IV. Sie erfanden die ersten männlichen Götter

Der Vater wird zum ersten, männlichen Gott der patriarchalen Religionen

Wie wir bereits gesehen haben, wurde irgendwann im Neolithikum von den indoeuropäischen Rinder- und Pferdezüchtern in den südrussischen Steppen die biologische Vaterschaft entdeckt. Ebenfalls in diesen Zeitraum fällt die Erfindung der Metallurgie. Sie ermöglichte aufgebrachteen, kriegsbereiten Männern die industrielle Herstellung einer grossen Anzahl von Bronzewaffen, um in den Krieg zu ziehen. Kurz vor der Jahrtausendwende vom 4. ins 3. Jahrtausend wurde Ägypten von Männern der Schmiedekaste der indoeuropäischen Horiter, den ›Shemsu-Hor‹, erobert. Die brutalen Invasoren, die ersten Kolonialisten der Weltgeschichte, verursachten ein Massaker unter der Bevölkerung – wie uns u.a. die Narmer-Palette drastisch vor Augen führt –, rissen die Macht an sich und errichteten eine blutige Herrschaft der Gewalt.
Wir gehen heute von etwa 300’000 Jahren Dasein unserer menschlichen Spezies aus und etwa ebenso alt sind die ältesten gefundenen weiblichen Statuetten.  Auf 230′000 bis 300′000 Jahre wird die weibliche Steinfigur, die ›Venus von Berekhat Ram‹ geschätzt, die 1981 von der Archäologin Naama Goren-Inbar von der Hebräischen Universität Jerusalem in den Golanhöhen entdeckt wurde. Die bearbeitete, nur 3,5 cm große Figur ist im Israel-Museum ausgestellt. (Cambridge Archaeological Journal, 10:1, 2000, S. 123–167) Eine ähnliche Figur mit einem ebenso hohen Alter stammt aus Tan Tan (Marokko).
Artefakte – in dieser noch unkünstlerischen Gestaltung werden von der traditionellen Wissenschaft nicht als bearbeitete Steine oder weibliche Figuren anerkannt. (s. ›Das wunderbare Vermächtnis der Steinzeit und was daraus geworden ist‹ 2017)  Die verdiente Archäologin, Indo-Europäer- und Matriarchatsforscherin Marija Gimbutas, die der Erforschung der Statuetten einen grossen Teil ihres Lebenswerkes widmete, ist überzeugt, dass es sich bei den abertausend weltweit gefundenen weiblichen Figurinen – unterdessen ist ihre Zahl auf insgesamt  über 100’000 Exemplare, Teilartefakte und Fragmente angestiegen – um Manifestationen der Göttinnen-Verehrung handelt. Von der Würdigung des Weiblichen und ihrer Schöpfungskraft zeugen auch die unzähligen Darstellungen von in Stein gemeisselten Vulven, die das heilige Tor ins Leben symbolisieren. (s. ›Die Verehrung der Vulva‹) Natürlich kann die These Gimbutas‘ nicht bewiesen werden, sie ist angreifbar, kann aber auch nicht widerlegt werden. Jedoch kann auch Gott nicht bewiesen werden. Selbst der Glaube von Milliarden Menschen an Jehova, Gottvater oder Allah ist kein Beweis für die tatsächliche Existenz dieser Götter.
Die Erinnerung an die matriarchale Kultur und die damalige natürliche Suprematie des Weiblichen, der Frauen als Lebensspenderinnen, Ernährerinnen und Erhalterinnen des Lebens, wird im Patriarchat mit allen Mitteln bekämpft. Die Artefakte werden als sakrale Zeugnisse der Verehrung der Urahne, der Grossen Göttin, durch die heutigen WissenschaftlerInnen nicht akzeptiert. Dies sehen wir beispielhaft beim damals jungen Anthropologen Peter J. Ucko, der diese Tatsache einfach leugnet. Er wird besonders gerne als massgebende Referenz zitiert, was erst bei näherem Hinsehen verständlich wird. Schauen wir uns Herrn Ucko, der dank seiner persönlichen patriarchalen Meinung berühmt wurde, einmal näher an. Mit dem beschränkten Wissen eines gerade mal 24jährigen Absolventen der Anthropologie veröffentlicht er 1962 seine ›Studie‹: ›The Interpretation of Anthropomorpic Figurines‹ Journal of the Anthropological Institute of Great Britain and Ireland, S. 38–58). Ucko, ohne das nötige interdisziplinäre Wissen, das weit über seine bescheidenen Kenntnisse hinausging, beurteilen zu können, kämpfte gegen die Interpretation, die nackten weiblichen Statuetten könnten sakrale Belege für die Verehrung einer Göttin in allen Epochen der Steinzeit sein. Seine eigene Voreingenommenheit genügte ihm als Beweis für seine Spekulationen. Sein dogmatisches Fazit: »Prähistorische weibliche Statuetten repräsentieren keine Göttinnen.« Doch er kann seine Behauptung nicht beweisträchtig untermauern, sie hält einer seriösen Überprüfung nicht stand und ist absolut unhaltbar. Der Ägyptologe Erik Hornung, der Ucko ebenfalls anerkennend zitiert, schreibt zur Verehrung von ›Gottheiten in menschlicher Gestalt‹: »Vereinzelt finden sich schon in der Badari-Kultur [ca. 5500–4000] verbreitet dann in den Nagada-Kulturen [ca. 4000–3100], kleine menschliche Figuren aus Ton oder Elfenbein, die man immer wieder als Gottheiten deuten wollte. Sogar als Bild der ›Großen Mutter‹ wurden sie erklärt, obgleich nur ein Teil von ihnen eindeutig weibliche Geschlechtsmerkmale zeigt, göttliche Attribute fehlen und eine ›nackte Muttergottheit‹ der älteren geschichtlichen Zeit Ägyptens gänzlich unbekannt ist.« (Hornung 1983, S. 93). Jedoch ist die Göttin Nut noch in der geschichtlichen Zeit nackt! (s. ›Das Schicksal der neolithischen Göttinnenstatuetten‹)
