Geburts- und Menstruations-Höhlen

Aus dem Inhalt:

  • Der ›Rote Hügel‹ von Kom el-Ahmar
  • ›Ocker‹ oder das schöpferische Blut der Frauen
  • Sakrale Keramik mit Menstruationsblut vermischt?
  • Die Vulva und das Leben spendende Blut der Frauen
  • Die Heiligkeit der Nachgeburt
  • Das Rätsel der Blomboshöhle

 

Seit dem Paläoli­thikum ist die Symbolik der Wiedergeburt aus dem göttlichen Schoß erwiesen; Höhlen waren die ältesten Heiligtümer. Höhle, Sargraum, Sarg und Grab haben alle die gleiche Bedeutung: ›Mutterschoß der Großen Göttin‹.

Der ›Rote Hügel‹ von Kom el-Ahmar

An der Sandsteinfarbe des Hügels kann die Bezeichnung nicht liegen. Wohl eher daran, dass die Bezeichnungen für rot und Menstruationsblut im Ägyptischen identisch sind! Frauen zogen sich während der Zeit der Menstruation und der Geburt in diese Höhlen zurück. In den Höhlen, schreibt Gerda Weiler, sind »die Wandlungsmysterien des weiblichen Blutes, das Geheimnis der Wiedergeburtskraft und weibliche Weltdeutung verschlüsselt.« (Gerda Weiler ›Der aufrechte Gang der Menschenfrau – Eine feministische Anthropologie II‹ 1994, S. 175)

»Meines Erachtens sprechen mehrere Indizien dafür, dass die Höhlen… als ein weiblicher Leib und gewisse Teile der Höhlen, Felskammern, als eine Gebärmutter aufgefasst worden sind… Zum einen waren ganze Höhlenbereiche mit rotem Ocker bedeckt, etwa in Gargas oder in Cougnac, und die kleine Höhle Blanchard bei Saint-Marcel war fast völlig mit roten Ockerstrichen bemalt.« (Hans Peter Duerr ›Sedna oder Die Liebe zum Leben‹ 1984, S. 51, Hvhb. DW)

Ägypten ist übersät mit von Menschenhand ausgestalteten Höhlen, denen in der urgeschicht­lichen Zeit verschiedene Bedeutungen zukamen, doch außer jenen, die in dynastischer Zeit mit Hieroglyphen-Texten und Bildern versehen wur­den, fanden sie bis heute nicht das In­teresse der Wissen­schaftlerInnen. Man kann verschiedene Höhlen­typen unterscheiden; am interessantesten sind die Höhlen, die vollständig mit einer dicken rotbraun durch­mischten Nilschlamm­schicht überzogen und mit verschiedenfarbiger Kalktünche bemalt sind.

Roter Hügel Kom el-Ahmar

Der ›Rote Hügel‹ von Kom el-Ahmar (Hierakonpolis, Foto D.Wolf)

Die An­nahme, dass es sich hier um Menstruati­ons- und Gebär­höhlen aus der vor-dynastischen Zeit handelt, ist naheliegend. Naheliegend ist auch, dass die rötlichbraune Ockerfarbe des mit Lehm vermischten ›Wandverputzes‹ weibliches Blut sein dürfte.

Vulva Kom el-Ahmar copyGeburt Kom el-Ahmar
 In den Farben der Göttin – rot, weiß und schwarz – bemalte Felsformationen in den Menstruations- und Geburtshöhlen von Kom el-Ahmar. Links: Vulva. Rechts: Wahrscheinlich das im Moment der Geburt erscheinende schwarz behaarte Kinderköpfchen aus dem Schoß der Mutter. (Hierakonpolis, Fotos D. Wolf)

