ägyptologie auf das durch nichts bewiesene (Vor-)Urteil eines 24-jährigen Lehrlings der Anthropologie, dessen Wahrnehmung ganz eindeutig beeinflusst ist von seinem jüdischen Glauben. Peter J. Ucko ist ein religiös voreingenommener junger Mann, dem das  notwendige interdisziplinäre Wissen und eine wissenschaftliche Offenheit völlig abgeht! Ucko konnte seine persönliche Meinung, ohne jeden Beweis, merkwürdigerweise im renommierten ›Journal of the Royal Anthropological Institute of Great Britain and Ireland‹ veröffentlichten. (›The Interpretation of Prehistoric Anthropomorphic Figurines‹. Vol. 92, No. 1, 1962, pp. 38-54) Uckos’ dogmatische Ansicht wäre nicht der Rede wert gewesen, hätte er nicht genau das behauptet, was ebenfalls patriarchal-religiös voreingenommene Wissenschaftler hören wollten.

Man(n) wertet sie ab

Patriarchale ArchäologInnen reduzierten die kleinen, nackten Statuetten meistens abwertend auf Venus-Figuren oder Idole. Auch die vorderasiatische Aschera/Ishtar/Astarte wird gewöhnlich als nackte Göttin dargestellt. Von ihr wurden tausende von Figurinen aus Ton gefunden (›Archäologisches Bibellexikon‹). Es käme wohl niemandem in den Sinn, den nackten Statuetten, auch der Aschera, die Göttlichkeit abzusprechen. Dem ist nicht so bei einigen Ägyptologen. Wie viel Frauenverachtung dominiert hier die Beschreibungen der weib­lichen Fi­gurinen! Man würde sie eher in einem erotischen Schmuddelblatt erwarten als von Wissenschaft­lerIn­nen. Keine andere Altertums­wis­sen­schaft spricht von die­sen Sta­tuetten so res­pektlos wie die Ägyptologie. Empört stellt Riane Eisler fest, die Statuetten »wurden und werden von manchen Wissenschaftlern als Ausdruck männlichen Erotizismus interpretiert: sozusagen als antikes Pendant zum heutigen Playboy-Magazin« (›Von der Herrschaft zur Partnerschaft‹ 1989, S. 32). Dabei dürfte es sich bei diesen nackten Statuetten um die frühesten Darstellungen der Urgöttin Neith/Nut handeln. Während Neith die Uralt-Göttermutter, die Große, die Weise Alte ist, deren Pfeile ›Leben‹ bedeuten, steht Nut für einen Teil von ihr, ist ihre ›Nut‹, die Leben spendende heilige ›Spalte‹; Nut symbolisiert die Vulva, das natürliche Tor ins Leben. Nut ist sowohl ein Teilaspekt der Göttin Neith als auch eine eigenständige Göttin; sie ist die Göttin mit dem stark betonten Schoßdreieck. Sie stand in engem Zusammenhang mit dem Glauben an die Wiedergeburt und überlebte als nackte Göttin während der dynastischen Zeit. Auch da empfängt und begleitet sie die Toten. Der Sarg mit ihrem eingravierten Bildnis in Lebensgröße ist ihr Körper, der den Toten aufnimmt, um ihn dann wieder zu gebären. Man hat nichts begriffen, wenn man Nut auf eine Nutte reduziert. ›Beischläferin‹, ›Konku­bine‹, ›Tänze­rin‹, ›Puppe‹, ›Diene­rin‹ oder ›Sklavin‹ wurde sie von den Ägyptologen genannt, obwohl diese nackten Statuetten als Grabbeigaben vor allem in Gräbern von Frauen und Kindern gefunden wurden.

