VlI. Der Irrtum mit den Silex-›Pfeilspitzen‹

Aus dem Inhalt:

  • Silex-›Pfeilspitzen‹ sollen  2 Millionen Jahre Jagd beweisen?
  • Silex – der heilige Stein
  • Eine eklatante Fehldeutung
  • Der Pfeil hat den Lautwert TI und bedeutet LEBEN
  • Sakrale Symbole der Göttinnen-Verehrung
  • Formvollendete Artefakte aus Feuerstein
  • Anthropomorphe Silex-Figuren

›Silex-Pfeilspitzen‹ sollen 2 Millionen Jahre Jagd beweisen?

Die Mär von den Grossen Jägern der Steinzeit und die Behauptung etlicher Wissenschaftler, dass es Kriege gibt seit die Menschheit besteht, beruht auf einem einzigartigen Irrtum. Schuld daran sind vor allem die Millionen kunstvoll gearbeiteten Silex-›Faustkeile‹ und ›Pfeilspitzen‹, die auf der ganzen Welt gefunden wurden. Sie verführten die aus patriarchaler Sicht und mit patriarchalen Vorurteilen behafteten Wissenschaftler zu der Überzeugung, diese Artefakte aus der Altsteinzeit seien der wichtigste Beweis für die Herstellung von Jagd- und Kriegswaffen, von Speeren und Pfeilgeschossen, und als wichtigsten Beweis, dass das Überleben unserer Spezies, Jägern zukomme, die die Menschen ernährten.
Einige glauben sogar, dass die Artefakte aus Silex beweisen, dass der Beginn der Kultur und der Kunst der Waffenherstellung der Jäger zu verdanken sei. Sie weisen darauf hin, dass die symmetrischen ›Faustkeile‹ aus der Zeit des Acheuléen (von 1,5 Million bis 150 Tausend Jahre vor unserer Zeit) die frühesten von Menschenhand geschaffenen Kunstobjekte sind. Und sie glauben, dass diese kunstvollen Artefakte Waffen sind, für deren Herstellung man sich soviel Mühe machte. Die beiden Anthropologen Washburn und Lancaster stützen diese Vermutungen in ihrem Artikel ›The evolution of Hunting‹ (in ›Man the Hunter‹) damit, dass die Symmetrie darauf hinweise, dass sie geschwungen worden sein könnten, weil Unregelmäßigkeiten zu Abweichungen in der Fluglinie führen. Sie glauben, möglicherweise sei dies der erste Versuch, effiziente Hochgeschwindigkeitswaffen herzustellen, (1968, S. 293-303).

Die Mär von den ›Großen Jägern‹ und das Schlagwort von den urzeitlichen ›Jägern und Sammlern‹ der Steinzeit geistern durch sämtliche patriarchalen Publikationen, selbst wenn sie sich nicht im entferntesten mit der Steinzeit befassen. Jäger und Sammler werden stolz, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit, erwähnt und zwar so phantasievoll und ideenreich, dass man schon von ›Jägerlatein‹ reden möchte. So lesen wir beispielsweise, »Vorfahren des heutigen Menschen jagten offenbar schon vor einer halben Million Jahren Großwild mit aufwändig hergestellten Speeren und damit viel früher als gedacht« (in der Welt  vom 15.11.2012). Oder: »Funde aus Südafrika deuten darauf hin, dass sie schon damals geschärfte Steinspitzen an Holzschäften befestigten.« Auf den Bericht eines internationales Forscherteams in den Fachmagazinen ›Science‹ und  ›Nature‹, in denen US-Forscher von winzigen Steinklingen berichteten, stürzte sich die Presse. Diese rund 71’000 Jahre alten Mikrolithen dienten – so wird dort vermutet – wahrscheinlich zur Herstellung von Werkzeugen und Waffen, die als Speere verwendet wurden. Solche Mutmaßungen stützen die Vorurteile patriarchaler Männer und mit ihnen jene der patriarchalen Presse, dass schon mindestens seit einer halben Million Jahren Waffen hergestellt wurden.
Dagegen reagierten Journalisten  auffallenderweise auf die Veröffentlichung des sensationellen  Forschungsergebnisses des Archäologen Harald Meller, dass es während 98 Prozent der Menschheitsgeschichte keine Kriege gab, überhaupt nicht. Diese Tatsache wurde 2015 anlässlich einer Dokumentation aus Halle bestätigt. Krieg – eine archäologische Spurensuche‹, Landesmuseum für Vorgeschichte, Halle, bis 22. Mai 2016. Das passt eben nicht zur vorgefassten Meinung, Waffen und Kriege ›gab es seit es Menschen gibt‹ (s. ›Die Lüge vom Krieg, den es ’schon-immer‘ gegeben hat‹).

Das ist patriarchales männliches Denken und Interpretieren.

 ›Geschossspitzen‹ aus Feuerstein.

So stellen sich Männer die Verwendung der Silex-Artefakte vor. Was auf dem Bild  zu sehen ist, sind keine Originale, sondern Konstruktionen ›experimenteller Archäologie‹. Es sind lediglich »Beispiele von versuchsweise nachgebauten [angblichen] Speerspitzen, die mit Akazienharz und Sehnen an hölzernen Pflöcken befestigt wurden.« Dabei soll die rote Farbe wohl das Blut des gejagten Wildes suggerieren. Jäger und jägerfreundliche Männer haben die Mär von den Großen Jägern der Urzeit gerne vernommen und leisten dazu ihre eigenen einfallsreichen Beiträge. Im Lexikon der Ägyptologie schreibt Peter Behrens überzeugt: »Als Waffe im Fernkampf und für die Jagd sind Pfeil und Bogen im Niltal seit vorgeschichtlicher Zeit belegt.« Dabei stützt er sich auf Jacques Vandier (›La Station de Sébil‹, um 12’000 v.u.Z., Vandier, Manuel I, S. 52, und LÄ, IV, S. 1005) Doch handelt es sich um nichts anderes als eine Behauptung. Vandier schreibt nämlich lediglich: »Es ist wahrscheinlich, dass die Bewohner der dritten Ebene Knochen benutzten, um Pfeilspitzen oder Speere herzustellen, und Holz, um bestimmte Werkzeuge herzustellen.« Da soll die Behauptung von Behrens mit einer falschen Mutmassung von Vandier, der kein Wort von ›Pfeil und Bogen‹ schreibt, bewiesen werden. Hätten Pfeil und Bogen zur Zeit der Eroberung Ägyptens bereits existiert, wären sie bestimmt als wichtige Waffe, z.B. auf der Narmer Palette abgebildet worden; aber dort gibt es nur die Keule.

