I. Die Entdeckung der biologischen Vaterschaft

Aus dem Inhalt:

  • Die Urgeschichte war weiblich und matriarchal
    Das Matriarchat kannte keine Väter
  • Die Entdeckung der biologischen Vaterschaft war ein Urknall
    in der Geschichte der Menschheit, der die Welt revolutionierte
  • ›VATER‹ – Ehrentitel der ersten Könige Ägyptens
  • Die Verwechslung von Ehrentiteln und Herrschernamen


»Der weibliche, gebärende Schoß, ursprünglich das Heiligste,
wurde mit der Vergöttlichung der Zeugungsfähigkeit des Mannes
schließlich zum Sitz der Sünde schlechthin erklärt.«
(Eva-Maria Stark)

Die Urgeschichte war weiblich und matriarchal

Wir gehen heute von etwa 300’000 Jahren Daseinsgeschichte unserer menschlichen Spezies aus und etwa ebenso alt sind die ältesten gefundenen, noch ganz primitiven, jedoch gut erkennbar weiblichen Figurinen. Auf 230′000 bis 300′000 Jahre wird die weibliche Steinfigur, die ›Venus von Berekhat Ram‹ geschätzt, die 1981 von der Archäologin Naama Goren-Inbar von der Hebräischen Universität Jerusalem in den Golanhöhen entdeckt wurde. Die bearbeitete, nur 3,5 cm große Figur ist im Israel-Museum ausgestellt. (Cambridge Archaeological Journal, 10:1, 2000, S. 123–167) Eine ähnliche Figur mit einem ebenso hohen Alter stammt aus Tan Tan (Marokko). Artefakte – in dieser noch unkünstlerischen Gestaltung werden von der traditionellen Wissenschaft nicht als bearbeitete Steine und nicht als weibliche Figuren anerkannt. (s. Wolf ›Das wunderbare Vermächtnis der Steinzeit und was daraus geworden ist‹ 2017)
Die verdiente Archäologin, Indo-Europäer- und Matriarchatsforscherin Marija Gimbutas, widmete der Erforschung der Urzeit ihr Lebenswerk. Ihre Forschungen umfassen sowohl die archäologischen Funde, als auch die Symbolik der vorschriftlichen Zeit Alt-Europas. Das Ergebnis dieser jahrzehntelangen Arbeiten ist eindeutig – die Urzeit ist weiblich. Dies bezeugen die weiblichen Statuetten (männliche Statuetten wurden erst spät, nur vereinzelt und nur ganz selten gefunden). Gimbutas ist überzeugt, dass es sich bei den abertausend weltweit gefundenen weiblichen Figurinen – unterdessen ist ihre Zahl auf insgesamt über 100’000 Exemplare, Teilartefakte und Fragmente angestiegen – um die Würdigung des Weiblichen, insbesondere um die Schöpferinnenkraft der Mütter handelt. Die Figurinen sind Manifestationen der Verehrung der weiblichen Urahne und/oder der Großen Göttin. Von der Verehrung der Frau und ihrer Schöpferinnenkraft zeugen auch die unzähligen Darstellungen von in Stein gemeisselten Vulven, die ›das heilige Tor des Lebens‹ symbolisieren. (s. ›Felsbildkunst – Geheimnisvolle Botschaften aus der Steinzeit‹)

Das Matriarchat kannte keine Väter

»Kinder gebären zu können, war in der alten Ordnung eine wundersame,
heilige Fähigkeit der Frauen.«
(Marilyn French)