›Ocker‹ oder das schöpferische Blut der Frauen

Roter Ocker wurde seit Hundertausenden von Jahren als Symbol des Lebens verwendet, auch in den Grabstätten des europäischen Paläolithikums. Davon zeugen die 300’000–400’000 Jahre alten Ocker-Artefakte der Terra Amata bei Nizza. Zu den ältesten Belegen der Verwendung von Ocker gehörte auch schon der Homo erectus von Olduvai, der ca. 500’000 Jahre alt ist. Farbreste zeigen, dass nicht nur die Göttin von Laussel – ca. 25’000 Jahre alt – , sondern auch die Skulptur der 28’000–30’000 Jahre alten Göttin von Willendorf, die ›Rote Göttin von Mauern‹ und andere Skulpturen ursprünglich ganz mit ockerroter ›Farbe‹ bedeckt waren.
»Die Grundvorstellung der prähistorischen und antiken Welt besagte, dass Menschen aus dem Blut der Frau entstehen. Daher ist es weniger gewagt, den Schluss zu ziehen, dass der biblische Adam einen Namen hat, der der alten chaldäischen Göttin Adamu nachempfunden ist. Diese Göttin, deren Namen in chaldäisch ›rot‹ bedeutet, wurde als weibliches Prinzip der Materie betrachtet und insbesondere mit dem Menstruationsblut verbunden. Die biblische Schöpfungsgeschichte, in einer Zeit aufgezeichnet, als es bereits patriarchalische Systeme gab, verdrehte diese Idee und ließ die Frau aus dem Mann entstehen.« (Rufus Camphausen ›Yoni die Vulva‹ 1999, S. 28) Auf den Ursprung des Namens ›Adam‹ macht auch Erich Neumann aufmerksam: »Wir sind von den späteren patriarchalen Religionen und Mythologien her gewohnt, den männlichen Gott als Schöpfer anzusehen, der, wie Chnum in Ägypten oder JHWH im Alten Testament, den Menschen aus Lehm formt. Deswegen heißt der aus Erde (Adamah) gemachte erste Mensch Adam, wozu sich Parallelen in Griechenland, Indien, China und vielen anderen Ländern finden. Aber die ursprüngliche und verdeckte Schicht kennt natürlicherweise ein Weibliches, das schöpferisch ist. Um das Jahr 2000 ist im Mittelmeerbezirk eine Renaissance der Muttergottheit nachgewiesen worden, die um 4000 v.u.Z. die herrschende Gottheit gewesen zu sein scheint.« (Erich Neumann ›Die Grosse Mutter‹ 1974, S. 136) Interessant ist jedoch, dass die sumerische Göttin Ningal, ein Beiname der vor-sumerischen Göttin Inanna, bereits die Schöpfung des Menschen aus Lehm schuf. Die selbstentstandene Urmutter Mesopotamiens wurde auch in Syrien, Palästina und Kleinasien verehrt. Von ihr heißt es, dass sie die Menschen aus Lehm und ihrem ›Blut des Lebens‹ erschuf. Nach diesem Vorbild stellten Frauen kleine weibliche Statuetten aus Lehm, den sie mit ihrem Menstruationsblut vermischten, her. Daher stammt der Begriff ›Adamah‹: blutiger Lehm. Tatsächlich stellte ein Forscher, der die 25’000–29’000 Jahre alte Statuette von Dolni Vestonice genauer untersuchte fest, dass sie aus einer Paste aus Mammutknochen, Fett, Ton und Blut hergestellt worden war. (http://www.radio.cz/de/rubrik/tagesecho/figur-aus-altsteinzeit-unter-spezialroentgen-die-raetselhafte-venus-von-vestonice)
Lehm habe, »wie mehrere Schöpfungserzählungen zeigen, eine große Dignität« (Othmar Keel/Silvia Schroer ›Eva – Mutter alles Lebendigen‹ 2004, S. 14). Man kann beobachten, wie ›die ursprüngliche und verdeckte weibliche Schicht‹, von der Neumann spricht, die frühere matriarchale Mythologie zudeckt und damit unsichtbar macht: Im Patriarchat wird die Erschaffung der Menschen vermännlicht: »Aus Erde, Lehm, Staub und anderen Zutaten erschaffen die Götter die ersten Menschen.« (Keel ibd.) Zu den nicht genannten ›Zutaten‹ gehört das weibliche Blut, das, wie wir noch sehen werden, oft als roter Ocker verkannt wird.

