Von den VegetarierInnen zu den Fleischessern

Aus dem Inhalt:

  • FischerInnen, PflanzerInnen und SammlerInnen
  • Die Urzeit im Zeichen der Fischgöttin
  • Haufen von Fischgräten, Muscheln- und Schneckenschalen
    im Hausmüll der Steinzeit
  • Der Mythos vom frühen Fleisch essenden Hominiden
  • Die Fleischesser kamen mit den patriarchalen Rinderzüchtern aus dem Norden
  • Sesshaftigkeit versus Nomadentum

 

»Unter der Göttin war eine besondere Schuld mit der körperlichen Verlet­zung ir­gendei­nes lebenden Wesens verbunden, ganz gleich ob Mensch oder Tier.«
(Johann Jakob Bachofen ›Das Mutterrecht‹)

»In den Sagen vom ›Goldenen Zeitalter‹ wurde erzählt, wie in den frühesten und glücklichsten Tagen des Menschengeschlechtes, als die Menschen mit den Göttern und der Natur noch in friedlicher Eintracht lebten, und als die harte Mühsal der täglichen Arbeit noch nicht begonnen hatte, tierische Nahrung unbekannt war, und wie die freigebige Erde durch ihren natürlichen Ertrag dem Menschen alles gewährte, dessen er bedurfte.« Dies schreibt der schottische Alttestamentler und Orientalist Robertson Smith und er fügt an, dass diese Vorstellung vom ›Goldenen Zeitalter‹ »nicht eine rein abstrakte Spekulation ohne jede in der Überlieferung gegebene Grundlage« sei. Smith stellt fest, dass ein »ursprünglicher Vegetarismus« ein charakteristisches Merkmal der frühesten Zeit war, und diese Anschauung könne nur zu einer Zeit entstanden sein, als das Gefühl eines religiösen Bedenkens gegen das Schlachten und den Fleischgenuss noch wirksam war.« (Smith Die Religion der Semiten‹ 1899, S. 230).
Dies dauerte an, bis indoeuropäische Eroberer vor 5000 Jahren das ›Goldene Zeitalter‹, das Matriarchat, mit Gewalt ablöste und durch die patriarchale Herrschaft ersetzte und institutionalisierte. »Im Volk bleibt das Ursprüngliche erhalten, selbst als in den jüngeren und künstlich geschaffenen Geboten der indoeuropäischen Priesterkaste neue Denkweisen auftauchten. Laut Porphyrius (›De abstinentia IV‹, S. 6ff.) waren aber die Priester – die die Priesterinnen mit der Zeit aus Amt und Würde vertrieben hatten – noch immer »verpflichtet, eine streng vegetarische Lebensweise einzuhalten, solange sie persönlich kultische Dienste zu verrichten hatten« (Smith S. 231, vergl. Bernays, Theophrastos’ Schrift über Frömmigkeit, 1866). »Bei den Griechen und Semiten muss die Vorstellung vom Goldenen Zeitalter, dass die Lebensweise des Menschen in diesem Zeitalter eine vegetarische war, volkstümlichen und nicht priesterlichen Ursprungs sein« (Smith ibd S. 232).
Vegetarische Nahrung bestätigen die Untersuchung der Mageninhalte natürlicher, d.h. im Wüstensand vertrockneter prähistorischer Mumien. Sie ergaben, dass sich die Menschen in der vordynastischen Zeit Ägyptens von einem riesigen Angebot energiereicher Kost ernährten: von Getreide, Wildgemüse, Wurzeln, Samen, Nüssen, Feigen, Datteln, Milch, Eiern und Honig; und sie stellten Joghurt und Käse her. Auch Meeresalgen (Seetang), Seerogen (Batarak, ›Kaviar‹) standen vereinzelt auf dem Speiseplan. Wassertiere ergänzten den Bedarf an gesunder und abwechslungsreicher Nahrung und deckten ihn vollständig. Fische und Schalentiere gehörten zu den wichtigsten Protein-Spendern – seit der Urzeit. (s. auch Lexikon der Ägyptologie, LÄ, I, S. 1267 ff. ›Ernährung‹) Das leicht verdauliche Eiweiß der Fische, macht sie für den Menschen außerordentlich gut verwertbar. Die wertvollen Fette, ganz speziell Omega-3-Fettsäuren, spielten bei der Entwicklung des Gehirns eine zentrale Rolle. Es war Fisch, nicht Fleisch, welches das Gehirn des Vor-Menschen weiter entwickelte, denn diese Omega-3-Fettsäuren findet man nicht in Warmblüter-Fleisch. Omega-3-Fettsäuren sind vor allem für Mütter während der Schwangerschaft und das Kleinkind von Bedeutung. Kinder wurden üblicherweise während zwei bis drei Jahren gestillt. »Das Fleisch sonnengedörrter Fische war die erste Speise nach der Entwöhnung.« (Ingrid Gamer-Wallert, LÄ, II, S. 226)

