Die ›pharaonische Beschneidung‹ der Mädchen und Frauen

Aus dem Inhalt:

  • Am Anfang war die Verehrung der Vulva
  • Die ›pharaonische Beschneidung‹
  • Die Grausamkeiten werden von den ÄgyptologInnen bagatellisiert und gemieden
  • Die Frauen des Harems gehörten zu den ersten beschnittenen Frauen
  • Die Infibulation ist die Erfindung von Rinder- und Pferdezüchtern
  • Die sadistischen und egoistischen Gründe patriarchaler Männer
  • Verstümmelung auch in Europa und Amerika
  • In Ägypten wird trotz Verbot weiterhin verstümmelt
  • Die Rolle der Industrieländer und die Hoffnung der Frauen auf Protest des Auslandes
  • Die ›Achtung vor Gottes Schöpfung‹ gilt nicht für die Verstümmelung der Frau

 

Aus der prähistorischen Zeit wurden bei den im Wüstensand natürlich mumifizierten weiblichen
und männlichen menschlichen Überresten keine beschnittenen Genitalien festgestellt.

Am Anfang war die Verehrung der Vulva

Mit der Verstümmelung und Entfernung der Vulva wurde ihrer Verehrung
von patriarchalen Männern ein radikales Ende gesetzt.

Die Vulva als ›Tor des Lebens‹ dürfte seit Beginn unserer Menschheitsgeschichte verehrt und begehrt worden sein (s. Symbole schreiben Urgeschichte und Die Verehrung der Vulva.) Der Neid patriarchaler Männer setzte dieser Verehrung ein brutales Ende. In der pharaonischen Zeit wurde ihre Entfernung aus dem weiblichen Körper durch radikales Herausschneiden oder Herausreissen angeordnet. Das Verbrechen an Mädchen und Frauen wird noch heute nicht nur als Tradition sondern z.T. auch religiös gerechtfertigt.

Die sexuelle Verstümmelung der weiblichen Genitalien ist eines der schlimmsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das heute noch täglich an Millionen von Mädchen und erwachsenen Frauen begangen wird.

Nachdem die indoeuropäischen Rinderzüchter den Zusammenhang von Sex und Zeugung verstanden hatten, vergöttlichten sie ihr Ejakulat, die Hoden und den Phallus. Sie beendeten die Verehrung der ihnen verhassten Vulva und ersetzten diese durch den Phalluskult. Herodot nahm an, dass der Kult des Phallus aus Ägypten auch nach Griechenland gebracht wurde.
Der Arzt Ange-Pierre Leca bestätigt den Phalluskult, wo er schreibt, dass bei der Mumifizierung Penis und Hoden bei Sethos und Ramses II »mit einem scharfen Instrument an der Wurzel der Schamhaare entfernt… umwickelt in einer kleinen Statue aus vergoldetem Holz dem Sarg beigefügt waren, dass wir »jedoch keinerlei Hinweise auf die Bedeutung dieser rituellen Amputation haben«. (›Die Mumien —Zeugen ägyptischer Vergangenheit‹ 1984, S. 90).
Seit dem patriarchalen Abraham (dem indoeuropäischen Vater Brahm) leisten semitische Männer bindende Eide auf ihre eigenen Genitalien. Selbst im Christentum hielt sich die Phallusverehrung minde­stens bis ins 14. Jahrhundert. Archäologische Forschungen ergaben, »dass sich in etwa 90 Prozent der englischen Kirchen, die vor 1348 erbaut worden waren, verborgene Steinphalli befanden« (Barbara G. Walker ›Das Geheime Wissen der Frauen‹ 1993, S. 866-869 passim).

