Heutige Jägervölker

Heutige Jägervölker

Jagdbild der San. »1000-2000 Jahre alte Felszeichnungen der San bei Murewa in Simbabwe« Wikimedia Commons, Urheber; Ulamm

Als ›Jagdbild der San‹ wird diese »1000-2000 Jahre alte Felszeichnung der San bei Murewa in Simbabwe« bezeichnet (CC by Ulamm)

Die Zahl der Völker, die heute noch jagen, wird auf ca. 0,001 Prozent (50’000 bis 60’000 Menschen) geschätzt (Wikipedia), ist also verglichen mit der Gesamtbevölkerung der Erde verschwindend klein. Ob sie jedoch seit der Altsteinzeit oder erst seit der Bronzezeit und unter dem Einfluss der indoeuropäischen Eroberer jagten, wurde bis vor kurzem nicht hinterfragt. Immerhin wird jetzt davon ausgegangen, dass die verbleibenden Jäger nicht alle urtümlich Jäger und Sammler waren. Die letzten jagenden Völker wurden unter weißer Kolonialherrschaft vertrieben und verfolgt und mussten  sich in Gebieten ansiedeln, wo Jagen überlebensnotwendig wurde. Wir wissen auch nicht, ob es nicht die Fleisch essenden Kolonisatoren und Missionare waren, die nicht auf Fleisch verzichten wollten und darum den Menschen das Jagen und das Essen von Fleisch erst beibrachten, nach dem biblischen Motto: ›macht euch die Erde untertan‹: ›Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen. (Gen 1,27-28)

Zu den seltenen, heute lebenden Jägern Afrikas gehören kleinwüchsige, indigene Völker. Die Pygmäen-Männer des Baka-Volkes, die im Urwald Kameruns leben, verwenden für die Jagd eine moderne Armbrust, die sie wohl nicht selbst erfunden haben, sondern von den Kolonialisten stammen. Die dünnen Pfeile, die schnurgerade und glatt sein müssen, stellen sie aus einem harten Holz her, dessen Spitzen sie mit einem Gift einreiben. Sie haben wohl nie einen Pfeil aus Silex oder einem anderen Stein verwendet. Bei den Pygmäen existiert, nach Luigi Luca Cavalli-Sforza, nach der Geburt eines Kindes ein drei Jahre dauerndes sexuelles Tabu, wodurch weitere Schwangerschaften vermieden wurden und die Bevölkerungszahl tief gehalten und den zur Verfügung stehenden Ressourcen angepasst werden konnte. (›Gene, Völker und Sprachen – Die biologischen Grundlagen unserer Zivilisation‹ 1999, S. 190) Es dürfte sich dabei jedoch vor allem um das Selbstbestimmungsrecht der Frauen gehandelt haben, die selber bestimmten konnten, wann sie nach der Geburt eines Kindes und der symbiotischen Phase wieder Geschlechtsverkehr haben wollten.

Die San und die Khoi (Khoisan) leben in der Wüste  von Südafrika, die !Kung in der Kalahari und die Pygmäen in Kamerun und Zentralafrika. Sie werden als unkriegerische, gleichberechtigte, ohne Hierarchien lebende segmentäre Nomaden beschrieben. Von ihnen wird angenommen, dass sie die einzigen Überlebenden der ältesten Stämme von Jägern und Sammlern sind.
»Das südafrikanische San-Volk zählt zu den egalitären Gesellschaften, die sich ohne ein übergeordnetes politisches Führungssystem organisieren. Auch wird keine formale Rechtsprechung ausgeübt. Verstöße gegen die moralischen Grundsätze der San werden schlimmstenfalls mit einem Ausschluss aus der Gemeinschaft geahndet. Nomadisierende Kleingruppen von oft 40 bis höchstens 200 San setzen sich – neben verwandtschaftlichen Beziehungen – nach persönlichen Vorlieben flexibel zusammen. Über Gruppenbelange wie Jagd oder Ortswechsel wird gemeinsam im Konsens entschieden; Frauen sind gleichberechtigt.« (Wikipedia ›Segmentäre Gesellschaft‹)
Segmentäre, matriarchale Gesellschaften, die ohne Hierarchie und Herr-schaft (akephal) leben, werden vor allem von religiös-missionierenden Eiferern und politischen, patriarchalen Autoritäten bedrängt, entrechtet, an den Rand getrieben, eingeengt oder verfolgt.

