Seite an Seite zwei verschiedene Bestattungsarten

Aus dem Inhalt:

  • Gräber gehören zu den wichtigsten Informationsquellen der Archäologie
  • Grabbeigaben aus bearbeitetem Stein sind keine Bestätigung für Gewalt und Krieg
  • Getreidebeigaben waren nicht als Nahrung für die Toten gedacht
  • Die Körperstellung der Toten ist maßgeblich für den Glauben

 

»Ägyptens Hochkultur sprang aus der Vorgeschichte wie das Küken
aus dem Ei,
ausgestattet mit sämtlichen Potenzen.«
(Emma Brunner-Traut, 1987, S. 10).

Es sind diese IsolationistInnen, die nicht wahr haben wollen, dass Ägypten von indoeuropäischen Horiter Horden, aus den Sippen der Viehzüchter, der Waffenschmiede und Krieger aus dem Norden erobert wurde. (s. ›Die Eroberer aus dem Norden‹) Sie behaupten etwa, es würde keinen archäologischen Hinweis dafür geben, dass die aussergewöhnlich auffallenden Veränderungen in Ägypten gewaltsam geschehen seien. Die französische Archäologin Béatrix Midant-Reynes beispielsweise schliesst trotz des Massakers auf der Narmer-Palette lediglich auf eine kulturelle ›Weiterentwicklung‹. Selbst wenn uns als Indiz ausschließlich die Narmer-Palette zur Verfügung stehen würde, hätten wir den unumstösslichen Gegenbeweis für diese Theorie. (s. ›Das matriarchale Königinnentum Ägyptens‹)
»Eine Hochkultur entsteht nicht aus dem Nichts«, schreibt sie weiter, doch wieder verkennt sie die Lage, wenn sie die irrige Meinung vertritt: »Ein Amt wie das des Pharaos, der den Ägyptern als Garant weltlicher wie kosmischer Ordnung galt, setzt entsprechende Weltbilder und religiöse Vorstellungen voraus. Vermutete man zunächst den Vorderen Orient als Quelle all dieser Entwicklungen, gilt es inzwischen als sicher, dass die ägyptische Kultur etwa 3000 v. Chr. im Niltal selbst ihren Anfang nahm, als Landwirtschaft und Vorratshaltung eine immer stärker hierarchisch gegliederte Gesellschaft hervorbrachten. Als Erster stieß der britische Archäologe William Flinders Petrie Ende des 19. Jahrhunderts auf Zeugnisse der ägyptischen Vorgeschichte. Nahe dem oberägyptischen Ort Naqada legte er mehrere tausend Gräber frei, die einen unter Altertumsforschern damals noch wenig bekannten Bestattungsbrauch belegten:

Die Toten waren in Hockerhaltung beigesetzt worden,
in Seitenlage und mit eng an den Körper angewinkelten Knien;
zudem hatte man ihnen offenbar Gefäße mit ins Grab gegeben…

Petrie hatte den Beweis für eine nichtpharaonische Kultur im Niltal entdeckt, die offenkundig Jenseitsvorstellungen und ein geordnetes Gemeinwesen entwickelt hatte.« (Beatrix Midant-Reynes ›Geburt des Pharaonenstaates‹, Spektrum 13.12.2013)