Kunstvolle Schöpfungen, aber bestimmt keine Projektile

Silex-Spitzen aus Parpallo, Spanien, ca. 17’000 Jahre alt
(Museu de Prehistoria y de las Culturas, Valencia)

Wie kann man in diesen diese kunstvollen Artefakte Geschossspitzen sehen?

Der Urgeschichtler Jürgen Junkmanns begeistert sich insbesondere für die Technik von Pfeil und Bogen. Er nennt die kunstvollen Artefakte aus Parpallo ›Feuersteingeschoßspitzen‹ und behauptet: »Funde zierlicher, steinerner Feuersteingeschoßspitzen aus Spanien und Portugal sind ein Hinweis auf eine lokale Erfindung von Pfeil und Bogen schon um 17’000. Da die dazugehörigen hölzernen Schäfte nicht erhalten sind, ist es schwer zu sagen, ob diese Spitzen auf Pfeilen oder Speeren geschäftet waren.« Er muss jedoch zugeben: »Generell sind die Spitzen aus der Höhle von Parpallo in Ostspanien einfach zu klein, um sich eine sinnvolle Nutzung als Speerspitze vorstellen zu können… Doch dann sieht Junkmanns in den Harpunen für den Fischfang »rasiermesserscharfe Pfeiltypen für die Grosswildjagd«, deren imaginierte »verheerende Wirkung« er betont. (Junkmanns ›Pfeil und Bogen – Herstellung und Gebrauch in der Jungsteinzeit‹ 2001, S. 10 f. und 16)
Die ältesten Steinspitzen, deren Interpretation als Pfeilspitzen umstritten ist, stammen aus dem Abri Sibudu (Provinz KwaZulu-Natal, Südafrika) und sind etwa 64′000 Jahre alt. In Europa gibt es seit dem Solutréen (ca. 22′000–18′000) gestielte Spitzen aus Feuerstein, »die wahrscheinlich Pfeilspitzen waren«, schreibt der Autor des Artikels im Wikipedia und er fährt fort: »Sie können indirekt als ältester Beweis für die Existenz des Bogens gewertet werden.« (Wikipedia ›Bogen‹, Waffen) Ebenso strittig ist die nächste Behauptung des Wikipedia Autors. Er schreibt: »Es handelt sich um gestielte Spitzen, die auf nicht erhaltenen Holzschäften von nur etwa einem Zentimeter Dicke aufgesetzt waren… Alternativ können dies aber auch Spitzen für Speere sein, die mit der Speerschleuder abgeworfen wurden.« (ibd.) Der nie gefundene Bogen wird dann zusammen mit dem nie an einem Schaft festgemachten Pfeil als Beweis für die Jagd und den Krieg angeführt. Auch der französische Ägyptologe Jean Vercoutter verfällt dem Irrtum, er schreibt: »Die Menschen des ägyptischen Paläolithikums sind vor allem bekannt durch ihre Steinindustrie: Faustkeile, Messer, Kratzer, Meißel. Ihre Werkzeuge sind sehr schön dank der ungewöhnlichen Qualität des ägyptischen Feuersteins (Silex). Sie kannten den Bogen, was die große Anzahl von gefundenen Pfeilspitzen zeigt.« (›Die altorientalischen Reiche vom Paläolithikum bis zur Mitte des 2. Jahrtausend‹ in Fischer Weltgeschich­te Bd. 1, 1965, S. 212, Hvhb. DW) Man kann dem Autor zugute halten, dass er wenigstens nicht von ›Kriegswaffen‹, sondern lediglich von Jagdwaffen ausgeht, trotzdem tragen solche Spekulationen zur unhaltbaren Mär von den ›großen Jägern der Urzeit‹ bei. Nie wurde eine dieser phantasierten Jagd- und Kriegswaffen gefunden, auch kein an einem Rohr oder Holzschaft, mit Pflanzenfasern, Baumteer, Erdpech oder Birkenharz (Fälschungen nicht ausgeschlossen!) befestigte Pfeilspitze. Es wird viel – zu viel – von Männern spekuliert, um das Vorhandensein und die Verwendung von Pfeil und Bogen als Jagd- und Kriegswaffen zu beweisen und möglichst weit in die Urgeschichte zurück zu datieren. Eine gewaltige Fehleinschätzung.
Joachim Rehork, der Verfasser vieler kulturhistorischer und archäologischer Beiträge bestätigt, dass zahlreiche Feuerstein-Pfeilspitzen mit eingezogener Basis oder von blattförmigem Aussehen gefunden wurden, doch «fand sich bisher noch kein einziger Bogen« (Joachim Rehork ›Enzyklopädie der Archäologie‹ 1990, S. 62). Dietz Otto Edzard machte auf die Wichtigkeit der Chronologie aufmerksam, sie sei und bleibe das Rückgrat der Geschichtsschreibung. Gerade was das Thema ›Jagd‹ betrifft, ignorieren die Autoren die Chronologie vollständig. Die Jagd kann erst in der Bronzezeit mit den Eroberern in Mesopotamien und Ägypten belegt werden. Sie wird trotzdem völlig willkürlich in die Altsteinzeit rückprojiziert.
Die Hypothesen der Wissenschaftler werden mit viel Einfallsreichtum und wenig Glaubwürdigkeit vertreten, um ihren Einsatz zum Erlegen von Großwild wie Mammuts, Wollnashörnern, Säbelzahntigern zu belegen. Mann bleibt den Beweis schuldig. Bis in die Bronzezeit wurde nicht gejagt. Dasselbe gilt für die Jagd. Es waren die indoeuropäischen Eroberer, die die Jagd erfanden und sich mit ihren Jagderfolgen brüsteten. Klaus Schmidt, der Ausgräber des anatolischen Fundplatzes von Göbekli Tepe, bezeichnet die dort gefundenen Silex-Artefakte gesamthaft als ›Geschoßspitzen‹. Verständlich, irgendwie muss er seine Überzeugung vom Macho-Jäger, dem er zwei Millionen Jahre einräumt, rechtfertigen.(s. ›Sie bauten die ersten Tempel – Das rätselhafte Heiligtum der Steinzeitjäger‹ 2006) Übertreibungen und Fehlinterpretationen durch Spekulationen der Archäologen und Anthropologen gehören zum üblichen Jägerlatein.

