VI. Das Matriarchat ist eine urgeschichtliche Tatsache

Aus dem Inhalt:

  • Das Matriarchat und seine Kulturleistungen wurden ignoriert,
    geleugnet oder vom Patriarchat usurpiert
  • ›Der Mythos vom Matriarchat‹, ist kein Mythos
  • Die wichtigste Kulturleistung des Matriarchats ist die Gewaltfreiheit und der Erhalt des Friedens
  • Zu den Kulturleistungen der Frauen gehört die Erfindung der Schrift
  • Das enorme medizinische Wissen zu Beginn der Dynastischen Zeit Ägyptens stammt aus dem Matriarchat
  • Mit der Institutionalisierung des Patriarchats verschlechterte sich die Stellung der Frauen zunehmend
  • ›amagi‹ – Der Schrei nach Freiheit

 

Das Matriarchat und seine Kulturleistungen wurden ignoriert, geleugnet,
oder vom Patriarchat usurpiert

»Es war Johann Jakob Bachofen, Professor des Römischen Rechts in Basel, der die erste große Bresche schlug in die naiven Vorstellungen von der Natürlichkeit der patriarchalischen Gesellschaft, von der Selbstverständlichkeit der Überlegenheit des Mannes über die Frau. Mit genialem Blick, großem Scharfsinn und außerordentlichen Kenntnissen stieg er hinab und zerriss den Schleier, den patriarchalischer Geist über große und wichtige Teile menschlicher Geschichte gelegt hatte und enthüllte das Bild gänzlich anderer Gesellschaftsformen und Kulturen, in denen die Frau die Herrschaft führte, in denen sie Königin, Priesterin, Führerin war, Gesellschaften, in denen nur die Abstammung von der Mutter zählte und der Vater seinem Kind ein Blutsfremder war. Er glaubte, erkannt zu haben, dass das Matriarchat den Anfang aller menschlichen Entwicklung darstellt und dass erst in einem langen historischen Prozess das Vaterrecht, die männliche Vorherrschaft, sich durchsetzte. Er zeigte, wie der Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Prinzip sich als grundlegend durch alles seelische Leben zieht und wie ihm bestimmte Symbole zugeordnet sind: Tag – Nacht, Sonne – Mond, links – rechts. Gewiss hat sich Bachofen in einer Reihe von einzelnen Aufstellungen geirrt, so sicher wie ihm die neueren ethnologischen Forschungen eine Unzahl von Bestätigung gegeben hätten. Das Entscheidende aber hatte er gesehen und dem Verständnis der triebhaften Grundlagen des gesellschaftlichen Lebens, der Unterschiede zwischen männlichem und weiblichem Wesen, der Bedeutung der Symbole neue und fruchtbare Wege gewiesen.« (Erich Fromm ›Liebe, Sexualität und Matriarchat – Beiträge zur Geschlechterfrage‹ 1994, S. 68)

›Der Mythos vom Matriarchat‹,
ist kein Mythos

Der Titel des Buches des Rechtshistorikers Uwe Wesel ›Der Mythos vom Matriarchat‹ ist irreführend, wird aber gern und ausgiebig von patriarchalen AutorInnen zitiert, die die Tatsache des Matriarchats ignorieren oder leugnen. Wesel schreibt 1980:

»Es waren »segmentäre Gesellschaften, ohne Herrschaft und ohne Staat,
die im wahren Sinn des Wortes egalitär gewesen sind, in denen Egalität
nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen meinte. In ihnen standen
die Frauen sogar im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Ordnung:
durch Matrilinearität und Matrifokalität.« 
(1980, S. 144)

Der Rechtshistoriker Uwe Wesel gestand 1980 den Ur-Gesellschaften lediglich Matrilinearität und Matrifokalität, jedoch offenbar noch keine wirtschaftliche und politische Macht zu. Doch erfreulicherweise lernte Wesel dazu; 30 Jahre später schreibt er:

»Das Matriarchat ist ein erstes Kapitel der Kulturgeschichte, das sich bei allen Völkern vor dem Übergang zum Patriarchat findet. Das Patriarchat hat diese Phase nur verdeckt und vergessen gemacht, ganz so, als wäre die patriarchalische Familie der Ursprung aller Gesellschaften.« (Wesel ›Im Reich der Mütter‹ Zeit online 2011/19)

Der irreführende Titel des Buches, das er 30 Jahre früher schrieb, geht wohl auf Wesels kritische Auseinandersetzung mit Bachofens Lehre vom Matriarchat zurück, die heute tatsächlich zum Teil ein Mythos und überholt ist. Zum Beispiel meinte Bachofen noch, »die Menschheit habe zunächst unter der Herrschaft des weiblich-stofflichen Prinzips gelebt, das dann – Gott sei Dank, daran lässt der Autor keinen Zweifel – durch das männlich-geistige überwunden und abgelöst wurde. An die Stelle der weiblichen Herrschaft sei allmählich die Herrschaft der Männer getreten, triumphal schließlich in der späten Zeit, mit der »römischen Paternität«, der unumschränkten Herrschaft des Vaters über seine Familie, und der Staatsidee der Römer, ihr männliches »Imperium«. (Wesel ibd.) Wesel zollt dem Basler Pionier der Matriarchatsforschung jedoch auch Anerkennung und Respekt für seine Leistung. Er schreibt, »Bachofen hat eine große Entdeckung gemacht:

»Die Herrschaft des Mannes über die Familie ist nicht gottgegeben«,

und er betont: »Die Familie hat eine Geschichte. Bachofen ist der Gründer der Familienforschung, sein Mutterrechtsbuch blieb bis heute im Gespräch, stets mit viel Zustimmung oder Ablehnung zitiert. Ablehnung durch Historiker, Ethnologen und Juristen, Zustimmung bei Psychologen, Dichtern und Philosophen – von Freud über Rilke und Thomas Mann bis zu Max Horkheimer. Vernichtende Kritik kam allerdings von Ernst Bloch, der meinte, die Geschichte werde durch solch romantische Weibszentrierungen erotisiert.« (Wesel ibd.)

Die Kleinfamilie in der der Mann das Oberhaupt ist, ist eine Erfindung patriarchaler Männer 

Die Familie, laut soziologischer Definition eine ›auf Dauer angelegte Verbindung von Mann und Frau mit gemeinsamer Haushaltsführung und mindestens einem eigenen (oder adoptierten) Kind‹ ist ein Produkt des Patriarchats; entstanden in der Zeit der Eroberungen und  des ersten männlichen Königtums. Bis dahin galt die sogenannte matriarchale Besuchsehe. »Besuchsehe bezeichnet in der Ethnosoziologie eine Form der Ehe, bei der die Partner nach ihrer Heirat nicht zusammenziehen, sondern getrennt wohnen bleiben und sich nur zeitweise besuchen, gewöhnlich kommt der Ehemann über Nacht zur Ehefrau.« (Wikipedia) Da das seit Jahrtausenden  vor dem Patriarchat bestehende matriarchale Königinnentum in weiblicher Linie (matrilinear) weitergegeben wurde, musste der Erobererhäuptling die Königin gezwungenermaßen ehelichen. Nur wer die Königin heiratete und das konnte jeder Mann ohne Ausnahme sein, konnte König werden. »Matrilinearität oder Mutterfolge bezeichnet die Weitergabe und Vererbung von sozialen Eigenschaften und Besitz ausschließlich über die weibliche Linie von Müttern an Töchter.« (Wikipedia) Die patriarchale Familie verschafft dem Mann Vorteile auf Kosten der Frau und ihrer Freiheit über sich, ihren Körper und ihre Kinder. Die Frau verlor den sicheren Rückhalt und Schutz ihres mütterlichen Blutclans. Der Mann gewann auf Grund seiner grösseren Körperkraft Macht über die Frau und ihre gemeinsamen Kinder, die bisher ausschließlich zum mütterlichen Blutclan gehörten, wurden ab da zum Besitz des Vaters und die Frau zum Besitz des Ehemannes.