Jedoch, die als ›Hockerhaltung‹ abgewertete Totenlage ist eine den Embryo im Mutterleib nachahmende Haltung in der die Toten begraben wurden. Und, die tausenden Gräber der ägyptischen Urgeschichte waren die Nekropolen der indigenen, schwarzen Bevölkerung Ägyptens der matriarchalen Zeit, die tatsächlich ›nicht-pharaonisch‹ war, sicher ›ein geordnetes Gemeinwesen entwickelt‹, aber keine ›Jenseitsvorstellungen‹ hatte, wie Midant-Reynes glaubt. Die embryonale Bestattungslage der Toten ist ein Charakteristikum aller indigenen Völker der Welt, die bis zu den Eroberungen matriarchal waren und an eine Wiedergeburt aus einer Frau ihres Clans glaubten. Die älteste bisher gefundene Bestattung ist die eines ca. 50jährigen Neandertalers, bekannt als ›der alte Mann von La Chapelle‹. Der rituell bestattete Tote war vor 60’000 Jahren sorgfältig in embryonaler Haltung begraben worden. (s. ›Seite an Seite zwei verschiedene Bestattungsarten‹ und D. Wolf 1994, S. 40–47)
Die Menschen der uralten schwarzen Kultur im Niltal bildeten schon mindestens tausend Jahre vor der Machtnahme der Indo-Europäer ein ›geordnetes Gemeinwesen‹, waren eine prosperierende, friedliche matriarchale Gesellschaft, die mit der ganzen damaligen Welt Handel trieb. Sie vertrauten ihrem Verstand und dem was sie sahen und erlebten: Frauen gebaren Kinder und garantierten damit das Weiterbestehen der Sippe, weshalb die Mütter und die Urahnin als Urmutter, als Göttin, verehrt wurden.

Gräber gehören zu den wichtigsten Informationsquellen der Archäologie

Prädynastische Gräber Woolley ›Diggin up the Past‹, Plate 22

Prädynastische Gräber
(nach Leonard Woolley ›Diggin up the Past‹, 1930, Plate 22)