Silex – der heilige Stein

Es gibt mehr oder weniger markante, mehr oder weniger künstlerisch gelungene Stein-Artefakte (und dies gilt auch für die heute gezeichneten Umsetzungen). Doch wenn man bedenkt, wie schwierig die Bearbeitung dieses Gesteins ist, wie viel kreatives Können, wie viel Geduld und handwerkliches Geschick benötigt wird, um daraus eine Figur, einen ›Pfeil‹, ein lorbeerblattförmiges Artefakt heraus zu ›schälen‹, kann man diese wunderschönen Gegenstände und ihre SchöpferInnen nur bewundern.

In der Kleinkunst wurden ›Pfeilspitzen‹ besser: Pfeilspitzenförmige Artefakte auf der ganzen damals bekannten Welt, trotz den unterschiedlichen und geographisch weit auseinander liegenden Kulturen, vor allem aus Silex hergestellt. Jedoch wurden dafür auch Halbedelsteine wie Chalcedon, Jaspis, Karneol, Obsidian, Quarz, Bergkristall, Lapislazuli verwendet  und sogar aus Ton gefertigt, was auf ihre symbolische Bedeutsamkeit hinweist und ihre Verwendung als Projektile eindeutig widerlegt.

Silex (Feuerstein oder Flint) galt den Ägyptern seit frühester Zeit als rein und heilig und wurde vor allem zur Herstellung sakraler Grabbeigabe verwendet. Man gab dem Stein den Namen ›Zet/Set/Sit‹, das noch heute gültige ägyptische Wort für Frau, Dame und damals für die Göttin I-Set (griechisch Isis). »Die Große Erdmutter ist die Mutter der Steine und der Steinwerkzeuge« (Neumann ›Die Große Mutter‹ 1974, S. 246).
Die ÄgypterInnen scheinen besonders geschickt in der Bearbeitung von Silex gewesen zu sein, womit sie alle andern auf der Welt übertrafen. Die Artefakte sind »von wunderbarer, auf Erden so nirgendwo wieder vorkommender Feinheit der Materialwahl und Arbeit. Für normale Beanspruchung zu dünn, sind sie wohl überhaupt einzig zu dem Zwecke hergestellt worden, als Prunkstücke den Toten zu dienen. Zu zarten, höchst dekorativ wirkenden Reihen ordnen sich über die gesamte Messeroberfläche hin die muschelig aufeinanderfolgenden Schlagspuren.« (Kurt Lange ›Pyramiden Sphinxe Pharaonen‹ 1952, S. 21, 23).
Nach der Eroberung Ägyptens durch die Indo-Europäer, die sich ja durch ihre mörderischen Jagden – vor allem auf die heiligen Tiere der Göttin, z.B. Löwinnen und Nilpferde –  hervortaten, degenerierte die hohe Kunst der Silex-Bearbeitung und hat sich in den vielen Jahrhunderten, als Silex noch in Gebrauch war, nie mehr erholt. Die späteren Erzeugnisse waren weit minderwertiger als die früheren. (Flinders Petrie ›Diospolis Parva‹, 1901, S. 23) Der Archäologe Walter B. Emery stellte seinerseits gegen Ende der 2. Dynastie ›Verfallserscheinungen‹ der Kunst fest. (1964, S. 254) Dies war nicht nur eine Folge der Kriege, mit denen das Land mit der Eroberung der indoeuropäischen Horden überzogen wurde, die das Kunstschaffen zum Stillstand brachten, es gab noch einen andern Grund: Es lag, wie wir noch sehen werden, in der Symbolik des Pfeiles.

Eine eklatante Fehldeutung

Der Konservator der Höhle von Niaux, René Clastres, hatte seine Zweifel. Er erklärte, »es gäbe mehrere prähistorische Lagerplätze rund um die Höhle. Die Forscher hätten erwartet, dort Knochen von Bisons und Pferden zu finden; denn man sei davon ausgegangen, dass in der Höhle Jagdmagie betrieben worden sei…

Bison mit Pfeilen in der Höhle von Niaux (Wikipedia)

Besonders den zahlreichen verwundeten Bisons müsste ein Knochenfund an den Lagerstätten entsprechen. So habe man angenommen. Aber dort seien nur Rentierknochen gefunden worden, nichts als Rentierknochen. Das habe die Forschung irritiert und schließlich zum Umdenken gezwungen. Die Pfeile in den Körpern der Bisons hätten wohl doch nichts mit Jagd zu tun. Aber noch habe man gar keine Erklärung dafür.« (Weiler ›Der aufrechte Gang der Menschenfrau‹ 1994, S. 26). Den gleichen Gedanken äußerte auch schon Marie E.P. König: »Der Pfeil ist nicht unbedingt mit dem Begriff der Jagd verbunden. Wir wissen nicht, welchen Sinn man ihm vor 50′000 Jahren beilegte; manchmal erscheinen drei Pfeile in gleichmäßigen Abständen oder auch wieder sieben in paralleler Anordnung.« (›Das Weltbild des eiszeitlichen Menschen‹ 1954, S. 10) 60 Jahre später kennen die Archäologen den Sinn des Pfeiles immer noch nicht. Zuzugeben, dass Männer gewisse Artefakte und Symbole einfach nicht deuten können, fällt den meisten jedoch außerordentlich schwer. Besonders bei den Pfeilen sind sie sich ›ganz sicher‹, und es passt auch gerade so gut in die Mär von den großen Jägern der Urzeit, das müssen Waffen gewesen sein. Leider lassen sich jene Männer, die eh alles besser wissen als Frauen, nur selten oder gar nie von den Arbeiten von Frauen inspirieren. Sie lesen auch ihre Bücher nicht und so bleibt ihnen die Ausweitung ihres eingeschränkten männlichen Horizontes erspart.