Die pharaonische Beschneidung

Das Herausschneiden des ganzen äußerlichen Geschlechtsteils mit Klitoris und großen und kleinen Labien wird bis heute ›pharaonische Beschnei­dung‹ genannt. Dass sie ihren Ur­sprung im pharaonischen Ägypten hat, ist erwiesen. »Die Untersuchung weiblicher königlicher Mumien brachte einige Fachleute zu dem Schluss, dass diese Frauen der höchsten Kaste Ägyptens ausgeschnitten waren. Shandall meint, im Alten Ägypten seien die genitalen Operationen auf die weiblichen Angehörigen von Herrschern und Priestern beschränkt gewesen. Tatsächlich ist eine große Zahl pharaonisch beschnittener Mumien gefunden worden. Da nur die privilegierten Klassen mumifi­ziert wurden, sieht es so aus, als ob die Verstümmelung zum weiblichen Leben in königlichen Kreisen gehörte und sich im Laufe der Zeit im Volk ausbreitete.
Griechische Autoren wie Philo, Ambrosius, de Abrahamo, Strabon und ein Papyrus aus dem – 2. Jh. die Ägypten in der Spätzeit bereisten, berichteten, dass damals auch Mädchen beschnitten wurden. Ob dabei die kleinen und die großen Labien entfernt wurden, scheint ungewiss. Dass viele mumifizierte Frauenkörper effektiv keine Geschlechtsteile mehr haben, wollen Ägyptologen darauf zurückführen, dass sie bei der Mumifizierung zusammen mit den Eingeweiden entfernt wurden (z.B. Hans Bonnet ›Reallexikon der ägyptischen Religionsgeschichte‹ 1971, S. 111).
Zeitzeugen, wie der Grieche Strabon (- 63-20), berichteten jedoch, dass Frauen tatsächlich nicht erst bei der Mumifizierung beschnitten wurden: »Eine Beson­der­heit der Ägypter besteht darin, die Mädchen zu beschnei­den«. Philon der Jude (1. Jh.) schrieb, dass  es effektiv Brauch bei den Ägyptern sei, Jungen und Mädchen, wenn sie in die Pubertät kamen, zu be­schneiden. Der christliche Kirchen­lehrer Ambrosius, der im 4. Jahrhundert lebte, hielt ebenfalls fest, dass bei den Ägyptern die Frauen im glei­chen Alter beschnitten wurden wie die Jungen, präzise dann, wenn bei den Männern die sexuellen Wünsche entflammen und bei den Frauen die Menstrua­tion be­ginnt. Aetios von Amide, ein jüdi­scher Arzt des 6. Jahrhunderts u.Z. überlieferte, dass die Ägypter die Klitorektomie prakti­zierten. Von ihm »stammt die Empfehlung, die Klitoris eines Mädchens zu entfernen, ›bevor sie zu groß wird‹. Er schil­dert den Vorgang: Ein Mädchen sitzt auf einem Stuhl, ihre Beine werden von einer hinter ihr sitzenden Person gespreizt. Vor ihr steht ein Chirurg, der mit einer großen Zange die Klitoris ergreift und herausreißt« (Marilyn French ›Der Krieg gegen die Frauen‹ 1992, S. 142). Der Psychiater Bruno Bettelheim beobachtete bei seiner Betreuung von psychisch schwer gestörten und delinquenten Jugendlichen, dass einige den Wunsch verspürten, den Mädchen die Vulva herauszureißen. Das war ohne Zweifel auch der kranke Geisteszustand der indoeuropäischen Erfinder dieser sadistischen Perversion im patriarchalisierten Ägypten.

