Sklaverei, Armut und Hunger

Aus dem Inhalt:

  • Sklaverei, die unsägliche Schande des Patriarchats
  • Die ›Ware Mensch‹ und ihr Preis
  • Die patriarchale Beschönigung – religiös verbrämt
  • Armut und Hunger
  • Armut ist die schlimmste Form von Gewalt
  • Zwangsarmut ermöglicht Zwangsarbeit und Zwangsprostitution
  • Armut ist die Aberkennung aller Menschenrechte
  • Vom Hunger gepeinigt
  • Die Vergangenheit ist nicht vorbei


›Die Sklaverei ist ein Gottesgeschenk‹
(Hl. Ambrosius, Kirchenlehrer und Bischof von Mailand, 337-397)

Sklave in Baton Rouge, Louisiana (Wikipedia, public domain in the United States)

Mit Peitschen geschlagener Sklave in Baton Rouge, Louisiana (Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Sklaverei), Abb. public domain, United States)

Sklaverei, die unsägliche Schande des Patriarchats

›Die Ägypter haben anscheinend in ihrer ganzen Geschichte keinen einzigen Tag der Freiheit genossen.‹ (Josephus, Historiker des 1. Jahrhunderts)

image006

Sklavenmarkt im Alten Ägypten. Unter Stockschlägen und Peitschenhieben werden Hunderttausende SudanesInnen nach Ägypten in die Sklaverei verschleppt. (Relief des Grabes von Haremhab/Hor-em-Hab um 1300, Museo Civico, Bologna)

Mit Sicherheit wurde das ganze ägyptische und sudanesische Volk von den indoeuropäischen Eroberern zu Sklaven gemacht.

Sklaverei ist eine Erfindung der indoeuropäisch/arischen Eroberer aus dem Norden, der Horiter/Hurriter. Der Altorientalist Gernot Wilhelm deutet an: »Auf einen starken Bevölkerungsdruck in den hurritischen Gebieten am Rande Mesopotamiens lässt die Tatsache schliessen, dass Sklaven eines der wichtigeren Exportgüter sowohl Obermesopotamiens als auch des nördlichen Osttigrislandes waren. (Gernot Wilhelm ›Die Hurriter‹ bild der wissenschaft 1- 1979, S. 75) Zum Quellenmaterial über Gefangene in Babylonien schreibt der Altorientalist I.J. Gelb: »Es kann als gesicherte Erkenntnis gelten, dass Kriegsgefangene, solange sie als Sklaven der Krone unterstanden, sich unter den unmenschlichsten Bedingungen zu Tode arbeiten mussten oder infolge von Krankheiten starben oder aber wenn irgend möglich wegliefen« (zit. von Gerda Lerner ›Die Entstehung des Patriarchats‹ 1991, s. 112). Das war in Ägypten nicht anders.

In Ägypten war Sklaverei in allen dynastischen Epochen üblich, aber nicht davor! »Zu allen Zeiten war die persönliche Freiheit stark beschnitten. Zwangsar­beit, Fron­dien­st, Umsiedlungen von ganzen Dörfern war an der Tagesordnung. Nicht einmal die freie Wahl des Wohnortes war den Menschen zuge­standen. Immer stand das Interesse des Landbesit­zers oder des Staa­tes im Vorder­grund.« (Manfred Gutgesell ›Arbeiter und Pharaonen‹ 1989, S. 33) Der Ägyptologe Wolfgang Helck bietet uns eine unglaubliche Interpretation der Sklaverei an. Er meint, Sklaven waren »ursprünglich ab­hängige Diener, die von ihrem Herrn versorgt werden mussten«, wor­aus ein »Versorgungs-Ehrenamt« entstand (Helck LÄ, V, S. 982). Damit wird die Un­menschlichkeit der Sklaverei zur men­schenfreundlichen Tat ge­schönt. Offen­sichtlich wussten viele die ›Ehre‹, die ihnen die ehrenamtlichen Skla­ven­halter an­gedeihen ließen, nicht zu schätzen und lie­fen trotz An­drohung von schweren Strafen weg. Geflüchtete und wieder eingefan­gene Sklavinnen und Sklaven wurden zum Tode verurteilt. Gegen die Flucht sollte das Einbrennen der Eigen­tümermarke mit Brandstem­peln, auch bei Frauen und Kindern, Abhilfe schaffen.

