Die Nähe von Ägyptologie, Religion und Faschismus

Aus dem Inhalt:

  • Pharaonischer Personenkult
  • Die faschistische Pharaonenverherrlichung entstand unter den
    faschistischen Diktaturen Europas
  • Von verblendeten Christen, Positivisten und Faschisten
  • ›A vast accumu­lation of mythological rub­bish‹
  • Zuviel der Ehre für faschistische Diktatoren
  • Patriarchaler Prunk und Protz
  • Religiöser Chauvinismus
  • Die Nähe von Faschismus und Ägyptologie ist unbestreitbar
  • Pharao und Führer sind austauschbare Größen
  • Patriarchale Religionen und Faschismus – ein trübes Kapitel
  • Totalitäre Diktaturen und Patriarchale Religionen bedingen und unterstützen sich gegenseitig

 

Pharaonischer Personenkult

Da sich der Personenkult propagandistisch instrumentalisieren lässt, ist er ein Merkmal vieler Diktaturen. (wikipedia)

Die Mehrzahl der Ägyptologen übernahm den Personenkult der Pharaonen mit Begeisterung und strickte weiter daran. Kritiklos übernehmen die meisten bis heute die größenwahnsinnige Behauptung der Könige, sie seien göttlich. Sie erkennen den ›Cäsarenwahn‹, die Hybris der Tyrannen, die wie irdische Götter über das Volk herrschen, nicht.
Welchen Einfluss die Begeisterung für den europäischen Faschismus des 20. Jahrhunderts auf die Geschichtsschreibung des Alten Ägypten hatte, lässt sich vorläufig nur vermuten, doch die Verherrlichung des pharaonischen Despotismus ist bei vielen Ägyptologinnen und Ägyptologen nicht zu übersehen. Der  größenwahnsinnige ›göttliche‹ oder ›halbgöttliche‹ Führer, sein Personenkult, die zentralistische totalitäre Regierung, die Ideologie einer Herrenrasse, die religiöse Bigotterie, die verherrlichte Politik von Dominanz, Krieg, Gewalt, Eroberung und Raub fremden Territoriums, Rassismus, Sklaverei, Ausbeutung, Unterdrückung, Abwertung der Frau, Verfolgung und Ausrottung Andersgläubiger und Andersdenkender dürfte für einige von ihnen Vorbild gewesen sein, die megalomanen Pharaonen als Ideal zu betrachten und zu glorifizieren. Man weiß, auch unter den Ägyptologen gab es nicht wenige begeisterte Anhänger des Faschismus.

Die faschistische Pharaonenverherrlichung entstand unter den faschistischen Diktaturen Europas

Es erstaunt nicht, dass die Idealisierung des despotischen patriarchalen ›Gott‹-Königtums gerade in Texten von deutschen Ägyptologen vorherrscht, die im 20. Jahrhundert, im Zeitgeist der autoritären und totalitären westlichen Welt und des Faschismus aufgewachsen sind; im Geist der Unterwerfung unter die gewünschten Ideale des ›göttlichen‹ Alleinherrschers, des Königs, des vergotteten Führers und Diktators.
Faschistische Lobeshymnen auf Hitler und schwülstige Phantasien auf die Pharaonen gleichen sich, z.B.: »Für gewöhnlich ist der König wie das Kultbild eines Gottes im Tempel, in der Abgeschiedenheit seines Palastes verborgen. Aber wenn er heraustritt und seinen Untertanen ›erscheint‹, wird er für die staunende und jubelnde Welt zum deus praesens, läßt er sie die Gegenwart des Schöpfergottes spüren und wiederholt dessen Taten. Denn das, was er tut, ist ›nicht Menschenwerk‹, sein Wort ist ›der Ausspruch eines Gottes selbst‹. Der Gott, den man vor allen anderen in der Erscheinung des Königs wiedererkennt, ist der Sonnengott Re, der Schöpfer und Erhalter der Welt.« (Erik Hornung ›Der Eine und die Vielen‹, 1983, S. 129) Diese Phantasie könnte ebenso eine Jubelpropaganda aus dem dritten Reich auf einen Auftritt Hitlers sein. In Ägypten fehlt eigentlich nur die Propagandafilmerin Leni Riefenstahl, aber sie wird hinreichend ersetzt durch zahllose Kitschfilmproduktionen unserer Zeit, die oberflächliche und fehlerhafte Pharaonenverherrlichung betreiben, in denen sich Ägyptologen und Archäologen bis zum Überdruss in Szene setzen. Bis in die Gegenwart werden wir mit sentimental geschönten Fälschungen der Geschichte der Pharaonen in Form von geschmacklosem Schmäh, ›als dokumentar‹ angepriesenen Filmen auf allen TV-Kanälen eingedeckt (s. z.B. ›Die Entstehung Ägyptens‹ von Yavar Abbas) Sie entstanden meist unter Zahi Hawass, dem Freund des Diktators Hosni Mubarak; beide wurden unterdessen zum Abtreten gezwungen. Ein anderes Beispiel sind u.a. die Filme ›Das Alte Ägypten – Die Geburt des Pharaonenreiches‹. Auch da werden die Eroberungskriege bedenkenlos verherrlicht: ›Um 3000 vor Christus werden Ober- und Unterägypten zu einem mächtigen Königreich vereint. Eine Sternstunde der Weltgeschichte.‹
Die Glorifizierung der grausamen Machtmenschen am Nil lässt eine erschreckende Nähe zur Geschichte des deutschen Faschismus und der Verherrlichung des ›Führers‹ erkennen, der wie schon die ägyptischen Pharaonen, ungeheuerliches Leid und Unglück verbreitete und das Volk in den Abgrund riss! Auch in Hitler wollte man einen Gott sehen und »die Kirche begrüßte Hitlers Kriegstreiberei mit religiöser Begeisterung. Im April 1937 stimmte eine rheinische Gruppe von ›Deutschen Christen‹ für eine Resolution, nach der Hitlers Wort göttliches Gesetz sei und ihm ›göttliche Autorität‹ zukomme« (Walter Langer ›Das Adolf-Hitler-Psychogramm‹ 1982). Die Deutschen waren dem Wahn verfallen, Gott selbst, habe ihnen Hitler gesandt. ›Im März 1934 erklärte der evangelische Pfarrer Hermann Grüner Hitler zum Nachfolger Jesu: »In Hitler ist die Zeit erfüllt für das Deutsche Volk, denn durch Hitler ist Christus, Gott, der Helfer und Erlöser, unter uns mächtig geworden. Darum ist der Nationalsozialismus positives Christentum der Tat. Hitler ist jetzt der Weg des Geistes und Willens Gottes zur Christuskirche deutscher Nation.« (Deutschlandfunk, 1.6.2014 von Matthias Bertsch)
Hitler war keineswegs ein Atheist, wie ihm von Ignoranten und Verdrängern unterstellt wird. Hitler war ein geradezu fanatischer Christ. Am 22. April 1922 verkündete er lautstark: »Ich sage, mein christliches Gefühl weist mich hin auf meinen Herrn und Heiland als Kämpfer. Er weist mich hin auf den Mann, der einst einsam… diese Juden erkannte und zum Kampf gegen sie aufrief, und der wahrhaftig Gott, nicht der Größte war als Dulder, sondern der Größte als Streiter! In grenzenloser Liebe lese ich als Christ und Mensch die Stelle durch, die verkündet, wie der Herr sich endlich aufraffte und zur Peitsche griff, um die Wucherer… hinauszutreiben aus dem Tempel… Vor zweitausend Jahren wurde auch ein Mann denunziert von der gleichen Rasse…« (Zitat des Amerikaners! Sam Harris ›Brief an ein christliches Land‹ 2007, S. 121). Hitler war katholisch getauft und wurde nie exkommuniziert; im Gegenteil er wurde von der katholischen Kirche hofiert und unterstützt. Nach dem Krieg verhalf die Kirche alten Nazis und Kriegsverbrechern entweder zur Flucht (s. ›Die Rattenlinie‹ des Vatikan) oder zu wichtigen Sesseln in Wirtschaft und Politik.