Schwangerschaft und Geburt gehören mit zu den tiefsten Mysterien menschlichen Erlebens, ein archaisch-mystisches Geschehen, ein unfassbares Wunder, das zutiefst berührt. Neues Leben kommt aus dem Schoß der Frau, eine Tatsache, real und für alle sinnlich wahrnehmbar, sicht- und erfahrbar. »Doch wie das Kind in den Mutterschoß kam, war zweifellos ein Geheimnis… Angesichts des Zeitraumes, der zwischen Befruchtung und Geburt liegt, ist es wahrscheinlich, dass die Bedeutung von Schwangerschaft und Geburt hochgeschätzt wurde, lange bevor man erkannte, dass diese Phänomene das Ergebnis der Empfängnis waren, die dem Koitus folgte«, schreibt der britische Religionswissenschaftler S.G.F. Brandon 1963. Tatsächlich kann die Kenntnis vom Zusammenhang von Sex und Schwangerschaft keineswegs bei allen Völkern vorausgesetzt werden. Diese Ansicht teilen zahlreiche Forscher, wie etwa »James Frazer, Margaret Mead und andere WissenschaftlerInnen, die herausgefunden haben, dass in den sehr frühen Stadien der Entwicklung, bevor man das Geheimnis der menschlichen Fruchtbarkeit verstand, bevor der Koitus mit Geburt assoziiert wurde, die Frau als Spenderin des Lebens verehrt wurde. Nur Frauen konnten die Art fortpflanzen, und der Anteil des Mannes an diesem Prozess war noch nicht erkannt worden.« (Cottrell zit.  von Merlin Stone ›Als Gott eine Frau war‹ 1988). »Die Tatsache, dass die Menschheit nichts über die männliche Fruchtbarkeit, nichts über Spermien und Samen wusste, bleibt für viele ein geistiger Stolperstein. Manche streiten diese Möglichkeit einfach ab, und damit alle Gründe für die magische und religiöse Ehrfurcht, mit der die Frau und die Yoni in der Frühgeschichte und im Laufe der Zeit betrachtet wurden…  Nach dem gut dokumentierten Forschungsbericht von Reay Tamnahill ›Sex in History‹ zufolge, ›gab es Stammesvölker, selbst noch im zwanzigsten Jahrhundert, deren Ignoranz fundamental geblieben war. Die Bellonesen auf den Solomon-Inseln verkündeten den Missionaren, die dort in den dreißiger Jahren landeten, Kinder würden von den Ahnengöttern abstammen. Für sie war Sexualverkehr eine angenehme Aktivität, die aber nichts mit Fruchtbarkeit zu tun hatte. Ein weiteres schönes Beispiel für solche ›biologisch‹ Ignoranz stammt von einer Stammesfrau in Australien des zwanzigsten Jahrhunderts. Als man ihr die westlichen Ansichten über Fruchtbarkeit erklärte und andeutete, der Mann spiele dabei eine Rolle, antwortete sie schlicht und verärgert: Er – nichts!« (Rufus Camphausen ›Yoni die Vulva – Weibliche Sinnlichkeit, Kraft der Schöpfung‹ 1999, S. 28)
Auf der andern Seite standen sich Frauen ohne Zweifel schon immer während Schwangerschaft und Geburt bei, berieten, betreuten und pflegten und betätigten sich schon während Jahrtausenden als Heilerinnen.