Die Gräber und Grabbeigaben aus der schriftlosen Zeit bergen Einblicke in die Kulturen alter Völker, die oft weit mehr über die frühen Kulturen aussagen als jede spätere schriftliche Hinterlassenschaft. Hier lassen sich zeitlich weltweit zwei prinzipiell verschiedene Bestattungsbräuche unter­scheiden. Bei den ältesten gefundenen Bestattungen in Ägyp­ten, Me­sopotamien, Indien, überhaupt dem ganzen vorder­asiati­schen Raum und Alt-Europa wurden die Toten in einfachen Erd­gruben in einer den Embryo nachahmen­den, kontrahierten Haltung, meistens mit wenigen Grab­beigaben, einigen Silex-Artefakten, Keramikvasen, oft mit Getreide gefüllt, bestattet. Bei den Grabbeigaben handelt es sich ausschließlich um weibliches Symbolgut: Schmuck aus Elfenbein, Muscheln vom Roten Meer und uterusförmige Keramikgefäße. »Viele der ausgegrabenen Tongefäße sind dem schwangeren Frauenkörper nachempfunden. Man spricht als ›sie‹ von ihnen und nennt sie ›bauchig‹. Sie haben enge Hälse vollgerundete Bäuche und Henkel oft in der Form von Armen; sehr früh, etwa die von Thera, sind sogar mit Brüsten geschmückt. Sie repräsentieren also Schwangerschaft und symbolisieren das weibliche Prinzip. Wofür immer sie genutzt wurden, für das Aufbewahren von Korn, Öl oder Wein oder für die Bestattung Verstorbener, der Symbolismus ist immer offensichtlich. Da der Tod als Übergang von einer Lebensform in eine andere begriffen wurde, wurden die Toten in eine foetale Haltung mit den Knien zur Brust gebunden. Ihre Körper wurden mit Ocker bestreut und in eine Urne, die an die schwangere Körperlichkeit einer Frau erinnerte, gelegt, um so ihrer Wiedergeburt in eine neues Leben entgegen zu warten.« (Doris F. Jonas ›Der überschätzte Mann – Die Mär von der männlichen Überlegenheit‹ 1981, S. 50) Die ›Hockerhaltung‹ ist eine den Embryo im Mutterleib nachahmende Haltung in der die Toten begraben wurden. Es ist ein Charakteristikum aller indigenen Völker der Welt, die bis zu den Eroberungen matriarchal waren und an eine Wiedergeburt aus einer Frau ihres Clans glaubten. Die älteste bisher gefundene Bestattung ist die eines ca. 50jährigen Neandertalers, bekannt als ›der alte Mann von La Chapelle‹. Der rituell bestattete Tote war vor 60’000 Jahren sorgfältig in embryonaler Haltung begraben worden.
Die embryonale Totenlage wird auch Hockerbestattung genannt. Dafür haben verschiedene Autoren recht eigenartige Erklärungen bereit, beispielsweise: »Für die Bettung des Leichnams wurden auch Binsensärge oder Mattenumhüllungen benützt; nur so lässt sich die extrem enge Hockerstellung der Skelette erklären.« (Karla Kroeper – Dietrich Wildung ›Minshat Abu Omar Müncher Ostdelta-Expedition Vorbericht 1978-1984, S. 33) Eine etwas dürftige Interpretation; und wie erklären sich die beiden Autoren, dass: ›ausnahmslos alle auf der linken Seite mit Blickrichtung nach O-SO‹ gelegt wurden? Mit der Bezeichnung ›Hocker‹ wird von der naheliegenden Tatsache, abgelenkt, dass es sich bei dieser Art von Begräbnissen um eine tief religiöse, rituelle Gepflogenheit handelt. Wie schon Doris F. Jonas schrieb, kann davon ausgegangen werden, dass die embryonale Lage der Toten keine zufällige Wahl ist, sondern mit dem matriarchalen Göttinnenglauben und dem Glauben an eine irdische Wiedergeburt aus der Frau zusammenhängt. Der Ägyptologe Hans Bonnet schreibt in seinem ›Reallexikon der ägyptischen Religionsgeschichte‹, dass die vor- und frühgeschichtliche Zeit ihre Toten durchwegs als Hocker beisetzten, die mit wenigen Ausnahmen auf der linken Seite liegen. Im Alten Reich beobachtet man jedoch eine Neuerung: die gestreckte Rückenlage, die zunächst auf die oberen Schichten beschränkt ist, während die alte Sitte im Volk fortlebt, um erst gegen die Wende zum Mittleren Reich ganz auszusterben (Bonnet 1971, S. 305). Deutlicher kann kaum gesagt werden, dass hier durch die Invasion der indoeuropäischen ›Shemsu-Hor‹ ein tiefgreifender Wandel stattgefunden hat. In Minshat Abu Omar im östlichen Nildelta wurden »insgesamt 420 Gräber aus der Prä-/Frühdynastik, sowie 2630 Gräber aus der Spätzeit und der griechisch-römischen Zeit entdeckt. Bei den prädynastischen Gräbern handelt es sich um ovale Gruben, die allesamt von Nord nach Süd ausgerichtet sind. Die Gruben sind 1 bis 1,5 m lang und 1,5 bis 2,0 m tief. In ihnen wurde der Körper in Hockstellung bestattet und lag auf der rechten Seite, mit dem Kopf im Norden und dem Gesicht zum Westen.« (Wikipedia) Hingegen lagen »die Skelette in den Gräbern der griechisch-römischen Zeit zu über 90% auf dem Rücken. Für die Änderung der Bestattungsrichtung… konnte bis jetzt noch keine Ursache gefunden werden.« (Ostdelta-Expedition ibd. S. 15 und 96) Aus der Zeit des Narmer wurde »ein einziger birnenförmiger Keulenkopf gefunden« (ibd. S. 92), der typische Totschläger der indo-europäischen Invasoren.
Im nubischen Neolithikum, besonders im 6. Jahrtausend, gibt es ebenfalls deutliche Zeichen für den Glauben an eine Wiedergeburt aus der Frau. Zum einen sind es die Bestattungen der Toten in der embryonalen Lage, anderseits gehört dazu die Beigabe verzierter Keramik mit weiblichen Symbolen, u.a. dem Dreieck. Bekräftigt wird der Glaube an eine Wiedergeburt durch die zahlreichen Frauenfigürchen, die die Verehrung der Frau und der Göttin mehr als nur ahnen lassen.
Die verehrten Matriarchinnen der mütterlichen Clans, das weibliche Familienoberhaupt und die Königinnen wurden stets mit besonderer Sorgfalt und mit mehr und wertvolleren Grabbeigaben bestattet. Bei den Gräbern im Sudan sei »die Differenzierung zwischen einer kleinen Elite mit aufwendigen Grabausstattungen und dem Rest der Bevölkerung besonders auffallend, schreibt Wildung (Dietrich Wildung, Jürgen Liepe ›Sudan, Antike Königreiche am Nil‹ 1996). Natürlich werden diese Elitegräber von Wildung als ›Häuptlingsgräber‹ interpretiert, obwohl nur wenige Skelette als eindeutig weiblich oder männlich identifizierbar sind. Wildung schließt daraus – und so wird patriarchale Geschichte gemacht –: »Schon im 5. Jahrtausend standen also Häuptlinge an der Spitze von Stammesgesellschaften, eine außergewöhnliche Beobachtung für diese frühe Epoche. Dass sich diese Entwicklung gerade in dieser Region abspielt, ist sicher nicht zufällig: Im 3. Jahrtausend wird hier das erste afrikanische Königreich entstehen, das Reich von Kerma.« (Wildung ibd. S. 15) Doch das matriarchale Königreich mit einer Priesterkönigin an der Spitze entstand nicht erst im 3. Jahrtausend, sondern wie in Ägypten und Mesopotamien im 6./5. Jahrtausend. Die Eroberer zerstörten die matriarchalen Kulturen; die Tempelbezirke der regierenden Königinnen wurden usurpiert und von den Erobererhäuptlingen übernommen. (s. ›Das Zerhacken des Nubierlandes‹)

