I. Die Entdeckung der biologischen Vaterschaft

Das Matriarchat kannte keine Väter

»Kinder gebären zu können, war in der alten Ordnung eine wundersame,
heilige Fähigkeit der Frauen.«
(Marilyn French)

Schwangerschaft und Geburt gehören mit zu den tiefsten Mysterien menschlichen Erlebens, ein archaisch-mystisches Geschehen, ein unfassbares Wunder, das zutiefst berührt. Neues Leben kommt aus dem Schoß der Frau, eine Tatsache, real und für alle sinnlich wahrnehmbar, sicht- und erfahrbar. »Doch wie das Kind in den Mutterschoß kam, war zweifellos ein Geheimnis… Angesichts des Zeitraumes, der zwischen Befruchtung und Geburt liegt, ist es wahrscheinlich, dass die Bedeutung von Schwangerschaft und Geburt hochgeschätzt wurde, lange bevor man erkannte, dass diese Phänomene das Ergebnis der Empfängnis waren, die dem Koitus folgte«, schreibt der britische Religionswissenschaftler S.G.F. Brandon 1963. Tatsächlich kann die Kenntnis vom Zusammenhang von Sex und Schwangerschaft keineswegs vorausgesetzt werden. Diese Ansicht teilen zahlreiche Forscher, wie etwa »James Frazer, Margaret Mead und andere WissenschaftlerInnen, die herausgefunden haben, dass in den sehr frühen Stadien der Entwicklung, bevor man das Geheimnis der menschlichen Fruchtbarkeit verstand, bevor der Koitus mit Geburt assoziiert wurde, die Frau als Spenderin des Lebens verehrt wurde. Nur Frauen konnten die Art fortpflanzen, und der Anteil des Mannes an diesem Prozess war noch nicht erkannt worden.« (Cottrell zit. von Stone 1988) »Die Tatsache, dass die Menschheit nichts über die männliche Fruchtbarkeit, nichts über Spermien und Samen wusste, bleibt für viele ein geistiger Stolperstein. Manche streiten diese Möglichkeit einfach ab, und damit alle Gründe für die magische und religiöse Ehrfurcht, mit der die Frau und die Yoni in der Frühgeschichte und im Laufe der Zeit betrachtet wurden…  Nach dem gut dokumentierten Forschungsbericht von Reay Tamnahill ›Sex in History‹ zufolge, ›gab es Stammesvölker, selbst noch im zwanzigsten Jahrhundert, deren Ignoranz fundamental geblieben war. Die Bellonesen auf den Solomon-Inseln verkündeten den Missionaren, die dort in den dreißiger Jahren landeten, Kinder würden von den Ahnengöttern abstammen. Für sie war Sexualverkehr eine angenehme Aktivität, die aber nichts mit Fruchtbarkeit zu tun hatte. Ein weiteres schönes Beispiel für solche ›biologische‹ Ignoranz stammt von einer Stammesfrau in Australien des zwanzigsten Jahrhunderts. Als man ihr die westlichen Ansichten über Fruchtbarkeit erklärte und andeutete, der Mann spiele dabei eine Rolle, antwortete sie schlicht und verärgert: Er – nichts!‹.« (Rufus Camphausen ›Yoni die Vulva – Weibliche Sinnlichkeit, Kraft der Schöpfung‹ 1999, S. 28)

Die Entdeckung der biologischen Vaterschaft

Die heute anerkannte These von der Beobachtung der indoeuropäischen Rinderzüchter, die irgendwann im Neolithikum die Rolle der männlichen Tiere bei der Zucht von Jungtieren verstanden, hat sicher seine Richtigkeit. Und auch, dass dadurch der Anteil des Mannes beim Zeugen von Nachwuchs und damit die biologische Vaterschaft erkannt, bewusst und publik wurde. Auch die Historikerin Gerda Lerner stellte fest: »Mit der Domestizierung von Tieren und der Entwicklung von Viehzucht wurde die Funktion des Mannes bei der Fortpflanzung erkannt.« Doch den Zusammenhang der wichtigen Entdeckung und ihr Einfluss auf die Erfindung des Patriarchats wird erstaunlicherweise von den MatriarchatsforscherInnen aus unerklärlichen Gründen nicht erkannt, oder nicht anerkannt.

 Die Entdeckung der biologischen Vaterschaft war ein Urknall
in der Geschichte der Menschheit, der die Welt revolutionierte
.

