I. Vor 5000 Jahren: Die Entdeckung der biologischen Vaterschaft und die Erfindung des ersten männlichen Gottes

Aus dem Inhalt:

  • Bis vor 5000 Jahren war die Welt friedlich, prosperierend und matriarchal
  • Das Matriarchat kannte keine Väter und keine männlichen Götter
  • Die Entdeckung der biologischen Vaterschaft war ein Urknall
    in der Geschichte der Menschheit, der die Welt revolutionierte
  • ›VATER‹ – Ehrentitel der ersten Könige Ägyptens
  • Die Verwechslung von Ehrentiteln und Herrschernamen
  • Das unvermeidliche Fazit: Die ersten männlichen Götter wurden mit der Erschaffung des Patriarchats vor nur 5000 Jahren erfunden

 

Bis vor 5000 Jahren war die Welt friedlich, prosperierend und matriarchal

Wir gehen heute von etwa 300’000 Jahren Daseinsgeschichte unserer menschlichen Spezies aus und etwa ebenso alt sind die ältesten gefundenen, noch ganz primitiven, jedoch gut erkennbar weiblichen Figurinen. Auf 230′000 bis 300′000 Jahre wird die weibliche Steinfigur, die ›Venus von Berekhat Ram‹ geschätzt, die 1981 von der Archäologin Naama Goren-Inbar von der Hebräischen Universität Jerusalem in den Golanhöhen entdeckt wurde. Die bearbeitete, nur 3,5 cm große Figur ist im Israel-Museum ausgestellt. (Cambridge Archaeological Journal, 10:1, 2000, S. 123–167) Eine ähnliche Figur mit einem ebenso hohen Alter stammt aus Tan Tan (Marokko). Artefakte – in dieser noch unkünstlerischen Gestaltung werden von der traditionellen Wissenschaft nicht als bearbeitete Steine und nicht als weibliche Figuren anerkannt. (s. Doris Wolf ›Das wunderbare Vermächtnis der Steinzeit und was daraus geworden ist‹ 2017)

Die verdiente Archäologin, Indo-Europäer- und Matriarchatsforscherin Marija Gimbutas, widmete der Erforschung der Urzeit ihr Lebenswerk. Ihre Forschungen umfassen sowohl die archäologischen Funde, als auch die Symbolik der vorschriftlichen Zeit Alt-Europas. Das Ergebnis dieser jahrzehntelangen Arbeiten ist eindeutig – die Urzeit war weiblich. Dies bezeugen die weiblichen Statuetten (männliche Statuetten wurden erst spät, nur vereinzelt und nur ganz selten gefunden). Gimbutas ist überzeugt, dass es sich bei den abertausend weltweit gefundenen weiblichen Figurinen – unterdessen ist ihre Zahl auf insgesamt über 100’000 Exemplare, Teilartefakte und Fragmente angestiegen – um die Würdigung des Weiblichen, insbesondere um die Schöpferinnenkraft der Mütter handelt. Die Figurinen sind Manifestationen der Verehrung der weiblichen Urahne, der Großen Göttin und der Verehrung der Frau und ihrer Kraft in ihrem Leib neues Leben zu schaffen und aus ihr zu gebären. Dies bezeugen auch die unzähligen Darstellungen von in Stein gemeißelten Vulven, die ›das heilige Tor des Lebens‹ symbolisieren. (s. Wolf ›Felsbildkunst – Geheimnisvolle Botschaften aus der Steinzeit‹)

Das Matriarchat kannte keine Väter

»Kinder gebären zu können, war in der alten Ordnung eine wundersame,
heilige Fähigkeit der Frauen.«
(Marilyn French)

