Die Pornographisierung der nackten Göttinnen-Statuetten

Aus dem Inhalt:

  • Die nackte Göttin und ihre Verfemung
  • Die nackten Göttinnen der urgeschichtlichen Zeit
  • Nacktheit ist das Kennzeichen der Göttin der schriftlosen Altsteinzeit
  • Nackte Vorläuferinnen der Göttinnen der patriarchalen ›Hochkulturen‹
  • Die Pornographisierung der nackten Göttin

 

Die nackte Göttin und ihre Verfemung

»Die religiös-symbolische Besetzung des weiblichen Körpers ist offensichtlich
nur in einer ›Mutterreligon‹ möglich gewesen, denn die patriarchalen Kulturen,
die die matriarchalen abgelöst haben, zeichnen sich durch fortschreitende Distanz zur Natur und damit auch zum Körper aus.«
(Siegfried Vierzig)

Als man die ersten nackten weiblichen Figurinen fand, erklärte man(n) diese »als erotische Wunschfiguren, als eine Art prähistorischer Pin-up-Girls« (S. Giedion ›Ewige Gegenwart – Die Entstehung der Kunst‹ 1964, S. 340). Aus dieser Zeit stammt auch die diskriminierende Bezeichnung ›Venusfigur‹ anstelle des sakralen Begriffes ›Göttin‹. Giedion erklärt die allgemeine Abwehr der Wissenschaftler gegen die damalige Wichtigkeit des Weiblichen im religiösen, wie im alltäglichen Leben und ihre Schöpfungsmächtigkeit, die er ›Fruchtbarkeit‹ nennt, als den: »Schatten des neunzehnten Jahrhunderts mit seinen allzu naturalistischen Ansichten«, der über allen Fruchtbarkeitssymbolen liege. »Was in den Bereich der Riten und Rituale gehörte, wurde als Lüsternheit ausgelegt. Die weiblichen Statuetten der Aurignacien-Périgordien –  (»Das Aurignacien ist die älteste archäologische Kultur des europäischen Jungpaläolithikums, und zeitgleich mit der Ausbreitung des anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) in weiten Teilen West-, Mittel- und Osteuropas.« (Wikipedia) – wurden ›Venusfigurinen‹ betitelt und verrieten so, für was man sie hielt. Ein französischer Forscher sah in ihnen ›un penchant vers l’érotisme‹; ein deutscher Paläontologe ›eine Art von gesteigerter Erotik‹, die er ausschließlichem Fleischgenuss zuschrieb. Diese Figurinen waren keineswegs prähistorische Pin-up-Girls, aber die Darstellung von reifen Frauen mit schweren Brüsten, vorquellendem Unterleib und übertriebenen Hüftpartien sind symbolische Darstellungen der Fruchtbarkeit.« (Giedion ibd. 1964, S. 17) Die abwertende Auffassung sei unterdessen fallengelassen worden, glaubt Giedion 1964; er täuschte sich. Dreißig Jahre nach Giedion gehen drei Archäologinnen noch einen Schritt weiter und schreiben in einer bezahlten Auftragspublikation über die urgeschichtlichen Frauenstatuetten von »besonders anstößigen Funden« (Röder, Hummel, Kunz ›Göttinnendämmerung‹ 1996, S. 128), die sie als »profan-pornografi­sche Massenartikel« bezeichnen (S. 347). Und sie behaupten: »In der Diskussion über die Bedeutung der Frauenstattuetten wurde ihnen keine wichtige Rolle zugesprochen«; eine Meinung, die allerdings bei patriarchalen WissenschaftlerInnen nicht verwundern kann.
Dieser Auffassung hält der Religionswissenschftler Helmut Uhlig den Spiegel vor, wo er schreibt: »Bei aller Unterschiedlichkeit der plastischen oder zeichnerischen, reliefhaften Gestaltung sind die Frauenstatuetten fast ausnahmslos nackt und vom betonten Ausdruck ihres Geschlechts geprägt. Das führte bei der Entdeckung erster spektakulärer Beispiele wie der berühmten Willendorferin zur Bezeichnung ›Venus‹ und zur Unterstellung lüsterner, obszöner, aufreizender Absichten ihrer Erzeuger. Ja, man sprach von Pornographie. Hier zeigt sich nach Bachofen ein weiteres Mal die Enge und Begrenztheit von Forschern, denen der ihnen anerzogene prüde Geist des 19. Jahrhunderts näher stand als die Großartigkeit ihrer Entdeckungen. Obwohl sich die Anschauungen seither merklich gewandelt haben, fehlt auch heute noch vielen Prähistorikern und Religionswissenschaftlern das rechte Verständnis für den Sinn und die Bedeutung jener frühen Statuetten« (Helmut Uhlig ›Die Große Göttin lebt – Eine Weltreligion des Weiblichen‹ 1992, S. 41). »In den ›Venusfiguren‹ des Paläolithikums wollten die einen erotische Symbole, andere nichts weiter als mehr oder minder naturalistische Kopien besonderer Menschenformen sehen. Das höchste, was die traditionelle Wissenschaft der Urzeit eingesteht, ist das männliche ›Interesse und die Verehrung für die Geheimnisse der Fruchtbarkeit und Geburt‹ (Howell). Howell deutet die Frauengestalten der frühen Menschheitskunst als ›kleine Fruchtbarkeitssymbole‹. Es sei jedoch nicht bekannt, ob sie nur einfache ›Glücksbringer für das Heim‹, winzige zu verehrende Gottheiten oder etwas anderes gewesen sind. Sie ließen etwas vom Leben der späten Eiszeit erahnen, doch über sich selbst verrieten sie nichts.« (Howell F. Clarc ›Der Mensch der Vorzeit‹ 1975, S. 160, zit. von Gerda Weiler ›Der aufrechte Gang der Menschenfrau – Eine feministische Anthropologie II‹ 1994, S. 82, Hvhb. DW)