Sakrale Keramik mit Menstruationsblut vermischt?

Die Frage, ob Lehm mit Menstruationsblut vermischt wurde, stellt sich auch bei den tiefroten, durch das Brennen schwarz geschmauchten oberägyptischen und nubischen Kult-Gefäßen; untersucht wurde dies noch nie. Nur dem französischen Archäologen Fernand Debono fiel bei seiner Untersuchung der Keramik aus dem unterägyptischen ›Atelier von El Omari‹ auf, dass dem Ton, aus welchem die als Grabbeigaben bestimmten Keramikvasen hergestellt wurden, eine rote Substanz, ›eine Art Ocker‹ beigemischt wurde, eine Eigenart, die sonst nirgends erwähnt wird (Debono ›La civilisation prédynastique d’El Omari‹ 1956). Aufgefallen ist auch dem Archäologen Hans-A. Nordström, dass die ›schwarz geschmauchte Ware‹ aus der Badari-Zeit [ca. 5500–4000], mit einem feinen und gut bindenden, jedoch nicht identifizierten Material, vermischt wurde. In beiden Fällen kann es sich um die Beimischung von weiblichem Menstruationsblut und/oder der Plazenta gehandelt haben. Die Idee drängt sich geradezu auf, dass Frauen ihr heiliges Menstruationsblut und den nachgeburtlichen ›Mutterkuchen‹ beim Herstellen der Keramikgefäße mitverwendeten. Diese Grabbeigaben symbolisierten ja den Leben spendenden und nährenden Körper der Frau und den Uterus.
Jede Art von Gefäß – Kelch, Kessel, Schale, Gral, Pokal, Kanne, Krug, Urne, Muschel, Amphore usw. – ist Sinnbild der Mütterlichkeit, des Empfangens, Schützens, Bewahrens, ist Symbol weiblicher Machtfülle und der Fülle der Nahrung – aber auch für das Mysterium des Wandels und der Wiedergeburt.
Die kostbarsten Keramikgefäße – davon viele uterus- und eiförmige Grabbeigaben der matriarchalen Zeit – zum Beispiel aus Oberägypten, Nubien, dem iranischen Susa usw., gehören zu den schönsten künstlerischen Artefakten der Welt.
Sie wurden ausschließlich von sesshaften Völkern geschaffen; für Nomaden waren sie absolut unzweckmäßig. Bei Ausgrabungen in einer Höhle in der chinesischen Provinz Jiangxi wurden die ältesten bekannten Töpferwaren der Welt entdeckt. Es seien Fragmente von etwa 20’000 Jahre alten Keramik-Gefäßen, berichtet ein internationales Forscherteam in der Fachzeitschrift «Science». Damit sei nun endgültig sicher, dass die Töpferei nicht – wie lange Zeit angenommen – erst mit Beginn der Landwirtschaft vor etwa 10’000 Jahren aufgekommen sei.« (Die Welt vom 29.06.12)
Der sowjetische Archäologe P.N. Tretjakow wies darauf hin, dass die Formen der Fingerabdrücke ganz klar darauf hinweisen, dass die Tonwaren von Frauen hergestellt worden sind (Elaine Morgan ›Der Mythos vom schwachen Geschlecht‹ 1989, S. 197). Was der Ethnologe Robert Briffault ebenfalls bei zahlreichen Funden aus den Seengebieten der Schweiz feststellte. Abdrücke von Daumen und Fingern stammen ohne jeden Zweifel von Frauen. Er stellte fest, dass sich die Kunst des Töpferns in allen ursprünglichen Gesellschaften gleichermaßen in den Händen von Frauen befand. Es gebe keinen Zweifel, schreibt Briffault, dass die prähistorische Töpferei das Werk von Frauen war. Für ihn ist dies ein Zeichen dafür, dass dieses Gebiet der Kunst ein Mysterium beinhaltete, dessen Geheimnisse in der weiblichen Linie weitergegeben wurden (›The mothers‹ 1959, S. 101). »Die Töpferei ist bis in die geschichtliche Zeit ein Privileg der Frauen und war für Männer regelrecht tabu.« (Weiler ibd. 1994, S. 80) »Der Aufbau des Gefäßes gehört in ebendem Sinne zur schöpferischen Tätigkeit des Weiblichen, wie der Aufbau des Kindes, das heißt des Menschen, – der wie das Gefäß – mythologisch aus Erde gemacht wurde.« (Neumann 1974, S. 137)
Gefäße in jeder Form – vom Menstruationstöpfchen, dem Symbol der Göttin Nut, bis zum Blutkelch des heiligen Gral – stehen für das kultische Mysterium des weiblichen Leibes und Blutes und für das Wunder der Entstehung des Lebens im weiblichen Körper. »Im Weiblichen verbindet sich immer und bis in die Moderne hinein der Gefäßcharakter, ursprünglich der Höhle, später des Hauses, und das Innen-Sein, das im Haus geborgen, geschützt und gewärmt sein mit dem ursprünglichen Geborgensein im Mutterleib.« (Neumann ibd. 1974, S. 138)