Man schätzt, dass weltweit mehr als 200 Millionen Mädchen und Frauen mit der grausigen Verstümmelung leben und jährlich weitere Millionen dazukommen. Da wir wissen, dass diese heutzutage an Mädchen aller Gesellschaftsklassen, bei vielen afrikanischen Stämmen (und in anderen Teilen der Erde) praktiziert wird, »ist es logisch anzunehmen, dass sie sich von den königlichen Kreisen zu den unteren Schichten der Gesellschaft ausgebreitet und zugleich auch geographisch ausgeweitet hat. Die Ver­breitung dieses Gräuels wurde entschuldigt, legitimiert und gefordert von jener Weltreligion, die Patriarchat heißt. Obgleich Sekten wie der Islam und das Christentum es nicht erfunden haben, taten sie nichts Wirkungs­volles, um dem ein Ende zu setzen« (Mary Daly ›GYN/ÖKOLOGIE‹ 1986, S. 183 f).
Die Vermutung, dass die barbarische Beschneidung (auch jene der Knaben!) in Ägypten von den indoeuropäischen Eroberern eingeführt wurde, wird durch die geographische Ausbreitung derselben ge­stützt. Zum sogenannten ›Beschneidungsgürtel‹ gehören von Westafrika bis zur Arabischen Halbinsel alle Küstengebiete auf dem Weg vom persischen Golf um die arabische Halbinsel, das Horn von Afrika, Somalia, Kenia, das Niltal, Sudan und Ägypten.

Die Grausamkeiten werden von den ÄgyptologInnen
bagatellisiert oder ganz gemieden

Erwähnungen und Kommentare zu diesem Gräuel sind bei den heutigen ÄgyptologInnen äußerst rar und zwiespältig. Sie behandeln das Thema mit spitzen Fingern, während weibliche Autorinnen, die den Frauen ganze Bibliographien widmeten wie etwa Christiane Desroches Noblecourt (›La femme au temps des Pharaons‹) oder Gay Robins (›Frauenleben im Alten Ägypten‹), das Thema sogar ganz weg lassen. Eine nicht informierte Ägyptologin konnte behaupten, bis heute wisse man nur von einer beschnittenen weiblichen Mumie!
Ange-Pierre Leca berichtet, die Beschneidung bei den ägyptischen Mädchen habe sich auf die Klito­rektomie (das Entfernen der Klitoris) und die Entfernung der kleinen Labien beschränkt. Trotz dieser Feststellung behauptet er paradoxerweise, man hätte keine ›direkten Beweise‹, dass die Beschneidung im Alten Ägypten praktiziert worden sei. Dieses Verbrechen wird auch nur beiläufig im ›Lexikon der Ägyptologie‹ erwähnt: »Die Beschnei­dung von Mädchen ist zwar nicht überliefert (!), doch deuten die Er­wähnungen von unbeschnittenen‹ Jungfrauen darauf hin« (Wolfhart Westendorf ›Beschneidung‹, LÄ, I, S. 728). Trotz der eindeutigen Fakten, die die weibliche Beschneidung bezeugen, meint der Religionswissenschaftler Hans Bonnet sich selbst widersprechend: »Wahrscheinlich waren also die Frauen im Unterschied zu den Männern nicht beschnitten. So bleibt die Verbreitung der Mädchen-Beschneidung völlig im Dunkeln, und ebenso steht es um ihre Begründung. Es liegt kein Anlass vor, sie kultisch zu werten; sie könnte sehr wohl nur eine Vorbereitung auf die Ehe sein (sic!) der sie nach den genannten Zeugnissen vorausging« (Bonnet ibd. 1971, S. 111).

Die Frauen des Harems gehörten
zu den ersten beschnittenen Frauen

Über die Motive für diese bestialische Verstümmelung wurde schon viel speku­liert. Wenn man aber zu den Ursprüngen dieser Perversion zu­rückkehrt, sticht ein Wider­spruch besonders ins Auge. Dass die Beschneidung zuerst am kö­niglichen Hof, an Frauen des königlichen Ha­rems durchgeführt wurde, wie die beschnittenen Mumie be­zeu­gen, zeigt ein Paradox auf, das die von WissenschaftlerInnen phan­ta­sierte ›erotische Atmosphäre‹ des Harems ad absurdum führt. Wenn die Pharaonen schon derart ›potent‹ waren, dass sie viele Frau­en zu ihrem Vergnügen benötigten, wie der Arzt A.P. Leca bewundernd erwähnt (1984, S. l27), sich also deshalb Harems mit Hunderten von Frauen hielten, warum verstümmel­ten sie dann deren Sexualor­gane? Das ist absurd. Es kann sich bei den beschnittenen Frauen kaum um die ›Lieblingsfrauen‹ des Königs gehandelt haben. Es muss andere Gründe für die Beschneidung der hunderten Frauen des Harems gegeben haben. Eine der möglichen Erklärungen findet sich bei C. L. Costin (›Explorier the Relationship Between Gender and Craft in Complex Societies‹ 1996, S. 125-132, Erforschung des Verhältnisses zwischen Geschlecht und Handwerk in komplexen Gesellschaften) folgendermaßen erklärt:

»Die eingesperrten Frauen wurden von der biologischen Reproduktion ausgeschlossen,
so dass ihre Arbeitskraft gänzlich für die Produktion einsetzbar wurde.«
 (Costin in R.P. Wright, Hrsg. ›Gender and Archeology‹, S. 111-142).

Abgesehen von der grauenhaften Tortur, die noch heute ohne Betäubung vorgenommen wird, den häufigen Infektio­nen der Wunde und der Bauchorgane, kann eine nicht nur physisch sondern auch psychisch verletzte und traumatisierte Frau gewiss keine lustvolle Sexualpartnerin sein.

Noch nicht beantwortet ist damit die Frage, wie die Herrscher auf diese schreckliche Idee kamen. Möglicherweise ist eine die Schwangerschaft verhütende Praxis von der Viehwirtschaft übernommen. Wenn der Eigentümer eine Zeugung auf der Weide vermeiden will, kennt er verschiedene Verfahren, z.B. die Infibulation. Eric J. Dingwall schreibt in seinem Buch ›The Girdle of Chastity‹ (1931), dass die ›Infibulation‹, d.h. das Zunähen der Vulva der Stuten, bei Pferde­züchtern seit lan­gem bekannt sei »und zwischen dieser und der gleichen Handlung bei Frauen besteht kein Unterschied. Die großen Schamlippen werden durch einen Ring, eine Spange oder ein Vorhängeschloss zu­sammengehal­ten.« Marylin French informiert uns noch ausführlicher. In ihrem Kapitel Der Krieg von Völkern gegen den weiblichen Körper schreibt sie: »Der BegriffInfibulation stammt von den Römern, die manchmal einen Ring oder eine Klammer durch die äußeren Schamlippen von Sklavinnen zogen, um sie vom Geschlechtsverkehr abzuhalten und Schwangerschaften zu verhindern« (French 1992, S. 138), was sie von der für die Kerkermeister profitablen Arbeit abhalten würde. (s. ›Der Harem, Bordell des Königs und Zwangsarbeitslager der Frauen‹)

Die indoeuropäische Kaste der Waffen- und Hufschmiede
betätigte sich als Beschneider

Eine andere Tatsache scheint diese Annahme eben­falls zu stützen. Die frühesten Invasoren in Ägypten, die Shemsu-Hor, waren Waffen- Schmiede. Auffallenderweise betätigen sich u.a. im Sudan zum Teil heute noch Schmiede als Beschneider der Mädchen. Und »in Mali gehören fast alle Frauen, die Klitoris Beschneidungen und Infibulationen durchführen zur Kaste der Hufschmiede« (EMMA, Juli/August 1994).