Die historische Tatsache des Matriarchats wird von breiten Teilen patriarchaler Männer und Frauen entweder völlig abgelehnt oder es wird die Überzeugung propagiert, es könne sich dabei nur um eine primitive, bösartige, männerfeindliche ›Weiber-HERR-schaft‹ gehandelt haben – um eine Analogie zum heutigen Patriarchat – sozusagen um die weibliche Ausgabe einer gewalttätigen, autoritären, ausbeuterischen und totalitären Unterdrückungsgesellschaft. Diese Auslegung des Begriffs ›Matriarchat‹ ist effektiv kein Mythos, sondern ein Irrtum, das gab es tatsächlich nie. Jedoch fördert der Buchtitel Wesels. ›Der Mythos vom Matriarchat‹– nicht aber der Inhalt – das Vorurteil der Matriarchats-BekämpferInnen, denen allein der Titel genügt, um sich zu bestätigen, dass das Matriarchat ein Mythos sei. Allerdings dürfte jedem Menschen klar sein, dsass es seit Bestehen der Menschheit, die Mütter sind, die für den Fortbestand der Menschheit sorgen. Sie sind nun mal die – oft beneideten und noch öfter diffamierten – Gebärerinnen, Ernährerinnen und Hüterinnen der Kinder, sowohl der weiblichen als auch der männlichen, die sie unter normalen Umständen lieben und um die sie sich kümmern. Das tun auch Säugetier-Mütter, die in Freiheit leben; Freiheit ist eine wichtige Voraussetzung für eine glückliche menschliche Gesellschaft. Mütter haben aus diesem Grund eine natürliche und akzeptierte Autorität, die auf Liebe, Bindung, Anerkennung und Respekt beruht und keineswegs repressiv oder herrsch-süchtig ist. Die damaligen Liebhaber der Frauen – ihre Sexualpartner und die unbekannten Väter ihrer Kinder lebten nicht zusammen mit den Frauen, sondern im eigenen Mutterclan. So wurde die wichtige symbiotische Phase zwischen Mutter und Kleinkind, beispielsweise durch eifersüchtige Ansprüche des Partners, nicht gestört. Es gab logischerweise keinen Anlass und keine Möglichkeit, dass das eine Geschlecht vom andern unterdrückt wurde. Männer und Frauen, die sexuelle Beziehungen unterhielten, waren gleichberechtigt und frei und lebten in Frieden in getrennten mütterlichen Clans. Hingegen haben Frauen im Patriarchat, vor allem aufgrund der rigiden Patrilokalität, die sie von  ihrer Ursprungsfamilie und deren Geborgenheit und Schutz trennt, nicht mehr die Freiheit über sich und ihren Körper selbst zu bestimmen. In hartpatriarchalen Ländern wird die Frau zum Objekt, zum Besitz, erst des Vaters und ihrer Brüder, später ihres Mannes und sogar ihrer Söhne. Hinzu kommt der patriarchale Zwang der Frauen, Söhne zu gebären. So werden unerwünschte Schwangerschaften erzwungen, womit nicht nur den Frauen­ sondern auch den unerwünschten und deshalb oft ungeliebten und vernachlässigten Kindern Gewalt angetan wird, was sich später oft in Sucht, Depression, religiösem Wahn, Gewalt oder einfach asozialem Verhalten äußert.
Wenn Tatsachen aus dem schriftlosen Neolithikum nicht überzeugen, als nicht zuverlässig oder als ›nicht wissenschaftlich‹ bestritten werden, ist u.a. die Arbeit von Ernest Borneman, seine Erforschung des griechischen und römischen Patriarchats sehr hilfreich, denn aus dieser Zeit liegen genügend schriftliche Zeugnisse vor. Borneman schreibt beispielsweise zum Übergang der matrilinearen zu den patrilinearen Sippen:

»Die bürgerliche Altertumswissenschaft hat immer wieder versucht,
sich dem überwältigenden Gewicht der kaum bestreitbaren Fakten zu entziehen,
indem sie die Bedeutung matrilinearer Sippen in der
griechischen Geschichte herabzusetzen gesucht hat.