Der Prähistoriker Hermann Müller-Karpe hat erstaunlicherweise Zweifel, dass Ocker ein Symbol für Blut sei: »Da in vielen späteren Kulten Rot als die Farbe des Lebens gilt, wurde angenommen, dass die Rötel- und Ockerbeigaben bei paläolithischen Bestattungen in ähnlichem Sinn zu verstehen seien: die rotfärbenden Materialien hätten dem Verstorbenen die Farbe des Lebens verleihen sollen.« (Müller-Karpe ›Geschichte der Steinzeit‹ 1976, S. 254) Müller-Karpe kann sich das nicht erklären. Er fährt fort: »Dabei blieb aber offen, wie die gedankliche Verbindung zwischen roter Farbe, biologischem Leben und Leben eines Verstorbenen näher vorzustellen sei. Eine Symbolik, bei der biologisches und jenseitiges Leben in Analogie zueinander gesehen werden, setzt die Emanzipation der Vorstellung von einem Jenseits als einer selbständigen Daseinsform voraus und ist sicherlich die Frucht eines ausgesprochen entwickelten Denkens« (Müller-Karpe ibd). Es sieht ganz so aus, als hätten die Frauen der Steinzeit dieses entwickelte Denken bereits besessen, jedoch nicht als eine Vorstellung des Weiterlebens im Jenseits, sondern als Wiedergeburt im Diesseits aus ›dem heiligen Blut der Frauen‹.
Bis vor 4000–5000 Jahren war Menstruations- und Geburtsblut noch nicht patriarchal als ›unrein‹ diffamiert,  sondern heiliges Privileg der Frauen und das sichtbare Zeichen ihres fruchtbaren Schoßes. Es wurde offensichtlich aufgefangen, z.B. in Muschelschalen wie man sie in der Blomboshöhle in Südafrika gefunden hat. In späterer Zeit wurde es in Keramiktöpfchen gesammelt, die als Symbol der Vulva-Göttin Nut bekannt sind (s. ›Symbole schreiben Urgeschichte‹). Das Blut wurde mit Lehm vermischt und damit die Gebär- und Menstruationshöhlen als Symbole des Uterus ausgestaltet. Es wurde offenbar auch getrocknet und pulverisiert aufbewahrt. In Lascaux fand man 80 kg von rotbraunem ›Ocker‹ zur Bemalung der Wände; allerdings wurde nie untersucht, ob es sich dabei um Blutpulver handelt, das genau so aussieht wie pulverisierter rotbrauner Ocker. Die Annahme, dass es sich bei der Deckschicht in den Höhlen von Kom el-Ahmar nicht um Ocker, sondern um einen von Lehm und Blut vermischten Belag handeln könnte, musste wissenschaftlich untersucht und geklärt werden. Das war gar nicht so einfach. Bei meiner Entdeckung 1990 konnte noch kein europäisches Labor die Proben auf Jahrtausende altes Blut untersuchen. 1991 entdeckte jedoch der Urgeschichtsforscher Thomas Loy von der australischen Universität Canberra, dass die bis zu 30’000 Jahre alten Fels- und Höhlenbilder der Aborigines unter anderem mit Menschenblut gemalt wurden. Er analysierte auch 90’000 Jahre alte Blutreste auf Steinwerkzeugen aus der Tabun-Höhle in Israel (s. Antiquity 66 1992, S. 24–35). Blutproteine machen Farben haltbar und es scheint, dass sich Blut gerade auf Steinoberflä­chen Millionen von Jahren konser­viert und das Alter zuver­lässig datiert werden kann. Die Un­ter­suchung der von mir entnommenen Proben aus den oberägypti­schen Höhlen – die durch die Vermittlung des Laboratoire de Recherche des Monuments Historiques in Champs sur Marne 1992 im Institut von Thomas Loy analysiert wurden – bestätigten mittels umfangreicher Analysen, dass es sich bei der mit Lehm vermischten roten Farbe der Höhlenwände tatsächlich um Blut handelt. Dieser Befund könnte auch für die Zuordnung der Höhlenmalereien Südfrankreichs und Spaniens von Interesse sein. Sollte es sich bei der bis heute als ›Ocker‹ bezeichneten Farbe um Menstrualblut handeln, dürfte wohl kaum mehr angezweifelt werden können, dass die Kunstwerke von Frauen geschaffen worden waren. (s. D. Wolf ›Was war vor den Pharaonen‹ 1994, S. 71–73) Ob es sich dabei um Menstruationsblut handelt, wäre wahrscheinlich durch den Nachweis von Epithelzellen herauszufinden, die nur im Menstruationsblut, nicht aber im Blut des Kreislaufs vorhanden sind (Rohan Fenwick). (›Uterine blood is characterised by the presence of cells, while circulatory blood does not contain epithelial cells‹, persönliches Mail des australischen Mediziners R. Fenwick)