»Fliehendes Pferd, das von 27 Wurfpfeilen ‚getötet’ wird«.

So interpretieren Anhänger des Jäger-Mythos diese Ritzzeichnung auf einem Pferdeknochen aus Paglicci, 28′000 Jahre alt. (Apulien, Süditalien, nach A. Marshack ›The Roots of Civilization‹, 1972, S. 233, Fig. 120 b) Wie die andern in Höhlen abgebildeten Tiere mit Pfeilen,hat auch das Pferd aus Paglicci keine Anzeichen einer tödlichen Verletzung. Obwohl der Paläo-Archäologe Alexander Marshack, der in ›the Roots of Civilization‹ frontal gegen  Standard- Interpretation zu Felde zog, wusste auch er noch nichts über die Symbolik von Pfeilen. Was übersehen und missverstanden wird, sind die zahlreichen Vulven auf dem Bild. Immerhin müssen Marshack Zweifel beschlichen haben, denn er schreibt mehrmals, dass es sich möglicherweise um ›symbolisches Töten‹, um ›mythologisches Ersatztöten‹, um ›Jagd-Magie‹ oder ›durch Kunst interpretierte Riten‹ und ähnliches handle.
Es ist für weibliche Forscherinnen nicht untypisch, dass sie an den von Männern bevorzugten Jagdtheorien zweifeln, so wie die hellsichtige Marie König: »Hier in der ›Unterwelt‹,« schreibt sie, »oft angeregt durch Reliefformen der Wände, malte der Mensch seine Tierbilder. Immer fügte er seinen Bildern Zeichen hinzu, darunter auch Pfeile. Stehen Pfeile, die hier die Tiere zu treffen scheinen, für das Sterben des Gestirns? Wie in der Höhle Niaux, Ariège, oder in der von Gabillou, Dordogne? Sie können eigentlich nur symbolisch gemeint sein, denn an einem Pfeilschuss verendete kein Bison. Es war auch nicht der Tod selbst, den man hier suchte. Er war nur die Voraussetzung des Lebens. Das zeigt ein Bild aus Lascaux, Dordogne. Dort steht im ›Saal der großen Stiere‹ an der Deckenwölbung ein Stierbild von 5,50 m Länge, dessen Kopf ein Meter hoch ist. Ein Pfeil trifft die Nüstern. Das bedeutet das Sterben des ›Himmelsstieres‹. Aber ein Wunder scheint dargestellt: Wie ein Hauch entströmt Atem, das Zeichen des Lebens, seinem Maul. Glaubte man, hier den Ort gefunden zu haben, an dem sich das Stirb-und-Werde vollzog?« (Marie E.P. König ›Die Frau im Kult der Eiszeit‹ in ›Weib und Macht‹ 1973, S. 123)

Es ist eine allzu schlichte Erklärung, wenn man die unzähligen ›Pfeilspitzen‹ als unumstößlichen Beweis für Waffen, Jagd und Krieg in der Altsteinzeit nimmt, wie es patriarchale Wissenschaftler tun. Solange man den Glauben an die Großen Jäger nicht aufgeben kann und will, wird jedoch kaum eine andere Interpretation zugelassen. Hauptsache, die Urgeschichte bleibt männliches Territorium, das Imperium der großen Jäger! Männer verdrängen offensichtlich, dass im Mittelpunkt des Lebens schon immer die Mütter standen. Geburt, Tod und Wiedergeburt, der Kreislauf des Lebens aus den Müttern und die sich logischerweise daraus bildende mütterliche Religion bewegten die Menschen. Für die Menschen der Altsteinzeit war Jagen kein Thema, sie lebten vom Pflanzen, Sammeln und Fischen.