Für den biologischen Vater gab es bis zu dieser Entdeckung nicht einmal einen Namen. »Das Substantiv ›Vater‹ kann man in einem einfachen Ideogramm (Wortzeichen) nicht von den Substantiven ›Mann‹ oder ›Sohn‹ unterscheiden.« (François Daumas ›Ägyptische Kultur im Zeitalter der Pharaonen‹ 1969, S. 47) Die Beteiligung des Mannes beim Entstehen von Nachkommen war unbekannt und/oder unwichtig; wichtig war ausschließlich die Mutter, die die Kinder gebar und damit das weitere Bestehen der Sippe garantierte. Die Entdeckung löste bei manchen Männern vermutlich eine ziemliche Aufregung aus. Die Neuigkeit mag Verblüffung, Erstaunen, Freude, eine noch nie dagewesene Wichtigkeit, ein überhöhtes Selbstbewusstsein, gar Triumph bei ihnen bewirkt haben. Die Konsequenz, welche die Entdeckung der Vaterschaft auf die Psyche und das Verhalten von Männern in ihren menschlichen Beziehungen verursachte, wird von den WissenschaftlerInnen außer Acht gelassen. Wir sollten diese jedoch in Betracht ziehen und zu verstehen suchen, was dies bei einigen Männern ausgelöst haben dürfte. Bis dahin müssen sich Männer in ihrem mütterlichen Clan wohl gefühlt haben. Sie waren zufrieden und glücklich, wie es noch heute in matriarchalen Clans der Fall ist. So berichtet es der argentinische Arzt und Journalist Ricardo Coler 2011 nach einem längeren Aufenthalt im Matriarchat‹ der Mosuo, einem abgelegenen Gebiet Chinas in seinem Buch ›Das Paradies ist weiblich‹. Männer hatten ihren Platz im mütterlichen Clan, verfügten über Selbstvertrauen, hatten ein gesundes Selbstwertgefühl, waren selbstbewusst, selbstsicher und einfühlsam, wie wir das bei nicht-patriarchalen Männern bei uns und in den noch bestehenden Matriarchaten in aller Welt beobachten können.
Die Entdeckung der biologischen Vaterschaft war jener Moment, als einigen Männern die Entdeckung wie ein Testosteronrausch zu Kopf gestiegen sein muss. Erfahrungsgemäß genügt jedoch auch schon ein einzelner Mann, der grössenwahnsinnig geworden, ein ganzes Volk in den Abgrund zu reißen vermag. Schon George Washington, der erste US-Präsident, hat gewarnt, dass »abgefeimte, ehrgeizige und skrupellose Männer« in der Lage sind, die Macht eines Volkes zu untergraben. Männer befanden aufgrund der Entdeckung, ihre bisherige Rolle sei in der Geschichte der Menschheit viel zu bescheiden und massiv unterschätzt.
Aufgebrachte Männer schafften es offensichtlich, Unzufriedenheit zu schüren und ganz neue Ansprüche und Forderungen für des Mannes Leistung bei der Zeugung von Nachwuchs zu stellen. Sie forderten Verehrung und Ansehen wie die Frauen und Teilhabe an der bisher alleinigen Macht der Matriarchinnen. Patriarchale Ideologie vermittelte ihnen die Illusion, sie seien mehr als sie glauben, weit bedeutender, stärker und intelligenter als Frauen und vor allem, sie würden über den Frauen stehen. Allmählich begannen immer mehr Männer, sich immer wichtiger zu nehmen; sie überhöhten und überschätzten sich auf Kosten der Frauen, die sie entwerteten, was bis zur Verachtung und Diskriminierung ging. Aber die Realität zeigte ihnen auch ihre Grenzen auf; ihren minimalen Anteil, der sich auf ein winziges Spermium und einen kurzen Augenblick der Lust beschränkt. Sie erleben ideell und sinnlich ihre Schwäche, ihre Mängel, oft auch ihr Versagen, das nagt am Selbstwertgefühl. Einige dürften deshalb einen unbewussten Minderwertigkeitskomplex entwickelt haben, der Wut, Neid, Eifersucht und Hass entfachte auf das, was Frauen haben, Männer aber nicht. So agieren gerade frauenfeindliche Männer aus einer Schwäche heraus, aus Angst um ihre Privilegien und ihren Status.

Macht über Frauen und ihre Fruchtbarkeit zu haben,
um ihre Sexualität und damit ihren Körper
unter ihre
Kontrolle zu bringen, war von Anfang an und bis
zum heutigen Tag das Ziel patriarchaler Männer.