Schwangerschaft und Geburt gehören mit zu den tiefsten Mysterien menschlichen Erlebens, ein archaisch-mystisches Geschehen, ein unfassbares Wunder, das zutiefst berührt. Neues Leben kommt aus dem Schoß der Frau, eine Tatsache, real und für alle sinnlich wahrnehmbar, sicht- und erfahrbar. »Doch wie das Kind in den Mutterschoß kam, war zweifellos ein Geheimnis… Angesichts des Zeitraumes, der zwischen Befruchtung und Geburt liegt, ist es wahrscheinlich, dass die Bedeutung von Schwangerschaft und Geburt hochgeschätzt wurde, lange bevor man erkannte, dass dieses Wunder das Ergebnis der Empfängnis waren, die dem Koitus folgte«, schreibt der britische Religionswissenschaftler S.G.F. Brandon 1963. Tatsächlich kann die Kenntnis vom Zusammenhang von Sex und Schwangerschaft keineswegs bei allen Völkern vorausgesetzt werden. Diese Ansicht teilen zahlreiche ForscherInnen, wie etwa »James Frazer, Margaret Mead und andere WissenschaftlerInnen, die herausgefunden haben, dass in den sehr frühen Stadien der Entwicklung, bevor man das Geheimnis der menschlichen Fruchtbarkeit verstand, bevor der Koitus mit Geburt assoziiert wurde, die Frau als Spenderin des Lebens verehrt wurde. Nur Frauen konnten die Art fortpflanzen, und der Anteil des Mannes an diesem Prozess war noch nicht erkannt worden.« (Leonard Cottrell zit. von Merlin Stone ›Als Gott eine Frau war‹ 1988). »Die Tatsache, dass die Menschheit nichts über die männliche Fruchtbarkeit, nichts über Spermien und ›Samen‹ wusste, bleibt für viele ein geistiger Stolperstein. Manche streiten diese Möglichkeit einfach ab, und damit alle Gründe für die magische und religiöse Ehrfurcht, mit der die Frau und die Yoni in der Frühgeschichte und im Laufe der Zeit betrachtet wurden…  Nach dem gut dokumentierten Forschungsbericht von Reay Tamnahill ›Sex in History‹ zufolge, ›gab es Stammesvölker, selbst noch im zwanzigsten Jahrhundert, deren Ignoranz fundamental geblieben war. Die Bellonesen auf den Solomon-Inseln verkündeten den Missionaren, die dort in den dreißiger Jahren landeten, Kinder würden von den Ahnengöttern abstammen. Für sie war Sexualverkehr eine angenehme Aktivität, die aber nichts mit Fruchtbarkeit zu tun hatte. Ein weiteres schönes Beispiel für solche ›biologische‹ Ignoranz stammt von einer Stammesfrau in Australien des zwanzigsten Jahrhunderts. Als man ihr die westlichen Ansichten über Fruchtbarkeit erklärte und andeutete, der Mann spiele dabei eine Rolle, antwortete sie schlicht und verärgert: Er – nichts!« (Rufus Camphausen ›Yoni die Vulva – Weibliche Sinnlichkeit, Kraft der Schöpfung‹ 1999, S. 28)
Frauen standen sich ohne Zweifel schon immer während Schwangerschaft und Geburt bei, berieten, betreuten, pflegten und betätigten sich schon während Jahrtausenden als Hebammen und Heilerinnen. »In allen Kulturen der Welt gibt es Mythen, die von einer Zeit sprechen, in der allein die Frauen um die Geheimnisse von Leben und Tod wussten und daher auch nur sie fähig waren, die magische Kunst des Heilens auszuüben. Aufgrund ihrer direkteren Beziehung zum Körper, den elementaren Lebensvorgängen und den intuitiven Fähigkeiten eher zur Bewahrung heilkundlichen Wissens prädestiniert als der Mann, spielte die Frau über Jahrtausende die führende Rolle in der Medizin — und könnte sie auch heute noch spielen. Doch im Laufe einer Entwicklung hin zu einer von männlichen Werten dominierten Gesellschaft wurde die Frau aus dieser Rolle verdrängt. Erst heute beginnt man einzusehen, dass der von den ›Göttern im Weiß‹ beherrschten akademischen Schulmedizin für Heilung des ganzen Menschen wesentliche Elemente fehlen, die vor allem die Frau aus ihrer spontanen Fürsorglichkeit für das Leben und ihrer natürlichen Ganzheitlichkeit der Erfahrung einzubringen vermag«, schreibt die Ärztin und Forscherin Jeanne Achterberg, die mit ihren Recherchen weit, bis nach Sumer zurückgeht. (Jeanne Achterberg ›Die Frau als Heilerin – Die schöpferische Rolle der heilkundigen Frau in Geschichte und Gegenwart‹ 1991) »Fast überall auf der Welt wurden weibliche Göttinnen als Heilerinnen gepriesen, die Heilkräuter, Wurzeln, Pflanzen und andere medizinische Hilfsmittel verteilten. Die Priesterinnen, die den Tempeldienst versahen, wurden so zu den Ärztinnen der Gläubigen, die zum Tempel kamen.« (Stone ibd. 1988, S. 28) Die meisten Ägyptologinnen und Ägyptologen vertreten die völlig unrealistische Annahme, die hoch entwickelte Heilkunde, der wir schon ganz am Anfang der dynastischen Zeit in Ägypten begeg­nen, sei in der Zeit der kriegerischen Eroberung – von der ÄgyptologInnen allerdings nichts wissen wollen – in der kurzen prädynastischen Zeit und den ersten Dyna­stien ›erfunden‹ worden. Doch niemand kann erklären, warum die medizinische Kunst dann seltsamerweise unter den Pharaonen verkümmerte. (s. auch Wolf ›Die Kulturleistungen der Frauen – die Wiege der Zivilisation‹)

Die Entdeckung der biologischen Vaterschaft war ein Urknall,
der die Welt revolutionierte

Sie führte uns in eine Zeit der Kriege, von Gewalt, Elend und Ungerechtigkeit,
die bis zum heutigen Tag andauert.

