Das Matriarchat der Lobedu in Südafrika

 

… und die Vernichtung durch die weißen Kolonisatoren und Missionare.

»Bereits vor ungefähr 1½ Millionen Jahren bewohnten Hominide das südliche Afrika. Sehr viel später, ca. 40’000 Jahre vor unserer Zeitrechnung, folgten diesen ›ersten SüdafrikanerInnen‹ die werkzeugproduzierenden Steinzeitmenschen.« T. R. H. Davenport sieht in ihren weitverbreiteten Felsenmalereien Jagdbilder und ordnet sie der späten Steinzeit um ca. 10’000 zu (›South Africa : a modern history‹ 1987). Doch diese Zuschreibung an die Jagd dürfte ein Irrtum sein (s. ›Die Mär von den›Großen Jägern‹ – Die patriarchale Erfindung der Helden der Steinzeit‹)

Die interdisziplinäre Forschung der Paläo-Anthropologie, der –Ethnologie, der –Archäologie, der –Linuistik etc. hat gezeigt, dass die frühesten Kulturen Afrikas durchwegs matriarchal, matrilineal und matrilokal strukturiert waren, was aber von den patriarchalen Wissenschaftlern unterschlagen und den patriarchatskompatiblen Wissenschaftlerinnen bekämpft wird. Die Gründe dafür sind nicht unbedingt in der wissenschaftlichen Forschung, sondern in der Zugehörigkeit zur christlichen Religion zu suchen, welche allzu oft zu Abwehr und Vorurteilen führt.

Eines der gut dokumentierten Beispiele eines alten afrikanischen Matriarchats, das von den weißen Kolonisatoren und Missionaren zugrunde gerichtet wurde, ist die Geschichte des Volkes der Lobedu. Das Land am afrikanischen Südkap wurde zuerst von den niederländischen Buren, seit 1652, kolonisiert, später auch noch von den Briten entrechtet, verfolgt, versklavt, ausgebeutet, geschunden, missioniert und patriarchalisiert.

Die österreichische Ethnologin Elfriede Höckner untersuchte aufgrund der Tagebücher des deutschen Missionars Friedrich Reuter den Hergang der Geschichte und das tragische Ende dieses Volkes (›Die Lobedu Südafrikas – Mythos und Realität der Regenkönigin Modjadji‹ 1998).
Offensichtlich gehärtet nach seiner Teilnahme am deutsch französischen Krieg von 1870/71 trat Friedrich Reuter der Berliner Missionsgesellschaft bei. Nach seiner Ausbildung war er von 1880 bis zu seinem Tod 1940 bei den Lobedu als Missionar tätig und erstattete regelmäßigen Bericht nach Deutschland. Er eröffnete 1881 seine über 60 Jahre andauernde Korrespondenz mit folgenden Worten:

»Den ersten Bericht, den das deutsche Volk von seinem geliebten Kaiser 1870 aus dem feindlichen Land bekam, enthielt die Meldung eines glänzenden Sieges, und schloss mit den Worten: ‚Gott sei gepriesen für die erste glorreiche Waffenthat! Er helfe weiter.’ Auch mein erster Bericht kann von einem großen Siege melden, den wir hier in dem finsteren Heidenland errungen haben.«

Die Königin verbot die Missionierung und bezeichnet die neue Religion
als Lügengebilde der Weißen.

