Patriarchale WissenschaftlerInnen bekämpfen das Wissen vom Matriarchat

»Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen für die Männer;
du sollst ihre Barbarei nicht beschönigen mit Worten und Werken.«

(Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher, evangelischer Theologe, Altphilologe, Staatstheoretiker, Kirchenpolitiker, Pädagoge und Philosoph, 1768 – 1834)

Es ist ein grotesker Kampf, den patriarchale WissenschaftlerInnen gegen all jene Beweise führen, welche die Existenz des Matriarchats und seine Charakteristiken ausmachen. Dies waren im besonderen: Freiheit und Gleichberechtigung aller Menschen,  die Verehrung der Grossen Göttin und der Frau als Leiterin und Vorsteherin des mütterlichen Clans und der Sicherung der Existenz der Sippe und die Garantie für Frieden, d.h. die Abwesenheit von Gewalt und Krieg.
Es sind Frauen und Männer, die sich ganz in den Dienst der konservativen, patriarchalen Wissenschaft der Universitäten und der patriarchalen monotheistischen Religionen gestellt haben, die gegen das Wissen vom Matriarchat kämpfen. So umgehen beispielsweise Ägyptologen und  Ägyptologinnen jedes Hinterfragen, vermeiden jede Prüfung und Kritik, verbieten sich jeden Zweifel an den Meinungen, Interpretationen und Thesen ihrer Lehrer und KollegInnen, als wären diese sakrosankt und unfehlbar. Oder sie vernichten das Ansehen und die Forschungen älterer Autoren pauschal als ›veraltet‹, wie es Thomas Schneider in seinem Pamphlet gegen mein erstes Buch, im Einverständnis mit oder im Auftrag seines damaligen ›Chefs‹ und Doyens, Erik Hornung, an der Uni Basel, tat (s. Doris Wolf 2009, S. 322 ›His Masters Voice‹). Was als ›veraltet‹ an den Arbeiten der Pioniere der Ägyptologie (u.a. W.M. Flinders Petrie 1853–1947; E.A. Wallis Budge 1857–1934; W.B. Emery 1903–1971) angesehen wird, sagt man uns allerdings nicht! Es sind fundierte Thesen, welche aus den Forschungen, Ausgrabungen und Erkenntnissen der früheren Forscher abgelehnt werden, welche die zutiefst patriarchalen späteren Ägyptologen – insbesondere während und nach der Zeit des Faschismus im 3. Reich in Deutschland – nicht mehr anerkennen und bekämpfen; Tatsachen die sie verleugnen, unterschlagen und vergessen machen wollen.

»Die gesamte Geschichte der Wissenschaft zeigt es uns:
Wenn die gebildeten Männer der Wissenschaft eines Zeitalters die Tatsachen anderer Forscher
von vornherein mit der Begründung der Absurdität oder Unmöglichkeit geleugnet haben,
hatten die Leugner immer unrecht.«
(Alfred Russel Wallace)

Zu den unterschlagenen Tatsachen gehören die wichtigsten Erkenntnisse, die zur Errichtung eines dynastischen Königtums in Ägypten führten: Die Invasion Ägyptens am Ende des 4. Jahrtausends durch die kriegerischen, horitischen/hurritischen Schmiede aus den eurasischen Steppen, die ›Shemsu-Hor‹; ihre Machtnahme und Gründung des sog. dynastischen Ägypten; die Erfindung der ersten männlichen Götter samt dem Kampf gegen die Verehrung der Großen Göttin und die urgeschichtliche Religion des indigenen Volkes. All dies bezeugen die Belege von einem matriarchalen Ägypten vor der Machtnahme der indoeuropäischen Eroberer. Die Basis der Gründungsgeschichte des dynastischen Ägypten und damit die Beweise, die zum Umsturz von der matriarchalen Urgeschichte in das kriegerische Patriarchat führten, wird hinweggefegt und entsorgt.

Ein Beispiel, welches die Ablehnung der Anerkennung der weiblich dominierten Urzeit veranschaulicht, ist auch die Erfahrung des britischen Prähistorikers und Archäologen James Mellaart, der viele Jahre in Anatolien, in Çatal Hüyük und Haçilar arbeitete. Eines Tages mussten seine Ausgrabungen an der neolithischen Fundstätte Haçilar abgebrochen werden. Das Weitergraben wurde untersagt, obwohl die tiefsten und frühesten Schichten noch nicht erreicht waren. Die Begründung: »weitere Arbeiten an dieser Stelle erbrächten lediglich repetitive Ergebnisse ohne großen wissenschaftlichen Wert.« (Mellaart ›Excavations at Haçilar‹ 1970)
Wie Riane Eisler richtig vermutet, waren die patriarchalen Wissenschaftler, Politiker, Geldgeber und Kleriker beunruhigt, denn sie ahnten längst, dass die ältesten Schichten noch mehr und ausschließlich weibliche Artefakte an den Tag bringen würden, die auf die Verehrung einer Grossen Göttin hinwiesen. Mellaart protestierte und bezeichnete die Entscheidung »eines der tragischsten in der Geschichte der Archäologie« (Riane Eisler ›Von der Herrschaft zur Partnerschaft‹ 1987, S. 146). James Mellaart war überzeugt, dass die jungsteinzeitliche Frau, als »Schöpferin der Mutterreligion« wohl zugleich die Anregerin und in den meisten Fällen auch die »Gestalterin der Kunst« gewesen sei. (Helmut Uhlig ›Die Große Göttin lebt – Eine Weltreligion des Weiblichen‹ 1992, S. 128) Das war den patriarchalen Herren denn doch zuviel. Auch der äußerst skeptische britische Archäologe Ian Hodder versuchte durch jahrelange Grabungen in Çatal Hüyük Mellaarts Thesen zu widerlegen. Vergebens, schlussendlich musste er zugeben: »Alles in allem hat die gegenwärtige Feldarbeit (von 1993 bis 2006) Mellaarts Ergebnisse bestätigt. Seine Erkenntnisse konnten eher erweitert statt widerlegt werden.« (Katalog der Ausstellung ›Die ältesten Monumente der Menschheit – Vor 12’000 Jahren in Anatolien‹ Karlsruhe 2007). Die Tragödie Mellaarts spielte sich in den 60er und 70er Jahren ab. In der Türkei hat sich das Blatt dank ausserordentlich aufgeschlossenen türkischen ArchäologInnen gewendet. Zu sehen war dies u.a. in der überwältigenden Ausstellung, die der Muttergöttin Anat gewidmet war: ›Women in Anatolia – 9000 Years of the Anatolian Women‹ 1994 im Topkapi Sarayi in Istanbul.