Gefangene Asiaten Haremhab

Zug von gefangenen arischen Asiaten, Grab des Haremhab, Sakkara (Foto: Doris Wolf)

Die ›Ware Mensch‹ und ihr Preis

Das Beispiel aus dem Mittleren Reich eines durchschnittli­chen Be­am­tenhaushalts zeigt, dass in diesem min­destens 75 Sklavinnen und Sklaven, davon 33 ägyptischer Her­kunft (19 Männer und 14 Frauen) und 42 Asiatin­nen und Asiaten (8 Männer und 34 Frauen) beschäftigt wurden. Aus der 2. Zwi­schenzeit und der beginnenden 18. Dynastie sind noch größere Zahlen von Sklavin­nen und Sklaven in Privathaushalten belegt, die vererbt und verkauft werden konnten. Auch Kinder entgingen diesem Los nicht. Belegt sind offi­zieller wie privater Skla­venhandel mit ziemlich stabilen Preisen (Männer 2 Deben Silber, Frauen 4 Deben. 1 Deben = 13,6 Gramm) (Helck LÄ, V, S. 984).
Skla­vinnen wurden teurer gehan­delt, denn nicht nur ihre Arbeitskraft konnte viel­fältig ausge­beutet werden. Als Se­xobjekte ihrer Herren und Gebä­rerinnen von will­kommenem Sklaven-Nachwuchs waren sie den doppelten Preis wert.  (Noch der atlantische Sklavenhandel der Neuzeit (vom 15. bis ins 19. Jahrhundert) behielt die unterschiedlichen Preise bei. Eine Frau war aus den gleichen Gründen den doppelten Preis eines Mannes wert.)
Zum Thema Sklaverei schreibt die amerikani­sche Histori­kerin Gerda Lerner, dass Sklave­rei als Folge von Krieg und Eroberungen auftritt. Und sie stellt fest:

»Die meisten Historiker, die sich mit dem Thema der Sklaverei befassen, haben bemerkt, dass zunächst die Mehrheit der Gefangenen Frauen waren; aber sie sind über diese Tatsache hinweggegangen, ohne ihr viel Beachtung zu schenken. – Die Sklaverei ist die er­ste institu­tionali­sier­te Form hierarchischer Dominanz in der Ge­schichte der Mensch­heit.« (Lerner ›Die Entstehung des Pa­triar­chats‹ 1991, S. 109)

Unfassbare religiös verbrämte Beschönigungen

Helck bestätigte Gerda Lerners Beobachtung, er konstatierte, dass es bereits im Alten Reich einen lebhaften Sklaven­handel mit Syrien gegeben habe, der sich im Mittleren Reich wohl noch in­tensi­vierte. »Besonders syrische Frauen finden ihren Weg nach Ägypten.« (Helck ›Betrachtungen zur Großen Göttin und den ihr verbundenen Gottheiten‹ 1971, S. 87) Die meisten kamen direkt ins pharaoni­sche Bordell und/oder Arbeitslager. Von diesem Verbrechen an den Frauen lenkt der Autor mit der Bemerkung ab, im Alten Reich habe

»das ägyptische Denken in einer großartigen Entwick­lung den Weg vom ur­tümlichen Gott­königtum bis zu jenen Vor­stel­lungen ge­fun­den, nach denen der König Gottes Willen, der sich in der Ge­rechtig­keit mani­fes­tiert, aus­zufüh­ren hat« (Helck ibd.)!

