Die Lüge vom Krieg in der Altsteinzeit

Der jungpaläolithische Friedhof 117 von Jebel Sahaba in Nubien/Sudan

Mit dem Baubeginn des großen Assuan-Staudammes 1960 wurde, gesponsert von der Unesco, ein enormer Aufwand finanzieller und technischer Art in die Rettung – vor allem der Denkmäler der pharaonischen Zeit – investiert; man denke etwa an die gigantische Versetzung der Tempel von Abu Simbel. Dagegen entschloss sich eine kleine Gruppe von Archäologen etwas zur Rettung des kulturellen Lebens der Nubier beizutragen, etwas von ihrem Erbe, ihrer Hinterlassenschaften zu dokumentieren und zu erhalten. Im Hinblick darauf, dass viele der Stätten bereits mit dem ersten Staudamm für immer im Nil versunken waren, hatten sie allerdings keine allzu großen Erwartungen, signifikante Funde oder eine außergewöhnliche Entdeckung zu machen.
Der Anthropologe/Archäologe Fred Wendorf konzentrierte sich u.a. auf erneute Ausgrabungen im heute berühmten Cemetery 117, dem Friedhof von Jebel (Gebel) Sahaba, nördlich von Wadi Halfa. Hier fand er 59 sehr sorgfältig bestattete Personen; davon 24 Frauen, 19 Männer, 13 Kinder – vom Kleinkind bis 15 Jahre – alle ausgezeichnet erhalten – und Fragmente von drei Personen, bei denen Alter und Geschlecht nicht ermittelt werden konnten. Das Alter der Bestattungen aus dem Jungpaläolithikum wurde mit 13.000 bis 14.000 Jahre angesetzt.
Die Toten auf dem Friedhof Jebel Sahaba waren – in der matriarchalen Zeit üblichen embryonalen Lage – bestattet, welche dem Glauben an die Wiedergeburt aus dem Körper einer Frau entspricht. In Jebel Sahaba herrschte stille Friedhofsruhe, kein Chaos, nichts, was auf Gewalt, ein feindliches Geschehen, ein Massaker, geschweige denn einen Krieg hingedeutet hätte. Eigentlich könnte man annehmen, dass es sich hier um einen der herkömmlichen Friedhöfe dieser Zeit handelte; mit einer durchschnittlichen Anzahl von bestatteten Frauen, Männern und Kindern. Die Gräber der Jungsteinzeit zeigen keine Altersunterschiede bei der Sterblichkeit zwischen Frauen und Männern und es gibt keine Hinweise für eine hohe Mortalität der Frauen, auch nicht für eine hohe Kindersterblichkeit. Man fand man nur ein Kleinkind unter sechs Monaten, ein Kind zwischen drei und fünf und zwei zwischen sechs und sieben Jahren.

Der Friedhof 117 von Jebel Sahaba mit der Lage und Position der sorgfältig bestatteten Toten
(Fig. 3 nach Fred Wendorf ›The Prehistory of Nubia‹ II, 1968, S. 956)