Von Verblendeten, Positivisten, Christen und  Faschisten

Dem Ägyptologen Adolf Erman soll die ›Theologie‹ des pharaonischen Ägypten regelrecht zuwider gewesen sein. »Für ihn waren das müssige und abwegige Spekulationen einer ungebildeten, barbarischen Priesterschicht, von denen er sich keinerlei Einsichten versprach und die in seinen Augen keine Bemühung um eingehendes Verständnis lohnten.« (B. Sledzianowski, Göttinger Miszellen 1974) Bernd Ulrich Schipper, deutscher Theologe, Ägyptologe und Professor für Altes Testament, schreibt über ihn: »Adolf Erman steht für den Wandel des Faches von einer romantisierenden Beschäftigung mit dem Alten Ägypten zu einer kritischen und modernen Altertumswissenschaft«, schreibt . Und: Ermans ›Religion der Ägypter‹ sei ein »exemplarisches Fachbuch, das zur Überwindung des Positivismus herausforderte«, der »ein notwendiges Stadium der Ägyptologie« gewesen sei, »wodurch das vorangegangene romantische Stadium mit seiner archäologischen Schatzgräberei, seiner Sammelwut und seinem intuitiven und spekulativen Umgang mit Texten abgelöst wurde«  (›Ägyptologie als Wissenschaft‹ – ›Adolf Erman (1854-1937) in seiner Zeit‹ 2006, S. 18 + S. 92). Nicht alle ÄgyptologInnen feiern den ›großen Gelehrten‹ Erman als ›zweiten Begründer der Ägyptologie‹ und als ›Spätling der Aufklärung‹.
Wer der ewigen Lobhudeleien auf die Pharaonen überdrüssig geworden ist, findet bei Adolf Erman erstmals eine kritische Sicht der Geschichte. Erman sieht die Wirklichkeit etwas anders als seine blauäugigen Berufskollegen. Er wies darauf hin, »dass die trüben staatli­chen Zustän­de im Alten Ägypten zu allen Zeiten bestan­den ha­ben. Die Inschriften versuchen uns zwar das Bild eines ›wahren Idealreiches‹ zu vermitteln, in dem ein ›göttlicher‹ Herrscher ›väterlich für sein Land sorgte‹, der dafür von seinen Unter­tanen ge­liebt und gepriesen worden sei. Doch der Schein trügt, denn hinter den schönen Worten verborgen, be­standen schlim­me Verhält­nisse« (Erman ›Religion der Ägypter‹ 1923/1984, S. 57). Diese Art kriti­scher Distanz findet sich jedoch äußerst selten.
Der britische Ägyptologe T. G. H. James beteuert zwar, der Ägyptologe begegne dem Wortschwall und den Prahlereien der kö­niglichen Inschriften stets mit Vor­sicht, kommt dann aber zum Schluss, man müsse diesen »dennoch eine gewisse Glaubwürdigkeit zuge­ste­hen, sonst hätte man ja das ganze Gebäude der ägyptischen Ge­schichte als eine ausge­klügelte, während Jahrhun­derten von Mei­ster­betrügern wei­tergegebe­ne Lüge zu betrachten« (James ›Pharaos Volk – Leben im Alten Ägypten‹1988, S. 23 f.). Leider bringen jedoch persönliche, politische, religiöse, soziale, geschlechtsabhängige und ideologische Neigungen der jeweiligen Historiker immer wieder Blendwerke hervor, die mehr Licht auf sie selbst als auf ihren Forschungsgegenstand werfen. Besonders der patriarchale Habitus neigt dazu, das Patriarchat, das vor rund 5000 Jahren mit der Invasion durch die Indo-Europäer/Arier in Ägypten (und Mesopotamien) seinen zerstörerischen Einzug hielt, zu beschönigen, die Verbrechen an der indigenen Bevölkerung zu bagatellisieren, die Tyrannei zu verharmlosen, die neuen Götter zu überschätzen, die Priesterkaste der Arier als Retter aus einem religiösen Chaos (die Diffamierung der Verehrung der Großen Göttin des Matriarchats!) zu erretten, die barbarischen Anführer der Eroberer –  Rinderzüchter aus den südrussischen Steppen – als ›Kulturbringer‹ zu idealisieren, usw.