Haufen von Fischgräten, Muscheln- und Schneckenschalen
im Hausmüll der Steinzeit

Aus dem Paläolithikum stammend, wurden in Ägypten große Massen von Muscheln gefunden, schreibt der Ägyptologe Wolfgang Helck (›Jagd und Wild im Alten Vorderasien‹ 1968, S. 4). Eine riesige Auswahl von Wassertieren, die  hauptsächlich aus dem Nil, weniger aus dem Roten- und dem Mittelmeer geholt wurden, stand zur Verfügung. »Schriftliche und archäologische Quellen liefern umfangreiche Informationen zu verschiedenen Fischen und anderen Wassertieren sowie zu deren Fang und Verwendung. Wassertiere wurden in der ägyptischen Kunst dargestellt und als Medikament genutzt. Muschelschalen und Schneckengehäuse wurden bearbeitet und als Schmuck oder Werkzeuge verwendet oder im religiösen Kontext eingesetzt. Fischfang war ein eigener Gewerbezweig, mit Wassergetier wurde gehandelt und die Jagd auf Fische und anderes Wassergetier war ein Zeitvertreib [der viel späteren] ägyptischen Elite. (Wikipedia ›Fisch im Alten Ägypten‹) Noch in der Bibel lesen wir: »Wir denken an die Fische, die wir in Ägypten umsonst zu essen bekamen« (Num 11,5).

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Angeln und grosse Hand-Netze wurden verwendet und Fische mit ca. vier Meter langen Holzstangen gespeert und  harpuniert. Altägyptische Gemälde (A.H. Gardner), Tempera-Faksimile von N.M. Davies, Oriental Institute of the University of Chicago, nach Brewer und Friedman ‚Fish and Fishing in Ancient Egypt‘ 1989)

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Fischspeeren mit einer zweispitzigen Harpune in einer Wandmalerei des Grabes
des Usheret in Theben, 18. Dynastie, um 1430 v. Chr. (Dietrich Sahrhage
›Fischfang und Fischkult im Alten Ägypten‹ 1998, Wikipedia ›Fisch im Alten Ägypten‹)

Der Ernährungswissenschaftler Stephen Cunnane ist überzeugt, dass sich die Vorfahren der Menschen im Laufe der Evolution auf Fischnahrung aus afrikanischen Gewässern spezialisiert haben. Wie wichtig Wassertiere für die Völker waren, zeigt der Mitte Juni 2013 publizierte Artikel der PNAS zur Erforschung der Größe der steinzeitlichen Bevölkerung, die während zehntausenden von Jahren an den südlichen Küsten Afrikas siedelten. Der Biologe Richard Klein (Stanford) und die Anthropologin Teresa Steel (UC Davis) schlossen aus der Größe der verzehrten Muschel- und Schneckenschalen im Hausmüll der Menschen, die dort gesiedelt hatten auf die Größe der Population. Waren die Muscheln groß, wurde auf eine kleine Bevölkerung, waren sie klein, auf eine größere Zahl von Menschen geschlossen, weil man mehr davon benötigte und die Muscheln weniger Jahre Zeit hatten zu wachsen. Über Jahrzehntausende fanden sie signifikant größere Muscheln im Mittelpaläolithikum als jene der späteren Jungsteinzeit, was mit einer höheren Populationsdichte in Verbindung gebracht wird. (PNAS, Online, 17.6.2013)