»Forschung ist unerwünscht, wenn sie die gesellschaftlich
verordnete Denknorm sprengt.«
(Gerda Weiler)

Im Katalog der Ausstellung 2007 in Karlsruhe ›Die ältesten Monumente der Menschheit – Vor 12’000 Jahren in Anatolien‹,  , behauptet die Britin Marion Cutting in ihrem Beitrag ›Wandmalereien und -reliefs im anatolischen Neolithikum‹: »Die Theorie der Muttergöttin, die Mellaart aufstellte, wird durch ein im Jahr 2005 gefundenes Stempelsiegel in Tiergestalt – wahrscheinlich eines Bären – endgültig widerlegt.« (Cutting setzt das Wort Göttin in Gänsefüßchen.) Cutting hätte jedoch im Internet ganz einfach die Informationen zur Symbolik der Bären abrufen können und daraus gelernt, dass die Bärin ein steinzeitliches Symbol für Mütterlichkeit, Kraft, Ruhe, Wärme und Schutz war. In diesem Katalog kommen noch andere Autoren zu Wort, die nicht nur Mellaart angreifen. Es ist offensichtlich, dass ein absolut  patriarchales Gremium die Autoren ausgewählt hat. Diese Wahl erlaubt, dass der Archäologe Svend Hansen (S. 194) auch gegen Marija Gimbutas zu Felde ziehen darf. Er schreibt: »Zwar steht die Wissenschaft Versuchen, die verschiedenen historisch überlieferten Muttergottheiten auf eine ›Große Göttin‹ in prähistorischer Zeit zurückzuführen, weitgehend ablehnend gegenüber (Borgaud 2000), Interpretationen, denen zufolge die Statuetten eine ›Große Göttin‹ in verschiedenen Aspekten darstellen, sind dennoch populär. M. Gimbutas (1995) propagierte eine ›Zivilisation der Göttin‹, die auf Ackerbau und Sesshaftigkeit in größeren Siedlungen beruhte, egalitär und matrilinear organisiert und darum friedvoll und kunstliebend war. Auch wenn der klischeehafte Charakter dieser Interpretation leicht zu durchschauen ist (Röder/Hummel/Kunz 1996), sind es gerade die Statuetten, welche immer wieder als scheinbar ›handfeste Belege‹ hierfür herangezogen werden. Dabei wird häufig suggeriert, es handle sich fast ausschließlich um Darstellungen von Frauen (bzw. Göttinnen), was jedoch keineswegs der Fall ist.« Dem widerspricht die deutsche Forscherin Gabriele Uhlmann. Sie schreibt:

»97% der in Südosteuropa gefundenen Statuetten sind Frauendarstellungen.«

Marija Gimbutas ist überzeugt, dass es sich bei den weiblichen Figurinen um Manifestationen der Göttinnen-Verehrung handelt. Natürlich kann ihre These nicht bewiesen werden; was fehlt ist, die Statuetten sind nicht beschriftet!. Die These ist angreifbar, kann aber auch nicht widerlegt werden. Jedoch kann auch Gott nicht bewiesen werden, obwohl Milliarden von Menschen an Jehova, Gottvater und Allah glauben; Glauben ist nun einmal kein Beweis für eine Vermutung oder für die tatsächliche Existenz einer Gottheit.  Die Göttin der Urzeit geht jedoch auf eine faktenbasierte Realität zurück – auf eine Ur-U-Ur-… Mutter, die ja tatsächlich am Beginn der Menschheit unserer Tage stand. Alle männlichen Götter sind jedoch idealisierte Phantasiegestalten, Phantom- oder Geistwesen, männlichen Geschlechts, Erfindungen und infantile Projektionen, denn einen Ur-Ur-Ur-Vater gab es in der Erinnerung der Völker nicht, die Väter waren bis vor wenigen Jahrtausenden unbekannt und unwichtig: Es gab nicht mal eine Bezeichnung für sie. Darum wurde der Ausdruck Vater nach der Entdeckung der biologischen Vaterschaft – rivalisierend mit der vergöttlichten Bezeichnung Mutter – auch derart wichtig, dass sich seither Männer von Rang und Namen, ob im staatlichen oder kirchlichen Dienst Vater nennen und sich mit dem Ausdruck wie mit einem Prädikat, einer höchsten Auszeichnung schmücken, vom geehrten Landesvater bis zum Heiligen Vater, dem Papst.
Marija Gimbutas ist eine seriöse Forscherin, ihr exzellentes, multi-diszplinäres Wissen und ihre Glaubwürdigkeit können nicht angezweifelt werden. Ihre Forschungsergebnisse haben Gewicht und finden Anerkennung, so z.B. ihre Kurgan-Theorie. Dazu lesen wir u.a. in einer 2015 veröffentlichten genetischen Studie von Forschern der Harvard Medical School in Boston, dass diese die Gimbutas Kurgan-Theorie stützt. Die Forscher wiesen zwei Einwanderungswellen nach Europa nach. Zuerst kamen zwischen 5000 bis 6000 die ersten Ackerbauern aus dem Nahen Osten. Dabei erwiesen sich Funde aus Spanien, Deutschland und Ungarn als sehr eng verwandt. Nach 4000 muss es dann eine massive Einwanderung aus den eurasischen Steppen gegeben haben. Die Forscher stellten fest, dass die DNA der untersuchten, zentraleuropäischen Schnurkeramiker zu 75 Prozent mit der von Angehörigen der Jamnaja-Kultur übereinstimmt, einer Nachfolge-Kultur des Kurganvolkes.« (Wikipedia ›Indogermanen‹) (s. ›Massive migration from the steppe is a source for Indo-European languages in Europe‹ http://biorxiv.org/content/early/2015/02/10/013433)

Aus den gleichen Gründen der Abwehr des Matriarchats und der Verehrung der Göttin wurde vermutlich auch die Erforschung der Ur- und Frühgeschichte Ägyptens geopfert, unterbunden und vernachlässigt: Sowohl die muslimischen Ägypter, als auch die christlichen und jüdischen Ägyptologen und Archäologen befürchteten, was sie unter keinen Umständen wahr haben wollen: Je tiefer wir in die urgeschichtliche Zeit zurückgehen, desto eindeutiger ist die alleinige Verehrung einer Großen Göttin. Die urgeschichtlichen Kulturen kannten keine männlichen Götter. Der patriarchale Monotheismus ist demnach nur eine Nachahmung der alleinigen Grossen Göttin der Urzeit. Auch die Idee der Dreifaligkeit, von Vater, Sohn und heiligem Geist geht auf die ägyptische Ur-Triade von Neith, Isis und Nechbet/Nekhbet zurück.

Die Grundfesten der patriarchalen, jüdischen Religion durch die weiblichen Statuetten gefährdet, sah auch der amerikanische Anthropologe Peter Ucko. Das 24-jährige Greenhorn, ein blutjunger Anfänger, der gerade sein Studium der Anthropologie abgeschlossen hatte, behauptete, etwas zu vollmundig, nach eingehenden Untersuchungen, habe er festgestellt, die weiblichen Statuetten  kein Beweis für eine weibliche Gottheit in urgeschichtlicher Zeit seien. Das Verblüffende an der Geschichte ist, dass er gestandenen Wissenschaftlern diktieren konnte, was sie glauben können und was nicht, und das ohne jeden Beleg, außer seiner eigenen Überzeugung. Er meinte: »The common practice of jumping from Bronze Age European figurines to Palaeolithic Venuses and back again to neolithic material is in itself unscientific, for the figurines must be viewed against their economic social background.« (Peter J. Ucko ›The Interpretation of Anthropomorpic Figurines‹ Journal of the Anthropological Institute of Great Britain and Ireland 1962, S. 39) Das muss man allerdings bei allen drei Mono-Religionen berücksichtigen.