›Je weiter sich eine Gesellschaft von der Wahrheit entfernt, desto mehr wird sie jene hassen, die sie aussprechen.‹ (George Orwell)

Bei den religiösen Ägyptologen endet die Begeisterung für Erman, wo seine kritische Betrachtung der ägyptischen Religion beginnt. Erman stand dieser äußerst skeptisch gegenüber; er bleibt auch da klar und orientiert sich ohne Schönfärberei an den Fakten. Anfangs seines 6. Kapitels ›Die Theologie‹ schreibt er: »… so kommen wir nun zum trübsten Teil der ägyptischen Religion, zu den Deutungen und Phantasien, denen die Priester ihren Glauben unterworfen haben. Sie haben dies von jeher mit Vorliebe getan und der Ruf tiefsinniger Weisheit, in dem die Ägypter bis auf unsere Zeit gestanden haben, gründet sich vor allem auf diese Art der Wissenschaft.« (1934, S. 88)
»Mit diesem Ruf räumt Erman auf«, kommentiert  Schipper, »und zeigt, dass von ›Wissenschaft‹ hier keine Rede sein kann. In der Tat stand die romantische und spätromantische Ägyptologie noch im Banne des Bildes, das die Griechen sich von der ägyptischen Religion und Wissenschaft gemacht haben und konnte die Fülle der so vollkommen anderen und oft genug reichlich bizarren Informationen, die sich ihr durch die nun lesbar gewordenen Hieroglyphentexte erschlossen, damit nur in Einklang bringen, dass sie dahinter eine tiefere Bedeutung, einen verborgenen Hintersinn voraussetzte:

Damit machte Erman Schluss, ging dabei aber soweit, der ägyptischen Theologie jeden Sinn überhaupt abzusprechen.

Ironisch lobt er [Erman] den ›Fleiß und Scharfsinn der Ägyptologen‹, der uns ›diese krausen Gedankengänge einigermaßen verständlich‹ gemacht haben, ›soweit man überhaupt bei all diesem Widersinn von Verständlichkeit sprechen kann‹.« (Schipper 2006, S. 92)
An diesem Punkt wird es dem – seinem Glauben, den eigenen Überzeugungen und Interessen verpflichteten – promovierten christlichen Theologen und habilitierten Alttestamentler Schipper – zu viel. Er unterstellt Erman, der die ägyptische Religion als ›Hirngespinste‹ und ›widersinnige Spekulationen priesterlichen Müßiggangs‹ bezeichnete einen »überdeutlichen blinden Fleck seiner Sicht der ägyptischen Religion«, der damit »der künftigen Forschung den Weg vorgezeichnet« habe. Doch die »theologische Wende«, welche nach Erman die ägyptologische Religionsforschung nahm, ist diesem nicht anzulasten.
Schipper fährt fort: »Schon Hermann Kees setzt mit seinem Werk ›Der Götterglaube im alten Ägypten‹ von 1941 dort an, wo A. Ermans jüngste Schilderung der ägyptischen Religion sich bewusst versagt, bei der Erklärung des gedanklichen Aufbaus der ägyptischen Göttersysteme‹. Bei diesem Versuch bleibt Kees dann aber vollkommen im ›bunten Mosaik der Ortskulte‹ stecken:

Für Kees war Theologie nichts anderes als rivalisierende Religionspolitik, in deren Medium die ägyptischen Zentren sich gegenseitig den Rang streitig zu machen versuchten.« (Schipper S. 93)

Angesichts des Machtstrebens der katholischen Kirche, der Besessenheit sich bei den Mitgliederzahlen an die erste Stelle zu drängeln, den ständigen Eifersüchteleien, den bigotten Rivalitäten und gegenseitigen Diskriminierungen unter den patriarchalen monotheistischen Religionen, ›die sich bis heute den Rang streitig zu machen versuchen‹, hat die Bezeichnung rivalisierende Religionspolitik noch immer ihre Berechtigung! Gestützt durch einen dogmatischen Wunderglauben, angefangen von einer sprechenden Schlange im Paradies bis zur jungfräulichen Geburt, von der physischen Auffahrt in einen von Langeweile starrenden Himmel oder vom Schmoren im ewigen Höllenfeuer und anderem Unsinn, die den Gläubigen als ›tiefsinnige Wahrheiten‹ angedreht werden, hat sich daran nichts geändert. Patriarchale Religionen, und dazu gehört die pharaonische ›Königsreligion‹ der Eroberer Ägyptens, bekämpften mit ihren Vatergöttern die matriarchale Religion und den Glauben an die Große Schöpfer- und Urgöttin. Patriarchale Religionen sind für einfache Gemüter, deren ›Inneres Kind‹ noch an die Märchen seiner Kindheit glaubt – und für Kinder unter 6 Jahren, die noch ans Christkind, den Osterhasen und den Storch glauben und in der Vorpupertät stehen geblieben sind.

»Die ganze Vorstellung von Gott stammt von den alten orientalischen Gewaltherrschaften. Es ist eine Vorstellung, die freier Menschen unwürdig ist. Wenn man hört, wie sich die Menschen in der Kirche erniedrigen und sich als elende Sünder usw. bezeichnen, so erscheint das verächtlich und eines Menschen mit Selbstachtung nicht würdig.« (Bertrand Russel)

›A vast accumu­lation of mythological rub­bish‹ (Alan Gardiner)

