›Mut-Nesut‹ oder die Abwertung der Königinnen

Das Herz, Sitz von Gefühl, Charakter und Verstand,
stammt nach alter Überlieferung von der Mutter.
(Erika Feucht)

  Mut-Nesut, Mutter eines Königs, eine Landesmutter
oder die matriarchale, regierende Königin?

»Immer wieder treffen wir auf Königinnen, besonders in ihrer Eigenschaft als Königsmütter«, schreibt Eberhard Otto. Er vermutet darin:

›Ursprünge eines mutterrechtlichen Zuges‹.

»Regierende Königinnen mit dem Titel Mw.t-nswtwj-bjtwj, ›König [!] von Ober- und Unterägypten‹ hat es mehrere gegeben, nicht nur Hatschepsut in der 18. Dynastie und die auch historisch fassbare Königin Nitokris (Neith-Iqert) am Ende der 6. Dynastie, von der Herodot erzählt.« (Eberhard Otto ›Wesen und Wandel der ägyptischen Kultur‹ 1969 S. 58 f., Hvhb. DW)
Doch ist gerade Hatschepsut das beste Beispiel dafür, dass es sich bei dem Titel nicht um eine Königsmutter handelte, denn sie war keine Mutter eines regierenden Königs, hatte auch keinen Sohn, sondern eine einzige Tochter.
Es war nach der Eroberung durch die indoeuropäischen Hor-iter, dass die ägyptische Königin den indoeuropäischen Titel ›Mut-Nesut‹ erhielt.
Laut Werner Kaiser taucht die Bezeichnung etwa gleichzeitig mit den Invasoren, den ›Shemsu-Hor‹ auf; von ihnen fand man auch Spuren in der Uruk-Periode im Süden Mesopotamiens. (s. Werner Kaiser ›Einige Bemerkungen zur ägyptischen Frühzeit‹ ZÄS 86, 1960 und 1961)

›Nesu‹ war die Bezeichnung für die frühesten ›Chefs‹ Ägyptens
und für die
Könige der Frühzeit von Uruk war es ›Ensu‹ !

Offensichtlich eine Frage der Transkription. Nesu ist der indoeuropäische Titel der ersten patriarchalen Chefs/Könige der Eroberer, die sich in Ägypten durch die erzwungene Heirat mit der gefangen genommenen regierenden Königin – erstmals wahrscheinlich mit Merit-Neith – zu Königen machten. Die Königin war Inhaberin des Thrones und dieser wurde in der weiblichen Linie weitergegeben. Jeder, oder ›irgendein‹ Mann, konnte durch Heirat mit der Königin König werden.
Die Königinnen Chentkaus I. und Chentkaus II. (4. und 5. Dynastie) haben die außergewöhnliche Variante Mw.t-nswtwj-bjtwj. Es ist möglich, dass auch diese Königinnen selbst Regentinnen waren. Anmassend wird es dort, wo ihr Titel ›Mutter des Gottes‹ (ägypt. mw.t nṯr – mut-netjer), d.h. des ›göttlichen‹, regierenden Königs ist. Von da stammt die Idee von der ›Gottesmutter‹, einer ›gewöhnlichen‹, irdischen Frau, deren Sohn (manchmal auch der Gatte) ein Gott ist.
›Mut-Nesut‹ wird mit ›Königsmutter‹, bzw. ›Mutter des Königs‹ übersetzt. Silke Roth setzt ein Fragezeichen, wo es um die Souveränität, die Staatshoheit, die Allein- ›Herrschaft‹ einer Königin gehen könnte. (›Königin, Regentin oder weiblicher König ? Zum Verhältnis von Königsideologie und ›female sovereignty‹ in der Frühzeit‹ 1997). Sie verhält sich damit ›politisch korrekt‹, d.h. sie gibt das wieder, was von einer Autorin in der patriarchalen Wissenschaft erwartet wird. Jede kritische Meinung ist da tabu; das heisst, sie verteidigt die konservativen, traditionellen Werte der Ägyptologie. Um keine ihrer Artgenossen ins Unrecht zu setzen und damit zu kränken, wiederholt sie das, was im Moment akzeptiert wird.
D
er Sozialanthropologe Robert Briffault weist jedoch darauf hin, dass jede Prinzessin aus königlichem Haus den Titel ›Königsmutter‹ trug. Dieser Ehrenname stand Königinnen und Prinzessinnen aufgrund ihrer königlichen Abstammung mütterlicherseits seit der Geburt zu. (Briffault ›The Mothers‹ 1959, S. 359). Aber mit der Geburt waren sie ja noch lange nicht Mütter. Der Titel ›Mut-Nesut‹ muss also noch eine andere Bedeutung haben. ›Nesu-t‹ ist die weibliche Form von ›König‹, bezeichnet also eine Königin oder eine Thronfolgerin. Es gibt den Titel ›Nesut‹ in verschiedenen Variationen, abhängig vom Kontext: ›Hemet-nesut‹, steht für ›Königsgemahlin‹ oder ›Gemahlin des Königs‹, ›Hemet-nesut-weret‹ für ›Große königliche Gemahlin‹, die Hauptgemahlin usw.

