Seite an Seite zwei verschiedene Bestattungsarten

Aus dem Inhalt:

  • Gräber gehören zu den wichtigsten Informationsquellen der Archäologie
  • Grabbeigaben aus Silex sind keine Bestätigung für Gewalt und Krieg
  • Getreide als Grabbeigabe war nicht als Nahrung für die Toten gedacht
  • Die embryonale Lage und die Rückenlage der Toten sind Aussagen über den Glauben
  • Von der Muttergöttin zu den Vatergöttern
  • Die patriarchalen Eroberer zwangen Ägypten ihre Vater-Götter aus Vorderasien auf
  • Die Rückenlage der Toten und der Blick auf einen Gott im Himmel
  • Die Auffahrt des toten Königs in den Himmel
  • Seite an Seite zwei verschiedene Religionen:
  • Die matriarchale Ur-Religion und…
  • …die neue patriarchale Religion der Indo-Europäer/Arier
  • Bestattungsbräuche bei den Indo-Europäern/Ariern
  • Wohnen im Grab
  • Die Angst vor dem Tod und die Hoffnung auf ein ewiges Leben im Jenseits

Gräber gehören zu den wichtigsten Informationsquellen der Archäologie

Prädynastische Gräber Woolley ›Diggin up the Past‹, Plate 22

Prädynastische Gräber
(nach Leonard Woolley ›Diggin up the Past‹, 1930, Plate 22)

Die Gräber und Grabbeigaben aus der schriftlosen Zeit bergen Einblicke in die Kulturen alter Völker, die oft weit mehr über die frühen Kulturen aussagen als jede spätere schriftliche Hinterlassenschaft. Hier lassen sich zeitlich weltweit zwei prinzipiell verschiedene Bestattungsbräuche unter­scheiden. Bei den ältesten gefundenen Bestattungen in Ägyp­ten, Me­sopotamien, Indien, überhaupt dem ganzen vorder­asiati­schen Raum und Alt-Europa wurden die Toten in einfachen Erd­gruben in einer den Embryo nachahmen­den, kontrahierten Haltung, meistens mit wenigen Grab­beigaben, einigen Silex-Artefakten, Keramikvasen, oft mit Getreide gefüllt, bestattet. Bei den Grabbeigaben handelt es sich ausschließlich um weibliches Symbolgut: Schmuck aus Elfenbein, Muscheln vom Roten Meer und uterusförmige Keramikgefäße. »Viele der ausgegrabenen Tongefäße sind dem schwangeren Frauenkörper nachempfunden. Man spricht als ›sie‹ von ihnen und nennt sie ›bauchig‹. Sie haben enge Hälse vollgerundete Bäuche und Henkel oft in der Form von Armen; sehr früh, etwa die von Thera, sind sogar mit Brüsten geschmückt. Sie repräsentieren also Schwangerschaft und symbolisieren das weibliche Prinzip. Wofür immer sie genutzt wurden, für das Aufbewahren von Korn, Öl oder Wein oder für die Bestattung Verstorbener, der Symbolismus ist immer offensichtlich. Da der Tod als Übergang von einer Lebensform in eine andere begriffen wurde, wurden die Toten in eine foetale Haltung mit den Knien zur Brust gebunden. Ihre Körper wurden mit Ocker bestreut und in eine Urne, die an die schwangere Körperlichkeit einer Frau erinnerte, gelegt, um so ihrer Wiedergeburt in eine neues Leben entgegen zu warten.« (Doris F. Jonas ›Der überschätzte Mann – Die Mär von der männlichen Überlegenheit‹ 1981, S. 50)
Die embryonale Totenlage wird auch Hockerbestattung genannt. Dafür haben verschiedene Autoren recht eigenartige Erklärungen bereit, beispielsweise: »Für die Bettung des Leichnams wurden auch Binsensärge oder Mattenumhüllungen benützt; nur so lässt sich die extrem enge Hockerstellung der Skelette erklären.« (Karla Kroeper – Dietrich Wildung ›Minshat Abu Omar Müncher Ostdelta-Expedition Vorbericht 1978-1984, S. 33) Eine etwas dürftige Interpretation; und wie erklären sich die beiden Autoren, dass: ›ausnahmslos alle auf der linken Seite mit Blickrichtung nach O-SO‹ gelegt wurden? Mit der Bezeichnung ›Hocker‹ wird von der naheliegenden Tatsache, abgelenkt, dass es sich bei dieser Art von Begräbnissen um eine tief religiöse, rituelle Gepflogenheit handelt. Wie schon Doris F. Jonas schrieb, kann davon ausgegangen werden, dass die embryonale Lage der Toten keine zufällige Wahl ist, sondern mit dem matriarchalen Göttinnenglauben und dem Glauben an eine irdische Wiedergeburt aus der Frau zusammenhängt. Der Ägyptologe Hans Bonnet schreibt in seinem ›Reallexikon der ägyptischen Religionsgeschichte‹, dass die vor- und frühgeschichtliche Zeit ihre Toten durchwegs als Hocker beisetzten, die mit wenigen Ausnahmen auf der linken Seite liegen. Im Alten Reich beobachtet man jedoch eine Neuerung: die gestreckte Rückenlage, die zunächst auf die oberen Schichten beschränkt ist, während die alte Sitte im Volk fortlebt, um erst gegen die Wende zum Mittleren Reich ganz auszusterben (Bonnet 1971, S. 305). Deutlicher kann kaum gesagt werden, dass hier durch die Invasion der indoeuropäischen ›Shemsu-Hor‹ ein tiefgreifender Wandel stattgefunden hat. In Minshat Abu Omar im östlichen Nildelta wurden »insgesamt 420 Gräber aus der Prä-/Frühdynastik, sowie 2630 Gräber aus der Spätzeit und der griechisch-römischen Zeit entdeckt. Bei den prädynastischen Gräbern handelt es sich um ovale Gruben, die allesamt von Nord nach Süd ausgerichtet sind. Die Gruben sind 1 bis 1,5 m lang und 1,5 bis 2,0 m tief. In ihnen wurde der Körper in Hockstellung bestattet und lag auf der rechten Seite, mit dem Kopf im Norden und dem Gesicht zum Westen.« (Wikipedia) Hingegen lagen »die Skelette in den Gräbern der griechisch-römischen Zeit zu über 90% auf dem Rücken. Für die Änderung der Bestattungsrichtung… konnte bis jetzt noch keine Ursache gefunden werden.« (Ostdelta-Expedition ibd. S. 15 und 96) Aus der Zeit des Narmer wurde »ein einziger birnenförmiger Keulenkopf gefunden« (ibd. S. 92), der typische Totschläger der indo-europäischen Invasoren.
Im nubischen Neolithikum, besonders im 6. Jahrtausend, gibt es ebenfalls deutliche Zeichen für den Glauben an eine Wiedergeburt aus der Frau. Zum einen sind es die Bestattungen der Toten in der embryonalen Lage, anderseits gehört dazu die Beigabe verzierter Keramik mit weiblichen Symbolen, u.a. dem Dreieck. Bekräftigt wird der Glaube an eine Wiedergeburt durch die zahlreichen Frauenfigürchen, die die Verehrung der Frau und der Göttin mehr als nur ahnen lassen.
Die verehrten Matriarchinnen der mütterlichen Clans, das weibliche Familienoberhaupt und die Königinnen wurden stets mit besonderer Sorgfalt und mit mehr und wertvolleren Grabbeigaben bestattet. Bei den Gräbern im Sudan sei »die Differenzierung zwischen einer kleinen Elite mit aufwendigen Grabausstattungen und dem Rest der Bevölkerung besonders auffallend, schreibt Wildung (Dietrich Wildung, Jürgen Liepe ›Sudan, Antike Königreiche am Nil‹ 1996). Natürlich werden diese Elitegräber von Wildung als ›Häuptlingsgräber‹ interpretiert, obwohl nur wenige Skelette als eindeutig weiblich oder männlich identifizierbar sind. Wildung schließt daraus – und so wird patriarchale Geschichte gemacht –: »Schon im 5. Jahrtausend standen also Häuptlinge an der Spitze von Stammesgesellschaften, eine außergewöhnliche Beobachtung für diese frühe Epoche. Dass sich diese Entwicklung gerade in dieser Region abspielt, ist sicher nicht zufällig: Im 3. Jahrtausend wird hier das erste afrikanische Königreich entstehen, das Reich von Kerma.« (Wildung ibd. S. 15) Doch das matriarchale Königreich mit einer Priesterkönigin an der Spitze entstand nicht erst im 3. Jahrtausend, sondern wie in Ägypten und Mesopotamien im 6./5. Jahrtausend. Die Eroberer zerstörten die matriarchalen Kulturen; die Tempelbezirke der regierenden Königinnen wurden usurpiert und von den Erobererhäuptlingen übernommen. (s. ›Das Zerhacken des Nubierlandes‹)

