Das Patriarchat verschweigt, leugnet, diskriminiert und bekämpft die Religion der Göttin

Seit der Erfindung des Patriarchats und der ersten männlichen Götter galt der Kampf ihrer Anhänger der Grossen Göttin und der Frau. Die Diskriminierungen ziehen sich durch alle monotheistischen Religionen. Die Verleugnung der Figurinen als sakrale Zeugnisse der Göttinnen-Verehrung durch die heutigen WissenschaftlerInnen sehen wir beispielhaft beim damals jungen Anthropologen Peter J. Ucko. Warum er besonders gerne als massgebende Referenz zitiert wird, ist schlichtweg unverständlich. Sehen wir uns Herrn Ucko, der dank seiner persönlichen patriarchalen Meinung berühmt wurde, einmal näher an. Mit dem beschränkten Wissen eines gerade mal 24jährigen Absolventen der Anthropologie veröffentlicht er 1962 seine ‚Studie‘: ›The Interpretation of Anthropomorpic Figurines‹ Journal of the Anthropological Institute of Great Britain and Ireland, S. 38–58). Ucko kämpfte darin gegen die Interpretation, die nackten weiblichen Statuetten könnten sakrale Belege für die Verehrung einer Göttin in allen Epochen der Steinzeit sein. Göttinnen, die seit der Erfindung der Schrift nicht nur durch archäologische Funde, sondern auch inschriftlich und namentlich überliefert sind, spielten selbst noch in den ›Hochkulturen‹ der Bronzezeit unbestreitbar eine nicht zu übersehende Rolle. Zwar wurden sie abgewertet und zu Gattinnen oder Kindern der neu erfundenen ersten männlichen Götter degradiert, aber sie konnten nicht eliminiert werden. Ucko maßte sich an – dies ohne das nötige interdisziplinäre Wissen, das weit über seine bescheidenen Kenntnisse hinausging – beurteilen zu können. Seine eigene Voreingenommenheit genügte ihm. Sein dogmatisches Fazit: »Prähistorische weibliche Statuetten repräsentieren keine Göttinnen.« Doch er kann seine Behauptung nicht beweisträchtig untermauern, sie hält einer seriösen Überprüfung nicht stand und ist absolut unhaltbar. Möglicherweise stützt sich Ucko auf seine jüdischen Glaubensgenossen und auf Sigmund Freud, der ebenfalls ein gestörtes Verhältnis zur Muttergöttin und zum Matriarchat hatte. Freud behauptete, es hätte ›ohne Zweifel‹ eine Zeit ohne Religion und ohne Gottheiten gegeben, was in Anbetracht des heutigen Forschungsstandes längst überholt ist. Wo die Göttin von ihm nicht geleugnet werden kann – Freud kennt die Geschichte des Alten Ägypten – behauptet er, den Göttinnen sei »der eine, einzige, unumschränkt herrschende Ur- und Vatergott« voraus gegangen. Und er glaubt, das Ende des Matriarchats sei durch eine wieder hergestellte patriarchalische Ordnung abgelöst worden. »Wahrscheinlich entstanden die Muttergottheiten zur Zeit der Einschränkung des Matriarchats zur Entschädigung der zurückgesetzten Mütter« (Freud Band IX der Studienausgabe ›Fragen der Gesellschaft Ursprünge der Religion‹ S. 532 f.) Selbst der kluge Freud, war der patriarchalen Hirnwäsche nicht entgangen. Eigentlich müsste gerade er wissen: Der Drang, sich einem anderen, als ›größer‹ Erkannten bedingungslos unterzuordnen, ist einer der wichtigen Triebkräfte, an einen Vatergott zu glauben, besonders wenn sich der eigene Vater nicht zur Idealisierung eignet und das Verhältnis zu ihm stets mit Schwierigkeiten verbunden war. Mit Gott als Vater kann man gut auf einen fehlerhaften, lieblosen, demütigenden, sadistischen oder abwesenden, oft allzu menschlichen irdischen Vater verzichten.