Die Entdeckung der biologischen Vaterschaft geht zurück auf die Beobachtung indoeuropäischer Rinderzüchter, die irgendwann im Neolithikum die Rolle der männlichen Tiere bei der Zucht von Jungtieren verstanden haben. Diese These wird heute von den meisten WissenschaftlerInnen anerkannt; auch, dass dadurch der Anteil des Mannes beim Zeugen von Nachwuchs und damit die biologische Vaterschaft erkannt, bewusst und bekannt gemacht wurde. Die Historikerin Gerda Lerner stellte fest: »Mit der Domestizierung von Tieren und der Entwicklung von Viehzucht wurde die Funktion des Mannes bei der Fortpflanzung erkannt.«

Ägypten, das Land, das zu den ältesten Kulturvölkern der Welt zählt, kannte für den biologischen Vater bis zu dieser Entdeckung nicht einmal einen Namen. »Das Substantiv ›Vater‹ kann man in einem einfachen Ideogramm (Wortzeichen) nicht von den Substantiven ›Mann‹ oder ›Sohn‹ unterscheiden.« (François Daumas ›Ägyptische Kultur im Zeitalter der Pharaonen‹ 1969, S. 47) Die Beteiligung des Mannes beim Entstehen von Nachkommen war unbekannt und/oder unwichtig; wichtig war ausschließlich die Mutter, die die Kinder gebar und damit das weitere Bestehen des Clans und der Sippe garantierte.
Die Entdeckung löste bei manchen Männern vermutlich eine ziemliche Aufregung aus. Die Neuigkeit mag Verblüffung, Erstaunen, Freude, ein noch nie gekanntes Gefühl von Wichtigkeit, ein überhöhtes Selbstbewusstsein, gar Triumph bei einigen bewirkt haben. Die Konsequenz, welche die Entdeckung der Vaterschaft auf die Psyche und das Verhalten von Männern in ihren menschlichen Beziehungen verursachte, wird von den WissenschaftlerInnen außer Acht gelassen. Wir sollten diese jedoch in Betracht ziehen und zu verstehen suchen, was dies bei einigen Männern ausgelöst haben dürfte. Bis dahin müssen sich Männer in ihrem mütterlichen Clan wohl gefühlt haben. Sie waren zufrieden und glücklich, wie es noch heute in matriarchalen Clans der Fall ist. So berichtet es der argentinische Arzt und Journalist Ricardo Coler 2011 nach einem längeren Aufenthalt im Matriarchat‹ der Mosuo, einem abgelegenen Gebiet Chinas in seinem Buch ›Das Paradies ist weiblich‹. Männer hatten ihren Platz im mütterlichen Clan, der nach mütterlichen Werten, dem mütterlichen Prinzip lebte und organisiert war. Sie verfügten über Selbstvertrauen, hatten ein gesundes Selbstwertgefühl, waren selbstbewusst, selbstsicher und einfühlsam, wie wir das bei den eher seltenen, nicht-patriarchalen Männern bei uns und in den noch bestehenden Matriarchaten in aller Welt beobachten können.
Die Entdeckung der biologischen Vaterschaft war jedoch jener Moment, als einigen Männern die Entdeckung wie ein Testosteronrausch zu Kopf gestiegen sein muss. Nehmen wir an, einer von ihnen vermutete, dass Frauen längst vom männlichen Beitrag zur Schöpfung neuen Lebens wussten, dies jedoch geheim gehalten hatten.
Mit diesem möglichen Verdacht, ob richtig oder falsch, wurde Hass auf Frauen geschürt, weil sie Männern vermeintlich die Anerkennung und Bedeutung ihres Beitrages und damit ihr Ansehen, ihre Wichtigkeit und damit ihre verdiente Verehrung vorenthalten haben sollen. Für einen solchermaßen denkenden Mann könnte das eine schwere narzisstische Kränkung gewesen sein, für die er auf Rache sann. Solche oder ähnliche Überlegungen können der Ursprung für das Entstehen der heute allgemeinen Frauenfeindlichkeit gewesen sein. Sicher ist jedoch, dass Neid und Eifersucht auf die Schöpfungskraft der Frau und ihre darauf basierende natürliche Autorität und Macht und die weltweite Verehrung entstanden. Nehmen wir an, dass zu Beginn, Wut, Hass und Rachegelüste eines einzigen Mannes fähig waren, die Flamme einer Revolte zu entzünden, welche dann zu ersten, aggressiven Reaktionen, zu Überfällen, Massakern und Zerstörungen führte und schließlich in der erfolgreichen Eroberung ganzer matriarchaler Länder gipfelte. Natürlich wissen wir nicht, ob das genau so war oder nicht, dies sind Vermutungen, Annahmen. Jedoch wissen wir,

Gewalt zahlte sich für die Männer aus und blieb das nachhaltige Grundmuster patriarchaler Machtpolitik.

