Das matriarchale Königinnentum MESOPOTAMIENS

Aus dem Inhalt:

  • Mesopotamien – v o r den Sumerern
  • Tempel waren Amtssitz der Landesregierung
  • Die Tempel waren der Großen Göttin Inanna geweiht
  • Inanna, die Große Muttergöttin Mesopotamiens
  • Wer waren die Sumerer?
  • Die Zeiten im Nahen Osten waren keineswegs friedlich
  • Der Umsturz – und die katastrophalen Auswirkungen
  • Die Menschenopfer von Ur: ›Sati‹
  • Die Folgen für die Frauen und die Religion der Göttin
  • Die Alabaster-Vase von Uruk
  • Die Standarte von Ur
  • Der Zusammenbruch von Sumer und Akkad
  • ›Amargi‹ – Der Schrei nach Freiheit

 

Mesopotamien – v o r  den Sumerern

Wie in Ägypten belegen archäologische Funde in Mesopotamien einen kriegerischen Umsturz am Ende des 4. und zu Beginn des 3. Jahrtausends. Und wie Ägypten wurde Mesopotamien von indoeuropäisch/arischen Eroberern überrannt und in blutigen Überfällen unterworfen. Und nach dem gleichen Muster führte die Eroberung beider Länder zur Errichtung eines dynastischen Königtums.

Aus der Zeit vor der  gewaltsamen Machtnahme des Landes zwischen Euphrat und Tigris zeugen die Halaf-Kultur (ca. 6000–5100) in Nordmesopotamien und die Obeid/Ubaid-Kultur (ca. 5900–4300) in Südmesopotamien von blühenden, prosperierenden friedlichen Kulturen. Im Süden Mesopotamiens folgte die sogenannte Uruk-Zeit (ca. 4300–3450) und die Djemdet/Jemdet Nasr Periode (ca. 3300–2900). Die Wissenschaftler schreiben der Djemdet-Nasr-Periode einen ent­scheidenden künstlerischen Einfluss auf Ägypten zu. »Das Vergleichsmaterial ist in solcher Fülle vorhanden, dass es schwierig ist, Bei­spiele aus­zu­wählen« (Stephen H. Langdon ›The early Chronology of Sumer and Egypt and the similarities in their culture‹, JEA 7, 1921 S. 146). Der Archäologe Ranuccio Bianchi Bandinelli stellte fest, dass die ganze Periode vom Mesolithikum des X. Jahrtausends bis zum Beginn der Bronzezeit am Ende des IV. Jahrtausends von Anatolien im Norden bis in den Süden Mesopotamiens hinreichend aufgeklärt ist, und dass wir über die Epochen, vom präkeramischen Neolithikum, dem keramischen Neolithikum bis zum Chalkolithikum ziemlich klare Vorstellungen haben. »Die reichen Einzelheiten erhellen die nachfolgenden Ereignisse in ihren sozialen, wirtschaftlichen, religiösen und künstlerischen Strukturen« (Bianchi Bandinelli ›Klassische Archäologie‹ 1978, S. 22).
Carola Meier-Seethaler schreibt zur prosperierenden vor-dynastischen Zeit: »Soweit wir dies aus frühen Quellen und Kunstzeugnissen rekonstruieren können, war das Leben der neolithischen Hochkulturen ganz auf die Erhaltung und Verfeinerung des Lebens konzentriert… Ägyptologen und Alt-Orientalisten sind sich darin einig, dass die jeweils ältesten Epochen eine erste Hochblüte der Kunst hinterlassen haben, die von den späteren Phasen kaum noch übertroffen wurde. Sie zeichnet sich durch natürliche Würde und Schlichtheit ebenso aus, wie durch eine heitere Lebensstimmung und humorvolle Züge, während die späteren Kunstdenkmäler vom Streben nach Machtdemonstration und monumentaler Prachtentfaltung gezeichnet sind und ihre Motive immer düsterer und kriegerischer wurden. Wenn sich dem heutigen Blick besonders die Eleganz und die Ästhetik der frühen Kunsterzeugnisse erschließt, so sollte darüber nicht vergessen werden, dass sie immer auch durchdrungen waren von einem Höchstmaß an symbolischer Bedeutung« (Carola Meier-Seethaler ›Die Chronik der Frauen‹ 1992, S. 61 f., Hvhb. DW).
Keramik aus SusaLeonard Woolley, der Ausgräber von Ur berichtet vom ›hohem Rang der neolithische Kultur‹ der frühesten Siedler Mesopotamiens. »Ihre Keramik war von ausgezeichneter Qualität, und ihre handgefertigten Tonfiguren, die einzigen uns bekannten freien Kunstwerke dieser Periode, besitzen beachtlichen künstlerischen Wert« (Woolley ›Mesopotamien und Vorderasien – Die Kunst des Mittleren Ostens‹ 1961, S. 37). Die weiblichen Tonfiguren sind wichtige symbolische Informationsträger, die uns über die Religion und die Verehrung der Göttin der frühen Völker informieren. Weiter schreibt Woolley: »Man kann wohl behaupten, dass die früheste Keramik Südmesopotamiens künstlerisch höher steht als jede später hier hergestellte Ware… Die einzige bis heute vergleichbare Töpferware ist die prähistorische bemalte Keramik Elams, die bei den Ausgrabungen in Susa entdeckt wurden« (L. Woolley ›Ur in Chaldäa – Zwölf Jahre Ausgrabungen in Abrahams Heimat‹ 1957, S. 21). Wie der sowjetische Archäologe P. N. Tretjakow festgestellt hat, weist die Form der Fingerabdrücke ganz klar darauf hin, dass die Tonwaren von Frauen hergestellt worden sind. (Elaine Morgan ›Der Mythos vom schwachen Geschlecht‹ 1989, S. 193) Was der Ethnologe Robert Briffault ebenfalls bei zahlreichen Funden aus den Seengebieten der Schweiz feststellte. Abdrücke von Daumen und Fingern stammen ohne jeden Zweifel von Frauen. Er stellte fest, dass sich die Kunst des Töpferns in allen ursprünglichen Gesellschaften gleichermaßen in den Händen von Frauen befand. Es gebe keinen Zweifel, schreibt Briffault, dass die prähistorische Töpferei das Werk von Frauen war. Für ihn ist dies ein Zeichen dafür, dass dieses Gebiet der Kunst ein Mysterium beinhaltete, dessen Geheimnisse in der weiblichen Linie weitergegeben wurde (Briffault ›The Mothers‹ 1959, S. 101). »Die Töpferei ist bis in die geschichtliche Zeit ein Privileg der Frauen und war für Männer regelrecht tabu« (Weiler ibd. 1994, S. 80). »Der Aufbau des Gefäßes gehört in ebendem Sinne zur schöpferischen Tätigkeit des Weiblichen, wie der Aufbau des Kindes, das heißt des Menschen, – der wie das Gefäß – mythologisch aus Erde gemacht wurde« (Erich Neumann ›Die Grosse Mutter‹ 1988, S. 137).

Kunst, Kultur und Handel blühten

Wie die ägyptische ist auch die sogenannt ›Frühe Hochkultur‹ Mesopotamiens nicht plötzlich entstanden. Differenzierte ökonomische Organisationen benötigen Zeit; sie entstanden nicht nach der ›Küken aus dem Ei‹-Theorie Ägyptens. Wenn Wissenschaftler die Tempelkomplexe in Südmesopotamien in die Zeit um 3000 datieren, entsteht der Eindruck, dass es die ersten sumerischen Könige waren, die unter der Ägide erster männlicher Götter die ›Hochkulturen‹ schufen. Doch dem ist nicht so. Die geistige matriarchale Hochkultur blühte bereits mindestens Tausend Jahre vor dem Beginn der Patriarchalisierung durch die indoeuropäischen Eroberer und bevor männliche Götter wie An, Ea, Dumuzi, Marduk, Enki usw. von der arischen Priesterkaste erfunden wurden. »In einem um 2000 aufgeschriebenen Mythos versucht man dann, den Hergang der Geschichte zu verdrehen, indem der Gott Enki – in einer Umkehrung der Tatsachen – behauptet, Inanna habe alle Geschenke der Zivilisation von ihm gestohlen. So eignen sich die Männer an, was Frauen in langen geschichtlichen Prozessen entwickelt haben und geben es hemmungslos als ihre eignen Erfindungen aus« (Heide Göttner-Abendroth in ›Die Chronik der Frauen‹ 1992, S. 57).

Tempel waren Amtssitz der Landesregierung

Der Handel, der die ganze damalige Welt verband, brachte den Menschen nicht nur Wohlstand, sondern ermöglichte beispielsweise auch den kulturellen Austausch von Wissen und Bildung, von künstlerischem und handwerklichem Können und medizinischen und technischen Erfindungen. Leonard Woolley, berühmt für seine Ausgrabungen der frühdynastischen Königsgräber in Ur von 1922 bis 1934, berichtet: »Seinen unmittelbaren und dauernden Beitrag leistete das Obeid-Volk auf dem Gebiet der Architektur.« Die mesopotamische Baukunst fand den Weg des kulturellen Austausches tatsächlich ganz konkret bis nach Ägypten. Der Stil der Nischengliederung der aus Ziegelsteinen erbauten Verwaltungsanlagen ist in Ägypten und Mesopotamien genau gleich. In Ägypten will man in ihnen Grabstätten der Königinnen der 1. Dynastie, in Mesopotamien Tempelanlagen sehen. Einige Altorientalisten und Archäologen sind der Meinung, dass sie in beiden Ländern Sitz der matriarchalen Landesregierung waren. In Ägypten wurden die Anlagen der Göttin Neith, in Mesopotamien der Göttin Inanna geweiht. Es gab damals noch keine männlichen Götter, weder in Ägypten noch in Mesopotamien oder irgendwo sonst.
Der britische Altorientalist Sidney Smith schreibt: »Der Tempel war – schon seit der Obeid-Zeit [ca. 5500 bis 3500] – die Residenz der Priesterkönigin und sowohl Kulturzentrum, Amtssitz und Regierungssitz, Zentrum der Organisation und Verwaltung des Landes als auch des religiösen Kultes.« Der Archäologe Jean-Claude Margueron bestätigt, dass die mesopotamische Kultur das Vermächtnis einer alten ›geistigen Hochkultur‹ war. Er schreibt:

»Die Hauptstätten der sumerischen Hochkultur befinden sich über Siedlungsplätzen der schriftlosen Frühzeit.«