Adolf Erman betonte, dass der Ehrgeiz, andere zu übertreffen, die ägyptischen Priester veranlasste, »den Hauptgott ihrer Stadt immer möglichst in den Vordergrund zu stellen und wo dies nicht angeht, weil eine andere Lehre schon gar zu verbreitet ist, diese dann so umzugestalten, dass sie sich mit den eigenen Ansprüchen verträgt« (Erman ibd. (1923) 1984 S. 89). Erman hatte Gleichgesinnte, etwa den Religionshistoriker Edwin O. James, der schreibt, dass im Wirrwarr der Religionen, der das westliche Asien im dritten und zweiten Jahrtausend charakterisierte, die sumerische Weltentstehungs­lehre wie auch die ägyptische Religion jeglicher Spiritualität entbehrte. Alan Gardi­ner nennt sie ziemlich respektlos: »a vast accumu­lation of mythological rub­bish«, eine große Ansammlung mytho­logischen Plun­ders. Und Emery bemerkt, dass es während der gesamten ägyptischen Geschichte den Theologen nicht geglückt sei, ein Pantheon zu bilden, das nicht voller Ungereimtheiten gewesen wäre. »Dieses Chaos hat auch später nie eine Ordnung erfahren, ja es ist in den drei Jahrtau­sen­den, welche die ägyptische Religion nach der Abfassung der Pyra­mi­dentexte noch gelebt hat, nur noch schlimmer geworden.« (Erman ibd. S. 297)
Henri Frankfort versuchte »die ägyptische Religion zu verstehen, und zwar auf der Grundlage der ihr eigenen Denkform. Das mythische Denken, so die These, stellt sich die Welt nicht als ein Es, als Objekt des Erkennens gegenüber, sondern als Du, als Partner in einem symbiotischen Dialog.« (Schipper S. 94 f.) Behauptet wird, es handle sich um den Versuch »über eine Beschreibung der nur ›von außen‹ sichtbaren Erscheinungen der ägyptischen Religion vorzudringen in das Innere ihres Wesens… Seitdem hat es keine Darstellung der ägyptischen Religion gegeben, die sie in ihren auch noch so bizarren Ausdrucksformen nicht sehr ernst genommen und sich nicht um ein Verstehen von innen, aus ihrer Eigenbegrifflichkeit heraus, bemüht hätte« (Schipper ibd. Hvhb. DW).
Und damit wird der Phantasie, der Spekulation und der patriarchalen Exegese, die fordert, dass ein Text nur aus patriarchaler Sicht, ›der ihr eigenen Denkform‹ und ›aus ihrer Eigenbegrifflichkeit heraus‹ gedeutet werden darf, wieder Tür und Tor geöffnet. Zu beobachten ist dieser Anspruch immer wieder bei Theologen oder frommen Anhängern der monotheistischen Religionen. Nun steht der ›Glaube‹, im Vordergrund, gestylt mit hochtrabenden philosophischen Begriffen wie ›Transzendenz‹, ›Synkretismus‹, ›was das Auge nicht gesehen, noch das Ohr gehört hat‹. Doch Glauben orientiert sich nun einmal nicht an überprüfbaren Tatsachen und ersetzt nicht WISSEN, ist keine Wissenschaft, sondern Ideologie und zwar eine Ideologie, die dem Faschismus gefährlich nahe steht. (Synkretismus ist die Vermischung verschiedener Religionen. Diese Mischung besteht in Ägypten aus der patriarchalen Sonnenreligion der indoeuropäischen Eroberer und dem indigenem matriarchalen Volksglauben, der Verehrung der Großen Göttin.)
Der Wirrwarr der ägyptischen Sonnenreligion passt nicht ins Bild von den ›göttlichen Pharaonen‹, mit dem uns Romantiker und Faschisten während Jahrzehnten genarrt haben, wo viel mehr ›Göttliches‹ hineingedeutelt wird, als drin ist. Dieser erneuten Verzerrung hätte der integere Wissenschaftler Adolf Erman niemals zugestimmt!
Erman, seit 1885 außerordentlicher Professor für Ägyptologie an der Universität Berlin und Direktor des Ägyptischen Museums, wurde als Vierteljude 1934 von den neuen Machthabern aus der Fakultät ausgeschlossen. 1936 entzog man ihm die Lehrbefugnis. Er verstarb 83-jährig, nur ein Jahr später.

Zuviel der Ehre für faschistische Diktatoren

In Deutschland wurde faschistisches Denken von vielen der damaligen Wissenschaftler und Theologen begeistert aufgenommen und übte seinen beängstigenden Einfluss u.a. auch auf die Ägyptologie aus. Eine einzigartige Camouflage führte zu Verzerrungen, Verdrehungen, Beschönigungen und zur Realitätsverleugnung der rassistischen, kriegerischen Terror-HERR-schaft Hitlers und in gleicher Weise führte der wissenschaftliche Rassismus der Ägyptologen zur Verherrlichung des Terror-Regimes der Pharaonen. Im Interesse der Realpolitik kam es zu den widerlichen Umarmungen mit dem Regime der menschenfeindlichen Diktatoren.
»Die Gobineau-Chamberlain-Hitler-Theorie vom Übermenschen zeigt eine der häufigsten unterschwelligen Kriegsursachen: Die männliche Neigung, sich selbst und seine eigene Gruppe für überlegen zu halten und daraus zu schließen, dass alle anderen wegen ihrer Minderwertigkeit den Tod verdient haben. Hat die Propaganda-Maschinerie sich erst einmal in Bewegung gesetzt, dann kennt die Schlechtigkeit, die sie dem Feind anlasten, keine Grenzen mehr. Und dies nicht ganz ohne Grund, denn Krieg korrumpiert (obgleich diese Tatsache ständig übersehen wird) jeden – auch die eigenen Truppen. Krieg ist ein hervorragendes Beispiel für das Wir-Sie-Syndrom: Die Erretteten gegen die Verdammten, das erwählte Volk gegen die Heiden, die Kämpfer Gottes gegen die Mächte des Bösen – auch wenn beide Seiten Gott für sich beanspruchen. Hitler hatte glänzenden Erfolg; es gelang ihm, seine Gefolgsleute davon zu überzeugen, dass es sich bei seinen politischen Feinden um Untermenschen handelte und es darum nur vernünftig war, sie ›auszumerzen‹.« (Erich Fromm ›Anatomie der menschlichen Destruktivität‹, 1974) (wohl ist damit die  männliche Destruktivität gemeint).

Je öfter eine Dummheit wiederholt wird,
desto mehr bekommt sie den Anschein der Klugheit (Voltaire)

Die despotische Herrschaft der Pharaonen weist alle Schreckensmerkmale faschistischer Diktaturen auf: Es gibt keine Gewaltenteilung, alles liegt in der Hand des Alleinherrschers, des Führers, des Königs oder Diktators, dessen alleiniges Ziel Macht und Machterweiterung, wenn möglich ›Weltmacht‹ ist. Es gibt keine demokratische Freiheit und keine Selbstbestimmung. Durch Propaganda und Erziehung werden die Menschen einer ständigen Indoktrination der herrschenden Ideologie, als ›Religion‹ getarnt, ausgesetzt. Wie gefährlich die Verquickung von Ideologie/Religion und Politik ist, macht die Erfahrung mit dem Nationalsozialismus deutlich. Immer standen die Kirchen auf Seiten der Faschisten.
Religiös getarnte Ideologie ist fern jeder Vernunft und Rationalität; ist rigide, dogmatisch und intolerant und lässt keine Fragen und keine Zweifel zu; man hat sie unhinterfragt zu glauben! Die Menschenrechte werden gering oder gar nicht geachtet. Das Volk sieht sich ständigen Kontrollen durch Spitzel und Geheimdienste, willkürlichen Repressionen, drohenden und effektiven Verhaftungen ausgesetzt. Das Militär hat absoluten Vorrang. In seinem Werk »Die orientalische Despotie« beschreibt der Soziologe Karl August Wittfogel exakt die faschistische Regierungsform, die in Ägypten unter den Pharaonen herrschte, »in welcher der Herrscher die totale Macht beansprucht und eine starke Staatsbürokratie das Land völlig beherrscht. In solchen Gesellschaften fehlen politische Gegengewichte, die für bürgerliche Freiheiten sorgen können. Die Städte sind durch eine starke Abhängigkeit von der Beamtenschaft geprägt, sodass Kaufleute und Handwerker nicht zu einer eigenen politischen Kraft werden konnten. Die orientalische Despotie hat sehr nachteilige Auswirkungen auf die Würde des Individuums.« (Wittfogel 1957 Hvhb. DW)