Die sadistischen und egoistischen Gründe patriarchaler Männer

Eine beschnittene Afrikanerin, die an einer Diskussion im französischen Fernsehen teilnimmt, nennt für die Ablehnung eines Verbotes in der patriarchalen Gesellschaft Afrikas drei Gründe. Es gehe um:

  • Die Minderung der sexuellen Lust der Frau
  • die Erhaltung der Jungfräulichkeit vor der Ehe
  • und den Genuss des Mannes beim Geschlechtsverkehr mit der beschnittenen Frau:

Die verengte Vagina bereitet dem Mann ungeheure Lust, während die Frau unerträgliche Schmerzen erleidet. Diese Männer weigern sich, unbeschnittene Frauen zu heiraten. Heirat ist für Frauen in konservativ-patriarchalen Ländern ein absolutes Muss, eine unverheiratete Frau wird in diesen Gesellschaften als Hure verfemt. Um ihre Töchter vor dieser Schande zu bewahren, lassen auch solche Mütter ihre Töchter beschneiden, die die Beschneidung längst als Mittel der weiblichen Unterdrückung erkannt haben und eigentlich ablehnen.

Auch in Europa und Amerika!

Die Verstümmelung der Sexualorgane blieb nicht auf ›primitive afri­kanische Stämme‹ be­schränkt; ›Infibulation‹ bei Frauen war im 19. Jahrhundert auch in Europa und den Vereinigten Staaten an der Tagesordnung. Die frühen »Ärzte beharrten darauf, dass durch die Exzision ›sexuelle Abweichungen‹ wie Masturbation und ›Nymphomanie‹ (es war undenkbar, dass eine anständige Frau sexuelle Lust empfand!) wie auch Hysterie, Epilepsie, Katalepsie (Starrsucht), Melancholie und Geisteskrankheit geheilt würden« (French ibd. 1992, S. 143). »In den USA wurde die letzte nachgewiesene Klitorektomie (Entfernung der Klitoris) zur Behandlung von Masturbation 1948 durchgeführt – an einem fünfjährigen Mädchen!« (Walker ibd, 1993, S. 550).

In Ägypten wird – trotz Verbot –
weiterhin verdtümmelt

Die Verstümmelung wird im heutigen Ägypten sowohl von muslimischen wie christlichen (Kopten-) Familien praktiziert. Ägyptische ÄrztInnen nehmen an, dass diese Barbarei in städti­schen Verhältnissen noch bei 50 Prozent, in ländlichen Verhältnissen aber noch immer bei nahezu 100 Prozent der Mädchen vorgenommen wird. Obwohl ein ägyptisches Gesetz die weibli­che Beschneidung heuchlerisch ver­bietet, wird die Einhaltung dieses Gesetzes von der Regierung weder überwacht noch seine Übertre­tung be­straft, im Gegenteil: Der ägyptische Arzt M.B. Assad schreibt, »dass der Islam diese Praxis ausdrücklich unterstützt, weil dadurch das sexuelle Verlangen der Frauen gedämpft und die Kontrolle der Männer über Jungfräulichkeit und Keuschheit gestärkt werden.
Millionen Männer und Frauen sind der Ansicht, dass die Frauen nicht vor ihrer eigenen ›Wildheit‹ geschützt werden müssen, sondern vor jener von Männern. Ein muslimischer Arzt beispielsweise verteidigte die alte arabische Tradition der Infibulation, weil sie Mädchen, die allein Tiere hüteten, gegen die Angriffe von Männern schützte.  ›Schutz‹ wird häufig als Begründung für die Verstümmelung angeführt, und meistens ist der Schutz der Familie gemeint. In allen Berichten über genitale Verstümmelung in Afrika und Asien heißt es, dass es Frauen sind, die diese Operationen durchführen und an der Notwendigkeit dieser Eingriffe festhalten. Sie akzeptieren diese grausamen Sitten, weil ihre Töchter dadurch in die Gesellschaft und die Glaubensgemeinschaft aufgenommen werden.

Frauen haben nur scheinbar die Macht über diese Praxis, denn kein Mann wird ein nicht verstümmeltes Mädchen heiraten, und Mädchen müssen verheiratet werden, um in diesem Teil der Welt zu überleben. Daraus folgt: Die Verstümmelung ist obligatorisch.« (French ibd. 1992, S, 148).