Einer der Beweise für das ursprünglich matriarchale Königtum Sudans und Ägyptens sind die Sati-Morde, welche durch die Nebengräber bezeugt sind. Sati wird die Ermordung der Königin und ihres Hofstaates beim Tod des Herrschers, der zum Clan der indoeuropäischer Eroberer gehörte, genannt. Die Ermordung der matriarchalen Königinnen bei der patriarchalen Machtnahme ist in allen Ländern bezeugt, die von den Indo-Europäern erobert wurden.

Grabbeigaben aus bearbeitetem Stein sind keine Bestätigung für Gewalt und Krieg

Immer wieder werden von den Forschern sorgfältig gearbeitete Steinartefakte aus den frühesten Gräbern – auch die Grabbeigaben bei Frauen – als Waffen interpretiert. (s. ›Der Irrtum mit den Silex-Pfeilspitzen‹ https://www.doriswolf.com/wp/geheimnisvolle-steinzeit/der-irrtum-mit-den-silex-pfeilspitzen/)

 

kein KeulenkopfSorgfältig gearbeiteter, gelochter Stein aus Ägypten (Metropolitan Museum of Art)

Beispielsweise glaubt man in gelochten Steinen ›tellerförmige‹ Keulenköpfe zu erkennen, mit dem es besonders effizient sei, einen Schädel zu spalten, obwohl es nirgends Hinweise auf Gewalt oder Schädelverletzungen gibt. Es dürfte sich bei diesem ›tellerförmig‹ genannten ›Keulenkopf‹ (Abbildung oben) um das matriarchale Symbol des Muttermundes (Cervix) handeln (s. ›Symbole schreiben Urgeschichte‹).
Weniger künstlerisch gearbeitete gelochte Steine wurden auch am Gewichtswebstuhl verwendet um die herabhängenden Kettfäden zu halten; die frühe Leinenherstellung in Ägypten ist berühmt. Oder sie wurden zum Beschweren der Fischernetze benutzt: Auffallend häufig sind die Hinweise auf eine entwickelte Fischfangtechnik schon im 10 Jahrtausend (Dieter Wildung ›Ägypten vor den Pyramiden‹ 1981).
Echte Keulenköpfe sind bei den patriarchalen Indo-Europäern ›birnenförmig‹; sie symbolisieren den erigierten Penis, das stolz exhibitionierte Merkmal viriler Kraft und dauerhafter sexueller Potenz, die jedoch stets von Schwäche bedroht ist. Sie tauchen in Vorderasien erstmals auf und wurden von den Eroberern nach Ägypten gebracht (s. die Narmer-Palette)