Die wissenschaftlichen Untersuchungen von Thomas Loy belegen, dass in matriarchaler Zeit Menstruations- und Gebärblut als heilig verehrt wurde und den Frauen zur Ausgestaltung und Bemalung der ›Uterushöhlen‹ im oberägyptischen Kom el-Ahmar diente.

Leider haben patriarchale ForscherInnen kein Interesse daran abzuklären, ob bei der Bemalung der bekannten Höhlen Südfrankreichs und Spaniens Blut verwendet wurde. Die Angst und Zurückhaltung ist begründet und verständlich. Während das weibliche Blut, das während der Menstruation und bei jeder Geburt vergossen wird, Leben hervorbringt, besteht die patriarchale christliche Theologie nicht nur darauf, Götter hätten die Menschen erschaffen, sondern auch darauf, männliches Blut, das durch Gewalt zum Tode führt, sei heilig und ›erlösungsfähig‹ (Gerda Weiler). Das in den Höhlen zelebrierte matriarchale Blutopfer der Menstruation und Geburt an die Göttin wurde im Patriarchat durch das Menschenopfer an die Götter ersetzt und in den patri­archalen Religionen wurde das natürlich fließende, weibliche Lebensblut negativ besetzt, verfemt und durch männliches Tötungsblut (s. das Blut Christi) ersetzt.
Sollte es sich auch bei der bis heute als ›Ocker‹ bezeichneten rotbraunen Farbe in der Höhlenkunst Kantabriens um Menstruations- und Geburtsblut handeln, würde den Jagdphantasien und Mythen von den Großen Jägern, die in den Höhlen nicht nur ihre jagdmagischen Rituale durchführten, sondern auch noch als die Künstler der Höhlenmalereien propagiert wurden, der wissenschaftliche Boden entzogen. Damit müsste wohl das Dogma von der ›Jagdmagie‹ und die liebgewonnene Idee von den großen urzeitlichen Jägern endgültig begraben werden. Dann dürfte – wie schon oft vermutet – wohl kaum mehr ernsthaft daran gezweifelt werden, dass es erwachsene Frauen und junge Mädchen ab der ersten Regelblutung, der Menarche, waren, die sich in diese Höhlen während der Menstruation oder der Geburt ihrer Kinder zurückzogen und dass SIE die Schöpferinnen dieser Kunstwerke waren. Es wäre dann aber kaum anzunehmen, dass sich Männer überhaupt je in diesen Höhlen aufgehalten haben.