Möglicherweise stützt sich Ucko auf seine jüdischen Glaubensgenossen und auf Sigmund Freud, der ebenfalls ein gestörtes Verhältnis zur Muttergöttin und zum Matriarchat hatte. Freud behauptete, es hätte ›ohne Zweifel‹ eine Zeit ohne Religion und ohne Gottheiten gegeben, was in Anbetracht des heutigen Forschungsstandes längst überholt ist. Wo die Göttin von ihm nicht geleugnet werden kann – Freud kennt die Geschichte des Alten Ägypten – behauptet er, den Göttinnen sei »der eine, einzige, unumschränkt herrschende Ur- und Vatergott« voraus gegangen. Und er glaubt, das Ende des Matriarchats sei durch eine wieder hergestellte patriarchalische Ordnung abgelöst worden. »Wahrscheinlich entstanden die Muttergottheiten zur Zeit der Einschränkung des Matriarchats zur Entschädigung der zurückgesetzten Mütter« (Freud Band IX der Studienausgabe ›Fragen der Gesellschaft Ursprünge der Religion‹ S. 532 f.) Selbst der kluge Freud, war der patriarchalen Hirnwäsche nicht entgangen. Eigentlich müsste gerade er wissen: Der Drang, sich einem anderen, als ›größer‹ Erkannten bedingungslos unterzuordnen, ist einer der wichtigen Triebkräfte, an einen Vatergott zu glauben, besonders wenn sich der eigene Vater nicht zur Idealisierung eignet und das Verhältnis zu ihm stets mit Schwierigkeiten verbunden war. Mit Gott als Vater kann man gut auf einen fehlerhaften, lieblosen, demütigenden, sadistischen oder abwesenden, oft allzu menschlichen irdischen Vater verzichten.
Freuds und Uckos persönliche Meinungen, die nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen sondern auf religiöser Sozialisierung beruhen, wurden zum Dogma. Uckos Polemik wurde von  patriarchalen Wissenschaftlern dankbar aufgenommen und wird als sakrosankte Lehrmeinung bis heute weitergegeben. Weltweit würde wohl kein ausgewiesener Wissenschaftler die unausgegorene Meinung eines einzelnen jungen Mannes übernehmen, hätte er nicht genau das behauptet, was patriarchale, jüdische, christliche und muslimische Männer hören und glauben wollen: Gott ist seit Urzeiten männlich und wir Männer sind seit Urzeiten sein Ebenbild und das von ihm bevorzugte höhere Geschlecht. Nie darf es etwas anderes gegeben haben, das göttlich verehrt wurde, schon gar nicht, das seit dem Patriarchat verachtete und bekämpfte Weibliche!
Der wunde Punkt des gekränkten narzisstischen Mannes sind die weiblichen Figurinen, und die verschwindende Anzahl männlicher Darstellungen. Denn dies beweist, das Männliche wurde urzeitlich nicht verehrt; die patriarchalen Götter sind nicht ›prähistorisch‹, der Mann nicht Gottes urgeschichtliches Ebenbild; das erfand er selbst und erst noch sehr spät. Erst nach den Eroberungen der Indo-Europäer vor 5000 Jahren und der beginnenden Patriarchalisierung entstanden massenhaft männliche Bildwerke.
Schockierend, die vielen respektlosen und abwertenden Reaktionen von WissenschaftlerInnen. Die nackte Göttin Nut wird auf eine Nutte reduziert: ›Beischläferin‹, ›Konku­bine‹, ›Tänze­rin‹, ›Puppe‹, ›Diene­rin‹ oder ›Sklavin‹ wurde sie von ÄgyptologInnen genannt, obwohl diese nackten Statuetten Grabbeigaben sind, die vor allem in den Gräbern von Frauen und Kindern gefunden wurden. Zu den mehr oder weniger abschätzigen Bezeichnungen wie ›Venus‹, ›Idol‹, ›Pin-Up‹, ›Stripperin‹ gehören auch ›Puppen‹. Es sind unwürdige Produkte universitärer Lehren unserer patriarchalen Zeit und bewusst verächtlich machende Vokabeln patriarchaler AutorInnen. Als wären entwürdigende und banalisierende Titulierungen bedeutungslos für die Religionsgeschichte der vor-patriarchalen Zeit, werden sie gedankenlos wiederholt und weitergegeben.
Die Erinnerung an die matriarchale Kultur und die damalige Suprematie des Weiblichen wird im Patriarchat mit allen Mitteln unterdrückt, ausgeblendet oder bestritten. Heute haben in unseren Breitengraden der drei patriarchalen monotheistischen-Religionen ausschließlich männliche Götter eine Daseinsberechtigung. Erst nach den Eroberungen der matriarchalen Völker vor ca. 5000 Jahren wurden erste männliche Götter von patriarchalen Männern erfunden. Die patriarchalen Eroberer erkannten schnell, den Nutzen eines männlichen Gottes.