 Getreidebeigaben waren nicht als Nahrung für die Toten gedacht

wie man gemeinhin annimmt, sondern waren religiöse Symbole der Wandlung und der Wiedergeburt; so wie im christlichen Ritual Brot und Wein Wandlungssymbole für den Leib und das Blut Christi darstellen. Die Ägyptologin Renate Germer wundert sich denn auch, dass die Darm- und Magenproben der prähistorischen Naturmumien andere Produkte enthielten als die Grabbeigaben: »Dort hatte man vor allem die angebauten Kulturgetreide Gerste und Emmer in den Töpfen mitgegeben«, während sich im Darminhalt Pflanzen, Samen einer wilden Hirseart, Blätter eines Borretsch Gewächses, große Mengen an Erdmandeln und Melonensamen fanden (Germer ›Mumien – Zeugen des Pharaonenreiches‹ 1991, S. 28). Gerste, Emmer, Mandeln usw. sind Vulva-Symbole und damit Symbole der Wandlung und der Wiedergeburt.
Doch von solchen Überlegungen sind patriarchale WissenschaftlerInnen  weit entfernt. Die Erforschung der Symbolik und das Arbeiten mit Intuition hat bei ›seriösen‹ Wissenschaftlern keinen Platz. Das ist einer der Gründe weshalb die Erforschung der urgeschichtlichen Zeit, wie Dietrich Wildung feststellt ›noch in den Kinderschuhen steckt‹. Der Symbolforscher S. Giedion betont, rationales einseitig männliches Denken genüge nicht, um die Symbolsprache vergangener Kulturen zu erforschen und zu verstehen, es brauche ebenso die Intuition. Das Zusammenbringen von Intellekt und Intuition scheine jedoch Frauen näher, als das von Männern bevorzugte einseitig rationale Denken.