Freuds und Uckos persönliche Meinungen, die lediglich auf religiöser Beeinflussung, nicht aber auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen, wurden zum Dogma. Uckos Polemik wurde von der patriarchalen Wissenschaftler dankbar aufgenommen und wird als sakrosankte Lehrmeinung bis heute weitergegeben. Weltweit würde wohl kein ausgewiesener Wissenschaftler die unausgegorene Meinung eines einzelnen jungen Mannes übernehmen, hätte er nicht genau das behauptet, was patriarchale, jüdische und christliche Wissenschaftler hören und glauben wollten: Gott ist seit Urzeiten männlich und wir Männer sind seit Urzeiten sein Ebenbild und das von ihm bevorzugte Geschlecht. Nie darf es etwas anderes gegeben haben, das göttlich verehrt wurde, schon gar nicht, das seit dem Patriarchat verachtete und bekämpfte Weibliche!
Der wunde Punkt des gekränkten narzisstischen Mannes sind die bis in die 1970er Jahre festgestellten mehr als 30’000 weiblichen Figurinen, [unterdessen ist ihre Zahl insgesamt auf über 100’000 Exemplare und Teilartefakte angestiegen!] und die verschwindende Anzahl männlicher Darstellungen. Dies beweist, das Männliche wurde nicht verehrt; die patriarchalen Götter sind nicht ›urgeschichtlich‹, der Mann nicht Gottes urgeschichtliches Ebenbild; das erfand er selbst und erst noch sehr spät.

Schockierend sind die vielen respektlosen und abwertenden Bilder und Texte heutiger WissenschaftlerInnen. Die nackte Göttin Nut wird auf eine Nutte reduziert: ›Beischläferin‹, ›Konku­bine‹, ›Tänze­rin‹, ›Puppe‹, ›Diene­rin‹ oder ›Sklavin‹ wurde sie von ÄgyptologInnen genannt, obwohl diese nackten Statuetten Grabbeigaben sind, die vor allem in den Gräbern von Frauen und Kindern gefunden wurden. Zu den mehr oder weniger abschätzigen Bezeichnungen wie ›Venus‹, ›Idol‹, ›Pin-Up‹, ›Stripperin‹ gehören auch ›Puppen‹, so als würde eine Mutter einem Kind eine zerbrechliche Puppe aus Ton zum Spielen geben! Es sind unwürdige Produkte universitärer Lehren unserer patriarchalen Zeit und bewusst verächtlich machende Vokabeln patriarchaler AutorInnen. Als wären entwürdigende und banalisierende Titulierungen bedeutungslos für die Religionsgeschichte der vor-patriarchalen Zeit, werden sie gedankenlos wiederholt und weitergegeben.
Der vorderasiatische Archäologe Bruchard Brentjes behauptete, dass die vielen Statuetten der frühesten Periode, keine Individuen darstellten, dass sie oft sogar die Andeutung des Gesichts vermieden, aber die weiblichen Sexualorgane hervorhoben. »Es waren Abstraktionen, Verallgemeinerungen, wie Verkörperungen der Fruchtbarkeit und der Fortpflanzung, der Lebenskraft gedacht in der Gestalt des lebenspendenden Weibes.« (Brentjes ›Völker an Euphrat und Tigris‹ 1981, S. 81) Nach den Eroberungen der Indo-Europäer entstanden massenhaft männliche Bildwerke.