Das Gebot der Gewaltlosigkeit gegenüber Menschen und Säugetieren

Das Gebot ist charakteristisch für die friedlichen matriarchalen Kulturen. Die neolithische Bevölkerung – das zeigt sich im Alten Ägypten und in Indien deutlich – ernährte sich bis zur Invasion der indoeuropäischen Rinderzüchter fleischlos. In der demotischen Schöpfungslehre wird dem Menschen nur vegetabilische Kost zugewiesen (Brunner LÄ, I, S. 304+310), »von Landtieren als Nahrung ist nicht die Rede. Der Religionswissenschaftler Mircea Eliade betont, dass die arischen Eroberer Indiens Fleischesser waren und Tieropfer darbrachten. (Eliade/Couliano ›Handbuch der Religionen‹ 1991, S. 290) Elizabeth Gould Da­vis weist darauf hin, dass das Töten und der Verzehr von Tieren durch den Men­schen eine Erscheinung jüngeren Da­tums sei. In Griechenland berichten sowohl Lukretius wie Platon, »dass sich der Mensch in frühen Zeiten von Wurzeln, Bee­ren, Ei­cheln, Getreide und Früchten ernährte und Por­phyrios sagt, dass unse­re Vorfahren nur Früchte und Gemüse opferten.« (Elizabeth Gould Davis ›Am Anfang war die Frau‹ 1987, S. 141)

PflanzerInnen und SammlerInnen

Frauen waren die frühen Sammlerinnen von Nahrung, in den Feldern und Wäldern und den Ufergewässern der Seen und Flüsse, »dann waren sie es, die den Gartenbau entwickelten –  eine allgemein anerkannte Tatsache«, schreibt die Historikerin Gerda Lerner (›Die Entstehung des Patriarchats‹ 1991, S. 75). Frauen, Mütter, die Gebärerinnen von Nachwuchs – nicht Jäger –  erarbeiteten und  ernährten den mütterlichen Clan und die nachfolgenden Generationen. Verständlicherweise hatte dies direkte Auswirkungen auf das Sozialgefüge: Frauen hatten Macht. »Die meisten Hinweise auf die Gleichstellung der Frau finden sich in matriarchalen, matrilinearen, matrilokalen Gesellschaften«  und »es sind die Gartenbau betreibenden Gesellschaften, in denen Frauen sehr häufig eine dominante Rolle innehaben oder im ökonomischen Bereich großen Einfluss ausüben« (Lerner ibd. S. 51).

»Schon die ersten Funde menschlichen Gemeinschaftslebens zeugen von der zentralen Rolle der Frauen im Evolutionsprozess. Nicht die Jagd, sondern das Auffinden, die Zubereitung und das Aufteilen der pflanzlichen Nahrung bilden die materielle Grundlage unserer menschlichen Kultur. Der entscheidende Schritt vom Tierreich zur menschlichen Gemeinschaft ist eine kulturelle Leistung der Frauen.« (Annette Kuhn, ›Die Chronik der Frauen‹ Vorwort, 1992)


Frau beim traditionellen Ackerbau mit dem Grabstock im Sudan (CC USAID)

»Die Frau machte die größte wirtschaftliche Entdeckung – die Freigebigkeit des Bodens… Wir werden niemals entdecken, wann die Menschen zum ersten Mal die Funktion des Samens bemerkten, ihn sammelten und säten. Solche Anfänge sind die Geheimnisse der Geschichte; wir dürfen glauben und raten, können es aber nicht wissen.« (Will Durant ›Kulturgeschichte der Menschheit – Der alte Orient und Indien‹ 1935, S. 25 f.)