Patriarchaler Prunk und Protz

Und noch etwas ist charakteristisch für faschistische Diktaturen: die protzige Architektur und die Mauern, denen wir  in Ägypten ständig –  bis in unsere Zeit jedoch in allen faschistischen Despotien – begegnen. Während das Volk verarmte, wurde bei der Errichtung der Prunkbauten geklotzt. Wie anhand der Aufzeichnungen des benötigten Materials für die Dekoration eines einzigen Gebäudes im riesigen Bezirk von Karnak, dem Month-Tempel, dokumentiert ist, wurden dort 3,25 Tonnen Elektrum (eine natürlich vorkommende Legierung von Gold und Silber), 2,5 Tonnen Gold, 420 kg Kupfer, 10 Tonnen getriebenes (?) Kupfer, 1,5 Tonnen Bronze, 567 kg Lapislazuli, 98 kg Türkis« verarbeitet. (Nicholas Reeves ›Echnaton – Ägyptens falscher Prophet‹ 2002)
Nicht umsonst werden die bombastischen staatlichen Anlagen, die palastartigen Residenzen religiös maskiert ›Tempel‹ genannt. Gordon Childe ließ sich nicht blenden, er nannte die gewaltigen Festungs-Bauwerke nicht Tempel, sondern die Paläste der frühen Herrscher, Denkmäler ihrer Macht (Childe ›New Light on the most ancient east‹ 1958, S. 154). Der Herrschaftssitz war selbstverständlich, wie alle ›Tempel‹, die Residenz des Königs wie etwa Medinet Habu. Ummauerte Monumentalbauten sind typisch für kriegerisch-patriarchale Despoten, Könige und Diktatoren. Der Reichtum des Volkes wird von diesem abgezogen und in Prunk und Pomp des Herrschers und seinen ausbeuterischen Eroberer-Klan investiert. Das vom Volk erarbeitete Vermögen wird von ihnen verschleudert; das Volk verarmt. Das kennen wir auch heute noch zur Genüge, z.B. neuestens den Protz-Palast des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Der ›Weiße Palast‹ mit 1150-Zimmern gilt als größter Schwarzbau der Türkei, den ein Gericht für illegal erklärte.

 

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Medinet Habu (nach Adolf Erman ›Ägypten und ägyptisches Leben im Altertum‹ (1923)1984, Abb. 265, S. 632)

Der Palast war von einer 10 Meter breiten und 21 Meter hohen Lehmziegelmauer umgeben; doch dieser Schutz (vor den ausgebeuteten Einheimischen!) nützte dem König wenig. Sein Ende wurde durch eine Revolte der Frauen des Harems vorbereitet und durchgeführt, was zeigt, dass Frauen im Innern des Palastes sich auch immer wieder zur Wehr setzten. Die Auflehnung der Frauen bezeichnen die Ägyptologinnen und Ägyptologen aber nicht als Aufstand, sondern als ›Intrige‹. Frauen sind keine mutigen Aufständischen; sie sind lediglich gemeine ›Intrigantinnen‹.

 