Persönliche Meinungen, die wie bei Ucko auf religiöser Befangenheit beruhen und durch keine Beweise verifiziert sind, ungeprüft als ›Tatsachen‹ abzuschreiben, ist nicht besonders klug und ebenso unwissenschaftlich wie seine Behauptungen. Durch ständiges Wiederholen werden Vorurteile auch nicht zu ›Wahrheiten‹. Ucko wird von den patriarchalen MatriarchatsgegnerInnen noch immer als maßgebend zitiert, weil er genau das behauptet, was sie selbst glauben wollen. Einen völlig uninteressanten Beitrag lieferte auch der Prähistoriker Andrew Fleming (›The Myth of the Mother-Goddess‹, World Archaeology 1 / 2 1969, ab S. 241). Fleming meint, dass Theorien von der Muttergöttin meist mehr über die Weltsicht ihrer Vertreter als über die Vorgeschichte verraten. Das ist so, immer fließt die eigene Weltsicht in die Theorien ein – unverkennbar auch bei ihm!

Um unsere Vergangenheit einigermaßen erfassen zu können, braucht es mehr als das patriarchale Schulwissen einer einzelnen Disziplin, beispielsweise der Geschichte, der Archäologie oder der Theologie. Es braucht das Wissen interdisziplinärer Forschungen, als da u.a. sind: der Paläo-Anthropologie, der -Ethnologie, -Linguistik und besonders der ursprünglichen Religion der Göttinnenverehrung. Alle bis heute erfassten Gebiete haben gezeigt, dass die frühesten Kulturen nach mütterlichen Werten organisiert waren, d.h. durchwegs matriarchal, matrilinear und matrilokal, in einer mütterlichen Hierarchie strukturiert waren. Im Gegensatz zur patriarchalen Hierarchie, die auf Gewalt und Gehorsam (Max Weber), also auf Macht gründet, beruht die matriarchale Hierarchie auf mütterlichen Werten; auf Liebe, Verantwortung, Konsens und Friedfertigkeit.

Wenn fehlendes Wissen ersetzt wird durch Vorurteile, willkürliche Spekulationen und beliebige Behauptungen sind wir mit Beschönigungen, Verzerrungen und Unwahrheiten konfrontiert, die von den Akademien, der Politik und den patriarchalen Religionen gewünscht und gestützt werden. Eines ist jedoch sicher und für jeden einsehbar, unsere Vergangenheit war garantiert nicht patriarchal; die Mütter standen im Zentrum.

»Informationsunterdrückung liegt in der Dynamik
der dominatorischen Gesellschaft.« (Riane Eisler)

Es begann mit der Verfälschung der Abstammungslehre

Der Alt-Nazi und betont christlich-patriarchale Ägyptologe Hellmut Brunner behauptet, bei den Filiationsangaben sei der Vater »zu allen Zeiten« genannt worden (LÄ ›Abstammung‹); doch das entspricht keineswegs den Tatsachen. »So weit geht sogar die Ehrfurcht des Sohnes vor der Mutter«, schreibt der Ägyptologe Adolf Erman, »dass in den Gräbern des Alten Reiches mehrfach die Mutter des Verstorbenen neben seiner Gattin dargestellt wird, während das Bild des Vaters fast immer fehlt. Wenn freilich auf den Grabsteinen die Herkunft des Toten oft nach seiner Mutter, nicht nach dem Vater angegeben wird, so ist diese Gewohnheit offenbar ein Rest aus jenen Zeiten, in denen auf die Herkunft von der Mutter [Matrilinearität], die ja allein als gesichert gelten kann, mehr Gewicht gelegt wird als auf die vom Vater.« (Erman ›Ägypten und ägyptisches Leben im Altertum‹, neu bearbeitet von Hermann Ranke, 1984, S. 183).
Selbst bei Moses fehlt vom Vater jede Spur; im Mythos wurde er von seiner Mutter ausgesetzt – oder genau gleich bei Sargon in Mesopotamien –  der sagte: »Der mächtige König, der König von Akkad, bin ich. Meine Mutter war eine Gottesherrin, meinen Vater kannte ich nicht… Es empfing mich die Mutter, die Gottesherrin, im geheimen gebar sie mich, setzte mich in ein Kästchen aus Schilf, mit Erdpech verschloss sie meine Tür, übergab mich dem Flusse.« (Helmut Uhlig ›Die Sumerer – Ein Volk am Anfang der Geschichte‹ 2002, S. 251) Der Vater spielte auch noch bei vielen anderen Helden der Vergangenheit keine Rolle.
»In Ägypten war die Rolle des biologischen Vaters nicht sehr bedeutsam«, schreibt Johanna Holaubek (Lexikon der Ägyptologie, LÄ, VI, 913 f. ›Vater‹). Jedoch gründet die Erfindung der patriarchalen Vaterschaft ausschließlich auf eben diesem biologischen Anteil des Mannes. Holaubek reduziert dann aber die Bedeutung der Mutter auf die Biologie: »Bei der Entstehung eines Menschen war die Vorstellung vom Mutterleib vorherrschend.« (Wer hätte das gedacht!) Sie bemerkt, dass bei der Filiation »auch der Name der Mutter angegeben werden kann« (LÄ ›Vater‹). Tatsächlich ist es genau umgekehrt. Die patriarchatskompatible Frau ist fasziniert von einer angenommenen, besonders ›geistigen‹ Position des Vaters: »Der rein biologische Aspekt der Vaterschaft trat gegenüber dem kulturellen und geistigen in den Hintergrund, d.h. die ägyptische Vater-Sohn-Beziehung umfasste weit mehr als die rein verwandtschaftliche. Durch die Erziehung, die allein die Aufgabe des Vaters war, sollte der Sohn zu dessen geistigem Ebenbild heranwachsen…«. (LÄ, ibd.) Der Vater als Gott und der Sohn als Gott-Vaters Ebenbild. Holaubeks Aussagen entsprechen nicht den Tatsachen. Das Mutterrecht galt im ganzen Vorderen Orient noch lange nach dem erzwungenen Prozess der Patriarchalisierung, der von Anfang an mit starker Gegenwehr verbunden war. Holaubeks Arbeiten sind ein einziger Lobgesang auf den Vater, das ›Familienoberhaupt‹, den ›Erzieher‹, den ›Ernährer‹, den ›Beschützer‹ und natürlich bezieht sie sich auf das Alte und Neue Testament. Frau Holaubek wurde für ihre – das Patriarchat stützende – Arbeit mit dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst ausgezeichnet!