Die Körperstellung der Toten ist maßgeblich für den Glauben

Die indigenen Menschen Ägyptens, Mesopotamiens, im Vorderen und Mittleren Orient bis nach Indien bestatteten ihre Toten in eiförmigen Gruben oder runden Tongefäßen in embryonaler Lage, was, wie gesagt, an die vor­ge­burtli­che Stellung des Fötus im Mutterleib erin­nert. Dies ist ohne Zweifel das aussa­gekräftigste Merkmal der matriar­cha­len Religion, die ver­bunden ist mit dem Glauben an eine zykli­sche Wiedergeburt.
Eine Ausnahme fanden Archäologen in Sungir, 190 Km nördlich von Moskau, wo drei besonders reich ausgestattete Gräber, möglicherweise von Neandertalern, die auf ein Alter von ca.  30’000 Jahren geschätzt wurden (frühes Jungpaläolithikum), auf dem Rücken liegend, bestattet waren. Neandertaler, soweit es überhaupt möglich ist, sie eindeutig als solche zu identifizieren, scheinen beide Bestattungsarten gekannt zu haben, sowohl auf dem Rücken liegend als auch in fötaler Stellung.
Die patriarchalen Invasoren begruben ihre Toten entsprechend ihrem Glauben – mit dem Blick zu einem von ihnen geschaffenen Vatergott im Himmel – auf dem Rücken liegend. Denken wir an die Mumien und das Grab von Tutanchamon. Die embryonale Lage hielt sich bei der indigenen Bevölkerung noch über lange Zeit nach der Eroberung und dem langen Patriarchalisierungsprozess.
Dieselbe Veränderung in der Art der Bestattungen konnte in Ägypten und in Mesopotamien nach der Invasion der Indo-Europäer beobachtet werden. Veränderungen der Bestattungsart, sind immer Zeichen einer anderen Ideologie und Religion, die zu einer kulturfremden Ethnie des Landes gehört.
Der Wiedergeburtsglau­be muss auch in Europa schon während langer Zeit bestanden haben; »die ältesten be­kannten Be­stattungen (Neandertaler des Mittel-Paläoli­thikums) sind Hockerbestattungen« (Behrens LÄ, II, S. 1227 f.). »Es gibt Nachweise, dass Toten- und Ahnenverehrung in Europa bis in die Altsteinzeit (mindestens 100’000 Jahre) zurückreichen. Ursprünglich ist damit immer der Glaube an die Wiedergeburt jeder Ahnin und jedes Ahnen in der eigenen Sippe verknüpft… Ahnenverehrung ist daher kein isolierter ›Kult‹, sondern lediglich die äußere Hülle einer Wiedergeburtsreligion. In einem solchen religiösen Denken ist die Frau notwendigerweise das zentrale Geschlecht. Sie wird nicht so sehr wegen ihrer Fähigkeit zu gebären verehrt, sondern eigentlich wegen ihrer Fähigkeit, die verstorbene Ahnin, den verstorbenen Ahn als Kind wiederzugebären. Anders als die Männer, die – beispielsweise auf der Jagd – lediglich Leben in Tod umwandeln können, kann sie Tod wieder in Leben umwandeln. Deshalb richten sich die spirituellen Hoffnungen aller Familienmitglieder auf die Frauen der Sippe. So ist es eine totale Fehlinterpretation zu meinen, in matriarchalen Gesellschaften gäbe es einen ›Fruchtbarkeits-‹ oder ›Mutterkult‹, wie oft behauptet wird. Es ist dagegen die spirituelle Rolle als Wiedergebärerin, die allerdings sehr konkret verstanden wird, welche der Frau im Matriarchat ihre besondere Heiligkeit gab.« (Heide Göttner-Abendroth ›Das Matriarchat II.1, Stammesgesellschaften in Ostasien, Indonesien, Ozeanien‹ 1991, S. 35) In Asien herrscht bei vielen Völkern der Glaube vor, dass »die Kinder nicht als vom Manne gezeugt, sondern als von den Geistern der Ahnen empfangen, angesehen werden. Sie kehren von ihrem Jenseitsland durch Wiedergeburt in die eigene Sippe zurück. Dieser Glaube und nicht die ›Unkenntnis‹ der Vaterschaft ist die Grundlage der Matrilinearität« (ibd. S. 163).
Der Glaube an eine Wiedergeburt ist gebunden an den Glauben an eine Göttin, an ein weibliches Wesen. Tote, die nicht nur in em­bryonaler Haltung, sondern in ein feines Leinengewebe oder eine Kuhhaut – sozusagen in eine Fruchtblase – eingehüllt waren, las­sen sogar vermuten, dass die Frauen der Urzeit anatomi­sche Kenntnisse über die Be­schaffenheit des weiblichen Körpers, des Wachsens des Embryos in der Fruchtblase und der Ernäh­rung durch das müt­terli­che Blut hat­ten. Dieses gynäkologische Wissen war wichtig für die Schwangerschafts- und Geburtsmedizin. Wahrscheinlich bildeten die anatomischen Kenntnisse der Frauen die spätere Grundlage für die Mumifizierung. Auch war den Frauen der Zusammenhang von Menstruation und Schwangerschaft klar. Die Küste Arabiens zum Roten Meer, dem ›Ozean voller Blut‹, heißt noch immer ›Tihamat‹, ein Synonym der arabischen Göttin ›Tehama‹ und der babylonischen Göttin Tiamat, der ›wahren Quelle des Lebens‹; Tiamat war die Göttin, die ihr Menstruationsblut wäh­rend dreier Jahre unaufhörlich fließen ließ, um die Schöpfung zu gebären (s. Barbara G. Walker ›Das geheime Wissen der Frauen‹ 1993, S. 1090 f.).
Dies bezeugt auch die Bestreuung mit rotem Ocker, dem Symbol für weibliches Lebensblut und die Beigabe von Kaurimuscheln, die oft über Hun­der­te von Kilometern hergebracht werden mussten. Im anatolischen Chatal Hüyük fand man große Kau­rimu­scheln aus dem Ro­ten Meer. »Es ist durch­aus einzuse­hen, warum man keine Mühen und keinen Weg scheute, um gerade Kaurischalen zu beschaffen«, schreibt der Paläolinguist Richard Fe­ster. »Die Öff­nung der Kauri ist – eine Laune der Natur – eine ge­naue Nachbildung der weiblichen Leibes­öffnung, der Vulva, und spätestens an dieser Bei­gabe musste die Forschung erkennen, dass die so Bestat­teten für eine Wie­dergeburt vorbereitet wurden. Dafür spricht im nachhinein die Ausrichtung zum Sonnenlauf ge­nauso wie das Be­streuen mit rotem Ocker« (Fester ›Weib und Macht – Fünf Millionen Jahre Urgeschichte der Frau‹ 1979, S. 29 f.). ›Kauri‹ geht auf die vorari­sch-indische Göttin Karuna/Kali, ›die Leuchtende‹, zurück und ist auch der Name für die Vulva/Yoni. Die Kaurischnecke war das universelle Symbol der weiblichen Genitalien und deren heilende und fruchtbare Fähigkeiten‹ (Walker ibd. 1993, S. 534). Im zykli­schen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt war das Sterben ein bloßes Durchgangs­stadium, nach dem man durch die Mütter zur Wiedergeburt auf Erden ge­langte. Dies macht den Ahnenglauben, die über den Tod hinausgehende Verbundenheit mit den Verstorbenen und die sorgfältigen Bestattungen deutlich.