»Zahlreiche Befunde ergeben, dass sie für eine weitreichende Kontinuität in den Bereichen des Bauens und Bildens sowie der religiösen Tradition, also für ungebrochenes Weiterleben einer alten geistigen Überlieferung sprechen« ( J.C. Margueron ›Mesopotamien‹ 1970, S. 175). Der deutsche Archäologe Hans J. Nissen, Ausgräber von Uruk von 1964-1967 (dem biblischen Erech und heutigen Warka), erkennt die »wirtschaftlichen Funktionen« der Tempel »von der die frühen Schriftdokumente berichten« (H.J. Nissen ›Geschichte Alt-Vorderasiens‹, 2012, S. 54). In der Inanna geweihten (Tempel-)Anlage im Eanna-Bezirk von Uruk wurden die ältesten Zeugnisse der Schrift gefunden. Die Erfindung der Schrift gehört zu den nachhaltigsten kreativen und geistigen Leistungen der Urgeschichte. In den beiden Ländern machen die Göttinnen der Schrift deutlich, dass die Schrift von Frauen erfunden und praktiziert wurde. In Ägypten tritt eine Frau als erste Schreiberin auf der Narmer-Palette in Erscheinung.
Die gefundenen Schrifttafeln enthalten wirtschaftliche Daten: »Sie zeigen, dass diese Verwaltung damit beschäftigt war, große Mengen von Gütern aller Art, die in das Zentralgebiet gelangten, unter Kontrolle zu halten und wieder zu verteilen.« (Nissen ibd. S. 54) Auch andere, aus späterer Zeit besser bekannte Orte wie Kisch, Nippur, Girsu/Lagasch oder Ur »waren mit Sicherheit in gleicher Weise wie Uruk organisiert und bildeten lokale Machtzentren, doch reicht von dort bekanntes Material zu wenig mehr als zur Feststellung, dass diese Orte zur Uruk-Zeit existierten. Trotz zu vermutender lokaler Unterschiede sieht es vom archäologischen Fundstoff her so aus, dass damals ganz Babylonien eine kulturelle Einheit gebildet hat. Wie weit diese ging und ob dem in welcher Form auch immer eine politische Zusammengehörigkeit entsprach, ist dagegen nicht bekannt« (Nissen ibd. S. 59).

 ›Tempel‹ waren keine ›Blüten der sumerischen Hochkultur‹!

»Die Entdeckungen in Uruk/Erech haben bewiesen, dass der Tempelkomplex von Eanna bereits um 3000 im Zentrum einer differenzierten ökonomischen Organisation war« (W. F. Albright).

Tempel-Rekonstruktion-Mesopotamien

Rekonstruktion des sogenannten Tempels D in Uruk um 2900. Die Nischenarchitektur ist die Gleiche wie in Ägypten. (Zeichnung Hellmuth Schubert, nach Hartmut Schmökel ›Ur, Assur und Babylon‹ 1955, Tafel T. 2)

Tempel Grundriss Keiser
(Abbildung links: Rekonstruierter Grundriss des Eanna Tempels der Göttin Inanna aus der 2. Hälfte des 4. Jt. mit Nischenarchitektur, nach H.J. Lenzen)

Ein Blick von Mesopotamien nach Ägypten zeigt, der architektonische Stil und der Grundriss der Anlagen stimmen in den beiden Ländern überein. Die  frühen großangelegten ›Tempelbauten‹ Mesopotamiens wurden weit umfangreicher erforscht als jene Ägyptens. Aus ihnen kann geschlossen werden, dass es sich bei beiden Monumentalbauten um den Sitz der Zentralverwaltung des Landes handelte. Die ›Tempel‹ Mesopotamiens sind die Bestätigung, dass die Anlagen in Ägypten nicht nur Grabanlagen, sakraler Kultort oder Residenz, sondern ebenso Zentren der politischen Macht der Priesterköniginnen waren. »Ursprünglich scheint die Tempelwirtschaft eine in größere Maßstäbe transponierte weiblich geführte Kollektivwirtschaft gewesen zu sein, wie wir sie von den matriarchalen Stammesgesellschaften her kennen. Wie dort die Sippenmütter die Agrarwirtschaft und die Verteilung der Güter regelten, so verwalteten hier die Priesterinnen die Erträge des Landes… Die Tempel der frühen Städte Mesopotamiens, traditionsgemäß Wirkungsstätten von Frauen als Priesterinnen, entwickeln sich zu den entscheidenden Zentren des wirtschaftlichen Lebens. Seit Jahrtausenden bereits bilden die Tempel in den matriarchalen Kulturen die religiös-kulturellen Mittelpunkte der Gemeinschaften. Hier werden im Zuge der Verehrung der Großen Göttin auch die ersten Wissenschaften entwickelt und gelehrt: Astronomie für Pflanzerinnen, Mathematik für Baumeisterinnen und Weberinnen, Physik für Töpferinnen und Werkzeugmacherinnen. Die Tempelpriesterinnen bilden eine eigene Sprache aus, den sogenannten Emesal-Dialekt, der als rituelle Sprache weiterlebt, nachdem die sumerische Kultur längst untergegangen ist. Als die zentralen Stätten des Wissens und Könnens einer Gemeinschaft werden die Tempel zu einer Art Schulen für ›soziale Intelligenz‹… Zu Beginn des 3. Jahrtausends leben im Süden Mesopotamiens bereits eine halbe Million Menschen. Nur durch eine rationelle Organisation von Landwirtschaft und Handwerk kann die Versorgung eines solchen ›Ballungsgebietes‹ sichergestellt werden. Aus diesem Grunde bilden die Tempelpriesterinnen die ersten kollektiven Großunternehmen« (Carola Meier-Seethaler ›Die Chronik der Frauen‹ 1992, S. 61 und 64).

Der Archäologe Jean-Claude Margueron widmete Jahrzehnte dem Studium der ältesten städtischen Zivilisationen Mesopotamiens, die er als ›invention syro-mésopotamienne‹ bezeichnet. Er nimmt an, dass Eridu die älteste Stadt im südlichen Mesopotamien war und seit mindestens dem 6. Jahrtausend bestand. [Die Anfänge der Besiedlung der oberägyptischen Stadt Hierakonpolis liegen ebenfalls 8000 Jahre zurück. s. D. Wolf, 2009, S. 119 f.] Margueron der darauf hingewiesen hatte, dass »die Hauptstätten der sumerischen Hochkultur sich über Siedlungsplätzen der schriftlosen Frühzeit befinden«, vertrat auch die berechtigte Auffassung, dass der Beginn der Tempelbauten nur durch die Grabungen in die tiefsten Schichten erschlossen werden kann: »Über die grundsätzliche Bedeutung der Tiefschichten unter den Stätten der Hochkultur Mesopotamiens‹ berichtet er, »dass in Eridu seit Beginn der Besiedlung Tempel errichtet worden sind« (Margueron ibd. S. 152). Eridu und Uruk zählen zu den ältesten Städten der Welt. Wir verdanken dem Archäologen Hans J. Nissen eine der wichtigsten Informationen zur Ur-Geschichte Mesopotamiens (Nissen ibd. 2012, S. 53), er schreibt:

»In der späten Uruk-Zeit (ca. 3400 bis 3300) konnte Uruk »bereits auf eine fast 1000-jährige Geschichte zurückblicken.«

Das bedeutet aber nichts anderes, als dass die matriarchale Hochkultur in Mesopotamien mindestens 1000 Jahre  v o r  der indoeuropäischen Eroberung und der Zerstörung von Hamoukar im Norden um 3500 bestanden hatte, was der Archäologe Burchard Brentjes bestätigt: Im Süden legten »die Grabungen in Eridu unter dem Terrassentempel der frühsumerischen Staatszeit (um 3000) 18 [achtzehn !] Schichten frei, die das Wachsen des Tempels aus dem kleinen Kultraum« der Göttin Inanna belegen (Völker an Euphrat und Tigris‹ 1981).
Margueron betonte den wichtigen Befund der achtzehn Tiefschichten in Eridu ebenfalls, »weil er zeigt, wie notwendig bei der Erforschung der Hochkultur das Erschließen der schriftlosen Vergangenheit im Sinne einer Rechenschaft über Jahrtausende ist. Bereits in der Schicht XI, von der ältesten unteren Lage an gerechnet, steht das durch Rechteckpfeiler und regelmäßige Nischen gegliederte Heiligtum von Eridu auf einer Terrasse. Wir erkennen damit die Urform der späteren Zikkuratbauten, deren Entwicklung zu ausgeprägterem Bautypus sich besonders in Eridus Schicht VII dank der sorgfältigen und systematischen Schichtengrabung gut verfolgen lässt. Dieser charakteristische Sakralbau gehört in die nach dem Ruinenhügel Obeid benannte Phase der schriftlosen Kulturentwicklung Südmesopotamiens« (Margueron ibd., S. 152, Hvhb. DW).

Die Tempel waren der Grossen Göttin Inanna geweiht

»Aus der sumerischen Königsliste wird deutlich, dass am Anfang weibliche Gottheiten für den Bau der ersten Städte verantwortlich waren« (Wikipedia ›Sumerische Religion‹). Tempel-Bauten gehörten zur uralten matriarchalen Kultur, die der Rechtsgelehrte und Rechtshistoriker Uwe Wesel wie folgt definierte:

 Matriarchale Urkulturen sind anarchisch geordnete, »segmentäre Gesellschaften, ohne Herrschaft und ohne Staat, die im wahren Sinn des Wortes egalitär gewesen sind, in denen die Egalität nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen meinte. In ihnen standen die Frauen sogar im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Ordnung, durch Matrilinearität und Matrifokalität« (Wesel ›Der Mythos vom Matriarchat‹ 1990, S. 144).