Der Mythos vom frühen Fleisch essenden Hominiden

Obwohl kein seriöser Paläontologe je von Jagd in der Altsteinzeit sprach, ist der Ausdruck ›Jäger und Sammler‹ derart in den Hirnen der patriarchalen Welt verankert, dass er ständig wiederholt – und geglaubt wird. Wie kam es zu diesem Irrtum von den Jägern und Sammlern in der Steinzeit?
Die Religionswissenschaftlerin und Biologin Ina Wunn fand die verblüffende Antwort. Sie schreibt: »Die Annahme, dass die frühen Hominiden sich von der Jagd ernährt hätten, geht auf [den Anatomen und Paläoanthropologen] Raymond Dart zurück, der sich 1924 nach seinem aufsehenerregenden Fund des Babys von Taung plötzlich im Zentrum eines allgemeinen kritischen Interesses sah. Da, wie Dart überlegte, Menschen die einzigen fleischessenden Primaten seien, würde es seine Argumentation, dass es sich beim Baby von Taung um einen frühen Menschenartigen handelte, stützen, wenn er nachweisen könnte, dass sich bereits diese Spezies von Fleisch ernährt habe. Er suchte daraufhin gezielt nach fossilen Knochenlagern, um den Beweis zu führen, dass der Mensch für diese Anhäufung von Knochen verantwortlich gewesen sei. In diesem Zusammenhang entdeckte er in der Nähe einer solchen Fossillagerstätte Schwärzungen, die er als Feuerspuren deutete und die sich erst sehr viel später als Manganverfärbungen herausstellten.« (Ina Wunn ›Die Religionen in vorgeschichtlicher Zeit‹ 2005, S. 48 f)

»Die Vorstellung von Australopithecus als einem großen Jäger, der nach erfolgreichem Jagdzug das Wildbret am Feuer röstete, war geboren.« (Ina Wunn )

Trotz des Irrtums und seiner Aufklärung, gibt es seither keinen Aufsatz, keine Dokumentation, keinen Film und kein Lehrbuch zur urgeschichtlichen Zeit, ohne dass von frühen ›Jägern und Sammlern‹ gesprochen wird. Der Unsinn wird ständig widerholt, abgeschrieben, kopiert und nachgeplappert; unterdessen wurde der Unsinn zur ›Tatsache‹.
Neben den ständig wiederholten, beliebten ›Fake News‹, lehrt uns die seriöse Forschung viele interessante Fakten, z.B.: »Aus dem Studium von Koprolithen – fossilen Exkrementen – hat man geschlossen, dass die Nahrung von Gruppen, die vor 200’000 Jahren an der französischen Riviera lebten, hauptsächlich aus Muscheln, Austern und Körnern bestand, nicht aber aus Fleisch.« (Fisher 1979, zit. von Maria Mies ›Gesellschaftliche Ursprünge der geschlechtlichen Arbeitsteilung‹ in ›Frauen die letzte Kolonie‹ 1992, S. 176) Diese Informationen zwingen uns, »das alte Bild vom jagenden Höhlenmenschen, der seine Beute nach Hause zu seiner Frau und seinen Kindern schleppt, zu überprüfen. Denn die fleischliche Nahrung war… eine späte Entwicklung der menschlichen Geschichte und der Jäger kam nach dem den Acker bebauenden Menschen.« (Elizabeth Gould Davis ›Am Anfang war die Frau‹ 1987, S. 79, Hvhb. DW)
»Seit Urmenschenforscher (Paläoanthropologen) nachweisen konnten, dass unsere frühesten Vorfahren vor vier Millionen Jahren vor allem von Körnern, Früchten und Nüssen leb­ten, scheint klar zu sein: Pflanzen waren des Menschen angestammte Nahrung« (GEO ›Wissen‹ 5.3.90, S. l60). Wie wir bereits gesehen haben, hat uns die seriöse Forschung noch etwas Wichtiges gelehrt: Die Menschen siedelten, während zehntausenden von Jahren; es waren immer – und das bis heute – nur kleine Gruppen, die auszogen, um fremde Gegenden zu entdecken, sei es aus Neugier, auf der Suche nach Abenteuern oder verändertem Klima? Wir wissen es nicht. Das Nomadentum kam spät, als Menschen bis in Gegenden vorgedrungen waren, in denen das Klima und der Boden, wie in den Steppen Eurasiens, nur noch Viehzucht zuliessen. Aus diesen Gegenden kamen dann aus den nomadisierenden indoeuropäischen Völkern, jene rauen Gesellen, die vor 5500 Jahren begannen, den Süden zu überfallen und zu erobern. Sie waren das Töten und Essen von Tieren gewohnt und hatten damit die natürlichen inneren Schranken der Gewaltlosigkeit gegenüber Mensch und Tier durchbrochen. Wo sie keine Herden mehr züchteten, jagten sie, um ihre Lust am Töten zu befriedigen, dann machten sie Krieg.