»Königinnen, die allein an der Spitze von Reichen stehen und ausschließlich weibliche Dynastien bilden, waren in früherer Zeit als Städte- und Reichsgründerinnen allgemein verbreitet«. (Heide Göttner-Abendroth ›Das Matriarchat II.2 – Stammesgesellschaften in Amerika, Indien, Afrika‹ 2000, S. 237)

Matriarchale Königreiche hatten in Afrika eine lange Tradition. »Frauen haben dabei in der Regierung konstitutionell den zentralen Platz inne und besitzen mindestens die Hälfte der Macht. Immer sind diese Königinnen Erbköniginnen und bilden durch die matrilineare Vererbung ihrer Titel weibliche Dynastien, entweder allein oder mit einem männlichen Co-Regenten, dem König. Stets sind sie regierende, nicht nur nominelle Königinnen. Ihre Macht beruht auf der sehr alten, afrikanischen Tradition, dass Königinnen Städte- und Reichsgründerinnen sind. Die Berichte darüber sind zahlreich: So wurde das berühmte Songhai-Reich am Niger von Frauen gegründet, die gefeierte Ahninnen wurden, ebenso das Reich Zaria in derselben Region, ferner die mächtigen Lunda-Luba-Reiche in Zentralafrika, außerdem die Stadtstaaten der SO in Nordkamerun. Noch im 15. Jh. weitete Königin Amina ihr Haussa-Reich im Sudan durch Eroberungen aus und gründete viele Städte. Aus den meisten dieser Städtegründungen gingen wiederum Königreiche hervor. Sie erweiterten sich später zu kombinierten Königin-Königreichen, die teilweise bis in die Gegenwart dauern: (vgl. dazu Annie Lebeuf ›The role of Women in the Political Organization of African Societies‹, in Denis Paulme (Hrsg.) ›Women of Tropical Africa‹ 1963, S. 93–119) (Heide Göttner-Abendroth ›Das Matriarchat II.2 – Stammesgesellschaften in Amerika, Indien, Afrika‹ 2000, S. 233) Natürlich gehört auch das Königreich Nubien, im Süden Ägyptens, mit den berühmten ›Schwarzen Königinnen am Nil‹ dazu. Es entstand nicht erst in der patriarchalen Pharaonenzeit und die Königswürde wurde den Königinnen nicht von den Männern ›gewährt‹. Regierende Königinnen hatten Tradition (s. ›Die schwarzen Königinnen – Vergessenes Reich am Nil‹ (https://www.youtube.com/watch?v=f8QqVN6qiNI)

Die sogenannte ›Königsmutter‹ ist nicht die Mutter des Königs, sondern die regierende Königin und ihre Tochter die Thronerbin.

Die US Ethno-Anthropologin Eva L.R. Meyerowitz bestätigte durch ihre Forschungen, was auch Briffault und andere festgestellt hatten; die ägyptische Königin erhielt ihren Status nicht durch Heirat sondern ausnahmslos durch Geburt. Dies im Gegensatz zum König, der  den Thron nur kraft seiner Heirat mit der Königin erwarb. Sie schreibt, der Ausdruck:

»Mut-nesut heisst eigentlich ›weiblicher König‹ nicht Mutter des Königs«.