Der Pfeil hat den Lautwert TI und bedeutet LEBEN

Zur Bedeutung der Pfeile schufen die Aussagen renommierter Wissenschaftler Klarheit. Zum Beispiel berichtet der Archäologe Anton Moortgat aus der Fundstelle von Uruk, dass sich die frühgeschichtliche Djemdet-Nasr-Zeit aus einem Namen erkennen lässt, »in dem der Begriff ›Leben‹ bereits lautlich mit demselben Zeichen geschrieben wird, das sonst den Begriff ›Pfeil‹ wiedergibt. Nur im Sumerischen lauten ›Pfeil‹ und ›Leben‹ beide gleicherweise TI.« (›Die Entstehung der sumerischen Hochkultur‹ 1945, S. 59) Der Assyriologe Adam Falkenstein schrieb – und dies schon 1936 –, dass TI mit dem Zeichen eines Pfeiles geschrieben in sumerisch ›Leben‹ bedeutet (›Archaische Texte aus Uruk‹, Leipzig 1936). Der Ägyptologe und Orientalist Henri Frankfort schrieb 1951 (›The Birth of Civilization in the Near East‹ S. 56): ›Das Bild des Pfeiles gibt nicht die Vorstellung eines Pfeiles wieder, sondern den Begriff LEBEN‹. Der Ägyptologe Wolfgang Helck kam 1954 zum gleichen Schluss (ZÄS 79): »Pfeile symbolisierten nichts weniger als die weibliche Schöpfungskraft. Pfeile, Thron und Palast erscheinen in der Frühzeit als ›weibliche Macht‹, weshalb sie später beim Zeitpunkt der Anthropomorphisierung der Mächte Göttinnen werden.« (Helck ›Betrachtungen zur Großen Göttin und den ihr verbundenen Gottheiten‹ 1971, S. 4) Alan H. Gardiner, der Autor der ›Egyptian Grammar‹ mit der berühmten Gardiner-Zeichenliste, erklärte schon 1927, dass Bildzeichen nicht immer gebraucht wurden, um etwas als solches zu benennen, sondern absolut andere Dinge meinen können, nämlich solche, die einen gleichen Klang haben, wie die bildliche Darstellung (Gardiner 1927/1988, § 5, S. 6 f).
Steinspitzen aus Feuerstein waren Amulette, die der Göttin Isis geweiht waren und ›Leben und Wiedergeburt‹ symbolisierten. Aus dem Pfeil für Leben wurden viele verschiedene Formen des Kreuzes, z.B. das Ankerkreuz oder das Tau-Kreuz, das im Ankh-Zeichen für Leben enthalten ist.
In vielen alten Kulturen sind Schöpfergöttinnen mit der ›TI‹-Silbe in ihrem Namen zu finden, so etwa die sumerisch-babylonische Mutter-Göttin TI-Amat, die als Maa-TI, bzw. Maat auch in Ägypten in Erscheinung tritt. Sie repräsentiert das ›Prinzip‹ des Matriarchats, das matriarchale Staatssystem, das nicht auf männlich verstandener ›Herr‹-schaft, sondern auf der natürlichen mütterlichen Hierarchie beruht, dem mütterlichen Prinzip, auf mütterlichen Werten, mütterlicher Ordnung, auf Gerechtigkeit und Wahrheit. Sie ist die ›Große Mutter, Schöpferin und Hüterin des Univer­sums‹ und ›Göttin der Ordnung der Welt und des Kosmos‹. Nach der Eroberung Ägyptens wird sie auf die Tochter des von der arischen Priesterkaste erfundenen Gottes Ra hinabgestuft. Die babylonisch-sumerische Göttin Nin-TI, die ›Lebensspenderin und Schöpferin der Menschheit‹, ist mit der ägyptischen Ur- und Schöpfergöttin NEITH identisch. Ninti, ›Herrin des Lebens‹ oder ›Herrin der Rippe‹ ist die babylonische Geburtsgöttin, »die schwangere Frauen in die Lage versetzte, ›aus ihren eigenen Rippen‹ die Knochen ihrer Kinder zu machen. Die Metapher wurde von den Schreibern der Bibel für die Pseudogeburt Evas aus Adams Rippe übernommen. »Wenn wir die zahlreichen Parallelen zwischen sumerischem Mythos und Altem Testament betrachten«, schreibt Helmut Uhlig, »so ist der Gedanke nicht abwegig, dass hinter der biblischen Überlieferung von der Erschaffung Evas aus Adams Rippe nichts anderes steht als die sumerische Sinngleichheit von Rippe und Leben in dem vieldeutigen Zeichen TI.« (Uhlig ›Die Sumerer – Ein Volk am Anfang der Geschichte‹ 1989, S. 88)
Neith, die Göttin von Sais im Norden Ägyptens, im westlichen Delta, ist die ›Weise Alte‹. Sie bildet zusammen mit Isis von Ombos, der jungen Frau und Mutter und Nekhbet, der Göttin des Todes und der Wiedergeburt, die ganz im Süden angesiedelt ist, die ägyptische Göttinnen-Trinität. Neiths Symbole waren ein Schild und zwei gekreuzte Pfeile, was »im Hinblick auf ihre Rolle als Göttin der Jagd und des Krieges« zu verstehen sei, glaubte Emery. (›Ägypten – Geschichte und Kultur der Frühzeit‹ 1964, S. 135) Auch Emery und alle, die unbesehen von ihm abgeschrieben haben, kannten die Bedeutung des Pfeilsymboles noch nicht. Es wundert denn auch nicht, dass dieses Symbol, wie Emery schreibt, schon sehr früh, »lange vor der Einigung« – also schon in matriarchaler Zeit – verwendet wurde; und dementsprechend ein weibliches Symbol gewesen sein muss, das dann im Laufe der Patriarchalisierung Ägyptens langsam verschwindet. Peter Behrens übernimmt die These von der kriegerischen Göttin Neith unbesehen und unterstellt ihr einen »ursprünglich kriegerischen Zug«, weil er aufgrund ihres Symbols der zwei gekreuzten Pfeile der matriarchalen Göttin Neith auf eine Kriegsgöttin schliesst. »Höhepunkt ihrer Verehrung liegen in der ägyptischen Frühgeschichte und zu Beginn des Alten Reiches. Im Laufe des Mittleren und des Neuen Reiches tritt sie immer mehr in den Hintergrund.« (Robert Schlichting ›Neith‹ LÄ, IV, S. 392 ff.) Der Göttin passierte das, was mit wichtigen Schöpfergöttinnen nach der Eroberung durch die kriegerischen Indo-Europäer immer und überall geschieht: sie wird erst vereinnahmt, dann zur Kriegs- und Schutzgöttin der patriarchalen Könige uminterpretiert und schließlich von den patriarchalen Göttern verdrängt.
Die Beschreibung der Göttin Neith im Wikipedia ist ein Beispiele für Vorurteile und Ignoranz. Der/die anonyme AutorIn schreibt: »Neith (ägyptisch: die Schreckliche) war eine Göttin in der Mythologie des Alten Ägypten. Sie ist eine der ältesten bezeugten Göttinnen und wurde im Laufe der ägyptischen Geschichte als Kriegsgöttin, Schöpfergöttin, Muttergöttin, Göttin von Unterägypten und Totengöttin verehrt… Ursprünglich galt sie als Kriegs-, Jagd- und Schutzgöttin der Königsmacht«. (Wikipedia)
Die Göttin Sa-TI (griechisch Sothis) wurde in frühester Zeit ebenfalls mit einem Pfeil geschrieben. Sa-TI ist einer der vielen Namen der Göttin I-set (Isis) und ein Aspekt der Göttinnen-Trinität; die junge reife Frau, die schwanger werden und gebären kann. In ägyptischen Liedern wird sie ›Gebieterin des Himmels, Fürstin der lebenden Seelen der Götter, erglänzend am Himmel‹ genannt. Sa-TI wurde in Elephantine als Göttin, die das Leben spendende, befruchtende Nilwasser ausgießt, verehrt. Andere ›Pfeil-Göttinnen‹ in Ägypten sind die Hemu-Set. Die Zusammensetzung ›Hemu-Set‹ dürfte für ›sethische Frauen‹ stehen; für die ›roten‹ Frauen, die menstruieren, im gebärfähigen Alter oder schwanger sind; sie bezeichneten Frauen in der Zeit des sexuellen Feuers, der partnerschaftlichen Liebe und der Fruchtbarkeit. Die ›Hemu-Set‹ sind Schutzgöttinnen, die auch das Neugeborene behütend umgeben. Sie sind nicht nur mit den Pfeilen der Neith ausgestattet, sondern symbolisieren auch den ›Urhügel‹, gleichsam den schwangeren Leib und die ›Urflut‹, das Fruchtwasser, das den Embryo umgibt und den Fluss des Menstruationsblutes.
›Hem-T‹, Hem-TI, bezeichnet die Matrix, den Mutterboden, die Muttersubstanz, Uterus und Vulva. Die ›Hemu-t‹ vertreten einerseits Göttinnen, anderseits ist es eine Bezeichnung, die »gewiss mit dem weiblichen Geschlechtsteil zusammenhängt, mit dem das Wort hieroglyphisch geschrieben wird,« schreibt Spiegelberg (ZÄS 53, S. 96) Die Bezeichnung ›Hem-t‹ für Frau und Ehefrau ist ein Substitut für das weibliche Organ, meint auch Alan Gardiner (›Egyptian Grammar‹ 1927/1988, S. 492).
TI, das Symbol für Leben, beschränkte sich nicht nur auf Ägypten und Mesopotamien. Die indische Urmutter Adi-TI ist die Gebärerin der Reispflanzen und Parva-TI das Sinnbild der Leben spendenden, lebenserhaltenden Mutter. Cun-TI ist wie die ägyptische Nut das Leben spendende Organ, die Vulva der Göttin. Shak-TI ist der Titel der Großen indischen Göttin Kali-Ma, der ›Kosmischen Energie‹ und der Urkraft des Universums.
Dass die Erinnerung an die alte weibliche Schöpfungssymbolik des Pfeiles und des Buchstabens T auch noch im Judentum wach war, erzählt eine jüdische Legende. Hier sollen sich die 22 Buchstaben des Alphabets vor Gott versammelt haben, als er die Welt durch das Wort, also aus Buchstaben schöpfen wollte. Den Buchstaben T, der das Leben spendende Weibliche repräsentierte, wies der patriarchale Gott ab mit der Begründung, dass er es von nun an als Zeichen des Todes auf die Stirne der Menschen drücken werde (Louis Ginzberg ›The Legends of the Jews‹ Philadelphia 1909 / 1968, I, S. 5 f.). Dem folgte das Christentum, das das Anch, die weibliche Kreuzform TI für Leben zum Kreuz des Todes verkehrte.

