Prolog

DER KAMPF GEGEN WEISHEIT UND MACHT DER MATRIARCHALEN URKULTUR ÄGYPTENS

Altertumswissenschaftler, Klerikale und Historiker waren äußerst beunruhigt, als Frauen in den 1970er-Jahren begannen, ihre eigene Geschichte zu recherchieren und mit wissenschaftlicher Akribie und weiblichem Fleiß die Zeit vor den Hochkulturen zu erforschen. Der Grund: Es handelt sich dabei um ein Politikum von höchster Brisanz, denn das Resultat dieser Studien lehrt uns, dass tatsächlich einmal andere Formen des Zusammenlebens existierten und es eine Zeit gab, in der die Menschen ohne Krieg, ohne Gewalt, ohne Be-herr-scher, ohne Unterdrückung und ohne Ausbeutung miteinander lebten: in der Zeit des Matriarchats. Darüber wurde bis dahin wenig geforscht und noch weniger veröffentlicht. Das änderte sich mit der Forschung von Frauen.
Frauen hatten aufgrund ihres selbstlosen Einsatzes für das Wohl der Clans, deren Matriarchinnen sie waren, Respekt, Autorität und Macht, die sie offensichtlich mit so viel Intelligenz und Verantwortungsbewusstsein einsetzten, dass es über Jahrtausende gelang, in Wohlstand und Frieden zu leben. Ihr Ziel war nicht, das Volk in Ohn-Macht und Abhängigkeit zu halten und nicht die Ausbeutung der Menschen, wie dies bei dem üblichen Macht-Missbrauch im Patriarchat der Fall ist.
Es gab keine Herr-schaft der Frauen; sie lebten gleichberechtigt mit den Männern und den anderen Völkern. Entscheidungen wurden demokratisch, im Konsens, gefällt. Männer hatten den Auftrag, diese nach außen zu vertreten; waren aber immer an des Prinzip des Konsens gebunden. Frauen sind vielleicht nicht einfach ›die besseren Menschen‹ (?), aber offenbar die klügeren: »Es war die Weisheit der Mütter, die dem Männlichen Grenzen setzte« (Weiler 1995, S. 260). Die Frauen zivilisierten ihre Söhne und Männer, so dass man gut mit ihnen leben konnte.
Kommunikation und Kooperation, soziale Intelligenz und Kompetenz, Eigenschaften, die einst beiden Geschlechtern eigen waren, sonst wäre der Hunderttausende von Jahren dauernde Frieden nicht denkbar, sind nicht unbedingt Stärken des patriarchalen Mannes. Er ist der herrsch-süchtige Mann, der alleinige, ungeteilte Macht will und Unterwerfung unter seine Herrschaft fordert, in erster Linie von Frauen und Kindern.
Frauen haben die Fähigkeit, die Folgen ihres Handelns abzuschätzen und in Gruppen zusammenzuleben, ohne sich gegenseitig umzubringen. Frauen verursachten keine Katastrophen und glaubten nicht, Konflikte seien durch die Opferung ihrer Söhne und mit dem Einsatz von Waffen und Gewalt zu lösen.
Für die Historiker war es kaum zu fassen, abwegig, unglaublich. Die Welt soll einmal anders ausgesehen haben als so, wie sie es sich vorgestellt und zurechtgelegt hatten? Eine Welt, in der Frauen ›an der Macht‹ waren? Solche Ideen musste man sofort bekämpfen, dementieren, lächerlich machen, als unwissenschaftlich abtun.
Ironisch bemerkte der Schriftsteller Joachim-Ernst Berendt, »dass sich noch immer eine Mehrheit von Menschen – ganz besonders unter den Schulwissenschaftlern – gegen die neuen Erkenntnisse wehrt. Aber unser Wissen wächst wie eine Lawine. Die Schulwissenschaftler spüren längst ihre Unterlegenheit. Daher ihre Aggressivität und Empfindlichkeit, ihre Unfähigkeit zum Gespräch mit dem Andersdenkenden, der immer gleich diskriminiert wird: diese oder jene Theorie sei ›unwissenschaftlich‹, dieser oder jener verstünde nichts von der Sache. Der Mythos stimmt auch in dieser Hinsicht: Du sollst nicht essen vom Baum der Erkenntnis« (Joachim-Ernst Berendt ›Das Dritte Ohr‹ 1985, S. 275).
Die Forscherin Merlin Stone ruft Frauen in diesem Sinne auf:

›Wir müssen den Vorhang der Exklusivität, der das Studium der Archäologie und der alten Religion verbirgt, beiseiteschieben und unsere Vergangenheit selbst erkunden, anstatt von den Interessen, Interpretationen, Übersetzungen, Meinungen und Erklärungen abhängig zu bleiben, die bis jetzt produziert wurden.‹ (Stone 1988, S. 23)

Was Kultur wirklich ausmacht, sind Errungenschaften der matriarchalen Zeit: Frieden, das wichtigste Gut der Menschheit, eine selbstverständliche Ebenbürtigkeit aller Menschen und beider Geschlechter, Freiheit und Wohlstand, Demokratie, Kunst, Musik, Theater, Kunsthandwerk, Ackerbau, Vorratshaltung, spezialisiertes Handwerk, weitläufige Handelsbeziehungen, eine funktionierende Verwaltung, all das waren Charakteristiken der vorpatriarchalen Zeit. Die schöpferischen Fähigkeiten wurden gepflegt, das Kunstschaffen nahm einen breiten Raum ein. Und selbstverständlich hatte man religiöse Vorstellungen; sie galten der Verehrung einer Großen Göttin und dem Glauben an eine Wiedergeburt.