Elfriede Höckner schreibt: »Obwohl laut Regierungsbeschluss der Buren Missionare nur auf ausdrücklichen Wunsch der AfrikanerInnen ihre Tätigkeit in Transvaal aufnehmen durften, schrieb Friedrich Reuter von einem ›großen Sieg‹ im großen Lande Modjadjis, von einer Besetzung desselben durch die Mission, ›nachdem unsere Gesellschaften vier Mal von der Königin des Landes abgewiesen worden sind.« (Höckner 1998, S. 31)
Trotzdem wurde Reuter ein schöner Bau- und Wohnplatz zugeteilt, für den er sofort eine Grenzregulierung beantragte, die auf einhellige Ablehnung stieß, denn man kannte hier keinen privatrechtlichen Eigentumsanspruch sondern immer nur ein kollektives Nutzungsrecht des Landes, das allein der Königin gehörte. Der Missionar trieb seine  Forderungen weitere, machte sich mit List und autoritärem Verhalten unbeliebt. Er trieb einen Keil in die Gesellschaft, die zu ständigen Streitereien führten, die sich über Jahre hinzogen bis die Situation eskalierte. 1890 ist Friedrich Reuter »der festen Überzeugung, dass die Lobedu sich ihm nie beugen würden, wenn nicht ernstlich mit ihnen verfahren werde. Es kam zur ersten militärischen Auseinandersetzung. Der burenfreundlichen Grenzwache war es in der zweiten Jahreshälfte 1889 vorbehalten, ›Trotz und Widerspenstigkeit‹ der Lobedu zu brechen. Die Grenzwache ›machte einige Einfälle, nahm das Vieh und züchtigte viele Eingeborene durch Keirutenhiebe, dass sie wochenlang krank darniederlagen.‹ Auf dem Höhepunkt des Schreckens wurde die Königin gefangengenommen und mehrere tausend Stück Vieh durch eine List erbeutet… etwa 4000 Gefangene wurden in eine Lokation im Pretoria-Distrikt getrieben. ›Ein Anblick zum Erbarmen‹, viele Kinder und Kranke erlagen den Strapazen unterwegs. Die Kriegsbeute belief sich auf etwa 10’000 Rinder, zusätzlich einer auferlegten ›Busse‹ von weiteren 4’510 Stück.  Drei Jahre nach dieser verheerenden Niederlage dezimierte eine Hungersnot die ihrr Viehherde und landwirtschaftlichen Nutzflächen beraubten Lobedu um ein Drittel. ›Was für ein namenloses Elend bringt doch die Sünde mit ihren Folgen über die Welt und ihre Bewohner‹.« (Höckner 1998 passim) ies die Worte eines der Missionare, die sich keiner Schuld für das Unglück dieser Menschen bewusst waren.
Die Lobedu wurden von einer Königin regiert, die als ›Garantin des Lebens‹ und als Regenmacherin betrachtet wurde. Modjadji, die Königin und ihr Volk wehrten sich geschickt und mutig gegen den Raub ihres Landes und gegen die arrogante Missionierung und ›Zivilisierung‹, die immer dreistere Formen annahm. Die Königin die regierte, sagte man nach, dass sie fähig sei Regen zu machen. Bis zur letzten Königin, die 2003 im Alter von 27 verstarb, trugen die Königinnen ›ihr Amt mit Stärke und stellten sich den Herausforderungen‹ der Kolonialisten und den missionarischen Bestrebungen. »Matriarchal an der souveränen Lobedugesellschaft bis 1884 war sicherlich, dass sie eine egalitäre Grundstruktur hatten, und dass Frauen als Lebensspenderinnen die reproduktiven Fähigkeiten der Frau – die in so vielen modernen Gesellschaften, nicht zuletzt in unserer, zum Nachteil wurden – sich als produktives Grundelement der gesamten Gesellschaftsstruktur etablieren konnte. Dies drückte sich insbesondere auch in der politischen Struktur aus, in der Frauen zentrale Stellen einnahmen. Die Lobedu waren bis zu ihrer militärischen Niederlage eine autochthone Gesellschaft, die Subsistenzwirtschaft betrieb, die auf Landwirtschaft und Viehwirtschaft ruhte. Es gab kein Privateigentum an existenziellen Produktionsmitteln, die Königin galt als Mittlerin zwischen den Ahnen und den Lebenden, als Garantin der bestehenden Ordnung, sie allein besaß Macht über Land und Leute. Diese Macht musste sie jedoch auch real einlösen, indem sie das Leben ermöglichte. Die royalen Lobedu bildeten den politischen Kern, der aus diversen Ethnien bestehenden integrativen Lobedugesellschaft. Das Land, die existenzielle Basis schlechthin, war gebunden an die Königin. Das Land selbst war unterteilt in große und kleine Häuptlingschaften, deren Vorsteherinnen Frauen waren. Dieses Ordnungsprinzip wurde wiederum durch ein ausdifferenziertes Heiratssystem gewährleistet, das in ihrer sozial-politischen Dimension von Modjadji und ihren Räten bestimmt wurde… Die Lobedu waren eine der letzten Ethnien, die militärisch besiegt wurden, um sie endlich durch die Vormacht des Burenstaates und der Burenregierung zu beherrschen.«

Aus der Presse:

Die Lobedu lebten von der natürlichen Vegetation, betrieben Gartenbau und Viehwirtschaft und waren KEINE Jäger.
