Gab es einen ›König Schlange?‹

Aus dem Inhalt:

  • Das Grab der Königin mit der Kobra-Schlangen-Stele
  • Die Kobra-Göttin galt als ursprüngliche Schöpferin der Welt
  • Zweifel an der Zuschreibung des Grabes in Abydos an Königin Merit-Neith
  • Der monumentale Tempelkomplex der Königin Merit-Neith in Sakkara
  • Der Tempelkomplex von Sakkara mit den Rinderköpfen (Bukranien)
  • Das Weibliche ist in der Ägyptologie eine quantité négligeable

 

»Die Verzerrungen, welche die Annahmen der patriarchalen Theorie zur Folge hatten, sind wahrscheinlich nirgends deutlicher als in der ägyptologischen Literatur. Die zahlreichen Fehlinterpretationen sind offensichtlich.« (Robert Briffault, Anthropologe und Religionsforscher)

Das Grab der Königin mit der Kobra-Schlangen-Stele

Stela vo King Djet

Stela of King Djet, from his tomb at Abydos by Aidan Dodson

»Im vordynastischen Ägypten wurde die ›Schlangenmutter‹ Wadjet (auch Wa-Zit) angebetet. Ihr Symbol war der Uräus.« (Wikipedia ›Schlangen‹)
Wadjet ist nur eine von vielen Umschriften für den Namen der ›grössten ägyptischen Göttin› (Erman), der die Griechen den Namen ISIS gaben.
Gab es je einen König Schlange?
Nein, es gab keinen König Schlange, es handelt sich ausdrücklich um einen Deutungversuch des Archäologen Flinders Petrie. Flinders Petrie wusste, dass er sich irren konnte und warnte, dass es sich fürs Erste nur um ein vorsichtiges Herantasten und keinesfalls um eine abschließende Interpretation handeln könne. (Flinders Petrie ›The Royal Tombs of The First Dynastie‹ 1900, Part I., S. 37 f.)

Dessen ungeachtet wird die Information des im Louvre befindlichen (Grab)-Steines mit ›Stele des KÖNIGS Schlange‹ angeschrieben.

Flinders Petries‘ Deutung wurde trotz seines klaren Hinweises auf die provisorische Zuschreibung an einen König, von unzähligen Abschreibern, Kopisten und Vervielfältigern übernommen und von keinem der Fachleute der Ägyptologie je in Zweifel gezogen und korrigiert. Die patriarchalen Annahmen und Vorurteile vieler Ägyptologen lassen nicht zu, dass das schönste Zeugnis der 1. Dynastie Ägyptens, einer Frau, noch dazu einer selbständig regierenden Königin gewidmet wurde. Flinders Petrie schrieb in dieser Arbeit – unter dem gleichen Vorbehalt – das Grab der Königin Merit-Neith einem König zu. Dieser Irrtum wurde später korrigiert; nicht aber die Fehlinterpretation der Schlangen-Stele. Wadji ist die, durch das Weglassen der weiblichen t-Endung, willkürlich vermännlichte Form von Wadjet. Andere Transkriptionen/Umschriften der Hieroglyphen für Wadjet sind Waset, Udjat, U-Zat, Ua-Set, Uzait, Ua-Zet, Au-zit, Djet, Zit, Zet, usw. Zet, Ua-Sit oder UaZet ist auch der Name des 10. oberägyptischen Gaues, der gern in der vermännlichen Form mit ›Uas‹ wiedergegeben wird. Flinders Petrie präzisiert jedoch, der Name ›Ua-Zeti‹ sei das Land der VerehrerInnen der Schlangengöttin; obwohl das Zeichen der aufgerichteten Kobra in späterer Zeit einfach ein Z sei, erscheine es im früheren Gebrauch für das Wort UaZet (W.M. Flinders Petrie ›A History of Egypt‹ 1896/1991, I, S. 17).