Statuetten-Kataolog

(Abbildungen von weiblichen Fi­gürchen im Offiziellen Katalog des Mu­seums von Kairo)

Zur Abbildung eines weiblichen Fi­gürchens ist unter dem Ti­tel ›Puppe‹ im Offiziellen Katalog des Mu­seums von Kairo der unglaubliche Text zu le­sen, dass die Frau­enfigürchen mit den stark betonten Schoßdrei­ecken »zur Freude der männlichen Toten be­stimmt waren, weil diese die weibli­che Präsenz im Grab zur Er­hal­tung ihrer Zeu­gungskraft für wün­schenswert hielten, wäh­rend Frau­en und Mäd­chen, denen diese Fi­gürchen mitgegeben wurden, die­sem weiblichen Ideal ewig gleichen woll­ten« (OKK Mohamed Saleh und Hourig Sourouzian, Photos: Jürgen Liepe 1986, Text zu Abb. 80 und 81). Zur zweiten Fi­gur im gleichen Katalog ist zu lesen: »Diese Kleinplasti­ken verquicken das Aus­sehen ei­ner Puppe mit der verfüh­reri­schen Anmut ei­ner nackten, tä­towierten Tänzerin, den runden Hüften der seit der Vorgeschichte verehrten Fruchtbarkeitsgöttin und der Symbolfarbe Blau, der ewigen Erneuerung des Lebens; sie verkörpern so das Ewigweibliche, des­sen Aufgabe es ist, den Verstorbenen zu er­freuen und zu be­leben.«
Der evangelische Theologe und Religionswissenschaftler Siegfried Morenz gibt seinen ausdrücklichen Segen zur Diskriminierung der Frauenstatuetten aus den Gräbern, er schreibt: »Nackte Frauenstatuetten, die weder als Wöchnerin gebildet sind noch ein Kind bei sich haben, mag man weiterhin als Beischläferinnen bezeichnen« (Morenz ›Eine Wöchnerin mit Sigelring‹ ZÄS 83, 1958, S. 139).
Im Tempelbezirk des oberägyptischen Hierakonpolis wurde aus der Zeit um 3000 eine neun Zentimeter große, nackte Frauenstatuette aus Lapislazuli gefunden. Der Stein, der den mehrfachen Wert von Gold hatte, stammt aus dem Fernhandel. Lapislazuli kommt aus Afghanistan, das beinahe 5000 Kilometer entfernt liegt. Es ist kaum anzunehmen, dass dieses weit hergebrachte, kostbare Material für die Statuette einer gewöhnlichen Frau aus dem Volk verwendet worden wäre.
Bei den Statuetten handelt es sich, genau wie bei den anderen weltweit in Gräbern gefundenen Göttinnen, eindeutig um sakrale Figuren. Erik Hornung fiel auf, dass die ältesten als Menschen gebildeten männlichen Götter meist einen ungegliederten Leib haben, der gewiss nicht künstlerischem Unvermögen entspreche, sondern eine andere uns noch verborgene Bedeutung haben müsse (Hornung ›Der Eine und die Vielen‹ 1983, S. 98, Hvhb. DW). Sie haben jedoch keine ›verborgene‹ Bedeutung: Sie entsprechen der Gestaltung der urgeschichtlichen Göttinnen-Statuetten, die häufig einen ungegliederten Leib haben und deren Beine auf einen Kegel reduziert sind; denen Hornung aber  Göttlichkeit abspricht.

Man bezweifelt ihre Echtheit

Eine beliebte Methode, die Vielzahl der weiblichen Statuetten herunterzuspielen, ist, an ihrer Echtheit zu zweifeln und sie als mögliche Fälschungen zu diskreditieren, weil sie von privaten Händlern gekauft wurden, also aus Raubgrabungen stammen (Ucko/Hodges ›Some Pre-Dynastic Egyptian Figurines: Problem of Authencity 1963, Hornung 1971/1983, S. 93) Winifred Needler betont jedoch, dass »eine disproportionale Anzahl der besten und vollständigsten Sammlungen von Antiquitäten aller Perioden gekauft wurde [also ebenfalls aus Raubgrabungen stammen], und dass manchmal zweifellos echte Objekte, wie z. B. die historischen Skarabäen Amenophis III., kein einziges Exemplar aus einer archäologischen Grabung enthalten. Quantitative Studien prädynastischer Figurinen, die die Resultate massenhafter Plünderungen nicht berücksichtigen, können da leicht in die Irre führen« (JARCE 5, 1966, S. 16).
Aufschlussreiches berichtete der ›Tages Anzeiger‹ zum Antikenmuseum in Basel: ›Museum mit kostbaren Schätzen, aber zweifelhaftem Ruf‹: Rund die Hälfte der Ägyptensammlung sind ›unbekannte Leihgaben‹, d. h. ›unbekannter Provenienz‹, um deren Herkunft es sich aber kaum kümmert. Die Präsidentin der Kommission für das Antikenmuseum Basel, die Berufskollegin des emeritierten langjährigen Basler Professors Erik Hornung, Barbara Begelsbacher dazu: ›Wir delegieren die Abklärung der Provenienz an Herrn Direktor Blome und haben volles Vertrauen in ihn‹ (TA 6. 1. 2009).