Anfangs hieß es, die These matrilinearer Sippen- und Stammesverbände sei ein Hirngespinst, später beschränkte man sich darauf, zu bestreiten, dass es bei den Griechen jemals solche Organisationsformen gegeben habe. Aber auch das brach zusammen, als George Thomson, damals Professor für Altertumswissenschaften an der Universität Birmingham und Fellow vom Kings’s College, Oxford, den unwiderlegbaren Beweis des matrilinearen Ursprungs der gene, der griechischen Sippen, erbrachte… Alles was mit der Sippe, der Bruderschaft und dem Stamm zusammenhängt, bezeichnet sowohl bei den Griechen wie bei den Römern nicht etwa organisatorische, verwaltungstechnische Einheiten, sondern blutsverwandtschaftliche Grade, ursprünglich in mütterlicher, später in väterlicher Abstammungsfolge.« (Ernest Borneman ›Das Patriarchat‹ 1979, S. 124)
Die ursprünglichste Gesellschaft beschränkte sich nicht auf Matrilinearität (die Weitergabe und Vererbung von mütterlichen Werten und Besitz über die weibliche Linie von Müttern an Töchter) und Matrilokalität (das Verbleiben aller Mitglieder des Blutclans bei der Mutter). Frauen hatten effektiv Macht und Einfluss auf das, was wir heute Politik nennen. Die Urvölker waren in vollem Umfang matriarchal. Daran kann es keinen Zweifel mehr geben.

Die wichtigste Kulturleistung des Matriarchats ist die Gewaltfreiheit und der Erhalt des Friedens

Der beste Beweis der Macht der Frauen war, dass sie keine Gewalt und keinen Krieg duldeten und die Macht hatten diese Forderung durchzusetzen. Diese Macht hat der Menschheit während 98 Prozent der Geschichte den Frieden erhalten. Diese Tatsache gehört zu den grössten Kulturleistungen der Frauen, der Matriarchinnen, welche den Clans und Sippen vorstanden und der Königinnen, welche die Völker und Länder führten und regierten (s. Wolf Die Kulturleistungen der Frauen – der Ursprung der Zivilisation)

Gewalt erhält das Patriarchat aufrecht

Frauen hatten die Macht, der offensichtlich vorhandenen Anlage des männlichen Geschlechts Grenzen zu setzen und damit Gewalt und ihre verheerenden Auswüchse, wie wir sie im Patriarchat erleben, zu verhindern. Der Wille zur Gewaltfreiheit wird im matriarchalen Clan der weiblichen Blutsgruppe schon bei den Kindern und den Heranwachsenden der mütterlichen Abstammungslinie gesetzt und ist da eine Selbstverständlichkeit.

Dass Frauen einmal Macht hatten, missfällt Phallokraten. Dass ihre Kultur prosperierte, dass Männer im Matriarchat stark und mutig waren, dass sie die Frauen ehrten, respektierten und unterstützten, und dass sie keine Kriege führten, missfällt Militaristen, sie mögen die Tatsache nicht und leugnen sie deshalb. Mit der Erforschung des Matriarchats in Ägypten und Sumer konnte eindeutig bewiesen werden, dass die Länder schon während ein- bis zweitausend Jahren von Königinnen gelehrt, geleitetet und regiert wurden. (s. Wolf ›Das matriarchale Königinnentum Ägyptens – vor den Eroberern‹ und Wolf ›Das matriarchale Königinnentum Mesopotamiens – vor den Sumerern‹)