»In allen Kulturen der Welt gibt es Mythen, die von einer Zeit sprechen, in der allein die Frauen um die Geheimnisse von Leben und Tod wussten und daher auch nur sie fähig waren, die magische Kunst des Heilens auszuüben. Aufgrund ihrer direkteren Beziehung zum Körper, den elementaren Lebensvorgängen und den intuitiven Fähigkeiten eher zur Bewahrung heilkundlichen Wissens prädestiniert als der Mann, spielte die Frau über Jahrtausende die führende Rolle in der Medizin — und könnte sie auch heute noch spielen. Doch im Laufe einer Entwicklung hin zu einer von männlichen Werten dominierten Gesellschaft wurde die Frau aus dieser Rolle verdrängt. Erst heute beginnt man einzusehen, dass der von den ›Göttern im Weiß‹ beherrschten akademischen Schulmedizin für Heilung des ganzen Menschen wesentliche Elemente fehlen, die vor allem die Frau aus ihrer spontanen Fürsorglichkeit für das Leben und ihrer natürlichen Ganzheitlichkeit der Erfahrung einzubringen vermag«, schreibt die Ärztin und Foscherin Jeanne Achterberg, die weit bis nach Sumer zurückgeht. (Jeanne Achterberg ›Die Frau als Heilerin – Die schöpferische Rolle der heilkundigen Frau in Geschichte und Gegenwart‹ 1991)
»Fast überall auf der Welt wurden weibliche Göttinnen als Heilerinnen gepriesen, die Heilkräuter, Wurzeln, Pflanzen und andere medizinische Hilfsmittel verteilten. Die Priesterinnen, die den Tempeldienst versahen, wurden so zu den Ärztinnen der Gläubigen, die zum Tempel kamen.« (Stone ibd. 1988, S. 28) Die meisten Ägyptologinnen und Ägyptologen vertreten die völlig unrealistische Annahme, die hoch entwickelte Heilkunde, der wir bereits am Anfang der dynastischen Zeit in Ägypten begeg­nen, sei in der Zeit der kriegerischen Eroberung – von der ÄgyptologInnen allerdings nichts wissen wollen – in der prädynastischen Zeit und den ersten Dyna­stien ›erfunden‹ worden. Doch die medizinische Kunst verkümmerte dann seltsamerweise unter den Pharaonen. (s. auch Wolf ›Die Kulturleistungen der Frauen – die Wiege der Zivilisation‹)

 

Die Entdeckung der biologischen Vaterschaft war ein Urknall,
der die Welt revolutionierte

Sie führte uns in eine Zeit der Kriege, von Gewalt, Elend und Ungerechtigkeit, die bis zum heutigen Tag andauert.

Die These von der Beobachtung der indoeuropäischen Rinderzüchter, die irgendwann im Neolithikum die Rolle der männlichen Tiere bei der Zucht von Jungtieren verstanden haben, wird heute von den meisten WissenschaftlerInnen anerkannt. Auch, dass dadurch der Anteil des Mannes beim Zeugen von Nachwuchs und damit die biologische Vaterschaft erkannt, bewusst und bekannt wurde. Die Historikerin Gerda Lerner stellte fest: »Mit der Domestizierung von Tieren und der Entwicklung von Viehzucht wurde die Funktion des Mannes bei der Fortpflanzung erkannt.« Doch den Zusammenhang der wichtigen Entdeckung und ihr Einfluss auf die Erfindung der Ideologie des Patriarchats und seine gewaltsame Institutionalisierung, die zum Untergang des Matriarchats führte, wird erstaunlicherweise weder von der patriarchalen Wissenschaft noch von den MatriarchatsforscherInnen erkannt oder anerkannt. Ägypten, das Land, das zu den ältesten Kultuvölkern der Welt gehörte, kannte für den biologischen Vater bis zu dieser Entdeckung nicht einmal einen Namen. »Das Substantiv ›Vater‹ kann man in einem einfachen Ideogramm (Wortzeichen) nicht von den Substantiven ›Mann‹ oder ›Sohn‹ unterscheiden.« (François Daumas ›Ägyptische Kultur im Zeitalter der Pharaonen‹ 1969, S. 47) Die Beteiligung des Mannes beim Entstehen von Nachkommen war unbekannt und/oder unwichtig; wichtig war ausschließlich die Mutter, die die Kinder gebar und damit das weitere Bestehen der Sippe garantierte.