Mit dem Sieg der indoeuropäischen Eroberer über die matriarchalen Völker entstand die Phantasie von der Wichtigkeit, ja der vermeintlichen Überlegenheit der Männer über die Frauen. Es war die Geburtsstunde des männlichen Grössenwahns und wurde Teil der patriarchalen Ideologie. Sie verbreitete sich in Windeseile in allen eroberten Ländern. Die Idee wurde mit äußerster Gewalt institutionalisiert und spielt im Umgang mit Frauen noch immer eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die Konsequenz ist der nachhaltige, uns allen bekannte krankhafte Hass auf Frauen, was wir als Misogynie kennen, die bis zu den grassierenden Frauenmorden, Femizid, führt. Frauen sind der brachialen Gewalt von Männern auf der ganzen Welt ausgesetzt. Dazu ein Beispiel aus Russland. Im Dezember 2021 verurteilte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Regierung im Kreml zur Zahlung von Entschädigung an vier klagende Frauen, die von ihren Partnern schwer misshandelt wurden. „Die Untersuchung durch den EGMR ergab, dass die russische Gesetzgebung nicht ausreichend ist, um häusliche Gewalt zu verfolgen und zu bestrafen. In Berichten des Hohen Kommissars für Menschenrechte Russlands wird unter anderem festgestellt, das Problem der Gewalt gegen Frauen sei systembedingt und bleibe ›eine inakzeptable und äusserst grausame Form der geschlechtsspezifischen Diskriminierung.‹ Und Russland muss seine Gesetzgebung unverzüglich (›without further delay‹) so ändern, dass häusliche Gewalt als Delikt durch die Polizei und die Justiz verfolgt wird. (Infosperber vom 7.1.22, Red.  Ludwig A. Minelli, Rechtsanwalt und Generalsekretär der Schweizerischen Gesellschaft für die Europäische Menschenrechtskonvention (SGEMKO). Der Beitrag erschien in deren Zeitschrift «Mensch und Recht».

Gestützt wurden die Anfänge des Frauenhasses der iIndoeuropäischen Eroberer von den arischen Priesterkasten,  die sie begleiteten. Sie erfanden den ersten männlichen Gott und eine frauenverachtende Ideologien, die man heute Religion nennt. Alle folgenden patriarchalen Götter und Religionen diskriminieren die Frauen (es gibt m.W. keine Kulte, die nicht von Männern und/oder männlichen Göttern dominiert werden). Die Grosse Göttin des Matriarchats wurde erst verboten und verfolgt und dann eliminiert. (s. Wolf ›Der Mutter-Göttinnen-Mord‹) Die Verrohung der Männer im Patriarchat nimmt seither noch immer zu. George Washington, der erste US-Präsident, warnte Amerika, dass »abgefeimte, ehrgeizige und skrupellose Männer« in der Lage seien, die Macht eines Volkes zu untergraben! Wie recht er damit hatte, wurde uns gerade mit Donald Trump, dem 45.  Präsidenten der US, eindrücklich vor Augen geführt. Erfahrungsgemäß genügt schon ein einziger Mann, der größenwahnsinnig geworden, durch das Verbreiten von Hass, Lügen, Unterstellungen und falschen Anschuldigungen viele anstecken kann. Auch sonst nicht durch Sensibilität auffallende Männer scheinen, wenn es um ihre „Männlichkeit“ geht und wenn seine verbürgten „Rechte“ und Privilegien als der weissen Herrenrasse zugehöriger Mann in Frage gestellt, werden plötzlich besonders aggressiv. Die Verachtung und Diskriminierung nicht weisser Menschen und der Hass auf die Frauen, kurz Rassismus und Sexismus, entstanden mit den ersten Siegen der weissen Indo-Europäer über die dunkelhäutigen matriarchalen Völker und haben bis heute Bestand.
All diese erschreckenden Tatsachen, unter denen die Welt heute leidet, sind die nachhaltigen Folgen der Entdeckung der biologischen Vaterschaft vor 5000 Jahren. Sie führte zu Überheblichkeit und Grössenwahn patriarchaler Männer, zu Gewalt und Kriegen. Es sieht tatsächlich so aus, dass es Männer gab und heute noch gibt, die aufgrund der Entdeckung der Rolle der Stiere bei der Begattung durch die Viehzüchter befanden, ihre bisherige Wertigkeit werde in der Geschichte der Menschheit viel zu bescheiden, ja, geradezu diskriminiert und seine Leistung massiv unterschätzt. Jedenfalls kennen wir keinen einzigen Grund, der uns erklären könnte, warum nach hunderttausenden Jahren Frieden und harmonischen Zusammenlebens der Völker, unter der matriarchalen Leitung der Mütter der Respekt der Männer für die Frauen plötzlich in Verachtung, Diskriminierung und Hass umschlug.