»Nicht die Götter haben die Menschen geschaffen,
sondern die Menschen die Götter.«
(Homer)

Die mit den kriegerischen Horitern verbündeten Arier imitierten die Priesterinnen der Göttin und schufen für sich eine Kaste von männlichen Priestern. Die Priester erfanden eine erste männliche Gottheit, einen Gott, der der Situation der Eroberer entsprach, einen Gott, der ihre kriegerischen Unternehmen unterstützen, rechtfertigen und zum Sieg führen sollte. Diesen Kriegsgott nannten sie nach dem Stamm der Horiter ›Hor‹ (griechisch Horus). Er wurde nicht wie die weiblichen Statuetten, die die Göttin symbolisierten, in menschlicher Gestalt, sondern als Falke, als Schutzgott der Krieger dargestellt. Der Raubvogel symbolisierte exakt ihre aggressiven Beutezüge und entsprach ihren kriegerischen Eroberungen. Wie die Schmiedekaste genoss die Kaste der Priester im eroberten Ägypten eine sozial herausragende Stellung beim König. Der Priester wird als ›Freund und Liebling seines Herrn‹ erwähnt. Schmiede und Priester wurden offenbar zu einer religiösen Ideologie verschmolzen, denn sie  werden, wie die SchMiede, die SheM-Hor mit der auffallenden SM-Silbe, SeM genannt. ›Schmiede und Schamanen sind aus demselben Nest‹ sagt ein jakutisches Sprichwort. Ihre ›Macht über das Feuer‹, vor allem der ›Metallzauber‹, ihre Fähigkeit, Erde in Metall zu verwandeln, haben den Schmieden überall den Ruf furchtbarer Zauberer eingebracht, sie wurden als ›Magier‹ angesehen. Daher die ambivalente Einstellung gegen sie; sie werden verachtet und verehrt zugleich. Dieses gegensätzliche Benehmen ist vor allem für Afrika bezeugt, ist jedoch indoeuropäischen Ursprungs und »bei allen indogermanischen Völkern belegt.« (Mircea Eliade ›Schamanismus und archaische Ekstasetechnik‹ 1994, S. 361) . Der Indogermanist Edgar Charles Polomé vermerkte: »Das Vorhandensein einer Priester-Klasse ist entscheidend für die typologische Charakterisierung der indoeuropäischen Gesellschaft.« (Polomé ›Recent Russian papers on the Indo-European problem and the ethnogenesis and original homeland of the Slavs‹ JIES 1985, S. 26) Diese Tatsache betont auch der Althistoriker und Ägyptologe Eduard Meyer: »Von ganz wesentlicher Bedeutung ist«, schreibt Meyer, »dass sich bei den Ariern ein voll entwickelter berufsmäßiger Priesterstand gebildet hat.« (Eduard Meyer Geschichte des Altertums‹ 1.Bd. 2. H. 1909, S. 824)
Die Priester, welche den tyrannischen Herrschern mit psychischem und physischem Terror gegen das Volk zur Seite stand, war eine dünkelhaft abgeschlossene Kaste,  der unter anderem zahlreiche Gewalttaten und Urkundenfälschungen nachgewiesen wurden. Priester-Schmiede unterschieden sich in Ägypten in keiner Weise von den Beamten, sie waren auch keine geistigen Führer des Volkes. (s. Serge Sauneron LdÄK 1960, S. 202) Trotzdem dürfe man sich sie aber »nicht ausschließlich als brutale Gewaltherrscher oder als raffinierte Intriganten denken«, glaubt der Ägyptologe Günter Roeder, sie verteidigen zu müssen. (Roeder ›Urkunden zur Religion des Alten Ägypten‹ 1978, S. XIV) Noch immer segnet der patriarchale Klerus mit Hingabe die todbringenden Waffen, mit denen die  perverse, militärische Staatsgewalt die Menschen bedroht, verfolgt, foltert, verstümmelt, zerfetzt und tötet. Die Grenzen männlicher Machtpolitik und patriarchaler Religion verwischten sich: »Soweit man im alten Ägypten überhaupt einen Unterschied zwischen ›Kirche‹ und Staat machen kann, sieht man, dass beide einander unterstützten.« (Erica Ions ›Die Götter und Mythen Ägyptens‹ 1982, S. 15)

 »Religion braucht zur Durchsetzung staatliche Macht
und ein Staatswesen für seine Legitimation die Religion.«
(Pedro Barcelo, Althistoriker)

Dies gilt erst für die Durchsetzung der beim Volk unerwünschten aggressiven Vater-Göttern und den autoritären patriarchalen Religionen, weil sie dem Empfinden freier Menschen diametral entgegengesetzt sind. Seit der Urzeit ist es die Mutter, die geliebt und verehrt und die Urahne die vergöttlicht wurde. »Es gibt keinen Ort der Welt, an dem man sicherer geborgen wäre, als in den Armen der Mutter«, schrieb die Dichterin Selma Lagerlöf und die meisten Menschen werden dies bestätigen. Die während 3000 Jahren nach und nach erfundenen männlichen Götter sind idealisierte Phantasiegestalten, künstliche Konstrukte, Phantom- oder Geistwesen männlichen Geschlechts, Kopfgeburten und infantile Projektionen. Die Religion Ägyptens artete aus und wurde zu einem heillosen Durcheinander. (s. ›Der verlogene Mythos von der Weisheit der dynastischen Religion‹: »Eine große Ansammlung mytho­logischen Plun­ders« in ›Die total ver-rückten Ideen der arischen Priesterkasten‹).

Neben der Urmutter suchen wir einen Ur-Ur-Ur-…Vater-Gott im Gedächtnis der Völker vergebens. Männliche Figurinen wurden von den Archäologen nur sehr selten und nur vereinzelt gefunden. Das beinahe vollständige Fehlen männlicher Statuetten stützt die These von der Urmutter überzeugend: Vor der Entdeckung der Vaterschaft im Neolithikum gab es keine männlichen Götter, keine göttlichen Männer, keine Ur-, keine Schöpfer- und keine Vater-Götter. (s. ›Die Gottheit der Urzeit war weiblich‹).