»In den sechziger Jahren war es unter Anthropologen Mode, die !Kung als Modell zur Rekonstruktion des Lebens zur Jäger- und Sammlerzeit des Menschen [zu machen]. Heute gilt dies als überholt. E.N. Wilmsen (1989) vertritt die Ansicht, die !Kung hätten seit mehreren Jahrhunderten Kontakt mit benachbarten Hirtenvölkern gehabt, und die Form ihrer heutigen Nahrungssuche sei das Ergebnis von Ereignissen der jüngeren Geschichte. Deshalb seien die !Kung nicht jenes unverfälschte Jäger- und Sammlervolk, für das die Anthropologen sie einst gehalten hätten und lieferten folglich auch kein geeignetes Modell für das Leben der Menschen in der Frühzeit… Da wir die speziellen Umweltbedingungen in Ostafrika vor Tausenden von Jahren nicht kennen, können wir auch nicht sicher sein, ob sich heutige Jäger- und Sammlervölker als Modell für die Rekonstruktion untergegangener Populationen eignen.« (Helen Fisher ›Anatomie der Liebe‹ 1993, S. 433) Hinzu kommt aber noch eine andere Tatsache. Aus Altägypten wissen wir, dass am Hof der Könige – allerdings ägyptenfremde – Kleinwüchsige lebten, z.B. Nefer in der 1. Dynastie und Seneb, wahrscheinlich in der 4. Dynastie (in der Zeit ab 3000). Die Kleinwüchsigen wurden, wie man weiß, bei den Raubzügen nach den Schätzen Innerafrikas an den ägyptischen Hof verschleppt, wo sie erst zur Unterhaltung als ›Tanzzwerge‹ gehalten wurden, aber später offensichtlich auch ›befördert‹ werden konnten, wie die Geschichte von Seneb zeigt. Er war mit einer Prinzessin verheiratet und hatte eine Reihe von Amts-, Priester-, und Ehrentiteln inne. Nach ihrem Aufstieg waren sie Teil des Königshofes – wo das Jagen zum Elitesport der Eroberer gehörte – und durften an der Jagd teilnehmen. Es ist wahrscheinlich, dass dies eine vollständig neue Erfahrung mit einer ihnen fremden Kultur und dem Töten von Tieren war, einem im matriarchalen Afrika absoluten Tabu. Stolz auf ihre im fernen Ägypten geadelten Vorfahren behielten die männlichen Nachkommen zu Hause die Jagd als Statussymbol bei. Vielleicht ist das der Grund, warum es vor allem diese indigenen Völker sind, die heute noch jagen; obwohl sie es ursprünglich – in der Altsteinzeit – nicht taten. Auf diese wenigen derzeit noch jagenden Völker – und die zweifelhaft interpretierten Felszeichnungen und ›Pfeilspitzen‹, die keine Geschossspitzen waren – stützen patriarchale Wissenschaftler ihre Theorien. Aufgeschlossenere ForscherInnen lehren uns, dass wir  diese heute noch jagenden Völker eher als ›SammlerInnen, Fischer und Jäger‹, mit der Betonung auf SammlerInnen bezeichnen sollten, denn sie ernähren sich überwiegend von Pflanzen und heute nur gelegentlich – meist von kleinen – Tieren: Kaninchen, Stachelschweinen und Eichhörnchen, mit Glück auch einmal einer jungen Antilope. Diese fangen sie  meist durch Fallenstellen; nur selten wird mit Pfeil und Bogen gejagt.
Die Frauen indigener Völker kennen hunderte von essbaren Pflanzen; die Aborigines sogar 2500. Ulrich und Brigitte Hallier, welche unzählige Petroglyphen der Sahara erforschten und dokumentierten, schreiben:

»Der Begriff der ›Jägerzeit‹ bzw. der ›Zeit der Jäger und Sammler‹ ist, wie uns neuere Erkenntnisse der Ethnologie heute zeigen, insofern irreführend, als – vor allem im Bereich der Tropen und Subtropen – das Sammeln von vorrangig pflanzlicher Nahrung in dieser gemischten Wirtschaftsform die deutlich wichtigere Rolle spielte und auch heute noch spielt.

