VI. Kein Mythos: Der sogenannte ›Mythos vom Matriarchat‹

Aus dem Inhalt:

  • Das Matriarchat und seine Kulturleistungen wurden ignoriert,
    geleugnet oder vom Patriarchat usurpiert
  • ›Der Mythos vom Matriarchat‹, der kein Mythos ist
  • Die wichtigste Kulturleistung des Matriarchats ist der Erhalt des Friedens
  • Zu den Kulturleistungen der Frauen gehört die Erfindung der Schrift
  • Nach der Eroberung der Indo-Europäer verschlechterte sich die Stellung der Frauen zunehmend
  • ›amagi‹ – Der Schrei nach Freiheit

Das Matriarchat und seine Kulturleistungen wurden ignoriert, geleugnet, oder vom Patriarchat usurpiert

»Es war Johann Jakob Bachofen, Professor des Römischen Rechts in Basel, der die erste große Bresche schlug in die naiven Vorstellungen von der Natürlichkeit der patriarchalischen Gesellschaft, von der Selbstverständlichkeit der Überlegenheit des Mannes über die Frau. Mit genialem Blick, großem Scharfsinn und außerordentlichen Kenntnissen stieg er hinab und zerriss den Schleier, den patriarchalischer Geist über große und wichtige Teile menschlicher Geschichte gelegt hatte und enthüllte das Bild gänzlich anderer Gesellschaftsformen und Kulturen, in denen die Frau die Herrschaft führte, in denen sie Königin, Priesterin, Führerin war, Gesellschaften, in denen nur die Abstammung von der Mutter zählte und der Vater seinem Kind ein Blutsfremder war. Er glaubte, erkannt zu haben, dass das Matriarchat den Anfang aller menschlichen Entwicklung darstellt und dass erst in einem langen historischen Prozess das Vaterrecht, die männliche Vorherrschaft, sich durchsetzte. Er zeigte, wie der Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Prinzip sich als grundlegend durch alles seelische Leben zieht und wie ihm bestimmte Symbole zugeordnet sind: Tag – Nacht, Sonne – Mond, links – rechts. Gewiss hat sich Bachofen in einer Reihe von einzelnen Aufstellungen geirrt, so sicher wie ihm die neueren ethnologischen Forschungen eine Unzahl von Bestätigung gegeben hätten. Das Entscheidende aber hatte er gesehen und dem Verständnis der triebhaften Grundlagen des gesellschaftlichen Lebens, der Unterschiede zwischen männlichem und weiblichem Wesen, der Bedeutung der Symbole neue und fruchtbare Wege gewiesen.« (Erich Fromm ›Liebe, Sexualität und Matriarchat – Beiträge zur Geschlechterfrage‹ 1994, S. 68)

›Der Mythos vom Matriarchat‹,
der kein Mythos ist

Der Titel des Buches des Rechtshistorikers Uwe Wesel ›Der Mythos vom Matriarchat‹ ist irreführend, wird aber gern und ausgiebig von patriarchalen AutorInnen zitiert, die die Tatsache des Matriarchats ignorieren oder leugnen. Wesel schreibt 1980:

»Es waren »segmentäre Gesellschaften, ohne Herrschaft und ohne Staat,
die im wahren Sinn des Wortes egalitär gewesen sind, in denen Egalität
nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen meinte. In ihnen standen
die Frauen sogar im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Ordnung:
durch Matrilinearität und Matrifokalität.«

(›Der Mythos vom Matriarchat‹ 1980, S. 144)

Der Rechtshistoriker Uwe Wesel gestand 1980 den Ur-Gesellschaften lediglich Matrilinearität und Matrifokalität, jedoch noch keine wirtschaftliche und politische Macht zu. Doch erfreulicherweise lernte Wesel dazu; 30 Jahre später schreibt er:

»Das Matriarchat ist ein erstes Kapitel der Kulturgeschichte, das sich bei allen Völkern vor dem Übergang zum Patriarchat findet.
Das Patriarchat hat diese Phase nur verdeckt und vergessen gemacht, ganz so, als wäre die patriarchalische Familie der Ursprung aller Gesellschaft.«
(Uwe Wesel ›Im Reich der Mütter‹ Zeit online 2011/19)