Die nackten Figuren sind immer würdevoll und niemals pornographisch dargestellt.

Im Gegensatz zu den abwertenden Beiträgen patriarchaler AutorInnen schreibt der evangelische Theologe und Religionspädagoge Siegfried Vierzig: »Der weibliche Körper mit allen Merkmalen seiner Geschlechtlichkeit ist das beherrschende Bild in der matriarchalen Urgeschichte, aber auch in den Jahrtausenden darauf in allen matriarchalen Kulturen, ob in Kreta, Malta, Skandinavien, der Türkei oder auch in Deutschland. Was zunächst als purer Naturalismus gedeutet wurde, muss nun als symbolischer Ausdruck eines weit verbreiteten Kultes gesehen werden. Der weibliche Körper in den Darstellungen der archaischen Religionen ist symbolbesetzt. Von daher ist die Bezeichnung ›Venus‹ absolut unsinnig. Es ging nicht um eine Darstellung weiblicher Schönheit, sondern um den weiblichen Körper als Symbol des sich immer wieder erneuernden Lebens. Die Religion der Urgeschichte ist eine Wiedergeburtsreligion. Der weibliche Körper steht sowohl für das Geborenwerden des Menschen als auch für seine Wiedergeburt; gleichzeitig ist er Symbol für den Kreislauf allen Lebens auch des kosmischen, in dem sich Leben im Durchgang durch den Tod wieder erneuert. In dieser Symbolbedeutung sind auch die späteren Darstellungen der Muttergöttin zu sehen. Es liegt auf der Hand, dass es in solch einer religiösen Deutung der Welt und des Lebens keine Abspaltung des Körperlichen geben kann, denn der Körper ist das ›Heilige‹, zumindest der weibliche Körper mit seiner ›Fruchtbarkeit‹.« (S. Vierzig ›Sehnsucht nach den Müttern‹ – Von der Renaissance des Weiblichen in der Religion‹ 1991,109 f.)

Zur Bedeutung der Nacktheit lesen wir bei Carola Meier-Seethaler von einem Ritual in Kenia: »Bei einem bedeutenden Stamm in Kenia, den Kikuyu, die heute patrilinear organisiert sind, gibt es eine bestimmte Zeremonie, durch welche eine Frau ihrem Ehegatten bedeutet, dass sie keinen Geschlechtsverkehr mehr wünscht. Sie braucht sich dazu nur tagsüber in seiner Gegenwart völlig zu entkleiden, und von diesem Augenblick an werden sie nie mehr sexuell miteinander verkehren, ohne dass die Ehe deshalb aufgelöst würde.
Dieses Zeremoniell sagt viel über die ursprüngliche Integrität der Frau aus und auch darüber, dass ihre Nacktheit einst eine ganz andere Bedeutung hatte als die heute geläufige. Dasselbe wird durch das Verhalten der Afrikanerinnen vom Tubu-Stamm dokumentiert: Als Antwort auf eine öffentliche Beleidigung durch ihre Männer entkleiden sie sich an Ort und Stelle und schreiten stolz von dannen. Nacktheit wird hier offensichtlich als ein Zeichen von Würde verstanden, wie früher die Großen Göttinnen nackt dargestellt wurden zum Zeichen ihrer Hoheit und wie noch im Mittelalter die Hexenpriesterinnen nackt zu ihren Zusammenkünften erschienen als Ausweis ihrer Eingeweihtheit. (›Ursprünge und Befreiungen – Eine dissidente Kulturtheorie‹ 1988, S. 142)