Die Rolle der Industrieländer

Das diplomatische ›Zartgefühl‹, mit welchem die sogenannt zivilisierte Welt die barbarischen Sitten der ›Klitoris Beschneidung‹ – wie man die Verstümmelung lange Zeit verharmlosend nannte –  in den Drittweltländern duldet, –  vor allem durch Ignorieren –  ist leicht verständlich. Unsere Industrienationen beuten diese Länder aus, z.B.  ihre Rohstoffe und Bodenschätze. Dazu werden sie zur Abnahme der Exporte, allen voran den lukrativen Waffen angehalten. Westliche Länder haben kein Interesse sie durch ›Einmischen in innere Angelegenheiten‹ zu verärgern.
Ist es Feigheit oder falsch verstandene Rücksichtnahme westlicher PolitikerInnen gegenüber den patriarchalen Despoten und ihren ›kulturellen Traditionen‹, schieres Desinteresse an weiblichem Leiden oder manifeste Verachtung gegenüber ›primitiven Bräuchen‹ von Drittweltländern, dass nichts Effizientes geschieht, um dieser Verstümmelung und Folter Einhalt zu gebieten? »Hier werden fast alle Mädchen beschnitten«, berichtet eine Sudanesin, »aber niemand spricht darüber. Die Zeitungen schweigen. Das Fernsehen, der Rundfunk. Unsere einzige Hoffnung ist der Protest des Auslands« (Margrit Gerste, ›Die Zeit‹, 4.5.1979).

Die ›Achtung vor Gottes Schöpfung‹
gilt nicht für die Verstümmelung der Frau

Endlich wurde in einer Resolution der Weltgesundheitsorganisation (WHO in Genf) die Abschaffung der Beschneidung von Frauen gefordert. Die marokkanische Soziologin Fatema Mernissi weist darauf hin, dass es bei den Muslimen verpönt war, kleine Jungen zu kastrieren, um aus ihnen Eunuchen als Haremswächter zu machen. »Eine solche Operation wird im Islam stark verurteilt, da sie einen Eingriff in Gottes Schöpfung darstellt« (Mernissi ›Der Harem in uns‹ 1994, S. 46). Es ist erstaunlich, dass die gleiche Achtung vor Gottes Schöpfung nicht auch für die Verstümmelung der Mädchen und die Beschneidung von Knaben gilt. Die ägyptische Ärztin und Schriftstellerin Nawal as Sadawi schreibt in ihrem Buch ›Tschador‹ über die Beschneidung die bei 650 Frauen untersucht wurde, dass die Operation der Beschneidung zu gesundheitlichen Schäden führte und für junge Mädchen in der psychischen und sexuellen Entwicklung junger Mädchen eine schwere Erschütterung bedeutet. Sie beeinträchtige die Frauen in der Fähigkeit den Orgasmus zu erleben und führe, wenn auch in geringerem Masse, eindeutig zur Minderung des sexuellen Verlangens. Je nach der Konstitution und den Lebensumständen einer Frau könne dieser Schock in unterschiedlich starkem Masse zur sexuellen Frigidität führen und die Vorstellung, dass die Beschneidung von Frauen das Risiko einer Krebserkrankung an den äußeren Geschlechtsteilen mindere, sei zweifellos falsch.

Die Barbarei der Verstümmelung wird beschönigt und geleugnet

Als die Fernsehstation CNN 1994 während der Konferenz von Kairo die Beschneidung eines kleinen Mädchens aus­strahlte, um auf die katastrophale Verstümmelung von Mädchen in Ägypten und in Teilen des übrigen Afrika aufmerksam zu machen, waren die ägypti­schen Gastgeber empört – nicht über die Beschneidung – sondern dass die ägyptische Gastfreundschaft damit diskreditiert worden sei. Sie behaupteten auch, diese Beschneidung sei eine gestellte Szene und die Teilhabenden seien von CNN für diese Inszenierung bezahlt worden. Der ›volksnahe‹ Präsi­dent Hosni Mubarak äußerte sein Erstaunen; er habe geglaubt, diese Sitte sei in Ägypten verschwunden!