Sakrale Symbole der Göttinnen-Verehrung

Der Pfeil ist Teil des archaischen Schriftsystems, bestehend aus 24–30 geometrischen Zeichen, das schon ab dem 6. Jahrtausend in der damaligen Welt benutzt wurde (Petrie Royal Tombs I, S. 31 f.). Pfeile standen für Leben, weibliche Mächtigkeit und weibliche Schöpfungskraft. Pfeil, Dreieck und das doppelte Dreieck gehören zu den frühesten aller bekannten Symbole. Seit dem Paläolithikum bezeugen sie überall auf der Welt weibliche Schöpfungspotenz, den regenerativen Mutterleib der Großen Göttin und der Frau, von Vulva und Schoß. Es sind die universalen Symbole des Leben spendenden weiblichen Prinzips und die sinnbildliche Darstellung der wichtigsten menschlichen Erfahrung überhaupt, des Gebärens und der Geburt aus dem Mutterleib.
Die Erkenntnisse von Moortgat, König, Frankfort, Helck, Falkenstein und Weiler, dass es sich beim Pfeil um das Symbol für ›Leben‹ und nicht um Geschoßspitzen handelte, hätten das ›Rätsel Pfeilspitze‹ klären können und den Irrtum ein für allemal berichtigt, doch kein Wissenschaftler nahm deren Feststellung zur Kenntnis, keiner beachtete sie. Man hat darüber hinweg gesehen und erkannte so die ungeheure Tragweite für die Erforschung der steinzeitlichen Kultur nicht.  Das waren keine Projektile, keine Tötungswaffen, keine Beweise, dass ›schon immer‹ gejagt und Krieg geführt wurde; die Erkenntnisse dieser ForscherInnen führen die Interpretationen der patriarchalen Wissenschaftler ad absurdum.

 

»Gestielte Geschoßspitzen mit abgesetzten Schultern« (Klaus Schmidt) werden die kunstvollen Artefakte aus Silex genannt, aber auch ›Dolchklingen‹, ›Pfeil- und Speerspitzen‹ (Sämtliche Silex-Abbildungen: Caton-Thompson, ›Fayum‹, 1934)

Die Mikrolithen aus Feuerstein, manche sind fast durchsichtig, manche kaum Fingernagel groß, oft sehr fragil, unglaublich fein gearbeitet und jenen gleichend, die nicht nur aus Stein, sondern auch aus Elfenbein, Horn und Knochen gefunden wurden.
Wissenschaftler, die dem ›Jäger und Sammler-Mythos‹ anhangen, glauben, es handle sich bei den Silex-Pfeilen um gefährlich spitze Waffen zum Stechen und Töten oder um Geschoßspitzen. Silex-Artefakte werden in den Publikationen der Fachleute immer mit der Spitze nach oben abgebildet, was diesen Eindruck verstärkt. Die Interpretation liefert Männeern den angeblichen ›Beweis‹ für den Mythos, Jagd und Krieg habe es ›schon immer‹ gegeben. Die Darstellungsweise der Spitze-nach-oben hat sich seit den frühesten Untersuchungen und bis heute gehalten. Wenn man sie jedoch umkehrt, sieht man ihre wahre Bedeutung.