Kaum erstaunen kann, dass sich die Anführer der Rinderzüchter als Könige Ägyptens ›Starker Stier‹ nannten. »Der Stierkult hatte besonderen Stellenwert für das Königtum. Stiere symbolisierten körperliche Kraft und Fruchtbarkeit, daher gehörte ein am Gürtel befestigter Stierschwanz zum Ornat des Königs, der auch als ›Starker Stier‹ bezeichnet wurde. Anhand von besonderen körperlichen Merkmalen wurden Stiere ausgewählt, die als Mnevis-Stier den Sonnengott oder als Apis-Stier den Gott Ptah verkörperten.« (Staatliches Museum Ägyptischer Kunst, München).

Aufgebrachte Männer haben es einst offensichtlich geschafft, Unzufriedenheit zu schüren und ganz neue Ansprüche und Forderungen für ihre Leistung bei der Zeugung von Nachwuchs zu stellen. Sie wollten genauso wie Mütter Verehrung, Achtung, Ansehen und vor allem wollten sie Teilhabe an der bisher alleinigen, jedoch natürlichen und unverwechselbaren Macht und Autorität der Mütter und Matriarchinnen haben. Patriarchale Priesterkasten schufen Götter nach ihrem narzisstischen Ebenbild: eitel, machtgierig, eifersüchtig, Ehre und Gehorsam fordernd, ständig wütend und strafend, wenn sie nicht erhielten, was sie wollten. Es war nicht schwierig, Männer glauben zu machen, sie seien gottähnlich und deshalb weit bedeutender, stärker, wichtiger und intelligenter als Frauen, weshalb sie weit über ihnen stehen. Auf solchen Motiven baut die patriarchale Ideologie und Religion auf. 5000 Jahre  nach der Erfindung des Patriarchats schreibt der französische Philosoph Jean-Paul Sartre:

»Der Mann ist im Grunde das Verlangen Gott zu sein.«  (J.P. Sartre)

Als die arische Priesterschaft, welche die Indo-Europäer auf ihren Eroberungskriegen begleitete die ersten männlichen Götter und eine politische, patriarchal-religiöse Ideologie erfanden, behaupteten sie, Männer seien der Götter Ebenbild. Doch es ist umgekehrt wie präsentiert: Die Götter wurden nach dem Bild patriarchaler Männer geschaffen. Homer sagte es deutlich:

»Nicht die Götter haben die Menschen geschaffen,
sondern die Menschen [die Männer!] die Götter.«

Allmählich begannen immer mehr Männer, sich immer wichtiger zu nehmen; sie überhöhten und überschätzten sich auf Kosten der Frauen, die sie noch immer entwerten. Einer zunehmenden Verklärung des Mannes und Vaters steht proportional die Abwertung und Entmenschlichung der Frau und der Mutter gegenüber. Aber die Realität zeigt Männern ihre Grenzen; ihren minimalen Anteil an der Schöpfung neuen Lebens, der sich auf ein winziges Spermium und einen kurzen Augenblick der Lust beschränkt. Sie erleben ideell und sinnlich ihre Schwäche, ihre Mängel, oft auch ihr Versagen, das nagt am Selbstwertgefühl. Einige dürften deshalb einen unbewussten Minderwertigkeitskomplex entwickelt haben, der erneut Wut, Neid, Eifersucht und Hass entfachte auf das, was Frauen haben, Männer aber nicht. So agieren gerade frauenfeindliche Männer aus einer Schwäche heraus, aus Angst um ihre unverdienten Privilegien und ihren überhöhten Status. »Leider versucht der Mann«, schreibt die Theologin Christ Mulack, »das, was er offenbar als ›Zurückweisung‹ durch die Natur empfand (vergl. den vielfach festgestellten männlichen Gebärneid, der nach Mary Daly ein Neid auf die umfassende weibliche Potenz ist), dadurch zu kompensieren, dass er sich auf ideologischem und medizinischem Wege Zugang zu diesem Geschehen verschafft. Von dort aus greifen Ärzte seit Jahrhunderten ›in den Tabu-Raum der Mutter‹ ein. Frauen wurden entmündigt, Männer übernahmen mit der Zeit die Kontrolle über ihren Körper:

Frauen wurden gezwungen ihren eigenen Körper,
ihre Gebärfähigkeit an Staat und Kirche abzutreten.