Auch wenn von Göttinnen die Rede ist, so lassen sie sich –
in ihren tausend Gestalten und Namen –
doch alle auf die Große Göttin der Urzeit zurückführen,
wie Marija Gimbutas überzeugend nachgewiesen hat.

Niemand würde sich damit lächerliche machen wollen, den Darstellungen der Großen Göttin aus der Zeit der patriarchalen ›Hochkulturen‹ Sumers und Ägyptens oder der griechischen und römischen Antike den Status von Göttinnen abzusprechen. Was die späten Göttinnen für die patriarchale Wissenschaft und die patriarchalen Religionen unangreifbar macht, sie werden durch Attribute, Inschriften und Mythen eindeutig und gegen jeden Zweifel als Figuren der Göttin kenntlich gemacht. Diese Göttinnen sind keine Schöpfung des Patriarchats; das Patriarchat hat niemals eine weibliche Göttin geschaffen, im Gegenteil, sie seit dem Beginn der Patriarchalisierung bekämpft und zu eliminieren versucht. Ich habe das Theme der urzeitlichen Göttinnen ausführlich und mit zahlreichen Abbildungen in meinem Buch ›Das wunderbare Vermächtnis der Steinzeit und was daraus geworden ist‹ 2017 behandelt.

›Gott ist ein Spätling in der Religionsgeschichte‹
(G. van der Leeuw, Religionswissenschaftler)

Die Göttin wurde seit Urzeiten verehrt und zu Hunderttausenden in Form von kleinen nackten Statuetten dargestellt, bevor die ersten männlichen Götter erfunden wurden. Jedoch wird die Göttlichkeit der nackten weiblichen Figuren der Steinzeit, die weder beschriftet sind, noch göttliche Insignien tragen, von den patriarchalen WissenschaftlerInnen geleugnet und diffamiert. Doch es gibt untrügliche Indizien, dass Gott ursprünglich eine Frau war. s. z.B.  ›Ein urgeschichtliches Heiigtum der Grossen Göttin im ›Tal der Königinnen‹ Doris Wolf 2017, S. 74–78)

»Die um die Göttin kreisende Kunst, in der kriegerische Bilder und Symbole
männlicher Dominanz völlig fehlen, bringt eine Gesellschaftsordnung zum Ausdruck,
in deren Mittelpunkt Frauen als Clanoberhäupter oder Priester-Königinnen standen.«
(Marija Gimbutas ›Sprache‹ 1995, S. XX)

Dass jegliche kriegerischen Hinweise aus der Zeit der Darstellungen nackter Göttinnen fehlen, fällt den entrüsteten WissenschaftlerInnen keineswegs positiv auf; was sie empört sind nicht die Kriege, das obszöne Blutvergiessen der relativ kurzen, rund 5000 Jahre dauernden patriarchalen Zeit, sondern die Nacktheit der weiblichen Statuetten, aus der Zeit  v o r  dem Patriarchat, also aus den Jahrhunderttausenden des Friedens, der matriarchalen Zeit der Urgeschichte.

Jahrtausende vor der biblischen Schöpfungsgeschichte wurde in diesen Bildern
die Menschenschöpfung symbolisiert, »die in den matrizentrischen Kulturen
immer den weiblichen Gottheiten zugeordnet ist. Und dies gilt nicht nur für die Menschenschöpfung, sondern für die Schöpfung des gesamten Kosmos.« 

(Meier-Seethaler ibd.)