Das Wort ›Sklaven‹ mögen die Gelehrten nicht; sie zie­hen Begriffe wie ›Hörige‹, ›Untergebene‹, ›Diener‹ oder ›Kriegsgefangene‹ vor. Die Stel­lung der Sklaven sei »mit der von Hö­rigen des europäischen Mittelal­ters zu vergleichen, nicht aber mit der von römischen Skla­ven«, beschönigt Helck (LÄ, II, S. 1235 f.). Doch weist Eva Eggebrecht darauf hin: »Diese Menschen befanden sich in einem derartigen Grade der Dienstbarkeit, dass von Sklaverei gesprochen werden muss, auch wenn die ägyptischen Quellen noch keine so eindeutige Definition bieten wie die der griechischen und römischen Antike« (Arne Eggebrecht ›Das Alte Ägypten‹ 1984, S. 67).
Den Bau der Pyramiden befreit Kurt Lange von al­len ›bösartigen Unterstellungen‹ der Skla­venarbeit und rühmt sie als ›ein Werk schöpferi­scher Gläubigkeit‹. Ungeheuerlich mutet seine Be­hauptung an, das ägyptische Volk habe sich mit dieser Fronarbeit für seine Herrscher ›selbst erhöht‹, und er begründet dies damit, dass der König da­mals ›das Zentralgestirn‹ gewesen sei, des­sen Wille dem Einzelnen ›Dasein, Sinn und Auf­trag‹ gegeben habe (Lange ›Pyramiden Sphinxe Pharaonen‹ 1952, S. 37). Schwärmerisch doziert er weiter: »Der Urzeit­häuptling, von dessen Weitblick, Tapferkeit und Ziel­strebigkeit das Wohl der Horde, des Stammes, des Vol­kes ab­hing, und der deshalb scheue, ja kultische Ver­ehrung genoss, hat im Pharao der Pyrami­den­zeit die höchste Ausprä­gung erfahren.« Seine Version findet Lange unendlich »denkwürdiger und be­friedigender als die früher fast allge­mein ange­nomme­ne«. Sie befreie »die Wahr­zeichen Ägyptens von der Vor­stel­lung stöh­nender Sklaven und klatschen­der Geiseln, die sich von al­ters her an sie knüpfte« (Lange ibd. 1952, S. 38).
Aus dem Mittle­ren Reich wird geschildert, dass bei einer einzigen Expedition in die Steinbrüche des Wadi Hammamat in der östlichen Wüste 18’741 Männer einge­setzt wurden (Valbelle 1990, S. 59), wo kaum vorstellbare Lebens- und Arbeitsbedingungen große Menschenverluste forderten. Andere wurden an den Kriegsschauplätzen ver­heizt. Diodor, der antike griechische Geschichtsschreiber des 1. Jahrhunderts vor unserer Zeit berichtet, »noch vor der Pubertät stehende Sklavenjungen seien zur Arbeit in den Goldminen herangezogen worden.« (Feucht LÄ, III, S. 438)

In der deutschen Ägyptologie – und da besonders unter den gottgläubigen Christen – ist immer wieder eine erschreckende Verharmlosung und ein eiskalter Mangel an Mitgefühl für das geschundene Volk Ägyptens festzustellen. Diese Disziplin der Geisteswissenschaft ist ein von patriarchalen Männern besonders geschätztes Feld.

Deutschlands Ideologen bleiben auch nach der Entnazifizierung an den  Universitäten, in die Politik, Justiz, Verwaltung und Polizei in das Gedankengut des Nationalsozialismus verstrickt und davon vergiftet.

Armut und Hunger

Armut, Analphabetismus und die globale Bevölkerungsexplosion schaffen den ständigen Nachschub von SklavInnen