Der Ägyptologe Erik Hornung schreibt zur Verehrung von ›Gottheiten in menschlicher Gestalt‹: »Vereinzelt finden sich schon in der Badari-Kultur [ca. 5500–4000] verbreitet dann in den Nagada-Kulturen [ca. 4000–3100], kleine menschliche Figuren aus Ton oder Elfenbein, die man immer wieder als Gottheiten deuten wollte. Sogar als Bild der ›Großen Mutter‹ wurden sie erklärt, obgleich nur ein Teil von ihnen eindeutig weibliche Geschlechtsmerkmale zeigt, göttliche Attribute fehlen und eine ›nackte Muttergottheit‹ der älteren geschichtlichen Zeit Ägyptens gänzlich unbekannt ist.« (1983, S. 93). Jedoch ist die Göttin Nut noch in der geschichtlichen Zeit nackt! (s. ›Das Schicksal der neolithischen Göttinnenstatuetten‹)
»Auf die Unmöglichkeit, die archetypischen Figuren der Muttergottheit von einem bestimmten ›Sexualgeschmack‹ der Männer abzuleiten, ist genügend oft hingewiesen worden. Dagegen besteht zweifellos ein umgekehrter und komplizierter Zusammenhang, nämlich eine Abhängigkeit der männlichen Sexualität von der im Unbewußten wirksamen archetypischen Figur des Weiblichen. Überall da, wo die übermäßig dicke unförmige Frau als weibliches Sexualobjekt herrscht, ist auf eine – unbewußte – Herrschaft des Mutterarchetyps in der Psyche des Mannes zu schließen« (Erich Neumann ›Die Große Mutter‹ 1974, S. 101).
Die vielen Formen der entwertenden und sexistischen Abwehr entstammen der verkrampften, frauenverachtenden Geisteshaltung, der die noch alttestamentarische, patriarchalische Prüderie zugrunde liegt. Bei den aus dem ›vergänglichen Lehm‹ hergestellten nackten weiblichen Figuren, bemängelt Hornung das ›ungöttliche Material‹, weshalb er ihnen ›Göttlichkeit‹ abspricht (s. D. Wolf 2009, S. 68); obwohl sich sein patriarchaler Gott doch eines Lehmklumpens bedient haben soll, um aus ihm den ersten Mann zu schaffen.
Der damals dem Nationalsozialismus nahestehende evangelische Theologe und Ägyptologe Siegfried Morenz gibt seinen ausdrücklichen Segen zur Diskriminierung der Frauenstatuetten aus den Gräbern, wo er schreibt: »Nackte Frauenstatuetten, die weder als Wöchnerin gebildet sind noch ein Kind bei sich haben, mag man weiterhin als Beischläferinnen bezeichnen« (Morenz ZÄS 1958, S. 139). Damit meint er natürlich, dass die nackten Statuetten Prostituierte darstellten. Alexander Scharff stellte jedoch fest: »Die älteste mir bekannte plastische Darstellung der Göttin Isis ist die aus dem Mittleren Reich [aus der Zeit zwischen 2000 und 1600] stammende, voll gegossene Bronzefigur der Göttin mit ihrem Kind im Berliner Museum, die keinerlei Attribute, weder königliche noch göttliche zeigt und lediglich durch die Inschrift auf der Bodenplatte als Darstellung der Isis ausgewiesen wird. Diese bislang älteste auf uns gekommene figürliche Wiedergabe der Großen Göttin Isis ist also nichts weiter als die Wiedergabe einer Frau und Mutter aus dem Volke und wohl gerade darum für uns um so bedeutungsvoller.« (Scharff, SBAW, 1947, S. 22)
Scharffs’ Befund, dass es sich auch bei ganz normalen Frauendarstellungen um Göttinnen handeln kann, verweist alle unrühmlichen Abwertungen der weiblichen Statuetten in den Bereich von Voreingenommenheit. Der französische Archäologe Vorderasiens André Parrot – obwohl selbst Theologe, der an der École du Louvre in Paris und der École biblique et archéologique française de Jérusalem Altertumswissenschaften studiert hatte – gehört zu den wenigen Männern, welche die nackte Göttin auch immer als ›Déesse‹ bezeichnet. (s. z.B. Parrot ›Sumer 1960). Äußerst unfreundlich, ja beschämend verächtlich, geht man mit ihren Darstellungen bis heute im deutschsprachigen Raum um; auch von Frauen.
Eigentlich ist die Diskussion müßig, denn eines ist sicher: Das Göttliche war weiblich und wurde in der Frau verehrt. Der Kampf heutiger WissenschaftlerInnen gegen die Anerkennung der nackten weiblichen Figuren der Urzeit als Göttinnen gehört zum Kampf der AnhängerInnen der patriarchalen Vatergott-Religionen gegen die Verehrung der Großen Göttin und das vor-patriarchale Matriarchat. Es ist die Fortsetzung von Rufmord und Verfolgung, die mit der indoeuropäischen Eroberung Mesopotamiens und Ägyptens vor 5000 Jahren und mit der Erfindung der ersten männlichen Götter durch die indoeuropäisch/arische Priesterkaste begannen.