Nacktheit ist das Kennzeichen der Göttin der schriftlosen Altsteinzeit

Japanische »Maler hatten nur Nackte gemalt, um ihren schönen Körper darzustellen,
zu anfang waren das vor allem Göttinnen.« (Akiko Mabushi, japanische Kunsthistorikerin)

Nicht Frauen und Priesterinnen wurden nackt dargestellt; Nacktheit war das heilige Symbol, mit dem weibliche Göttlichkeit ausgedrückt und damit von den alltäglichen Frauen unterschieden wurde. Es war gerade die bewusst dargestellte Nacktheit, die die Göttin von der Frau unterscheidbar machte. Darstellungen nackter weiblicher Figuren und Vulven kennen wir von Tausenden von Felsgravuren, von denen einige über 30’000 Jahre alt sind. Von den rundplastischen Darstellungen des vorderasiatischen und europäischen Neolithikums wurden bisher mehr als 30’000 Exemplare aus Stein, Ton, Horn, Elfenbein, Knochen und Halbedelstein gefunden.

 Nackte Vorläuferinnen der Göttinnen der ›Hochkulturen‹

Die neolithischen und altsteinzeitlichen nackten weiblichen Figurinen sind die Vorläuferinnen der nackten Göttinnen der späteren ›Hochkulturen‹. Wir kennen u.a. die nackte Göttin Nut in Ägypten, die nackte Göttin Inanna Sumers, die nackte Göttin Lilith Babyloniens, die nackte Göttin Aphrodite Griechenlands, die nackte Astarte der Semiten, usw. Die nackten weiblichen Figuren sind der (heute verleugnete!) Beweis für die allgegenwärtige Göttin der Urzeit. Die nackte Göttin Nut überlebte als Himmelsgöttin mit dem stark betonten Schoßdreieck während den dreitausend Jahren der dynastischen Zeit Ägyptens. Als eigenständige Göttin symbolisiert sie die ›Nut‹, die ›heilige weibliche Spalte‹ und ist ein Teilaspekt der Leben spendenden Schöpfergöttin Neith. Sie repräsentiert den Schoß und das natürliche Tor ins Leben und wird pars pro toto dargestellt in den unzähligen Vulven auf Tausenden von Felszeichnungen. Sie stand in engem Zusammenhang mit dem Glauben an die Wiedergeburt. In der dynastischen Zeit schmückt sie die Deckengewölbe der Gräber und die Innenseite der Sargdeckel. Liebevoll nimmt sie ihre toten Kinder auf und führt sie durch ihren Leib in die Wiedergeburt durch ihre Nut/Vulva. Niemand wird wohl bestreiten, dass die nackte Nut eine Göttin – nicht einfach eine Frau ist, wie das von den gleichzeitigen nackten weiblichen Statuetten immer wieder behauptet wird.

»Keine der aus dem Alten Europa übernommenen Göttinnen wie in Griechenland Athene, Hera, Artemis und Hekate, in Rom Minerva und Diana, in Irland Morrigan und Brigit, im Baltikum Laima und Ragana, in Russland Baba Jaga oder im Baskenland Mari, ist lediglich eine ›Venus‹, die Fruchtbarkeit und materiellen Wohlstand bringt… sie sind weit mehr als das… und blieben es in den Glaubensvorstellungen vieler Menschen noch lange Zeit, ungeachtet ihrer offiziellen Entthronung, Militarisierung und Vermischung mit den himmlischen Bräuten und Gemahlinnen der indogermanischen Mythologien.« (Marija Gimbutas ›Sprache‹ 1995, S. XIX)

»Weibliche Nacktheit symbolisiert in diesem Kontext nicht Schutzlosigkeit
und Statusverlust, sondern weibliche Potenz, ja Dominanz.«
(Christl M. Maier)

Die Pornographisierung der nackten Göttin

»Nicht das Bild einer nackten Frau ist obszön, sondern das eines Generals,
der seine in einem Aggressionskrieg verdienten Orden zur Schau stellt.«
(Herbert Marcuse)