Die »Uräus-Schlange ist stets weiblich und nur mit weiblichen Gottheiten verbunden.« (Karl Martin LÄ, VI, S. 867, ›Uräus‹)

In all den verschiedenen Transkriptionen finden wir den Namen der großen Schlange, der Kobragöttin der Urzeit, die man als Schöpferin der Welt verehrte und eines der heiligen Tiere und Symbole der Großen Göttin Ua Zit oder I-Set/Aset, die wir unter der griechischen Umschrift ISIS kennen. I-Set, bzw. Set/Sit/Zit ist nicht nur die Bezeichnung für die Göttin, sondern – und das noch heute im Ägyptisch-Arabischen – auch für Frau, Dame und Königin. Nach der Eroberung des matriarchalen Ägypten wurden die patriarchalen Totenbücher geschrieben, z.B. die umfangreichen ›Pyramidentexte‹ der 5. Dynastie, die dem Schutz der verstorbenen Könige und der Abwehr von Schlangen gewidmet waren. Das heisst, die Könige wurden als Tote vor der Macht der diskriminierten Schlangengöttin und den ermordeten Königinnen des Matriarchats gewarnt, wovor die neuen Herrscher sich offensichtlich fürchteten. (›Totentexte sind Zaubertexte‹, die dem Verstorbenen helfen sollten unsterblich zu werden).
Die Königin, die sich auf die Kobragöttin berief, wurde von den Ägyptologen zum ›König Schlange‹. So gingen erst die indoeuropäischen Eroberer im Nahen Osten – und später die Ägyptologen – vor. Konnten sie eine Göttin nicht aus dem Volksglauben eliminieren, wurde sie vermännlicht. Die seit dem Paläolithikum verehrte Göttin I-Set (griechisch ISIS) wurde von den Eroberern nicht nur vermännlicht, sondern auch noch zum ›Unheilbringer Set(h)‹ diffamiert.
Isis war die urgeschichtliche Hauptgottheit Mittel- und Oberägyptens. Namentlich ist sie bereits in der Nagada-I-Zeit (ca. 4000 – 3500) nachgewiesen. Sie hatte ihren Sitz im oberägyptischen Ombos, dem alten Nagada oder Nubt, »welches in vorgeschichtlicher Zeit der Mittelpunkt der  a l t a f r i k a n i s c h e n  Isis-Kultur war.« (Jürgen von Beckerath ›Tanis und Theben‹, ÄF, 1951, S. 34, Hvhb. DW) Walter B. Emery schreibt zu den frühen Göttern der dynastischen Zeit: »Zur Zeit der Einigung sehen wir die Stämme der dynastischen Rasse [der horitisch/hurritisch/arischen Eroberer] Horus verehren, dessen Symbol der Falke war, während die Nachkommen der Eingeborenen anscheinend Set als ihren Hauptgott [also der verkannten und vermännlichten Göttin I-set/A-set, griechisch Isis] anerkannten. In der Frühzeit gehörte ein beträchtlicher Teil des Volkes zu den Set-Gläubigen. Sie hielten einen großen Teil Ober-Ägyptens besetzt; das Zentrum war Ombos (in der heutigen Provinz Keneh). So mächtig waren sie, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt ihr Gott Set dem Horus ebenbürtig zur Seite trat und dass sogar eine Zeit lang unter der zweiten Dynastie Set den Horus als Götterkönig verdrängte. Ein Nachklang des Kampfes zwischen Set- und Horus-Anhängern ist in den späteren Mythen erhalten geblieben, die von dem Sieg des durch Horus verkörperten Guten über das durch Set verkörperte Böse berichten.« (Walter B. Emery ›Ägypten – Geschichte und Kultur der Frühzeit‹ 1964, S. 130)
Ist es nicht erstaunlich, dass bis heute, nach Jahrzehnten weiterer Forschungsarbeit, die Vermännlichung und Verteufelung der Göttin noch nicht erkannt wurde? Obwohl die früheren Ägyptologen zum grossen Teil als ›veraltet‹ gelten (s. ›His Masters Voice‹), schreiben die jüngeren Generationen den abqualifizierten Alten ohne zu überlegen das meiste einfach ab. Viel alter Wein in neuen Schläuchen, das ist zutiefst patriarchale Wissenschaft.