Einer der Beweise für das ursprünglich matriarchale Königtum Sudans und Ägyptens sind die Sati-Morde, welche durch die Nebengräber bezeugt sind. Sati wird die Ermordung der Königin und ihres Hofstaates beim Tod des Herrschers, der zum Clan der indoeuropäischer Eroberer gehörte, genannt. Die Ermordung der matriarchalen Königinnen bei der patriarchalen Machtnahme ist in allen Ländern bezeugt, die von den Indo-Europäern erobert wurden.

Grabbeigaben aus bearbeitetem Stein sind keine Bestätigung für Gewalt und Krieg

Immer wieder werden von den Forschern sorgfältig gearbeitete Steinartefakte aus den frühesten Gräbern – auch die Grabbeigaben bei Frauen – als Waffen interpretiert. (s. ›Der Irrtum mit den ›Pfeilspitzen‹)

 

kein KeulenkopfSorgfältig gearbeiteter, gelochter Stein aus Ägypten (Metropolitan Museum of Art)

In gelochten Steinen glaubt man sogar ›tellerförmige‹ Keulenköpfe zu erkennen, mit dem es besonders effizient sei, einen Schädel zu spalten, obwohl es nirgends Hinweise auf Gewalt oder Schädelverletzungen gibt. Es dürfte sich bei diesem ›tellerförmig‹ genannten ›Keulenkopf‹ (Abbildung oben) um das matriarchale Symbol des Muttermundes (Cervix) handeln (s. ›Symbole schreiben Urgeschichte‹).
Weniger künstlerisch gearbeitete gelochte Steine wurden auch am Gewichtswebstuhl verwendet um die herabhängenden Kettfäden zu halten; die frühe Leinenherstellung in Ägypten ist berühmt. Oder sie wurden zum Beschweren der Fischernetze benutzt: Auffallend häufig sind die Hinweise auf eine entwickelte Fischfangtechnik schon im 10 Jahrtausend (Dieter Wildung ›Ägypten vor den Pyramiden‹ 1981).
Echte Keulenköpfe sind bei den patriarchalen Indo-Europäern ›birnenförmig‹; sie symbolisieren den erigierten Penis, das stolz exhibitionierte Merkmal viriler Kraft und dauerhafter sexueller Potenz, die jedoch stets von Schwäche bedroht ist. Sie tauchen in Vorderasien erstmals auf und wurden von den Eroberern nach Ägypten gebracht (s. die Narmer-Palette)

 Getreide als Grabbeigabe war nicht als Nahrung für die Toten gedacht

wie man gemeinhin annimmt, sondern waren religiöse Symbole der Wandlung und der Wiedergeburt; so wie im christlichen Ritual Brot und Wein Wandlungssymbole für den Leib und das Blut Christi darstellen. Die Ägyptologin Renate Germer wundert sich denn auch, dass die Darm- und Magenproben der prähistorischen Naturmumien andere Produkte enthielten als die Grabbeigaben: »Dort hatte man vor allem die angebauten Kulturgetreide Gerste und Emmer in den Töpfen mitgegeben«, während sich im Darminhalt Pflanzen, Samen einer wilden Hirseart, Blätter eines Borretsch Gewächses, große Mengen an Erdmandeln und Melonensamen fanden (Germer ›Mumien – Zeugen des Pharaonenreiches‹ 1991, S. 28). Gerste, Emmer, Mandeln usw. sind Vulva-Symbole und damit Symbole der Wandlung und der Wiedergeburt.
Doch von solchen Überlegungen sind patriarchale WissenschaftlerInnen  weit entfernt. Die Erforschung der Symbolik und das Arbeiten mit Intuition hat bei ›seriösen‹ Wissenschaftlern keinen Platz. Das ist einer der Gründe weshalb die Erforschung der urgeschichtlichen Zeit, wie Dietrich Wildung feststellt ›noch in den Kinderschuhen steckt‹. Der Symbolforscher S. Giedion betont, rationales einseitig männliches Denken genüge nicht, um die Symbolsprache vergangener Kulturen zu erforschen und zu verstehen, es brauche ebenso die Intuition. Das Zusammenbringen von Intellekt und Intuition scheine jedoch Frauen näher, als das von Männern bevorzugte einseitig rationale Denken.

Die embryonale und die Rückenlage der Toten sind Aussagen über den Glauben

Hockekrgrab-H.-Keiser-Abb.-16Die indigenen Menschen Ägyptens, Mesopotamiens, im Vorderen und Mittleren Orient bis nach Indien bestatteten ihre Toten in einförmigen Gruben oder runden Tongefäßen in embryonaler Lage, was, wie gesagt, an die vor­ge­burtli­che Stellung des Fötus im Mutterleib erin­nert. Dies ist ohne Zweifel das aussa­gekräftigste Merkmal der matriar­cha­len Religion, die ver­bunden ist mit dem Glauben an eine zykli­sche Wiedergeburt.

(Abb. Bestattung in einer uterusförmigen Terrakottaschale, noch in neubabylonischer Zeit des 1. Jt.; nach Helen Keller ›Die Stadt der Großen Göttin – 4000 Jahre Uruk. Mit Archäologen zwischen Euphrat und Tigris‹, 1967, Abb. 16, Aufnahme Warka-Expedition)

Eine Ausnahme fanden Archäologen in Sungir, 190 Km nördlich von Moskau, wo drei besonders reich ausgestattete Gräber, möglicherweise von Neandertalern, die auf ein Alter von ca.  30’000 Jahren geschätzt wurden (frühes Jungpaläolithikum), auf dem Rücken liegend, bestattet waren. Neandertaler, soweit es überhaupt möglich ist, sie eindeutig als solche zu identifizieren, scheinen beide Bestattungsarten gekannt zu haben, sowohl auf dem Rücken liegend als auch in foetaler Stellung.