Die Vulva und das Leben spendende Blut der Frauen

Blutende VulvaEs ist unfassbar, wie patriarchale arische Priesterkasten, die die kriegerischen Indo-Europäer auf ihren Eroberungszügen begleiteten, die Quelle des Lebens, das Leben spendende Blut der Frauen, als unrein, als Schmutz und Schande diskriminierten. Das Alte Testament ist voll von pejorativen, herabsetzenden, respektlosen, demütigenden, kränkenden und verächtlichen Anmerkungen von der Unreinheit der Frau, der Unreinheit der Menstruation und der Unreinheit der Geburt. Erstaunlich, dass sich Frauen diese zutiefst verletzenden Aussagen bis heute gefallen lassen und dass sie diesen Sekten – als Religionen schöngeredeten frauenfeindlichen Ideologien – noch immer angehören. Das Christentum folgte dem Judentum mit der Diskriminierung der Frau. (s. ›Das patriarchale Feindbild Frau‹ http://www.doriswolf.com/wp/?page_id=4744)
(Links: Die blutende Vulva der Göttin von Willendorf. Aufnahme http://donsmaps.com/images28/vulvasm.jpg) 

Die Machtfülle des weiblichen Blutes

»Bei vielen Völkern galt die Zeit der Menstruation ­– die Dokumentation der Fruchtbarkeit – als Periode der weiblichen Machtfülle, als Zeit ›when we are powerful and the men are afraid‹.« (Duerr ibd. 1984, S. 400) Beängstigend, bedrohlich, gar widerlich und abstoßend erscheint patriarchalen Männern das weibliche Blut. Im Gegensatz dazu verehren indigene Völker die Menstruation bis heute als göttlich; so etwa die Bambuti-Pygmäen die eine Urmutter mit dem Namen Matu verehren, deren Name neben der Bezeichnung für Mutter auch eine Personifizierung des Wortes otu, ›Menstruationsblut‹ ist. »Das Blut einer menstruierenden Frau hat bei den Bambuti keinerlei negative Bedeutung und gilt nicht als furchterregend, so dass der Beischlaf mit einer Menstruierenden nicht tabuisiert ist.« (Duerr ibd. 1984, S. 408) Spuren alter Verehrungsrituale haben sich auch bei den Eingeborenen Australiens erhalten. »Die australischen Schwarzen, die Blut über ihren heiligen Steinen ausgießen und sich nach ihren Riten selbst rot anmalen, erzählen freiwillig, dass diese rote Farbe eigentlich das Menstruationsblut von Frauen ist. In einem Hottentottenlied an den Regengeist wird er wie folgt angeredet: ›Du, die du deinen Körper rot wie Goro gemalt hast; Du, die du nicht auf die Menstruation verzichten willst.‹ Die Gottheit, um die es hier geht, ist zweifellos eine Form des Mondes, und das rote Ocker, mit dem sie sich bemalten, wird nach ihr ›Goro‹ genannt.« (Briffault 1959, S. 248)

Die Heiligkeit der Nachgeburt

Nicht nur Menstruations- und Geburtsblut, sondern auch der nährende ›Mutterkuchen‹, die Plazenta, wurde der Göttin als ›Dankopfer‹ für das neugeborene Menschenkind dargebracht. Das rituelle Ver­graben der Plazenta und der Nabelschnur in der Er­de kann im länd­lichen Oberägypten noch heute beobachtet werden. Dem Tongefäß mit der Plazenta entsprechen im dynastischen Ägypten die eiförmigen Kanopen, die die Eingeweide von Magen, Leber, Lunge und Gedärmen des Leichnams enthielten. Sie wurden nicht mehr der Göttin geopfert, sondern den vier ›Söhnen des Horus‹ Duamutef, Amset, Hapi und Kebechsenuef.