Wie wir festgestellt haben, wurden diese Monumentalbauten, die den Matriarchinnen als Zentren der Leitung und Verwaltung des Landes dienten, schon im Neolithikum und Chalkolithikum erstellt. Der Bau von Uruk könnte »selbst heute noch unter die prächtigsten architektonischen Werke gezählt werden, wenn er nur besser erhalten wäre« (Anton ›Moortgat ›Die Entstehung der sumerischen Hochkultur‹ 1945, S. 64). Die Anlagen machen deutlich, dass diese Kultur tief in der matriarchalen Urgeschichte der Obeid/Ubaid-Zeit verwurzelt ist, die von ca. 5900 bis zur Übernahme der Macht durch die Eroberer aus dem Norden, am Übergang vom 4. ins 3. Jahrtausend dauerte.
»Die Tempelwirtschaften, die in der Regel zunächst noch von Priesterinnen-Kollektiven betrieben werden, sind die wichtigsten Zentren der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung. Eine Alabastervase aus dem Inanna-Tempel von Uruk dokumentiert die führende Rolle der Frauen in der Tempelwirtschaft« (Meier-Seethaler ibd. 1992, S. 63). Eine Abbildung der Alabastervase aus dem Eanna-Tempel der Göttin Inanna von Uruk s. weiter unten)
Wie in Ägypten behielten Königinnen und Priesterinnen auch in Mesopotamien nach der Eroberung und der Gründung patriarchaler, dynastischer Königreiche noch lange einen außerordentlich hohen Status. »Nicht nur die Stadtfürstinnen der späten frühdynastischen Zeit [2900/2800–2300] besaßen eine hervorragende Position in kultureller, gesellschaftlicher und ökonomischer Hinsicht, auch Herrscherinnen und Königstöchter späterer Epochen konnten erheblichen Einfluss ausüben [S. C. Melville, ›Neo-Assyrian Royal Women and Male Identity‹ 2004]. Das gilt auch noch für die akkadische Königstochter und Priesterfürstin Enheduana (2285-2250), die das höchste Priesterinnenamt ausübte und sich als erster ›homme des lettres‹, bzw. Autorin und Literatin, der Weltgeschichte einen Namen machte. [Irene J. Winter ›Women of Public‹ 1987].
Dies gilt ebenso für die »assyrischen Königinnen Sammu-ramat, die legendäre Semiramis und Naqi’a-Zakutu, die beide strategisch geschickt vorgehend, die Herrschaft für ihre Söhne zu sichern wussten«, behauptet Nissen (ibd. S. 210) Das ist pure Phantasie. Bei regierenden Königinnen wie Semiramis, die ganz Vorderasien regierte, erbten die Töchter, nicht die Söhne, den Thron. Die Mutter brauchte also nicht ›geschickt vorzugehen‹, um die Herrschaft für ihre Söhne zu sichern! Noch lange nach dem Beginn der Patriarchalisierung galt das Mutterrecht im ganzen Vorderen Orient. Bevor die Hethiter die Thronfolge nach langen und heftigen Kämpfen, nach der der Sohn auf den Vater folgte, durchgesetzt hatten, bestand ein matrilineares System. »In Hattuscha regierte – wie wir dem ältesten hethitischen Schrifttum noch entnehmen können – unabhängig vom König eine Priesterkönigin« (Volkert Haas ›Hethitische Berggötter und hurritische Steindämonen‹ 1982, S. 43). »Jedenfalls ist zu bezweifeln«, schreibt Gebhard J. Selz, »dass das Konzept der männlichen Erbfolge von Anfang an dominierend gewesen ist. Das Bild einer patriarchalischen Gesellschaft im Alten Orient müssen wir für diese Epoche mit vielen Fragezeichen versehen. Diese resultieren vom Weiterleben einer Herrscherlegitimation über die weibliche Linie bis hin zur nachweislich bedeutenden und einflussreichen Stellung von Frauen in Wirtschaft und Kult« (Selz ›Sumerer und Akkader‹ 2016, S. 111 f.).

»Die Große Mutter, das Symbol des Lebens, war schon im Chalkolithikum ein übergeordnetes allgemeines Prinzip. Der Glaube an die Allmutter als Trägerin des Lebens sowie an die Fruchtbarkeit in Tier und Pflanze war die Grundlage des menschlichen Daseins« (Anton Moortgat).

Halaf»Im bäuerlichen Tell-Halaf-Kreis und auch in Babylonien stand die Muttergöttin im Mittelpunkt, abgebildet durch viele Tonfigürchen nackter Frauen« (Wolfgang von Soden ›Propyläen Weltge-schichte‹ 1961, S. 533).

Abbildung: Göttin von Tell Halaf (nach Margueron)

»In den Schichten der Halaf-Kultur [ca. 6500-5000] hat archäologische Forschung bemalte weibliche Figuren in hockender Stellung gefunden, bedeutsame Werke frühen plastischen Bildens, das die lebengebende Kraft des Weiblichen durch Überbetonung der Brüste, der Schenkel und Schosspartie sinnfällig veranschaulicht, während der Kopf nur schwach angedeutet ist…
Die Figuren sind wertvolle Zeugnisse für die religiösen Vorstellungen der Tell Halaf-Kultur, die den Gedanken der göttlichen Urmutter späterer Überlieferung vorwegnehmen.« (J.C. Margueron ibd. 1970, S. 151, Hvhb. DW) Margueron entwertet die weiblichen Figuren nicht, zieht aber keine weitergehenden Schlüsse zu ihrer Bedeutung. Wissenschaftler sind vorsichtig, wenn es um die Interpretation der Statuetten geht; sie kennen die oft bösartige Ablehnung reaktionärer Kollegen, die ihr männliches Gottesbild nicht durch einen Göttinnenglauben gestört sehen wollen. Erich Fromm gehört zu den löblichen Ausnahmen, er schreibt:

 ›Eines der charakteristischen Merkmale der neolithischen Siedlungen
ist die zentrale Rolle der Mutter in der sozialen Struktur und Religion.‹

Inanna, die Große Muttergöttin Mesopotamiens

Inanna-Kopf ? Woolley S. 41 Der prachtvoller Frauenkopf aus weißem Marmor stammt aus dem Eanna-Tempel der Göttin Inanna in Uruk: »Das außergewöhnlichste Rundbild, die Maske aus Uruk/Warka, ist fast lebensgroß aus Marmor gearbeitet und mit Löchern zur Befestigung versehen. Sie ist die schönste Bildhauerarbeit, die wir aus Sumer besitzen und anders als alle anderen. Man fand sie in Schicht III des Eanna-Heiligtums und vermutet, dass sie aus der Djemdet Nasr-Zeit stammt. Vielleicht gehörte sie zu einer aus mehreren Teilen zusammengesetzten Statue der Göttin Inanna« (Veronica Seton-Williams ›Babylonien Kunstschätze zwischen Euphrat und Tigris‹ 1981, S. 15). Das Kunstwerk stammt aus der Zeit  v o r  der Besetzung und der Machtnahme von Uruk durch die Sumerer, ca. 3200/3100.

Inanna

An den beiden Artefakten der Göttinnen-Darstellung sehen wir die deutliche Veränderung im Stil und den Niedergang der Kunst nach der Invasion der ›Hurri‹.

Links: Fragment eines Gefäßreliefs, das dem König Entemena aus Lagash zugedacht wurde. Die Göttin Inanna mit wallendem Haar trägt eine Hörnerkrone und hält eine Datteldolde in ihrer rechten Hand. Das Relief stammt aus der spät-frühdynastischen Periode Sumers um 2400, dürfte also etwa 800 Jahre jünger als das Marmorporträt der Gottin Inanna aus Uruk sein. (Staatliche Museen Berlin, nach Diana Wolkstein und Samuel Noah Kramer ›Inanna Queen of Heaven and Earth‹ 1983).
Es ist beschämend, darauf hinweisen zu müssen, dass Beurteilungen von Göttinnnen durch patriarchale Autoren, z.B. der Großen Schöpfergöttin Inanna, oft unter aller Kritik ausfallen. So schreibt beispielsweise ein (anonymer) Autor in Wikipedia: »Inanna hatte viele Erscheinungsformen und Gestalten. Hervortretend sind jedoch ihre Eigenschaften als Göttin der Liebe und des Geschlechtslebens, als kriegerische und eroberungssüchtige Gottheit.« Es ist üblich, dass besonders für patriarchale Männer typische Eigenschaften, wie etwa ›kriegerisch‹, ›eroberungssüchtig‹, ›extrem ehrgeizig‹ oder ›besonders machtgierig‹ Frauen (z.B. Hatschepsut und Kleopatra) ›männermordend‹ (Semiramis) oder Göttinnen angedichtet werden, die man dann als ›Kriegsgöttinnen‹, aber auch als Jagdgöttinnen bezeichnet, um damit die kriegerische und jägerische Tötungslust zu legitimieren. Patriarchale Männer sind schamlos in der Zuschreibung ihrer widerlichsten Eigenschaften an die Frauen. Aber wie wir gesehen haben, gibt es durchaus Männer, die respektvoll mit Göttinnen und Frauen umgehen, dazu gehört der französische Historiker und Poet Jean Markale, der solch blamable Aussagen, als das beurteilt, was sie sind: Neid! Er schreibt, es sei gerade ›die Gebärfähigkeit der Frau, die den Neid und den Hass patriarchaler Männer erregt‹ (›La femme celte‹ 1989). Und damit haben wir es bei den Herabwürdigern von Frauen und Göttinnen eindeutig zu tun.

»Wir sind zur Annahme berechtigt, dass die Sumerer nicht die ersten Siedler im unteren Mesopotamien waren, sondern dass ihnen eine zivilisierte Macht von einigem Umfang vorangegangen sein muss, eine Macht, weit fortgeschrittener als die Sumerer.« (S. N. Kramer ›Geschichte beginnt mit Sumer‹ 1959, S. 164)

Wer waren die Sumerer?

In der eigenen Schrift heißt Sumer ›Kalam‹. Der deutsch-französische Altorientalist Jules Oppert (1825-1905) nannte das Land nach den Herrschern, die sich ›König von Sumer und Akkad‹ nannten als erster ›Sumer‹. »Wir wissen nicht«, schrieb der Historiker Will Durant 1935, »welcher Rasse die Sumerer angehörten, noch auf welchen Wegen sie nach Sumer kamen. Vielleicht stammten sie aus Zentralasien, aus dem Kaukasus oder aus Armenien und zogen den durch Nordmesopotamien fließenden und in den Persischen Golf mündenden Strömen entlang« (›Kulturgeschichte der Menschheit – Der alte Orient und Indien‹ 1935, S. 117). Das Reich von Sumer und Akkad umfasste grob das 3. Jahrtausend. Danach folgte das Reich der Babylonier.