›Wer den andern folgt, ist niemals vorne dran‹ (Leonardo Da Vinci)

Die Fortsetzung der Geschichte der Göttin und ihrer Eliminierung geht noch weiter. Nachdem Isis schon aus der Nagada-I-Zeit bekannt war und verehrt wurde, verschwindet sie in der Zeit des Umbruchs (Nagada II), was für die Ägyptologen unerklärlich ist: ›Merkwürdig spät‹, erst in der 5. Dynastie, um 2500, also einige Jahrhundert später, erscheint sie wieder: »Ihr Ursprung und ihre älteste Entwicklung bleiben dun­kel.« (Jan Bergman LÄ, III, S. 186 f.) Doch das Verschwinden ist erklärbar, wenn man die Eroberung der patriarchalen Indo-Europäer und ihre Auswirkungen in Betracht zieht. Es ist die Folge des Kampfes und des Verschiebungsprozesses von der matriarchalen Göttin zu den patriarchalen Göttern der Eroberer und ihre Vermännlichung. Der Isis-Kult wurde von den Eroberern verfolgt, die Tempel der Göttin geschlossen, das wissen wir aus der Zeit des Cheops in der 4. Dynastie, was das Volk in großes Unglück stürzte. Die Große Göttin Isis, die sich aus dem Glauben der indigenen Bevölkerung nicht eliminieren ließ, wurde zum Set vermännlicht und diffamiert. Der vermännlichte Set(h) wird, wie die Göttin I-Set/Isis, auffallenderweise ebenfalls in Ombos beheimatet; ein eigenartiger ›Zufall‹. Ab der 5. Dynastie begegnen wir zwei Gottheiten mit dem Namen Set: die wieder ›auferstandene‹ Urgöttin Isis, die aber nun zur Schwestergattin des ›ari-schen‹ Gottes As-Ari (griechisch Osiris) zurückgestuft ist, und der verfemte ›böse‹ Gott Set(h).
Es kann nicht erstaunen, dass die vermännlichte Große Göttin I-Set – zum Set(h) gewandelt –, die Ägyptologen irritierte und als »die wohl faszinierendste und verwirrendste Erscheinung am ägyptischen Götterhimmel« galt. Es gab Zeiten, in de­nen Seth »in höchster Ach­tung stand und nahezu die Rolle eines ›Reichsgottes‹ spielte – dane­ben aber Zeiten der Verfemung, wie sie keinem ande­ren ägyptischen Gott zuteil geworden ist, bis hin zur feierli­chen ri­tuellen Verfluchung und zur rituellen Tötung. Solche Schwankun­gen in der Geschichte ei­nes Gottes und seiner Wer­tung kennen wir sonst nicht« (Erik Hornung ›Symbolon‹, Bd. 2, S. 49).
Die Kobra-Göttin, die Schutz- und Landesgöttin Ägyptens wurde, zusammen mit der Geier-Göttin Oberägyptens, Nekhbet, usurpiert und zum sogenannten nebti-Namen der Könige gemacht.
Noch mehr als 2000 Jahre später wird in der biblischen Legende vom Paradies die Schlange als weiblich betrachtet und als große Verführerin diskriminiert. »Was wunder, dass auch sie gleich Eva umgebogen, ihre Klugheit zu List verfälscht und ihre Bedeutung für eine glückliche Wiedergeburt in ein schöneres Leben zu dunklem, verderbenbringendem Wirken verdammt werden musste – denn für sich allein hätte sie immer noch die große Muttergöttin und die Gewissheit einer Überwindung des Sterbens symbolisiert«. (Richard Fester ›Weib und Macht‹ 1979, S. 39) Die Schlange ist seit der Urzeit das Symbol für weibliche Schöpfungskraft, Leben, Unsterblichkeit, Weisheit und Erkenntnis und gehört zum matriarchalen Kult der Göttin. So war auch die Kobraschlange in Ägypten das Symbol der weiblichen Weisheit. Schon daraus ist ersichtlich, dass es sich bei den Anlagen, die man in Ägypten irrtümlich einem ominösen ›König Schlange‹ zugeschrieben hat, ein Irrtum ist. Auch wenn man die weibliche Endung einfach weg lässt, einen König Schlange gab es nie. Diese Anlage, die irrtümlich einem König zugeschrieben wurde, war der Tempelkomplex und Verwaltungssitz einer regierenden Königin im Dienste der Schlangengöttin.