Religiöser Chauvinismus und Antisemitismus

Evangelische Christen fanden die Rechtfertigung für ihren Hass gegen die Juden und ihren Überlegenheitswahn im Vorbild Martin Luthers, ›dem größten Antisemiten seiner Zeit‹. Der evangelisch-lutherische Landesbischof Martin Sasse aus Eisenach schreibt im Vorwort zu seiner Schrift ›Martin Luther und die Juden – Weg mit ihnen!‹ (Freiburg 1938) ›Die Juden – der Abschaum der Menschheit‹: »Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird… die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgültig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zur völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt. In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert einst als Freund der Juden begann, der getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.« (http://www.theologe.de/martin_luther_juden.htm) »Es gelte ›erstlich, dass man ihre Synagogen oder Schulen mit Feuer anstecke‹, schrieb Luther, ›zum zweiten, dass man ihre Häuser dergleichen zerbreche und zerstöre‹ und des Weiteren in einem sieben Punkte umfassenden Liste, dass man ihnen ›alle Barschaft und Kleinod an Silber und Gold nehme‹, so heißt es in dem 1543 publiziertem Werk ›Von den Juden und ihren Lügen‹, einer seiner einschlägigen judenfeindlichen Schriften.« (›Luthers Judenhass: Ein Denkmal bekommt Risse‹ René Martens, aktuell, 22.11.2013)
Der evangelische Theologe, Religionsgeschichtler und Ägyptologe Siegfried Morenz (1914 – 1970) tat seine faschistische Gesinnung durch seine Mitarbeit am ›Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben‹ öffentlich kund. Das Institut, im Jargon ›Entjudungsinstitut‹ genannt, wurde von elf evangelischen Landeskirchen finanziert. Morenz wurde 1959 mit dem Ehrendoktor der Theologischen Fakultät der Universität Tübingen ausgezeichnet! Viel Ehre für einen faschistischen Theologen!
Ebenfalls in Tübingen tätig wurde der Ägyptologe Hellmut Brunner (1913 – 1997) nach seinem unrühmlichen Abgang, d.h. der Entlassung als Dozent an der Universität München. Dies als Folge eines Briefes seines ehemaligen Vorgesetzten Alexander Scharff, der am 12.11.1945 an das Bayerische Kultusministerium schreibt, Brunner habe im Jahr 1940/1 bei einem offiziellen Abend des NSKK ungefähr geäußert, »dass nach dem endgültigen deutschen Sieg auch endlich die restlose Säuberung der Universitäten von Antinazisten erfolgen müsse, die sich immer noch in erheblicher Zahl in den wissenschaftlichen Stellungen befänden; dazu gehöre auch sein eigener Professor (nämlich ich, Scharff!); dieser müsse dann natürlich auch verschwinden! Ob Brunner damals habe an meine Stelle treten wollen, nehme ich als selbstverständlich an… Es spricht aus dieser Verunglimpfung seines eigenen Lehrers, der sich immer wieder für ihn eingesetzt, ihn sogar noch 1941 habilitiert hat, eine so niedere, aus reinem Ehrgeiz angestachelte Gesinnung, dass ich seitdem innerlich alle Brücken zu meinem einstigen Schüler abgebrochen habe… Ich möchte jedenfalls, das betone ich schon jetzt, Dr. Brunner auf keinen Fall wieder als Assistenten oder als Dozenten an der Münchner Universität haben…« (zit. von Thomas Beckh, ›Das Institut für Ägyptologie der LMU im Nationalsozialismus‹, in: Elisabeth Kraus (Hrsg.): Die Universität München im Dritten Reich, I, München 2006, S. 292). »Um so erstaunlicher ist es«, schreibt Thomas Beckh, »dass Brunner bereits 1951 wieder einen Lehrauftrag für Ägyptologie ausgerechnet in Tübingen bekommt und dort auch 1964 der erste Ordinarius in diesem Fach wird. In der Folge prägt Brunner entscheidend die Ägyptologie der Nachkriegszeit und verstirbt schließlich hochgeehrt am 18.2.1997 wobei ihm in einem Nachruf [von Erich Winter] bescheinigt wird: ›Sein Verantwortungsbewusstsein fühlte das eigene Herz zu jeder Stunde auf der Waagschale liegen und nicht erst in der letzten‹.« (Beckh ibd. S. 292f.) Nach Brunners Tod stellte man fest: ›Im Nachlass eines Tübinger Professors fand sich Beutegut‹ (http://www.tagblatt.de/Home/nachrichten_artikel,-Im-Nachlass-eines-Tuebinger-Professors-fand-sich-Beutegut-_arid,129919_print,1.html) Erik Hornung hatte dem alten Freund zum 60. Geburtstag seinen Beitrag ›Seth – Geschichte und Bedeutung eines ägyptischen Gottes‹ gewidmet.
Brunners Themen-Schwerpunkte in Tübingen lagen ausgerechnet im Bereich Weisheitslehren, Erziehung und Religion. (Übrigens war Brunner der Ehemann der Ägyptologin Emma Brunner-Traut. Sie gehörte zu den begeisterten Anhängerinnen der faschistischen Pharaonenverherrlichung!) Brunner war seit 1934 Mitglied des Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps (NSKK) und seit 1937 Mitglied der NSDAP. Im selben Jahr wurde er Blockwart der NS-Wohlfahrt. (Wikipedia: T. Beckh). Partei-Mitglieder brachten ihre Kinder in die neuen NSV-Kindergärten mit ihrem Hitlerkult-Motto: ›Händchen falten, Köpfchen senken – immer an den Führer denken. Er gibt euch euer täglich Brot und rettet euch aus aller Not.‹ (Wikipedia: Die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt). AMEN!
Bernhard von Bothmer, der von 1932 bis 1939 am Ägyptischen Museum in Berlin tätig war, bezahlte seine antifaschistische Haltung gegen den Nationalsozialismus mit dem Verlust seiner Stelle und seiner Heimat. In seinem Nachruf heißt es: »Seine offene Opposition gegen den Nationalsozialismus, der auch am Ägyptischen Museum Fuß gefasst hat, bewegte ihn 1939, seine Heimat zu verlassen« (ZÄS 1994). In den Jahren 1940 bis 1945 war der durch seine patriarchale Haltung bekannte Günther Roeder unter der Zuständigkeit von Hermann Göring Direktor des wieder eröffneten Ägyptischen Museums Berlin.
Ein anderer dieser sauberen Nazis war Siegfried Schott. Er wurde »1938 in Göttingen habilitiert und übernahm nach der Entlassung von Hermann Ranke 1938 die Vertretung der Heidelberger Professur, von 1938 bis 1943 als Dozent, von 1943 bis 1945 als außerplanmäßiger Professor. Seine Tätigkeit in Heidelberg wurde allerdings durch den Kriegsdienst 1939 bis 1942 in Nordafrika unterbrochen. Nach 1945 wurde er wegen seiner Mitgliedschaft in verschiedenen NS-Organisationen (unter anderem seit dem 1. November 1942 in der NSDAP) entlassen. Von 1952 bis 1957 war Schott außerordentlicher, von 1957 bis 1966 ordentlicher Professor für Ägyptologie an der Universität Göttingen.« (Wikipedia) Von der Entlassung jüdischer Professoren profitierten ohne jeden Skrupel die Mitläufer des Naziregimes, von denen viele nicht entdeckt oder nicht geoutet wurden und als emeritierte Professoren z.T. noch unter uns sein dürften.
Im Jahre 2007 veröffentlichte der baltische Ägyptologe Sergei Stadnikow seine Arbeit über ›Die Bedeutung des Alten Orients für deutsches Denken – Skizzen aus dem Zeitraum 1871 – 1945‹. Er führt zahlreiche Beispiele deutscher Gesinnungsgenossen des Hitler-Regimes in der Ägyptologie und Altorientalistik auf. (s. auch ›Die Berliner Schule im Dritten Reich. Begegnung mit Hermann Grapow (1885-1967)‹ von Thomas L. Gertzen 2015 und ›Ägyptologen und Ägyptologie zwischen Kaiserreich und Gründung der beiden deutschen Staaten‹ 2013)