 Die Fleischesser kamen mit den patriarchalen Rinderzüchtern aus dem Norden

In der demotischen Schöpfungslehre Ägyptens wird dem Menschen
ausschließlich vegetabilische Kost zugewiesen.

Von  L a n d – Tieren als Nahrung ist nicht die Rede. Doch 1000 Jahre nach der Institutionalisierung des Patriarchats wird in der Lehre für Merikare (um 2050) Gott Amun gepriesen, weil er Tiere als menschli­che Nahrung geschaffen habe. Jedoch, »die natürliche Ernährung des Menschen geschieht durch die Erträge des Ackerbaus und des Fischfangs. Die Vorstellung von fleischlicher Nahrung erweist sich als sekundär. Sie ist die Folge der ­Eroberung des Niltals durch die von Vieh­zucht und Jagd leben­den Nomaden. (Walter Beltz ›Die Mythen der Ägypter‹ 1982, S. 70) Diese Nomaden werden in der Lehre für Merikare als ›elende Asiaten‹ bezeichnet. In den Gesängen vom Nil klagt der Erzähler:

Alles Glück ist dahin,
die Welt ist ins Elend gestoßen durch jene,
die sich mästen, die Asiaten, die das Land durchziehen.
Aufruhr ist im Osten entstanden.
Die Asiaten sind nach Ägypten gekommen.

Im patriarchalen Geschichts- und Legendenbuch der indoeuropäischen Eroberer, der Bibel, wird der Mythos übernommen, dort heißt es zuerst: »Siehe, ich gebe euch alles Kraut, das Samen trägt, auf der ganzen Erde, und alle Bäume, an denen samenhaltige Früchte sind; das soll eure Speise sein« (Gen.1,29). Später aber, nach der Sintflut und der Eroberung Kanaans – unter der Führung der Priesterkaste der Leviten – erlaubt Gott den Hirten und Viehzüchtern ausdrücklich Pflanzen und Tiere zur Nahrung. Absurderweise droht ein wütender Gott den Tieren, die er ja selbst als seine Geschöpfe erschaffen haben soll und gebietet dem Noah, der sie paarweise errettete:

»Furcht und Schrecken vor euch komme über alle Tiere der Erde,
über alle Vögel des Himmels, über alles, was auf Erden kriecht,
und über alle Fische im Meer: in eure Hand sind sie gegeben.
Alles, was sich regt und lebt, das sei eure Speise; wie das
Kraut, das grüne, gebe ich euch alles.‹
(Genesis 9,2-3)