Sabine Schwientek beschreibt den Werdegang und den schlussendlichen Siegeszug der patriarchalen Propaganda gegen die Göttin und die Frau: »Lange vor dem patriarchalischen Monotheismus hat man zu Gunsten des Maskulinen einen verbindlichen Entscheid getroffen: Wenn etwas adäquat ist mit der Herrlichkeit der Erhabenheit des Göttlichen, dann ist es der nackte männliche Körper… Die explizite Abkoppelung weiblicher Blöße von der Göttlichkeit schadete der symbolischen Identität der Frau dauerhaft, ihr nackter Körper wurde nicht zuletzt durch die stereotype Darstellung Evas in der christlichen Kunst zum Sinnbild der Sünde. Was in der Antike mit dem Abbild der Aphrodite geschah, ist eine gängige Praxis des patriarchalen Konterschlags, d.h. man bedient sich der Pornographie, um das Emanzipationsbestreben der Frau ad absurdum zu führen. Unterstützt von der Kunst verkam die Liebes- und Fruchtbarkeitsgöttin zur Aphrodite porne (geile Aphrodite), von der man sich bestenfalls Lust und lustvolle Befriedigung erhoffte. Um 300 v. Chr. nannte der Grieche Euhemeros Aphrodite in seinem Werk ›die älteste gewerbsmäßige Hetäre‹ und genauso erscheint sie dem Betrachter jetzt in der bildenden Kunst wie eine Heilige Hure. Die pornografische Profanisierung der griechischen Liebesgöttin schadete dem Weiblichen Image mehr als dass es ihm nützte; der Trend färbte auf andere mutterrechtliche Kulte und deren Göttinnen ab, darunter die ägyptische Muttergöttin Isis. Der römische Dichter Juvenal sah in Isis eine ›Puffmutter‹, der streitbare Bischof von Salamis, Epiphanios, eine Hure. Mit solch diffamierenden Äußerungen trugen die Patriarchen nicht unerheblich dazu bei, dass die nackte Göttin zukünftig den Stempel des Vulgären, Pornografischen trug und alles andere als vorteilhaft war für die feministische Propaganda.« (Sabine Schwientek ›Das SchandkleidDie Erfolgsgeschichte patriarchalischer Propaganda: Entstehung, Entwicklung und sozialkulturelle Konsequenzen‹ (df0901(5). pdf) 2008, S. 64 und 69 f.).

Nichts irritiert patriarchale WissenschaftlerInnen, unter ihnen Paläontologen, Archäologen, Ägyptologen, Anthropologen, Soziologen, Ethnologen und Theologen – vor allem den Klerus und fanatische Gläubige – mehr als die abgewerteten, aber beliebten (oft nackten) weiblichen Statuetten. Sie  verschwanden auffallenderweise in der patriarchalen Zeit.

Der Ägyptologe Wolfgang Helck betont,  bei den Statuetten sei die Wichtigkeit der Chronologie zu beachten. Es sei notwendig »die einzelnen historischen Schichten in der Entwicklung genau zu prüfen und zu untersuchen, was alt und was neue Interpretation ist, um nicht Gedanken, die erst in hellenistischer Zeit gedacht worden sind, an den Anfang der Entwicklung zu stellen.« (Helck (›Betrachtungen zur Großen Göttin und den ihr verbundenen Gottheiten‹ 1971, S. 292) Helcks Mahnung ist begründet und wurde kaum je beachtet!
Die Existenz von nackten Göttinnen kann ab den sogenannten ›Hochkulturen‹ der Bronzezeit, ihrer prominenten, schriftlich, bildlich und namentlich bezeugten Anwesenheit nicht mehr ignoriert werden, wie wir das oben gesehen haben. (s. ›Nackte Vorläuferinnen der Göttinnen der ›Hochkulturen‹.) Dies führte aber nicht zur Rehabilitierung und Anerkennung der aus viel früherer Zeit gefundenen, nackten kleinen Statuetten als Göttinnen. Auch Helck erklärt nicht, warum ihnen der gebührende Status versagt bleibt. Alles weist darauf hin, dass WissenschaftlerInnen bewusst oder unbewusst, von einer der heute herrschenden, monotheistischen Vater-Gott-Religionen beeinflusst sind. Wir sind alle Opfer der seit Jahrtausenden andauernden Gehirnwäsche patriarchaler Propaganda.

(s. auch Doris Wolf : ›Die verzweifelte Suche nach dem Mann, dem Phallus und einem Urgott‹ 2017, S. 254–266)

Eine riesige Anzahl von Göttinnen stellte der niederländische Künstler
Nikky Oosterbaan in einer grossartigen Arbeit auf insgesamt 23 Tafeln aus
allen Zeiten und Kulturen mit mehr als 500 Statuetten vor. Schockierend
für die LeugnerInnen der steinzeitlichen Göttin: sie sind alle NACKT!

 


Print page