(Aus der Seite Jäger vom 25.5.2014 http://diestandard.at/2097509) Die  Modjadji ist die Regenkönigin und „Garantin des Lebens“ 6. Juli 2005. Über die „Regenkönigin“ der Lobedu, einer matriarchal geordneten Ethnie Afrikas, spricht Ethnologin Elfriede Höckner im E-Mail- Interview: Mitte Juni verstarb Südafrikas Königin Makobo Constance Modjadji VI. im Alter von 27 Jahren. Als Nachfolgerin ihrer Großmutter war sie 2003 zur Königin der im Norden des Landes lebenden Lobedu, einer der letzten matriarchal geführten Ethnien, gewählt worden. Ebenso wie ihren Vorgängerinnen wurde Modjadji VI. vielerseits auch die Fähigkeit zugesprochen, Einfluss auf das Wettergeschehen zu haben. Die Ethnologin Elfriede Höckner spricht im Interview mit Christa Hager über die gesellschaftliche Rolle der „Regenkönigin“ und die matriarchal geordnete Gesellschaft der Lobedu.
dieStandard.at: Modjadji VI. hatte einen High-School-Abschluss und galt als Vermittlerin zwischen Tradition und Moderne. Inwieweit hatte dies Auswirkungen auf ihre Regentschaft?
Höckner: Ganz allgemein bringt der Hochschulabschluss von Modjadji VI zum Ausdruck, dass die royalen Lobedu verstanden haben, dass Bildung von Vorteil bzw. notwendig ist, um sich in der Welt zu orientieren und auch eine Ausrichtung zu finden. Ihre Wahl zeugt jedenfalls vom Realitätssinn der Lobedu.
dieStandard.at: Übt eine Königin generell noch entscheidende Funktionen aus, oder ist es eher ein repräsentatives Amt?
Höckner: Ich denke, dass das Amt der Königin denselben Einschränkungen unterliegt, denen ganz generell traditionelle Gesellschaften in ihrem Funktionieren und ihren internen Regeln unterliegen. Bereits um 1884 war die Lobedugesellschaft von der Burenregierung militärisch besiegt worden, was zur Folge hatte, dass die Lobedu ihre Autonomie und Souveränität in einem großen Ausmaß verloren haben. Sie verloren den Großteil ihres Landes, wurden in Reservate eingesperrt und mussten Steuern entrichten, was bedeutete, dass sich insbesondere die Männer zum Gelderwerb von der traditionellen Subsistenzwirtschaft, die die soziale und ökonomische Grundstruktur ausmachte, abwandten, um sich als Migrationsarbeiter zu verdingen.
Im Rahmen der vorhandenen autonomen Entscheidungsmöglichkeiten der Gesellschaft ist das Amt der Königin sicher von Bedeutung. Dies zeigt sich nicht zuletzt daran, dass Nelson Mandela Modjadji seine Aufwartung machte, d.h. ihr seinen Respekt bekundete.
dieStandard.at: Wie sieht das Verhältnis zwischen dem Königreich und der südafrikanischen Regierung aus? Die Vorgängerin Modjadji der VI., ihre Großmutter, soll in den 80iger Jahren einer Regierung des ANC ablehnend gegenübergestanden haben. Weshalb? Gibt es diesbezüglich Unterschiede zwischen einst und jetzt?
Höckner: Wie weit sich die Königin einer kleinen Ethnie eine offizielle Unterstützung des ANC leisten hätte können, weiß ich nicht. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass man sich das sehr genau ansehen muss, was während und auch noch nach dem grausamen Apartheidsregime nach Außen hin überhaupt möglich gewesen ist.
Historisch gesehen ist es jedenfalls so, dass die Lobedu ein großes Verhandlungsgeschick vorzuweisen haben, und sowohl gegenüber den Engländern als auch gegen die Buren ihre Souveränität mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln verteidigten. Die Lobedu waren eine der letzten Ethnien, die militärisch besiegt wurden, um sie endlich durch die Vormacht des Burenstaates und der Burenregierung zu beherrschen.
dieStandard.at: Sie selbst haben Modjadji V. in Südafrika persönlich gesehen (siehe: Stippvisite bei einer Königin). Welche Eindrücke hatten Sie?
Höckner: Modjadji erstaunte mich beim ersten Anblick, da sie sich rein äußerlich überhaupt nicht von einer „normalen“ Lobedufrau unterschied. Bei genauerer Betrachtung würde ich meinen, dass sie eine in sich ruhende Frau war, die ihr Amt mit Stärke trug und sich den Herausforderungen stellte.
dieStandard.at: Modjadji VI. war 2003 zur jüngsten Königin der Balobedus gewählt worden. Diese Ethnie wird oftmals auch als matriarchal geordnete Gesellschaft bezeichnet. Trifft dies zu?