Im Laufe seiner Arbeiten zwischen 1961 und 1966 fand Wendorf bei etwa 40% der Bestatteten zwischen einem bis 27 zum Teil gar nicht, nur minimal oder mehr oder weniger stark bearbeitete Silexsteine. Einige der Abschläge seien wohl Schaber oder Stichel, die zufällig in Positionen lagen, wo ihre Funktion nicht klar sei. Silexsteine waren keine Werkzeuge und keine Waffen; Silex galt als heilig (s. DW 2017, S. 98). Die Steine waren immer auf und um den Körper der Toten verteilt, jedoch fand Wendorf insgesamt fünf Steinabschläge in Knochen und zwei in Schädeln von vier Skeletten. Die Knochen mit den darin befindlichen Mikrolithen sind bei Wendorf abgebildet, leider sind die Fotos nicht scharf genug, um auszumachen, von welcher Form und Größe diese sind. Wohl aufgrund dieser 5 Funde – es gab keine anderen Gründe – behauptet Wendorf nun, bei allen Steinen handle es sich um Geschoßteile und andere Waffen, die für ein Massaker, wenn nicht gar für einen Krieg verwendet wurden, und dass diese mit dem Tod der Individuen im Zusammenhang ständen. Jedoch, alle urgeschichtlichen Gräber der jüngeren Steinzeit enthielten heilige Silexsteine, die den Toten als Grabbeigaben mitgegeben wurden. Wendorf ist überzeugt, dass die meisten der Grabbeigaben als Waffen betrachtet werden müssen, und dass diese für den unmittelbaren Tod der Bestatteten verantwortlich waren. Eine andere Erklärung sei unangemessen und erscheine nicht plausibel. Nach seiner Interpretation starb beinahe die Hälfte der Population eines gewaltsamen Todes. Wendorf glaubt, dass alle Männer, Frauen und Kinder in einen einzigen Kampf miteinbezogen waren. Er stellt zwar fest, eine derartige Häufung von Gewalt, die er festgestellt haben will, sei eine abnorme Erscheinung und es gebe auch keine direkten Hinweise auf die Umstände, die dafür verantwortlich seien. Erstaunlicherweise gab es jedoch bei den Skeletten keine Anzeichen, die auf Gewalt oder einen Kampf hingewiesen hätten. Wendorf gibt zu, dass z.B. Beschädigungen bei den fragmentierten Skeletten auf die Aushebung neuer Gruben zurückgeführt werden könne. Paradoxerweise schreibt er trotzdem, dass Gewalt in dieser Zeit sehr verbreitet gewesen sein müsse, »wenn wir den Friedhof von Jebel Sahaba als typisch annehmen« (S. 992). Das sollten wir allerdings nicht tun; ausser wir sehen den Friedhof mit seinen ›durch Gewalteinwirkung‹ Verstorbenen als Ausnahme oder als Fehlinterpretation eines Wissenschaftlers, der davon ausgeht, dass es Krieg und Gewalt ›schon-immer‹ gegeben haben muss!
Vor Wendorf waren 1962 schon zwei andere Archäologen, R. Paepe und Jean Guichard, in Jebel Sahaba beschäftigt. Die beiden Archäologen scheinen nichts von der Gewalt festgestellt zu haben, von der Wendorf ausgeht. Aus dem Sudan gibt es gesammeltes Datenmaterial von insgesamt beinahe hundert sorgfältig durchgeführten Ausgrabungen, die einen Zeitraum von vielleicht hunderttausend Jahren umspannen. Wendorf berichtet darüber in seiner ›Summary of Nubian Prehistory‹ (1968, S. 1041-1059) und stellt fest, dass die Masse des ausgewerteten Materials überwältigend sei. Viele, oder die meisten der Gräber enthielten wie in Jebel Sahaba Silexsteine als Grabbeigaben; diese unterscheiden sich in keiner Weise voneinander. Auffallend müsste für Wendorf gewesen sein, dass von keiner dieser Ausgrabungen Berichte von Gewalt vorliegen; was für ihn jedoch kein Grund gewesen zu sein scheint, seine These in Frage zu stellen. Wendorfs Interpretation des Friedhofes von Jebel Sahaba ist eigenartig und nicht erklärbar. Hatte Wendorf sich einfach verrannt, wollte er unbedingt eine großartige Entdeckung gemacht haben, in die Geschichte der Archäologie und in die Geschichte des Militarismus eingehen? Wir werden es wohl nie wissen.
Es gibt zu Jebel Sahaba noch mehrere bisher unbeantwortete Fragen. Könnten die Mikrolithen in den Knochen und den Schädeln nicht erst nach dem Tod, z.B. durch einen groben Hieb mit einem Spaten oder durch den tonnenschweren Camion verursacht worden sein, mit dem die Forscher über das Gelände fuhren und parkierten. Die porösen Knochenskelette, die wegen der Erosion der Oberfläche manchmal unmittelbar oder nur zwischen 10 und 35 Zentimetern unterhalb der Erdoberfläche lagen, könnten sehr wohl durch die Schwere der Lastwagen eingedrückt worden sein und die mysteriösen Steinsplitter in den Knochen und auch Kratzer auf den Knochen erklären. Eine andere Frage betrifft die Bestattung der mehr als 60 Toten. Wer hob nach dem (wohl vermeintlichen) Massaker die vielen Gruben aus und beerdigte sie? Sie waren, trotz der chaotischen Situation, die mit einem Massaker einhergeht, sehr sorgfältig in der damals üblichen Embryonalstellung mit angezogenen Beinen und den Händen vor dem Gesicht noch vor der beginnenden Totenstarre, die bereits 1 bis 2 Stunden nach dem Tod eintritt, bestattet worden.

Standort 117, Richtung Norden in der frühen Phase der Ausgrabung im Februar 1965.
Die Fläche der Bestattungen erstreckte sich unter dem geparkten Fahrzeug.« (Wendorf 1968, S. 954–995)