Die Entdeckung löste bei manchen Männern vermutlich eine ziemliche Aufregung aus. Die Neuigkeit mag Verblüffung, Erstaunen, Freude, ein noch nie gekanntes Gefühl von Wichtigkeit, ein überhöhtes Selbstbewusstsein, gar Triumph bei ihnen bewirkt haben. Die Konsequenz, welche die Entdeckung der Vaterschaft auf die Psyche und das Verhalten von Männern in ihren menschlichen Beziehungen verursachte, wird von den WissenschaftlerInnen außer Acht gelassen. Wir sollten diese jedoch in Betracht ziehen und zu verstehen suchen, was dies bei einigen Männern ausgelöst haben dürfte. Bis dahin müssen sich Männer in ihrem mütterlichen Clan wohl gefühlt haben. Sie waren zufrieden und glücklich, wie es noch heute in matriarchalen Clans der Fall ist. So berichtet es der argentinische Arzt und Journalist Ricardo Coler 2011 nach einem längeren Aufenthalt im Matriarchat‹ der Mosuo, einem abgelegenen Gebiet Chinas in seinem Buch ›Das Paradies ist weiblich‹. Männer hatten ihren Platz im mütterlichen Clan, der nach mütterlichen Werten, dem mütterlichen Prinzip lebte und organisiert war. Sie verfügten über Selbstvertrauen, hatten ein gesundes Selbstwertgefühl, waren selbstbewusst, selbstsicher und einfühlsam, wie wir das bei nicht-patriarchalen Männern bei uns und in den noch bestehenden Matriarchaten in aller Welt beobachten können.
Die Entdeckung der biologischen Vaterschaft war jedoch jener Moment, als einigen Männern die Entdeckung wie ein Testosteronrausch zu Kopf gestiegen sein muss. Nehmen wir an, einer von ihnen vermutete, dass Frauen längst vom unverzichtbaren männlichen Beitrag zur Schöpfung neuen Lebens wussten, dies jedoch geheim gehalten hatten. Mit diesem möglichen Verdacht, ob richtig oder falsch, begann er Hass auf Frauen zu schüren, weil sie Männern vermeintlich die Anerkennung und damit ihre verdiente Verehrung vorenthalten hatten. Für diesen Mann eine schwere narzisstische Kränkung, für die er sich rächte. Er verbreitete seinen Hass auf Frauen. Erfahrungsgemäß genügt schon ein einziger Mann, der grössenwahnsinnig geworden, durch das Verbreiten von Verleumdungen und falschen Anschuldigungen mit seiner Wut viele andere anstecken kann. Männer scheinen wenn es um ihre Ehre geht, besonders empfänglich zu sein. Mancher Mann vermochte so schon ein ganzes Volk in den Abgrund zu reißen. George Washington, der erste US-Präsident, hat gewarnt, dass »abgefeimte, ehrgeizige und skrupellose Männer« in der Lage sind, die Macht eines Volkes zu untergraben! Jedenfalls befanden einige Männer aufgrund der Entdeckung, ihre bisherige Rolle sei in der Geschichte der Menschheit viel zu bescheiden und massiv unterschätzt. Und dies hatte Konsequenzen.
Aufgebrachte Männer schafften es offensichtlich, Unzufriedenheit zu schüren und ganz neue Ansprüche und Forderungen für des Mannes Leistung bei der Zeugung von Nachwuchs zu stellen. Sie wollten genau so wie Mütter Verehrung und Ansehen und Teilhabe an der bisher alleinigen Macht der Matriarchinnen. Patriarchale Ideologie vermittelte ihnen mit der Zeit die Illusion, sie seien mehr als sie glauben, weit bedeutender, stärker und intelligenter als Frauen und vor allem, sie würden über den Frauen stehen. Allmählich begannen immer mehr Männer, sich immer wichtiger zu nehmen; sie überhöhten und überschätzten sich auf Kosten der Frauen, die sie entwerteten, was bis zur Verachtung und Diskriminierung ging. Einer zunehmenden Verklärung des Mannes und des Vaters  steht proportional die Entmenschlichung der Frau und der Mutter gegenüber. Aber die Realität zeigt Männern auch ihre Grenzen; ihren minimalen Anteil an der Schöpfung neuen Lebens, der sich auf ein winziges Spermium und einen kurzen Augenblick der Lust beschränkt. Sie erleben ideell und sinnlich ihre Schwäche, ihre Mängel, oft auch ihr Versagen, das nagt am Selbstwertgefühl. Einige dürften deshalb einen unbewussten Minderwertigkeitskomplex entwickelt haben, der Wut, Neid, Eifersucht und Hass entfachte auf das, was Frauen haben, Männer aber nicht. So agieren gerade frauenfeindliche Männer aus einer Schwäche heraus, aus Angst um ihre Privilegien und ihren Status.
»Leider versucht der Mann das, was er offenbar als ›Zurückweisung‹ durch die Natur empfand (vergl. den vielfach festgestellten männlichen Gebärneid, der nach Mary Daly ein Neid auf die umfassende weibliche Potenz ist), dadurch zu kompensieren, dass er sich auf ideologischem und medizinischem Wege Zugang zu diesem Geschehen verschaffte. Von dort aus greifen Ärzte seit Jahrhunderten ›in den Tabu-Raum der Mutter‹ ein. Frauen wurden entmündigt, Männer übernahmen die Kontrolle über ihren Körper.