narmer-p-ausschnittAusschnitt aus der Narmer-Palette

Die britische Anthropologin/Ägyptologin Margaret A. Murray war in akademischen Kreisen weithin bekannt für wissenschaftliche Beiträge zur Ägyptologie und ihre volkskundlichen Studien. Sie beobachtete, dass der Bannerträger auf der Narmerpalette, der vor der Schreiberin und dem König geht, auf seiner Standarte eine mumifizierte Plazenta mit herabhängender Nabelschnur trug. Das deutet darauf hin, dass Narmer ursprünglich aus einem noch immer mütterlichen Clan der Indo-Europäer stammte, welche die Plazenta religiös verehrte. (Dank an *Wolfgang Schad, der auf die interessante Beobachtung von Margaret A. Murray hingewiesen hat.)

Nachgeburtsszene auf einer Miniatur des späten 14. Jahrhunderts (Nationalbibliothek Wien)In Deutschland sind Nachgeburtsbestattungen in Keramiktöpfen ebenfalls bekannt. Während die Abbildungen, die auf den sorgfältigen Umgang mit der Plazenta hinweisen schon aus den frühen Jahrtausenden des Neolithikums (z.B. aus Chatal Hüyük und Göbekli Tepe) stammen, bestätigt eine Miniatur aus dem späten 14. Jahrhundert des arabischen Arztes Abul Kasim den Umgang mit der Plazenta noch in den späteren Zeiten und bis vor kurzer Zeit auch in Deutschland.
(Rechts: Nachgeburtsszene auf einer Miniatur des späten 14. Jahrhunderts, Nationalbibliothek Wien)

Der in der damaligen Welt verbreitete Brauch hatte offenbar eine religiöse Bedeutung, indem davon ausgegangen wurde, die Seele des Menschen in umgedrehten Töpfen aufzubewahren. »Da Plazentabestattung kein christlicher Brauch ist, sollte die Religion der vorchristlichen Zeit betrachtet werden«, schreibt Siglinde Rehm* in ihrem  Beitrag ›Die Bedeutung der Todesgöttin und der Nachgeburtsbestattung im Neolithikum im Werk von Marija Gimbutas‹. Der engagierte Hobby-Archäologe Kurt Sartorius, ehrenamtlicher Mitarbeiter der archäologischen Denkmalpflege Baden-Württembergs, entdeckte 1984 im Keller eines Abbruchhauses die ersten vergrabenen Töpfe, in denen er Nachgeburten vermutete. Was zuerst auf Skepsis stieß, bestätigte sich, als nicht nur im südlichen Deutschland, sondern bis an die Nordsee Entdeckungen solcher Plazenta-Töpfe gemacht wurden. Kurt Sartorius organisierte 1997 zusammen mit seiner Frau ein Kolloquium mit hochinteressanten Beiträgen (s. Inhaltsverzeichnis: http://www.prometeus.nsc.ru/resource/forbooks/2008/033-05.ssi.) Er veröffentlichte die Funde – die meisten stammen aus dem 17. und 18. Jahrhundert – im ›Museum im Steinhaus‹ von Bönningheim. (s. *Wolfgang Schad, *Siglinde Rehm u.a. „Damit’s Kind g’sund bleibt“ – Tabu Nachgeburtsbestattung – Kolloquiumsbericht, Herausgeber Kurt Sartorius ISBN 3-89904-155-0; und der Sonderdruck ›Nachgeburtsbestattungen‹, Archäologie in Deutschland, AiD, 5.2009 und Barbara G. Walker ›Das geheime Wissen der Frauen‹ 1993, S. 652)

http://www.hebammenwissen.info/wp-content/uploads/2014/10/Plazenta.jpgLinks: Die Abbildung einer Plazenta aus dem sehr informativen Beitrag ›Hebammenwissen‹ (http://www.hebammenwissen.info/plazenta/)