»Wir sind mit der Frage der Herkunft der beiden ethnischen Gruppen [Sumerer und Akkader] überfordert.« (Hans J. Nissen, ›Geschichte Alt-Vorderasiens‹, 2012)

Der Archäologe Jean-Claude Margueron stellte fest: »Die Frage nach der Herkunft der Sumerer im südlichen Zweistromland, häufig gestellt, kann auch heute weder von der Sprachwissenschaft noch von der archäologischen Forschung eindeutig beantwortet werden.« (J.C. Margueron ›Mesopotamien‹ 1970, S. 176) Nach dem Vorschlag des Assyriologen und Sprachwissenschaftlers Benno Landsberger (›Three Essays on the Sumerians‹ 1974) »sind die Sumerer Einwanderer, die sich die alten Ortsnamen und weitere Begriffe der bereits ansässigen Bevölkerung zu eigen machten.« (Gernot Wilhelm ›Grundzüge der Geschichte und Kultur der Hurriter‹ 1982). Nissen bestätigt: Die Sprache ist »das stärkste Argument für die Annahme, dass die Sumerer nicht die autochthone Bevölkerung war.«
›Sumerisch‹ ist die Sprache Mesopotamiens nach der Invasion der Indo-Europäer. Sumerisch sei eine isolierte Sprache und mit keiner bekannten Sprache verwandt, wird behauptet. Aber Sumerisch war wohl nur mit keiner bekannten andern Sprache identisch, doch dürfte es sich wie bei der afro-asiatischen Sprache Ägyptens um eine Mischform gehandelt haben, wie dies der Sprachwissenschaftler Landsberger angedeutet hat. Man kann davon ausgehen, dass die Eroberer die Sprache der indigenen vor-sumerischen Bevölkerung mit ihrer eigenen Sprache – was ja auch in Ägypten passierte – vermischten  und überlagerten, wobei die Sprache des indigenen Volkes nur rudimentär, als Substrat, erhalten blieb.

Die Sumerer schufen nichts Neues

Sie eigneten sich die matriarchalen Kulturleistungen an und übernahmen die bestehende Hochkultur im Süden Mesopotamiens, das damals den heutigen Irak und Syrien umfasste. Was beschönigend als ›Landnahme‹ bezeichnet wird, sind aggressive Überfälle und Landraub. Als die Sumerer ›einwanderten‹, bzw. das Land kriegerisch eroberten, hinterließen sie nur Spuren von Plünderung und zerstörerischer Gewalt. Sie hatten keinen ›Anteil am Aufstieg der mesopotamischen Hochkultur‹. Diese war schon längst da und war die Leistung der matriarchalen Kultur des Neolithikums.
Obwohl die Archäologen bei der Erforschung der südmesopotamischen Kultur den Spuren von kriegerischen Überfällen, Eroberungen und Überlagerung der indigenen Völker Mesopotamiens auf Schritt und Tritt begegnen, ist auch Margueron der irrtümlichen Überzeugung, »dass wir mit Sicherheit sagen können, dass die Sumerer entscheidenden Anteil am Aufstieg zur mesopotamischen Hochkultur seit der frühen Schriftzeit haben, mithin also zu Beginn dieser epochalen Wende um 3000 bereits im südlichen Zweistromland verbreitet waren. Wir können demnach mit ihrer Landnahme in der voraufgehenden Urukperiode rechnen.« (J.C. Margueron ›Mesopotamien‹ 1970, S. 176)
Wie in Ägypten sehen die Archäologen und Sumerologen die geradezu ins Auge springenden Zeugnisse von Gewalt, Zerstörung und Massakern nicht. Marc W. Küster schreibt von einer »Sammlung von Stadtstaaten, die sich oft gegenseitig blutig befehdeten und einander immer wieder wechselseitig unterwarfen. Die Stadtstaaten wurden von Fürsten – ein solcher hieß auf Sumerisch lu-gal (großer Mann) – regiert, die in aller Regel in Personalunion Träger des höchsten sakralen Amtes waren – oftmals regelrechte Gottkönige.« (Küster ›Geordnetes Weltbild: die Tradition des alphabetischen Sortierens von der Keilschrift bis zur EDV; eine Kulturgeschichte‹ 2007, S. 76) ›Regelrechte Gottkönige‹? Regelrecht größenwahnsinnige Männer, die sich tatsächlich einbildeten und sich attestieren ließen, über übermenschliche ›göttliche‹ Fähigkeiten zu verfügen. Der Cäsarenwahn grassierte all überall dort, wo ein einzelner Mann nach alleiniger Macht drängte, von den Lugals in Sumer, den Pharaonen in Ägypten, Alexander und den römischen Kaisern, den Kaisern von Japan und China bis zu den Diktatoren unserer Tage; gerade sie sind die besten Beispiele und nicht zu bestreiten.

Die Zeiten im Nahen Osten waren keineswegs friedlich

In der Späturuk-Zeit am Ende des 4. und zu Beginn des 3. Jahrtausends beginnt eine unruhige Zeit. Die damit verbundenen Ausschreitungen führt der Altorientalist Gebhard J. Selz offenbar auf mehr oder weniger heftige Streitigkeiten zurück. Er glaubt, dass es beim »Einsatz von Arbeitermassen«, z.B. für den Bau der Terrasse im Eanna-Bezirk, »zu Konflikten kam, deren Regelung auch institutionelle Gewalt erforderlich machte«, liege auf der Hand (Selz ›Sumerer und Akkader‹ 2016, S. 32)! Solche Aussagen sind typisch für patriarchale Männer; man löst Konflikte mit Gewalt, das war schon-immer-so, bzw. man glaubt, Konflikte nur mit Gewalt lösen zu können.
Der Archäologe von Uruk, H.J. Nissen berichtet ebenfalls verharmlosend erstmals von ›Spannungen‹ in der Späturuk-Zeit und dass das Ende dieser Zeit eher ›unfriedlich‹ verlief. (Nissen ibd. 2012, S. 51) Nissen erkennt oder anerkennt die Tatsache nicht, dass im Norden Mesopotamiens, bzw. in Nordostsyrien, die Stadt Hamoukar überfallen wurde, die Ausgräber einen ›Zerstörungshorizont‹ und den ›massenhaften Fund von Schleuderkugeln‹ nachgewiesen haben. Über die Ereignisse in Hamoukar berichtet Science am 9.6.2006, Vol 312 (s. www. Doris Wolf ›Der erste Krieg der Weltgeschichte‹). Hingegen erkannte schon Leonard Woolley, wo die Probleme in Uruk ihren Ursprung haben könnten: »Es scheint, dass in einer Epo­che, die wir die Uruk-Zeit nennen, aus den Bergen nörd­lich von Elam eine Infiltration von Menschen stattfand, die sich schließlich zu Herren des­sen mach­ten, was jetzt der sumeri­sche Staat war.« (Woolley ibd., 1961, S. 15) Gegen Ende des 4. Jahrtausends waren die Eroberer bis in den Süden vorgerückt (und wie wir wissen, ein anderer Teil von ihnen bis nach Ägypten). Man fand erste, die Kriegsführung betreffende Zeugnisse. Siegelabdrücke von Uruk und Susa zeigen Kampfszenen und Gefangene (Michael Roaf ibd. S. 194).

Gewalt-Siegel Eanna BoehmerWir erkennen einen ›Bärtigen‹ mit Hut und Mantel, er ist der Anführer der kriegerischen Invasoren.
Siegelabdruck aus dem Eanna-Tempel, R.M. Boehmer ›Uruk. Früheste Siegelabrollungen‹ 1999)

Anton Moortgat macht die Figur des aggressiven ›Bärtigen‹ erstaunlicherweise zu einem religiösen und militärischen Oberhaupt: »Dieselbe Gestalt, die in einigen Kultszenen den Oberpriester wiedergibt… erscheint in einer weiteren Gruppe von Motiven als Kriegsherr, den Speer in der Rechten. Vor ihm liegen gefesselte besiegte Feinde, andere flehen um Gnade. Die Bildkunst bemächtigt sich in ihren Motiven also zum ersten Male des staatlichen und religiösen Lebens.« (Moortgat ›Die Entstehung der sumerischen Hochkultur‹ 1945, S. 72, Hvhb. DW) Die Aussage bestätigen die beiden Abbildungen oben und unten. (Wir kommen im Kapitel ›Die indoeuropäischen Eroberer aus dem Norden‹ ausführlich auf den ›Bärtigen‹ und seine Rolle zurück.)

image002Frühsumerischer Siegelzylinder aus dem Eanna-Heiligtum der Göttin Inanna von Uruk
(ca. 2800, Lapislazuli, Vorderasiatisches Museum Berlin, nach J.C. Margueron)

Scheinbar bescheiden huldigt der Bärtige hier der Göttin Inanna vor ihrem Emblem, den Schilfringbündeln. Das änderte sich rasch, der Anführer übernimmt im Süden Mesopotamiens die Macht, wird zum ersten König, erste männliche Götter erscheinen; der Beginn der Patriarchalisierung ist in vollem Gange.
Der Altorien­talist Manfried Dietrich bemerkte zum Aufkommen des Patriarchats, es sei eine »schlichte Tatsache, dass die Basis für die Herr­schaftsstruktur und das hierarchische System des Alten Orients laut schriftlicher Aussagen und archäo­lo­gischer Rekonstruktio­nen Ende des 4. und An­fang des 3. Jahrtausends in der Städtekultur Südme­sopo­tamiens liegt. »Die Ausbreitung über den ganzen Vorde­ren Orient bestimmte in der Folge das machtpolitische Geschehen dieses Raumes grund­sätzlich auch in der Fol­ge­zeit – bis in die Ge­genwart.« (Manfried Dietrich ›Semiramis – Frauen im Alten Orient‹ 1989, S. 131)