Am Übergang vom Matriarchat ins Patriarchat und von der Großen Göttin zu männlichen Göttern findet ein Wandel statt, der auch bei den Statuetten deutlich erkennbar wird. Ab dem 2. Jahrtausend fällt eine Vermännlichung bei den Figuren auf. »Die Bronzezeit scheint ihre materielle und geistige Welt mit männlichen Helden und Gottheiten bevölkert zu haben.« (›Der Große Bildatlas der Archäologie‹ 1991) Die kleinen weiblichen Statuetten verschwinden und die männlichen werden zunehmend größer, entsprechend dem überheblichen Größen- und Machtanspruch des patriarchalen Aufstieges.
In Ägypten setzten die Könige der ersten Dynastien alles daran, neben der weltlichen Macht auch die Macht des bisher ausschliesslich weiblichen Kults männlich zu besetzen und die Muttergöttin durch einen Vatergott zu ersetzen. Eindeutig ist jedoch:

»Die All-Mutter ist älter als der All-Vater, Ishtar und Isis waren die universelle Mutter, lange bevor sich irgendein Himmelsgott oder eine männliche Stammesgottheit zur universellen Vaterschaft entwickelt hatte
(Robert Briffault 1959, p. 377)

Dazu versteigt sich jedoch der Ägyptologe Eric Hornung zur Behauptung: »Der Vorstellung einer universalen ›Göttermutter‹ entspricht die Vorstellung eines ›Göttervaters‹, dem alle anderen Gottheiten ihr Entstehen verdanken.« (Hornung ›Der Eine und die Vielen‹ 1971, S. 139, Hvhb. DW) Der patriarchale Mann ersetzt hemmungslos die Urmutter durch den Urvater. Soll der Urvater tatsächlich auch die Urmutter geschaffen haben, weil das so in der patriarchalen Bibel steht? Die Wahrheit sieht anders aus, was der Religionswissenschaftler G. van der Leeuw bestätigt:

»Gott ist ein Spätling in der Religionsgeschichte.«

Die irdischen Väter gewöhnten sich rasch an ihre neue Bedeutung, die ihnen Wichtigkeit verlieh. Sie identifizierten sich mit ihrem neu erfundenen Vatergott und wollten wie dieser auch verehrt, angebetet und geliebt werden. Obwohl vor langer Zeit geschehen, gilt dies für patriarchale Männer noch heute. Die Forderung war jedoch damals – im Gegensatz zur Ehrung der Mutter – derart ungewohnt, möglicherweise unbeliebt und als anmaßend verurteilt, dass sich der Anspruch – trotz der ständigen Anwendung von Gewalt – offensichtlich nicht einfach durchsetzen liess. Nicht ohne Grund mussten die Autoren des Alten Testaments die ausdrückliche Ehrung des Vaters noch mehr als 1000 Jahre später in die Gesetzesliste der wichtigsten 10 Gebote aufnehmen, und den neuen Gott als Einzigen und Alleinigen propagieren, um die Forderungen unter Androhung der Todesstrafe durchzusetzen. Die Theologin Christa Mulack formuliert treffend:

»Statt der Wirklichkeit ins Auge zu blicken, klammern sie sich
an Mythen und Ideologien, mit deren Hilfe sie die väterliche
Bedeutungslosigkeit in ihr Gegenteil zu verkehren suchen und ihm
eine überdimensionierte Wichtigkeit zuschreiben.«
(Christa Mulack)

Wie wir ebenfalls bereits erörtert haben, ersann die indoarische Priesterkaste der Eroberer, die sich in Heliopolis niedergelassen hatte, bereits um 3000 den ersten Vater-Gott und gab ihm den Vaternamen ATum. ATum, den Vatergott schufen die Priester als Konkurrenz zur Ur-Göttin, der Schöpferin der Welt und des Universums zum Ur-Schöpfer, zum Ur-Gott und zum ›Selbsterstandenen‹. A-Tum ist die Verneinung und Patriarchalisierung der Muttergöttin Mut und die Umkehrung der Muttersilbe Mut. Der Mythos erklärt, er sei (nicht aus einer Frau, sondern) aus einer Lotosblüte geboren. Allerdings war die Lotosblüte nicht nur in Ägypten, sondern im ganzen vorderasiatischen Raum das wichtigste Symbol der Yoni/Vulva der Göttin, aus der Götter und Menschen kultisch geboren und wiedergeboren wurden. Die Göttin ist die ›Große Weltlotosblume‹, aus der nicht nur ATum, auch Horus, Ra und Chepre, die ›Lotos-Geborenen‹, wurden aus ihrer Vulva geboren. Atum, der Vater-Gott habe sich jedoch – was den Priestern besonders wichtig war – ohne weibliches Zutun mittels Masturbation selbst befruchtet, das heisst ›geschwängert‹. Er sei zum Schöpfer von drei Generationen von Göttinnen und Göttern, der ›großen Neunheit‹, geworden: So habe er Schu, den Gott der Luft und Tefnut die Göttin der Feuchtigkeit tatsächlich geboren. Diese seine Kinder sollen den Erdgott Geb und die Himmelsgöttin Nut, die dann ISIS, Osiris, Seth und Nephthys gezeugt haben. Mit den ersten männlichen Göttern entstand der Polytheismus, die Vielgötterei. Die von den Göttern geschaffenen Göttinnen wurden zu untergeordneten Gattinnen und Schwestern der männlichen Götter, die über ihnen standen.
Den Vater zu vergöttlichen war für den Anspruch des Mannes von enormer Wichtigkeit, denn damit konnte er als Abbild der Götter an der Göttlichkeit teilhaben; sich sogar mit den Göttern identifizieren und das taten die Könige denn auch in ihrer unermesslichen Überheblichkeit. Bewundernd schreiben Ägyptologen von der Göttlichkeit der Pharaonen und sonnen sich selbst gern in ihrem Glanz. Jeder der untereinander ständig rivalisierenden indoeuropäischen Stämme, die sich an verschiedenen Orten Ägyptens angesiedelt hatten, erfand seinen eigenen Vater-Gott. Nach Atum schuf die indoarische Priesterschaft in Memphis, der nördlichen Hauptstadt des Alten Reiches den Vatergott mit dem Namen pTAh, (Ptah) und errichtete ihm um 3000 einen Tempel. Der Name Ptah ist leicht als indoeuropäische Bezeichnung für Vater, Pater, zu identifizieren. Ptah wird mit Macht und Kraft ausgezeichnet und von den memphitischen Priestern zum obersten Schöpfergott gemacht. In Bubastis, im südlichen Teil des östlichen unterägyptischen Nildeltas, wird er – wie übrigens auch Tutanchamun in seinem Grab –  schwanger dargestellt (s. ›Von schwangeren Männern und göttlichen Gebärern‹ und D. Wolf 2009, S. 296)