Die Kobra-Göttin ist die ursprüngliche Schöpferin der Welt

»An schillernder Vieldeutigkeit übertrifft die Schlange jedes andere Tier der ägyptischen Mythologie… Im Bild der Schlange verkörpert sich ein Symbolgehalt, dessen Tiefe und dessen Vieldeutigkeit keine Grenzen kennen.« (Hornung StG, Studium Generale ›Die Bedeutung des Tieres im Alten Ägypten‹) 20, 1967, S. 81) »Sie ist die Weltenschlange die sich um den Kosmos spannt, die Urschlange, die sich in den chaotischen Weltenwassern tummelt und darum unten im Meer, wie oben am Firmament erscheinen kann,« schreibt Hans Egli in seinem Buch ›Das Schlangensymbol‹. Doch die beiden Autoren, sowohl Hornung wie Egli, unterlassen es, darauf hinzuweisen, dass die ›schillernde Vieldeutigkeit‹ der ›Weltenschlange‹ weiblich und ein Symbol der Großen Göttin ist.
»In der altägyptischen Mythologie ist die Kobra-Göttin Ua Zit die ursprüngliche Schöpferin der Welt.« (Riane Eisler ›Von der Herrschaft zur Partnerschaft‹ 1989, S. 162) Eisler berichtet von der Schlange in andern Ländern und erklärt damit sehr genau, was in Ägypten geschah: »Die Schlange war ein zu wichtiges, zu heiliges und dabei zu allgegenwärtiges Symbol der Göttin, um einfach ignoriert zu werden. Wenn das alte Bewusstsein den Erfordernissen des neuen Systems angepasst werden sollte, so musste letzteres sich entweder der Schlange bemächtigen und sie zu einem Symbol der neuen herrschenden Klasse machen, oder aber die Schlange musste besiegt, diskreditiert und ihrer ursprünglichen symbolischen Bedeutung beraubt werden. In der griechischen Mythologie wird die Schlange somit an der Seite des Olympiers Zeus zu einem Symbol der neuen Macht. Auf dem Schild der Athene, die nach ihrer Metamorphose nicht nur Göttin der Weisheit, sondern auch des Krieges ist, findet sich eine Schlange. Und im Erechtheion, einem Gebäude neben dem Athene-Tempel auf der Akropolis, wurde sogar eine lebendige Schlange gehalten. Die Aneignung der Schlange durch Griechenlands neue indoeuropäische Herren dient höchst diesseitigen politischen Zielen. Sie half den neuen Herrschern, ihre Macht zu legitimieren. Die Tatsache, dass sich plötzlich ein machtvolles Symbol, welches einst der Göttin gehört hatte, in fremden Händen befand, nahm den Menschen die Orientierung und wirkte somit als ständige Erinnerung daran, dass die gewalttätigen und kriegerischen Götter der Eroberer die Göttin besiegt hatten.« (Riane Eisler ibd. S. 162) Dies entspricht exakt dem was wir auf der ägyptischen Schlangen-Stele sehen.

Die Stele zeugt von matriarchalen Symbolen und vollendeter Kunst

Die in feinster Steinmetz-Technik ausgeführte Stele aus Abydos »zeigt in Anlage und Durchführung eine Vollkommenheit, die in späteren, raffinierteren Zeiten kaum übertroffen wurde und bildet heute eine der größten Kostbarkeiten in der ägyptischen Sammlung des Louvre« (Emery ›Ägypten – Geschichte und Kultur der Frühzeit‹ 1964, S. 64).
Was wir auf der Stele sehen, ist eine aufgerichtete Kobra in den Palastmauern eingeschlossen, wahrscheinlich gefangen. Über dem Palast hockt in heraldischer Pose, überdimensional und triumphierend, der siegreiche Horus-Falke. Ohne Zweifel wird hier die Machtnahme des indoeuropäischen Eroberer-Gottes Hor(us) und sein Sieg über die uralte Kobra-Göttin Ägyptens Waset/Ua-Set/I-Zet, Isis demonstriert.
Das Motiv ›Raubvogel (Adler, Falke) gegen Schlange‹ ist in ganz Vorder- und Zentralasien als Mythos bekannt. (s. ›Die frühesten patriarchalen Mythen Vorderasiens: Etana, der 1. König der Eroberer rechtfertigt seine Herrschaft‹, im Buch 2009, S. 285 ff.) Es geht in diesen Mythen um den Kampf des patriarchalen Raubvogels gegen die matriarchale Schlange, um den Krieg der indoeuropäischen Eroberer aus dem Norden gegen die matriarchalen Kulturen des Südens.