Der Thron wurde in der weiblichen Linie vererbt. Das matrilineare System verlieh den Frauen Macht über Eigentum und das Erbrecht und es dauerte bis in die römische und griechische Zeit und bis zur letzten Königin Kleopatra. Diodorus Siculus betonte, nicht ohne Grund, dass der Königin mehr Macht und Ehre zukommen sollte als dem König. (Eva L.R. Meyerowitz ›The divine kingship in Ghana an Ancient Egypt‹ 1960, S. 52) Doch wäre damit nur ein ›weiblicher König‹ gemeint, könnte der Titel ›Set-nesut‹ Frau-König heissen. Der Titel ›Mut-nesut‹ gibt jedoch einen genaueren Hinweis darauf, was gemeint ist: ›Mut‹ heisst Mutter und ›nesut‹ ist die weibliche Form von König. Mut-nesut bezeichnet einen ›mütterlichen König‹, eine ›matriarchale Königin‹ oder die Tochter der matriarchalen Königin, die Thronerbin.
Neben allen Verzerrungen und dem üblichen Bestreiten und Leugnen regierender Königinnen lesen wir im Wikipedia immerhin, dass es sich bei der Bezeichnung Mut-nesut um den »Titel von mächtigen Frauen, die dem Königshaus angehörten« handelte. Und weiter: »Der Titel Mut-nesut ist in seiner einfachsten Form erstmals in der 1. Dynastie unter Königin Merit-Neith auf Tonsiegeln aus ihrem Grab bei Abydos und im ebenda angelegten Grab ihres Gemahls, König Den nachweisbar. Der Titel scheint bereits in dieser Zeit gängig gewesen zu sein.« Nicht der Titel, aber die regierenden Königinnen waren schon lange vor der Eroberung Ägyptens Tradition, wie wir im Kapitel ›Das matriarchale Königinnentum Ägyptens‹ sehen. So war auch Königin Merit-Neith die regierende Königin und Hor-Den ein horitischer Anführer der Eroberer, der durch die – erzwungene – Heirat der matriarchalen Regentin Unterägyptens König wurde.
Es gibt noch andere Titel, welche die Wichtigkeit der Königinnen dokumentieren, jedoch abgewertet, bzw. in deren Bedeutung nicht erkannt, oder absichtlich als Trivialität behandelt werden. Beispielsweise ›Irit-pat-aat-em-ah‹ Fürstin und Große im Palast (Iri ist die ägyptologische Schreibung für Ari, Irit = Arierin oder arisch); ›Henut-schemau-mehu‹ Gebieterin, Regentin Herrscherin von Ober- und Unterägypten oder ›Henut-schemau-mehu‹ ›Herrin der beiden Länder‹, letzterer Titel wurde vor allem in Mittleren und Neuen Reich verwendet. (https://de.wikipedia.org/wiki/Titel_alt%C3%A4gyptischer_K%C3%B6niginnen)
Die irrtümliche Übersetzung von ›Mut-nesut‹ mit ›Mutter des Königs‹ ist eine der vielen typisch patriarchalen Rückprojektionen unserer Zeit. Patriarchale WissenschaftlerInnen können und wollen nicht akzeptieren, dass Frauen einmal Macht hatten, politische Macht, Staatsmacht, und dass ›Mut-Nesut‹ die regierende Königin war, die den Mann durch Heirat erst zum König machte. Der Thron war weiblich besetzt, von einer matriarchalen Königin und wurde in weiblicher Linie vererbt; verstärkt durch Isis, die Throngöttin und Mutterschoss Ägyptens, welche aus der Zeit lange  v o r  den Pharaonen stammt. Die matriarchale Kultur wurde im Patriarchat allmählich zum Verschwinden gebracht, jedoch blieb die matrilineare Erbfolge erhalten. Das geben auch einige ÄgyptologInnen zu, um die Tatsache aber auch gleich wieder abzuwerten.

»Im Alten Reich scheint weitgehend eine Verbindung von einer zur nächsten Dynastie über die weibliche Linie bestanden zu haben«,

schreibt Erika Feucht. Nachdem sie eine ganze Reihe bestätigender Indizien aufgezählt hat, warnt sie jedoch: »Wir müssen vorsichtig sein, hierin mutterrechtliche Züge zu sehen, eher den Versuch, die Kontinuität des königlichen Geblütes aufrechtzuerhalten.« (Feucht LÄ, IV, S. 257) Es wäre sicher für die Karriere der Ägyptologin Feucht wenig förderlich gewesen, der matrilinearen Erbfolge auf den Grund zu gehen und diese zu vertreten. Doch vergessen wir nicht, das ›königliche Geblüt‹ wurde über die Frauen weiter gegeben.