Die patriarchalen Invasoren begruben ihre Toten entsprechend ihrem Glauben – mit dem Blick zu einem von ihnen geschaffenen Vatergott im Himmel – auf dem Rücken liegend. Denken wir an die Mumien und das Grab von Tutanchamon. Die embryonale Lage hielt sich bei der indigenen Bevölkerung noch über lange Zeit nach der Eroberung und dem langen Patriarchalisierungsprozess.
Dieselbe Veränderung in der Art der Bestattungen konnte in Ägypten und in Mesopotamien nach der Invasion der Indo-Europäer beobachtet werden. Veränderungen der Bestattungsart, sind immer Zeichen einer anderen Ideologie und Religion, die zu einer kulturfremden Ethnie des Landes gehört.

Der Wiedergeburtsglau­be muss auch in Europa schon während langer Zeit bestanden haben; »die ältesten be­kannten Be­stattungen (Neandertaler des Mittel-Paläoli­thikums) sind Hockerbestattungen« (Behrens LÄ, II, S. 1227 f.). »Es gibt Nachweise, dass Toten- und Ahnenverehrung in Europa bis in die Altsteinzeit (mindestens 100’000 Jahre) zurückreichen. Ursprünglich ist damit immer der Glaube an die Wiedergeburt jeder Ahnin und jedes Ahnen in der eigenen Sippe verknüpft… Ahnenverehrung ist daher kein isolierter ›Kult‹, sondern lediglich die äußere Hülle einer Wiedergeburtsreligion. In einem solchen religiösen Denken ist die Frau notwendigerweise das zentrale Geschlecht. Sie wird nicht so sehr wegen ihrer Fähigkeit zu gebären verehrt, sondern eigentlich wegen ihrer Fähigkeit, die verstorbene Ahnin, den verstorbenen Ahn als Kind wiederzugebären. Anders als die Männer, die – beispielsweise auf der Jagd – lediglich Leben in Tod umwandeln können, kann sie Tod wieder in Leben umwandeln. Deshalb richten sich die spirituellen Hoffnungen aller Familienmitglieder auf die Frauen der Sippe. So ist es eine totale Fehlinterpretation zu meinen, in matriarchalen Gesellschaften gäbe es einen ›Fruchtbarkeits-‹ oder ›Mutterkult‹, wie oft behauptet wird. Es ist dagegen die spirituelle Rolle als Wiedergebärerin, die allerdings sehr konkret verstanden wird, welche der Frau im Matriarchat ihre besondere Heiligkeit gab.« (Heide Göttner-Abendroth ›Das Matriarchat II.1, Stammesgesellschaften in Ostasien, Indonesien, Ozeanien‹ 1991, S. 35) In Asien herrscht bei vielen Völkern der Glaube vor, dass »die Kinder nicht als vom Manne gezeugt, sondern als von den Geistern der Ahnen empfangen, angesehen werden. Sie kehren von ihrem Jenseitsland durch Wiedergeburt in die eigene Sippe zurück. Dieser Glaube und nicht die ›Unkenntnis‹ der Vaterschaft ist die Grundlage der Matrilinearität« (ibd. S. 163).
Der Glaube an eine Wiedergeburt ist gebunden an den Glauben an eine Göttin, an ein weibliches Wesen. Tote, die nicht nur in em­bryonaler Haltung, sondern in ein feines Leinengewebe oder eine Kuhhaut – sozusagen in eine Fruchtblase – eingehüllt waren, las­sen sogar vermuten, dass die Frauen der Urzeit anatomi­sche Kenntnisse über die Be­schaffenheit des weiblichen Körpers, des Wachsens des Embryos in der Fruchtblase und der Ernäh­rung durch das müt­terli­che Blut hat­ten. Dieses gynäkologische Wissen war wichtig für die Schwangerschafts- und Geburtsmedizin. Wahrscheinlich bildeten die anatomischen Kenntnisse der Frauen die spätere Grundlage für die Mumifizierung. Auch war den Frauen der Zusammenhang von Menstruation und Schwangerschaft klar. Die Küste Arabiens zum Roten Meer, dem ›Ozean voller Blut‹, heißt noch immer ›Tihamat‹, ein Synonym der arabischen Göttin ›Tehama‹ und der babylonischen Göttin Tiamat, der ›wahren Quelle des Lebens‹; Tiamat war die Göttin, die ihr Menstruationsblut wäh­rend dreier Jahre unaufhörlich fließen ließ, um die Schöpfung zu gebären (s. Barbara G. Walker ›Das geheime Wissen der Frauen‹ 1993, S. 1090 f.).
Dies bezeugt auch die Bestreuung mit rotem Ocker, dem Symbol für weibliches Lebensblut und die Beigabe von Kaurimuscheln, die oft über Hun­der­te von Kilometern hergebracht werden mussten. Im anatolischen Chatal Hüyük fand man große Kau­rimu­scheln aus dem Ro­ten Meer. »Es ist durch­aus einzuse­hen, warum man keine Mühen und keinen Weg scheute, um gerade Kaurischalen zu beschaffen«, schreibt der Paläolinguist Richard Fe­ster. »Die Öff­nung der Kauri ist – eine Laune der Natur – eine ge­naue Nachbildung der weiblichen Leibes­öffnung, der Vulva, und spätestens an dieser Bei­gabe musste die Forschung erkennen, dass die so Bestat­teten für eine Wie­dergeburt vorbereitet wurden. Dafür spricht im nachhinein die Ausrichtung zum Sonnenlauf ge­nauso wie das Be­streuen mit rotem Ocker« (Fester ›Weib und Macht – Fünf Millionen Jahre Urgeschichte der Frau‹ 1979, S. 29 f.). ›Kauri‹ geht auf die vorari­sch-indische Göttin Karuna/Kali, ›die Leuchtende‹, zurück und ist auch der Name für die Vulva/Yoni. Die Kaurischnecke war das universelle Symbol der weiblichen Genitalien und deren heilende und fruchtbare Fähigkeiten‹ (Walker ibd. 1993, S. 534). Im zykli­schen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt war das Sterben ein bloßes Durchgangs­stadium, nach dem man durch die Mütter zur Wiedergeburt auf Erden ge­langte. Dies macht den Ahnenglauben, die über den Tod hinausgehende Verbundenheit mit den Verstorbenen und die sorgfältigen Bestattungen deutlich.

Die Schrecken des Todes, von denen wir wie selbstverständlich ausgehen, sind in diesem Symbolismus nirgendwo erkennbar. (Marija Gimbutas ›Sprache‹ 1995, S. 195)

Der Begriff der ›embryonalen‹ Totenstellung wird von den Wissenschaftlern langsam aus der Sprache verdrängt. Der Ägyptologe Beh­rens schreibt etwa: »Im Gegensatz zu älteren Interpre­ta­tionen, die die Hockerstel­lung des Toten als Embryo­nallage betrach­te­ten, steht die heutige Auf­fassung, sie als Schlaf­stellung zu deuten« (Behrens LÄ, II, S. 1227 f.). Eine subtile sprachli­che Anpassung an das Verständnis patriarchaler Wissenschaft, die dazu dient, die ungeliebte Erinnerung an die Geburt aus dem Leib der Frau bzw. den frühen Wiedergeburtsglauben aus dem Schoß der Muttergöttin zu leugnen und zu entwerten. Kurt Lange glaubt, man hätte früher viel in die Hockerlage ›hineinfabuliert‹. Er weiß es genau: »Sie ist wohl sicher nicht von der Embryonallage und damit vom Gedanken einer regelrechten Wiedergeburt in das Jenseits bestimmt!« (Lange ›Pyramiden Sphinxe Pharaonen‹ 1952, S. 22). Nicht ins Jenseits, ins Diesseits ist die Wiedergeburt gedacht. Der Kampf gegen eine weibliche Interpretation unserer ursprünglichen Kultur hält bei den Ägyptologen an. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass die meisten Werke der Ägyptologie des 20. Jahrhunderts in der Zeit des deutschen Patriarchats und des Faschismus geschrieben wurden (s. ›Ägyptologie, patriarchale Religion und Faschismus‹).