Höckner: Die akademische Diskussion, was ein Matriarchat definiert, ist eine sehr komplexe. Matriarchal an der souveränen Lobedugesellschaft bis 1884 war sicherlich, dass sie eine egalitäre Grundstruktur hatten, und dass Frauen als Lebensspenderinnen, also die reproduktiven Fähigkeiten der Frau – die in so vielen modernen Gesellschaften, nicht zuletzt in unserer, zum Nachteil wurden – sich als produktives Grundelement der gesamten Gesellschaftsstruktur etablieren konnte. Dies drückte sich insbesondere auch in der politischen Struktur aus, in der Frauen zentrale Stellen einnahmen.
Die Lobedu waren bis zu ihrer militärischen Niederlage eine autochthone Gesellschaft, die Subsistenzwirtschaft betrieb, die auf Landwirtschaft und Viehwirtschaft ruhte. Es gab kein Privateigentum an existenziellen Produktionsmitteln, die Königin galt als Mittlerin zwischen den Ahnen und den Lebenden, als Garantin der bestehenden Ordnung, sie allein besaß Macht über Land und Leute. Diese Macht musste sie jedoch auch real einlösen, indem sie das Leben ermöglichte. Die royalen Lobedu bildeten den politischen Kern, der aus diversen Ethnien bestehenden integrativen Lobedugesellschaft. Das Land, die existenzielle Basis schlechthin, war gebunden an die Königin. Das Land selbst war unterteilt in große und kleine Häuptlingschaften, deren Vorsteherinnen Frauen waren. Dieses Ordnungsprinzip wurde wiederum durch ein ausdifferenziertes Heiratssystem gewährleistet, das in ihrer sozial-politischen Dimension von Modjadji und ihren Räten bestimmt wurde.
Regenkönigin ist „Garantin des Lebens“ 6. Juli 2005
dieStandard.at: Nach Medienangaben soll bis zur Nachfolge der Bruder von Modjadji VI. die höchste Autorität im Königreich innehaben. Widerspricht nicht auch dies einer matriarchalen Gesellschaftordnung?
Höckner: Nein. Man muss die einzelnen Elemente in ihrer Eingebundenheit in das komplexe Funktionieren der Gesamtstruktur sehen. Schwester-Bruder bilden das Ganze einer Dualität. Dies ist das Grundelement einer sehr ausgeklügelten sozialen Struktur. Prinzipiell ist die Gesellschaft eine gemeinschaftliche, auch die royalen Häuser im Sinne von Genealogien bestehen als Kollektiv, nicht einmal Modjadji trifft als Einzelperson Entscheidungen sondern gemeinsam mit ihren Räten.
dieStandard.at: Wie und von wem wird die Nachfolgerin bestimmt? Wie sehen die rituellen Prüfungen aus?
Höckner: Die Position der Königin wird vom royalen Kern der Lobedugesellschaft bestimmt. Dieser Kern setzt sich aus rivalisierenden Lineages, also Abstammungslinien /-gruppen zusammen, zwischen denen um die Nachfolge gerungen wird. Tatsächlich sind aufgrund der genealogischen Rangordnung bestimmte Personen für die Nachfolge geeignet. Auch hier ist das Schwester-Bruder-Paar wichtig, wird doch der Bruder meist die rechte Hand der neuen Modjadji.
Historisch belegt ist, dass in der äußerst prekären Situation kolonialer Auseinandersetzungen 1884, die bereits mit dem Tode ringende Modjadji ihre Nachfolgerin definitiv bestimmte. Ihre Räte setzten diese Entscheidung de facto in die Tat um. Die Nachfolgerin wird in die Rituale des Regenmachens eingeweiht, bei denen Regenmedizinen – bestehend aus materiellen Überresten vorgegangener Herrscherinnen – und das Plazieren derselben an ausgewählten Orten eine Rolle spielen. Der zentrale ideelle Aspekt dabei ist die Anrufung der Ahnen um Unterstützung, was eine genaue Kenntnis der überlieferten Geschichte und ihrer Protagonisten impliziert. Insignien der Macht, u.a. Trommeln – die aufgrund ihres Klanges als Transportmittel für Information, Einberufung von Zusammenkünften etc. dienen – werden ihr übergeben.