Frauen wurden gezwungen ihren eigenen Körper,
ihre Gebärfähigkeit an Staat und Kirche abzutreten.

Auf diese Weise wurde uraltes Frauenwissen, das von einer Generation an die nächste weitergegeben worden war, unterbunden und durch ›Wissenschaft‹ ersetzt – oder das, was Ärzte dafür hielten.« (Christa Mulack 2006, S. 85) Dreist ist die moralisierende Kontrolle, Diskriminierung und Verfolgung der patriarchalen Religiösen und der patriarchalen Regierenden gegen die Rechte der Frauen über ihren eigenen Körper. (s. Wolf ›Die Hybris der ›LebensschützerInnen)

»Ist Ihnen ein Gesetz bekannt, das die Regierung ermächtigt, Entscheide über den männlichen Körper zu fällen?«

fragte Kamala Harris einen Vertreter der Abtreibungsgegner der USA. Nach längerem Überlegen verneinte dieser.

Macht über Frauen und ihre Fruchtbarkeit zu haben,
um ihre Sexualität und damit ihren Körper
unter ihre
Kontrolle zu bringen, war von Anfang an und bis
zum heutigen Tag das Ziel patriarchaler Männer.

Mit der Zeit, scharten sich Männer zu aggressiven, rebellierenden Gruppen, die sich nicht mehr durch den mütterlichen Clan zivilisieren und erziehen lassen wollten. Sie minderten die Tatsache der Wichtigkeit der Mütter, begannen, ihnen den Respekt zu verweigern und sie abzuwerten. Aus diesem Zeitraum stammt auch das bereits weit fortgeschrittene Wissen der Gewinnung und Nutzung von Metallen. Dies war die Initialzündung zur Herstellung von tödlichen Waffen, welche zornigen, verrohten Männern die industrielle Herstellung einer unbegrenzten Anzahl von Bronzewaffen ermöglichte. Ihre Verfügbarkeit führte zu den ersten Überfällen, Verwüstungen und Zerstörungen und den ersten Kriegen der Welt (s. ›Das Zeitalter der Metalle und der Kriege‹). Es folgte die Eroberung der damals matriarchalen Welt und der ständigen Kriege. Seither ist der Krieg ein rechtsfreier Raum für ungeheuerliche Verbrechen und unvorstellbare Gräuel, begangen von biederen Familienvätern und abgefeimten Sadisten. Es sieht so aus, als seien Kriege eine Erfindung um die Lust aggressiver Männer zu erobern, zu plündern, zu vergewaltigen, zu zerstören und zu töten, zu befriedigen. Alternativ besteht auch immer die Möglichkeit, als Polizist nicht-weisse Männer zu töten, ohne negative Konsequenzen fürchten zu müssen

Es sind die Waffen, die Kriege möglich machen.
(s. ›Das Patriarchat, die Zeit der Metalle und der Kriege‹)