Der Begriff ›Vater‹ wird zum Synonym für Schöpfer und Gebärer

Für Ptah erfand die Priesterkaste eine besonders raffinierte Form der Schöpfung. Er schuf, wie Marduk in Mesopotamien, die Schöpfung durch das Wort (s. ›Raffinierte Göttermacher‹). Damit wird die Mutter aus dem Schöpfungsprozess eliminiert. Der mütterliche Anteil ist überwunden, er wird nicht mehr gebraucht. Doch offensichtlich hatte die Idee weder unter den rivalisierenden Priestern noch beim Volk eine Chance angenommen zu werden und wurde für lange Zeit vergessen. In einer viel späteren Phase, im 14. Jahrhundert v.u.Z. wagt Echnaton erneut den Versuch, einen Gott-Vater zu schaffen. Seine Bedeutung wird von ihm am auffallendsten überhöht und in Szene gesetzt. Er nennt den von ihm geschaffenen Himmels- bzw. Sonnengott, einfach Vater, ›ATon‹. »Für ihn konnte es nur einen Gott geben, weil es nur einen Vater gibt, und nur einen Propheten, dem dieser Gott sich offenbarte. Dieser Eine Gott konnte nur die Sonne sein, der Inbegriff alles Einzigen, die Quelle des alles hervorbringenden Lichts. Dass im Ägyptischen die Worte für Sonne (›Aton‹, richtiger Jati) und Vater bzw. ›mein Vater‹ (jat bzw. jati) gleich lauten, mußte dem König als die letzte Bestätigung dieser Offenbarungen erscheinen. Jedenfalls machen die Texte sehr viel aus diesem Wortspiel. Gott ist die Sonne (Jati) und offenbart sich im König als ›mein Vater‹ (Jati), anders gesagt: Gott ist kosmisch, das Licht als alles hervor bringender Urgrund des Seins, und nimmt in der Vater-Sohn-Konstellation, die er mit dem König eingeht, die personalen Züge des Vaters an. Die Jenseitigkeit oder Transzendenz dieses Vaters besteht in seiner kosmischen Impersonalität, die ihn, wie die Texte immer wieder betonen, den Augen der Menschen zugleich offenbart und verbirgt. In der Welt ist er als Licht, nur im Herzen des Königs ist er als Person anwesend«, verklärt Jan Assmann den Vater in seiner üblichen, langatmigen Schreibweise. (›Das Bild des Vaters im Alten Ägypten‹ 1976, S. 45)
Somit erfindet Echnaton seinen persönlichen Vatergott, dessen einziger, sozusagen ›auserwählter‹ Sohn er ist. Zu seiner Gründung der Stadt Amarna in der ägyptischen Wüste lesen wir: ›Ich errichte Achet-Aton für Aton, meinen Vater. Auf einer Felsinschrift hält er fest: ›Es war Aton, mein Vater, der mich herführte‹. Echnaton geht es bei seiner Erfindung des Gottes Aton nicht nur um die Überhöhung des Vaters, sondern auch um seine Eigene. Wichtig ist ihm aber auch die Eliminierung der Muttergöttin mit dem indoeuropäischen Namen ›Mut‹.
Auch der darauf folgende Gott Jahwe, der Vatergott der Juden; der ›Herr‹ und Gottvater der Christen und der islamische Allah dulden wie Echnatons Gott Aton, keine Frau, keine Muttergöttin neben sich. Die Muttergöttinnen wurden alle eliminiert. (s. ›Wer war Echnaton?‹)
Der Name der »grössten ägyptischen Göttin« (Adolf Erman) Ua-Zit/Ua-Set/Wa-Zit/Wa-Djet …   griechisch ISIS – heisst nichts anderes als ›Frau‹ oder ›Dame‹; so, wie die Göttin heute noch angesprochen wird; als ›Unsere liebe Frau‹, ›Notre Dame‹. ISIS zu gross und zu stark, um von den Eroberern ignoriert oder eliminiert zu werden, wurde von ihnen zur Beschützerin der ersten patriarchalen Götter und Könige und zu einer der beiden Kronengöttinnen Ägyptens ernannt. Ihr Emblem, der Uräus, ist die aufgebäumte Kobra ›Wadjet‹, die Schlange. Aber später, als das Patriarchat einigermassen etabliert war, wurde sie in ihrer Form als Schlange und ihre Verehrung verfolgt und bekämpft; man denke etwa an die Rolle, die der Schlangengöttin als böse Verführerin im Paradiesmythos zugeteilt wird. Sie ermutigte die Menschen, vom Baum der Erkenntnis zu essen und den patriarchalen Betrug zu durchschauen. Das war der Grund, warum sie vom patriarchalen Gott, bzw. den sie hassenden Bibelschreibern verdammt wurde.
Wir wissen, dass die Religion und der Jahrtausende alte Kult der Großen ISIS auch von Cheops in der 4. Dynastie verfolgt wurde. Herodot berichtet, dass unter Cheops und Chephren die Tempel aus der vor-dynastischen Zeit geschlossen blieben und das Opfern verboten wurde, was laut Herodot »die ÄgypterInnen in grenzenloses Unglück stürzte«.
2500 Jahre später wurde der Kampf gegen die uralte Göttin ISIS, die man bis dahin nicht hat eliminieren können, noch immer fortgesetzt. Der Religionsgeschichtler und Ägyptologe Hans Bonnet schreibt in seinem ›Reallexikon der Ägyptischend Religionsgeschichte‹: »Der Isis-Kult hatte sich über die ganzen Mittelmeerländer ausgebreitet und überspann schließlich das ganze Römische Reich. In den 50er-Jahren nach Christi Geburt ließ der römische Senat die Heiligtümer der Göttin ISIS zerstören und Tiberius [römischer Kaiser von 14–37 u. Z.] hat dann vollends die Isis-Gemeinde mit blutiger Strenge verfolgt.« Wissenschaftler fanden vor nicht allzulanger Zeit im Tempel von Karnak Tiberius‘ Namen und christliche Symbole, wie etwa den Fisch, was heisst, dass seine Macht und sein Hass gegen die Göttin bis nach Ägypten reichte. Bald darauf verloren die ›heidnischem‹ Tempel in Ägypten ihre Wichtigkeit und wurden geschlossen. Der patriarchale jüdische Jesus schloss sich dem Kampf gegen die Göttin an. Ganz im Sinne seines patriarchalen Glaubens duldet er keine Göttin neben seinem Vatergott. Auf der Hochzeit zu Kanaan verleugnet er seine Mutter und schleudert ihr die harschen Worte ins Gesicht : »Weib, was habe ich mit dir zu tun?« Bei Clemens von Alexandria (150–215 n.Chr.) lesen wir im apokryphen ›Evangelium der Ägypter‹ das Jesus-Zitat:

»Ich bin gekommen, das Werk des Weibes zu zerstören.«

»Historiker sehen darin Clemens‘ Hinweis auf die altägyptische Göttin ISIS deren religiöse Verehrung im Rahmen der Mysterien in dieser Zeit noch weit verbreitet war und neben dem Mithras-Kult die stärkste spirituelle Rivalität des noch jungen Christentums verkörperte.
Die Große Göttin in ihren tausend Namen und Erscheinungen wurde in christlicher Ära radikal bekämpft: Im Jahr 300 n.Chr. lässt der noch nicht getaufte Kaiser Konstantin das seit Menschengedenken in Lanaan bestehende Heiligtum der Astarte in Aphaka schließen. Achtzig Jahre später widerfuhr dem berühmten Artemis-Tempel in Ephesus das gleiche Schicksal. Die uralte Göttin, der die Römer den Namen Diana gegeben hatten, wurde aus ihrer westanatolischen Heimat vertrieben, weil Kaiser Theodosius diese ›Frauenreligion‹ verachtete. Auch in Rom und Eleusis wurden auf seinen Befehl hin mehrere ›Frauentempel‹ geschlossen. 450 n.Chr. verwandelte Justinian gleiche mehrere Isis-Tempel in christliche Kirchen. Selbst vor dem Parthenon der Athener Akropolis zeigte er keinerlei Respekt. Hier, wo man seit der mykenischen Ära die alten Göttinnen angebetet hatte, wurde nun ebenfalls eine christliche Kirche eingerichtet… auch die letzte Bastion der einzig noch ›überlebenden‹ Liebes-Göttin ISIS im fernen Ägypten wird geschändet und in eine Kirche umgewandelt. Ihre Priester richtet man hin. Christen meißeln die Symbole ihres Glaubens über die letzten Hieroglyphen, die heiligen Zeichen alter Zeit. Sie nutzten das Isis-Heiligtum auf der Nilinsel Philae von nun an als ihr eigenes christliches Gotteshaus. Selbst uralte germanische, keltische und baltische Götter werden nun nach und nach in christliche Heilige oder Dämonen umgedeutet. In besonderem Masse dann, wenn sie durch ihre ›alte Lust‹ der ›neuen Moral‹ des Christentums entgegenstehen.« (Harald Specht ›Geschichte(n) der Lust – Zwölf Kapitel über Leidenschaft und Laster‹ 2013)

Der intolerante patriarchale Monotheismus

Die Verehrung der Großen Göttin, der Identitätsfigur der matriarchalen Frauen, dürfte damals bei den patriarchalen Invasoren den Wunsch nach einer eben so mächtigen männlichen Identitätsfigur, einem männlichen Gott, geweckt haben. Jedenfalls usurpierten sie die positiven Attribute, vor allem die Schöpfungsmacht der Göttin für ihre Neuerfindungen, die patriarchalen Götter. Die Christen wandelten die weibliche Trinität der Weisen Alten, der jungen Frau und Mutter und der Todes- und Wiedergeburtsgöttin und erfanden eine männliche Trinität von Vater, Sohn und  heiligem Geist, der allerdings ursprünglich noch weiblich war.
Der vor ca. 2500 Jahren erfundene Monotheismus, die Verehrung eines einzigen Gottes, ist ein Plagiat, ist per Definition: ›Diebstahl geistigen Eigentums und die Anmaßung fremder geistiger Leistungen. Die monotheistischen Götter sind eine Nachahmung der Idee, die aus der matriarchalen Kultur hervorgegangenen ist, die Verehrung der Urmutter, der Grossen-Göttin. Seit Bestehen der modernen Menschen, das heisst, seit es so etwas wie Religion gibt, wurde allein die Mutter und die vergöttlichte Urahne verehrt. Die arischen Priesterkasten kopierten die Idee, schufen einen monotheistischen Vatergott und erhofften sich für ihn dieselbe Macht, Verehrung und Akzeptanz. Sie setzten ihn mit Drohungen, Gewalt und Propaganda mit nachhaltiger Wirkung durch. Erstaunlich ist, in welchem Ausmaß der patriarchale Diebstahl, die patriarchale Feindseligkeit der Religionen untereinander, welche zu unzähligen Religionskriegen führte und der offensichtliche Geschichtsbetrug sich bis heute hält und verteidigt wird. Die  Voreingenommenheit gegenüber dem sogenannten Heidentum, die Diskriminierung alles Weiblichen durch die Wissenschaft und Theologie ist bemerkenswert. Schon der leiseste Hauch einer Mutmassung, dass ›Gott einmal eine Frau war‹, wird im Keim erstickt.