Wer den Bauch der Frauen kontrolliert
bestimmt über seine Schöpfungsmacht

Kein Vergleich mit der Beschneidung der Vorhaut

„Die genitale Verstümmelung von Frauen ist nicht mit der Beschneidung vergleichbar, sondern mit der Kastration. Aber so schrecklich eine Kastration für einen Mann auch ist, so leiden Eunuchen doch weniger als verstümmelte Frauen, denn sie müssen danach nicht mit diesen verstümmelten Organen gebären. Die Physiologie einer Frau aber ermöglicht es, dass sie selbst nach der Entfernung ihrer äusseren Geschlechtsorgane noch fortpflanzungsfähig ist.« (Marilyn French 1992, S, 141) Der Fluch des eifersüchtigen Gottes auf die Gebärfähigkeit der Frau: ›Und zum Weibe sprach er: Ich will dir viel Schmerzen schaffen, wenn du schwanger wirst; du sollst mit Schmerzen Kinder gebären; und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, und er soll dein Herr sein.‹ (Mose 1.3, Lutherbibel 1912) vollzieht sich bei der verstümmelten Frau auf das Furchtbarste. Schämen sich Gläubige eigentlich nie dafür, diesen von sadistischen ›Propheten‹ ausgedachten brutalen Gott zu verehren?

Das erneute Martyrium der Frau beginnt schon vor der Schwangerschaft. Ashley Montagu schildert das grausame Vorgehen:

»Wenn ein Mädchen, dessen Jungfräulichkeit auf so empörende Weise bewahrt wurde, zur Braut wird, wird sie Opfer weiterer Gräuel. Eine der Frauen, die die Infibulation durchführen, besucht unmittelbar vor der Hochzeit den Bräutigam, um genau Mass an seinem Glied zu nehmen. Sie fertigt dann als Massstab eine Art Phallus aus Ton oder Holz an, mit dessen Hilfe sie die Wunde ein Stück weit aufschneidet. Sie lässt das mit einem Lappen umwickelte Instrument in der Wunde stecken, damit sich die Ränder nicht wieder schliessen. Unter abscheulichem Gelärme wird dann die Hochzeit gefeiert. Der Mann führt seine Braut nach Hause — jeder Schritt bereitet ihr Schmerzen — und ohne zu warten bis die frische Wunde verheilt oder vernarbt, vollzieht er die Ehe.« (Marilyn French 1992, S, 142)

Fussnote:  Zur genitalen Verstümmelung von Frauen ausführlich bei Mary Daly; dazu Literaturliste zum Thema in ihrem Buch ›GYN/ÖKOLOGIE‹ S. 184 und 461. Elizabeth Gould Davis 1987, S.159 ff. Zur heutigen pharaonischen Beschneidung im Sudan: Hanny Lightfoot-Klein ›Das grausame Ritual‹ Fischer 1992: WIN News berichtet regelmäßig über die Klitoris Beschneidung, direkt bei Fran P. Hosken, 187 Grant Street, Lexington, MA 02173, USA und Inter-African Committee, 147 rue de Lausanne CH-1202 Genf. ›Emma‹ div. Hinweise und Artikel seit 1977: Frauenverlags GmbH, 50667 Köln. UNO Sonderfond zur Förderung von Erziehungsprogrammen in dreiundzwanzig Ländern: The Campaign to Eliminate FGM, UNFPA (United Nations Population Fund) 22o E, 42nd Street, New York, NY 10017, USA. TERRRE DES FEMMES E.V., Menschenrechte für die Frau, Konrad-Adenauer-Str. 40, 72072 Tübingen. INTACT Internationale Aktion gegen die Beschneidung von Mädchen und Frauen, Johannisstrasse 4, 66111 Saarbrücken. UNICEF Schweiz, Baumackerstr. 24,8050 Zürich.u.a.


Print page