Manfred Gutgesell schreibt über das vor-pharaohnische Ägypten, dass es »recht einfach organisiert war. Die Menschen lebten [nicht nur, aber die meisten] in kleinen Dörfern im Familienverband, und die einzelnen Haushalte waren in der Lage, alles selbst zu produzieren, was sie an Nahrungsmitteln und Geräten benötigten… Grabungen an jungsteinzeitlichen Siedlungsplätzen zeigen, dass für die Speicherbauten größerer Aufwand betrieben wurde als für die Wohnbauten.« (in Arno Eggebrecht ›Das Alte Ägypten‹ 1984, S. 197) Das ist eine kluge Vorsorge zur Vermeidung von Hunger. Doch dann rissen die Eroberer das volkseigene Besitztum, das von den Matriarchinnen verwaltet und gerecht verteilt worden war, an sich. Das Volk wurde entrechtet, bestohlen, versklavt und die Menschen verarmten. Das ist die Politik des Patriarchats bis zum heutigen Tag. Entrechtete und verarmte Völker lassen sich vielfach ausbeuten, als ArbeitssklavInnen, als Sexobjekte, als Steuerzahlende, als Hörige, als Soldaten und Söldner, als Verdummte, Ungebildete, die sich nicht wehren können; und nicht zuletzt als Opfer religiöser Tyrannei und dem Versprechen, wer untertänig und brav, im Sinne der Herrschenden sei, werde nach dem Tod den Lohn für ihre Opfer im Himmel erhalten.
Armut wird gemacht. Sie ist immer eine Folge von Ausbeutung und Gewalt. Statt ihre Felder bestellen zu können, wurden die Männer in Bergwerken und Steinbrüchen ausgebeutet, so wie das heute noch immer in afrikanischen und asiatischen Ländern der Fall ist, die durch die Kolonisierung vorangetrieben wurde. Unterstützt wurden die weißen Eroberer zuerst durch die indoeuropäischen Priesterkasten, später durch die sie begleitenden patriarchalen christlichen Missionare, die den entmündigten und geknechteten Menschen das Lied der Nächstenliebe und des Lohnes im Himmel sangen.
Unzählig sind die heutigen Beispiele der weitverbreiten Sklaverei in aller Welt, von Freiheitsberaubung und Nötigung; unendlich das Leid, das seit den indoeuropäischen Eroberungen im Patriarchat fortgesetzt wird. Das Erschreckende, die Sklavenhalter sind Anhänger der monotheistischen Religionen, vor allem fromme Christen und Muslime.

»Wir statten Arbeitgeber mit billigem Menschenmaterial aus« (Hannah Beitzer
http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/system-hartz-iv-wir-statten-arbeitgeber-mit-billigem-menschenmaterial-aus-1.2375543)

Der europäische Imperialismus ist ein Wirtschaftssystem, das mit voller Absicht Armut schafft, um billige ArbeiterInnen – z.B. in den Textilfabriken der Dritten Welt – für den eigenen Profit bestehlen zu können oder um Frauen aus armen Ländern als Prostituierte auszubeuten.

Zwangsarmut ermöglicht Zwangsarbeit (Lewis Mumford)

Der indische Wirtschaftswissenschaftler, Soziologe, Philosoph und Nobelpreisträger Amartya Sen, zu dessen Forschungsschwerpunkten die Problematik der Armut und die Wohlfahrtsökonomie gehören, schreibt 1981 in seinem berühmtestes Werk, «Poverty and Famines – An Essay on Entitlement and Deprivation» (Armut und Hungersnöte – Ein Essay über Zugangsrechte und Entbehrungen):

»Hunger zeichnet sich dadurch aus, dass einige Menschen nicht genug Nahrungsmittel haben. Es besteht jedoch kein Anzeichen dafür, dass es zu wenig Nahrungsmittel gibt. Hungersnöte werden nicht durch eine Verknappung der Nahrung ausgelöst sondern durch die ungerechte Verteilung.«

Was für die Hungersnöte des 19. Jahrhunderts in Irland, im 20. und 21. Jahrhundert, z.B. 1943 in Bengalen, 1973 in Äthiopien Geltung hat, trifft auch schon für das Alte Reich Ägyptens zu. Bereits aus der 1. Dynastie ist eine schwere Hungersnot bekannt. Jeoch – in der 3. Dynastie findet man in den unterirdischen Gängen des Pyramidenbezirks von Djoser/Djéser/Zeser/Cäsar des Zaren, riesige Mengen an Weizenvorräten, Gerste, Maulbeerfeigen und Weinbeeren (Jean-Philippe Lauer ›Die Königsräber von Memphis‹ 1988, S. 103), doch das Verteilungsmonopol der Nahrungsvorräte lag beim König. Dieser besaß damit die Handhabe, »eine zahlreiche Bevölkerung in Abhängigkeit zu halten – vorausgesetzt, dass die Kornkammer ständig von Mauern und Kriegern geschützt war… Eine Enklave der Macht, dominiert von einer Elite, in grandiosem Stil von Tributen und Steuern lebend, die gewaltsam aus der ganzen Gemeinschaft herausgepresst wurden.« (Mumford 1974, S. 201)

Armut ist die Aberkennung aller Menschenrechte (Muhammad Yunus)