Auf diese Weise wurde uraltes Frauenwissen, das von einer Generation an die nächste weitergegeben worden war, unterbunden und durch ›Wissenschaft‹ ersetzt – oder das, was Ärzte dafür hielten.« (Christa Mulack ›Der Mutterschaftsbetrug – Vom UnWert zum MehrWert des Mutterseins‹ 2006, S. 85) Die moralisierende Kontrolle, Diskriminierung und Verfolgung der patriarchalen Religiösen und der patriarchalen Regierenden gegen die Rechte der Frauen über ihren eigenen Körper ist dreist und verstösst gegen jegliches Menschenrecht der Frauen (s. Wolf ›Die Hybris der ›LebensschützerInnen) 

»Ist Ihnen ein Gesetz bekannt, das die Regierung ermächtigt, Entscheide über den männlichen Körper zu fällen?«,

fragte die Vize-Präsidentin der USA, Kamala Harris, einen Vertreter der Abtreibungsgegner. Nach längerem Überlegen verneinte diese

»Die frei über sich selbst verfügende Frau wird geschmäht. Die Begegnung der Geschlechter wird nur um der Nachkommen willen moralisch akzeptiert. Im Patriarchat hat eine Frau schließlich nur noch die Wahl, unterworfene Gattin oder verwerfliche ›Hure‹ zu sein.« (Gerda Weiler ›Ich brauche die Göttin – Zur Kulturgeschichte eines Symbols‹ 1990, S. 75)

Macht über Frauen und ihre Fruchtbarkeit zu haben,
um ihre Sexualität und damit ihren Körper
unter ihre
Kontrolle zu bringen, war von Anfang an und bis
zum heutigen Tag das Ziel patriarchaler Männer.

Einst scharten sich Männer zu aggressiven, rebellierenden Gruppen zusammen, die sich nicht mehr durch den mütterlichen Clan zivilisieren, erziehen und Grenzen ihrer Aggressivität setzen lassen wollten. Sie leugneten die Tatsache der Wichtigkeit der Mütter, begannen, ihnen den Respekt zu verweigern und sie abzuwerten. Heute sind sie vergleichbar mit jenen zahlreichen jungen Menschen, die ihre Mütter und Väter Hals über Kopf verlassen, um sich den Kämpfern der religiös verblendeten Fanatiker des IS in Syrien anzuschließen. Damit begeben sie sich auf den Weg der Gewalt, der Überfälle, der Beutezüge und der Kriege. Es waren perverse macht- und profitgierige Abtrünnige, die als erste, wehrlose, friedliche Menschen überfielen, mordeten, plünderten, brandschatzten und zerstörten. Vorerst waren es keine Kriege (d.h. keine beidseits bewaffnete Kämpfe von Mann gegen Mann) sondern Überfälle, bewaffnete räuberische Beutezüge. Den ersten erfolgreichen blutigen Überfällen auf kleinere, friedliche, matriarchale Siedlungen folgte die Eroberung von Städten und ihre wohlhabenden BewohnerInnen. Städte hatten bis dahin keine schützenden Außenmauern und ihre Bewohner waren unbewaffnet. Vor 5500 Jahren wurde schließlich die Stadt Hamoukar im Norden Syriens erobert und vollständig zerstört, was als ›erster Krieg‹ in die Geschichte der Archäologen einging. (s. Wolf ›Der erste Krieg der Weltgeschichte‹. Der Erfolg und die reiche Beute ihrer ersten Überfälle und Eroberungen müssen auf die Krieger geradezu berauschend gewirkt haben, die sie zu weiteren Attacken anfeuerten. Kriege, Beutezüge, Landraub und Eroberungen wurden immer häufiger und weiteten sich nach allen Weltgegenden aus und dauern ununterbrochen, mit immer schrecklicheren Kriegswaffen bis zum heutigen Tag an. Heute entfesseln korrupte, verlogene, gefühllose Männer an der Macht Kriege wie Spiele in einem Wettbewerb. Menschenleben zählen für sie nicht. Es ist der Kriegsgewinn, der diese seelenlosen Machtpolitiker lockt, blind und taub macht für die menschlichen Tragödien und die Zerstörungen, die sie anrichten. Sie werden geduldet. Der gewaltsam verursachte Tod eines Menschen ist ein Verbrechen. Doch die Massenmörder, die Kriege befehlen, laufen frei herum.