›Männer haben getan, was Frauen besser können, eine ungeheure Verschwendung, die letzt­lich eine Ver­schwendung des gesamtmenschlichen Potenzials ist, al­so auch die Män­ner selber betrifft – und immer stärker betreffen wird! Eine Menschheit, die um ihr Überleben kämpft, wird es sich nicht mehr leisten können, Aufgaben an eine einzige Gruppe von Men­schen zu delegieren, wenn deutlich ist, dass es eine andere Gruppe gibt, die geeigneter ist, sie zu lö­sen.‹ (Joachim-Ernst Berendt ›Das Dritte Ohr‹ 1985, S. 278)

›Die natürliche Überlegenheit der Königinnen‹

John Stuart Mill, ein englischer Philosoph und Ökonom und einer der einflussreichsten liberalen Denker des 19. Jahrhunderts (Wikipedia), »erkannte die Tatsache, dass die Königinnen den Königen überlegen waren, und fragte in seiner Arbeit ›On the Subjection of Women‹ (Die Unterwerfung der Frau, 1912, S. 490):

warum die weiblichen Monarchen, obwohl in der Geschichte in der Minderzahl, sich stets als bessere Herrscherinnen als die Könige erwiesen hatten.

Sogar der Misogynist Montesquieu aus dem 18. Jahrhundert gab zu, dass Frauen am besten zum Regieren geeignet waren: »Gerade aufgrund ihrer Schwäche [!] sind sie im allgemeinen milde und gemäßigt, Eigenschaften, die zu guter Staatsführung eher befähigen als Strenge und Härte.« (Montesquieu ›The Spirit of the Laws‹) »Diese Logik ist etwas befremdend, zeigt aber, dass im 18. Jahrhundert, genau wie heute, die Tugenden der Frauen wie Milde und Mäßigung als ›Schwäche‹ charakterisiert werden und nicht als das was sie sind, nämlich starke und wünschenswerte Eigenschaften, während die männliche ›Strenge und Härte‹ zu Tugenden gemacht werden – was sie nicht sind«. (Ashley Montagu ›The Natural Superiority of Women‹) Frauen herr-schen nicht, sind selten machtgierig und noch seltener korrupt. Der patriarchale Mann im allgemeinen ist für die politische Macht nicht geeignet. Seine Anfälligkeit für Korruption, Habgier, sein fehlendes Gewissen, sein Mangel an Verantwortungsbewusstsein und seine krankhafte Sucht nach Rang und Namen machen patriarchale Männer zu Psychopathen und zur Gefahr für die Menschheit. (s. auch ›Wer war Menes ?‹)

»Wenn Männer nicht ihre Strenge und Härte aufgeben und einige der weiblichen ›Schwächen‹ übernehmen, dann ist die Zivilisation zum Untergang verurteilt« (Ashley Montagu)

Königinnen werden verheimlicht, unterschätzt und abgewertet

Es ist eine beschämende Tatsache, dass die klassisch-patriarchalen ÄgyptologInnen keine Gelegenheit auslassen, die Königinnen abzuwerten und zu entwürdigen. Auf Kosten der Königinnen stellen sie stets die Könige bzw. die von ihnen verherrlichten Pharaonen in den Vordergrund ihrer Veröffentlichungen. Dadurch entstanden viele falsche Annahmen über eine scheinbare Wichtigkeit des männlichen Geschlechts und die Zweitrangigkeit der Königinnen zu Beginn der dynastischen Zeit. Neben den »göttlich-menschlichen Doppelwesen« der Könige (Wilfried Seipel LÄ, III, S. 464) verblassen die Königinnen zu Schattenwesen.

Königinnen stören das idealisierte Bild der von Wilfried Seipel so sehr bewunderten ›göttlich-männlichen Doppelwesen‹.