Bei allen Themen, welche das Matriarchat, die weibliche Thronfolge, die Bedeutung der Göttin und der Frau betreffen, können wir uns nicht auf eine objektive und wahrheitsgemäße Wiedergabe der Tatsachen durch die konservativen WissenschaftlerInnen verlassen. Die Ägyptologie ist nun einmal in der patriarchalen Ideologie und Religion beheimatet und verankert und gibt die reelle damalige Lage meist nur verzerrt wieder. Noch in der dynastischen Zeit waren Frauen die Inhaberinnen des Thrones. »Amenemhet I., Thutmosis I., Eje, Haremhab, Ramses I., Smendes, Psammetich I. legitimieren sich oft durch Heirat mit einer Prinzessin«, schreibt Hellmut Brunner und vertuscht damit, dass die Thronfolge immer durch die Heirat mit der Thronfolgerin legitimiert werden musste! Dies gilt zum Beispiel auch für Ramses II, ›der Grosse‹ genannt. Er war nicht adeliger Herkunft, Nefertari, die Königin legitimierte ihn. Er sicherte seine Macht durch Heirat mit der Throninhaberin. Der königliche Thron wurde in Ägypten von Anfang bis Ende in der weiblichen Linie weitergegeben, die matrilineare Erbfolge galt bis Kleopatra, der letzten Königin – und Isis war und blieb die Throngöttin Ägyptens.

Töchter und Söhne des Patriarchats

Carola Meier Seethaler schreibt in ihren ›Kolumnen‹: »Was von der etablierten Theologie, der Archäologie und Ethnologie seit zwei Jahrzehnten an Geschütz gegen die EntdeckerInnen vorpatriarchaler Kulturen aufgefahren wird, reicht von bewusster Zensur bis zum Rufmord und entbehrt jeder wissenschaftlichen Seriosität. So etwa stehen Namen wie Marija Gimbutas oder James Mellaart seit Jahren auf dem Index, ohne dass eine sachliche Auseinandersetzung stattgefunden hätte:

Dass auch junge Akademikerinnen eifrig in diesen Chor einstimmen,
ist die Folge eines verminten Karrierepfads, der nur durch Unterwerfung
unter den Mainstream zum Ziel führt«.
(Meier Seethaler)

Die wichtigsten Beiträge zum Matriarchat und zur Religion der Göttin wurden nicht durch Institute (Universitäten) und religiös gebundene und patriarchal geschädigte WissenschaftlerInnen, sondern durch freie, kreative und intuitive – sogenannt ›außenstehende‹ Frauen und aufgeschlossene Männer gemacht – während die urgeschichtliche Lehre an den Universitäten patriarchal und zunehmend faschistisch und antisemitisch besetzt und instrumentalisiert wurde. Wir können das in der Ägyptologie zur Genüge feststellen, viele Männer der Ägyptologie, der Ur- und Frühgeschichte machten während der Zeit des Nationalsozialismus Karriere (s. www: Doris Wolf ›Die Nähe von Ägyptologie, Religion und Faschismus‹).

»Die dominante und tragende Rolle der Mütter im Matriarchat ist einer der Schwerpunkte, um den Missverständnisse und Ablehnung der Matriarchatsforschung kreisen«, schreibt Christa Mulack.
»Dahinter verbergen sich aber regelmäßig persönliche Projektionen der eigenen Mutterproblematik und damit zusammenhängend die in unserer Kultur übliche Abwertung, Diffamierung und Gängelung von Müttern. Statt sich aber diese Probleme im Hier und Jetzt anzuschauen, werden sie mit Vorliebe auf die Vergangenheit projiziert. Was für viele irritierend wirkt, ist das starke Bewußtsein matriarchaler Menschen, dass sie ihr Leben und Wohlergehen zu allererst den Müttern verdanken und ihnen daher ‚von Natur aus’ eine ‚tragende’, d.h. prägende und bestimmende Position zusprechen. Den Ursprung aus der Mutter zu banalisieren und ihre Position zu negieren und abzuwerten, gehört nun einmal zum Wesen des Patriarchats. Die Dominanz von Müttern und ihren Werten hat jedoch nichts mit einem ‚Mutterkult’ zu tun, wie vielfach behauptet wird. Sie spiegelt vielmehr jene Wirklichkeit wieder, die das Patriarchat zu verdrängen sucht: Die lebenswichtige Bedeutung der Mütter, die jene von Vätern um ein Vielfaches übersteigt.« (Christa Mulack in ›Die Diskriminierung der Matriarchatsforschung‹ 2003, S. 50)

Patriarchatskompatible Studentinnen und WissenschaftlerInnen, Vatertöchter, die den patriarchalen Vätern der Alma Mater, dem Doktor-Vater oder ihren konservativen Kollegen gefallen wollen, übernehmen die patriarchalen Ideologien und Wertvorstellungen, passen sich aufgrund ihrer Abhängigkeit von den meist betont christlichen und frauenfeindlichen Institutionen an und unterwerfen sich, besonders falls sie da Diplome oder Karriere machen wollen. Hinzu kommt ihre eigene christliche Gott-Gläubigkeit und ihre patriarchal-religiöse Überzeugung. Das Verdrängen und Bestreiten der vor-patriarchalen Religion findet aufgrund von völlig unhaltbaren Rückschlüssen der heutigen Zeit auf die religiöse Welt von damals statt, als Gott eine Frau war.

Sogenannt universitäre WissenschaftlerInnen scheinen noch nicht durchschaut zu haben, dass mit der Entstehung des Patriarchats ungeheure Veränderungen im religiösen Bereich, von der Göttin zu den ersten männlichen Göttern stattfanden. Die weibliche Unterstützung bei der Abwertung der unzähligen gefundenen weiblichen Statuetten wird von den patriarchalen Autoritäten sehr geschätzt – nicht zum Nachteil der Zudienerinnen! Doch der Karrierevorteil trügt. Die das Patriarchat unterstützenden Autorinnen werden wohl erst später realisieren, dass sie ihren Ruf als selbständig denkende Wissenschaftlerinnen damit aufs Spiel gesetzt haben.