»Daraus hat schon der Kirchenvater Hieronymus gefolgert, die Fleischnahrung sei bis zur Sintflut unbekannt gewesen und daher als minderwertig zu betrachten.« (Wikipedia ›Vegetarismus‹) Von den ältesten Söhnen Adams und Evas wird erzählt: Der Erstgeborene, Kain, der Ackerbauer und Vegetarier, soll neidisch auf seinen jüngeren Bruder Abel, den Tierzüchter und Fleischesser, gewesen sein, weil Gott dessen Blutopfer vorzog (Gen. 4,1–24)!
In den nördlichen Steppen wechseln sich Trockenzeit und Regenzeit ab. »Wo die Wasserverhältnisse nur eine extensive Landwirtschaft zulassen, dominiert die Viehhaltung. Nutztiere sind z. B. Büffel, Rind, Pferd, Schaf, Ziege, Kamel und Yak. Zudem ist in der Steppe Eurasiens traditionell eine nomadische Viehzucht verbreitet.« (Wikipedia ›Steppe‹)
Kulturgeschichtlich sind »Viehzüchter sekundäre Gesellschaften. Sie können erst nach den Ackerbaugesellschaften entstanden sein und sind vermutlich aus diesen, welche zuerst Haustiere domestizierten, hervorgegangen. Das widerspricht der landläufigen Auffassung von der Entstehung der Viehzüchter aus dem Jägertum der Altsteinzeit – sie beruht auf dem Vorurteil einer unabhängigen ›Männerherrlichkeit‹ sowohl der Jäger wie der Nomaden. Beides ist, aus unterschiedlichen Gründen, falsch. Denn die Jäger waren abhängig von der Sammeltätigkeit der Frauen innerhalb der eigenen Gesellschaft und die Gesellschaft der Viehzüchter war abhängig von einer anderen Gesellschaft, nämlich der Ackerbaugesellschaft«. (Heide Göttner-Abendroth ›Das Matriarchat II.2 – Stammesgesellschaften in Amerika, Indien, Afrika‹ 2000, S. 254) »Die matriarchale Ackerbaugesellschaft war geschichtlich erheblich früher als die viehzüchterische Nomadengesellschaft… Sie stellt keine eigene Kulturepoche dar. Viehzüchter-Gesellschaften entstanden in solchen Gebieten, die keinen Ackerbau mehr, aber noch Weidewirtschaft erlauben. Aus diesen Gründen waren die Viehzüchter-Gesellschaften anfangs matriarchal. Etliche von ihnen wurden später patriarchal und zwar unter dem Einfluß der geschichtlich spät entstandenen patriarchalen Herrschaftsgesellschaften (ab 3000–2000) … Noch heute gibt es etliche matriarchale Viehzüchter-Gesellschaften, z.B. die Goajiro (in Südamerika), die Bedja- und Nuba-Stämme (in Ostafrika), die Tuareg-Stämme (in Nordafrika). Akkumulation von Gütern, auch als Herdenbesitz, ist bei matriarchalen Viehzüchter-Gesellschaften im Gegensatz zu patriarchalen Viehzüchter-Gesellschaften kein Wert, sondern gegenseitige Unterstützung. Das zeigt, dass Viehzucht allein nicht schon zu Patriarchat führt«. (Göttner-Abendroth ibd. 2000, S. 275 f)
Der markante und nachhaltige Umbruch in der Ernährungsweise verbreitete sich mit den Eroberungen der Rinder züchtenden Indo-Europäer aus den eurasischen Steppen relativ rasch. Eine Veränderung der Ernährung wurde beispielsweise auf den britischen Inseln wissenschaftlich beobachtet. »Die Bevölkerung der britischen Inseln änderte im Neolithikum rapide ihre Ernährungsgewohnheiten. In einer groß angelegten Studie haben Archäologen und Chemiker der Universitäten von Bristol und Cardiff die Ernährungsgewohnheiten auf den britischen Inseln von der Steinzeit bis ins Mittelalter untersucht. Die Studie zeigt, dass die Ernährung mit dem Aufkommen der Viehzucht sehr rasch und radikal auf Milch- und Fleischprodukte umgestellt wurde. Der zuvor bevorzugt verzehrte Fisch wurde erst im Mittelalter wieder ein wichtiger Bestandteil des täglichen Speiseplans… Für die Wissenschaftler ist dies ein deutliches Indiz, dass der Ackerbau auf den britischen Inseln von erfahrenen Einwanderern getragen wurde und nicht nur als Idee ›eingewandert‹ ist.« (Archäologie-online vom 14.02.2014 ) Diese Einwanderer waren Viehzüchter, wahrscheinlich die frühesten eingewanderten Indo-Europäer aus den südrussischen Steppen Eurasiens. Die frühen Briten waren keine Indo-Europäer und keine Viehzüchter; sie waren FischerInnen, SammlerInnen und vermutlich auch PflanzerInnen, aber sicher keine Jäger. Wissenschaftler erkennen den Widerspruch nicht, wo sie weiter schreiben, die »ursprünglich als Jäger & Sammler lebende Bevölkerung hat sehr rasch den neuen Speiseplan [der viehzüchtenden Einwanderer] übernommen… Im Knochenmark der Jäger und Sammler-Populationen wurden die eindeutigen Marker für eine Ernährung mit Fisch und Meeresfrüchten erwartungsgemäß entdeckt«. Würde man bei Jägern und Sammlern nicht eher eindeutige Marker für eine Ernährung mit Fleisch erwarten? (https://www.archaeologie-online.de/magazin/nachrichten/burger-statt-fisch-29247, Hvhb. DW)