Der Gipfel der Entwürdigung war, dass der König zum Gott erhoben wurde und die Königin ›Mutter des Gottes‹ (ägypt. mw.t nṯr – mut-netjer), also ihres Gatten genannt werden konnte. Der Titel soll die einzigartige Stellung der Königsmutter unterstrichen haben, lesen wir im Wikipedia, wo es nur so von falschen Vermutungen wimmelt.
Im Lexikon der Ägyptologie werden die beiden frühesten Königinnen, die für die Gründung der 1. Dynastie unverzichtbar sind, nur nebenbei erwähnt: Königin Merit-Neith mit 8 Zeilen und 5 Hinweisen (M.L. Bierbrier LÄ IV, S. 93 F.) und Königin Neith-Hotep mit 13 Zeilen und 6 Literaturhinweisen (W. Seipel LÄ IV, S. 392 ff.) Im Vergleich dazu: Die ›Fliege‹ erhält 36 Zeilen und 15 Hinweise und die ›Fledermaus‹ doppelt so viele. Königin Her-Neith, angeblich die Gemahlin Zers (des indoeuropäischen Zaren!), kommt da gar nicht vor. Wo es um wichtige Frauen geht, lassen die Abwertungen nicht auf sich warten: Erik Hornung behauptet: »Neben den Königen der Frühzeit hat dort eine einzige Frau ein königliches Begräbnis erhalten – die Königin Merit-Neith; sie ist die erste der bedeutenden Frauengestalten, die in der ägyptischen Geschichte immer wieder königliche Rechte an sich zogen und trotz der männlichen Rolle Pharaos wie regierende Könige auftraten.« (Hornung ›Tal der Könige‹ 1985, S. 49 f.)

Zu Königin Neith-Hotep (›Neith ist zufrieden‹) lesen wir bei Helck: »Sie war Königin des Hor-Aha = Menes, zahlreiche Gegenstände und Siegelabdrucke mit ihrem Namen fanden sich im großen Grab von Nagada wie in der Königsnekropole von Abydos.« (LÄ, IV, S. 394) Eine ziemlich vernebelte Aussage. Neith-Hotep war die Königin des Landes, nicht ihres Mannes. Und es war ihr Grab, nicht das Grab von Hor-Aha. Helck fährt fort: »Sie war möglicherweise kurze Zeit Regentin für ihren Enkel.« (ibd.)
Ähnlich Mühe mit Königinnen haben auch andere Autoren. Pierre Montet meint: »Dennoch waren sie nicht wirkliche Königinnen in unserem heutigen Sinne. Die Titel, die zugleich mit der königlichen Macht dem Pharao übertragen wurden, standen ihnen nicht zu.« (Montet ›Das Leben der Pharaonen‹ o.J., S. 80) Oder nochmals Seipel: »Bereits die ältesten belegten Königinnentitel, die zwei Königinnen [?] des Königs Djer [Zer/Zar] zuzuweisen sind, zeigen die ausschließliche Bezogenheit der Königin auf ihren göttlichen, in den verschiedensten Erscheinungsweisen gegenwärtigen Königsgemahl.« (LÄ, III, S. 473, Hvhb. DW) Dabei zeige sich, dass »Funktion und Stellung der Königin allein vom König her zu definieren sind. In der Frühzeit und auch im Alten Reich ist die Königin voll auf den König ausgerichtet« (LÄ, III, S. 464, Hvhb. DW). Und Winfried Barta glaubt: »Die Rolle der Königin besteht im Wesentlichen darin, Gattin und Königsmutter zu sein.« (LÄ, III, S. 489)

Die Abwertung sehen wir auch bei Toby Wilkinson nach dem bewährten Muster. Merit-Neith soll ›Königsmutter‹ von Hor-Den gewesen sein.  Nach ihm war Merit-Neith lediglich ›interimistische Regentin‹ während der Minorität ihres Sohnes Hor-Den (Udimu). Ihre wichtige Position soll sich aus ihrer Stellung als Mutter des späteren Königs abgeleitet haben. Deswegen sei ihr auch das Privileg gewährt worden, ein Grab im Königsfriedhof von Umm el-Qaab zu erhalten. Doch muss der Autor zugeben, dass sie eine ungewöhnlich wichtige Stellung bekleidete, und ihre Regentschaft bezeugt, »dass eine Frau die Zügel der Macht innehatte«. Er entwertet ihre Stellung aber gleich wieder: Als ›De-facto-Herrscherin‹ über Ägypten habe man ihr einen vollen königlichen Begräbniskomplex in Abydos zugestanden (Wilkinson ›Early Dynastic Egypt‹ 1999, S. 74 f.). Sie soll zwar eine königliche Regentin, jedoch ›keine Herrscherin im eigentlichen Sinn‹ gewesen sein (Wilkinson ibd. S. 239). Was immer das heißen soll.