Nachhaltige Kulturleistungen sind nur in Zeiten des Friedens möglich

Die neolithischen Siedlungen, von denen uns die meisten Funde zugänglich sind, besaßen keine Waffen, keine Mauern und keine Verteidigungsanlagen. Archäologische Zeugnisse bestätigen, dass die ältesten mesopotamischen Städte nachweisbar nicht durch Mauern geschützt waren. Was der Archäo­loge Le­onard Woolley feststell­te, ist für den ganzen Vorderen Orient charakteristisch, er schreibt:

»Seltsamerweise gab es nie irgend­welche Waf­fen, man fand in keiner der alten Städte
des Nahen Ostens ir­gendein Anzeichen für menschlichen Streit oder mensch­li­che
Gewalt­tätigkeiten«.

Zu den Kulturleistungen der Frauen gehört die Erfindung der Schrift

Die ersten Schriftzeichen entwickelten sich aus den religiösen Symbolen des altsteinzeitlichen Matriarchats

Die Kunstfertigkeit im Matriarchat hatte ein später nie mehr erreichtes unübertroffenes Niveau. Ägypten, Nubien, Mesopotamien, der Iran, Elam und das Industal hinterließen eine frühe Töpferkunst von seltener Qualität und Schönheit. Der Orientalist Carel J. Du Ry schreibt: »Die Verzierungen auf Ton waren die Vorläufer der ältesten Bilderschrift. Schon bald entstanden hieraus die ersten Schriftzeichen« (›Völker des Alten Orient‹ in ›Enzyklopädie der Weltkunst‹ 1977, S. 289). Die Keramikkunst, die Erfindung der Symbole und die Entwicklung der Schriftzeichen sind Zeugnisse der außergewöhnlichen Kreativität der Menschen im Matriarchat. (s. Wolf ›Die Kulturleistungen der Frauen – der Ursprung der Zivilisation‹. »Am bedeutsamsten waren die archäologischen Beweise der frühesten Beispiele geschriebener Sprache, die man bis 1988 entdeckt hat. Auch sie stammen aus Sumer, aus dem Tempel der Himmelskönigin in Erech, sie wurden vor mehr als fünftausend Jahren geschrieben. Meistens hört man, dass der Mensch die Schrift erfunden hat, aber aus der Gemeinsamkeit der Hinweise ergibt sich mit großer Wahrscheinlichkeit die Folgerung, dass es vielleicht wirklich Frauen waren, die diese ersten bedeutungsvollen Zeichen in den feuchten Ton drückten.« (Stone 1988, S. 28) Seit Merlin Stones Buch ›Als Gott eine Frau war‹ (1976 in englischer, 1988 in deutscher Sprache) hat die Forschung weitere Fortschritte gemacht. So berichtet die eminente Archäologin Marija Gimbutas, dass auch in Alteuropa Schriftzeichen erfunden wurden, nur sind sie schon viel früher belegt. »Die Sumerer gelten im allgemeinen zwar als die Erfinder der Schriftsprache, aber in Ostmitteleuropa entwickelte sich eine Schrift, die etwa zweitausend Jahre früher entstanden ist als alle bisher bekannten Schriften… Dass vor mehr als achttausend Jahren bereits eine Schrift erfunden wurde, erschien bisher so undenkbar, dass die Möglichkeit gar nicht in Erwägung gezogen und den Beweisen für ihre Existenz kaum Beachtung geschenkt wurde… Bei dieser Schrift des Alten Europa handelt es sich zweifellos nicht um eine indoeuropäische Schrift, ebenso wenig wie bei den kretischen Hieroglyphen, der Linear A und der kyprominoischen Schrift.« (Marija Gimbutas ›Die Zivilisation der Göttin‹ 1996, S. 308) (s. auch Wolf ›Symbole schreiben Urgeschichte‹)

Die ersten Schriftzeichen wurden auf Statuetten der Theiß-Kultur gefunden.