Das ist die Perversion des Patriarchats, das den Mord eines einzelnen Menschen hart bestraft,
aber den Krieg, den staatlich geplanten, vorsätzlichen Massenmord, nicht als Verbrechen verurteilt. 

Kriege beginnen mit der Herstellung von Waffen. Waffen werden ausschließlich zum Zwecke des Tötens und Zerstörens und zur Bereicherung ihrer Auftraggeber, der Exporteure, der Hersteller von Waffen und der Aktionäre produziert, was eindeutig ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist. Doch diesen profit- und machtgierigen Menschen ist die Menschlichkeit längst abhanden gekommen.

Das Patriarchat beendete die Zeit des Matriarchats und damit des Friedens,
der während 98 Prozent der Menschheitsgeschichte bestanden hatte.
Heute leben wir im Patriarchat, das die letzten 2 Prozent der Menschheitsgeschichte dominiert.
Niemals davor gab es eine derart menschenfeindliche, zerstörerische Gesellschaft wie die unsrige.

Seit der Entdeckung der biologischen Vaterschaft und der ideellen, institutionellen und religiösen Durchsetzung des Patriarchats ringen Männer um die gleiche Anerkennung und Verehrung als Väter, wie sie den Frauen damals als Mütter zuteil wurden. Wir können daraus auf die außerordentliche Wichtigkeit und Tragweite schließen, die sich der Mann in seiner Rolle als Vater zuschreibt.

Die Vaterschaft wurde in Ägypten zu Beginn des 3. Jahrtausends in der 1. Dynastie institutionalisiert
und ist dort erstmals wissenschaftlich nachweisbar:

›VATER‹ –
Ehrentitel der ersten Könige Ägyptens

Der Begriff ›Vater‹ kann in der ersten Dynastie Ägyptens archäologisch
und linguistisch erstmals einwandfrei festgestellt werden:

Die ersten Könige der 1. Dynastie Ägyptens, etwa König Zer/Zar (deutsche Transkription Djer) und seine Nachfolger erhalten in den Königslisten als ehrenvolle ›Königstitel‹ die Bezeichnung ATti, ATi, ATothis. Diese Bezeichnungen mit der auffallenden AT-Silbe sind nicht Namen, sondern Titel, Auszeichnungen, die für Vater und Herrscher stehen. Obwohl die traditionelle Ägyptologie stark sprachwissenschaftlich orientiert ist, hat das bisher noch keiner der Sprachwissenschaftler gemerkt. Der erste Gott Ägyptens ist ein Vater-Gott mit dem indoeuropäischen Namen ATum. Der Name wird (willkürlich) interpretiert als ›der, sich selbst erschaffen hat‹, der also nicht von der bekämpften Mutter-Göttin geboren wurde. Mehr als 1000 Jahre später, im 14. Jahrhundert versucht Echnaton den Glauben an einen einzigen männlichen Gott durchzusetzen. Er erfindet den Sonnen-Vatergott ATon, zu dem jedoch nur das Königspaar direkten Zugang haben sollte. Der Versuch scheitert und verschwindet entweder mit Echnatons vermuteten, frühen Tod, oder der  noch lebende, fliehende König verlässt Ägypten mit seiner Armee und der ganzen Bevölkerung von Tell el-Amarna (dem biblischen Exodus) Richtung Kanaan. (s. Wolf ›Wer war Echnaton?‹)

Begriffe für Vater mit der AT-Silbe finden wir in vielen indoeuropäischen Sprachen, z.B. im hurritischen ATtai, dem indischen RATa, dem urartäischen ATe, beim Väterchen ATtila, dem Hunnenkönig, bei ATatürk, dem Vater der Türken, aber auch im mittelhochdeutschen ATte, dem althochdeutschen ATto, dem VATi und dem ›ÄTti‹. Der Ausdruck vATer gehört zur indoeuropäischen Sprachfamilie, genau wie das altindische Sanskritwort piTAr und der griechische und lateinische pATer. Pater patriae, ›Vater des Vaterlandes‹, war noch in Rom ein vom Senat verliehener Ehrentitel.