Geradezu beschämend ist, was wir im Katalog ›Nofret – Die Schöne, die Frau im Alten Ägypten‹ lesen. Autorin und Autor greifen tief in die kaum zu überbietende sexistische Trickkiste patriarchaler Definitionsmacht: »Als Regentinnen anstelle eines noch unmündigen Thronfolgers sind Königinnen schon für Ägyptens Frühzeit belegt (Neith-Hotep und Meret-Neith), eine politisch stabilisierende, Kontinuität gewährleistende Funktion [man höre!], die noch verschiedene Male im Verlauf der ägyptischen Geschichte in Kraft treten wird.« Es kommt noch happiger: »Nur selten tritt die Regentin zum gegebenen Zeitpunkt nicht in den Hintergrund zurück, um dem männlichen Thronfolger Platz zu machen.« Das sagt eine Frau, die aufgrund ihres Verrats an weiblichen Werten und der Verzerrung geschichtlicher Tatsachen Karriere in der Ägyptologie gemacht hat. Sie schreibt weiter:

»Hatschepsut, Regentin für Thutmosis III. und Tausret, Regentin für Siptah, haben sich zu Königinnen aufgeschwungen, haben aber dabei – wie bei Hatschepsut ganz eindeutig feststellbar – ihr Frausein geopfert, da sie ohne den männlichen Begleiter die vom König zu garantierende Weltordnung darstellen wollten.« (Sylvia Schoske und Dieter Wildung Nofret – Die Schöne, die Frau im Alten Ägypten‹ 1984, S. 58)

Dagegen stellte die britische Ägyptologin Joyce Tyldesley fest: »Wir haben heute ein besseres Verständnis über die Rolle der Frauen und ihre Stellung. Wir erkennen nun, dass die Sichtweise der Hatschepsut als schlechter Mensch oder als böse Stiefmutter mehr in den Köpfen der Archäologen existiert als im Urteil ihrer ägyptischen Zeitgenossen. Ihre Herrschaft war sicherlich sehr erfolgreich, und das wäre nicht möglich gewesen, wenn die Untertanen sie abgelehnt hätten.« (Dokufilm ›Königinnen am Nil‹)

 ›Ich baute auf, was zerstört war von den Zeiten, als die Asiaten in Auaris im Nordland waren, räuberische Horden unter ihnen, die umstürzten, was geschaffen war, denn sie herrschten ohne Re‹ (aus der Inschrift des Speos–Artemidos von Königin Hatschepsut).

Die Abwertungen der Königinnen sind von geradezu peinlicher Ignoranz; sie zeigen, dass den patriarchalen WissenschaftlerInnen die Königinnen zu lästig sind, um sich wirklich mit ihnen zu befassen; jeder schreibt einfach ab, was der patriarchale Professor vor ihm gesagt hatte. Die Herren und Damen ignorieren einfach, dass der Thron in der weiblichen Linie weitergegeben wurde, und dass die Königinnen nie stellvertretend für noch nicht erwachsene Enkel regierten, wie von ihnen immer wieder behauptet wird. Die Königinnen waren nie nur Stellvertreterinnen, ›Regentin‹ für…, sondern regierende Priester-Königinnen. Thronerbinnen waren die Töchter, nicht die Söhne und nicht die Enkel. Söhne mussten ihre Schwester, die Thronerbin heiraten, um selbst König zu werden. Dies dürfte der Grund für die Geschwister-Ehen gewesen sein; Geschwister-Ehen waren außerhalb des Königshauses nicht üblich. (s. ›Das matriarchale Königinnentum Ägyptens‹)

In de.m.wikipedia.org ›Geschichte Ägyptens‹ wird vom anonymen Autor ›König‹ 81 mal, ›Königin‹ 0 mal, d.h. überhaupt nicht erwähnt.

 

 


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