Man lässt sie verschwinden

Eine gängige Praxis ist es, weibliche Statuetten in Instituts- und Museumskel­lern, die selbst für Fachleute nur mit größter Mühe zugäng­lich sind, verschwinden und vergessen zu lassen. So macht etwa Siegfried Morenz in einem Artikel auf zwei weibliche Statuetten aus dem Magazin des Berliner Museums aufmerksam, die erst aufgrund seiner Arbeit überhaupt inventarisiert worden sind (ZÄS 83, 1958, S. 138 f.).

Assuan-Statuetten.Mona

Die Ägyptologin Mona El Mogui fand 1991 beim Katalogisie­ren der Be­stände des alten As­suan-Muse­ums im Abfall des Kellers sechs Göttinnen-Statuetten aus dem Neolithikum, im typisch nubisch-sudanesischen Stil, von de­nen nie­mand Kenntnis hatte und die nir­gends verzeichnet oder jemals publiziert worden waren. Man kann nur Vermutungen darüber anstellen, wie viele weibliche Statuetten – der Inventarisierung unwürdig – noch in den streng gehüteten Magazinen herumliegen. Sicher dürfte noch eine große Anzahl dieser so be­un­ru­hi­genden Zeu­gnisse der matri­archalen Religion unter Verschluss ge­halten oder zerstört worden sein.
(Statuetten im Assuan Museum, Foto: Doris Wolf)

Man bemängelt ihre ›unkönigliche‹ Haltung

Saugoettin

Schweinegöttin in Berlin

Beliebt ist auch die Abwertung der künstlerischen Darstellung, wie im Text zur Abbildung der grazilen 5600 Jahre alten Schweinegöttin im Ägyptischen Museum in Berlin (1983, Abb. 3). Sie findet bei den Textschreibern des Kataloges unter der Leitung von Jürgen Settgast und Dietrich Wildung wenig Gefallen: Die »merkwürdig saloppe Armhaltung« sei »ungöttlich, ja unköniglich«, kritisieren sie. Auch stehen die Forscher vor einem »noch nicht gelösten Rätsel«: Das Schwein sei »im ägyptischen Kulturkreis als heiliges Tier irgendeiner Gottheit völlig unbekannt«. (Lit.: Westermann-Reihe ›museum‹ 1981, S. 85) Sie täuschen sich: Die Urgöttin Neith/Nut ist bereits in vordynastischer Zeit bezeugt, sie ist die ›Muttersau‹, die Göttin, die die sterblichen Götter der dynastischen Zeit gebar und sie altern und sterben ließ, so wie sie am Abend die Sterne gebar und sie am Morgen wieder verschluckte. Wir kennen auch Kleinplastiken des göttlichen Tieres der Nut, ihre Ferkel säugend. Über das Rätsel der Mutter-›Sau‹ und ihre Verfemung könnten die Autoren bei Hans Bonnet ein ganzes Kapitel nachlesen (Bonnet ›Reallexikon der ägyptischen Religionsgeschichte‹ 1971, S. 690 f.) und im Lexikon der Ägyptologie (LÄ, V, S. 762 ff.) wird ausführlich über die Sau-Göttin berichtet, die der Stadt Sais (griechisch für Sau) im westlichen Nildelta ihren Namen gab. (Zu den Gründen für die Verfemung der Saugöttin s. ›Patriarchale Ignoranten ächten die Saugöttin‹)

 Man kritisiert das ›ungöttliche‹ Material

Die vielen Formen der entwertenden und sexistischen Abwehr entstammen der frauenverachtenden Geisteshaltung, der die noch alttestamentarische, patriarchalische Prüderie zugrunde liegt. Bei den aus dem ›vergänglichen Lehm‹ hergestellten weiblichen Figuren, bemängelt Hornung das ›ungöttliche Material‹, weshalb er ihnen ›Göttlichkeit‹ abspricht (s. D. Wolf 2009, S. 68). Bei den Figuren aus Ton spreche »das zerbrechliche Material dagegen, sie als Götterbilder zu deuten« (Hornung ›Der Eine und die Vielen‹ 1983, S. 93). Er vergisst offenbar, dass sich doch schon der ägyptische Gott Chnum und später der biblische Gott des ›ungöttlichen Materials‹ bedient haben, um aus ihm das männliche Ebenbild Gottes, den ersten Mann zu schaffen, der dann allerdings auch nicht gerade ›göttlich‹ herauskam.