Die Schrecken des Todes, von denen wir wie selbstverständlich ausgehen, sind in diesem Symbolismus nirgendwo erkennbar. (Marija Gimbutas ›Sprache‹ 1995, S. 195)

Der Begriff der ›embryonalen‹ Totenstellung wird von den Wissenschaftlern langsam aus der Sprache verdrängt. Der Ägyptologe Beh­rens schreibt etwa: »Im Gegensatz zu älteren Interpre­ta­tionen, die die Hockerstel­lung des Toten als Embryo­nallage betrach­te­ten, steht die heutige Auf­fassung, sie als Schlaf­stellung zu deuten« (Behrens LÄ, II, S. 1227 f.). Eine subtile sprachli­che Anpassung an das Verständnis patriarchaler Wissenschaft, die dazu dient, die ungeliebte Erinnerung an die Geburt aus dem Leib der Frau bzw. den frühen Wiedergeburtsglauben aus dem Schoß der Muttergöttin zu leugnen und zu entwerten. Kurt Lange glaubt, man hätte früher viel in die Hockerlage ›hineinfabuliert‹. Er weiß es genau: »Sie ist wohl sicher nicht von der Embryonallage und damit vom Gedanken einer regelrechten Wiedergeburt in das Jenseits bestimmt!« (Lange ›Pyramiden Sphinxe Pharaonen‹ 1952, S. 22). Nicht ins Jenseits, ins Diesseits ist die Wiedergeburt gedacht. Der Kampf gegen eine weibliche Interpretation unserer ursprünglichen Kultur hält bei den Ägyptologen an. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass die meisten Werke der Ägyptologie des 20. Jahrhunderts in der Zeit des deutschen Patriarchats und des Faschismus geschrieben wurden (s. ›Ägyptologie, patriarchale Religion und Faschismus‹).

 


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