Vom Hunger gepeinigt

Späte­stens in der 5. Dyna­stie können die Menschen kaum noch er­nährt werden. Hunger und Armut sind an der Tagesord­nung. Es war keineswegs die gern zitierte, ausbleibende Nilflut, die es wohl selten je gegeben hat, sondern Habgier, Unfähigkeit und Verantwortungslosigkeit des patriarchalen Regimes, die zu Hungersnöten führ­ten, wie das noch heute der Fall ist. Höchst irri­tierend sind für die Hi­storiker die ausgemergelten, zu Tode gehungerten Frauen, Männer und Kinder aus dem Alten Reich am Aufweg zur Unas-Py­ramide in Sakkara aus der 5. Dynastie, was der Ägyptologe Alan Gardiner ›befremdend und unerklärbar‹ findet (Gardiner 1961, S. 87). Die Gauherren mit ihrem ›raubritterhaften Gebaren‹ und bisweilen ›grotesker Selbstüberschätzung‹ (Eggebrecht ›Das Alte Ägypten‹ 1984, S. 61) trugen zum Zusammenbruch des Alten Reiches bei.

›Der nach dem Gesetz regieren soll, befiehlt den Raub,
wer also soll der Gemeinheit wehren?‹

Die Geschichte macht es deutlich, dass Hungersnöte oft mit Krieg und Kolonisation einhergehen. Das war nicht nur in Ägypten der Fall, daran anschließend war es auch so im Antiken Griechenland und im Römischen Reich. Nachdem indoeuropäische Eroberer die friedlichen matriarchalen Etrusker mit Waffengewalt aus Rom vertrieben hatten – »diese kamen ihnen besonders schimpflich vor, weil sie durch eindeutige Überlegenheit und nicht durch Waffengewalt regierten – geschah ihnen genau das, was die Griechen erlebt hatten, nachdem sie die mutterrechtlichen Stämme der Ägäis unterjocht hatten:

Sie hatten sich als unfähig erwiesen, eine eigene Ökonomie aufzubauen:
Sie gerieten von einer Hungersnot in die andere.

Die schlimmsten Katastrophen folgten einander in Abständen von nur wenigen Jahren. 490, 477, 456, 453, 440, 411, 392 v.u.Z.« (Ernest Borneman ›Das Patriarchat‹ 1979 S. 350 f.)

Griechenland eine Demokratie? »In Demokratien gibt es keine Hungernöte« (Amartya Sen)

 

Hunger

Hungernde am Aufweg zur Pyramide des Unas, Sakkara, 5. Dynastie, Altes Reich

Für die ›befremdenden und unerklärbaren‹ Hun­ger­dokumente in Ägypten finden sich noch befremdlichere Interpre­tationen. So schreibt die Ägyptologin Waltraut Guglielmi: »Wenn auf ei­nem Re­lief des Mittle­ren Reiches in Meir ein bis auf die Knochen ab­gema­gerter Bedja-Hirte fette Rinder vorführt, denen ein herkuli­scher Ägypter folgt, so soll dadurch vor allem der Fremd­ländertypus cha­rakterisiert werden.« (Guglielmi LÄ, III, S. 82 ff.)

K6.2 Hungernde Bedja Hirten

Auch Renate Germer glaubt, der Zweck dieser Darstel­lungen sei sicher darin gelegen, »den großen Unterschied zwischen dem rei­chen, wohlgeordneten Ägypten und dem armen Ausland zu verdeut­li­chen, das seinen Be­wohnern keine ausreichen­de Versor­gung bot« (Germer ›Mumien – Zeugen des Pharaonenreiches‹1991, S. 138). Doch nach dieser merkwürdigen Auslegung muss die Autorin zugeben, dass diese Darstel­lungen zwar den Eindruck vermittel­n, »in Ägyp­ten hätte es immer für alle Be­völkerungsschichten ausreichend Nah­rung gegeben, und die sprich­wörtlichen ›Fleischtöpfe Ägyptens‹ wä­ren immer gefüllt gewe­sen«, dass aber die Texte dieser Vorstellung wi­der­spre­chen würden:

Zu allen Zeiten finden wir, oftmals nur versteckt ange­deutet, Hin­weise auf Hungers­nöte