Die Schöpfung des Menschen aus Lehm ist bereits von der selbstentstandenen Urmutter Mesopotamiens im 3. und 2. Jahrtausend, der Großen Göttin Nin-Gal, die auch in Syrien, Palästina und Kleinasien verehrt wurde, bekannt. Von ihr heißt es, dass sie die Menschen aus Lehm und ihrem ›Blut des Lebens‹ erschuf. Nach diesem Vorbild stellten Frauen kleine weibliche Statuetten aus Lehm her, das sie mit ihrem Menstruationsblut vermischten. Daher stammt der Begriff ›Adamah›: blutiger Lehm.
Lehm habe, »wie mehrere Schöpfungserzählungen zeigen, eine große Dignität«, schreiben die Bibelwissenschaftler Othmar Keel und Silvia Schroer. »Aus Erde, Lehm, Staub und anderen Zutaten erschaffen die Götter die ersten Menschen.« (O.Keel/S. Schroer ›Eva – Mutter alles Lebendigen‹ 2004, S. 14)

Man nennt sie selten und mit Vorsicht ›Göttin‹

In dieser Atmosphäre der Göttinnen-Feindlichkeit wagen es die ÄgyptologInnen kaum, selbst das Wort ›Göttin‹ auszusprechen: Sie reden von ›Frauenfiguren‹. Zu einer eindeutig als Göttin erkennbaren ›Statuette einer nackten Frau‹ im Ausstellungskatalog ›Nofret – die Schöne‹ kann man lesen: »Kleine Figuren nackter Frauen, manchmal mit Kind, gibt es aus vielen Epochen ägyptischer Geschichte. Wo die Fundumstände gesichert sind, ergibt sich, dass sie als Votivgaben in Tempeln (z. B. dem der Hathor in Deir el-Bahari), als Beigaben in Frauengräbern und in Wohnhäusern vorkommen. Allein diese Fundumstände weisen sie schon als eng zum Bereich der Frau gehörig aus. Leider gibt es keine parallel zu ihnen verlaufende schriftliche Überlieferung, sodass man bei der Interpretation auf Vermutungen angewiesen ist und sehr vorsichtig sein muss«. (›Nofret – die Schöne – ›Wahrheit‹und Wirklichkeit‹ Roemer- und Pelizäus-Museum Hildesheim 1985, Bettina Schmitz, Abbildung 115, Hvhb. DW) Der Text zu einem anderen Bild in der gleichen Publikation lautet eben so vorsichtig: »Mutter mit Kind: Vielleicht handelt es sich bei der hier wiedergegebenen Frau um eine Königin oder Prinzessin, darauf scheint der Kopfschmuck hinzudeuten; dennoch ist auch die Möglichkeit nicht ganz auszuschließen, dass man in ihr eine Göttin zu sehen hat« (Eva Martin-Pardey, ibd., Abbildung 112). Es ist offensichtlich, dass diese vorsichtigen, ja ängstlichen Interpretationen durch die traditionelle Lehrmeinung der männlichen Autoritäten beeinflusst sind. Nur wenige ForscherInnen, unter ihnen Elise J. Baumgartel, hatten den Mut, die ausschließlich weiblichen Statuetten als Göttinnen zu bezeichnen. Eine Frage bleibt:

Wie wollen die Ägyptologinnen und Ägyptologen die Abwesenheit von männlichen Ikonografien erklären, wenn man diese weiblichen Statuetten nicht als Göttinnen anerkennt? Männer gab es damals ja auch schon. Aber – es gab im Neolithikum einfach noch keine männlichen Götter!