»Der Irrtum fing damit an, dass man sich Gott als Mann vorstellte.
Das macht das Leben so widersinnig und den Tod so unnatürlich.«
(Eugene O‘Neill)

Alle drei monotheistischen Göttter, ob Jehova im Mosaismus, Gott-Vater im Christentum, oder Allah im Islam wurden von den arischen Priesterkasten der indoeuropäischen Eroberer und ihren Nachfahren, nach dem Vorbild ihrer Könige, den Alleinherrschern, geschaffen. Einmal despotisch, grausam, eifersüchtig und machtgierig, einmal etwas menschlicher, wie etwa der ›Liebe Gott‹ der Christen. Barmherzigkeit zeichnete den Christengott als Vater jedoch nicht aus. Er liess den ihn um Hilfe flehenden Sohn am Kreuz im Stich und elendiglich sterben.

»Ein strenger Eingottglaube auf Kosten der Göttin hat sich in Jerusalem
und Juda erst am Ende des 7. Jahrhunderts durchgesetzt.«

(O. Keel ›Bibel + Orient im Original‹ 2007, S. 43)

Jahwe, der jüdische Gott, wurde nach dem Stamm seiner Erfinder, den hurritischen Herrenmenschen, den Hurr-i, ›HERR‹ genannt. Echnatons Vatergott Aton wurde zum jüdischen Adon/Adonai. Dann erfand Jesus seinen eigenen Vater-Gott und Mohammed schuf in Mekka Allah indem er die Uralt-Göttin Allat vermännlichte und islamisierte. Charakteristisch für alle drei Götter ist ihre Frauenfeindlichkeit. »Die Männer der monotheistischen Religionen schufen Gott nach ihrem Bilde«, schreibt der Alttestamentler Othmar Keel. »Sie stellten ihn ausschließlich männlich dar. Sie übten ihre Deutungshoheit zu ihren Gunsten aus. Wenn laut der Bibel Mann und Frau Ebenbilder Gottes, sozusagen ›Kopien‹ Gottes sind, warum wird das ›Original‹ nur männlich dargestellt? Warum wurden die weiblichen Aspekte ignoriert oder gar bewusst beseitigt?« (O. Keel ›Gott weiblich – Eine verborgene Seite des biblischen Gottes‹ 2008, S. 22). Dies sind tatsächlich erstaunlich ehrliche und offene Fragen; das sind wir im allgemeinen aus dem klerikalen Umfeld nicht gewohnt. »Wir wissen, ganz allein war JHWH nicht… An über 40 Stellen wird im Alten Testament polemisch eine Göttin namens Aschera genannt, die sich bis zur Reform des Königs Joschija 622 v. Chr. offensichtlich großer Beliebtheit erfreute. Seit 1975 sind Inschriften aus der Zeit um 800 v.Chr. bekannt, die ›JHWH und seine Aschera‹ nennen. Verschiedene Bibelstellen berichten von einem anthropomorphen Kultbild der Aschera im Tempel von Jerusalem. Speziell beauftragte Frauen woben für diese Schleier oder Baldachine (2. König 21,7; 23,6f). Die Säulenfiguren waren wohl Kopien dieses Kultbildes.« (O. Keel ›Bibel + Orient im Original‹ 2007. s. auch ›Das Matriarchat in Israel‹). Die Juden eliminierten dir Göttin. Die Christen übernahmen aus strategischen Gründen die Göttin in entsexualisierter Form als Gottesmutter Maria und Mohammed vermännlichte die Grosse Göttin Allath und schuf den monotheistischen Allah. (s. ›Das Matriarchat in Arabien‹)

Die patriarchalen Mono-Religionen sind die extremste Form absoluter Machtpolitik.
Das Ziel ist größtmögliche
Beeinflussung und Kontrolle der Gedanken, Gefühle und
Einstellungen der Menschen.

Als Geiseln der patriarchalen Institutionen, der Universitäten und Kirchen, nach Jahrtausenden der exzessiven patriarchalen Propaganda, Beeinflussung, Indoktrinierung und Hirnwäsche kämpfen heute nicht nur patriarchale Männer, sondern auch viele patriarchatsgläubige Frauen für patriarchale Ideologien und die patriarchalen Götter des Monotheismus. Patriarchatskompatible WissenschaftlerInnen im Dienste des misogynen Patriarchats, die sich vernetzen, sich gegenseitig unterstützen und ständig gegenseitig zitieren, beschneiden geradezu masochistisch ihre weibliche Identität und ihre Wurzeln, die bis in die matriarchale Urkultur reichen. Da hat die toxische patriarchale Propaganda ganze Arbeit geleistet!  Gerda Lerner führt dies auf die Benachteiligung der Frauen im Bildungswesen und die androzentrische Verzerrung der Geschichte mit der Marginalisierung der Frau zurück. Sie schreibt:

»Diese doppelte Deprivation hat die weibliche Psyche über die Jahrhunderte so zugerichtet, dass die Frauen an der Herausbildung des Systems, das sie unterdrückt, mitwirken und an dessen ständiger Bestätigung und Verfestigung in der Folge immer neuer Generationen weiter mitgewirkt haben und noch immer mitwirken.« (Gerda Lerner ›Die Entstehung des feministischen Bewusstseins – vom Mittelalter bis zur Ersten Frauenbewegung‹ 1993, S. 20).

Das Problem der patriarchalen Religionen:
Die Schöpfung ohne Frau

Die ersten männlichen Götter wurden vor nur etwas mehr als 5000 Jahren erfunden. Diese hatten jedoch ein ernsthaftes Problem. Die Eliminierung der Göttin verursachte bei der Konstituierung einer ersten, der patriarchalen Ideologie entsprechenden Religion, etliche Mühe. Wie sollte man das Problem der Genese von neuem Leben, ohne weibliches Zutun lösen? Es waren absurde, oft widerliche Ideen, welche von den Priestern zur Art der rein männlichen, ›göttlichen‹ Schöpfung ausgedacht wurden. (s. ›So wurden Götter erfunden und Mythen gemacht‹.