Niemals wurde die Plazenta einfach ›entsorgt‹ oder aus finanziellen Gründen weiterverwendet und verarbeitet. Möglicherweise hat das Verschwinden der heiligen Rituale im Umgang mit dem ›Mutterkuchen‹ etwas mit den patriarchalen Religionen zu tun, die alles, was weiblich ist, besonders aber das Blut der Frauen und alles, was sich um Geburt dreht, als ›unrein‹ verfemen. Im religiös bedingten Mythos tötet »die Hexe Säuglinge, weil das Neugeborene und der dunkle Schoß, der es geboren hat, noch vierzig Tage lang ihrem Reich angehören. Der Brauch, die Plazenta nach der Geburt zu vergraben, um das neugeborene Kind dem Einfluss der Hexe zu entziehen, hat sich erhalten. In Malta heißt es: ›Ich begrabe nicht dich, Plazenta, sondern die Zagas (Hexe). (Joseph Cassar-Pullicino ›Studies in Maltese Folklore‹, 1976, S. 238, zit. von M. Gimbutas ›Die Zivilisation der Göttin‹ 1996, S. 244)
Im Hexenmythos, der sich bis in unsere Zeit gehalten hat, vermischen sich die Traditionen der urzeitlichen Göttin mit den dämonisierenden Aspekten der jüdischen und christlichen Religion. Die Gleichsetzung des mütterlichen Schoßes mit der Göttin ist ein zentrales Motiv und ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis vieler prähistorischer Symbole. Es ist kein Zufall, dass die häufigsten Erscheinungsformen der Hexe, nämlich Kröte, Frosch, Igel und Fisch, mit denen der prähistorischen Göttin übereinstimmen.« (Gimbutas ibd.)
Blut symbolisiert das Leben und erinnert an die Herkunft des Menschen aus dem Blut der Mutter. Dies führte dazu, dass Tiere in der archaisch hartpatriarchalen jüdischen und muslimischen Tradition geschächtet, d.h. ausgeblutet werden müssen. Das Koschermachen von Fleisch durch Salz und Wasser dient ebenfalls dazu, dem zum Verzehr bestimmten Fleisch das restliche Blut zu entziehen. Mit zunehmender Patriarchalisierung sollte nichts mehr daran erinnern, dass wir von einer Mutter geboren wurden. Die Verfemung des Blutes, besonders des Menstruationsblutes, ist indo-arischen Ursprungs; sie setzten es den Fäkalien gleich und bezeichneten es als ›unrein‹, mit dem Wort ›but‹, was an das Wort tabu erinnert. Hingegen war und ist das Töten von Menschen bei ihnen nicht unbedingt tabu. Es gehört oft zur Verherrlichung der mordenden Kriegshelden und ihrer ›Ruhmestaten‹.

Das Rätsel der Blomboshöhle

Abalone oder Paua-SchneckenIn der südafrikanischen Höhle von Blombos wurden von den Forschern um Paola Villa und Christopher Henshilwood (Witwatersrand-Universität, Johannesburg und Universität von Colorado in Boulder, USA) nicht nur Silexartefakte (s. ›Der Irrtum mit den Pfeilspitzen‹), sondern auch zwei Muschelgehäuse der Abalone-Schnecke mit einer ›Ocker-Farbmischung‹ entdeckt. Der Zweck und die Verwendung der Farbmischung ist für die Forscher nicht geklärt. (›Science‹, 14.10.11). Gehäuse der Abalone-Schnecke (CC by Wolfgang K.)

Nachdem ›Science‹ in der Ausgabe vom 14.10.11 über das ›Farbatelier der Steinzeitkünstler‹ in der Höhle von Blombos in Südafrika berichtet hatte, überschwemmten uns die Medien mit der ›Sensation‹. Die Höhle soll vor 70’000–100’000 Jahren benutzt worden sein. Wahrscheinlich wäre es nicht abwegig, den Inhalt der Abalone-Schalen auf Menstruations- und Geburtsblut zu untersuchen. Eine solche Untersuchung könnte wohl das Rätsel von Blombos lösen (s. auch ›Ochre processing workshop at Blombos cave, South Africa http://www.archaeologie-online.de/mediathek/videos/ochre-processing-workshop-at-blombos-cave-south-africa-18563/). Eine mit Ocker rotgefärbte Seemuschel wurde interessanterweise auch in Lascaux gefunden.

 


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