Die offizielle Zeremonie der Nachfolgebesetzung ist das sogenannte „Öffnen der Tür“. Das bedeutet, dass alle Personen, die glauben, ein Anrecht auf die Herrschaftsnachfolge zu haben, versuchen, eine bestimmte Türe zu öffnen. Diese öffnet sich jedoch nur bei der einzig richtigen Modjadji. Es ist Allgemeinwissen, dass hinter der Tür zwei starke Männer stehen und diese erst dann loslassen, wenn die Richtige, d.h. die bereits vorher Bestimmte anklopft.
dieStandard.at: In den Medien immer wieder erwähnt ist auch die angebliche Fähigkeit der Modjadji-Dynastie, Einfluss auf das Wetter zu haben, sei es durch Vorhersagen oder Einfluss auf das Wettergeschehen. Diesbezügliche Angaben sollen selbst MeteorologInnen immer wieder erstaunen. Ist dies nur ein Mythos?
Höckner: Entscheidend ist, dass am Beginn einer Regentschaft die neue Modjadji ihre Kompetenz in der Wettervorhersage unter Beweis stellen muss, andernfalls kann sie abgesetzt werden. Sie als Garantin des Lebens schlechthin muss gewisse Erfolge vorweisen können. Sie ist es, die den Zeitpunkt der Aussaat bestimmt – ist er falsch, bleibt der Regen aus und die Saat kann nicht gedeihen. Dies führt zu lebensbedrohenden Lebensmittelengpässen, im schlimmsten Fall zu einer Hungerkatastrophe. Die Wetterprognose entscheidet über Leben und Tod. Die Lobedu sind ausgezeichnete Beobachter und haben als Subsistenzwirtschaft betreibende Bauern über Jahrhunderte bestimmte Fähigkeiten entwickelt.
Die Vorherrschaft einer royalen Gruppe beruht auf der Einlösung bestimmter Kompetenzen, die Herrschaft muss sich legitimieren, sie ist abhängig von der Zustimmung der Menschen. In der Vorstellung der Lobedu verkörpert Modjadji das Wohl des Ganzen, sie ist die Verbindung zu den Ahnen und sie hat Einfluss auf Sonne und Regen. Sie gewährleistet die Harmonie zwischen Lebenden und Toten, einen „nachhaltigen“ Umgang mit der Natur, das Schlichten von Streitigkeiten unter den Lebenden. Diese Balance herzustellen zwischen den Unbillen der Natur, den Schwächen der
Menschen usw. – dieser Balanceakt, der von der Gesamtgesellschaft realiter vollzogen wird, verkörpert sich in der sozialen Rolle der Modjadji.

Südafrikas jüngste Regenkönigin gestorben  8. Juli 2005
Modjadji VI wurde 27 – Matriarchalisch regierter Balobedu-Stamm gesteht Regentin wettermachende Fähigkeiten zu.
Johannesburg – Modjadji VI., Afrikas jüngste Regenkönigin, ist nach zweijähriger Amtszeit im Alter von 27 Jahren gestorben. Ihr Hof gab am Montag ihren Tod in einem Krankenhaus ohne Angabe der Ursache bekannt. Sie war 2003 zur Königin des in Südafrikas Norden lebenden Balobedu-Stammes gekrönt worden, einem der wenigen matriarchalisch (Anm. weibliche Erbfolge) regierten Stämme Afrikas. Ihre Dynastie reicht mehr als 200 Jahre zurück, wobei Modjadji die jüngste jemals gekrönte Regenkönigin war.
Der Stamm der Balobedu glaubt, dass ihre Regentinnen mit den Göttern kommunizieren. Ihre Fähigkeit, Regen zu machen, wird demnach von Königin zu Königin weitergegeben. Vor allem ihre präzise Vorhersage des in Afrika so wichtigen Regen erstaunte selbst MeteorologInnen. Der einsetzende Nieselregen bei der Krönung von Modjadji VI. war daher als gutes Omen gewertet worden.
Modjadji VI. war die erste Königin, die einen formalen Schulabschluss besaß. Sie war ein bekennender Fan von Soap-Operas und wurde von AnalystInnen als wertvolle Brücke zwischen Tradition und Moderne gewertet. (APA)
Stippvisite bei einer Königin http://www.sadocc.at/indaba/leseproben/1999-21-regen.shtml
Als Ethnologin beschäftigte sich Elfriede Höckner mit der Geschichte der Lobedu, einer Ethnie in Südafrika. Im Sommer 1998 fuhr sie im Rahmen einer von SADOCC organisierten Reise nach Südafrika – mit einem offiziellen Empfangstermin bei Lobedu-Königin Modjadji in der Tasche.