Die offensichtliche Fehlinterpretation wird zum Dogma

Wendorfs offensichtlich irrtümliche Annahme vom Kampfgeschehen in Jebel Sahaba wurde seither von sämtlichen Wissenschaftlern unbesehen und gläubig übernommen, als wäre sie sakrosankt. Die Autoren des Beiheftes von Halle gehen noch einen Schritt weiter als Wendorf. Sie sprechen von: »Über hundert Silexspitzen in den Gräbern, die Verletzungen der Beigesetzen, und das wiederholte Anlegen von Mehrfachbestattungen deute auf einen Ort für Personen, die im Zuge gewalttätiger Auseinandersetzungen getötet werden.« (›Krieg – eine archäologische Spurensuche‹ 2015, S. 91).
Die ›über hundert Silexspitzen‹ sind jedoch auf den gut dokumentierten Artefakten nirgends zu sehen. Es gibt spitze Steine, aber keine Silexspitzen. Auch wurden Mehrfachbestattungen mit vollständig erhaltenen Skeletten in dieser sorgfältigen Anordnung, wie wir sie hier sehen, noch nie als Beweis für eine ›gewalttätige Auseinandersetzung‹ mit Todesfolge angesehen, eher als der durch eine Krankheit oder Epidemie gleichzeitig verursachte Tod einer Familie. Unterdessen berichtet auch das British Museum, dem Fred Wendorf die Funde geschenkt hat, über die Ausgrabung und übernimmt unkritisch Wendorfs falsche Annahme.

»Wahrheiten entstehen, indem man voneinander abschreibt.«  (Richard David Precht)

Der deutsche Prähistoriker Hermann Parzinger nimmt ebenfalls Stellung zu Jebel Sahab und frönt aufgrund von Wendorfs Bericht ebenfalls der Idee vom Krieg. Er schreibt: »Seit dem Jungpaläolithikum sind aus Nubien und dem Zentralsudan auch Gräberfelder bekannt, die von langer Sesshaftigkeit zeugen. Am Jebel Sahab konnte eine stattliche Nekropole mit über 40 Bestatteten freigelegt werden, die durchgehend in linker Hockerlage mit dem Kopf im Südosten gebettet waren. Auffallend sind Mehrfachgräber mit Erwachsenen und Kindern. Viele der Individuen weisen offenbar durch Silexpfeilspitzen verursachte Schädelverletzungen auf, was auf kriegerische Auseinandersetzungen schließen lässt.« (Parzinger 2014, S. 278, Hvhb. DW) Wo Parzinger sogar Silexpfeilspitzen gesehen haben will? Bei Wendorf sind alle 110 Artefakte abgebildet und überprüfbar; darunter gibt es keine einzige ›Pfeilspitze‹. (s. auch DW 2017, S. 178-199 ›Der Irrtum mit den Silex-Pfeilspitzen‹).
Wendorf verursacht mit seiner fatalen Deutung einen Fehlschluss mit katastrophalen Folgen für die Geschichtsschreibung der Menschheit. Obwohl keine seiner Waffengewalt- und Kriegsthesen überzeugt, weil alle auf der irrigen Prämisse basieren, die Silex-Artefakte von Jebel Sahaba wären nicht Grabbeigaben, sondern Waffen, wurde seine Interpretation für jene, die nicht wahrhaben wollen, dass es einmal eine Welt ohne Waffen, ohne Krieg und Gewalt gab, zum Triumph. So wurde Wendorfs Konstrukt zum wissenschaftlich akzeptierten Beweis vermeintlicher Kriege in der Altsteinzeit.
Jebel Sahaba und die völlig überdrehten, kriegerischen Phantasien – die der Ausgräber Wendorf ausgelöst hat – wurden zum wichtigsten Argument der Vertreter vom Krieg, den es ›schon-immer‹ gegeben haben soll. So behauptet ein Autor in einer von Kriegsbegeisterung strotzenden Doku-Serie: »Das Kriegshandwerk zählt nicht von ungefähr zu den ältesten Professionen des Menschen, denn seit jeher wird die Entwicklung des Homo sapiens von blutigen Verteilungs- und Machtkämpfen begleitet.« (›Die Kunst des Krieges – Von der Antike bis zur Moderne‹ 2009, TV-Doku in 4 Teilen ›Ground Warfare‹ National Geographic Channel).
Nach der Veröffentlichung von Wendorfs Grabungsbericht fiel es Militärhistorikern, Militaristen, Kriegshetzern, Waffennarren und Kriegsfanatikern leicht, die in Jebel Sahaba vorgefundenen Steinartefakte zum ›wichtigsten Kampfmittel‹ der Altsteinzeit zu machen. Man erfand den frühen Gebrauch von Pfeil und Bogen, obwohl es diese erst einige Tausend Jahre später gab. Viele der Toten seien ›Kampfopfer‹, die durch ›Pfeil- oder Speerspitzen‹ umgekommen seien. (›Ancient Military History‹). Lawrence H. Keeley behauptet in seinem Buch: ›War Before Civilization – The Myth of the peaceful Savage‹ »demonstrates convincingly that prehistoric warfare was in fact more deadly, more frequent, and more ruthless than modern war.« Eine unglaublich verlogene Aussage!

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