Die patriarchalen Eroberer aus Vorderasien zwangen Ägypten ihre Vater-Götter auf

Der Totengott Osiris ist eines der Beispiele eines Gottes, den die Eroberer mitgebracht hatten. Osiris wurde in späteren Dynastien das Grab des Djer/Zer/Zar zugeschrieben und er wurde ebenfalls König Zer, Zar, Au-Sar, Au-Zar genannt. Au-Sar/Zar ist nicht nur ein Titel des Osiris, sondern auch des mesopotamischen Marduk, eines arischen Gottes, dessen Name mit denselben beiden Ideogrammen geschrieben wird wie der von Osiris: mit einem Thron und einem Auge. Der Thron wurde für ihn von Isis usurpiert. Isis ist der Thron und das Auge ist ein Symbol für den Cervix, den Muttermund, den nicht einmal ein männlicher Gott hat! (s. ›Symbole schreiben Urgeschichte‹) Alle männlichen Götter, die in Ägypten nach und nach in Erscheinung treten, werden über die Göttinnen Ägyptens gesetzt. Diese werden zu Gattinnen oder Schwestern herabgesetzt oder vermännlicht und mit der Zeit eliminiert. Bis auf die Große Isis, die noch im römischen Reich verehrt wurde. So gingen die indoeuropäischen Eroberer im Nahen Osten immer vor. Konnten sie eine Göttin nicht aus dem Volksglauben eliminieren, wurde sie vermännlicht. Das ging so bis zur letzten vermännlichen Göttin, als Mohammed die Göttin Allat zum Allah des Islam machte.
Dass das Patriarchat auf der Usurpation und Verkehrung alles Matriarchalen beruht, ist vielen ForscherInnen unterdessen geläufig. Die Ver­männlichung von Göttinnen, besonders wenn es sich um wich­tige Schöpfergöttinnen handelte, ist in allen alten Kulturen be­legt. Der Schriftsteller Joachim-Ernst Berendt be­merkt nicht ohne Iro­nie :

»Die linguisti­sche Überprüfung fast aller Götternamen Europas, Asiens, Afrikas, Australi­ens und beider Amerika macht deutlich: Die Götter, so sehr die Herren Patriarchen sich später ange­strengt ha­ben mögen, sie zu maskulinisieren, waren ursprünglich fast alles Frauen.« (›Das Dritte Ohr‹ 1985, S. 335)

Dies wird von mehreren Religionswissenschaftlern bestätigt: »Es ist bemerkenswert, dass wir in manchen Teilen der semitischen Welt ursprünglich weibliche Gottheiten finden, die ihr Geschlecht verwandeln und zu Göttern werden, entsprechend der Umgestaltung, die sich in der Ordnung der menschlichen Verhältnisse vollzog.« (Robertson W. Smith ›Die Religion der Semiten‹ 1899, S. 37; s. auch Raphael Patai ›The Hebrew Goddess‹ 1967; Doris Wolf im Buch Kapitel 9 ›Der Kampf gegen die Religion der Großen Göttin‹)

Was Robertson Smith verharmlosend als ›Wandel und Umgestaltung‹ bezeichnet, ist die brutale Eroberung der matriarchalen Länder durch indoeuropäische Nomadenstämme aus dem Norden, die Patriarchalisierung und der aggressive Kampf gegen die Religion der Göttin. Die Parallelen zur Eroberung Ägyptens, wie ich sie in meinem Buch herausgearbeitet habe, sind nicht zu übersehen.

Von der Muttergöttin zu den Vatergöttern: Die Rückenlage der Toten und der Glaube an ein ewiges Leben beim Vatergott im Jenseits

Aus der Zeit unmittelbar vor der 1. Dynastie wurde in einer Ecke des Friedhofs von Hierakonpolis eine Gruppe von fünf großen Gräbern gefunden, die an die reichen Gräber von Nagada aus der Zeit des Umbruchs erinnern, wo sich »eine Elite vermögender und mächtiger Bewohner von ihren Nachbarn getrennt hielten und versuchten, einen Teil ihres Reichtums mit sich in die andere Welt zu nehmen«. (Michael A. Hoffman ›Egypt before the Pharaos‹ 1980, S. 133 f.)

Mit den indoeuropäisch/arischen Eroberern kam eine neue Bestattungsart nach Ägypten. Die Anführer der 1. Dy­nastie wurden auf dem Rücken liegend bestattet. Natürlich ist auch dies kein Zufall, denn in der Religion der Indo-Europäer, die in Ägypten gleichzeitig mit der Errichtung des Königtums der Eroberer eingeführt wurde, war der Himmel mit seinem lichten Glanz die Stätte der Götter. Die Toten schauen zu ihren Göttern im Himmel.
In der 1. Dynastie Ägyptens wurde die matriarchale Elite, die Königin, ihre Kinder, die weisen Frauen, die Priesterinnen der Göttin usw. beim Tod des Königs umgebracht und gleichzeitig mit ihm bestattet. (s. ›Sati‹ – Die Ermordung der Königin beim Tod der Könige der 1. Dynastie‹).

Nebengrab-Abydis1 Bild links Nebengrab aus Abydos: »Ein Nebengrab aus der Frühzeit der ersten Dynastie. Häufig umgaben mehrere hundert Nebengräber von Dienerinnen und Dienern, die beim Begräbnis des Königs geopfert worden waren, dessen Grabmal, um ihm auch im Jenseits dienstbar zu sein, mit Gerätschaft und Handwerkszeug, die sie im Diesseits benötigt hatten.« (Emery 1964, Abb. 15)
Bei den um die Hauptkammer angelegten (Sati-)Nebengräbern werden die Unterschiede der religiösen Vorstellungen der Einheimischen und der Eroberer deutlich. Die ersten Könige – und alle späteren Rädelsführer der indoeuropäischen Eroberer – wurden in Rückenlage in der von den Indo-Europäern üblichen Stellung, mit dem Blick zu ihren Göttern im Himmel, beigesetzt. Sie glaubten an ein ewiges Leben in einem utopischen Jenseits. Diesen Glauben haben alle drei monotheistischen Religionen, die auf Abraham zurückgehen und alle indoeuropäischen Ursprungs sind, übernommen. Die ermordeten Einheimischen in den Nebengräbern wurden weiterhin in der Stellung eines Embryos begraben. Sie glaubten an eine irdische Wiedergeburt aus dem Körper einer Frau im Diesseits.
In der patriarchalen indoeuropäischen Ideologie logieren die von ihnen erfundenen ersten Götter im Himmel und reisen über den Himmel ­mit Ross und Wagen, wie bei den Griechen oder in Booten wie bei den Ägyptern. Die Invasion mit Schiffen dürfte der Ursprung des späte­ren religiösen Rituals sein, bei dem ägyptische Priester das sogenannte Himmelsboot mit dem Sonnen­gott Re/Ra in Prozessio­nen auf den Schultern tragen: als histo­rische Erin­ne­rung an die Eroberung Ägyp­tens mit Booten, die vom Ro­ten Meer durch die Wüste an den Nil getragen wur­den. Und es macht auch ver­ständlich, warum die ›Gott-Könige‹ des Alten Reiches ihre Boote mit sich be­graben ließen; als Zeugen ihrer Ankunft mit Schiffen, als Zei­chen ihrer geglückten Eroberung und als Willensausdruck für ihr Bleiben.