Renate Germer stellte fest, dass aufgrund der an natürlichen Mumien gefun­denen Anzei­chen von Un­terernährung fast 30 Prozent der ÄgypterInnen in der Kind­heit nicht ausreichend ernährt wurden (Germer ibd.  1991, S. 139). »Bewohner der Ostwüste, die in Ägypten um Arbeit nachsuchten, wurden eingehend nach ihren Lebensverhältnissen befragt, und selbst wenn sie erklärten, dass ›die Wüste an Hunger sterbe‹, manchmal ›noch am gleichen Tag in die Wüste zurückgeschickt‹.« (Eva Eggebrecht in ›Das Alte Ägypten‹ 1984, S. 65) Serge Sauneron bestätigt: »In der Wüste herrschte immer Hungersnot; ein Relief stellt mit grau­samem Realis­mus zu Ge­rip­pen ab­ge­magerte Beduinen dar, die, zu schwach, um sich aufrecht­ halten zu können, in erbarmungswürdiger Haltung am Bo­den lie­gen.« (Sauneron LdÄK 1960, S. 110)

Dagegen gibt es Abbildungen von dicken, überfütterten Schoßhunden bei den Vornehmen des Alten Reiches. (Arne Eggebrecht ›Das Alte Egypten‹ 1984, S. 28)

Siegfried Schott will die Tatsache der Hungernden nicht akzeptieren, er glaubt, bei der Szene könne es sich kaum um eine ›innerägyptische Realität‹ handeln und lasse sich nur so verstehen, dass man von der Not eines Beduinenstammes erfahren habe und dass der König die drohende Katastrophe verhindert hat, indem er den Stamm über die Grenzen nach Ägypten brachte. Was für ein Zynismus! Jedoch in Anbetracht dessen, dass Schott ein Nazi war, von denen alles Skandalöse geschönt und geleugnet wurde, verständlich. (s. ›Ägyptologie, Patriarchat, Religion und Faschismus‹).

Von der 1. bis zur 2. Zwi­schenzeit »starb der ganze Sü­den an Hunger, jeder ver­zehrte seine ei­genen Kin­der«. In einem Brief schreibt ein Thebaner an seine Mutter: »Hier hat man nun damit be­gonnen, Männer und Frauen aufzuessen«, laut den Hekanakhte-Papieren aber be­sonders die Kinder (Helck LÄ, I, S. 1269). Auch im oberägypti­schen Ballas finden sich Hin­weise auf Kan­nibalismus. »Dass wahr­scheinlich auch die Hirn­masse geges­sen wurde, muss aufgrund der vielen fehlenden Schädel vor allem an Frauenskelet­ten angenommen werden.« (Murray JEA 1956, S. 93) Bei großen Mengen von gewalt­sam geöff­neten Röhren­knochen wurde das Kno­chenmark of­fen­sichtlich aus­gekratzt oder ausgesaugt – einige zeigen noch Spuren von Zähnen.

Im Niltal gab es zwar die Möglichkeit des Fischfanges, wobei das Fangen mit dem Netz zu den Aufgaben der einfachen Leute gehörte. Fische hätten den Hunger stillen können, doch »der Fang war nicht Eigentum des Fischers. Er gehörte dem Herrn, in dessen Diensten er stand. So bringt er in den Darstellungen seine Beute keuchend herbei, lässt sie zählen und aufschreiben und muss sich schließlich mit einem spärlichen Anteil als Lohn zufriedengeben« (Gamer-Wallert, zit. von Joachim Boessneck ›Die Tierwelt des Alten Ägypten‹ 1988, S. 118). Unterdrückung, Hunger, Armut und Elend waren und sind für die patriarchalen Herrschaften nicht darstel­lungswürdig, und so ist man vor allem auf die seltenen privaten Überliefe­rungen angewiesen.