Meret Fehlmann, eine dezidiert christlich-patriarchale Matriarchats-Gegnerin, meint, mit ›Matriarchat‹ bezeichne man: »Die Dominanz der Frau in der Familie sowie ihre politische Herrschaft, wobei es Ansätze gibt, die dafür plädieren, dass die Prägung des neuen Begriffs hauptsächlich auf die Macht der Frau im familiären, nicht staatstragenden Bereich verweise«. (Fehlmann ›Das Reden vom Matriarchat‹ 2011 S. 19) Zum Begriff Gynaikokratie schreibt sie, der sei bereits in der griechischen Antike von einzelnen Historikern gebraucht worden, um so die Andersartigkeit der Frauenherrschaft in fremden Ländern und Stämmen und »wohl auch ihren Barbarismus und ihre Unterentwicklung im Vergleich zur griechischen Kultur zu betonen… Entsprechend dieser Vorstellung resultierte aus der Zügellosigkeit und dem Luxus eine Verweichlichung, gar Verweiblichung der Männer.« (Fehlmann ibd. S. 19) Die voreingenommene Autorin sollte sich vielleicht einmal das Buch von Ernest Bornemann ›Das Patriarchat‹ zu Gemüte führen, in dem er die Rechtlosigkeit und Verachtung der Frauen durch verrohte Machos in der griechischen Antike aufzeigt. Fehlmann ist nicht die einzige Vorzeigefrau des Patriarchats und mit ihren Ansichten nicht allein. Mit einem gehässigen Rundumschlag gegen die Matriarchatsforscherinnen und die zahllosen Indizien der Göttinnen-Verehrung schreiben drei Archäologinnen dagegen an (Röder, Hummel, Kunz ›Göttinnendämmerung – Das Matriarchat aus archäologischer Sicht‹ 1996) Die offensichtlich befangenen, geistig-patriarchalen Archäologinnen werden für ihre Arbeit im Dienst des Patriarchats geschätzt. Der Archäologe Alexander Häusler lobt die drei  Frauen, die voll und ganz auf seiner Linie sind: »Die Annahme eines Matriarchats im Neolithikum ist in den Bereich der Legenden zu verweisen, wie eine umsichtige Behandlung des Themas, auch in Bezug auf M. Gimbutas, zeigt.«
Die drei Frauen haben offensichtlich auch Mühe damit, dass das »Phänomen der Matriarchatsforschung… nicht aus der Feder von Fachleuten…, sondern von fachfremden ForscherInnen« stammen, da könne eine »Kollision zwischen universitärer und außeruniversitärer Archäologie nicht ausbleiben.« (›Göttinnendämmerung‹ S. 185, 191, 347, 351). Die Damen sind vermutlich verärgert darüber, dass nicht nur ›streng wissenschaftliche‹ Werke, sondern auch Bücher publiziert wurden, die sich an ein »weiteres Publikum richteten«, wodurch die Vorstellung der matriarchalen Vorzeit »popularisiert« worden sei. Wenn sich ›ganz gewöhnliche‹, nicht einseitig patriarchal, universitär Ge- oder Verbildete, von ihnen wohl als geistig minderbemittelte Frauen und Männer eine eigene Meinung bilden können, tut das der exklusiven universitären Wissenschaft in ihren Augen einen unzumutbaren Abbruch.
Wissenschaftlichen Gütekriterien von Objektivität, Validität und Überprüfbarkeit halten die tendenziösen Aussagen der drei Archäologinnen nicht stand. Sie haben jedoch eine dankbare geistige Nachfolgerin in Meret Fehlmann gefunden, von der sie ausgiebig zitiert werden. Diese schreibt 15 Jahre nach Erscheinen der ›Göttinnendämmerung‹: »Die drei Archäologinnen halten es für eine Pflicht ihrer Disziplin, auf die Frage nach der Existenz prähistorischer Matriarchate zu antworten. Sie kommen am Ende ihres umfangreichen Buches zum Schluss, dass sich dieses durch die Archäologie nicht beweisen lasse.« (Fehlmann ibd. S. 27) Ein ›umfangreiches Buch‹ sagt noch gar nichts über den Wert und Gehalt seines Inhaltes aus und wenn sich die drei Frauen an die ›Pflicht ihrer Disziplin‹ halten würden, ja,  – aber sie urteilen nicht auf der sachlich archäologischen, sondern auf der emotionalen Ebene und das mit unglaublicher moralischer Voreingenommenheit, die wohl christlich begründet ist.
Fehlmann greift das Thema der freien, ›universitätsungebundenen‹ ForscherInnen ebenfalls auf. Sie schreibt: »Im ausgehenden 18. und 19. Jahrhundert fand eine allmähliche Entwicklung des Faches durch Amateure statt. Als wissenschaftliche Disziplin entwickelte sich die Archäologie während des 19. Jahrhunderts, war aber das gesamte Jahrhundert hindurch noch nicht universitär verankert.« (Fehlmann S. 136) Es gehe dabei – und das ist ein aufschlussreicher Hinweis auf ihre ebenfalls befangene religiöse Haltung: um »eine Geschichtsentwicklung ohne Beteiligung Gottes« (Fehlmann ibd. S. 144). ›Eine Geschichtsentwicklung ohne Beteiligung Gottes‹ ist offenbar für diese Frau nicht denkbar. Auch die Tatsache, dass in der bereits zunehmend patriarchalisierten Zeit viele Völker an einen sterbenden und wiederauferstehenden ›König‹ glaubten, wie etwa Osiris, Dumuzi, Attis, Adonis, diese aber mit der Auferstehung von Jesus zu vergleichen stört sie, »dies diskreditiere das Christentum als eine Religion unter vielen«. Fehlmann kann nicht akzeptieren, dass es das Christentum ja tatsächlich auch ist und dass patriarchale Religionen Machtmittel der Herrschenden sind. Ein fundamentalistischer Absolutheitsanspruch des Christentums ist einigermaßen naiv und der Grund für Intoleranz und Gewalt unter den Anhängern der verschiedenen Religionen, die alle für sich die absolute ›Wahrheit‹ reklamieren und die andern Religionen diskreditieren.
Unter anderem scheint auch Fehlmanns Einstellung zur Sexualität – was man bei den drei Archäologinnen der ›Göttinnendämmerung‹ ebenfalls annehmen muss –, viel christlich-moralischen Ballast mit sich zu schleppen, der sie dazu verführte, eine geradezu unverschämte, eine die Würde und Persönlichkeit der verdienten britischen Archäologin und Autorin Jacquetta Hawkes verletzende Indiskretion zu begehen: Im Jahr 2005 seien »bis anhin unbekannte, persönliche Dokumente aufgetaucht, die belegen, dass ihr in ihrem Privatleben eine permissive, gelebte Sexualität wichtig war.« (Fehlmann S. 183, Fußnote 214) Was hat eine solche Bemerkung in einem Sachbuch zu suchen, wenn nicht die Diskriminierung der angesehenen Forscherin durch einen rigiden christlichen Moralismus?