Zweifel an der Zuschreibung des Grabes von Königin Merit-Neith / Merneith in Abydos

Grabstele der Merneith in AbydosToby Wilkinson schreibt, es sei nicht bekannt, wem das Grab gehörte, das Flinders Petrie 1900 in Abydos ausgrub und annahm, dass es das Grab eines Königs sei, der Merneith hieß. Aufgrund der vielen Siegel von König Den, die im Grab gefunden wurden, nahmen einige Ägyptologen im weiteren an, dass Merit-Neith die Mutter von Den gewesen sein müsse  (Wilkinson ›Early Dynastic Egypt‹ 1999, S. 74).

»Spätere Forschungen aber haben gezeigt, dass es sich um den Namen einer Frau und, nach der üppigen Ausstattung des Grabmals zu schließen, um eine Königin handelte« (Emery 1964, S. 60), nämlich um Königin Merit-Neith, ›Geliebt von Neith‹. Der Umstand, dass es nicht nur in Abydos sondern auch in Sakkara »dicht neben den Königsgräbern große Monumente gibt, deutet darauf hin, dass sie mehr als die Gemahlin eines Königs und vielleicht selbst eine regierende Monarchin war.« (Emery ibd. S. 61 f.)
Links: Abbildung: Grabstele der Königin Merit-Neith in Abydos

Wadjets Grab in Abydos unterscheide sich nur wenig von den Gräbern der unmittelbaren Vorgänger, schreibt Emery. Das Grab »besteht aus einer großen Grube mit den Resten einer hölzernen Grabkammer; an drei Seiten schließen sich Vorratskammern aus Backstein an. Einschließlich des restaurierten Überbaus misst es 19 mal 15 Meter, und es war von 174 Grabstätten geopfterter Gefolgsleute umgeben, aus denen etwa 20 Exemplare der üblichen, roh gemeißelten privaten Stelen ans Licht gefördert wurden. Genauso wie Königin Merit-Neith hatte auch Uadschi/Wadji in der Niederung zu Abydos rechtwinklig angeordnete Dienerschaftsgräber, im ganzen 161. Abgesehen von den beiden Gräbern zu Abydos und Sakkara wurde in Abydos eine weitere Gruppe von 77 Gräbern freigelegt, in denen Dienstleute (bzw. der Hofstaat mit den gebildeten Frauen um die Königin!) der Merit-Neith bestattet waren und die in geraden Reihen an drei Seiten eines Rechtecks angeordnet sind.« (Emery ibd. S. 62-65 passim) Zur Ermordung der Frauen beim Tod des Herrschers ›Sati‹ s. ›Die Vernichtung der matriarchalen Urkultur Ägyptens‹

Von einer falschen Prämisse ausgehend, werden die Erklärungsversuche immer zahlreicher und absurder…

Beispielsweise: »Djet: Verheiratet war der Regent mit Königin Meritneith. Da diese unmittelbar nach Wadjis Tod selbst den Thron bestieg, nehmen Ägyptologen an, dass sie erst kurz vor Wadjis Tod ›Königliche Gemahlin‹ geworden war und die vorherige Gattin des Wadji, Königin Herneith verdrängt hatte. Als ein möglicher Sohn des Wadji wird sein Thronnachfolger Den angesehen. (https://de.m.wikipedia.org/wiki/Wadji)
Merit-Neith hatte eine aussergewöhnlich wichtige Stellung inne, weshalb ihr das ›Privileg‹ eines Grabes in Abydos ›gewährt‹ wurde, meint Toby Wilkinson! Er bemerkt, Siegel von Wadjet/Djet führten zu der Vermutung, dass es für »Djets Königin« erbaut wurde und er erkennt nicht, dass Djet aufgrund der t-Endung ein weiblicher Name ist (s. oben die verschiedenen Transkriptionen). Er meinte, eine andere Erklärung sei, dass es Djets Mutter gehören könnte. Auch könne die Nischen-Mastaba von Gizeh ein verschwenderisches Begräbnis für die Mutter des Königs gewesen sein. (T. Wilkinson ibd. 1999, S. 73)

Elfenbeinkamm-DketAlso doch weiblich! Kommt auch Wilkinson wirklich nicht auf die Idee, es könnte sich bei Wadjet um die regierende Königin selbst gehandelt haben? Patriarchales Denken macht offensichtlich begriffsstutzig! Der Unsinn von der Königin, die für ihren Sohn regiert haben soll, wird gerne und immer wieder  nacherzählt: ›The tombs belonging to the pharaohs of Dynasty I & II — along with that of Queen Merneith, who probably acted as regent for her son, Den — lie to the west and south of Cemetery B‹.
Für eine Königin sprechen die wenigen von den Grabräubern übersehenen Grabbeigaben: kostbarer Schmuck, ein fein dekorierter Elfenbeinkamm (Abb. links), ein Haarzopf und Toilettenartikel einer Frau. Die ausgesprochen weiblichen Beigaben befinden sich heute im Ashmolean Museum in Oxford.