Die Fischerei war auch in Mesopotamien von großer Relevanz und spielte sich in der gleichen Art der Ausbeutung ab. »Eine ganze Anzahl von Urkunden zeigt, dass die königliche Verwaltung in Larsa über große Mengen Fisch verfügte. Sie verdankte das offenbar dem Umstand, dass die Seefischerei und auch die Fischerei auf den Strömen und Kanälen eine Art staatliches Monopol darstellten… Die dem Palast gehörenden Fische stammten im wesentlichen von Abgabe- und Dienstpflichtigen… Der Palast gab, wie auch andere Urkunden bezeugen, den größten Teil seiner Fische an Leute ab, die dafür Silber zahlten… Silber war ein wichtiges Zahlungsmittel im Fernhandel was den Import von Rohstoffen und Luxusgütern begünstigte.« (Horst Klengel ›Das Reich ‹ 1991, S. 158 f., Hvhb. DW) Die Herrscher machten mit dem Fischreichtum, der eigentlich allen gehörte, lukrative Geschäfte. Daran hat sich bis heute nichts geändert, die alte Habgier, die alte Gewinnsucht, die alte Unfähigkeit für Empathie, der alte Egoismus alter Männer an der Macht.

Aktuelle Raub-Skandale

Das lukrative Geschäft mit dem Fisch zur Zeit Hammurapiserinnert erinnert an aktuelle Skandale, von riesigen Fischereiflotten vor Afrika, die den Einheimischen ihr ›täglich Brot‹ stehlen, was sie dann zu Flüchtlingen nach Europa macht. Oder Nestlé, der größte Lebensmittelhersteller der Welt (280’000 Angestellte, 100 Milliarden Umsatz), eine der profitablesten Aktiengesellschaften, Liebling der Kleinanleger und Großinvestoren, begutachtet das Wasser wie eine Goldgräberfirma, sie kommen, pumpen das Grundwasser ab und wenn es weg ist, ziehen sie weiter. ›Bottled Life‹ arte 5.8.14 ›Wie verwandelt man Wasser in Geld?‹ Nestlé bezahlt für »eine Lastwagenladung Wasser in den USA zehn Dollar. In Flaschen abgefüllt hat diese Menge im Laden einen Wert von 50 000 Dollar, wie wir im Dokumentarfilm ›Bottled Life‹ erfahren.« (20.1.12 http://www.tageswoche.ch/de/2012_03/kultur/320639/). Nestlé wird von der ehemaligen UN-Chefberaterin für Wasserfragen und Trägerin des Alternativen Nobelpreises, Maude Barlow, gerügt: „Nestlé ist ein Wasserjäger, ein Raubtier, der den Armen das Wasser abgräbt und es ihnen, denen nur noch fauliges, krankmachendes Wasser zugänglich ist, in Flaschen abgefüllt wieder verkauft. Oder, die Machenschaften der Stromgiganten: Der Strom wurde privatisiert und ständig verteuert. Oder: Die Machenschaften von Monsanto, die unzählige Bauern in Indien in die Armut und in den Selbstmord treiben. Oder der Neo-Kolonialismus von Shell der das Nigerdelta völlig zerstörte. Nichts hat sich an den beschämenden profitgierigen Machenschaften, der Ausbeutung der Armen durch die Mächtigen geändert.