Die Nähe von Faschismus und Ägyptologie ist unbestreitbar

Der jüdische Ägyptologe Georg Steindorff emigrierte nach dem Verlust seiner Professur in Leipzig 1939 nach Amerika. Er stellte fest, dass es nur wenige deutsche Ägyptologen gab, die sich als »men of honor« bewiesen hätten. Hans Jacob Polotsky (1905-1991), israelischer Orientalist und Linguist, Professor für semitische Sprachen und Ägyptologie, studierte in Berlin und Göttingen unter dem Ägyptologen Hermann Kees, der nach 1933 in die Wissenschaftspolitik des Nationalsozialismus verstrickt war. So wurden zwei berühmte Absolventen des Göttinger Seminars, Georg Steindorff und Hans Jacob Polotsky, zur Emigration gezwungen. 1935 flieht Polotsky aus Deutschland und findet eine Anstellung an der neu gegründeten Hebräischen Universität Jerusalem (Wikipedia).
Nur von wenigen Wissenschaftlern ist bekannt, dass sie sich dem faschistischen Trend widersetzten; zu ihnen gehörten unter anderem Hans Bonnet und Alexander Scharff. Bonnet behielt »auch während der Zeit des Nationalsozialismus seine Integrität. Sein Lehrer charakterisierte ihn 1945 in der sogenannten Steindorff-Liste als einen der edelsten Menschen unter den deutschen Ägyptologen, der seinem jüdischen Lehrer Steindorff unter anderem nach der ›Reichskristallnacht‹ Schutz und ein Versteck angeboten hatte.« (Wikpedia ›Hans Bonnet‹) Hans Bonnet und Alexander Scharff überlebten ihre mutige Haltung unbeschadet und ohne negative Konsequenzen.
Der in Göttingen tätige Ägyptologe Hermann Kees (1886-1964) lehrte in der Hauptsache altägyptische Religionsgeschichte und ihre Götterwelt. Kees wurde nach Kriegsende im Rahmen der Entnazifizierung wegen seiner extrem nationalsozialistischen Betätigung seines Postens enthoben (Beckh, S. 296, Wikipedia) und nach Einstufung in eine minderbelastete Kategorie im Jahre 1952 emeritiert.
Das ganze Ausmaß, welche die Begeisterung für den europäischen Faschismus des 20. Jahrhunderts auf die Geschichtsschreibung des Alten Ägypten hatte, lässt sich vorläufig nur erahnen, doch die Verherrlichung des pharaonischen Despotismus ist, wie wir an den wenigen hier aufgeführten Beispielen sehen können, bei vielen Ägyptologinnen und Ägyptologen nicht zu übersehen. Der hochgejubelte größenwahnsinnige Führer, der Personenkult, die Kriegstreiberei, die zentralistische totalitäre Regierung, die Ideologie einer Herrenrasse, der Gotteswahn, die religiöse Bigotterie, die verherrlichte Politik von Dominanz, Krieg, Gewalt, Eroberung und Raub fremden Territoriums, Rassismus, Unterdrückung, Abwertung der Frau, Verfolgung und Ausrottung Andersgläubiger und Andersdenkender, dürfte für manche von ihnen Vorbild gewesen sein, die megalomanen Pharaonen als Ideal zu betrachten und zu glorifizieren.

Pharao und Führer sind austauschbare Größen

Léon Poliakov beschreibt in seinem Buch ›Der arische Mythos‹ die Geschichte des unrühmlichen Männerwahns eu­ropäischer Gelehrter des 18., 19. und 20. Jahrhunderts. Diese verblendeten Wissenschaftler wollten in den frühen Ariern (Indo-Europäern) die Zivilisatoren der alten Welt eine arische Militäraristokratie von Herrenmenschen sehen, die die Eingeborenen der eroberten Gebiete durch ihre »erleuchtete Herrschaft« in die Zivilisation führten. Die rassisti­sche Glorifizierung der Arier (in Deutschland werden sie gerne Indo-Germanen genannt!) durch die Wissenschaft bereitete die Machtnahme Hitlers ideologisch vor. Blind für die Gräuel, die ›arische‹ bzw. weiße Er­oberer in der ganzen Welt angerichtet hatten, war es für die fa­schisti­schen Gesinnungsgenossen klar, dass die ›größte Rasse‹ in der Welt­geschichte die nordeuropäische oder arische war. Dazu schreibt der deutsche Rechtsgelehrte Alfred Hueck, was ebenso für die Ägyptologie Geltung hat: »Einer der bezeichnendsten Züge der (rechts-) wissenschaftlichen Literatur im Zeitalter des Nationalsozialismus war die starke Vorliebe für hochtrabende Worte und tönerne Phrasen… unter der Schärfe und Klarheit gelitten haben.« (SBAW 1947, S. 3)
›Pharao‹ und ›Führer‹ sind austauschbare Größen. Beide treten auf mit dem Anspruch auf Göttlichkeit. Pharao ist ›Gottessohn‹ und Hitler ›der Gesalbte‹, ›der Messias‹, und beiden eigen ist ihre Machtgier, die gnadenlose Brutalität, Sadismus, Sexismus und Rassismus. Vielleicht besteht auch ein Zusammenhang zwischen der Begeisterung für den Faschismus und der auffallenden Zurückhaltung bei der Erforschung der ägyptischen Ur- und Frühgeschichte. Das deutliche ›Desinteresse‹ fällt in diese Zeit. Was sollte man sich als Abkömmlinge der arischen ›Übermenschenrasse‹ und als ›Gottes männliche Ebenbilder‹ um das friedliche, demokratische ›Weiberregiment‹, das Matriarchat der Urzeit, scheren? Sonderbar ist auch das Desinteresse, ja die systematische Unterdrückung der Indo-Europäer-Forschung, wie sie Jean Haudry, der französische Gelehrte, beklagt. (›Die Indo-Europäer‹ 1986) Nach dem mächtigen Ausrutscher der deutschen Faschisten, die angestachelt vom krankhaften esoterischen Wahn Himmlers, sich als Nachkommen einer arischen Herren-Rasse wähnten, wagten sich die deutschen Wissenschaftler nicht mehr an die Erforschung dieses komplexen Stoffes.
Aber der faschistische Wahn von den ›Herren-Menschen‹ setzte sich in der Ägyptologie fort. Es gibt nur wenige WissenschaftlerInnen, die den Größenwahn, den Zustand der Pharaonen »zwischen Normalität und Geisteskrankheit« (Fromm) und ihre manipulativen ›religiösen‹ Mythen durchschaut haben und auch den Mut hatten, sich wenigstens hie und da in einem vorsichtigen Satz kritisch dazu zu äußern. Der ›Göttliche‹, der pharaonische Diktator und seine Missetaten dürfen nicht hinterfragt werden; Kritik an ihm ist ein Sakrileg; ein absolutes Tabu.
»Freud hat das ›Tabu des Herrschers‹ untersucht, das verbot, den Herrscher infrage zu stellen. [Das Tabu des kritischen Hinterfragens gilt auch für politische und religiöse Oberhäupter, Kleriker, Diktatoren, wissenschaftliche Autoritäten, Firmenchefs, Haustyrannen u.a.!]. Begründet wird die Wirksamkeit des Tabus mit dem unbewussten Wunsch, den Herrscher zu stürzen, ein Wunsch, der zwanghaft niedergehalten werden müsse. Freud fragt nicht, ob sich auch hinter dem Tabu, das Frauen verbot, das Patriarchat infrage zu stellen, der unbewusste Wunsch versteckte, das Patriarchat zu stürzen. Dieses Problem stand zu seiner Zeit noch nicht an.« (Weiler ›Eros ist stärker als Gewalt – Eine feministische Anthropologie I‹ 1993, S. 202) Heute tut es das. Natürlich verlangt es Mut, das Tabu zu brechen, das uns verbietet, die Herrlichkeit des patriarchalen Mannes und mit ihm seine Heroen und Götter infrage zu stellen. Tun wir es – trotzdem!
Die Trennung der Wissenschaft von politischer und religiöser Ideologie, von patriarchalen Vorurteilen und Dogmen, ist die Voraussetzung für freie Forschung und Lehre, auch für die Ägyptologie. Andewrnfalls ersetzen Tabus und patriarchal-fundamentalistisches Gedankengut die Wissenschaft der Ägyptologie und Ideologie tritt an die Stelle des Wissens von der altägyptischen Herrschaft und Religion. Das weckt nicht eben Vertrauen in die Ägyptologie, aber auch nicht in die Theologie. Natürlich wird es einigen Ägyptologinnen und Ägyptologen schwer fallen, den ›göttlichen‹ Pharaonenhimmel zu entrümpeln, aber der wissenschaftlichen Redlichkeit verpflichtete Menschen werden dies wohl früher oder später in Angriff nehmen (müssen)!