Der irreführende Titel seines Buches geht wohl auf Wesels kritische Auseinandersetzung mit Bachofens Lehre vom Matriarchat zurück, die heute tatsächlich zum Teil ein Mythos und überholt ist. Zum Beispiel meinte Bachofen noch, »die Menschheit habe zunächst unter der Herrschaft des weiblich-stofflichen Prinzips gelebt, das dann – Gott sei Dank, daran lässt der Autor keinen Zweifel – durch das männlich-geistige überwunden und abgelöst wurde. An die Stelle der weiblichen Herrschaft sei allmählich die Herrschaft der Männer getreten, triumphal schließlich in der späten Zeit, mit der »römischen Paternität«, der unumschränkten Herrschaft des Vaters über seine Familie, und der Staatsidee der Römer, ihr männliches »Imperium«. (Wesel ibd.) Wesel zollt dem Basler Pionier der Matriarchatsforschung jedoch auch Anerkennung und Respekt für seine Leistung. Er schreibt, »Bachofen hat eine große Entdeckung gemacht:

»Die Herrschaft des Mannes über die Familie ist nicht gottgegeben«,

und er betont: »Die Familie hat eine Geschichte. Bachofen ist der Gründer der Familienforschung, sein Mutterrechtsbuch blieb bis heute im Gespräch, stets mit viel Zustimmung oder Ablehnung zitiert. Ablehnung durch Historiker, Ethnologen und Juristen, Zustimmung bei Psychologen, Dichtern und Philosophen – von Freud über Rilke und Thomas Mann bis zu Max Horkheimer. Vernichtende Kritik kam allerdings von Ernst Bloch, der meinte, die Geschichte werde durch solch romantische Weibszentrierungen erotisiert.« Immer haben patriarchale Männer Angst vor der Kraft der weiblichen Erotik! Auch – und vielleicht besonders Männer des jüdischen ›Ur-Patriarchats‹, zu dem auch Ernst Bloch gehörte. Die historische Tatsache des Matriarchats wird von breiten Teilen patriarchaler Männer und Frauen entweder völlig abgelehnt oder die Überzeugung wird propagier, es könne sich dabei nur um eine primitive, bösartige, männerfeindliche ›Weiber-HERR-schaft‹ gehandelt haben – um eine Analogie zum heutigen Patriarchat – sozusagen um die weibliche Ausgabe einer gewalttätigen, autoritären, ausbeuterischen und totalitären Unterdrückungsgesellschaft. Diese Auslegung des Begriffs Matriarchat ist effektiv kein Mythos, sondern ein Irrtum, das gab es tatsächlich nie. Jedoch fördert der Buchtitel:›Der Mythos vom Matriarchat‹– nicht aber der Inhalt – das Vorurteil der Matriarchats-BekämpferInnen, denen allein der Titel genügt, um sich zu bestätigen, dass das Matriarchat ein Mythos sei. Allerdings dürfte jedem Menschen klar sein, seit Bestehen der Menschheit, sind es die Mütter, die für den Fortbestand der Menschheit sorgen. Sie sind nun mal die – oft beneideten und noch öfter diffamierten – Gebärerinnen, Ernährerinnen und Hüterinnen der Kinder, sowohl der weiblichen als auch der männlichen, die sie unter normalen Umständen lieben und um die sie sich kümmern. Das tun auch Säugetier-Mütter, die in Freiheit leben; Freiheit ist eine wichtige Voraussetzung für eine glückliche Gesellschaft. Mütter haben aus diesem Grund eine natürliche und akzeptierte Autorität, die auf Liebe, Bindung, Anerkennung und Respekt beruht und keineswegs repressiv oder herrsch-süchtig ist. Die damaligen Liebhaber der Frauen – ihre Sexualpartner und die unbekannten Väter ihrer Kinder lebten nicht zusammen mit den Frauen, sondern im eigenen Mutterclan. So wurde die wichtige symbiotische Phase zwischen Mutter und Kleinkind, beispielsweise durch eifersüchtige Ansprüche des Partners, nicht gestört. Es gab logischerweise keinen Anlass und keine Möglichkeit, dass das eine Geschlecht vom andern unterdrückt wurde. Männer und Frauen, die sexuelle Beziehungen unterhielten, waren gleichberechtigt und frei und lebten in Frieden in getrennten mütterlichen Clans.
Hingegen haben Frauen im Patriarchat, vor allem aufgrund der rigiden Patrilokalität, die sie von  ihrer Ursprungsfamilie und deren Geborgenheit und Schutz trennt, nicht mehr die Freiheit über sich und ihren Körper selbst zu bestimmen. Im Patriarchat wird die Frau zum Objekt, zum Besitz, erst des Vaters und ihrer Brüder, später ihres Mannes und sogar ihrer Söhne. Hinzu kommt der patriarchale Zwang der Frauen, Söhne zu gebären. So werden unerwünschte Schwangerschaften erzwungen, womit nicht nur den Frauen­ sondern auch den unerwünschten und deshalb oft ungeliebten und vernachlässigten Kindern Gewalt angetan wird, was sich später oft in Sucht, Depression, religiösem Wahn, Gewalt oder einfach asozialem Verhalten äußert.
Wenn Tatsachen aus dem schriftlosen Neolithikum nicht überzeugen, als nicht zuverlässig oder als ›nicht wissenschaftlich‹ bestritten werden, ist u.a. die Arbeit von Ernest Borneman, seine Erforschung des griechischen und römischen Patriarchats sehr hilfreich, denn aus dieser Zeit liegen genügend schriftliche Zeugnisse vor. Borneman schreibt beispielsweise zum Übergang der matrilinearen zu den patrilinearen Sippen:

»Die bürgerliche Altertumswissenschaft hat immer wieder versucht,
sich dem überwältigenden Gewicht der kaum bestreitbaren Fakten zu entziehen,
indem sie die Bedeutung matrilinearer Sippen in der
griechischen Geschichte herabzusetzen gesucht hat.

Anfangs hieß es, die These matrilinearer Sippen- und Stammesverbände sei ein Hirngespinst, später beschränkte man sich darauf, zu bestreiten, dass es bei den Griechen jemals solche Organisationsformen gegeben habe. Aber auch das brach zusammen, als George Thomson, damals Professor für Altertumswissenschaften an der Universität Birmingham und Fellow vom Kings’s College, Oxford, den unwiderlegbaren Beweis des matrilinearen Ursprungs der gene, der griechischen Sippen, erbrachte… Alles was mit der Sippe, der Bruderschaft und dem Stamm zusammenhängt, bezeichnet sowohl bei den Griechen wie bei den Römern nicht etwa organisatorische, verwaltungstechnische Einheiten, sondern blutsverwandtschaftliche Grade, ursprünglich in mütterlicher, später in väterlicher Abstammungsfolge.« (Ernest Borneman ›Das Patriarchat‹ 1979, S. 124)
Die ursprünglichste Gesellschaft beschränkte sich nicht auf Matrilinearität (die Weitergabe und Vererbung von mütterlichen Werten und Besitz über die weibliche Linie von Müttern an Töchter) und Matrilokalität (das Verbleiben aller Mitglieder des Blutclans bei der Mutter). Frauen hatten effektiv Macht und Einfluss auf das, was wir heute Politik nennen. Die Urvölker waren in vollem Umfang matriarchal. Daran kann es keinen Zweifel mehr geben.

Die wichtigste Kulturleistung des Matriarchats ist der Erhalt des Friedens

Der beste Beweis der Macht der Frauen war, dass sie keine Gewalt und keinen Krieg duldeten und während 98 Prozent der Menschheitsgeschichte den Frieden erhalten haben. Diese Tatsache gehört zu den grössten Kulturleistungen der Frauen, der Matriarchinnen und der Königinnen.
Dass Frauen einmal Macht hatten, missfällt Phallokraten. Dass ihre Kultur prosperierte, dass Männer im Matriarchat stark und mutig waren, dass sie die Frauen ehrten, respektierten und unterstützten, und dass sie keine Kriege führten, missfällt Militaristen, sie mögen die Tatsache nicht und leugnen sie deshalb. Mit der Erforschung des Matriarchats in Ägypten und Sumer konnte ich eindeutig beweisen, dass die Länder von Königinnen geleitetet und gelehrt wurden. (s. ›Das matriarchale Königinnentum Ägyptens – vor den Eroberern‹ und ›Das matriarchale Königinnentum Mesopotamiens – vor den Sumerern‹)

Zu den Kulturleistungen der Frauen gehört die Erfindung der Schrift

Die ersten Schriftzeichen entwickelten sich aus den religiösen Symbolen des altsteinzeitlichen Matriarchats