Patriarchale WissenschaftlerInnen scheinen sich ständig durch andere Ansichten bedroht, ob universitär oder nicht, ob von Autoritäten oder AußenseiterInnen, ob auf ihr eigenes Fachgebiet oder auf die Religion bezogen. Es ist auffallend, dass mit wenigen Ausnahmen, z.B. der Archäologin und Universitätsdozentin Marija Gimbutas, oder der Philosophin, Dozentin und Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth und Claudia von Werlhof, emeritierte Professorin für Frauenforschung am Institut für Politikwissenschaft der Universität Innsbruck, Gerda Lerner, Historikerin und Pionierin der Women’s History (Frauengeschichte) usw. die Arbeiten von Frauen und Männern aus ›fachfremden‹ Gebieten und damit von AußenseiterInnen stammen, z.B. von Merlin Stone: Kunsthistorikerin und Bildhauerin; Carola Meier-Seethaler: Philosophin und Psychologin, Gerda Weiler: Psychologin und Pädagogin, Lucie Stapenhorst: Familienfrau und ehemalige Religionslehrerin, Mary Daly: Philosophin und Theologin, Riane Eisler: Soziologin und Schriftstellerin, Christa Mulack Theologin und Pädagogin; Marie E.P. König: autodidaktische Höhlen- und Symbolforscherin der paläolithischen Zeit, Erika Wisselinck: feministische Journalistin, Autorin und Übersetzerin usw. usw. Es sind in erster Linie engagierte, intelligente »Querdenkerinnen, die gegen die Unvernunft der männlichen Welt protestieren – gegen die steigende Armut, die Zerstörung der Umwelt, gegen Krieg und Gewalt und gegen den männlichen Machbarkeitswahn. Sie korrigieren den Maßstab, an dem wir unsere Geschichte, unserer Vergangenheit und unsere Zukunft messen.« (Annette Kuhn, Vorwort in ›Die Chronik der Frauen‹ 1992)

Und nicht zuletzt denken wir auch an verdiente Männer: z.B. den oft abwertend zitierten Rechtshistoriker Johann Jakob Bachofen, den Religionswissenschaftler Helmut Uhlig, den Paläolinguisten Richard Fester, den Psychoanalytiker Erich Fromm und seinen Kollegen Erich Neumann, den Kunstkenner und Architekturhistoriker Sigfried Giedion, den Erforscher der Griechischen und Römischen Antike Ernest Bornemann und sein gewichtiger Beitrag zum Patriarchat, den Handwerker, Elektriker, Laien-Prähistoriker und Archäologen Alfred Rust, oder Lewis Mumford, von dem geschrieben wird: »eine nähere Kategorisierung als Historiker, Philosoph, Soziologe oder gar Schriftsteller wird dem interdisziplinären Charakter von Mumfords vielfältigem Schaffen kaum gerecht.« (Wikipedia) Diese ›universitär ungebundenen‹ Autorinnen  und Autoren sind unvergleichlich interessanter und gebildeter, haben mehr Lebenserfahrung und Weisheit, als die KritikerInnen der Matriarchatsforschung; es zeichnet sie ein weitaus breiteres und umfassenderes, vor allem ein multi- und interdisziplinäres Wissen und langjährige ›außeruniversitäre‹ Arbeit, ein freies, investigatives Forschen und eine unbestechliche Klarheit, Mut und Vorurteilslosigkeit aus.

Die Forderung nach ausschließlich universitärer Interpretations-Zuständigkeit fördert eine unzumutbare ›universitäre Inzucht‹, eine Bildungs-Dünkelhaftigkeit, die für sich das Recht beansprucht, ihre respektlosen Vorurteile seien als einzige richtig, weil ›wissenschaftlich‹ und ›traditionell‹ zu akzeptieren. Die Engstirnigkeit liegt nicht zuletzt am Fehlen eines breiten Wissens, besonders dann, wenn man sich ausschließlich auf den immerhin beschränkten Wissensfundus und die gebetsmühlenartigen Wiederholungen der eigenen Disziplin beschränkt und oft genug anderes Wissen als unbedeutend, veraltet, falsch, ›unwissenschaftlich‹, ihre Darstellungen ›vereinfachend‹, ›zu pauschal‹, ›verallgemeinernd‹ usw. einstuft und einfach ablehnt oder diskreditiert. Patriarchale Wissenschaftler lassen Themen wie Matriarchat und Patriarchat außen vor; diese sind für sie irrelevante, sogar störende Aspekte. Es sind fast immer Frauen, die der Aufklärung dienen, die diese Aufgaben aufgreifen. Sie sind meist keine Historikerinnen, weshalb sie von Historikern ignoriert werden.

Es braucht keine WissenschaftlerInnen mit einem Brett vor dem Kopf:

»Es braucht breit denkende Natur- und Geisteswissenschafter«, schreibt Gottfried Schatz und fährt fort:
»Nichts ist für unsere Gesellschaft gefährlicher als gut ausgebildete, aber ungebildete Wissenschafter; Universitätsabsolventen, die nur ihr enges Fach beherrschen, aber sonst wenig oder nichts wissen. Viele Universitäten sind eine lose Kollektion von Berufsschulen, aber keine Bildungsstätten. In diesem Punkt versagen unsere Unis.« (Gottfried Schatz, NZZ 17.8.2008) Bei Herrn Schatz kann man annehmen, dass die Frauen mitgemeint sind.

Der Ärger jener Frauen, die sich so viel Mühe geben, den patriarchalen Wissenschaftsansprüchen zu gefallen, ist verständlich: Universitätsunabhängige Matriarchatsforscherinnen, unterwerfen sich nicht, passen sich der patriarchalen, ›universitären Wissenschaft‹ nicht an, was die Angepassten, die sich aus ideologischen, bildungspolitischen, religiösen Abhängigkeiten oder Karrieregründen dem patriarchalen Diktat beugen müssen, keine eigene ­Meinung haben oder vertreten dürfen, natürlich verstimmt. Doch geht es hier nicht um ›universitäre‹ ­versus ›außer-universitäre Wissenschaft‹, sondern um den Widerstand der Matriarchatsforscherinnen gegen die gewohnte patriarchale Vereinnahmung und Auslegung unserer ­Vergangenheit, ja noch mehr: Es geht um die Befreiung von falscher Wissenschafts- und ­Autoritätsgläubigkeit, d. h. um eine neue wissenschaftliche Freiheit, die allein Redlichkeit, Mut, Aufgeschlossenheit und Unbestechlichkeit gegenüber den bisherigen Interpretationen der ­Forschung garantiert und sich damit nicht durch die gewohnte eindimensional verbildete, ›universitäre‹ patriarchale Lehre, der Politik und der Kirche vereinnahmen lässt. Dass es durchaus nicht gegen ›nicht-universitäre Außenseiterinnen‹ geht, sieht man am Beispiel von Marija Gimbutas, die zahllosen, ungeheuer bösartigen Attacken – auch von dezidiert patriarchalen Frauen – ausgesetzt war. Eine der harmloseren Begebenheiten männlicher Zensur erzählt die renommierte Universitätsprofessorin in einem Interview: Der Verleger habe sich geweigert, die erste Auflage ihres Buches mit der Überschrift ›Goddesses and Gods‹ zu publizieren; er änderte den Titel um in ›Gods and Goddesses‹!