Sonnenboot

Ägyptische Priester mit dem geschulterten Sonnenboot

Den indoeuropäischen Einfluss kann man nicht nur in Ägypten feststellen, sondern ebenso in Mesopotamien und später im eroberten und arisierten Teil Indiens und bei der indoeuropäisierten Schicht des eroberten Griechenlands. Auch dort findet man Bilder von Ritualen, in denen das Götterbild des Son­nen­gottes in einem Boot herumgetragen wurde (Wolfram von Soden ›Einführung in die Altorientalistik‹ 1992, S. 181 f.). »Warum ein Boot im Himmel?«, fragt Merlin Stone. »Vielleicht, weil die Männer, welche die Vorstellung ei­nes Lichtgottes mit sich brachten, tatsächlich in ihren Booten ankamen? Von Res’ Boot hieß es, dass es aus den Urwassern auf­ge­taucht sei. Ganz ähnlich hieß es vom ari­schen Sonnen­gott, dass er aus den kosmi­schen Wassern aufge­taucht sei.« (Merlin Stone ›Als Gott eine Frau war – Die Geschichte der Ur-Religion unserer Kulturen‹ 1988, S. 135) »Die be­griffliche Symbolik, dass der Sonnen­gott in seinem Boot im Himmel umher­fährt, ist im Grun­de der indoeuropäischen Metapho­rik Indiens und Griechenlands nicht unähnlich, wo der Sonnengott in einem von Pferden gezogenen Wagen über den Himmel fuhr.« (Stone ibd. S. 133)
Das Pferd und der von Pferden gezogene Wagen spielt in der Geschichte der Indo-Europäer/Arier eine eminente Rolle. Marija Gimbutas berichtet über die Domestizierung des Pferdes in der Wolgagegend (›Die Zivilisation der Göttin‹ 1996, S. 353). Das domestizierte Pferd war der Grund für die extreme Mobilität der Kurganvölker (frühe Indo-Europäer oder Proto-Indo-Europäer), wodurch es ihnen möglich war, sukzessive die Alte Welt bis nach Ägypten und vom Atlantik bis nach China zu erobern und zu beherrschen. Die kriegerischen Indo-Europäer und die mit ihnen verbündeten Arier überfielen sukzessive die unbewaffneten und unbefestigten Siedlungen Alteuropas, die matriarchalen Städte und Siedlungen Ägyptens,  Mesopotamiens, des ›Fruchtbaren Halbmondes‹, das Industal, Indien und weiteten sich später bis nach Nordkorea und Westchina aus. Die schwedischen Forscher Sven Hedin und Folke Bergmann fanden in der chinesischen Wüste Taklamakan einen ganzen Friedhof aufwendig in der Rückenlage bestattete Mumien, die auf eine europäisch/kaukasische Herkunft schließen lassen. Die ältesten sind 4000 Jahr alt. Nahe der chinesischen Wüste Taklamakan an der Seidenstrasse fand man in den Oasen Turfan, Kizil und Kucha Höhlen, die weltberühmt sind für ihre fantastischen Wandmalereien; darunter waren Darstellungen von Menschen mit rotem Haar und blauen Augen.

 Die Auffahrt des toten Königs in den Himmel

Der Glaube an die Himmelfahrt Christi, der zu seinem Vater in den Himmel aufsteigt, wurde im Christentum von der indoeuropäischen Königsreligion Ägyptens übernommen. »Die Idee vom Himmelsaufstieg kennzeichnet in Ägypten das offizielle Dogma des Königstodes« (Jan Assmann LÄ, II, S. 1206). Der König »steigt auf zu seinem Lichtland, entfernt sich zum Himmel und vereinigt sich mit dem Sonnengott der ihn geschaffen hat… Der Himmelsaufstieg als Heimkehr zum väterlichen Ursprung und Vereinigung mit der Sonne ist und bleibt in Ägypten das zentrale Dogma des königlichen Totenglaubens« (Assmann ibd.).

image002Die Himmelfahrt seines Propheten kennt auch der Islam. Mohammed soll auf einem Pferd in den Himmel geritten sein. Links: Persische Miniaturmalerei aus dem 16. Jahrhundert: Mohammeds Aufstieg in den Himmel. (Wikipedia ›Himmelfahrt Mohammeds‹)

Bei den patriarchalen Mono-Relgionen ist keine Spur von autarken Göttinnen mehr zu finden. Sie wurden in der Folge der Eroberungen in das patriarchale polytheistische Göt­ter-Pantheon inte­griert, wobei ihnen jedoch ein Teil ihrer Macht entwun­den und auf die männlichen Götter übertragen wurde; ab­surderweise vor allem ihre Schöpfungsmacht und die Fähigkeit, Le­ben zu gebären. Die indoeuropäischen Eroberer, die gegen die all­mächtigen weiblichen Göttinnen kämpften, verwiesen die Göttinnen in die zweite (und dritte) Generation, als Töchter, die ein Vatergott ›geboren‹ haben soll. Die meisten wurden mit ei­nem Gatten versehen und diesem mit der Zeit untergeord­net. »So wurde Isis zur Tochter des Amun-Re, Ishtar zur Tochter des An, Al-Uzza zur Toch­ter des Allah, Astarte zur Gemahlin Baals, Hera zur Gat­tin des Zeus« (Carola Meier-Seethaler ›Ursprünge und Befreiungen  – Eine dissidente Kulturtheorie‹ 1988, S. 272). Nach und nach wurden die Göttinnen eliminiert oder vermännlicht (s. ›Der Göttinnen-Mord in den patriarchalen Religionen‹). Das geschah seit der Erfindung der ersten männlichen Götter zu Beginn des Patriarchats vor etwa 5000 Jahren bis und mit der Schaffung des Islam (s. ›Das Matriarchat in Arabien‹). Heute wird die Göttin von klerikalen Kreisen – auch von patriarchalen Theologinnen – abgewertet, diffamiert, geleugnet und ignoriert. Doch am patriarchalen Wesen kann die Welt nicht genesen.

Seite an Seite zwei verschiedene Religionen:
Die matriarchale Ur-Religion und…

Flinders Petrie, der die Friedhöfe der ersten beiden Dy­nastien in Oberägypten ausgegraben hat, schreibt, dass sich die Gräber der ›Neuen Rasse‹ von allen bisher bekannten  v o r – dynastischen Grä­bern unter­scheiden. Ihre Charakteristiken seien für Ägypten so unüb­lich, dass er und sein Grabungsteam während Wo­chen über diese Friedhöfe in Nagada gelau­fen seien, ohne die lei­seste Ahnung zu ha­ben, um was es sich handeln könnte. An­statt die Toten in ei­ner Grube zu begra­ben, waren die typischen Gräber nun vertikale Kammern, in denen der Kör­per auf dem Rücken aus­gestreckt auf dem Boden lag. Petrie betont, dass es keine einzige Übereinstimmung in der Art der Begräbnisse bei den Ägyp­tern und der ‚Neuen Rasse‘ gab.