Einige Gruppen verließen offensichtlich den Mutterclan und machten sich – vergleichbar mit jenen zahlreichen jungen Menschen, die ihre Mütter und Väter Hals über Kopf verließen und sich den Kämpfern des IS in Syrien anschlossen – auf den Weg; den Weg der Gewalt, der Überfälle, der Beutezüge und der Kriege. Es waren Fanatiker, die wehrlose, friedliche Menschen überfielen, mordeten, ihre Städte plünderten, brandschatzten und zerstörten. Vorerst waren es keine Kriege (d.h, keine beidseits bewaffneten Kämpfe von Mann gegen Mann) sondern Überfälle, bewaffnete räuberische Beutezüge auf Städte und Siedlungen und ihre gewaltsame Unterwerfung.
Den ersten blutigen Überfällen auf friedliche matriarchale Siedlungen, der Eroberung von Städten, die bis dahin keine schützenden Außenmauern benötigten und auf Bewohner, die unbewaffnet waren, führten vor 5500 Jahren schließlich zur vollständigen Zerstörung der Stadt Hamoukar im Norden Syriens (s. Wolf ›Der erste Krieg der Weltgeschichte‹. Der Erfolg und die reiche Beute ihrer ersten Überfälle und Eroberungen müssen auf die Krieger geradezu berauschend gewirkt haben und feuerten sie zu weiteren Attacken an. Diese wurden immer häufiger und weiteten sich nach allen Weltgegenden aus.

Das Patriarchat beendete die Zeit des Matriarchats und damit des Friedens,
der während 98 Prozent der Menschheitsgeschichte bestanden hatte.
Es ist der Beginn des seit 5000 Jahren andauernden, menschenfeindlichen,
zerstörerischen Patriarchats.

Seit der Entdeckung der biologischen Vaterschaft und der ideellen, institutionellen und religiösen Durchsetzung des Patriarchats ringen Männer der herrschenden Oberschicht um die gleiche Anerkennung und Verehrung als Väter, wie sie den Frauen damals als Mütter zuteil wurde. Wir können die außerordentliche Wichtigkeit und Tragweite feststellen, die sich der Mann in seiner Rolle als Vater beimaß. Kaum erstaunen kann, dass sich die Anführer der Rinderzüchter als Könige und ›Erzeuger‹ Starker Stier nannten. »Der Stierkult hatte besonderen Stellenwert für das Königtum. Stiere symbolisierten körperliche Kraft und Fruchtbarkeit, daher gehörte ein am Gürtel befestigter Stierschwanz zum Ornat des Königs, der auch als ›Starker Stier‹
bezeichnet wurde. Anhand von besonderen körperlichen Merkmalen wurden Stiere ausgewählt, die als Mnevis-Stier den Sonnengott oder als Apis-Stier den Gott Ptah verkörperten.« (Staatliches Museum Ägyptischer Kunst, München).

Die Vaterschaft wurde ganz eindeutig in Ägypten zu Beginn des 3. Jahrtausends in der 1. Dynastie institutionalisiert und ist dort erstmals wissenschaftlich, historisch nachweisbar:

›VATER‹ –
Ehrentitel der ersten Könige Ägyptens

Der Begriff ›Vater‹ kann in der ersten Dynastie Ägyptens archäologisch
und linguistisch erstmals einwandfrei festgestellt werden:

Die ersten Könige der 1. Dynastie Ägyptens, etwa König Zer/Zar (deutsche Transkription Djer) und seine Nachfolger erhalten in den Königslisten als ehrenvolle ›Königstitel‹ die Bezeichnung ATti, ATi, ATothis. Diese Bezeichnungen mit der auffallenden AT-Silbe sind nicht Namen, sondern Titel, Auszeichnungen, die für Vater und Herrscher stehen. Obwohl die traditionelle Ägyptologie stark sprachwissenschaftlich orientiert ist, hat das bisher noch keiner der Sprachwissenschaftler gemerkt. Der erste Vater-Gott in Ägypten hat den Namen ATum. Der Name wird (willkürlich) interpretiert als ›der, sich selbst erschaffen hat‹, der also nicht von der Mutter-Göttin geboren wurde. Mehr als 1000 Jahre später, im 14. Jahrhundert versucht Echnaton den patriarchalen Glauben zu reaktivieren, ja, den Vater zum alleinigen Gott zu machen. Er nennt den von ihm erfundenen Sonnengott ATon. Auch er anerkennt die damals in ganz Ägypten verehrte Mutter-Göttin MUT nicht, er lässt nur seinen Vater gelten.
Begriffe für Vater mit der AT-Silbe finden wir in vielen indoeuropäischen Sprachen, z.B. im hurritischen ATtai, dem indischen RATa, dem urartäischen ATe, beim Väterchen Attila, dem Hunnenkönig, bei ATatürk, dem Vater der Türken, aber auch im mittelhochdeutschen ATte, dem althochdeutschen ATto, dem vATi und dem ›ÄTti‹. Der Ausdruck vATer gehört zur indoeuropäischen Sprachfamilie, genau wie das altindische Sanskritwort piTAr und der griechische und lateinische pATer. Pater patriae ›Vater des Vaterlandes‹ war noch in Rom ein vom Senat verliehener Ehrentitel.