Der Umsturz – und die katastrophalen Auswirkungen

Die neolithischen Siedlungen besaßen keine Waffen und keine Verteidigungsanlagen. Archäologische Zeugnisse bestätigen, dass die ältesten sumerischen Städte nachweisbar nicht durch Mauern geschützt waren. Die frühen Städte bedurften noch keiner Verteidigung. Doch die Szenerie änderte sich auffallend in der frühdynastischen Zeit (I-III von ca. 2900 bis 2340). Die Kunde von der Eroberung und Zerstörung von Hamoukar und weiteren Städten im Norden durch die einfallenden Indo-Europäer war mit den Flüchtlingen längst bis in den Süden gedrungen, worauf die BewohnerInnen sich und ihre Tempel durch Mauern zu schützen versuchten. Doch diese Kunde ist noch nicht bei den Wissenschaftlern angekommen, obwohl auch der mesopotamische Epos von Gilgamesh (um 2700) von der ungeheuren Bedrohung durch die Indo-Europäer und vom Bau einer gewaltigen, mit Wachtürmen besetzten Mauer berichtet, mit der die ganze Stadt Uruk umgeben wurde. »Der Dichter schildert in einfühlsamen Worten einen bis dahin unbekannten Vorgang: Den Aufbau von Stadtmauern, die Einrichtung der Gewalt in der Gesellschaft, den Zwang gegen Angehörige des eigenen Volkes [?]« (Brentjes, ibd. S. 53). Der vorderasiatische Archäologe Burchard Brentjes schreibt, dass nach dem plötzlichen Um­bruch in den ältesten sumerischen Städten, in Uruk und Eridu, an der Zeitenwende vom 4. ins 3. Jahrtausend eine Fe­stungsmauer den Tem­pelkom­plex umschloss, der Priester und Stadtbewohner voneinander trennte. Brentjes  behauptet: »Tief erschütterte der nun andauernde Terror der Reichen gegen die Armen die Gesellschaft. Die Herren fürchte­ten offenbar ihre Stadt­bewoh­ner mehr als äu­ßere Feinde.« (Brentjes ›Völker an Euphrat und Tigris‹ 1981, S. 53 und 77, Hvhb. DW) Brentjes bemerkt nicht, dass die ›Herren‹ selbst, die Invasoren, die Feinde waren, die sich in den Zentren und Tempelkomplexen breit gemacht hatten und dass mit ihnen erstmals männliche Götter auftauchten. Er glaubt, dass sich im Innern Mesopotamiens als Folge von Unterdrückung, Versklavung und Ausbeutung eine soziale Revolution abgespielt habe: »Eine blühende Kulturlandschaft war entstanden, reich und mächtig, in der eine Gruppe der Gesellschaft die Macht an sich gerissen hatte, eben jene Herren der Tempel, die uns in ersten Texten als die Eigentümer riesiger, nach Hunderten Hektar zählenden Ländereien entgegen treten, 1200 Hektar nennt eine Tontafel als Besitz des EN/AN, des Herrn von Uruk und weitere 600 Hektar waren in den Händen von fünf anderen Priestern. Sie waren Grossgrundbesitzer, und ihre priesterliche Funktion erschwert die Erkenntnis ihrer sozialen Funktion. Die herrschende Klasse waren die Grossgrundbesitzer, die ihren Grundbesitz von Nichtbesitzenden bearbeiten liessen, die zum Teil einen Lohn erhielten. Einige wenige Texte geben Auskunft über die Rechtsstellung dieser Arbeitenden, die ›Männer und Frauen aus dem Bergland‹ genannt werden, ein Begriff, der sich für Sklaven einbürgerte.« (Burchard Brentjes ›Völker an Euphrat und Tigris‹ 1981, S. 53, 75, 77 f.)
Brentjes erkennt zwar die Tragik, den gewaltsamen Umbruch in der Gesellschaft; das Erstaunliche aber ist – und  das teilt er mit den meisten andern Autoren, die sich mit der Geschichte Mesopotamiens befasst haben –, dass er nicht auf die Idee einer feindlichen Invasion von außen kommt. Er schreibt von der Katastrophe, die sich damals abspielte: »Eine soziale Revolution ging vor sich, die die Jahrmillionen der Gleichheit beendete, ein gesellschaftlicher Umsturz der mit der Erfindung der Sichel und der Reibmühle begonnen hatte und dessen Grundlagen in den Jahrtausenden von Mureybet bis Obed entstanden waren… Schriftliche Berichte wie jenes Epos [von Gilgamesh] wurden erst verfasst, als der Umsturz vollzogen war, so dass wiederum die Archäologie die Vorgänge entschlüsseln muss, die zur Entstehung Sumers… führten. Noch sind viele Fragen offen, aber schon kann der Übergang von der Urgesellschaft zum Staat in mehreren Regionen nachgezeichnet werden, ein Prozess, der zwei Aspekte hatte. Es war einmal die oben angedeutete Einrichtung eines Zwangsapparates in der Gesellschaft, einer Armee und anderer Gewaltmittel im Dienst einer herrschenden Klasse. Zum anderen war es eine neue Organisation der Gesellschaft, eine territoriale Erfassung der Angehörigen des Volkes statt der Vereinigung der Verwandten in der Familie, der Sippe und dem Stamm… Im 3. Jahrtausend erhielten nach Aussage der schriftlichen Quellen Mesopotamiens die abhängigen Arbeitskräfte in Tempeln und Palästen feste Rationen an Gerste, Bier und Wolle, gelegentlich auch Fisch, Gemüse und andere Produkte. Zu ihrer Verteilung dienten ›genormte‹ Gefäße, wie ›Glockentöpfe‹. Ihre Entdeckung in den Ruinen der Zentren und Städte lässt auf die Ausbildung einer abhängigen Bevölkerungsgruppe schließen, von Armen oder Kriegsgefangenen, die für die Herren der Prunkbauten arbeiten mussten. Die Art der Abhängigkeit ist nicht festzustellen, aber der archäologische Befund spricht für den Aufbau einer sozial gegliederten Gesellschaft, in der die Gewalt regierte.« (Brentjes ›Völker an Euphrat und Tigris‹ 1981, S. 53)
Der Altorientalist Gebhard J. Selz weist auf »eine planmässige [?] Neugestaltung des Tempelbereichs« in der Spät-Uruk-Zeit (ca. 3400–3100) nach und schreibt dazu: »Um diese Zeit erfolgte ein dramatischer Rückgang der Siedlungen im Hinterland der Stadt (Uruk). Ihre Zahl ging von etwa 150 auf 25 zurück, so dass in diesem Zusammenhang sogar von einer Landflucht gesprochen wurde. Dem mag entsprechen, dass wir Uruk nun von einer festen Stadtmauer von 10km Länge umgeben finden, die mit rund 900 Türmen bewehrt war… Eine grosse Rolle spielten wahrscheinlich, vermehrte und verschärfte Konflikte, die aus einer Zunahme der Bevölkerung und einer Verringerung der Zahl der für die Feldwirtschaft wichtigen Wasserläufe resultierten.« (›Sumerer und Akkader‹ 2016, S. 41) Fragen zur Landflucht und den Gründen für die gigantische Befestigung der Stadt stellt er nicht. Warum sollte eine Zunahme der Bevölkerung eine solche notwendig machen? »Diese Bevölkerungsverschiebung von Nord nach Süd setzte sich in der Djemdet-Nasr-Epoche am Ende des 4. Jahrtausends fort.« (Michael Roaf ibd. S. 58 + 59)
Im Süden wuchs die Stadt Uruk auf das Doppelte an und in der Umgebung von Uruk ist ein Ansteigen von zehn auf über hundert Siedlungen erkennbar, schreibt Nissen. (H. J. Nissen ›Geschichte Alt-Vorderasiens‹ 2012, S. 45). Nissen erkennt, es stehe außer Frage, dass mit »den Vorgängen der Siedlungskonzentration tiefe Veränderungen vor allem auf politischem aber auch auf sozialem Gebiet verbunden gewesen sein müssen«. Er spricht von den Zeiten der ersten Aggressionen als einem »Ausbau«, der »eine wirtschaftliche und organisatorische Machtposition entstehen ließ, die bis in die Nachbargebiete, ja sogar bis nach Ägypten ausstrahlte. Die unter diesem Schirm erlangten Rohstoffe, insbesondere auch solche für Prestigeobjekte, trugen dann wieder zur Befestigung der Machtstrukturen in Babylonien bei und verstärkten die Vorrangstellung.« (Nissen ibd. 2012, S. 77) Nissen erkennt zwar den Umbruch, die Aggression ebenfalls, die Invasion der Eroberer aus dem Norden jedoch nicht.
»In der späteren Uruk-Zeit wurde nun auch der Süden der babylonischen Schwemmebene von Orten aller Größe in einer Dichte wie nie zuvor überzogen… Größe und Lage der Siedlungen zueinander lassen geregelte Systeme im Sinne zentralörtlicher Beziehungen erkennen. Zwar bleibt die Art der Beziehungen innerhalb dieses mehrschichtigen hierarchischen Siedlungssystems mit Uruk an der Spitze undeutlich, doch haben wir mit politisch / wirtschaftlichen Strukturen zu rechnen, deren Organisationsgrad erheblich über allem von früher Bekanntem lag.« (Nissen ibd. 2012, S. 49) Die ›geregelten Systeme‹, die Nissen aufgefallen sind, machen deutlich, dass die Zeiten  v o r  den geschichtlich überstrapazierten, sogenannten Hochkulturen Mesopotamiens und Ägyptens, keineswegs ›chaotisch‹ waren, wie man uns gerne glauben machen will. Es war das geschaffene Kulturgut matriarchaler Gesellschaften mit ›geregelten Systemen‹, die von den indoeuropäischen Eroberern  übernommen wurde.
Roaf erkennt die neue Aufteilung der Gesellschaft in hierarchische Klassen und die Veränderungen im politischen und sozialen System. Er beobachtet, dass das Volk nun von einer religiösen, militärischen und politischen Elite regiert wird, die durch die Erhebung von Tributen und Steuern Reichtum ansammelte. (Roaf ibd., S. 58) Aber das Ausmaß dieser Veränderungen und was diese für das Volk bedeuten, das sieht er nicht und macht sich zu dieser gewaltigen Neuerung auch keine weiteren Gedanken.

Die Menschenopfer von Ur: ›Sati‹

Der von Leonard Woolley ausgegrabene Königsfriedhof von Ur erregte wegen der zahlreichen Menschen, die hier brutal geopfert wurden, weltweites Aufsehen. Er gehört in die spätere Frühdynastische Periode um ca. 2550. Was Woolley als die ›eigentliche sumerische Kultur‹ bezeichnet, beginnt mit Krieg und Zerstörung und später mit den Massenmorden – als sogenannte ›Gefolgschaftsbestattungen‹ beschönigt – die in den  Königsgräbern von Ur bezeugt sind. »Für Menschenopfer am Grabe eines Königs können viele Beispiele aus anderen Ländern festgestellt werden: am geeignetsten ist das Beispiel der Könige der ersten Dynastien in Ägypten, die ungefähr gleichzeitig mit den Gräbern in Ur sind. Aber noch wichtiger ist, dass sich etwas Derartiges in Sumer selbst bis in die historische Zeit der dritten Dynastie von Ur erhalten zu haben scheint… Das Schweigen der literarischen Texte steht im Widerspruch zum archäologischen Befund« (Woolley ›Ur in Chaldäa – Zwölf Jahre Ausgrabungen in Abrahams Heimat‹ 1957, S. 76). Wir sehen, dass Gräueltaten schon in in den frühen Texten gemieden und unterschlagen wurden. (Das kennen wir zur Genüge auch aus der Nazizeit und jeder heutigen Diktatur.) Nach der Invasion, der Machtnahme der indoeuropäischen Sumerer und der Errichtung und Konsolidierung der ersten Königsdynastien, wurden im frühdy­nasti­schen Mesopotamien die Königinnen und ihr Gefolge beim Tod der Könige ermordet. Sati, die ›Witwentötung‹ – bis in unsere Zeit auch in Indien bekannt – wurde u. a. in Kish, Mari, Susa, Ur, Uruk und Tepe Gawra festgestellt. Der Ausgräber von Tepe Gawra, der Archäologe A. J. Tobler, berichtet von zahlreichen Kindern und Säuglingen, die geopfert worden waren. In Ur und Kish wurde der königliche Tote im vollen Ornat mit Wagen oder Schlitten zum Grab gebracht. Nicht nur die Zugtiere, sondern auch die Fahrer, bewaffnete Soldaten, Höflinge, Musiker und Damen des Harems waren verpflichtet, ihrem Herrscher in die künftige Welt zu folgen (Gordon Childe ›New Light on the most ancient east‹ 1958, S. 153).