Man interpretiert sie als Kinderspielzeug

Einige Autoren wollen in den Statuetten Puppen sehen und uns allen Ernstes glauben machen, Mütter hätten ihren Kindern, die zerbrechlichen Ton-Statuetten zum Spielen überlassen. Sie beklagen, dass die kleinen, künstlerisch oft außergewöhnlich sorgfältig gearbeiteten Figuren in den letzten 50 Jahren als Muttergottheiten interpretiert worden seien. Sie können sich aber nicht erklären, warum sie überall in der Bronzezeit verschwanden (›Großer Bildatlas der Archäologie‹ 1991, S. 66); obwohl es auch in der Bronzezeit Kinder und Kinderspielzeug gegeben haben muss. Das Fehlen der Statuetten macht es deutlich: Die Bronzezeit ist jene Epoche, in der die patriarchalen Indoeuropäer den eroberten Völkern die ersten männlichen Götter aufzwangen, die alte matriarchale Religion verfolgten, ihre sakralen Objekte verboten, zu eliminieren trachteten oder vernichteten. Man muss annehmen, dass unendlich viele der kleinen, zerbrechlichen Statuetten absichtlich zerstört wurden. »Kultstatuen wurden bei allen politisch-religiösen Stürmen vorrangig verfolgt.« (Brunner et al. ›Osiris Kreuz und Halbmond – Die drei Religionen Ägyptens‹ 1984, S. 38) Das tat auch Echnaton, der mit rasender Wut die Statuen der Göttinnen und Götter zertrümmern ließ, später die Christen und die Moslems bis zur Sprengung der Buddha-Statue im zentralafghanischen Bamyan.

Kein Ruhmesblatt für die Ägyptologie

Patriarchale Män­nerideologie, die davon ausgeht, dass Frauen dem Mann als Sklavin, Ge­spielin und zur Befriedigung seiner Bedürfnisse nicht nur zu Lebzeiten, sondern selbst noch nach dem Tod zur Verfü­gung zu stehen ha­ben, sollte durch emanzipiertere Ägyptologinnen und Ägyptologen überwunden werden. Wolfgang Helck, der 1971 mit seiner Studie ›Betrachtungen zur Großen Göttin und den ihr verbundenen Gottheiten‹ einen wichtigen Beitrag zur Göttinnen-Forschung leistete, versuchte zwar, das diskriminierende Bild, das üblicherweise von den Statuetten gegeben wird, einigermaßen zu korrigieren, leider aber mit mäßigem Erfolg. Er schreibt unter dem Titel ›Beischläferin‹: »So werden unbekleidete Frauenfigürchen bezeichnet, die sich im Mittelmeerraum und darüber hinaus finden, und zwar in Hauskapellen, Tempeln und Gräbern. Da weitgehend aber nur aus Frauengräbern stammend, können sie keine Konkubinen für den Toten sein; sie sind primär Schutzmächte der weiblichen Sphäre der Erotik unter Einschluss der kritischen Tage und der Schwangerschaft. Sie treten in Ägypten seit der Badari-Zeit auf in der überall charakteristischen Form mit unter die Brust gelegten Händen und setzen sich in der Nagada-Epoche fort [5500-3500].« (LÄ, I, S. 684 f.) Doch dann kann auch Helck einer patriarchalen Interpretation nicht widerstehen. Er fährt fort: »Dabei sind sie sicher von den sogenannten Tänzerinnen mit erhobenen Armen zu trennen, die für Nagada bezeichnend sind. Im Alten Reich verschwinden diese Figürchen, wohl unter dem Zwang zur Ordnung und dem Bestreben, alle chaotischen Mächte (zu denen auch die Erotik gehört hat) zu negieren. Erst in der 1. Zwischenzeit erscheinen sie wieder, nun aber in der neuen Form, wie sie seit Beginn des 2. Jahrtausends sich aus Belutschistan kommend über den gesamten Vorderen Orient verbreitet hatte, charakterisiert durch die Betonung der Frisur.« (LÄ, I, S. 684 f. Hvhb. DW)

Die weiblichen Statuetten aus den Gräbern und Tempeln, die die Muttergöttin, ihre Aufnahme der Toten und die Wieder­geburt symbolisieren, sind zu ver­gleichen mit der Je­susfigur auf den Särgen der Christen. Wie wäre es, spätere Archäologen würden die Jesusfigur mit den ausgebreiteten Armen als ›Beischläfer‹ oder ›Lustknaben‹ be­zeichnen, den Frauen ins Grab gelegt, um ihnen zu Diensten zu sein und sie sexuell zu erfreuen? Oder wie würde: Das Bild des Papstes mit den zum Segen erhobenen Armen als ›Tänzer‹ interpretiert, ankommen?