Auf der Fahrt von Pietersburg nach Tzaneen verwandelt sich die Asphaltstraße in eine Lehmstraße. Fester Boden, rote, rissige, trockene Erde – Wintererde. In eines der Dörfer biegt Jean-François, Sohn eines Schweizer Missionars und in Südafrika aufgewachsen, schließlich ein, hier treffen wir Emily, die uns den Termin in der Hauptstadt – moshate – vermittelt hat. Wir werden mit einem Händedruck empfangen, und nach einem Wortwechsel in Sotho mit Jean-François heißt uns Emily in ihrem Haus mit großen Stühlen und Sofasesseln auf Englisch willkommen. Sie gibt das Wort an Jean-François, der Gott für die gesunde Ankunft von uns allen dankt und seine Rede mit einem „Amen“ schließt.
Die Fahrt zur Hauptstadt wird nun mit Emily fortgesetzt. Auf dem Weg dorthin muß noch ein Mann abgeholt werden, von dem sich herausstellen wird, daß er einer der vier derzeitigen Räte/Minister der Königin ist. Während wir auf Jean-François und Emily warten, die auf einen holprigen Seitenweg abzweigen, um den Minister abzuholen, schauen wir Kindern und Jugendlichen beim sonntäglichen Fußballspiel zu. Sie posieren, sobald sie unsere Blicke spüren, lachen, wenn wir sie fotografieren. Endlich, die winterliche Kälte setzt uns in unseren Sonntagskleidern zu, kommen die Erwarteten zurück, und die Fahrt kann weitergehen. Vorbei an kleinen Strassengeschäften, die alle die Beifügung Modjadji tragen, biegen wir in eine steil ansteigende Straße mit großen Schlaglöchern ein und erreichen schließlich die Kuppe des Bergzugs. Der Minister steigt aus, um das Tor zur Einfahrt nach moshate zu öffnen.
Ein weiter Platz mit einem hohen Baum, links nach der Einfahrt ein moderner, protziger Bau, rechts etwas erhöht ein großes Rondabel, ein Rundhaus mit dem traditionellen, mit Kuhdung geglätteten Vorplateau.
Am anderen Ende des Platzes gehe ich aus dem sauberen Plumpsklosett heraus und werde plötzlich gewahr, daß der Minister mit dem ganzen Körper seitlich auf diesem Vorplateau liegt, beide Hände in Bittstellung gefaltet, und zum Rondabel hin in Lobedu spricht. Während ich noch völlig überrascht davon bin, einen ungefähr 65jährigen Mann, der durch seinen aufrechten Körper sowie eine zielgerichtete Festigkeit besticht, auf dem Boden liegen zu sehen, steht er wieder auf und winkt uns herbei. Hinter Emily und Jean-François finde ich mich am Eingang des Rondabels wieder, wo frau/mann auf die Eingangsstufe niederkniet, über die Schwelle rutscht und sich erst im Inneren wieder erhebt.
Im Halbrund rechts vom Eingang stehen mehrere Stühle, links nur ein einziger. Gegenüber vom Eingang befindet sich ein Tisch mit vier Sesseln, auf dem Tisch eine Stereoanlage, ein Telefon, eine Vitrine, Urkunden. An der Wand hängt das Foto eines Mannes – vielleicht der vor kurzem verstorbene Bruder der Königin – sowie dasjenige von Modjadjis Vorgängerin. Ich komme neben Jean-François zu sitzen, an dessen anderer Seite Emily Platz genommen hat. Direkt mir gegenüber sitzt Modjadji selbst in einem gepolsterten Stuhl, eingewickelt in eine grüne Decke, eine gelbe Baskenmütze auf dem Kopf, die Beine stecken strumpflos in ungebundenen Halbschuhen. Nachlässig lehnt sie da und wartet. Über ihr an der Wand hängt ein Bild, wie es im Tirol der 60er Jahre über etlichen Schlafzimmerbetten angebracht war: Ein sitzender sanfter Jesus mit Kindern und Schafen und dem Untertitel „Lasset die Kindlein zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich“. Der Minister hat den einzigen Stuhl links vom Eingang eingenommen.
Der Minister spricht nun im Sitzen zu Modjadji und informiert uns anschließend in Englisch, daß er alles, was er zu Modjadji sage, an uns weitergeben werde. Er freue sich, daß wir die weite Reise unternommen haben, um Modjadji und das Dorf zu besuchen. Es sei eine Ehre, daß uns Her Majesty empfange. Erwartungsvoll sehen danach sowohl der Minister als auch Modjadji unseren „einzigen Mann und Koordinator“ Walter an, der spontan abwehrend reagiert, doch auf Jean-François‘ Aufforderung hin stellt er unsere Gruppe mit Namen und Profession vor (nach der Tagesverantwortung in der Gruppe wäre es meine Aufgabe gewesen). Der Minister übersetzt die Vorstellung für Modjadji und dann ihre Antwort für uns.