So hat man festgestellt, dass bei den !Kung, einem für diese Lebensweise typischen Volk im Nordwesten der Kalahari, das Sammeln – berechnet auf kalorischer Grundlage – zweieinhalbmal effektiver ist als die Jagd. Von den etwa 50 noch existierenden ›Sammlerinnen-Jäger-Völkern‹ lebt heute noch, vor allem in Äquatornähe etwa die Hälfte wie die !Kung überwiegend vom Sammeln; ein Drittel ernährt sich, besonders in den kühlen und gemäßigten Zonen, vom Fischfang und nur das restliche Sechstel, meist im arktischen Bereich lebend, ist den eigentlichen Jägervölkern zuzurechnen (nach Richard E. Leakey 1978, zit. von Hallier, Hvhb. DW). Ob man Eskimos (Inuit), die sich vor allem von Tieren aus dem Meer und von ihren Rentierherden ernähren, zu den Jägern zählen will, ist eine andere Frage. Interessant ist aber, dass »die von der Vegetation nicht verwöhnten Eskimos mit ihrer Nahrung 49-mal so viel Jod, 10-mal so viele fettlösliche Vitamine, 8-mal so viel Magnesium und 5-mal so viel Calcium und Phosphor mit ihrer Nahrung aufnahmen, wie wir heute zu uns nehmen, wenn wir Richtlinien der US-Gesundheitsbehörde befolgen.« (Werner Vontobel, Ringier.ch)

Alle wirklichen Kulturen, d.h. friedliche, zivilisierte Lebensgemeinschaften von Menschen, die Symbole schufen, die ihr Wissen mündlich weitergaben und keine Schrift verwendeten (weshalb die Historiker sie nicht zu den Hochkulturen zählen), entstanden – des Süsswassers wegen – an den großen Flüssen: am Nil, am Euphrat und Tigris und im Industal – Jahrtausende vor den Sumerern und den Pharaonen. Sie lebten vegetarisch und vom Fischfang. Sie waren SammlerInnen und FischerInnen und Fischer jagen bekanntlich nicht!

Zu rezenten Jägern schreibt Richard Leakey:

»Jagdunternehmen sprühen immer vor Unternehmungslust, sind jedoch selten erfolgreich. Meist gehen die Jäger paarweise. Wenn sie Fleisch mit ins Lager zurückbringen, bricht zwar nicht gerade ein Freudengeschrei aus, aber niemand scheint böse zu ein, wenn sie mit leeren Händen zurückkehren, was häufig der Fall ist. Es hat sich herausgestellt, dass die Jagd für die !Kung alles andere als eine Vollzeitbeschäftigung ist. Im Durchschnitt gehen die Männer nur an etwa zweieinhalb Tagen der Woche zur Jagd, und da jeder ›Arbeitstag‹ schon nach sechs Stunden beendet ist, kommen sie auf eine Neunzehn-Stunden Woche. Auch die Frauen machen es sich zwischenzeitlich gemütlich. Wenn sie zum Sammeln losgehen, bringen sie ausreichend Nahrung für etwa drei Tage mit und haben dadurch reichlich Zeit, sich zu besuchen, zu schwatzen und Handarbeiten zu machen.« (Richard E. Leakey – Roger Lewin  ›Wie der Mensch zum Menschen wurde‹ 1978, S. 172)

»Auch die letzten Wildbeuter Südafrikas, Amerikas und Australiens ›reden am liebsten über erfolgreiche Jagden, doch ihren Magen füllen sie mit Wurzeln, Nüssen, Melonen, Früchten, Beeren und kleinem Getier, das die Frauen gesammelt hatten. Nicht die glorreiche Jagd, nicht spektakuläre Beutezüge, die so selten sind, dass Ethnologen noch Jahre später an den Lagerfeuern immer die gleichen Geschichten hören, sondern das Sammeln steuert das meiste zur Ernährung bei. Das Glück der Jäger ist stets launisch… Diese ›Großwildjäger‹ werden froh gewesen sein, ab und zu Tiere von der Größe eines Pferdes oder einer größeren Antilope erbeutet zu haben. Generationen von Archäologen sind davon ausgegangen, dass Fleisch und die männliche Jagd Lebensgrundlage gewesen sein muss.« (Weiler ibd. 1994, S. 89) Das erweist sich heute als Irrtum!
Schätzungsweise 300′000 bis 400′000 San lebten im südlichen Afrika bevor europäische Siedler, die holländischen Buren, sie vertrieben. »Von 1652, der Gründung Kapstadts, bis 1830 führten die niederländischen Gouverneure regelmäßig Vernichtungsfeldzüge gegen die ca. 200′000 San in der Kapregion durch. Die Überlebenden flohen in die Kalahari oder wurden auf den Farmen der Europäer versklavt. Im Jahre 1904, im Anschluss an den Krieg gegen die Herero, ging die deutsche Schutztruppe [!] auf dem Gebiet der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika (dem heutigen Namibia) ähnlich gegen die San vor.« (›San‹ Wikipedia)

›Der patriarchale Mann will sich nicht als Teil der Natur, sondern als ihr Herr fühlen.‹ (Gerda Weiler)


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