Wenn man offen ist für eine andere Interpretation und die Pfeilspitzen
zum Beispiel einmal einfach umdreht, stellt man Erstaunliches fest:

Jetzt erkennt man, diese ›Pfeile‹ sind wunderbar gestaltete, minimalistische Abstraktionen, stilistisch vereinfachte, dreieckige, trapezförmige, auf das wesentliche reduzierte weibliche Statuetten, sinnbildliche Darstellungen des Göttlichen. Der Kopf wird meist durch einen kurzen Stiel angedeutet, die Arme oft auf Stümpfe reduziert, der Leib endet in einem spitzen Dreieck, das wir auch als Schoßdreieck der Figur deuten können. Millionenfach wurden diese Artefakte auf der ganzen Welt hergestellt und von der patriarchalen Wissenschaft irrtümlich als Pfeil- und Speerspitzen gedeutet. Obwohl es in der Altsteinzeit wahrscheinlich ausschließlich Fischfang und keine Jagd, ganz sicher aber keine Kriege gab. Man fand diese Pfeile in den Gräbern, häufig von Frauen und Kindern (!) der ganzen damaligen Welt, auch in Europa. Wie kann man daraus den Schluss von aggressiven, von Jagd und Krieg begeisterten Menschen der Urzeit ziehen, die wohl einem Jagd- und Kriegsgott – oder noch lieber – einer ›Kriegsgöttin‹ gehuldigt haben müssten? Bei der Untersuchung eines Gräberfeldes der frühesten mitteleuropäischen bäuerlichen Kultur Westfalens zwischen 4900 und 4800 glaubt der Ausgrabungsleiter Hans-Otto Pollmann: »Dem hier bestatteten Menschen legten die Hinterbliebenen ein Gefäß, eine Messerklinge und eine Pfeilspitze mit ins Grab. Aus diesen Beigaben lässt sich die Schlussfolgerung ziehen, dass es sich bei dem Toten um einen Mann handelte.« (›Die ersten Bauern und Viehzüchter in Westfalen‹ 6.9.2012) Falsche Schlüsse finden wir gerade bei den Grabbeigaben, welche ja zu den häufigsten gefundenen Artefakte zählen zuhauf. Von patriarchalen weissen Männern wurden die ebenfalls in den Gräbern gefundenen nackten weiblichen Ton-Figürchen als ›Sexgespielinnen‹ für den Mann gedeutet.
Derartige Schlussfolgerungen sind absurd.

Unverkennbar weiblich: Silex-Figuren (nach Childe
›New Light on the most ancient East‹ 1928)

Formvollendete Artefakte aus Feuerstein

Minimalistische Abstraktionen sind in der Kunst der Steinzeit nicht unüblich, wir kennen sie auch aus Flachreliefs, Gravierungen und Zeichnungen der sogenannten Parietalkunst. Bei der Felskunst von Gönnersdorf sind oft nur einzelne Körperteile, Vulva, Gesäß oder Brüste herausgearbeitet, der Rest jedoch vernachlässigt. Vom Kopf bleibt nur ein verlängerter Strich des Rumpfes, die Arme werden zu kurz oder gar nicht gezeichnet, meistens fehlen die Füße. Viele Archäologen bearbeiteten diese Funde ausgiebig und mit großer Intensität, aber keiner erkannte die menschlichen Figuren, obwohl sie Tausende solcher ›Pfeilspitzen‹ in Händen gehalten haben.

›Arrowheads‹ nach Avi Gopher 1994, S. 53

So auch der israelische Archäologe Avi Gopher. Er steckte viel Zeit und Mühe in seine Erforschung von Steinspitzen des Neolithikums in Israel (ca. 8500–4500), die er in einer umfangreichen Studie mit dem Titel ›Arrowheads of the Neolithic Levante‹, 1994 veröffentlichte. Er fand dabei viele der ausgeprägt weiblichen Figuren, ohne sie zu ›sehen‹. Der Forscher bezeichnet die Artefakte als ›Werkzeuge mit einer klaren Funktion‹, ohne zu sagen, was er damit genauer meint, deutet sie aber erfreulicherweise nicht als Jagd- und Kriegswaffen. Vorsichtig lässt er sie teilhaben an der Architektur, bei Begräbnisriten, als Dekorations- und Kunstobjekte oder als Zeichen des sozialen Status. Was er nicht in Erwägung zieht, ist die Frage, ob sie eventuell zum sakralen Bereich der Religion gehörten. Oder sah er gerade in der religiösen Frage eine Irritation seines patriarchal-jüdischen Glaubens? Es kann ihm als Archäologen nicht entgangen sein, dass in der Zeit, als diese Artefakte angefertigt wurden, Alltägliches (Profanes) und Sakrales (Numinoses) noch nicht getrennt waren, und dass im damaligen Palästina nicht ein Gott, sondern eine Göttin verehrt wurde. Der Ägyptologe E.A. Wallis Budge war überzeugt, dass die fein gearbeiteten Silex-Pfeile keine profanen Werkzeuge und Waffen waren, sondern bei religiösen und zeremoniellen Bräuchen verwendet wurden.

Die Segenspendende

Beidseitig retuschierte Steinspitzen, schätzungsweise 70’000–80’000 Jahre alt aus der Zentralprovinz Arabiens (Nationalmuseum Riad. Ausstellungskatalog
›Archäologische Schätze aus Saudi-Arabien‹)

Diese Artefakte gehören zu den ältesten erhaltenen Zeugnissen der Göttinnen-Religion der Altsteinzeit. Deutlich sind hier erhobene Arme angedeutet, die eine Geste des Segenspendens oder eine liebevoll umfassende oder beschützende Geste symbolisieren.

»Meine These ist, dass die sakrale Figur mit ausgebreiteten oder erhobenen Armen über Jahrtausende hinweg die Gottheit repräsentiert, und zwar die Gottheit in weiblicher Gestalt, was sich anhand von archäologischem und historischem Bildmaterial belegen lässt«,

schreibt Carola Meier-Seethaler ›Von der göttlichen Löwin zum Wahrzeichen männlicher Macht – Ursprung und Wandel großer Symbole‹ 1993, S. 82)

Noch bis ins letzte Jahrhundert galten Pfeilspitzen in vielen Ländern des Nahen Ostens und Afrikas als Schutzamulette und magische Kraftträger, die »in erster Linie ihre Besitzerinnen schützen sollten, indem sie unheilvolle Einflüsse von ihnen fernhielten. Darüber hinaus sollten sie ihnen unter Umständen besondere Kräfte und Segnungen zuführen« (Hans Bonnet ›Reallexikon der ägyptischen Religionsgeschichte‹ 1971, S. 26), Segnungen der Liebe zum Beispiel. Das von Amor mit einem Pfeil durchbohrte Herz symbolisiert Liebe, nicht Gewalt, nicht Jagd- und Tötungslust. Die Göttin Venus, Frau Minne, Amor, Cupido u.a. schießen ›Liebespfeile‹ ab, um die Herzen in Liebe zu entflammen.