UrRekonstruktion eines Königsgrabes in Ur mit dem Gefolge, das samt den Tieren geopfert wird.
Erste Hälfte des 3. Jahrtausends. (C.L. Woolley ›Ur, Excavation II, Abb. 30‹) 

Die Eroberer verfolgten mit ›Sati‹ das gleiche Ziel in wie in Ägypten:
Die Entmachtung der Königinnen. Durch ihre Ermordung beim Tod des Erobererkönigs wurde das matriarchale Königinnentum radikal beendet.

Die Matriarchinnen wurden getötet, die Güter und Schätze geraubt, die Leistungen der matriarchalen Hochkultur, wie die Kunst der Symbolik, die Erfindung der Schrift die Baukunst der Tempelkomplexe, die zentrale Verwaltung, die Organisation des Handels, die Vorratshaltung der erwirtschafteten Nahrungsmittelüberschüsse, usw. usurpiert oder zerstört. (s. D. Wolf 2009, S. 198 und www. Doris Wolf: Menschenopfer ›Sati‹)

»Rituelle Menschenopfer spielten eine wichtige Rolle beim Aufbau hierarchischer Gesellschaften. Sie trugen entscheidend dazu bei, dass die sozialen Eliten ihre Macht über die unteren sozialen Schichten festigen und weiter ausbauen konnten… Dabei zeigte sich, dass die Kulturen mit den am stärksten ausgeprägten Hierarchien am ehesten Menschenopfer praktizierten.« (›Wie Menschenopfer halfen, hierarchische Gesellschaften aufzubauen. Die dunkle Seite der Religion‹, Nature 04.04.2016) Die Untersuchung berücksichtigt nicht, was die Geschichte immer wieder gezeigt hat, dass es nicht nur um die sogenannt unteren Schichten ging, sondern dass bei Eroberungen vor allem die demokratische Führungsschicht oder wie im 3. Reich, Intellektuelle und Kulturschaffende des Landes als erste ermordet wurden.

Kriegerische Eroberer schaffen keine Hochkulturen, sondern zerstören sie

In der Zeit des Umbruchs und danach ist der Niedergang der Kunst offensichtlich. Margueron spricht vom ›Formverfall der Kunst‹. Ausgeprägt zu beobachten ist dies bei den Darstellungen des ›Bärtigen‹, der Standarte von Ur, der Kultvase aus Alabaster, Skulpturen und Steinreliefs. Der Verfall ist jedoch nicht wie Margueron glaubt, durch einen ›westsemitischen Einbruch‹ herbeigeführt worden; Leonard Woolley führt ihn auf ›horitische Invasoren‹ zurück, die uns an die horitischen Eroberer Ägyptens, die ›Shemsu-Hor‹ erinnern. An Beispielen »grotesk-primitiver Erzeugnisse« sieht Woolley den Beweis, dass beispielsweise Ugarit »unter den Einfluss der Hurri geraten ist.« (Woolley ibd. S. 104)
Auch Nissen beobachtete die Veränderungen in der Kunst: »Auf der einen Seite scheint es so, dass großformatige Kunst am Ende der Späturuk-Zeit zum ersten Mal auftritt, nachdem sich plastische Kunst Jahrtausende lang auf kleinformatige Tier- und Menschenterrakotten beschränkt hatte. Es fällt nicht schwer, diese Neuerung den zahlreichen anderen Neuerungen dieser Zeit hinzuzufügen und sie insgesamt unter den großen Sprung zu subsummieren, den ein gewaltiger gesellschaftlicher Druck auslöste.« (Nissen ibd. 2012, S. 58) Nissen beschreibt, erläutert und analysiert aber leider nicht, was er mit dem ›gewaltigen gesellschaftlichen Druck‹ meint und wie dieser zustande kam. Er ist lediglich beeindruckt von seiner zweiten Beobachtung. Diese »gilt der Tatsache, dass außer einem fast lebensgroßen Frauenkopf alle Kunstwerke die [jetzt männliche] Herrscherfigur in den Mittelpunkt stellen« (Nissen ibd. 2012, S. 58) und übersieht die eindeutigen Zeichen für den Beginn der männlichen Herrschaft und der patriarchalen Diktatur.
Nissen subsummierte die radikalen Veränderungen als ›großen Sprung‹;  in Tat und Wahrheit war es ein gewaltiger Um-Sturz, eine Tragödie nie gekannten Ausmasses für die Welt; die schlimmste und folgenschwerste Erschütterung, die bis heute ihre entsetzlichen Auswirkungen hat, z.B. das weltweit verbreitete menschenfeindliche, kriegssüchtige Patriarchat, brutale Diktaturen, unzählige Kriege und unendlichen Terror. Die kriegerischen Eroberer schufen nie etwas Neues, außer Terror, Zerstörung, Krieg und hierarchische Unterdrückungssysteme. Aber sie erfanden die ersten männlichen Götter und kämpften gegen die matriarchale Ur-Mutter-Göttin, womit das ganze Unheil der Religionskriege, die bis heute ihre blutige Spur hinter sich herziehen, begann.

Die Folgen für die Frauen und die Religion der Göttin

›Der erste Schritt in der Einschränkung des weiblichen Status bestand darin,
das Monopol der religiösen Funktionen von ihnen zu übernehmen‹
(G.R. Taylor)

Nachdem der Assyriologe Henry W. F. Saggs die Stellung der Frau in Sumer zwischen 3000 und 1800 untersucht hatte, schrieb er über die Auswirkungen der Eroberung Mesopotamiens: »Es gibt Hinweise darauf, dass die Frauen in den Anfängen der sumerischen Gesellschaft einen viel höheren Status hatten als in der Blütezeit der sumerischen Kultur. Dies ergibt sich hauptsächlich aus der Tatsache, dass in der frühen sumerischen Religion eine hervorragende Stellung von Göttinnen eingenommen wurde, die später so gut wie verschwanden, wenn sie nicht zu Gattinnen bestimmter Götter wurden« (Henry W. F. Saggs ›The Greatness that was Babylon‹ 1962). »Göttinnen spielten eine Rolle in der göttlichen Ratsversammlung der Mythen«, bemerkte Saggs, der immerhin auch Theologe war. Merlin Stone betont: »Nur dort, wo Frauen eine wichtige Stellung einnehmen, wird auch eine Große Göttin verehrt. Während die Göttinnen sukzessive abgewertet oder eliminiert wurden, sank im Patriarchat die Stellung der Frau auf eine Entmündigte« (›Als Gott eine Frau war‹ 1988, S. 73). Entmündigte sind Frauen im Nahen und Mittleren Osten weitgehend geblieben; nicht nur Musliminnen. Bis heute werden israelische Frauen z.B. durch das einseitige Recht des Mannes auf Scheidung gedemütigt. Dieser sadistische Umgang mit Frauen zeigt der Film  ›Get – Der Prozess der Viviane Amsalem‹ beispielhaft: »Viviane Amsalem (Ronit Elkabetz) möchte sich von ihrem Mann scheiden lassen. In Israel kann jedoch eine Scheidung ausschließlich durch das Rabbinatsgericht und mit der Zustimmung des Ehemanns vollzogen werden. Ein sich über Jahre hinziehender Prozess beginnt … – In Israel hat der vielfach ausgezeichnete Film (2014) eine Debatte über Frauenrechte ausgelöst.« (http://www.arte.tv/guide/de/069818-000-A/get-der-prozess-der-viviane-amsalem) Ähnliches passiert in Saudi-Arabien: Im Jahr 2016 (zweitausendundsechzehn!) hat jede Frau einen Vormund ohne dessen Einwilligung sie sich keine Freiheiten, z.B. Ausgehen oder Reisen, erlauben darf. Die im Mittelalter stehen gebliebenen Machos fürchten sich sogar davor, Frauen die Freiheit des Autofahrens einzuräumen. Immer wo Frauen unterdrückt, ausgegrenzt, in ihrer Freiheit und ihren Menschenrechten beschränkt werden, geht es nicht nur um angemasste Männermacht, immer ist auch die Angst im Spiel, dass Frauen den Männern überlegen und es wesentlich besser machen könnten als sie, was hinlänglich bewiesen wurde. In der Altorientalistik wird die Tatsache, dass Frauen die besseren Regentinnen/Königinnen waren einfach unterschlagen. (s. Doris Wolf 2017 ›Der patriarchale Kampf gegen das Wissen vom Matriarchat‹)
Die Indigenen, Frauen und Männer, setzten sich lange Zeit, zusammen mit ihrer Königin, den Priesterinnen und den Matriarchinnen gegen die brutale patriarchale Machtnahme, die Zerstörung ihrer Kultur des Friedens und der Freiheit und ihrer Religion zur Wehr. Doch es half nichts. Aus der Zeit Urukaginas, des letzten Königs der 1. Dynastie in Sumer (um 2300) spiegelt der Mythos die grausame Realität. Hier heißt es von der Göttin der Unterwelt, dass sie sich keinen Gatten nehmen wollte, »sondern dass sie an den Haaren vom Thron gezerrt wird und solange mit dem Tod bedroht wird, bis sie sich bereit erklärt, ihren Angreifer, den Gott Nergal zu heiraten, der dann ihre Tränen wegküsst, zu ihrem Gatten wird und an ihrer Seite herrscht« (Stone ibd.). Die patriarchalen Eroberer aus dem Norden und die sie begleitende arische Priesterkaste erfanden männliche Sonnengötter. Die Große Göttin des matriarchalen Mesopotamiens wird in die dritte Generation verwiesen. Der britische Altorientalist, Theologe und Sprachwissenschaftler A. H. Sayce verglich die Mythen der ägyptischen Sonnenreligion mit denen der Sumerischen, Ba­byloni­schen und Assyrischen und stellte eine auffal­lende Überein­stimmung der Sonnengötter und der göttlichen Attribute in diesen Kulturen fest. Er betont, dass der Sonnenkult nicht die ur­sprüngliche Religion der eingeborenen mesopotamischen Bevölkerung war; was der Alttestamentler W. Robertson Smith bestätig. Er schreibt den bemerkenswerten Satz: »Das offizielle System der babylonischen und assyrischen Religion, wie es uns aus priesterlichen Texten und öffentlichen Inschriften bekannt ist, trägt deutliche Merkmale, dass es alles andere ist als eine Darstellung des volks­tümlichen, überlieferten Glaubens. Es ist durch Priesterschaft und Staatsgewalt in der gleichen Weise künstlich ausgebildet wie die offizielle Religion des alten Ägypten, das heißt: Es ist eine für Regierungszwecke veranstaltete, künstliche Kombination aus Elementen, die einer Anzahl lo­kaler Kulte entlehnt waren. Höchst wahrscheinlich war die wirkliche Religion der Volksmassen weit einfacher als das offizielle System.« (Smith ›Die Religion der Semiten‹ 1899, S. 10)