Sobald der Minister seine Rede beendet habe, so werde ich von Emily instruiert, solle ich ihm unsere Geschenke – unter anderem ein Exemplar meines Buches und ein historisches Foto von Modjadji IV. – überreichen. So geschieht es. Der eloquente Sprecher legt die ihm übergebenen Geschenke Modjadji zu Füßen, indem er sich im Abstand von ca. einem Meter wieder in voller Länge seitlich auf den Boden legt, die Hände faltet und zu ihr gewendet auf Lobedu spricht. Modjadjis verbale Äußerungen beschränken sich auf „hms“ in diversen Tonarten, die je nachdem Zustimmung oder Ablehnung bedeuten. Schließlich erhebt sich der Minister behend vom Boden und beginnt, wieder auf seinem Stuhl sitzend, mit einer Rede.
Modjadji freue sich, uns hier begrüßen zu können, erlaube uns auch, in ihrem Dorf Fotos zu machen, nur eines erlaube sie nicht, sie selbst zu fotographieren. Das ist das Stichwort für Emily, mir zu sagen, daß ich nun verhandeln müsse. Ich, vom Beobachten viel zu sehr eingenommen, sehe mich außerstande, die notwendige Rhetorik, Freundlichkeit, Lockerheit aufzubringen, unser Anliegen entsprechend vorzutragen, und wende mich instinktiv mit der Bitte an Jean-François, für mich zu sprechen. Dieser erfüllt die Aufgabe souverän, spricht von der Freude, hier sein zu dürfen, der Ehre, von Modjadji empfangen zu werden, von ihrer Großzügigkeit und ihrem Entgegenkommen. Er bedankt sich für den Aufwand und die Zeit, die dazugeopfert werde, für die Erlaubnis, daß wir in ihrem Dorf herumgehen und Fotos machen dürfen und merkt ganz beiläufig an, daß wir die lange Reise und sämtliche Beschwernisse auf uns genommen haben, um doch auch ein Foto von Modjadji selbst zu erhalten, wofür wir gerne ein Geldgeschenk geben würden, denn schließlich wollten wir daheim auch bildhaft Bericht erstatten. Womit ich wieder am Zug bin, den bereits vorbereiteten Geldbetrag von 200 Rand (ca. 400 öS) dem Minister zu überreichen, der ihn in der nun schon bekannten Weise, auf dem Boden liegend, zu den anderen Geschenken dazulegt und für unser Anlie-gen wieder das Wort an Modjadji richtet. Ihr „hm“ bedeutet schließlich die erhoffte Zustimmung, ein Foto von ihr machen zu dürfen.
Vor dem Fototermin müsse sich Modjadji noch umkleiden, läßt uns der Minister wissen, mittlerweile gehe er mit uns ins Dorf. An diesem Punkt wendet er sich direkt an mich, denn ich wisse ja, wie man im Dorf gehe. Er spricht zu mir, als sei ich bereits dagewesen. Ja, erwidere ich, ohne Schuhe. Nach dieser Klarstellung der Verhaltens-regeln überrascht der Minister mit der Ankündigung, daß er nun explizit etwas sagen werde, was er vorher nicht zu Modjadji gesagt habe, und fordert uns dann auf, uns für ein geplantes Hotelprojekt auf Lobedugrund einzusetzen. Er übersetzt diese Bemerkung daraufhin für Modjadji, die sie offensichtlich zustimmend zur Kenntnis nimmt.
Das Dorf, von dem nur der neuartige Palazzo und das Rondabel außerhalb der Umzäunung stehen, darf nur mit bloßen Fußsohlen, in direkter Berührung mit Mutter Erde, begangen werden. Dies gilt für alle, für jedes Kind, jede Frau, jeden Mann, und stellt keine Sonderregel für Besucher dar. Barfuß zu sein, ist ein Ausdruck des Respekts.
Mittlerweile hat sich Modjadji für den Fototermin zurechtgemacht. Barfüßig dürfen wir sie vor dem Haus ihrer Vorgängerin, wo sie auf der obersten Stufe der Eingangsstiege steht, fotographieren. In Schwarz gewandet, setzt sie, die vorher freimütig auf uns und die Welt geblickt hat, ein blasiertes, düsteres Gesicht auf. Eine zur Schau gestellte Maske für all die Augenpaare, die möglicherweise ihre Abbildung betrachten werden, ohne daß Modjadji selbst sie je zu Gesicht bekommen wird? Die Verwandlung ist eigenartig und bar jeglicher Erklärung.