»Der Einfluss dieser Invasion einer aggressiven männlich dominierten Kultur wirkt bis heute nach, und wir fangen gerade erst an, die jahrtausendelange Entfremdung von unserem ureigenen europäischen Erbe einer gylanischen, nicht gewalttätigen, erdgebundenen Kultur zu entdecken.« (Marija Gimbutas ›Die Sprache der Göttin‹ 1995, S. XXI)
Wir wissen, dass die Religion und der Jahrtausende alte Kult der Großen Göttin Isis in der 4. Dynastie von Cheops verfolgt wurde. Herodot berichtet, dass unter Cheops und Chephren die Tempel aus der vor-dynastischen Zeit geschlossen blieben und das Opfern verboten wurde, was, laut Herodot »die ÄgypterInnen in grenzenloses Unglück stürzte«.
Noch 3000 Jahre später wurde der Kampf gegen die alt-ägyptische Göttin Isis, die man bis dahin nicht hat eliminieren können, fortgesetzt. Der Religionsgeschichtler und Ägyptologe Hans Bonnet schreibt: »Der Isis-Kult hatte sich über die ganzen Mittelmeerländer ausgebreitet und überspann schließlich das ganze Römische Reich. In den 50er-Jahren nach Christi Geburt ließ der römische Senat die Heiligtümer der Göttin zerstören und Tiberius [römischer Kaiser von 14–37 u. Z.] hat dann vollends die Isis-Gemeinde mit blutiger Strenge verfolgt.« (Bonnet) Interessant ist, dass die Verfolgung damit begründet wurde, »dass man den Isis-Gläubigen Unsittlichkeit vorwarf. Wir haben kaum Anlass, diese Vorwürfe sonderlich ernst zu nehmen«, schreibt Bonnet. »Sie blieben bekanntlich auch dem Christentum nicht erspart und werden zudem von unseren Gewährsmännern ausdrücklich auf alle Tempel ausgedehnt, in denen Frauen verkehrten.« (Bonnet ›Reallexikon der ägyptischen Religionsgeschichte‹, 1971, S. 330 f.)
Der Vorwurf der Unsittlichkeit und der sexuellen Ausschweifung zum Zweck der Herabsetzung der AnhängerInnen der vorhergehenden Religion war auch bei der Verfolgung der keltischen Göttinnen-Verehrung nicht neu. Die Methode war beliebt und hatte großen Erfolg: »Es wurde in der altchristlichen Literatur und bei den Kirchenvätern später geradezu üblich, den Andersgläubigen alle möglichen sittlichen Verfehlungen pauschal zuzuweisen und alle Schlechtigkeit auf ihnen zu vereinigen« – besonders natürlich den Frauen. (Heinz-Werner Kubitza ›Der Jesuswahn – Wie die Christen sich ihren Gott erschufen – Die Entzauberung einer Weltreligion durch die wissenschaftliche Forschung‹ 2011, S. 52). 600 Jahre nach Christus versetzte Mohammed der arabischen Göttinnen-Trinität den Todesstoß. (s. ›Das Matriarchat in Arabien
»Dass sich die Menschen [nicht die Menschen, die Männer!] ständig neue Götter erschaffen haben, dieses religionsgeschichtliche Grundgesetz gilt auch für das Christentum. Und wie alles Irdische ist auch das Christentum dem Gesetz von Werden und Vergehen unterworfen«. (Kubitza ibd. S. 304) Alle indoeuropäischen Götter, ob in Sumer, Ägypten, Griechenland, Rom oder Jerusalem, samt dem jüdischen ›Gottessohn‹ Jesus, waren sterblich und gingen bis auf die aktuellen patriarchalen, monotheistischen Götter unter. Doch auch ihnen droht dasselbe Schicksal. Nur die Göttin ist ewig.

 


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