Das patriarchale Jägerlatein entspringt der Eitelkeit ihrer Erfinder,
aber nicht den Tatsachen (s. ›Die Mär von den ›Großen Jägern‹ der Steinzeit‹).

Sesshaftigkeit versus Nomadentum

»Der Nomadismus ist eine mobile, auf Viehzucht basierende Wirtschafts-Gesellschaftsform von Hirtenvölkern…
Jüngere völkerkundliche und kulturgeographische Forschungen haben nachgewiesen, dass der Hirten-Nomadismus entgegen früheren Ansichten in der Entwicklungsgeschichte einen Seitenzweig des sesshaften Bauerntums darstellt.
»Der abendländisch-christliche Kulturkreis [d.h. das Patriarchat!] ist entscheidend vom Nomadismus geprägt, da alle Religionsstifter der monotheistischen Religionen von Nomadenvölkern abstammen: Judentum, Christentum und Islam nennt man nicht von ungefähr die Wüstenreligionen. Abraham (syrisch-aramäisch Av-ha-am: Vater der Völker), Isaak und Jakob, die Erzväter des Judentums, waren zeit ihres Lebens Nomaden. Auch Mohammed, der Stifter des Islam, lebte seiner Herkunft gemäß, nomadisch.« (Wikipedia Nomadismus)

Es ist effektiv höchst zweifelhaft, dass Sesshaftigkeit und das bewusste und zielgerichtete Pflanzen von Getreide und Gemüse erst mit der sogenannten Neolithischen Revolution aufkam. Die von Männern interpretierte Urgeschichte unterschätzt die Dauer der Sesshaftigkeit bei weitem. Die ständige wiederholte Behauptung vom Beginn der Sesshaftigkeit vor 10’000-12’000 Jahren ist problematisch, mag jedoch als geografische Ausnahme eine gewisse Geltung haben. Sesshaftigkeit war jedoch die normale Lebensweise. Patriarchale Forscher vergessen meist, dass die Clans – um ihren Bestand zu sichern – Rücksicht auf die Frauen nahmen, die Kinder gebären.

»Die Geschichte der Evolution lehrt, dass sich das Verhalten einer Spezies an der Überlebensmöglichkeit der Weibchengruppe mit ihren Kindern orientierte. Die am mann-menschlichen Weltbild orientierte Wissenschaft geht davon aus, dass Ackerbau und Vorratswirtschaft den Menschen gezwungen hätten, sesshaft zu werden, was aber der Lebenspraxis der paläolithischen Frauen widerspricht. »Ich betrachte die Differenz zwischen den sesshaften Sippen, die um die weibliche Lebensordnung gruppiert sind, und den Junggesellengruppen, die am Rande der Gesellschaft leben und wandern, weil sie nicht integrierbar sind, als Grundphänomen urzeitlicher menschlicher Lebensweise. Diese Trennung kennzeichnet das Leben der Menschen schon im Tier-Mensch-Übergangsfeld, und es lässt sich bis in die Gegenwart nachweisen.« (Gerda Weiler 1994, S. 274) Als Sammlerinnen und Fischerinnen sorgten sie für den größten Teil der Nahrungsmittel. Sie lebten – und bestimmten mindestens gleichberechtigt – wo und wie man lebte und siedelte. Das war dort, wo ihre Grundbedürfnisse erfüllt wurden und es für sie angenehm war; warum sollten Mütter ohne Not nomadisierend herumziehen? Warum sollte man den Wohnort verlassen und weiterziehen, wenn der Ort schön war und genügend Nahrung, Trinkwasser, Fische und Muscheln bot?