Die Kunstfertigkeit im Matriarchat hatte ein später nie mehr erreichtes unübertroffenes Niveau. Ägypten, Nubien, Mesopotamien, der Iran, Elam und das Industal hinterließen eine frühe Töpferkunst von seltener Qualität und Schönheit. Der Orientalist Carel J. Du Ry schreibt: »Die Verzierungen auf Ton waren die Vorläufer der ältesten Bilderschrift. Schon bald entstanden hieraus die ersten Schriftzeichen« (›Völker des Alten Orient‹ in ›Enzyklopädie der Weltkunst‹ 1977, S. 289). Die Keramikkunst, die Erfindung der Symbole und die Entwicklung der Schriftzeichen sind Zeugnisse der außergewöhnlichen Kreativität der Menschen im Matriarchat. (s. ›Die Kulturleistungen der Frauen – der Ursprung der Zivilisation‹. »Am bedeutsamsten waren die archäologischen Beweise der frühesten Beispiele geschriebener Sprache, die man bis 1988 entdeckt hat. Auch sie stammen aus Sumer, aus dem Tempel der Himmelskönigin in Erech, sie wurden vor mehr als fünftausend Jahren geschrieben. Meistens hört man, dass der Mensch die Schrift erfunden hat, aber aus der Gemeinsamkeit der Hinweise ergibt sich mit großer Wahrscheinlichkeit die Folgerung, dass es vielleicht wirklich Frauen waren, die diese ersten bedeutungsvollen Zeichen in den feuchten Ton drückten.« (Stone 1988, S. 28) Seit Merlin Stones Buch ›Als Gott eine Frau war‹ (1976 in englischer, 1988 in deutscher Sprache) hat die Forschung weitere Fortschritte gemacht. So berichtet die eminente Archäologin Marija Gimbutas, dass auch in Alteuropa Schriftzeichen erfunden wurden, nur sind sie schon viel früher belegt. »Die Sumerer gelten im allgemeinen zwar als die Erfinder der Schriftsprache, aber in Ostmitteleuropa entwickelte sich eine Schrift, die etwa zweitausend Jahre früher entstanden ist als alle bisher bekannten Schriften… Dass vor mehr als achttausend Jahren bereits eine Schrift erfunden wurde, erschien bisher so undenkbar, dass die Möglichkeit gar nicht in Erwägung gezogen und den Beweisen für ihre Existenz kaum Beachtung geschenkt wurde… Bei dieser Schrift des Alten Europa handelt es sich zweifellos nicht um eine indoeuropäische Schrift, ebenso wenig wie bei den kretischen Hieroglyphen, der Linear A und der kyprominoischen Schrift.« (Marija Gimbutas ›Die Zivilisation der Göttin‹ 1996, S. 308) (s. auch ›Symbole schreiben Urgeschichte‹)

Die ersten Schriftzeichen wurden auf Statuetten der Theiß-Kultur gefunden.

Schrift der Theiß-Kultur (ca. 5300–5000, Kökenydomb, Ungarn, nach Marija Gimbutas
›Die Zivilisation der Göttin‹ 1996, S. 312)

Die ersten Schriftgelehrten waren Frauen. So ist die weltweit erste Abbildung eines Schreibers auf der Narmer-Palette eine FRAU! Ihr Aussehen, ihr Haar, ihr Ohrschmuck, ihr Busen, ihr Oberkörper, der im Gegensatz zu jenen der Männer bedeckt ist und zwar mit einem Pantherfell, das ihre Wichtigkeit betont, trotz all dem wird sie aber nicht als Frau erkannt, sondern immer als Mann, manchmal als Mann mit Perücke, als ›Königssohn‹, als ›Wesir‹, als ›Thronfolger‹ etc. erwähnt. Offenbar macht der patriarchale Blick WissenschaftlerInnen blind. Wie soll man ihnen und ihrer Urteilsfähigkeit vertrauen können?

›Der Schreiber‹ auf der Narmer-Palette ist eine Frau

(nach W.B. Emery ›Männertrachten‹ 1964, S. 268/engl. ›Examples of male dress from the palette of Narmer‹ 1961,p. 247)