Auch der Hunger ist nicht neu, er war schon damals und ist es bis heute, Resultat der Ausbeutungspolitik der Mächtigen. »Nur weni­gen war es vergönnt, selbstver­ständlich je­den Abend satt ins Bett zu ge­hen«, schreibt die Ägyptologin Brun­ner-Traut, empört sich aber darüber, dass »Vokabeln wie Notschrei und Hun­ger die Vorstellung von Bettle­relend unter blutsau­genden Sklaven­haltern evozieren. Es trifft zu, dass die Alten Ägypter, an un­serem Standard gemessen, bescheiden leb­ten, aber in Normalzeiten wa­ren sie ver­gnügt am Dasein und hatten satt.« (›Die Alten Ägypter – Verborgenes Leben unter den Pharaonen‹ 1987, S. 140 und 12) An unse­rem Standard ge­messen fehlte es aber den mei­sten Menschen am Lebensnotwendigsten, zudem können die Pharaonen tatsächlich als bluts­augende Sklavenhalter bezeichnet werden. Das Volk war offen­sicht­lich ständig vom Hungertod bedroht und wohl kaum so vergnügt, wie es die scheinheilige Interpretation suggerieren möchte. Im Grabbild des Antefo­ker se­hen wir ei­nen bettelnden Jungen, »der für sein Alter ein unge­wöhn­lich rundes Bäuchlein hat«, während ein alter Arbeiter Datteln durch ein Sieb presst: »›Gib mir Dattelbrei, ich habe Hunger‹, wor­auf der Alte ihn anfährt: ›Soll dich und die dich gebar doch das Nilpferd ho­len! Du frisst ja mehr als ein Kö­nigsskla­ve beim Pflü­gen‹.« (Brunner-Traut ibd. 1987, S. 13) Ob es sich bei dem un­gewöhnlich runden Bäuchlein nicht um das auf­geblähte Hunger­bäuchlein eines unter­ernährten Kindes handelte?
Von blankem Zynismus zeugt auch die Behauptung des Archäologen B. G. Trigger, die ÄgypterInnen hätten als »Gegenleistung für zunehmende Besteuerung und Frondienst Frieden und eine größe­re Absiche­rung gegen Hunger und dem­zu­folge mehr Wohlstand erhal­ten« (Trigger et al. ›Ancient Egypt – A Social History‹ 1983, S. 51).
Dagegen weiß man, dass »die Akten über die Leiden der Nekropolenarbeiter von Deir el-Medina zu den traurigsten Abschnitten ägyptischer Geschichte« gehören (Brunner-Traut ›Die Alten Ägypter – Verborgenes Leben unter den Pharaonen‹ 1987, S. 232). Das Künstler- und Hand­werker-Dorf von Der el-Medi­na war eine »ghettoartig abgeschiedene Siedlung der Nekropolenarbeiter« (M. Gutgesell in Arno Eggebrecht ›Das Alte Ägypten‹ 1984, S. 206), wo in 68 kleinen Häusern 120 Familien zwangsangesiedelt waren. Auf engstem Raum wie in Tierställen zusammengepfercht, eingeschlossen von mehre­ren unüberwindlichen Mauern wurden sie von der Polizei auf Schritt und Tritt überwacht.

Ohne Titel-11

»Ghettoartig abgeschieden liegt die Siedlung der Nekropolenarbeiter[Innen] zwischen den Wüstenbergen in Der el-Medine« schreibt Gutgesell. (Abb. nach Eggebrecht ibd. S. 207)

Sie treten in den ersten dokumentierten Streik in der Geschichte der Menschheit. Mit dem Ruf ›Wir sind hungrig!‹ legten die Handwerker ihre Arbeit nieder, da ihnen der Lohn in Form von Getreide nicht ausbezahlt worden war. Das Elend der Arbeiter war groß, »jedermann hatte Not, und doch war das Land voll von Schätzen. In den Tempeln funkelte es von Gold, Karnak war von einem Heer goldener Statuen bevölkert. Aber atemberaubender noch als die Schätze der Götter waren die der verstorbenen Könige.« (Brunner-Traut ibd. 1987, S. 233) Der sogenannte Tempel von Karnak war Verwaltungssitz und das Wirtschaftszentrum Oberägyptens mit Tausenden von Priestern. Der Tempel besass 240’000 Ha Land und 400’000 Stück Vieh. 80’000 Menschen arbeiteten für den Tempel. Das Volk wurde gezwungen dem Tempel unvorstellbare Mengen von Opfergaben zu bringen. Die Listen an den Tempelwänden zählen Zehntausende Krüge von Wein, Oel und Bier, unzählige Enten, Rinder, Brote, Früchte, Getreide und Weihrauch auf.

DIE VERGANGENHEIT IST NICHT VORBEI

Die deutsche Naziherrschaft entwickelte 1941 einen ›Hungerplan‹. »Danach sollten die in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten produzierten Lebensmittel an die deutschen Besatzungstruppen sowie ins Deutsche Reich geliefert werden. Dabei wurde einkalkuliert, dass infolge des Entzugs von Nahrungsmitteln bis zu dreißig Millionen Menschen in der Sowjetunion verhungern.« (Wikipedia)

Ausgehungerte im KZ

Ausgehungerte sowjetische Kriegsgefangene im KZ Mauthausen (Bundesarchiv, Bild 192-208 / Unbekannt / CC-BY-SA 3.0)

(s. auch: ›Ägyptologie, Religion und Faschismus 

Wie es weitergeht, im Buch:

Der Kampf gegen Weisheit und Macht der matriarchalen Urkultur Ägyptens. Bestellen bei: neuesbuchatdewe-verlagdotcom


Print page