Als ich Ägypten 1988 das erste Mal besuchte, wusste ich nichts über seine Geschichte und Kultur und ahnte nicht, dass diese harmlose Ferienreise eine Zeit faszinierendster Forschungsarbeit nach sich ziehen würde. Ich wollte mir lediglich ein paar Grundkenntnisse aneignen, als ich mich in hochglanzbebilderte Ägyptenbücher vertiefte und dabei auf die verblüffende Äußerung einer renommieren Ägyptologin stieß, die behauptete: »Ägyptens Hochkultur sprang aus der Vorgeschichte wie das Küken aus dem Ei, ausgestattet mit sämtlichen Potenzen« (Emma Brunner-Traut, 1987, S. 10). Diese Bemerkung weckte meine Neugier für den mysteriösen Übergang von der Urgeschichte in die ägyptische Hochkultur. Nur wenige Monate später stand ich im Louvre vor dem wichtigsten Zeugnis dieser rätselhaften Zeit, der wundervollen Stele, die einem ›König Wadji‹ (neu: s. ›Gab es tatsächlich einen König Schlange?‹) zugeschrieben wird.
In der Zwischenzeit hatte ich jedoch das epochale Werk von Merlin Stone ›Als Gott eine Frau war‹ gelesen, das mir eine völlig neue Sichtweise aufzeigte, wie ich sie davor nicht gekannt hatte. Auf einmal war ich fähig, Geschichtsschreibung und Religion von einer neuen, kritischeren Seite zu betrachten und selber zu denken. So stand ich also vor dieser Stele eines ›König Schlange‹ auf der eine Schlange in einem Palast abgebildet ist, über dem der Horus-Falke thront. Das Bild irritierte mich unbeschreiblich. Ich hatte aus der Mythologie gelernt, dass die Schlange stets für eine weibliche Göttin stand; also müsste es sich hier doch eher um die Stele einer KönigIN und nicht eines ›König Schlange‹ handeln? Bei Merlin Stone hatte ich auch von den Irrungen und Wirrungen der Archäologen und Ägyptologen in Bezug auf die falsche Zuschreibung von zwei der größten je in Ägypten gefundenen Gräber gelesen, die man zuerst ganz selbstverständlich Königen zugeschrieben hatte, und später zugeben musste, dass es die Grabbauten von KönigINNEN waren. Meine Skepsis war also angebracht, und wie sich im Laufe meiner Arbeit herausstellte, absolut berechtigt (Kapitel 7).
Jetzt war ich nicht mehr aufzuhalten. Meine Nachforschungen begannen. Ich arbeitete mich mit grenzenlosem Befremden und zunehmender Empörung durch Hunderte von Büchern und Artikeln, wobei mir langsam das Ausmaß der Betrügereien und faustdicken Geschichtsklitterungen bewusst wurde, mit der die Menschen von den patriarchalen Geschichtsschreibern und Religionen hinters Licht geführt worden waren.
Dies ist das Resultat von zwanzig Jahren Forschung. Meine Arbeit basiert ganz bewusst auf meiner persönlichen, das heißt subjektiv-weiblichen Sicht, die ich dem männlichen Standpunkt der Schulwissenschaft gegenüber stelle. Ich nutzte vorhandenes Wissen, das allen zugänglich ist; zog daraus jedoch meistens andere Schlüsse. Dass diese nicht unbegründet sind, belege ich mit einer Fülle von Zitaten aus überprüfbaren Quellen. Mich fesselten weder die Pharaonen noch ihre Kriege und Eroberungen, weder ihre Reichtümer noch ihre kolossalen Bauten, darüber wurden bereits Tausende von Büchern geschrieben. Mich interessierte das im Dunkeln Liegende; Unausgesprochenes, Unerklärliches, Übergangenes, leicht Hingestreutes, ein einzelner Satz in Tausenden von Sätzen, das, was auf den ersten Blick unbedeutend und nebensächlich, in stolzen Epilogen versteckt, auftauchte.
Im Laufe meiner Forschungsarbeit kristallisierte sich allmählich ein ganz anderes Ägyptenbild als jenes, das wir aus den Schulbüchern der Ägyptologen lernen und was in der Regel der Erfahrung heutiger Touristen gleicht, die aus voll klimatisierten Bussen und luxuriösen Hotels die bilderbuchhafte Schönheit des Landes sehen, die ›idyllische‹ Armut, die ›heile Welt‹, die künstliche Fassade: die gewaltigen Monumente der Herrscher und die Zeugnisse ihrer politischen und religiösen Propaganda. Nur wenig erahnen wir vom verschwiegenen Leben und Leiden der Menschen, die nicht zur Herrscherschicht gehör(t)en, ihrer Not und Armut, der Polizei- und Beamtenwillkür, der Tyrannei und Unterdrückung. Mit dem vorliegenden Buch will ich diese andere Seite aufzeigen. Mir ist dabei bewusst, dass diese Arbeit nur ein momentaner Eindruck und noch lange nicht abgeschlossen sein kann. Ich gehe völlig einig mit dem Ägyptologen Donald B. Redford, der sagte:

Wenn ich mit einem Kurs über das Alte Ägypten beginne,
sage ich meinen Studenten immer,
dass – noch vor dem Ende des Semesters – jemand etwas entdeckt haben werde,
das unser Weltbild verändern wird.
 
 
 
 
 

Wie es weitergeht,  lesen Sie im neuen Buch von Doris Wolf:

Der Kampf gegen Weisheit und Macht der matriarchalen Urkultur Ägyptens

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