Als Erfinder der Schrift werden sowohl die Sumerer als auch die Ägypter genannt. »Die amtliche Schreiberin im sumerischen Himmel war ebenfalls eine Frau. (Merlin Stone 1988, S. 28) Doch, wer immer von der Wissenschaft als ihre Urheber und damit als ›Schöpfer der Hochkulturen‹ gehalten wird, die Erfindung der Symbole und der Bilderschrift sind Meisterleistungen des Matriarchats und bestanden schon längst als patriarchale Indo-Europäer mit Eroberungen und Kriegen vor 5500 Jahren begannen Alt-Europa, Mesopotamien und Ägypten zu überfallen. Eroberungen und Kriege haben noch nie eine Kultur geschaffen, sondern die bestehenden Kulturen verwüstet und zerstört (s. die letzten Jahre in Afghanistan, im Irak, in Syrien, im Jemen usw.). Die Wissenschaftler machten die Sumerer irrtümlich zu ›Kulturbringern‹ – doch wie sollten denn unzivilisierte Hirtennomaden und Viehzüchter große Kulturen geschaffen haben? Sie schufen auch keine ›blühende Kultur‹, wie viele glauben, sondern zerstörten jene der indigenen Völker, die viele Jahrtausende vor den Eroberungen der Indo-Europäer blühten. Alle wirklichen Kulturen, friedliche, menschliche, zivilisierte Lebensgemeinschaften waren matriarchal; sie entstanden an den großen Flüssen: am Nil, am Euphrat und Tigris und im Industal.

Nachhaltige Kulturleistungen sind nur in Zeiten des Friedens möglich

Die neolithischen Siedlungen, von denen uns die meisten Funde zugänglich sind, besaßen keine Waffen, keine Mauern und keine Verteidigungsanlagen. Archäologische Zeugnisse bestätigen, dass die ältesten mesopotamischen Städte nachweisbar nicht durch Mauern geschützt waren. Was der Archäo­loge Le­onard Woolley feststell­te, ist für den ganzen Vorderen Orient charakteristisch, er schreibt:

»Seltsamerweise gab es nie irgend­welche Waf­fen, man fand in keiner der alten Städte
des Nahen Ostens ir­gendein Anzeichen für menschlichen Streit oder mensch­li­che
Gewalt­tätigkeiten«.

Nach der Eroberung der Indo-Europäer verschlechterte sich die Stellung der Frauen zunehmend

Der Archäologe William St. Chad Boscawen berichtete in seinem Buch ›Egypt and Chaldea‹: »Die Freiheit, die den Frauen in Babylonien gewährt [sic!] wurde, erlaubte es ihnen ihren eigenen Landbesitz zu halten und zu verwalten, und das war vor allem der Fall bei den Priesterinnen des Tempels, die einen ausgedehnten Handel trieben.« Dies zeugt von einem Volk, das noch das ursprüngliche Gesetz der matriarchalen Abstammung bewahren konnte. »Eines der interessantesten und charakteristischsten Merkmale der frühen Zivilisation der südmesopotamischen Babylonier war die hohe Position der Frauen« (s. Merlin Stone ›Als Gott eine Frau war‹1988. S. 76-78 passim) Während die Frauen in babylonischer Zeit noch Handel trieben und sich scheiden lassen konnten – kurz noch immer Menschenrechte hatten, die aus der matriarchalen Epoche stammten – wurden diese mit der zunehmenden Patriarchalisierung massiv beschnitten. Nach und nach verloren die Frauen an Freiheit und Macht, »und dieser Verlust ging Hand in Hand mit der steigenden Rangstellung von männlichen Gottheiten wie Marduk, der im Mythos die Schöpfergöttin Tiamat ermordete, um ihre Position zu erobern.« [Marduk wurde von Sidney Smith als eine Form von Asar/Ashur/Osiris identifiziert, JEA 8, 1922, S. 42-44, und Griffiths LÄ, IV, S. 624].Der britische Assyriologe Henry W. F. Saggs untersuchte die Stellung der Frau in Sumer zwischen 3000 und 1800, der Zeit nach der frühen Invasion der Indo-Europäer und dem Einsatz der von ihren Priesterkasten erfundenen ersten männlichen Götter. Saggs, der auch Theologie studiert hatte, stellte erstaunlich weltoffen und ehrlich fest:

»Der Status der Frau war im frühen sumerischen Stadtstaat
sicherlich viel höher als in späterer Zeit…