Das gleiche Phänomen findet sich auch in Mesopotamien. In der früh­sumerischen Zeit tritt ein neuer Grabtyp mit gebauten Grab­kammern an die Stelle der einfachen Erdgruben. Zu ihnen ge­hören die berühmten Kö­nigsgräber von Ur und Kisch und bedeu­tende Privatgrä­ber. Auch die Grab­bei­gaben in den neuen Gräbern der Herrscher­schichten aller vorderasiati­schen eroberten Kulturen sind die gleichen wie bei den frü­hesten Häupt­lingsgräbern der Kurganvölker: Waffen, Schmuck, Toilettengegen­stände, Nahrungsmit­tel, Geträn­ke, oft zusammen mit Tieren. Die neue Begräbnisart ist in dieser Zeit überall aus­schließlich bei der Herrscherklasse zu kon­statie­ren und typisch für sie. (Es gab wenige Ausnahmen aus viel früheren Zeiten, z.B. bei den Gro Magnon-Bestattungen in einem Dreifachgrab von Dolní Věstonice in Tschechien, wo drei junge Männern, die auf dem Rücken liegend begraben wurden. Das Grab ist 30’000 Jahre alt und stammt aus dem mittleren Jungpaläolithikum.)

Es besteht ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Herkunft und Religion der Menschen und ihrer Bestattungsart.

Der Ägyptologe W.B. Emery berichtet, dass sich die Gräber der Bauern während der ersten Dynastien wenig von denen der vor-dy­na­sti­schen Zeit unterscheiden. »Es ist offen­sichtlich, dass die Bestat­tungsbräuche des Volkes nicht beeinflusst wurden von de­nen der herr­schen­den Schicht, die wahrscheinlich einer andern Rasse an­gehörte.« (Emery ›Archaic Egypt‹ 1987, S. 139) Be­gräbnisse in embryonaler Lage hiel­ten sich bei den Armen noch während vieler Jahrhunderte, auch noch als Mu­mifizie­rung und Begräbnisse in prächtigen Gräbern für die Reichen zur Regel geworden wa­ren (Alan H. Gardiner ›Egypt of the Pharaohs‹ 1961, S. 392).

Es ist offensichtlich, dass man aus der Körperstellung, in wel­cher die Toten begraben wurden, auf den To­ten­glauben einer Kul­tur schließen kann. Die beiden Religionsforscher Mircea Eliade und / Ioan P. Couliano schreiben zur Bestattung in Embryonalhaltung und ganz allgemein zur Bestattung der Toten: »In der Tat ist es legitim, ja sogar unabdingbar, davon auszugehen, dass es keine menschlichen Handlungen geben kann, die nicht irgendeinen Sinn hätten. Jedem Bestattungsbrauch muss also eine Glaubensvorstellung zugrunde lie­gen, die ihn notwendig macht.« (Eliade / Couliano ›Handbuch der Religionen‹ 1991, S. 27)

 …die neue Vater-Religion der Indo-Europäer

 Aus der Zeit des Umbruchs zwischen 3500 und 3100 fehlen als Folge der Kriege, die das Land überzogen, Schilderungen und Darstellungen religiöser Aktivitäten. Erst aus der frühdynastischen Zeit ist bekannt, was auch noch für die späteren Perioden gilt, dass in Ägypten zwei Religionen nebeneinander existierten. Doch bis die Pyramidentexte publiziert wurden, hatten die frühen Ägyptologen keine Ahnung, dass es in Ägypten mehr als eine Religion gab (E.A. Wallis Budge ›From Fetish to God in Ancient Egypt‹ 1934/1988, S. 51 f.). Emery stellte fest; es »waren zwei verschiedene und miteinander unvereinbare Kulte… Die beiden bedeutenden Kulte des Re und des Osiris rivalisierten heftig miteinander, und obwohl die dritte Religion, die des Set [der vermännlichten Göttin I-Set/Isis], allmählich allgemeiner Ablehnung verfiel, hatte sie in der Frühzeit außerordentlich viele Anhänger. Man bemühte sich, die theologischen Begriffe vernunftmäßig zu begründen, aber die Ungereimtheiten, denen wir begegnen, sind nie auf zufriedenstellende Weise beseitigt worden.« (Emery ›Ägypten – Geschichte und Kultur der Frühzeit‹ 1964, S. 131 f. + 137). Die alte Religion der indigenen Bevölkerung, die die Große Göttin verehrte, stand der Sonnenreligion der indoeuropäischen Eroberer mit männlichen Göttern aus dem Norden diametral entgegen.

Nicht erst in der 4. Dynastie, als von Cheops verbrieft wurde, dass er die Hei­ligtümer schließen ließ und den ›alten Kult‹ verbot, begann die Verfolgung der Religion der Göttin. Die indoeuropäischen Eroberer und ihre Priesterkasten hatten von Anfang an die Eliminierung der Verehrung der Uralt-Göttin im Sinn. Doch die WissenschaftlerInnen interessierten sich bis heute nicht sonderlich dafür, was für ein Kult das war und warum er mit aller Härte verfolgt wurde. Das ist bemerkenswert, sind viele Ägyptologen doch ganz außerordentlich an der Religion des Alten Ägypten interessiert und haben darüber unzählige Artikel und Bücher geschrieben und mit Stolz immer wieder auf die Parallelen zur christlichen Religion hingewiesen –  zu Recht! Offensichtlich betrifft diese Leidenschaft aber erst das Erscheinen von männlichen Göttern, die im verfolgten alten Kult der Göttin nicht vorkamen. Die altägyptische Geschichte macht es deutlich: Männliche Götter und patriarchale Religionen wurden erfunden, um die Große Göttin zu eliminieren und ihren Platz einzunehmen.

Wer die Religion bestimmt, hat die Macht! Seit 5000 Jahren ist es die katastrophale Macht des Patriarchats; die Macht des Terrors, der Gewalt und des Faschismus.

Bestattungsbräuche bei den Indo-Europäern/Ariern

1.Kurganwelle

1. Kurganwelle, ca. 4300 bis 4200 nach Marija Gimbutas

Veränderung in den Bestattungsbräuchen lassen sich auch in Alt-Europa nachweisen. Unmittelbar nach der ersten indoeuropäischen Invasionswelle, die im fünften Jahrtausend aus der eurasischen Steppe nach Europa vordringt, sind eine Reihe von Häuptlingsgräbern belegt, deren Bestattungsriten völlig anders und nach der Archäologin Marija Gimbutas eindeutig als ›fremdes Kul­turphänomen‹ zu bezeich­nen sind. Wie später in Mesopotamen und Ägypten (Ende des 4. Jahrtausends) ließen sich die Anführer der Invasoren nicht in Erdgruben, sondern in rechteckigen Steingräbern, die mit Grabhügeln versehen wurden, auf dem Rücken liegend, bestat­ten. Im Ge­gensatz zu den Sitten im Alten Euro­pa, die kaum Rück­schlüsse auf soziale Ungleichheiten zulas­sen, unter­scheiden sich die Gräber nun er­heblich und zwar so­wohl nach Größe als auch be­züg­lich der Grabbeigaben. Leigh Jellison Han­sen beschreibt den auffallende Kontrast zwi­schen in­doeuropäi­schem und alt-euro­päi­schem Brauchtum, der sich genau so auch in Ägypten feststellen lässt: Indoeuro­päische Gräber glichen Wohnungen, verschwenderisch ver­sehen mit Grab­beigaben: Waffen, Booten (die Bootsbegräbnisse der Wikinger und der Könige des Alten Reiches in Ägypten sind bestens bekannt), nützli­chen Gebrauchsgegenständen, Schmuck, Wertsa­chen, Menschen- und Tierop­fern. Menschen- und Tieropfer sind ty­pisch für die indoeuropäischen Kurganvölker, stellte Marija Gimbutas fest (Gimbutas ›Journal of Indo-European Studies‹, (JIES), 1980, S. 289) und wurden in Europa so­wohl nach der 1. als auch nach der 2. indoeuropäischen Völkerwanderungswelle fest­gestellt.