Mit der Zeit, scharten sich Männer zu aggressiven, rebellierenden Gruppen, die sich nicht mehr durch den mütterlichen Clan zivilisieren und erziehen lassen wollten. Sie minderten die Tatsache der Wichtigkeit der Mütter, begannen, ihnen den Respekt zu verweigern und sie abzuwerten.
Es folgte die Eroberung der damals matriarchalen Welt und der ständigen Kriege. Die Machtnahme der  patriarchalen Eroberer fällt zusammen mit der Entdeckung der Metallverarbeitung zu Beginn der Bronzezeit. Dies war die Initialzündung zur Herstellung von tödlichen Waffen in großer Zahl.

Es sind die Waffen, die Kriege erst möglich machen.
(s. ›Das Patriarchat, die Zeit der Metalle und der Kriege‹)

Einige Gruppen verließen offensichtlich den Mutterclan und machten sich – vergleichbar mit jenen zahlreichen jungen Menschen, die ihre Mütter und Väter Hals über Kopf verließen und sich den Kämpfern des IS in Syrien anschlossen – auf den Weg; den Weg der Gewalt, der Überfälle, der Beutezüge und der Kriege. Es waren Fanatiker, die wehrlose, friedliche Menschen überfielen, mordeten, ihre Städte plünderten und zerstörten. Vorerst waren es keine Kriege, sondern Überfälle, bewaffnete räuberische Beutezüge auf Städte und Siedlungen und ihre gewaltsame Unterwerfung.
Den ersten blutigen Überfällen auf friedliche matriarchale Siedlungen, der Eroberung von Städten, die bis dahin keine schützenden Außenmauern benötigten und auf Bewohner, die unbewaffnet waren, führten vor 5500 Jahren schließlich zur vollständigen Zerstörung der Stadt Hamoukar im Norden Syriens (s. ›Der erste Krieg der Weltgeschichte‹. Der Erfolg und die reiche Beute ihrer ersten Überfälle und Eroberungen müssen auf die Krieger geradezu berauschend gewirkt haben und feuerten sie zu weiteren Attacken an. Diese wurden immer häufiger und weiteten sich nach allen Weltgegenden aus.

Das Patriarchat beendete die Zeit des Matriarchats und damit des Friedens,
der während 98 Prozent der Menschheitsgeschichte bestanden hatte. D.h:
Es ist der Beginn des seit 5000 Jahren andauernden, zerstörerischen Patriarchats.

Seit der Entdeckung der biologischen Vaterschaft und der ideellen, institutionellen und religiösen Durchsetzung des Patriarchats ringen Männer der herrschenden Oberschicht um die gleiche Anerkennung und Verehrung als Väter, wie sie den Frauen einst als Mütter zuteil geworden war. Wir können die außerordentliche Wichtigkeit und Tragweite feststellen, die sich der Mann in seiner Rolle als Vater beimaß. Die Vaterschaft wurde ganz eindeutig in Ägypten zu Beginn des 3. Jahrtausends in der 1. Dynastie institutionalisiert und ist dort unzweifelhaft nachweisbar.

›VATER‹ –
EHRENTITEL der ersten Könige Ägyptens

Der Begriff ›Vater‹ kann in der ersten Dynastie Ägyptens archäologisch
und linguistisch erstmals einwandfrei festgestellt werden:

Die ersten Könige der 1. Dynastie Ägyptens, etwa König Zer (deutsche Transkription Djer) und seine Nachfolger erhalten in den Königslisten als ehrenvolle ›Königstitel‹ die Bezeichnung Atti, Ati, Atothis. Diese Bezeichnungen mit der auffallenden AT-Silbe sind nicht Namen, sondern Titel, Auszeichnungen, die für Vater und Herrscher stehen. Das hat bisher noch kein Sprachwissenschaftler gemerkt. Begriffe für Vater mit der AT-Silbe finden wir in vielen indoeuropäischen Sprachen, z.B. im hurritischen ATtai, dem urartäischen ATe, bei ATatürk, dem Vater der Türken, aber auch im mittelhochdeutschen ATte, dem althochdeutschen ATto, dem vATi und dem ›ÄTti‹. Der Ausdruck vATer gehört zur indoeuropäischen Sprachfamilie, genau wie das altindische Sanskritwort piTAr und der griechische und lateinische pATer. Pater patriae ›Vater des Vaterlandes‹ war noch in Rom ein vom Senat verliehener Ehrentitel.