»Die Mythen zeigen, dass das, was sich in Ägypten zu der uns bekannten
altägyptischen Religion entwickelte, auf einen Vernichtungskampf der
Eroberer gegen die Religion der Urmutter und ihrer VerehrerInnen richtete.
Könige wurden göttlich, indem sie die heilige Macht weiblicher Gottheiten
assimilierten.«
(Fekri Hassan)

Wie wir wissen, benutzten männliche Götter, bzw. ihre irdischen Erfinder, im Laufe der letzten fünftausend Jahre zahlreiche Phantasien, um sich als Schöpfer und Gebärer der Götter und Menschen auszugeben. Sie wollen dies mittels Masturbation, dem Schlucken des eigenen Spermien-Ejakulats oder weniger widerlich, durch das Schaffen des Menschen aus Lehm gemacht haben. Letztendlich erfinden sie die raffinierteste aller Schöpfungsideen, jener der Schöpfung durch das Wort (s. oben und Doris Wolf ›Der Kampf gegen Weisheit und Macht der matriarchalen Urkultur Ägyptens‹ 2009, S. 299). Davon zeugt der altbabylonische Mythos ›Enuma Elish‹, die Geschichte von der Ermordung der Großen Göttin Tiamat durch Marduk und die Prüfung, die ihn zum König der Götter macht. »Die Bedeutung dieser Prüfung liegt darin, zu zeigen, dass der Mann seine Unfähigkeit zu natürlichem Schöpfertum – einer Fähigkeit, die nur die Erde und die Frauen haben – durch eine neue Art des Schöpfertums, nämlich das des Wortes, überwunden hat. Marduk, der auf seine Weise etwas erschaffen kann, hat die natürliche Überlegenheit der Mutter überwunden und kann daher an ihre Stelle treten.« (Erich Fromm ›Anatomie der menschlichen Destruktivität‹ 1974, S. 146) Fromm, der sich eingehend mit den Verzerrungen der patriarchalen Mythen befasst hat, schreibt dazu: »Der biblische Mythos beginnt dort, wo der babylonische endet. Die Oberherrschaft eines männlichen Gottes ist errichtet, und von der früheren matriarchalischen Stufe ist kaum noch eine Spur geblieben. Marduks ›Prüfung‹ ist zum Hauptthema der biblischen Schöpfungsgeschichte geworden. Gott erschafft die Welt durch sein Wort; die Frau und ihre schöpferischen Kräfte sind nicht mehr notwendig. Selbst der natürliche Verlauf, dass die Frau Männer gebiert, ist umgekehrt. Eva wird aus Adams Rippe geschaffen. Aber ganz ist die Erinnerung an die matriarchale Herrschaft noch nicht erloschen. In der Gestalt der Eva sehen wir die dem Mann überlegene Frau.« (Fromm ›Märchen, Mythen, Träume‹ 1951/1991, S. 156)

»Der biblische Mythos ist ein Triumphgesang über die besiegte Frau;
er leugnet, dass die Frau den Mann gebiert und verkehrt die
natürlichen Beziehungen ins Gegenteil
.« (Erich Fromm)

»Der Bericht vom Sündenfall, die Sache mit Eva, war für die Entwicklung des Abendlandes immer eine Belastung besonderer Art. Er hat weitgehend zur allgemeinen Entrechtung der Frau in unserer Gesellschaft beigetragen, er hat nicht zuletzt jene beklemmende Verbindung von Fleischeslust und Sünde schlechthin geschaffen, die einsichtige Christen heute bedauern. Diesen Bericht mit den Augen des Vorgeschichtlers zu betrachten, dürfte darum vielleicht hilfreich sein. Wenn der Verfasser die Schuld am Verlust des Paradieses der Eva, also der Frau, aufbürdet, so zielte er damit auf die unbedingte Durchsetzung einer patriarchalischen Ordnung ab, die für ihn zur Zeit der Abfassung ein erst noch durchzusetzendes Programm war.« (Karl Brüning ›Die Sache mit dem Apfel‹ 1972)
Der Paläolinguist Richard Fester schreibt dazu: »Für die Welt von damals musste der Bericht vom Sündenfall Evas außerhalb des jüdischen Volkes wie eine ungeheuerliche Gotteslästerung wirken. Da die Juden dann später bei ihrer Eroberung ›des gelobten Landes‹ in Palästina ›auf Befehl Jahwes‹ alle die umbrachten, die diesem Glaubenswechsel ihre Zustimmung verweigerten, haben sie für die folgenden Jahrhunderte einen begreiflichen Hass gegen sich selbst gesät, der sich als Antisemitismus institutionalisierte, als längst vergessen war, worin er seinen ursprünglichen Grund hatte, und das, obschon das Christentum diesen Teil der jüdischen Überlieferung übernahm. Damit hatte die einstige Verleumdung Evas, der Stammmutter eines kleinen und damals recht unbedeutenden Nomadenstammes, eine verheerende, bis heute vorhandene Wirkung für die Frauen des Abendlandes.« (Richard Fester ›Weib und Macht‹ – Fünf Millionen Jahre Urgeschichte der Frau‹ 1979, S. 39) (s. auch ›Das Matriarchat in Israel‹)
Rivalität, Neid und Eifersucht sind besonders dominante Charakteristiken patriarchaler Männer, die sich gegen alles Weibliche, gegen weibliche Werte, weibliche Macht, gegen weibliche Schöpfungskraft, gegen Frauen insgesamt und die Große Göttin richten. Sobald patriarchale Männer an der Macht sind, wollen sie dominieren und imponieren. Jeder will der Größte, der Wichtigste, der Erfolgreichste und allen andern überlegen sein, besonders den Frauen. Der patriarchale Mann will siegen und alle übertrumpfen. Größenwahn, Machthunger und exzessiver Narzissmus sind bekannte Eigenschaften mächtiger patriarchaler Männer.

»Erkenntnisse, die den patriarchalen Allmachtstraum gefährden,
werden totgeschwiegen und verdrängt.«
(Gerda Weiler )

 


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