Wie in allen Gebieten Europas, des Nahen Ostens und Vorderasiens fin­det in der Folge der indoeuropäischen Invasionen diese auf­fal­lende Ver­ände­rung in der Beerdigungspraxis statt.

 Seite an Seite zwei verschiedene Kulturen, Völker und Religionen

Natürlich kann man sich fragen, ob neue Be­stattungsar­ten das Ein­dringen von Men­schen einer andern Kultur anzeigen. Man kann jedoch da­von ausgehen, dass während Jahr­tausenden gewach­sene, soziale und reli­giöse Traditionen nicht ohne wichtige Gründe verän­dert wer­den. Alexander Scharff betont denn auch, dass es sich bei den verschiedenen Bestattungsarten in Ägypten um Fragen des Totenglaubens handle und um das »Vorhandensein zweier sehr stark verschiedener Kulturen, also verschiedener Völker und wohl auch Rassen« (Alexander Scharff ›Das Grab als Wohnhaus in der ägyptischen Frühzeit‹ 1947, S. 15). Dies stellte Wolfram von Soden auch in Mesopotamien fest, wo er schreibt, dass die Kultur Babyloniens nicht durch ein einziges »Volkstum bestimmt wurde, sondern mindestens durch zwei Völker ganz verschiedener Herkunft« (›Propyläen Weltgeschichte Vorgeschichte Frühe Hochkulturen‹ 1961, S. 525).
In Ägypten hatten Menschen, die gleichberechtigt zusam­menlebten, keine wesentlich ver­schiedenen Grabbeigaben: Menschen, die wenig Wert auf Besitz legten, hatten kein In­teresse, diesen mit ins Grab zu neh­men, und die Gräber von Men­schen, die nicht an Aufer­stehung und ein Le­ben nach dem Tod, sondern an ei­ne zyklische Wie­dergeburt glaubten, wurden nicht mit Nahrungs­mitteln und Ge­brauchsgegen­ständen des täglichen Lebens ver­sorgt.

Zwischen den Beerdigungsbräuchen der Indo-Europäer und jenen der frühdynastischen ägyptischen Herrscherschicht, die zu Beginn der ge­schichtlichen Zeit als kulturfremdes Phä­nomen in Ägypten auf­taucht, gibt es eine ver­blüffende Überein­stimmung. »Auf einem frühge­schichtlichen Grabungsfelde nahe Kairo hat sich neben der einheimischen die nordische Rechteckbauweise – wenn man so will der ›Megaronhaus‹-Typ (Vorhallenhaus) – nachweisen lassen« (Kurt Lange ›Pyramiden Sphinxe Pharaonen‹ 1952, S. 21). Am rechteckien Megaron-Grundriss »können wir noch heute mit nahezu geometrischer Genauigkeit den Fortschritt des Männerrechts verfolgen. Wo Rundbauten, Ovalbauten oder bienenkorbartige Apsidenhäuser existieren, da besass die Frau wahrscheinlich noch gewisse Rechte. Wo die Megaron-Architektur dominiert, da herrschte der Mann.« (Borneman ›Das Patriarchat‹ 1975, S. 114 Hvhb. DW) (Apsidenhaus: »Es handelt sich hierbei um einen viereckigen Bau, der im Süden mit einer halbkreisförmigen Mauer abgeschlossen ist, im Norden aber offen ist; die Apsis war durch eine Quermauer von dem Hauptraum abgetrennt« (Uni Köln, http://arachne.uni-koeln.de/arachne/index.php?view[layout]=bauwerk_item&search[constraints][bauwerk][searchSeriennummer]=2107709)
Was Kurt Lange anspricht, ist die Bauweise der ›Mastaba‹ (arabisch für Steinbank), wie die neuen Gräber ge­nannt werden, »niedrige Gewölbe mit flacher Decke, mächtigen Ziegelmauern und abfallenden Seiten, durch dekorative Täfelung und Nischen durchbrochen, das alles ist mesopotamisch« (John A. Wilson). Und all das ist prak­tisch identisch mit jener der Kur­ganvölker (Kurgan = russisch ›Steinhügelgrab‹). Kurganvolk ist die von der Indo-Europäer-Forscherin und Archäologin Marija Gimbutas zusammenfassende Bezeichnung ›Kurgankultur‹ für mehrere Kulturen der beginnenden Bronzezeit im südrussischen Steppenraum. Die Mastabas werden zur typischen Grabbauform der indoeuropäischen Oberschicht, der Be­amten- und Priesterschaft des Alten Reiches.

Die Invasoren verbarrikadierten sich

Die brutalen Eroberer hatten allen Grund sich zu schützen und zwar taten sie es zum Teil, indem sie sich unterirdisch einbunkerten. In Ägypten sind aus den erste Dynastien ›Wohnhaus-Gräber‹ bekannt (s. ›Wohnen im Grab‹). In Sakkara fand man in ausgehöhlten Felsen unterirdische ›Grabanlagen‹ aus der 2. Dynastie mit bis zu 18 Räumen, mit Treppen, die in die Tiefe führten. »Nicht wie sonst üblich zu einer Sargkammer, sondern von einem ganzen System von Räumen, in denen schon der Archäologe J.E. Quibell die recht getreue Wiedergabe von Wohnhäusern der Lebenden gleicher Zeit erkannt hat.

Steinpfropfen(Links: Steinernes Fallgatter vor dem Eingang zur Grabkammer des Grabes Nr. 3035 in Sakkara, König Hor-Dens (Udimu), 1. Dynastie, nach Emery).

»Die Gatter liefen in vorgearbeiteten Rillen und Vertiefungen und sorgten für exakten Verschluss, der eine Beseitigung des Hindernisses sehr erschwerte.« (Emery ›Ägypten – Geschichte und Kultur der Frühzeit‹ 1964) »Gleich am Ende des Treppenschachtes pflegt ein als Pfropfen eingezwängter großer Stein Unberechtigten den weiteren Zutritt zu versperren; hie und da finden sich auch noch an anderen Stellen des anschließenden langen Ganges derartige Sperrblöcke« (Alexander Scharff ›Das Grab als Wohnhaus in der ägyptischen Frühzeit‹ 1947, S. 18). Quibell und Scharff und ihre Nachfolger wollen nun trotzdem auf Gräber schließen, die nur zum Schutz vor Grabräubern derart verrammelt wurden. Wer diese Gräber besichtigt hat und diese ›Grab‹-Version in Frage stellt, wird von Scharff eines andern belehrt: »Wer noch zweifeln sollte‹, meint er, ›dass diese unterirdischen Grabräume wirklich das Wohnhaus des Toten darstellen sollen, dürfte dadurch überzeugt werden, dass in den größten dieser Anlagen sogar ein Baderaum und daneben ein Abort gefunden worden sind« (ibd.). Das macht die ganze Sache nur noch suspekter. Diese ›Grab‹-Wohnhäuser stellten nicht nur Wohnhäuser dar, sondern waren es effektiv auch. Sie enthielten wirklich alles, was es zum Leben braucht: Empfangs-, Wohn- und Schlafräume, mehrere Vorratsräume, Harem, Bad, WC und den Sargraum, insgesamt bis zu 43 Räume. (s. ›Wohnen im Grab‹)

Niemand kennt den Tod. Es weiß auch keiner, ob er nicht das größte Geschenk für den Menschen ist. (Sokrates)