»In Ägypten lassen sich menschliche Besiedlungen vor 2 Millionen Jahre nachweisen. Lange bevor das Niltal, noch von regelmäßigen Hochwassern durchströmt, bewohnbar wurde, siedelten hoch an den Talrändern Menschen, deren Existenz in den von ihnen gefertigten und benutzten Feuersteingeräten nachweisbar ist.« (Nachgewiesen durch den französischen Archäologen Fernand Debono, geschrieben von Dietrich Wildung ›Ägypten vor den Pyramiden‹ 1981. S. 8).
»Aus Israel und Jordanien sind schon fast ein Dutzend dörflicher Ansiedlungen aus der Altsteinzeit bekannt (H.P. Uerpmann 1983, S. 412, zit. von Gerda Weiler 1994 S. 246 f)
»In der Umgebung der südafrikanischen Stadt Kathu Pan wurden eine Reihe von prähistorischen Werkzeugen gefunden, die eine Besiedlung des Gebietes seit rund 750’000 Jahren dokumentieren.« (Bild der Wissenschaft 18.12.2009, ddp/wissenschaft.de, Hvhb. DW)
Forscher aus Westafrika berichten über ›Wiederholte Besiedelungen der afrikanischen Westküste während der Mittleren Steinzeit‹. »In einer im Journal of Archaeological Science Reports veröffentlichten Studie legen Forschende der Université Cheikh Anta Diop de Dakar in Senegal, des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte (MPI-SHH) und der Universität Sheffield Belege für Besiedelungen während der Mittleren Steinzeit an der afrikanischen Westküste dar. Mit einem Alter von 62’000 bis 25’000 Jahren dokumentieren die präzise datierten Fundsammlungen der Region knapp 40’000 Jahre technologische Kontinuität in Westafrika.« (archaeologie-online.de vom 21.11.2020)
Und noch etwas Interessantes lehren uns neue Erkenntnisse, dass »die Menschen vermutlich schon vor mehr als 100’000 Jahren damit begannen, Getreide zu ernten und daraus Mehl herzustellen. Dass Frauen bereits zu Beginn der letzten Kaltzeit unter anderem auch Getreide sammelten, bemerkten Wissenschaftler in Mosambik. Hier haben sie in einer Höhle Werkzeuge zum Mahlen von Getreide entdeckt, die 105’000 Jahre alt sind, also viele Jahrzehntausende älter als die bisher gefundenen ›ersten‹ Belege für Sesshaftigkeit und Ackerbau. Es waren nicht ›nomadisierende Jäger und Sammler‹, sondern sesshafte Sammlerinnen, Frauen, die damals bereits Speisen aus Getreide zubereiteten. »Bislang nahmen Wissenschaftler an, dass Fleisch und Früchte die Hauptnahrung dieser Jäger und Sammler waren und sich die Ernährung erst auf eine kohlenhydrathaltige Kost umstellte, als der Mensch sesshaft wurde und begann, Getreide anzubauen. Die neuen Erkenntnisse zeigen jedoch, dass die Menschen vermutlich schon vor mehr als 100’000 Jahren damit begannen, Getreide zu ernten und daraus Mehl herzustellen.« (Bild der Wissenschaft 18.12.2009, ddp/wissenschaft.de, Hvhb. DW)
»In Oberägypten fand man Mahlsteine, die nach C-14-Untersuchungen fünfzehn- bis sechzehntausend Jahre alt, also jungpaläolithisch sind.« (H. Grünert, ›Geschichte der Urgesellschaft‹ 1982, S.179)  Allerding brachte die langsame Umstellung auf den Getreidebau auch gesundheitliche Schäden, die man davor nicht kannte. »Skelette weisen Zahnschäden auf, die vorwiegend auf die Ernährung mit Körnern zurückzuführen sind: ›Von Karies zerfressene Zähne bestätigen, dass Grütze die Hauptnahrung war.‹ (Jost Herbig ›Nahrung für die Götter – Die kulturelle Neuerschaffung der Welt durch den Menschen‹ 1988, S. 167)

 


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