Von Sammlern gesucht und hoch geschätzt

Im Gegensatz zu den Abwertungen der Ägyptologen scheinen gerade weibliche Statuetten für private Sammler außerordentlich attraktiv und sind bei ihnen auch in großer Zahl zu finden. So berichtet Ingrid Gamer-Wallert, dass ihr ein Sammler versicherte, er hätte drei seiner Figürchen aus einem ›Haufen von 50 vergleichbaren Exemplaren aussuchen dürfen‹. »Dass es sich hier nicht um einfaches Kinderspielzeug gehandelt haben dürfte«, schreibt sie, »legt schon die hohe Zahl nahe, in der sie allem Anschein nach gefunden wurden… Doch damit sind die Fragen nach der genauen Herkunft, nach der Person der Dargestellten, nach der Gottheit vielleicht, der die Weihung galt, nach dem Alter der Figürchen noch längst nicht beantwortet. Vergleichbare Figürchen kennen wir aus dem Alten Ägypten seit Langem und in beachtlicher Zahl« (›Gegengabe‹ 1992, S. 83).

Göttinnen oder ›gewöhnliche‹ Frauen?

Die Verehrung von Göttinnen in menschlicher und tierischer Gestalt wird für die dynastische Zeit nicht bestritten, denn sie haben ›göttliche Attribute‹, Insignien, die sie als Göttinnen kennzeichnen und ihre Namen werden in Hieroglyphenschrift festgehalten.
Bei der Diskussion, ob es sich bei den Statuetten nur um Frauen oder doch um Göttinnen handelt, sollte eine Arbeit von Alexander Scharff beachtet werden. Er stellte fest: »Die älteste mir bekannte plastische Darstellung der Göttin Isis ist die aus dem Mittleren Reich [aus der Zeit zwischen 2000 und 1600] stammende, vollgegossene Bronzefigur der Göttin mit ihrem Kinde im Berliner Museum, die keinerlei Attribute, weder königliche noch göttliche, zeigt und lediglich durch die Inschrift auf der Bodenplatte als Darstellung der Isis ausgewiesen wird. Diese bislang älteste auf uns gekommene figürliche Wiedergabe der Großen Göttin Isis ist also nichts weiter als die Wiedergabe einer Frau und Mutter aus dem Volke und wohl gerade darum für uns um so bedeutungsvoller.« (Scharff, SBAW, 1947, 4, S. 22) Alle Wissenschaft­ler­Innen scheinen die verzerrte Auffassung von den abgewerteten weiblichen Statuetten zwar nicht zu tei­len, doch die noch immer gängigen Interpretationen werden damit entschuldigt, dass diese Bezeichnungen ›traditionell‹ seien. Doch ›traditionell‹ heißt noch lange nicht ›richtig‹; es entlarvt lediglich die zur Tradition gewordene Misogynie der Wissenschaft. Die diskriminierenden Interpretationen sagen einiges über die Denkart heutiger Wissenschaftler, aber nichts über die Geisteshaltung der frühen Menschen aus. Unverkennbar machen Män­ner hier unter dem Deckmantel von Wissenschaftlichkeit sexistischen Fantasien Luft, und Frauen passen sich an, wenn sie es nicht wagen, die Grenzen, die Mann ihnen gesetzt hat, mutig zu überschreiten.
Scharffs‘ Befund, dass es sich auch bei ganz normalen Frauendarstellungen um Göttinnen handeln kann, verweist alle unrühmlichen Abwertungen der weiblichen Statuetten in den Bereich von Voreingenommenheit. (s. auch ›Der Kampf gegen Vorurteile ist nur selten ein Hauptanliegen der Universitäten‹ auf der Seite: ›Die Göttinnen-Statuetten‹.

Menschen, die sich über die Religion der Göttin informieren und eine patriarchale Hirnwäsche vermeiden wollen – die ihnen das selbständige Denken und Objektivität austreibt – tun gut daran, sich nicht in den theologischen Fakultäten der Universitäten einzuschreiben.

 

Weiterlesen im Buch ab Seite 73: ›Untrügliche Indizien der uralten Göttinnen-Verehrung: Alle Völker hatten zu allen Zeiten eine Religion‹


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