Alabastervase-von-UrukDie Alabaster-Vase von Uruk

Wir haben eindrückliche Artefakte, die Ausschnitte aus dem Verlauf der Geschichte Mesopotamiens belegen, zum Beispiel  die berühmte Alabastervase aus dem Inanna-Heiligtum von Uruk. Die Vase wurde im Eanna-Tempelkomplex der Großen Göttin Inanna in den Ruinen der Stadt gefunden. Wie die Narmer-Palette in Ägypten, gehört dieses Artefakt zu den frühesten Arbeiten der ›erzählenden‹ Relief-Skulpturen, die ans Ende des 4. oder anfangs des 3. Jahrtausends datiert werden. Margueron bezeichnet das Gefäss als ›einzigartiges Zeugnis frühsumerischer Kunst‹ aus der Grabungsschicht um 2900/2800 (Margueron ibd. S. 250).

(Abbildung: Alabaster-Vase, auch Warka Vase genannt, ca. 105/120cm hoch, oberer Durchmesser 36cm. (Iraq Museum, Bagdad, nach Leonard Woolley ›Mesopotamien und Vorderasien‹ 1961, S. 38)

Auf der Kultvase wird die Göttin Inanna, die Große Göttin Mesopotamiens von den Eroberern noch mit Opfergaben beschenkt. »Die Reliefs der Vase werden als früheste Darstellungen der mesopotamischen Weltordnung angesehen, aufgeteilt in vier Bereiche: In den unteren zwei Registern wird die Tier- und Pflanzenwelt des Deltas von Tigris und Euphrat dargestellt, in der Mitte die menschliche Sphäre mit nackten Männern, die Körbe tragen; das obere Register zeigt eine kultische Szene mit der Priesterin der Göttin Inanna, der sumerischen Gottheit der Liebe und Fruchtbarkeit« (http://de.wikipedia.org/wiki/Vase_von_Warka).
Die Vase stammt aus der frühesten dynastischen Zeit der Eroberer. Beachtenswert ist, dass die Göttin Inanna hier noch immer im Mittelpunkt der Verehrung steht. Der ›Bärtige‹, den wir als aggressiven Eroberer kennen gelernt haben, erscheint, hinter einem nackten Gabenträger, in demütiger Haltung vor der Göttin, die durch die Schilfringbündel identifiziert werden kann. Er bringt der Göttin oder der sie repräsentierenden regierenden Priesterkönigin seine Opfergaben dar. Doch das ändert sich mit seiner Machtnahme. Ab da herrschen patriarchale Könige und der gedemütigten Königin wird befohlen:

›Höre, Tochter, sieh und neige deine Ohren; vergiß deines Volkes und Vaterhauses, so wird der König Lust an deiner Schöne haben; denn er ist dein HERR, und ihn sollst du anbeten.‹ (Psalm 45 Lied zur Hochzeit des Königs)

Der ›Bärtige‹ wird von den heutigen Wissenschaftlern bereits zum Gott überhöht. Es soll Dumuzi sein, ein von den indoeuropäischen Nomaden erfundener Hirtengott, der zum Gefährten und Liebhaber der Göttin Inanna und von ihren Gnaden zum König gemacht wurde, der mit ihr die ›Heilige Hochzeit‹ feiert. Doch fragen wir uns, haben wir je aus Kriegen von ›Heiligen Hochzeiten‹ gehört? Millionen von Frauen wurden und werden in den Kriegen auf abscheulichste Art und Weise vergewaltigt und gefoltert. Vergewaltigungen fanden nicht nur bei den ersten Eroberungen der Indo-Europäer in Mesopotamien, sondern auch in Ägypten und im iranischen Susa statt, wo sie deutlich durch die Gefangennahme der Königinnen werden. Diese Vergewaltigungen zu übersehen und sogar als ›Heilige Hochzeiten‹ zu interpretieren ist eine Meisterleistung patriarchaler Geschichtsschreibung.

Die Standarte von Ur

Der andere wichtige geschichtliche Beleg ist die Standarte von Ur, die von Leonard Woolley entdeckt wurde. John Dayton vermutete, dass die berühmte Standarte die Invasion des Nahen Ostens und des Industales durch Menschen darstellt, deren Waffen und Mobilität überwältigend gewesen sein müssen. (›Minerals Metals Glazing and Man – or who was Sesostris I‹ 1978)
Die Standarte von Ur stammt aus dem Königsfriedhof der 1. Dynastie von Ur (ca. 2500 bis 2400). In der obersten Reihe dominiert auf beiden Seiten der kahlköpfige Anführer, der sich durch seine Größe hierarchisch deutlich abhebt.

Standrate von Ur- Krieg

Der Kriegszug auf der Standarte von Ur, einem Holzkasten mit Einlegearbeiten aus Muscheln, roten Steinchen und Lapislazuli. (Die Bilder auf den beiden Seiten werden von unten nach oben gelesen) (http://www.penn.museum/sites/iraq/?page_id=48#)

Die Seite des Krieges zeige den Sieg über einen unbekannten Feind, lesen wir auf der Seite des Penn Museums von Pennsylvania. Von Onagern gezogene Gefährte überfahren nackte feindliche Gefallene (unter Reihe). Im mittleren Teil wird eine Phalanx von bewaffneten Soldaten gezeigt, die nackte Gefangene töten und andere wegführen. Die Standarte zeige die wichtigsten beiden Rollen eines frühen Herrschers, lesen wir weiter und von der Rolle des ›Kriegers, der die Menschen beschützte [?], ihren Zugang zu Wasser und den natürlichen Ressourcen des Landes sicherte und als Führer und unmittelbarer Mittler zwischen den Menschen und den Göttern diente. Nach der Katastrophe, die dem kriegerischen amerikanischen Einmarsch in den Irak – das alte Mesopotamien – folgte, können wohl selbst kriegslüsterne Republikaner die Interpretation, ›Krieger als Beschützer der Menschen‹ zu sehen, nicht mehr vertreten.

Standarte von Ur

Auf der andern Seite der Standarte dominiert der kahlköpfige Herr wieder beim Siegesfest, umgeben von seinem Gefolge. Man prostet sich zu, feiert die erfolgreiche kriegerische Invasion und die gelungene Machtübernahme und lässt sich die erbeuteten Schätze bringen, während Musiker die vergnügte Feier begleiten. Hier werde der Reichtum, die Freigebigkeit des Landes dargestellt, erzählen die Autoren des Penn Museums fröhlich weiter. Sie übersehen, dass Männer das gestohlene Vieh, Rinder, Schafe und Ziegen vorführen, andere tragen Fische, die Nahrung, die den Bewohnern geraubt wurde. Alles ›Gaben‹ des Wassers, der Weiden und der Sümpfe.
Die Invasoren wandelten Mesopotamien in einen Schauplatz ständiger Kriege. Wie in Ägypten rivalisierten und attackierten sich die verschiedenen Erobererklans bis aufs Blut. Auf den ersten Krieg der Weltgeschichte um 3500 in Hamoukar folgte Schlag auf Schlag eine stete Abfolge von Kriegen. »Über 200 Jahre lang (2600 bis 2350) lagen die Städte miteinander im Streit«, schreibt Claude Schaeffner. »Da gab es nichts als Schlachten, Plünderung und Zerstörung von Städten, Morde und Versklavung von Kriegsgefangenen. Mehrere Städte gewannen nacheinander in der Zeit von einer oder zwei Generationen die Oberhand. Um 2320 vernichtete der Fürst von Umma, Lugal-Zaggesi, die feindlichen Heere. Er eroberte und plünderte Ur, Uruk und Lagasch, entführte deren Götter und führte auf diese Weise eine allerdings begrenzte Vereinheitlichung von Sumer herbei. Von seinem Sieg berauscht, unternahm er einen Eroberungskrieg. An der Spitze seiner Heere, ›zahllos wie Gras‹, griff der König von Sumer, der sich von da an deutlich von den Priestern unterschied, die Hochtäler von Euphrat und Tigris an. Er dehnte seinen Herrschaftsbereich ›vom Unteren zum Oberen Meer‹ aus, das heißt vom Persischen Golf bis zum Mittelmeer. Sumer beherrschte den Orient« (Claude Schaeffner ›Entstehung und Machtkämpfe der ersten Reiche‹ Weltgeschichte in Bildern Bd. I, 1968, S. 13).
»Die Lugals (›Große Männer‹), die Könige von Ur und den anderen Städten waren Großgrundbesitzer. So nannte einer der letzten Könige von Lagash, Lugalanda, 161 Hektar und seine Frau Barnamtara weitere 66 Hektar Land ihr eigen, das sie zum Teil unter Bruch alter Rechte dem Tempel entrissen hatten. Die Verfügung über Ackerland bildet den Schlüssel zu Macht und Reichtum. Land vergab der König an Beamte, Priester und Soldaten, der Tempel an seine Bediensteten – und wer die Macht dazu hatte, riss das Land einfach an sich« (Brentjes ibd. 1981 S. 85).