Die Verwechslung von Ehrentiteln und Herrschernamen

Oft werden von ÄgyptologInnen Ehrentitel, Rangbezeichnungen, Auszeichnungen, hierarchische Positionen, hohe Ämter usw. mit Eigennamen verwechselt oder sprachliche Eigenschaften übersehen.  Beispielsweise wird dies bei König Zer in der 1. Dynastie deutlich und es wiederholt sich in der 3. Dynastie bei Djoser, der auch mit Zo-Sar/Ze-ser transkribiert wird. ›Djoser‹ ist kein Geburts- oder Eigenname; er heißt eigentlich Netjeri-chet. Djoser/Zo-Sar bezeichnet seinen Rang. Ser/Sar entspricht dem indoarischen Fürstentitel Sar, Zar, iranisch Kay-sar, großer König, gotisch Kaisar, lateinisch Cae-Sar, Kaiser, sumerisch Sar, König, Prinz. Zer/Ser/Sar/Zar bezeichnet auch in Ägypten einen Fürsten oder sogenannt ›Vornehmen‹.
Ein anderer Irrtum betrifft die Bezeichnung ›Menes‹. In der Königsliste des Sethos I. in Abydos und im Turiner Königspapyrus erscheinen ganz am Anfang der königlichen Namensauflistungen die Kartuschennamen Meni/Menes u.a. verbunden mit Zer/Djer und Wadji. Dabei handle es sich »um die – wohl stark verzerrten – Geburtsnamen der ersten frühdynastischen Herrscher Ägyptens«, vermutet ein unbekannter Autor irrtümlicherweise und er schreibt: »Besonders die Zuordnung dieser ersten Namen zu den frühen Königen ist für die Ägyptologie sehr problematisch, da die Königsnamen in dieser Epoche eigentlich nur als Horusnamen überliefert wurden.« (Wikipedia) Doch das sind keine ›Verzerrungen von Geburtsnamen‹, sondern Ehrentitel. Auszeichnungen, Orden, Prädikate. ›Menes‹ ist die Bezeichnung des idealisierten Charakterbildes des patriarchalen Mannes. (s. Wolf ›Wer war Menes?‹).

Patriarchale Väter waren und sind buchstäblich berauscht von der Idee Schöpfer des Lebens zu sein

Der Ehrentitel ›Vater‹ genügte den Männern noch nicht. ›Vater‹ sein, ist für den mit der Mutter rivalisierenden Mann bis heute von derartiger Wichtigkeit dass sich seither Männer ›von Rang und Namen‹, ob im staatlichen oder kirchlichen Dienst Vater nennen und sich mit dem Ausdruck wie mit einem Prädikat, einem Orden, schmücken, vom geehrten Landesvater bis zum Heiligen Vater, dem Papst.

Das unvermeidliche Fazit:

Bis vor 5000 Jahren gab es keinen
männlichen Gott

Es ist die Erkenntnis der biologischen Vaterschaft,
die vor 5000 Jahren zur Erfindung des ersten Gottes führte.

Mit dem endgültigen Sieg über das indigene Volk der ÄgypterInnen und der Stabilisierung ihrer Macht, mass sich die arische Priesterschaft der Eroberer an, einen ersten männliche Gott zu schaffen. Damit versuchten sie, die Grosse Muttergöttin durch einen ebenso wichtigen, verehrungswürdigen Vatergott zu ersetzen. Das gelang ihnen jedoch trotz aller Bemühungen vorerst noch nicht. Wie wir wissen, liess schon Cheops die Tempel der Göttin schließen und ihre Verehrung verbieten. Doch noch Tausende Jahre später, blieb die Grosse ISIS die wichtigste Göttin bis weit ins römische Reich und der damals bekannten Welt. Erst das Christentum hat ihre endgültige Eliminierung geschafft. (s. Harald Specht ›Geschichte(n) der Lust – Zwölf Kapitel über Leidenschaft und Laster‹ 2013 und ›Das Erbe des Heidentums‹ 2014, u.a.)

Die ersten männlichen Götter wurden mit der Erschaffung des Patriarchats
vor nur 5000 Jahren erfunden.

– Der monotheistische Gott der Juden dürfte auf den indoarischen Ketzerkönig Echnaton zurückgehen. Er erfand den Vatergott ›Aton‹, als dessen Sohn er sich wähnte. Aton wurde nach der Flucht aus Ägypten und der Eroberung des matriarchalen Kanaan zum ›Adon‹. Er ist also etwa 3350 Jahre alt (s. Wolf ›Wer war Echnaton?‹)

– Der monotheistische christliche Vatergott ist eine Erfindung des jüdischen Wanderpredigers Jesus, der sich ebenfalls als Sohn eines Vatergottes wähnte. Der christliche ›liebe Gott‹ ist entsprechend ›nur‹ 2000 Jahre alt.

– Der monotheistische Allah, der Gott der Muslime, wurde von Mohammed vor 1400 Jahren durch die Vermännlichung der uralten Göttin Allath erfunden. Allah ist also lediglich 600 Jahre alt.

»GOTT IST EIN SPÄTLING IN DER RELIGIONSGESCHICHTE.«
(Gerardus van der Leeuw, evangelischer Theologe und Religionshistoriker)

 

 

 

 

 


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