Die Verwechslung von Ehrentiteln und Herrschernamen

Immer wieder werden von ÄgyptologInnen Ehrentitel, Rangbezeichnungen, Auszeichnungen, hierarchische Positionen, hohe Ämter usw. mit Eigennamen verwechselt oder sprachliche Eigenschaften nicht erkannt. Beispielsweise wird bei König Zer in der 1. Dynastie deutlich und es wiederholt sich in der 3. Dynastie bei Djoser, der auch mit Zo-Sar/Ze-ser transkribiert wird. ›Djoser‹ ist kein Geburts- oder Eigenname; er heißt eigentlich Netjeri-chet. Djoser/Zo-Sar bezeichnet seinen Rang. Ser/Sar entspricht dem indoarischen Fürstentitel Sar, Zar, iranisch Kay-sar, großer König, gotisch Kaisar, lateinisch Cae-Sar Kaiser, sumerisch Sar, König, Prinz. Zer/Ser/Sar/Zar bezeichnet auch in Ägypten einen Fürsten oder sogenannt ›Vornehmen‹.

Ein anderer Irrtum betrifft die Bezeichnung ›Menes‹. In der Königsliste des Sethos I. in Abydos und im Turiner Königspapyrus erscheinen ganz am Anfang der königlichen Namensauflistungen die Kartuschennamen Meni/Menes u.a. verbunden mit Zer/Djer und Wadji. Dabei handle es sich »um die – wohl stark verzerrten – Geburtsnamen der ersten frühdynastischen Herrscher Ägyptens«, vermutet ein unbekannter Autor irrtümlicherweise. »Besonders die Zuordnung dieser ersten Namen zu den frühen Königen ist für die Ägyptologie sehr problematisch, da die Königsnamen in dieser Epoche eigentlich nur als Horusnamen überliefert wurden«, schreibt er weiter im Wikipedia. Doch das sind keine ›Verzerrungen von Geburtsnamen‹, sondern Ehrentitel. Auszeichnungen, Orden, Prädikate. ›Menes‹ ist die Bezeichnung des  Charakterbildes des idealisierten, patriarchalen Mannes; wird jedoch von den ÄgxptologInnen nicht als solches erkannt. (s. ›Wer war Menes?‹).

»Gott ist ein Spätling in der Religionsgeschichte.«
(G. van der Leeuw, Religionswissenschaftler

Der Ehrentitel ›Vater‹ genügte den Männern noch nicht. Die Erkenntnis der biologischen Vaterschaft führte kurz vor 3000 zur Erfindung erster Götter, davor gab es nie einen männlichen Gott. Dann wurden es immer mehr. »Man stellte fest, dass aus der Zeit des beginnenden Ackerbaus und der Haltung von Herden erste Berichte über männliche Gottheiten stammen«, schreibt Doris F. Jonas. »Beim Heraufdämmern historischer Zeiten erleben wir überall eine Koexistenz von weiblichen und männlichen Gottheiten. Innerhalb der historischen Zeit begann sich dann die gleichgewichtige Koexistenz von Göttinnen und Göttern nach einer Seite zu verschieben, ein Vorgang, der einmal begonnen, immer rascher fortschritt. Von solchem Nebeneinander ausgehend, gewannen männliche Götter bald das Übergewicht, bis am Ende das Konzept vom ›Großen Vater‹ das von der ›Großen Mutter‹ verdrängte und sehr bald zu der raschen Ausbreitung von monotheistischen Religionen beitrug. Die Kulte der alten Göttinnen wurden nicht mehr ausgeübt und vergessen. Einige davon wurden außer im Judentum und im Islam mit späteren Heiligen, andere mit der Heiligen Jungfrau Maria identifiziert.« (in Fester Richard/König Marie E.P./Jonas Doris F./Jonas A. David ›Weib und Macht‹ 1979, S. 192)

Der Ehrentitel ›Vater‹ ist für den mit der Mutter rivalisierenden Mann bis heute von derartiger Wichtigkeit und Ehre, dass sich seither Männer ›von Rang und Namen‹, ob im staatlichen oder kirchlichen Dienst Vater nennen und sich mit dem Ausdruck wie mit einem Prädikat, einer höchsten Auszeichnung, schmücken, vom geehrten Landesvater bis zum Heiligen Vater, dem Papst.

›Vater‹ bekam die Bedeutung von Göttlichkeit, von ›Herrscher und Schöpfer‹;
der irdische Vater, insbesondere der König, der den Ehrennahmen ›Vater‹ trug,
wurde zum Inhaber göttlicher Macht.

 

 

 


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