Anthropomorphe Silex-Figuren

Links und Rechts: Anthropomorphe Silex-Figuren aus dem ägyptischen Fayum, Neolithikum (Musée de Saint-Germain-en-Laye, ›Archéologie comparée‹ 1982) Mitte: Statuette aus Silex, als Dolch interpretiert, aus dem ägyptischen Fayum. Neolithikum (Metropolitan Museum of Art, New York. Gift of H.E. Winlock 1926, nach William C. Hayes ›The Scepter of Egypt‹ 1953/1990, Figure 4, S. 13.)

Pfeil und Kreuz sind ursprünglich weibliche Symbole

Wie Gerda Weiler vermutete, war der Pfeil einst so eindeutig in seiner Aussage wie es für uns heute das Zeichen des Kreuzes ist. Und tatsächlich, in der Art wie Christinnen heute das Kreuzchen als Schmuck und Schutzamulett um den Hals tragen, wurden im Sudan noch im 20. Jahrhundert u. Z. Pfeilspitzen aus Karneol als Amulette getragen (Brunton und Caton-Thompson ›Badarian Civilisation and Predynastic Remains Near Badari‹ 1928, S. 36). In vielen Gegenden hat sich das Schutzamulett als sakrales, magisches Relikt aus der ›heidnischen‹ Religion erhalten. Im Pitt Rivers Museum in Oxford sind Anhänger von in Silber gefassten Silex-›Pfeilen‹ ausgestellt, von denen man weiß, dass sie in England zum Schutz gegen Krankheiten, für gutes Blut und schöne Haut oder als Liebesamulett um den Hals getragen wurden. Oder dass diese ›flint arrowheads‹ noch Ende des 19. Jahrhunderts in Irland in Wasser gekocht und dem Vieh zur Heilung der Krupp zu trinken gegeben wurde. In Italien und Frankreich galten sie als Fruchtbarkeit fördernd oder als Hilfe für eine leichte Geburt.

Tuareg-Kreuze in Form von Göttin-Figürchen (nach Göttner-Abendroth ›Das Matriarchat II.2 – Stammesgesellschaften in Amerika, Indien, Afrika‹ 2000, S. S. 274, Abb. 41)

Nicht immer sind ›Speerspitzen‹ und ›Dolche‹ das, was sie scheinen
oder wofür sie gehalten werden

Der sogenannte ›Feuerstein-Dolch von Arbon‹ gleicht Figuren der Göttin aus andern Materialien und Gegenden, z.B. der Pflanzen-Göttin aus Knochen von Abri Gaban (Italien). Der ›Dolch‹ von Arbon stammt aus der Übergangszeit von der Pfyner zur Horgener Kultur (um 3700). Leider sei nur noch der Silex vorhanden, schreibt der zuständige Archäologe Urs Leuzinger. [Vermutetes] Befestigungsmaterial (wie Schnur, Birkenpech etc.), ›Schaft und Schäftung sind verrottet‹ und von organischen Überbleibseln fehlt jede Spur. ›Das ist ein Dolch‹, davon ist Urs Leuzinger überzeugt. Doch könnte es sich auch hier um eine sakrale weibliche Figur handeln und die dort vermisste und damit ›schwer fassbare religiöse Hinterlassenschaft aus dieser Zeit‹ (Leuzinger) als Verehrung der Göttin belegen. Die Religion der Göttin bestätigen auch die Bukranien, Symbole des Uterus und die bemalten Tonbrüste an den Hauswänden der gleichen Fundgegend. Sie bezeugen – die nur scheinbar ›fehlenden Anhaltspunkte‹ für die Religion und ›kultische Handlungen‹. http://archaeology.about.com/b/2012/11/26/human-ancestors-you-should-know-toumai.htm?nl=1

Links: Der ›Dolch von Arbon‹, Silex, um 3700 (Museum für Archäologie des Kantons Thurgau, Frauenfeld, Schweiz. Foto: Amt für Archäologie Thurgau www.archaeologie.tg.ch) Rechts: ›Göttinnen-Idol‹ aus Tripolye/Cucuteni-Kultur, nordöstlich des Schwarzen Meeres, frühes 4. Jahrtausend aus Marija Gimbutas ›The Living Goddesses‹ 1999, S. 90 (Naturhistorisches Museum, Wien)

Zum Vermächtnis der matriarchalen Steinzeit und dem kriegerischen Übergang ins Patriarchat schreibt Marija Gimbutas:

»Als die beiden Weltsichten mit ihren unterschiedlichen sozialen und wirtschaftlichen Strukturen aufeinanderprallten, führte das zu einem dramatischen Wandel im Alten Europa. Die Veränderungen drückten sich im Übergang von der matrilinearen zur vaterrechtlichen Gesellschaftsordnung aus, von der auf Wissen basierenden Theakratie zu einem militanten Patriarchat, von einer auf der Gleichberechtigung der Geschlechter beruhenden Gesellschaft zur hierarchischen Männerherrschaft, und von einer erdverwurzelten Göttinnenreligion zum indoeuropäischen, auf den Himmel ausgerichteten Götterpantheon.« (Gimbutas ›Die Zivilisation der Göttin‹ 1996, S. 401)

Auch bei der Interpretation der Felsbilder wurden die gleichen Fehler gemacht. Männer sehen in den Bildern Jagdszenen und was selbst Tänzer in Händen halten, wird als Waffe gedeutet. (s. ›Felsbildkunst – Geheimnisvolle Botschaften aus der Steinzeit‹)

Wir leben im Patriarchat, Wissenschaft und Presse sind patriarchal männlich dominiert; d.h. wir werden einseitig  informiert, manipuliert und letztendlich betrogen. Solange ausschliesslich Männer unsere Geschichte erforschten und interpretierten, war das gang und gäbe, wurde geglaubt und akzeptiert. Seit Frauen ebenfalls an der Forschung beteiligt sind, hat die patriarchale Wissenschaft ein Problem mit der Glaubwürdigkeit.

 

 

 

 

 

 


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