Schrift der Theiß-Kultur (ca. 5300–5000, Kökenydomb, Ungarn, nach Marija Gimbutas
›Die Zivilisation der Göttin‹ 1996, S. 312)

Die ersten Schriftgelehrten waren Frauen. So ist die weltweit erste Abbildung eines Schreibers auf der Narmer-Palette eine FRAU! Ihr Aussehen, ihr Haar, ihr Ohrschmuck, ihr Busen, ihr Oberkörper, der im Gegensatz zu jenen der Männer bedeckt ist und zwar mit einem Pantherfell, das ihre Wichtigkeit betont, trotz all dem wird sie aber nicht als Frau erkannt, sondern immer als Mann, manchmal als Mann mit Perücke, als ›Königssohn‹, als ›Wesir‹, als ›Thronfolger‹ etc. erwähnt. Offenbar macht der patriarchale Blick WissenschaftlerInnen blind. Wie soll man ihnen und ihrer Urteilsfähigkeit vertrauen können?

›Der Schreiber‹ auf der Narmer-Palette ist eine Frau
(nach W.B. Emery ›Männertrachten‹ 1964, S. 268

Als Erfinder der Schrift werden sowohl die Sumerer als auch die Ägypter genannt. »Die amtliche Schreiberin im sumerischen Himmel war ebenfalls eine Frau. (Merlin Stone 1988, S. 28) Doch, wer immer von der Wissenschaft als ihre Urheber und damit als ›Schöpfer der Hochkulturen‹ gehalten wird, die Erfindung der Symbole und der Bilderschrift sind Meisterleistungen des Matriarchats und bestanden schon längst als patriarchale Indo-Europäer mit Eroberungen und Kriegen vor 5500 Jahren begannen Alt-Europa, Mesopotamien und Ägypten zu überfallen. Eroberungen und Kriege haben noch nie eine Kultur geschaffen, sondern die bestehenden Kulturen verwüstet und zerstört (s. die letzten Jahre in Afghanistan, im Irak, in Syrien, im Jemen usw.). Die Wissenschaftler machten die Sumerer irrtümlich zu ›Kulturbringern‹ – doch wie sollten denn unzivilisierte Hirtennomaden und Viehzüchter große Kulturen geschaffen haben? Sie schufen auch keine ›blühende Kultur‹, wie viele glauben, sondern zerstörten jene der indigenen Völker, die viele Jahrtausende vor den Eroberungen der Indo-Europäer blühten. Alle wirklichen Kulturen, friedliche, menschliche, zivilisierte Lebensgemeinschaften waren matriarchal; sie entstanden an den großen Flüssen: am Nil, am Euphrat und Tigris und im Industal.

Das enorme medizinische Wissen zu Beginn der Dynastischen Zeit Ägyptens
stammt aus dem Matriarchat

»Das älteste Gewerbe der Welt ist – entgegen einer anderslautenden Definition – das Heilen.« (Jeanne Achterberg)

Das medizinische Wissen, die Natur- und Frauenheilkunde, lag aus naheliegenden Gründen in den Händen der Frauen; schließlich ging es dabei in erster Linie um Schwangerschaft, Geburt, Stillen und Säuglingspflege; aber auch um Verhütung und Abbruch von unerwünschten und überzähligen Schwangerschaften. Die weisen Frauen hielten die Zahl der Menschen in Einklang mit den Gegebenheiten der Natur und den Kräften der Mütter , wodurch Übervölkerung, Armut und Not vermieden wurden. ( s. D.Wolf 2009, S. 206 ff) »Die Theorie, welche die ›neolithische Revolution‹ durch eine existenzielle Notlage der gesamten Menschheit erklären will, lässt sich leicht widerlegen: Es hat weder eine weltweites Bevölkerungswachstum noch dadurch verursachte Hungersnöte jemals gegeben. ›Nirgendwo gibt es Anzeichen der Übervölkerung‹.« (Jost Herbig, ›Nahrung für die Götter – Die kulturelle Neuerschaffung der Welt durch den Menschen‹ 1988, S. 151, zit. von Weiler 1994, S. 243)