Das Dorf präsentiert sich so wie auf den Fotos aus den 50er Jahren. Sauber gefegte Plattformen umgeben die Rondabeln, von denen einige mit ornamenthaften Wandbemalungen aus Naturfarben versehen sind. Das Haus von Modjadji IV. dient als Aufbewahrungsort für die traditionellen Trommeln, und an jedem Eck des Hauses – denn dieses Haus unterscheidet sich von den anderen durch seinen rechteckigen Grundriß – lehnt auf der Veranda ein ehemaliger khoro-Pfahl in Form einer geschnitzten weiblichen Figur.
Der khoro – so wie das Dorf aufgrund der Hügellage leicht abschüssig – ist ein offener, von einem Zaun aus stockähnlichen Ästen begrenzter Platz mit fünf Zugängen, die ebenfalls von Pfosten begrenzt sind. Kinder spielen Fußball, und der Minister zeigt uns am oberen Ende mehrere Steine, auf denen sich Kläger/in und Angeklagte/r gegenübersaßen. Inwieweit und wie die Rolle der Gerichtsbarkeit auch heute noch von Modjadji und ihren Räten vollzogen wird, ist nicht ganz klar.
Am Vortag hat mir eine Lobedufrau berichtet, daß die Leute nach wie vor zu Modjadji gehen und sie um Land bitten. Von den Räten/Ministern wird ihnen dann gegen die Entrichtung eines geringen Fixbetrages ein bestimmter Grund zur Nutzung zugeteilt. Wenn allerdings die Gemeinschaft ein Individuum, aus welchen Gründen auch immer, als asozial, also gegen die allgemeinen Interessen handelnd, einstuft, wird diese Person von Modjadji des Landes verwiesen und darf sich nicht mehr innerhalb ihres Einflußbereichs niederlassen.
Wieweit heute Modjadjis Einflußbereich reicht, welche Befugnisse sie nach der Auflösung des Homelands Lebowa (von dem das Lobedu-Reservat ein Teil war) hat, wieviele Menschen sich als Lobedu bezeichnen, bleiben offene Fragen. Vor 1894 erstreckte sich der Einflußbereich Modjadjis auf ca. 2.000 km2, im Homeland Lebowa schließlich auf ca. 400 km2. Heute unterstehen knapp 160 Dörfer mit ihren jeweiligen Chiefs der Modjadji.
Symbolischer Ausdruck für dieses Herrschaftsverhältnis sind die Pfosten, die den khoro, den Platz der Gerichtsbarkeit, umschließen. Jeder Pfosten symbolisiert die Herrschaft eines bestimmten indunas. Die Gerichtsbarkeit wird im khoro von den Räten, den Männern der moshate und den Chiefs ausgeübt. Die oberste und letzte Entscheidungsbefugnis bleibt Modjadji vorbehalten. Machtkämpfe, Krieg und Frieden, Streitfälle – alles wurde im khoro debattiert und entschieden. Um 1960 aber wurde der Gerichtshof vom traditionellen khoro in den modernen Neubau verlegt, und seitdem umgeben den khoro-Platz keine geschnitzen Figuren – hauptsächlich in Form von Frauen, Tieren und Objekten – mehr. Der Platz ist seiner wesentlichsten Funktion entledigt.
Das vom Minister angesprochene Hotelprojekt ist ein Entwicklungsprojekt von Tourismus-Unternehmern, die nahe der moshate auf Lobedugrund einen Hotelkomplex bauen wollen. Dafür würden sie tausend Rand pro Jahr sowie einen Anteil des Profits an die Lobedu entrichten. Bei aller angebrachten, auch unter den Lobedu selbst geäußerten Skepsis gegenüber dem geplanten 500-Betten-Projekt sind die eventuell damit einhergehenden Einkommensmöglichkeiten und die Schaffung von Jobs in einer Region mit hoher Arbeitslosigkeit nicht zu unterschätzen.
Es gibt Überlegungen in der ANC-Regierung, die Räte/Minister als Ansprechpartner anzuerkennen und zugleich die vorwiegend konservativen Chiefs durch die Zuerkennung eines fixen Gehaltes ins Abseits zu manövrieren. Modjadji und ihre Räte haben den Kolonialismus und die Apartheid überlebt; ob sie auch dem Konsumzeitalter und der Demokratie gewachsen sind, wird die Zukunft zeigen.


Print page