 

Die Eroberer haben die Hochkultur Ägyptens nicht geschaffen,
sondern von den matriarchalen Königinnen usurpiert!

Der monumentale Tempelkomplex der Königin Merit-Neith in Sakkara mit den Rinderköpfen (Bukranien)

Eine monumentale Anlage in Sakkara wurde zuerst ebenfalls ›König Schlange, zugeschrieben. Doch dies ist kaum ein Grab sondern der riesige Tempelkomplex und Sitz der Landesverwaltung – und wie sich herausstellte von Königin Merit-Neith. (s. ›Das matriarchale Königinnentum Ägyptens und Mesopotamiens‹) Emery (ibd. S. 85) schreibt:

»wir haben reichliche Beweise, für die Existenz eines hochzivilisierten Staatswesens mit einem gut organisierten Verwaltungsapparat.«

Dieses hochzivilisierte  Staatswesen der 1. Dynastie, war nicht in den wenigen Jahren nach der kriegerischen Eroberung durch die Horiter (die Shemsu-Hor) und der ebenso kriegerischen ›Vereinigung der beiden Länder‹ aufgebaut worden, sondern stammt aus der matriarchalen Zeit Ägyptens, den vielen Jahrhunderten, sogar Jahrtausenden, vor der Invasion der Indo-Europäer. Die prosperierende Handelsstadt Hierakonpolis geht beispielsweise bis ins 8. Jahrtausend zurück.

In den Mauernischen waren 300 aus Ton modellierte Rinderkopf-Skulpturen mit echten Hörnern angebracht.

Wadjet-Bukranien Ein Bukranien-Altar mit 300 Rinderköpfen aus Ton mit echten Hörnern umgeben das berühmte Grab, das irrtümlich einem ›König Schlange‹ zugeschrieben wurde (Abb. nach Emery 1964).

Der Rinderkopf ist das bekannte Symbol für den Uterus

Der Uterus stellt einen Teilaspekt der ›Roten Göttin‹ Isis, der Göttin dar, die die Frau im gebärfähigen Alter repräsentiert. Sie steht mit dem Mond und dem weiblichen Dreieck in Verbindung. Diese Symbole fand man in großer Zahl bei den Felsgravuren der Steinzeit, aber auch im matriarchalen Çatal Hüyük, wo Dorothy Camerons das Rätsel der Bukranien löste. Sie fand heraus, dass sie als Symbole für die weiblichen Schöpfungsorgane stehen. Wissenschaftler bezeichnen die Bukranien gerne als ›Stierköpfe‹; was jedoch  keinen Sinn macht, denn Stiere haben normalerweise keinen Uterus und der Stier hatte vor der Entdeckung seines Anteils bei der Zeugung keine Bedeutung außer als Fleischlieferant bei den indoeuropäischen Rinderzüchtern.

In der Badari-Zeit des 6./5. Jahrtausend wurden Rinderbegräbnisse gefunden, was auf einen rituellen Kult hinweist. Als Mutter- und Schöpfergöttin wird Neith in Rindergestalt, als ›Große Kuh‹ verehrt; sie ist die Weltenschöpferin und Erschafferin der Menscheit, ›die Älteste, Mutter der Götter, die das erste Antlitz erleuchtete‹ und sie ist eng mit der Schöpfergottheit Mehet-weret verknüpft. Hat-Hor, die von den indoeuropäischen Eroberern mitgebrachte Göttin der Horiter, Mutter und Gattin des Hor/us-Gottes passt sich in Ägypten der matriarchalen Göttin in Rindergestalt an. Als Göttin der Eroberer ist sie ein Teil der ›Königsreligion‹. »In ihrer Rindergestalt beschützte Hathor den König und trat als königliche Amme auf, die den König selbst als Erwachsenen noch stillte.« (Richard H. Wilkinson ›Die Welt der Götter im Alten Ägypten ‹ 2003, S. 140 f.) Allmählich wird sie ›ägyptisiert‹ und der Ur-Kuhgöttin Mehet-weret angeglichen.