Der Zusammenbruch von Sumer und Akkad

Der Zusammenbruch der einst prosperierenden Länder Ägypten und Mesopotamien geschah etwa gleichzeitig, gegen Ende des 3. Jahrtausends. Im Süden Mesopotamiens begann der finale Akt mit dem zweiten König der 3. Dynastie von Ur, Schulgi (Šulgi), der sich als ›Herr der vier Weltgegenden‹ bezeichnete. Er wird besonders als hervorragender militärischer Stratege gerühmt (das imponiert patriarchalen Männern). Unter seiner langen Herrschaft vergrößerte er sein Reich durch ständige Kriege. Er unterwarf viele Städte und Staatsgebilde im Norden und Osten Sumers und machte sie tributpflichtig. Sein Reich reichte vom Zagrosgebirge im Osten bis zum Mittelmeer im Westen. (Wikipedia) Im 21. Jahr unternahm er einen Feldzug nach Dêr, im 24. und 31. Jahr nach Karaḫar, im 26., 32. und 44. Jahr nach Simurum, im 27. und 48. Jahr nach Ḫarši, im 34. Jahr nach Anšan, im 42. Jahr nach Šašrum, im 45. Jahr nach Urbilum, im 46. und 48. Jahr nach Kimaš und ebenfalls im 48. Jahr nach Ḫu’urti. Aus anderen Texten sind Angaben über Beute (nam-ra-ak) mit Jahresangaben verknüpft. Weitere Kriegszüge führte er gegen Anšan im 33. Jahr, gegen das Land der Martuim im 40., 44. und 46. bis 48. Jahr, gegen die Lulubäer im 44. Jahr, gegen Šurudḫum im 44. Jahr, gegen Urbilum im 48. Jahr und gegen Šimaški  im 47. und 48. Jahr. Damit ist Šulgi der König von Ur, von dem die meisten Angaben über Beute/Tribut überliefert sind. (s. wikipedia, Šulgi)
In einer seiner Hymnen rühmt Schulgi sich: ›An den Ufern des Dijala, an den Ufern des Taban landete die Woge meines Schreckens… Nachdem ich im aufsässigen Lande ankam, rissen sie (die Truppen) das Ziegelfundament aus; möge die Stadt, die ich geschlagen habe, nicht restauriert werden; ja, die Häuser, die ich zerstört habe, wurden als Ruinenhügel gezählt, (die Stadt) Der – alle feindlichen Truppen, ließ ich dort (als Leichen) zurück. (zit. von Selz ›Sumerer und Akkader‹ 2016).
Nicht so recht ins Bild passt dann, dass er als Förderer der Sumerischen Kultur, Literatur, Poesie und Musik gerühmt wird. Gebhard J. Selz berichtet, dass Schulgi »drei Hauptfrauen hatte, die einander im Amte der Regierenden Königin‹ nachfolgten… Der Verantwortungsbereich der königlichen Frauen lag im Kult, aber auch in der Leitung von großen Wirtschaftsinstitutionen« (Selz ibd. 2016, S. 97). Die Königinnen dürften es gewesen sein, die neben dem Kult und der Wirtschaft die Kultur bereicherten, nicht Schulgi, der brutale, völlig unkultivierte Mann, der kaum etwas anderes tat als ständig Kriege zu führen.
Die einst prosperierenden Staaten waren bald menschlich und ökonomisch am Ende. Die Eroberer führten wegen Gebietsstreitigkeiten ständige Machtkämpfe und Kriege gegeneinander. Samuel Noah Kramer stellt zum ›Aufstieg und Fall Sumers‹ fest, die Gier nach Überlegenheit und Vormacht, nach Sieg, Prestige und Ruhm war der zündende Funke, der die Sumerer einst zu großen Leistungen veranlasst hat; wie etwa die weiträumigen Bewässerungsanlagen, die monumentale Architektur, Schrift, Bildung und Literatur, wofür sie zu Recht gerühmt werden [wie wir oben gesehen haben, entspricht diese Idealisierung keineswegs den Tatsachen]. Es sei schmerzlich zu sehen, meint Kramer, dass diese Leidenschaft nach Wettbewerb in sich den Samen von Zerstörung und Zerfall trug. Im Laufe der Jahrhunderte sei Sumer eine ›kranke Gesellschaft‹, mit bedauernswerten Fehlern und Mängeln geworden; es sehnte sich nach Frieden, war aber ständig im Krieg, bekannte sich zu Idealen von Gerechtigkeit, Fairness und Mitgefühl, strotzte jedoch vor Ungerechtigkeit, Ungleichheit und Unterdrückung. Und so kam Sumer zu einem grausamen, tragischen Ende wie ein melancholischer Dichter bitterlich klagte: ›Es gibt keine Ordnung und kein Recht mehr, Städte, Häuser, Ställe und Schafpferche sind zerstört, Flüsse und Kanäle überfluten das Land mit bitterem Wasser, auf Feldern und Steppen wächst nichts mehr als Unkraut. Mütter sorgen nicht mehr für ihre Kinder, der Vater nicht mehr für seine Gattin und Kindermädchen singen keine Wiegenlieder mehr am Kinderbett. Niemand ist auf Strassen und Wegen, die Städte sind verwüstet und seine Bewohner tot, umgekommen durch das Schwert oder verhungert.‹ Schliesslich fiel unbeschreibliches, bisher unbekanntes Unglück und Elend über das Land. (Kramer ›Inanna Queen of Heaven and Earth‹ 1983, S. 126)
Es ist erstaunlich, dass gerade Kramer den Verlauf der Geschichte Sumers nicht durchschaut, er, der die Eroberer als ›kriegslüsterne, bewaffnete Abenteurer aus dem Norden‹ beschrieb und davon ausging, dass sumerische Kriegerhorden, »dieses primitive und wahrscheinlich nomadische Volk in der zweiten Hälfte des 4. Jahrtausends in Mesopotamien einge­fallen sei und dass ihrem Einmarsch eine »Zeit der Stagnation, des Rückschrittes und des Zusammenbruchs der früheren fort­geschritteneren Kultur folgte« (Kramer ›Geschichte beginnt mit Sumer‹ 1959, S. 166).
Gegen Ende des 3. Jahrtausends erobert der Usurpator des Thrones Lugalzagesi die Inanna-Metropole Uruk mit Waffengewalt und versetzt ihr den Todesstoss. Er zerstört den Tempel Inannas ebenso wie die Kultorte der Göttin Ningal in Ur und der Göttin Baba in Lagasch. Die mesopotamische Stadt Ur, ein Hauptort des alten Göttinnenkultes, wird endgültig zerstört, der Untergang Sumers ist besiegelt.
Eintönige Klagelieder betrauern die großen Katastrophen der Zerstörung und die Verbannung der Göttin. ›Die heilige Inanna verließ wie eine Jungfrau, die ihr Gemach verlässt das Heiligtum Akkade‹, heißt es am Schluss eines der von Schmerz erfüllten Lieder. Aus dieser Zeit ist auch die eindrucksvolle Klage einer Königin überliefert:

›Der Feind ist mit Schuhen an den Füssen in mein Gemach eingetreten,
der Feind hat mich mit seinen ungewaschenen Händen angefasst…
der Feind hat mir mein Kleid abgenommen, sein Weib damit bekleidet,
der Feind hat mir meine Edelsteine abgerissen, seine Kinder damit behängt…
Nachdem ich fortgegangen, ruft meine Stadt dauernd nach mir, der Herrin,
ruft mein Heiligtum, der Hohe Palast dauernd nach mir…«
(nach Carola Meier-Seethaler in ›Die Chronik der Frauen‹ 1992, S. 76)

Der Dichter Dingiraddamu beklagt die Plünderung der Stadt Lagasch, die Vernichtung des Wohlstandes, die Zerstörung der Tempel, die Massakrierung der Bürger in den Strassen und die von Urukagina gefangene und entführte Königin samt der Statue der Göttin von Lagasch:

›Um die Stadt, o weh, um die Schätze seufzet meine Seele,
Um meine Stadt Girsu (Lagasch), o weh, um die Schätze seufzet meine Seele,
Im heiligen Girsu sind die Kinder bekümmert,
In das Innere des leuchtenden Schreins drang er ein;
Die erhabene Königin brachte er aus Ihrem Tempel fort
O Herrin meiner Stadt, Verzweifelte, wann kehrst Du zurück?

Nach dem Zusammenbruch der dritten Dynastie von Ur, dem letzten sumerisch dominierten Staat in Mesopotamien um 2000 wurden die Zeiten keineswegs zivilisierter. Die »anschließenden unruhigen und schlecht dokumentierten Zeiten hinterließen eine politische Ordnung, die im gesamten Vorderen Orient weitgehend von regionalen Machtzentren, die zum Teil wenig mehr als Stadtstaaten waren, geprägt war. Diese rivalisierten in immer wechselnden Konstellationen miteinander, verbündeten sich oder bekriegten einander, gelegentlich bis zur Vernichtung eines der Kontrahenten« (Michael Jursa ›Die Babylonier‹ 2008, S. 16).

Die Spitzhacke und der Korb erbauen Städte,
Das standfeste Haus, mit der Spitzhacke wird es errichtet …
Das Haus, das gegen den König rebelliert,
Das Haus, das sich seinem König nicht unterwirft,
Wird durch die Spitzhacke dem König unterworfen.

(Sumerisches Gedicht nach S. N. Kramer)

›Amargi‹ – Der Schrei nach Freiheit

Auf einem Dokument aus dem sumerischen Lagash findet sich zum er­sten Mal in der Ge­schichte der Menschheit das Wort für Freiheit: ›amargi‹. Die wörtliche Überset­zung von amargi heißt sinni­ger­weise ›zurück zur Mutter‹ (Kramer ›Geschichte beginnt mit Sumer‹ 1959) und dürfte die Sehnsucht der Menschen nach dem alten Mutterrecht ausdrücken, das sie in Freiheit und Würde leben ließ. Nachdem die Welt buch­stäblich auf den Kopf gestellt worden war, verteufelte man das weibliche ›Chaos‹ – eine Bezeichnung für die uterine Urmutterflüssigkeit der kosmischen Göttin – zur Anarchie und Unordnung, während man für das Männliche die sogenannte ›Ordnung‹ reklamierte. Das arabische Wort für ›Freiheit‹. al-hurriya, ist bis auf den heutigen Tag in der arabischen Welt ein Synonym für Unordnung. (Fatema Mernissi ›Die Angst vor der Moderne‹ 1992, S. 71)

Nicht das immer wieder von patriarchalen Wissenschaftlern und Klerikern beschworene ›Chaos‹ des Matriarchats entsprach den Tatsachen: »Gute gesetzliche Ordnung, Besonnenheit und Frieden bildete den hervorragenden Charakterzug der von Weibern regierten Staaten«. (J.J. Bachofen ›Das Mutterrecht‹ 1861/1975)

 


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