…Es gibt Hinweise darauf, dass die Frauen in den Anfängen der sumerischen Gesellschaft einen viel höheren Status hatten als in der  [späteren, sogenannten] Blütezeit der sumerischen Kultur: Dies ergibt sich hauptsächlich aus der Tatsache, dass in der frühen sumerischen Religion eine hervorragende Stellung von Göttinnen eingenommen wurde, die später so gut wie verschwanden, wenn sie nicht zu Gattinnen bestimmter Götter wurden. Nur Ishtar bildet dabei eine Ausnahme. Selbst die Unterwelt stand unter der alleinigen Herrschaft einer Göttin, denn ein Mythos erklärt, wie sie schließlich, einen Gemahl nahm. Auch spielten Göttinnen eine Rolle in der göttlichen Ratsversammlung der Mythen. Es gibt sogar einen deutlichen Hinweis darauf, dass zu einer bestimmten Zeit auch Polyandrie praktiziert wurde, denn die Urukaginareformen erwähnen Frauen, die mehr als einen Gatten genommen hatten. Einige Forscher schreckten vor dieser Schlussfolgerung zurück, sie vermuteten, dass nur auf die Wiederverheiratung einer Witwe Bezug genommen wurde, aber der Wortlaut des sumerischen Textes unterstützt diese Ansicht nicht.« (Saggs zit. von Merlin Stone 1988, S. 72)
Wie sehr wir patriarchal geprägt sind, zeigt die erschreckte Reaktion der von Saggs erwähnten Forschung. Obwohl rein biologisch gesehen die Frau ungleich besser für Sexualität mit mehr als einem Partner ausgestattet ist, als ein Mann mit seiner fragilen Potenz für mehrere Frauen! Erst im Patriarchat wurde die Frau gewaltsam zum sexuellen Objekt und zum domestizierten und alleinigen Besitz des Mannes.
König Uruka­gina be­endete mit der Beseitigung der Polyandrie (Vielmännerei) den Zu­stand des Matriar­chats, und die Stel­lung der Frau verschlechterte sich zu­sehends (Reallexikon der Assyriologie‹, ›Frau‹). Frauen, die zwei Männer nahmen, wurden zu To­de ge­steinigt und jenen, die zu einem Mann Worte sagten, die sie nicht sagen sollten, die Zähne herausgeschlagen (Kramer ›The Sumerians1963, S. 83).
»In den Gesetzen des späteren Babylonien, die aus der Zeit um das Jahr 1000 stammen, wird festgelegt, dass eine verheiratete Frau keine Geschäfte mehr betreiben durfte, wenn sie nicht von ihrem Gatten Sohn oder Schwager geleitet wurden. Wenn jemand in eine Geschäftsbeziehung mit ihr trat, musste er als Krimineller behandelt werden, selbst wenn er darauf beharrte, dass er von ihrer Ehe nichts wusste.«(Stone ibd. S 78)

Der Verlust der Freiheit und des irdischen Glücks im Patriarchat

»Freiheit herrscht nicht.« (Erich Fried)

 ›Amagi ‹ – Der Schrei nach Freiheit

Auf einem Dokument aus dem sumerischen Lagash findet sich zum er­sten Mal in der Ge­schichte der Menschheit das Wort für Freiheit: ›amagi‹. Die wörtliche Überset­zung von amagi heißt sinni­ger­weise ›zurück zur Mutter‹ (Kramer ibd. S. 79) und dürfte die Sehnsucht der Menschen nach dem alten Mutterrecht ausdrücken, das sie in Freiheit und Würde leben ließ. Nachdem die Welt buch­stäblich auf den Kopf gestellt worden war, verteufelte man das Weibliche zum ›Chaos‹ – eine Bezeichnung für die uterine Urmutterflüssigkeit der kosmischen Göttin – zur Anarchie und Unordnung, während man für das Männliche die sogenannte ›Ordnung‹ reklamierte. Das arabische Wort für ›Freiheit‹. al-hurriya, ist bis auf den heutigen Tag in der arabischen Welt ein Synonym für Unordnung. Nicht das immer wieder von patriarchalen Wissenschaftlern und Klerikern beschworene ›Chaos‹ des Matriarchats entsprach den Tatsachen: »Gute gesetzliche Ordnung, Besonnenheit und Frieden bildete den hervorragenden Charakterzug der von Weibern regierten Staaten.« (Bachofen 1975, S. 286)

Das arabische Wort für ›Freiheit‹, al-hurriya, ist in der arabischen Welt ein Synonym für Unordnung. (Fatema Mernissi ›Die Angst vor der Moderne‹ 1992, S. 71) Damit rechtfertigen die Orientalischen Despoten bis auf den heutigen Tag die Unterdrückung des Volkes als ordnungsstiftende Kraft. Sie schaffen Ordnung durch Tyrannei.

 

Alles Glück ist dahin,
die Welt ist ins Elend gestoßen durch jene,
die sich mästen, die Asiaten, die das Land durchziehen.
Aufruhr ist im Osten entstanden.
Die Asiaten sind nach Ägypten gekommen.
(Gesänge vom Nil)

 

 


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