Patriarchale Religionen und Faschismus – ein trübes Kapitel

Claude Cantini erarbeitete das Thema ›Faschismus und Religionen‹ Sein Fazit: »Grundlegende Komplizenschaft zwischen Kirche und Faschismus bestand bis 1945 in der Mehrheit der europäischen Länder. Jetzt mehr als 50 Jahre später wäre zu prüfen, ob es Reue, eine zutiefst religiöse Vorstellung, gegeben hat. Nach meiner Kenntnis wurden in den Milieus der katholischen Kirche lediglich drei Erklärungen veröffentlicht: Die Erklärungen des katholischen Bischofs von Banja Luka (Bosnien Herzegowina) seiner Exellenz K. Pihler, im Dezember 1963, sowie der Deutschen Bischofskonferenz vom November 1988 und des ungarischen Episkopats vom April 1995. Die Formulierung der letzteren stellt ein wahres Meisterstück dar. (Zitat aus: ›Le Droit de vivre‹ (Paris) Januar-März 1996, S. 32, https://www.google.ch/#q=Claude+Cantini+Faschismus+und+Religionen): Das Pamphlet gipfelt in der Aussage, die die Schuld der Kirche auf das Volk abschiebt:

»Wir bitten um Verzeihung für die Schwäche unserer Gläubigen, die aus Angst oder Feigheit die Deportation und den Massenmord ihrer jüdischen Mitbürger zugelassen haben.«

»In einem Interview für die Zeitschrift Psychologie heute erklärte der Zürcher Psychoanalytiker Mario Erdheim 1997: ›Faschismus wie Esoterik versprechen, menschliche Größen- und Allmachtsphantasien zu befriedigen.‹ U.a. durch die Identifikation mit der allmächtigen und beschützenden Figur des ›Führers‹. Mit ›Esoterik‹ meinte er durchaus auch die traditionellen Religionen: ›Sicher, Religion und Esoterik auseinanderzudividieren, wäre ein sehr schwieriges Unterfangen.‹ Angesichts gegenwärtiger Symbiosen von Religion & Gewalt sind seine Aussagen beklemmend aktuell: ›Die Vorstellung der Esoterik als einer geheimen Lehre, die nicht allen zugänglich ist, provoziert das Gefühl, zu einer Elite zu gehören. Das bringt einen in die Nähe der faschistischen Vorstellung, es gebe wertvolle und minderwertige Menschen, und die minderwertigen seien auszurotten …« Jürgmeier http://www.infosperber.ch/Artikel/Gesellschaft/Religion-Aufklarung

Totalitäre Diktaturen und Patriarchale Religionen bedingen und unterstützen sich gegenseitig

Die Merkmale, die die beiden verbindet sind erschreckend deutlich und seit den Anfängen zur Zeit der Machtübernahme der indoeuropäischen Pharaonen und der Erfindung patriarchaler Götter und Religionen bis in unsere Zeit nachzuweisen. Beispielsweise: Patriarchale Religionen und/oder Ideologien und totalitäre Diktaturen wie das nationalsozialistisch regierte Deutschland:

  • Eine alles durchdringende totale Ideologie oder die patriarchalen Religionen, die auf Glauben gründen, die nicht auf ein kritisches Bewusstsein, sondern auf Überzeugungen setzen
  • Unterordnung des Einzelnen unter die Gemeinschaft… Dieser Kollektivismus bedingt die Unterdrückung des Individuums und den Verlust der persönlichen Freiheit
  • Keine Gewaltenteilung. Legislative, Exekutive und Judikative sind nicht unabhängig und getrennt voneinander, sondern liegen in der Hand des ›Diktators‹, der herrschenden Partei oder, wie in der katholischen Kirche beim Vatikan, was verheerende Folgen zeitigt, z.B. in Sachen Aufklärung von Kindesmissbrauch und Machenschaften der Vatikanbank
  • Überwachung: Der Machthaber (also der Diktator, die Partei oder die religiöse Obrigkeit) versucht, die Bevölkerung seines Staates zu ›erfassen‹, so dass dem Einzelnen kein Privatleben und kein Freiraum mehr bleibt.
    Aber nicht nur das äußere Handeln, sondern auch das Denken und Fühlen der Menschen soll beeinflusst werden. Mittel dazu sind Propaganda und Erziehung im Sinne des Staates und der Religion, die ständige Indoktrination und die Manipulation ›von der Wiege bis zur Bahre‹
  • Keine bürgerlichen Freiheiten bzw. die Missachtung der Menschenrechte, keine Meinungsfreiheit, keine Medienfreiheit, de facto keine Religions- und Gewissensfreiheit, keine Freiheit der Kunst und Lehre. Das Pressewesen wird weitestgehend durch den Diktator bzw. die herrschende Partei oder Kirche beeinflusst. Die Meinungsfreiheit wird durch die Zensur unterdrückt oder ist gar nicht mehr vorhanden
  • Spitzeltum, Geheimdienst, Geheimpolizei bzw. Politische Polizei, willkürliche Verhaftung und Repression der Bevölkerung sollen jedes unabhängige Denken im Keim ersticken und die Menschen einschüchtern
  • Oft auch Konzentrationslager, Arbeitslager wie z. B. das sowjetische Lagersystem Gulag, die ägyptischen Steinbrüche, das Zwangsarbeitslager der Frauen im Harem
  • Geheimgefängnisse bzw. Folter von Häftlingen
  • Häufig auch Militarismus im Leben der Bevölkerung, Allgemeine Wehrpflicht und entweder eine aggressive Außenpolitik oder diplomatische und sonstige Isolation.
    (s. Wikipedia: Merkmale des Totalitarismus – zu einem großen Teil aus Wikipedia adaptiert!)
 
Wie alles begann, nachlesen bei Doris Wolf:
Der Kampf gegen Weisheit und Macht der matriarchalen Urkultur Ägyptens
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