Meret Fehlmann erlaubt sich die dreiste Bemerkung: »Marija Gimbutas (1921–1994) ist eine zentrale Figur für die Popularisierung der Rede vom Matriarchat in den 1980er und 1990er Jahren, da sie als Archäologieprofessorin dem Bezug auf die matriarchale Vergangenheit einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben vermochte.« (Fehlmann ibd. S. 168) Das ist starker Tobak! Aber Fehlmann geht noch einen Schritt weiter. Sie deutet an, Marija Gimbutas könnte eine Anhängerin der Ideologie von Herman Wirth gewesen sein: »Herman Wirth muss man als überzeugten Nationalsozialisten bezeichnen. Er war NSDAP und SS-Mitglied«, der dank seiner Bekanntschaft mit Heinrich Himmler von diesem unterstützt wurde. »Wirth verdankte diesem Kontakt das Ehrenpräsidium des 1935 von Himmler gegründeten ›SS-Ahnenerbes‹.« (Fehlmann ibd. S. 214) Ihre schlecht kaschierte Unterstellung, Marija Gimbutas (u.a. auch die Urgeschichtsforscherin Marie E.P. König) sei eine Sympathisantin nationalistischen Gedankenguts, mit der Begründung: »Wirth, König und Gimbutas teilten eine starke Ablehnung und Abwertung der orientalischen Hochkulturen. Marija Gimbutas studierte zwischen 1944 und 1949 in Österreich und Deutschland Archäologie; inwiefern sie damals mit Schriften von Herman Wirth in Berührung gekommen ist, lässt sich nicht nachweisen… Jedoch ist Wirth als populärer Autor zu betrachten, dessen Werk auch in der Nachkriegszeit Neuauflagen erlebte und Marie König sowie Marija Gimbutas eventuell zu einer Weiterinterpretation seiner Vorstellungen inspirierte.« (ibd.) Von Fehlmann kommt auch noch eine weitere gewagte Unterstellung, die dem spirituellen Feminismus nicht nur »Gedankengut aus der völkischen Bewegung« unterschiebt, sie bezeichnet ihn sogar als »eurozentristisch, rassistisch und antisemitisch.« (Fehlmann ibd. 2011, S. 18) DAS IST RUFMORD, FRAU FEHLMANN!

Fehlmann kennt ganz offensichtlich die vorpatriarchale Geschichte des östlichen Mittelmeerraums nicht. Sie will die geschichtlich, religions-geschichtlich und archäologisch erwiesene Bedeutung und Wichtigkeit der Großen urgeschichtlichen Göttin, die sie nach der Eroberung durch die patriarchalen Indo-Europäer und den ersten patriarchalen Königsdynastien in Ägypten und Mesopotamien noch lange behielt, nicht akzeptieren. Weiß sie nicht, dass noch im 1. Jahrtausend v.u.Z. die Propheten in Israel gegen die Verehrung der Göttin Astarte mit grobem Geschütz ankämpften? Oder die Tatsache, dass die Göttin Isis erst durch das Christentum eliminiert wurde (s. ›Der Kampf gegen die Muttergöttin und ihre Ermordung: Die Drachenkämpfe‹)

In der Rezension des Buches von Fehlmann werden ihre Thesen von Beatrix Mesmer, emeritierte Professorin für Schweizer Geschichte der Universität Bern, gestützt. Sie sieht in der Matriarchatsforschung »einen Flügel von Radikalfeminismus« und schreibt: »Die Betonung einer durch Rituale vermittelten weiblichen Spiritualität verfestigt das überkommene Konzept naturgegebener Geschlechtscharaktere und steht ganz im Widerspruch zur heute geltenden Gleichstellung von Frau und Mann.« Das mag zwar in der Theorie und aus der Sicht der patriarchalen Wissenschaft, die noch immer an den Universitäten gelehrt wird, stimmen, ist jedoch in der Praxis noch lange nicht umgesetzt. Zu ihrem großen Bedauern meint Frau Mesmer: »Dass in Teilen der neuen Frauenbewegung eine Identifikation mit den Hexen stattfand, die angeblich die Weisheit und die Kulte der matriarchalen Vergangenheit bewahrt hatten, stärkte die Abwehr gegen das noch immer als Feindbild stilisierte Patriarchat« (Beatrix Mesmer ›Wie die Wissenschaft den Glauben an das Matriarchat relativiert: Eine Zürcher Dissertation bereitet Quellen mutterrechtlicher Vorstellungen auf‹, NZZ am Sonntag 28.8.2011). Doch das Patriarchat braucht man nun wirklich nicht ›zum Feindbild zu stilisieren‹; die Realität beweist das total verrohte, menschenfeindliche, gewalttätige, kriegstreibende, frauenverachtende und rassistische Patriarchat tatsächlich täglich selbst.

Ungeheuerlich ist auch die diskriminierende Andeutung des Prähistorikers und Archäologen Alexander Häusler (* 1930). Aufgrund eines Zitates aus Hitlers Rede vor dem Reichsparteitag in Nürnberg vom 19.9.1933 schreibt er: »Man könnte fast geneigt sein, in Marija Gimbutas den Ghostwriter des Führers zu sehen, würden die Lebensdaten nicht dagegen stehen.« Eine UNVERSCHÄMTHEIT! Häusler verwirft Gimbutas Thesen in Bausch und Bogen. Es geht auch ihm um den Kampf gegen das Wissen vom Matriarchat und der Göttinnenverehrung wie jenen ultrakonservativen und fundamentalistischen Religionsangehörigen jüdischer und christlicher Provenienz in den USA die Marija  Gimbutas drängten, auf den Begriff ›Matriarchat‹, der auch soziale, religiöse, wirtschaftliche und politische Dominanz der Frauen beinhaltet, zu verzichten.
Aber es gab schon damals Widerstand gegen die Diskriminierung der Matriarchatsforschung. »Auch innerhalb des Faches lief dieser Wechsel nicht ohne Reibung und Widersprüche ab«, weiß Fehlmann: »Margaret Murray (1862–1963) und Jacquetta Hawkes (1910–1996) waren empört und hielten an der matriarchalen Vorzeit fest. So erstaunt es nicht, dass dieser neue Konsens im breiteren Publikum nicht angekommen ist, dies belegen Werke bis in die Gegenwart.« Fehlmann begründet es damit, dass »in den 1960er und 1970er Jahren die alten Schulbücher noch in Gebrauch waren, auch wurde Hawkes’ ›A Land‹ 1978 unverändert neu aufgelegt. In diesem Buch vertritt die Autorin uneingeschränkt die Überzeugung eines aus dem östlichen Mittelmeerraum stammenden neolithischen Kultes einer Großen Göttin und einer matriarchalen Gesellschaftsstruktur.« (Fehlmann S. 159)