Bukranien waren ausschließlich mit dem Kult der Mondgöttin verbunden; »die Hörner des Altars waren gewöhnlich an den Kultbildern der Kuhgöttin Hera, Astarte, Io, Isis oder Hathor angebracht« (Ranke-Graves ›Griechische Mythologie‹ 1986, S. 200). Wir wissen vom indoeuropäischen, patriarchalen Zeus, dass er sich das alte matriarchale Bukranion-Symbol für den Uterus der Göttin aneignete. Er verwandelte sich in einen Stier und gebar aus seinem ›Stierkopf-Uterus‹ die Göttin Athene – in voller Kriegsrüstung. Ein Akt von Größenwahn.

 ›Das Weibliche ist in der Ägyptologie eine quantité négligeable‹

Wie wir bei ›Wadji‹ gesehen haben wurde die weibliche T-Endung häufig einfach weggelassen und »spätestens seit Anfang des Mittleren Reiches nur noch in der Genitivverbindung gesprochen« (Jürgen Beckerath ›Abriß der Geschichte des Alten Ägypten‹ 1971, S. 10). Dies veranlasste Beckerath, die weibliche Form in seiner Arbeit ›in der Regel‹ ebenfalls wegzulassen. Dies verursacht Zweifel, die möglicherweise beabsichtigt sind.

Mit patriarchaler Überheblichkeit belehrte auch Peter Kaplony – dem die Königinnen ein Dorn im Auge waren – seine StudentInnen:

›Das Weibliche ist in der ägypti­schen Schrift eine quantité négligeable, das können Sie vergessen.‹

Selbst wenn man die weibliche T-Endung einfach wegläßt, – eine eindeutige und vermutlich gewollte Abwertung der Königinnen – um die Zuschreibung der berühmten Denkmäler an einen König zu ermöglichen, dürfte es sich bei der Stele, die einem König Wadji zugeschrieben wird, doch eindeutig um die Stele einer KönigIN handeln. Silke Roth sieht sich sogar veranlasst, wegen der fehlenden T-Endung das Geschlecht der Königinnen in Frage zu stellen. »Wiederholt wurde die Ansicht geäußert, dass es sich bei den mit dem Namen der Göttin Neith zusammengesetzten Personennamen der Frühzeit (fast) ausschließlich um Frauennamen handele«, schreibt sie. »Indes zeigt eine Überprüfung aller theophoren Eigennamen, dass 33% von ihnen mit dem Element ›Neith‹ gebildet sind – eine deutliche Bevorzugung dieser Göttin, die einem auch darüber hinaus feststellbaren Höhepunkt ihrer Verehrung in dieser Zeit entsprechen dürfte. Eine Durchsicht der von Kaplony zusammengestellten Belege macht schließlich deutlich, dass in den meisten Fällen keine Entscheidung über das Genus der mit ›Neith-Namen‹ benannten Personen getroffen werden kann. Die Bildung des Namens Htp-N.t [Neith-Hotep] lässt folglich keine unmittelbare Aussage zum Geschlecht seines Trägers zu«. Schliesslich glaubt sie offenbar allen ernstes: »Zusammenfassten kann festgestellt werden, dass die Person Htp-N.t mindestens ebenso plausibel als ein Sohn des Aha zu identifizieren ist, wie sie als dessen Tochter, Gemahlin oder Mutter angesprochen werden kann«. Ihre absolute Loyalität zur patriarchalen Wissenschaft gipfelt u.a. im Satz: »Schon in der 1. Dynastie hatte sich ein Kanon von Titeln abgezeichnet, der zur Kennzeichnung derjenigen Frauen diente, die an der Seite des Gottkönigs den femininen Aspekt des Königtums repräsentierten«. (Roth ›Die Königsmütter des Alten Ägypten – von der Frühzeit bis zum Ende der 12. Dynastie‹ 2001, S. 31f. + 35 + 37 Hvhb. DW) Sicher ist, an der Seite der patriarchalen, ›gottköniglichen‹ Professoren der Ägyptologie hätte eine feministische Wissenschaftlerin Silke Roths‘ Karriere nicht machen können.

Der sich verstärkende archäologische Beweis für den matriarchalen Ursprung unserer Gesellschaft verlangt nach einer drastischen Neuschreibung der Geschichte der Menschheit. (Elizabeth Gould Davis)

 

 


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