Mit der Institutionalisierung des Patriarchats verschlechterte sich die Stellung der Frauen zunehmend

Zur Stellung der Frau und der Verschlechterung ihres Lebens im ägyptischen Patriarchat hab ich in meinen Büchern immer wieder geschrieben. Erstaunlich offen und von klarer Sprache sind die Berichte von Forschern aus Mesopotamien. Sie sind weitaus weniger damit beschäftigt die patriarchale Herrschaft der Sumerer zu beschönigen und ihnen eine göttliche Aura zu verpassen, als dies in der Ägyptologie geschieht. Sie berichten insbesondere aus der babylonischen Zeit, jener Ära, als sich das Patriarchat schon einigermassen etabliert hatte und die Unterdrückung der Frau bereits weit fortgeschritten war. Doch oft verkennen Wissenschaftler die Lage der Frau auch hier. Sie glauben, die sogenannte Hochkultur, habe die Frauen aus einem urgeschichtlichen Chaos der Unterdrückung in ein weitaus besseres Leben katapultiert. Deshalb wird ihre Stellung nicht als Verschlechterung, sondern als Verbesserung ihrer früheren Stellung betrachtet.
Der Archäologe William St. Chad Boscawen berichtete in seinem Buch ›Egypt and Chaldea‹: »Die Freiheit, die den Frauen in Babylonien gewährt [sic!] wurde, erlaubte es ihnen ihren eigenen Landbesitz zu halten und zu verwalten, und das war vor allem der Fall bei den Priesterinnen des Tempels, die einen ausgedehnten Handel trieben.« Dies zeugt jedoch nur davon, dass noch Teile des ursprünglichen Gesetzes der matriarchalen Werte bewahrt worden waren. Während die Frauen in babylonischer Zeit noch Handel trieben und sich scheiden lassen konnten – kurz noch immer Menschenrechte hatten, wurden diese mit der zunehmenden Patriarchalisierung immer mehr beschnitten. Nach und nach verloren die Frauen an Freiheit und Macht, »und dieser Verlust ging Hand in Hand mit der steigenden Rangstellung von männlichen Gottheiten wie Marduk, der im Mythos die Schöpfergöttin Tiamat ermordete, um ihre Position zu erobern.« (Sidney Smith JEA 8, 1922, S. 42-44) Der britische Assyriologe Henry W. F. Saggs untersuchte die Stellung der Frau in Sumer zwischen 3000 und 1800, der Zeit nach der frühen Invasion der Indo-Europäer und dem Einsatz der von ihren Priesterkasten erfundenen männlichen Götter. Saggs, der auch Theologie studiert hatte, stellte erstaunlich weltoffen und ehrlich fest:

»Der Status der Frau war im frühen sumerischen Stadtstaat
sicherlich viel höher als in späterer Zeit…