Marija Gimbutas die verdiente Archäologin, die nicht nur Großes auf dem Gebiet der Göttinnen- und Matriarchatsforschung leistete, war auch eine Expertin und Pionierin der Indo-Europäer-Forschung. Der bekannte Populationsgenetiker Luigi Luca Cavalli-Sforza »erklärte einem Interviewer der New York Times vom 27.7.1993 ausdrücklich, seine Recherchen bestätigen, dass der Genpool der indoeuropäischen Stämme aus den eurasischen Steppen in zeitlicher und räumlicher Hinsicht genauso nach Europa kam, wie Gimbutas dies beschrieben hatte, und dass er sich auch entsprechend ihren Aussagen quer durch Europa bewegt habe. Unter dem Titel ›Genetic Evidence Supporting Marija Gimbutas’ Work on the Origins of the Indo-European People‹ formulierte er seine Bestätigung von Gimbutas Kurgan Hypothese in der posthum veröffentlichten Festschrift für Marija Gimbutas. Seit dieser Zeit fahren Cavalli-Sforza und sein Team fort hervorzuheben, dass ihre eigene Forschungsarbeit in dem Bereich, in dem Gimbutas tätig war, die von ihr gezogenen Schlüsse unterstützt.« (Charlene Spretnak ›Die wissenschaftspolitische Kampagne gegen Marija Gimbutas‹ in ›Die Diskriminierung der Matriarchatsforschung‹ 2003, S. 88–108 passim)

Gimbutas »wissenschaftlicher Hintergrund war interdisziplinär und umfasste Grundwissen in Linguistik, Ethnologie und Religionsgeschichte, was für eine Archäologin ungewöhnlich war« (Wikipedia). Aufgrund ihrer Publikationen zur Geschichte der matriarchalen Kulturen und der Religion der Großen Göttin wurde sie vor allem in den USA ungeheuren Angriffen ausgesetzt, eingeschüchtert und diffamiert. Es handelte sich vor allem um fanatische evangelikale Kreationisten, die sie anfeindeten. Diese haben nicht nur die Universitäten sondern ganz Amerika im konservativ-religiösen Griff. Sie nehmen den biblischen Schöpfungsbericht – gegen jede Vernunft und wissenschaftliche Erkenntnis – wörtlich. Sie glauben, dass der biblische Gott die Welt vor 5000 bis 6000 Jahren in sechs Tagen erschaffen habe. Diesen Bibelgläubigen ist jede Abweichung von ihrer patriarchalen Meinung ein Aufruf zum Kampf. Die verdiente Wissenschaftlerin wurde in den USA jedoch zu Lebzeiten mit vielen Anerkennungen und Preisen ausgezeichnet, darunter »Fellow of Harvard’s Peabody Museum (1955), The Outstanding New American Award, (1960), der Humanities Endowment Award (1967), der Los Angeles Woman of the Year Award (1968), Fulbright und American Academy of Sciences Fellowships, sowie Auszeichnungen des Smithsonian Instituts, der National Science Foundation und anderer erstrangiger Institutionen, die ihre Arbeit unterstützten.

Sie lehrte in Harvard im Fachbereich Anthropologie und wurde 1955 wissenschaftliches Mitglied der Forschungsgemeinschaft am Peabody Museum, Harvard. 1963 wurde sie als Professorin für Archäologie an die University of California, UCLA, Los Angeles berufen, wo sie bis zu ihrem Ruhestand 1989 lehrte. Im Juni 1993 bekam Marija Gimbutas den Ehrendoktor der Vytautas-Magnus-Universität Kaunas (Litauen), verliehen. Die außerordentliche Wertschätzung, die ihr der litauische Präsident, Studenten und Wissenschaftler entgegenbrachten, zeigte sich noch einmal bei ihrem Begräbnis, an dem Tausende teilnahmen. Gimbutas hat 20 Bücher und über 300 wissenschaftliche Artikel veröffentlicht.« (Wikipedia)

Unter dem Druck der religiösen Fundamentalisten, aber auch von Kolleginnen und Kollegen ihrer eigenen Zunft, war Marija Gimbutas schließlich bereit, die Bezeichnung ›Matriarchat‹ aufzugeben und den Begriff aufzuspalten in ›matristisch‹ und ›matrilinear‹, was die umfassendere Bedeutung des Begriffs Matriarchat, vor allem seine politische Dimension schmälerte, schwächte und schließlich zum Verschwinden brachte. Einige AutorInnen in Europa fügten sich dem patriarchalen Druck aus Amerika ebenfalls. Aber eigentlich ist der Kampf der Braven und Frommen paradox; sie kämpfen tatsächlich gegen etwas, das es nie gegeben hat, eine HERRSCHAFT DER FRAUEN.

Marija Gimbutas schreibt: »Die Schwierigkeiten, die sich in der anthropologischen Forschung des 20. Jahrhunderts mit dem Begriff ›Matriarchat‹ verbinden, haben ihren Grund in der Tatsache, dass er als Spiegelbild des Patriarchats oder der Androkratie interpretiert wird – das heißt als eine hierarchische Struktur, in der Frauen anstelle von Männern gewaltsam die Macht ausübten. Das ist weit entfernt von der Realität des Alten Europa. Tatsächlich begegnet uns nirgendwo im Alten Europa oder sonst in der Alten Welt ein auf der Unterdrückung des andern Geschlechts basierendes System autokratischer Frauenherrschaft… Um den Begriff Matriarchat zu vermeiden, benutze ich das Wort matristisch, das in diesem Fall die Bedeutung von matrilinear mit einschließt.« (Marija Gimbutas ›Die Zivilisation der Göttin‹ 1996, S. 324)

Ein großer Teil der deutschsprachigen Wissenschaft ist zutiefst von patriarchalem Denken, von faschistischer und judeo-christlicher Ideologie durchtränkt. Der Grund liegt in der brutalen Vergangenheit von Faschismus, Krieg und Judenmord. In Deutschland »hinterließ die Erfahrung einer von den Nationalsozialisten instrumentalisierten Kulturwissenschaft Spuren. Die Angst vor Aussagen, die politischen Charakter haben könnten, führte besonders in der Ur- und Frühgeschichte zu einem Rückzug auf das Sammeln von Daten.
Theorie wurde zu einem gemiedenen Terrain. Dementsprechend werden theoretische Entwicklungen, die die Archäologie der englischsprachigen Länder in ganz neue Bahnen gelenkt haben, hierzulande mit größter Zurückhaltung, wenn nicht gar mit pauschaler Ablehnung rezipiert.« (Reinhard Bernbeck ›Theorien in der Archäologie‹ 1997, S. 33 f.). Außerdem »sind die universitären Strukturen in Deutschland einer theoretischen Offenheit hinderlich.« (ibd. S. 34)

Die patriarchatsgläubigen WissenschaftlerInnen kämpfen verzweifelt gegen längst ins Wanken gekommene ›Gewissheiten‹ und halten sich mit Diskriminierungen am letzten Zipfelchen ihrer überholten ›Wahrheiten‹ fest.

»Eine neue wissenschaftliche Erkenntnis lässt sich gewöhnlich nicht so darstellen,
dass ihre Gegner überzeugt sind. Diese sterben vielmehr aus, und eine nachwachsende Generation ist von Anfang an mit der Wahrheit vertraut.«
(Max Planck)


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