Die Verwechslung von Ehrentiteln und Herrschernamen

Immer wieder werden von ÄgyptologInnen Ehrentitel, Rangbezeichnungen, Auszeichnungen, hierarchische Positionen, hohe Ämter usw. mit Eigennamen verwechselt oder sprachliche Eigenschaften nicht erkannt. Beispielsweise wird dies bei König Zer in der 1. Dynastie deutlich und es wiederholt sich in der 3. Dynastie bei Djoser, der auch mit Zo-Sar/Ze-ser transkribiert wird. ›Djoser‹ ist kein Geburts- oder Eigenname; er heißt eigentlich Netjeri-chet. Djoser/Zo-Sar bezeichnet seinen Rang. Ser/Sar entspricht dem indoarischen Fürstentitel Sar, Zar, iranisch Kay-sar, großer König, gotisch Kaisar, lateinisch Cae-Sar Kaiser, sumerisch Sar, König, Prinz. Zer/Ser/Sar/Zar bezeichnet auch in Ägypten einen Fürsten oder sogenannt ›Vornehmen‹.

Ein anderer Irrtum betrifft die Bezeichnung ›Menes‹. In der Königsliste des Sethos I. in Abydos und im Turiner Königspapyrus erscheinen ganz am Anfang der königlichen Namensauflistungen die Kartuschennamen Meni/Menes u.a. verbunden mit Zer/Djer und Wadji. Dabei handle es sich »um die – wohl stark verzerrten – Geburtsnamen der ersten frühdynastischen Herrscher Ägyptens«, vermutet ein unbekannter Autor irrtümlicherweise und er schreibt: »Besonders die Zuordnung dieser ersten Namen zu den frühen Königen ist für die Ägyptologie sehr problematisch, da die Königsnamen in dieser Epoche eigentlich nur als Horusnamen überliefert wurden.« (Wikipedia) Doch das sind keine ›Verzerrungen von Geburtsnamen‹, sondern Ehrentitel. Auszeichnungen, Orden, Prädikate. ›Menes‹ ist die Bezeichnung des Charakterbildes des idealisierten, patriarchalen Mannes; wird jedoch von den Ägyptologen nicht als solches erkannt. (s. Wolf ›Wer war Menes?‹).
Der Ehrentitel ›Vater‹ genügte den Männern noch nicht. Die Erkenntnis der biologischen Vaterschaft führte kurz vor 3000 zur Erfindung erster Götter, davor gab es nie einen männlichen Gott. Dann wurden es immer mehr.

Der Ehrentitel ›Vater‹ ist für den mit der Mutter rivalisierenden Mann bis heute von derartiger Wichtigkeit und Ehre, dass sich seither Männer ›von Rang und Namen‹, ob im staatlichen oder kirchlichen Dienst Vater nennen und sich mit dem Ausdruck wie mit einem Prädikat, einer höchsten Auszeichnung, schmücken, vom geehrten Landesvater bis zum Heiligen Vater, dem Papst.

Patriarchale Väter waren buchstäblich berauscht von der Ehre und Macht
als
Herrscher und vermeintliche Schöpfer

 

 

 


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