Die Angst vor dem Tod und die Hoffnung auf ein ewiges Leben im Jenseits

Wie bei den Kur­gan-Völkern hoffte auch die neue Herr­scher­schicht Ägyptens und Mesopotamiens, das Leben gehe nach dem Tod in ei­nem idealen Jenseits im glei­chen feudalen Stil weiter. Patri­archale Religionen setzten dem Glauben an eine zyklische Wiedergeburt aus dem Schoß der Frau ein Ende und erhoben die Fiktion ei­ner physischen Aufer­stehung und ein Weiterleben nach dem Tode zum Dogma. Sei es, dass sie die Grenzen ihrer Macht über die Geburt aus dem Mutterleib, über Leben und Tod zu leugnen suchten, sei es, weil sie sich von Status, Macht und Be­sitztümern nicht trennen woll­ten. Insbe­sondere die Herrscher und die wohllebende Oberschicht fürchteten sich vor dem Tod und dem Ver­lust ihrer Macht und ih­res Besitzes und ließen von den ihnen zur Seite stehenden Priester­schaften politisch moti­vierte, pseudo-reli­giöse Ideologien austüfteln, die zwar wenig mit Theologie zu tun hatten, aber ihren Interessen dienten und ihnen ein ewi­ges Wei­ter­leben garantieren sollten. Im sumerischen Gilga­mesch-Epos sei die Angst des Mannes vor dem Tod und seine Suche nach dem ›ewigen Leben‹ das Grundmotiv der Helden­legende. Gilgamesch bäumt sich aber nicht nur gegen das Todesgeschick auf. Er macht dafür die Macht der Göttin verantwortlich, die er verteufelt und bekämpft. »Er versucht, sich zusammen mit seinem Diener Enkidu einen Namen zu machen, indem er den Zederndämon Chuwawa [Huwawa/Humbaba/Chumba, die verteufelte Schlangengöttin] besiegt. Er zog mit fünfzig Helden, die keine Familie hatten [stets gefürchteten unzivilisierten Abenteurern], über sieben gefährliche Gebirge gegen Chuwawa und erschlug ihn… In einer anderen Dichtung wird zuerst erzählt, wie Gilgamesch eine riesige Schlange tötet die Inannas heiligen Baum besetzt hatte.« (Wolfram von Soden Sumer, Babylon und Hethiter‹ Propyläen Weltgeschichte 1961, S. 563) Auch der Sumerologe Samuel Noah Kramer erzählt den Mythos vom Töten des Drachens: »Der ›Herr‹ Gilgamesch sieht ein, dass er wie alle Sterblichen früher oder später sterben muss, und ist folglich ent­schlossen, sich wenigstens ›einen Namen zu er­richten‹, bevor ihn sein vorbestimmtes Ende erreicht.« (›Geschichte beginnt mit Sumer‹ 1959, S. 134) Gilgamesch, der heldenhafte erste ›Drachentöter‹, geht als Schlächter der Göt­tin der Unterwelt in die Geschichte der Mythologie ein, doch die Tatsache, dass es sich bei den Mythen, die um das Töten von Drachen und  Schlangen kreisen, um den Mord an der Großen Göttin handelt, wollen die patriarchalen Wissenschaftler nicht sehen.
Die Verleug­nung des Todes und die Vorstellung von einem Leben nach dem Tod, die das Denken der Herrscherschicht Ägyp­tens und alle späteren Religionen do­miniert, bildet die Grundlage der Ägyptischen Toten­bü­cher. Die Herr­schenden widmeten den größ­ten Teil ihrer religiösen Anstren­gungen dem zwanghaften Ver­such, den Tod  zu leugnen und sich der All­machtsphantasie eines ewig dauernden Lebens in Luxus hinzuge­ben. Der Tod gehörte für die Herrscher zur ›Furchtbarkeit des Monströ­sen‹ (Assmann) und nimmt in den Jen­seitsvor­stellungen »auch die Züge einer Hölle, eines Straforts der Verdammten und einer vor blut­trie­fen­den Grausamkeit starren­den Abschrec­kung des Bösen an. Das bis zum Monströsen ab­schreckende Gesicht des ›Todes als Feind‹ ist nichts als die dia­lektische Kehrseite des ›Todes als Heimkehr.« (Assmann LÄ, II, S. 362 f.) Als Heimkehr in den Schoß der Göttlichen Mutter, müsste man der Vollständigkeit halber anfü­gen, deren Aspekt als Göttin des Todes nun zur ›Furchtbarkeit des Monströsen‹ geschmäht wird. Mit der Be­kämp­fung der matriarchalen Religion und, damit verbunden, der Aufgabe der tröstlichen Idee einer Heimkehr und Wiedergeburt aus dem Schoß der Großen Mut­tergöttin, inkarniert in der Frau, ging der Ver­lust des Ur­vertrauens in die ewige Erneue­rung einher. Zwar wird noch in der Bibel die Erde als Mutter­schoß bezeichnet, doch wan­delte die jüdisch-christliche Religion den Schoß der univer­salen Göttin in ›Abrahams Schoß‹ um, ob­wohl er kaum mit weiblichen Organen ausgestattet war. Die­ses theoretische Konstrukt war dem naturver­bundenen Denken der Menschen der Vorzeit fremd. Auch die indigenen ÄgypterInnen begegneten dem neuen Auferstehungsglauben, wie er von den Priesterkasten erdacht wurde, offensichtlich mit Skepsis. Die Zweifel klingen an in den sogenannten Harfnerliedern :

Noch keiner kam wieder, dass er unser Herz beruhige.
Keiner kam, der ihr Schicksal erzählt und alles, worum unser Herz sich quält,
bis auch wir gelangen, wohin sie gegangen…
Denn keiner nahm mit sich, woran er gehangen, und niemand kommt wieder, der einmal gegangen.

Den Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod, ob im Para­dies oder in der Hölle, haben sämtli­che patriarchalen Reli­gionen von der indoeuro­päi­sch/arischen Religion übernommen, deren Essenz es ist, das Leben nach dem Tod höher zu werten als das Leben vor dem Tod.
»Die für die frühen matriarchalen Völker kennzeichnende op­timistische Vorstellung von der nächsten Welt«, konstatiert Sibylle von Cles-Reden,

»der Glaube an die Reinkarnation im alles erneuernden Schoß der Großen Göttin, scheint später einer düsteren, pessimi­stischen Aussicht auf das Jen­seits gewichen zu sein. Mit dem Rückzug der müt­terlichen Welt und dem Erscheinen der neuen männlichen Götter wurde die Welt hässlicher, die Vorstellung von der Zerstörung stärker und die Hoffnung auf Erlösung im­mer schwächer (zit. von Elizabeth Gould Davis ›Am Anfang war die Frau‹ 1987, S. 122).

Oder wie Helmut Bachmaier es ausdrückt: »Tyrannen und Diktatoren unterwerfen sich alles, was ihre Herrschaft gefährden könnte. Letztlich wollen sie das einzig Unverfügbare, den Tod, auch noch unter ihre Kontrolle bringen, und sie spielen sich deshalb als Herren über Leben und Tod auf. Solche Gewaltsysteme als monumentale Todeskommandos sind aus der Angst geboren« (›Die Weltwoche‹ 17.11.1994).

Die noch lange mächtigen Göttinnen der eroberten Ge­gen­den und die der christlich gezähmten Gottesmutter Maria geweihten Pilgerstätten – von Lourdes bis zur christlich usurpierten Pilgerstätte der keltischen Göttin Brigid von Compostela – (s. ›Auf dem Pilgerweg nach Compostela‹) gehen alle auf die ursprüngliche, schwarzafrikanische Große Göttin der Urzeit zurück.


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