…Es gibt Hinweise darauf, dass die Frauen in den Anfängen der sumerischen Gesellschaft einen viel höheren Status hatten als in der  [späteren, sogenannten] Blütezeit der sumerischen Kultur: Dies ergibt sich hauptsächlich aus der Tatsache, dass in der frühen sumerischen Religion eine hervorragende Stellung von Göttinnen eingenommen wurde, die später so gut wie verschwanden, wenn sie nicht zu Gattinnen bestimmter Götter wurden. Nur Ishtar bildet dabei eine Ausnahme. Selbst die Unterwelt stand unter der alleinigen Herrschaft einer Göttin, denn ein Mythos erklärt, wie sie schließlich, gezwungen wurde, einen Gemahl zu nehmen. Auch spielten Göttinnen eine Rolle in der göttlichen Ratsversammlung der Mythen. Es gibt sogar einen deutlichen Hinweis darauf, dass zu einer bestimmten Zeit auch Polyandrie praktiziert wurde, denn die Urukaginareformen erwähnen Frauen, die mehr als einen Gatten genommen hatten. Einige Forscher schreckten vor dieser Schlussfolgerung zurück, sie vermuteten, dass nur auf die Wiederverheiratung einer Witwe Bezug genommen wurde, aber der Wortlaut des sumerischen Textes unterstützt diese Ansicht nicht.« (Saggs zit. von Merlin Stone 1988, S. 72)
Wie sehr wir patriarchal geprägt sind, zeigt die verschreckte Reaktion der von Saggs erwähnten Forschung. Obwohl rein biologisch gesehen die Frau ungleich besser für Sexualität mit mehr als einem Partner ausgestattet ist, als ein Mann mit seiner fragilen Potenz für mehrere Frauen! Erst im Patriarchat wurde die Frau gewaltsam zum sexuellen Objekt und zum domestizierten und alleinigen Besitz des Mannes.
König Uruka­gina be­endete mit der Beseitigung der Polyandrie (Vielmännerei) den Zu­stand des Matriar­chats, und die Stel­lung der Frau verschlechterte sich zu­sehends (Reallexikon der Assyriologie‹, ›Frau‹). Frauen, die zwei Männer nahmen, wurden zu To­de ge­steinigt und jenen, die zu einem Mann Worte sagten, die sie nicht sagen sollten, die Zähne herausgeschlagen (Kramer ›The Sumerians1963, S. 83).
»In den Gesetzen des späteren Babylonien, die aus der Zeit um das Jahr 1000 stammen, wird festgelegt, dass eine verheiratete Frau keine Geschäfte mehr betreiben durfte, wenn sie nicht von ihrem Gatten Sohn oder Schwager geleitet wurden. Wenn jemand in eine Geschäftsbeziehung mit ihr trat, musste er als Krimineller behandelt werden, selbst wenn er darauf beharrte, dass er von ihrer Ehe nichts wusste.« (Stone ibd. S 78)

»Freiheit herrscht nicht.« (Erich Fried)

 ›Amagi ‹ – Der Schrei nach Freiheit

Auf einem Dokument aus dem sumerischen Lagash findet sich zum er­sten Mal in der Ge­schichte der Menschheit das Wort für Freiheit: ›amagi‹. Die wörtliche Überset­zung von amagi heißt sinni­ger­weise ›zurück zur Mutter‹ (Kramer ibd. S. 79) und dürfte die Sehnsucht der Menschen nach dem alten Mutterrecht ausdrücken, das sie in Freiheit und Würde leben ließ. Nachdem die Welt buch­stäblich auf den Kopf gestellt worden war, verteufelte man das Weibliche zum ›Chaos‹ – eine Bezeichnung für die uterine Urmutterflüssigkeit der kosmischen Göttin – zur Anarchie und Unordnung, während man für das Männliche die sogenannte ›Ordnung‹ reklamierte. Das arabische Wort für ›Freiheit‹. al-hurriya, ist bis auf den heutigen Tag in der arabischen Welt ein Synonym für Unordnung. Nicht das immer wieder von patriarchalen Wissenschaftlern und Klerikern beschworene ›Chaos‹ des Matriarchats entsprach den Tatsachen: »Gute gesetzliche Ordnung, Besonnenheit und Frieden bildete den hervorragenden Charakterzug der von Weibern regierten Staaten.« (Bachofen 1975, S. 286)

Das arabische Wort für ›Freiheit‹, al-hurriya, ist in der arabischen Welt ein Synonym für Unordnung. (Fatema Mernissi ›Die Angst vor der Moderne‹ 1992, S. 71) Damit rechtfertigen die Orientalischen Despoten bis auf den heutigen Tag die Unterdrückung des Volkes als ›ordnungsstiftende Kraft‹. Sie schaffen Ordnung durch Tyrannei.

 

Alles Glück ist dahin,
die Welt ist ins Elend gestoßen durch jene,
die sich mästen, die Asiaten, die das Land durchziehen.
Aufruhr ist im Osten entstanden.
Die Asiaten sind nach Ägypten gekommen.
(Gesänge vom Nil)

 

 


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